Die Dunkelkammer
ORF. Das System Schöber: Gekaufte Sendezeit

Von Michael Nikbakhsh. ORF III, nächster Teil - abermals eine gemeinsame Recherche mit der Tageszeitung DER STANDARD. Seit 2015 strahlt ORF III die Serie „Wa(h)re Kunst“ aus. Produziert wird sie von Marc Zimmermann und dessen Popup Media. Was der ORF bisher verschwieg: In der Serie lassen sich Bildschirmpräsenz, Sendezeit und Inhalte kaufen. Ergänzende Anmerkung: Das Büro von ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher legt in einer Reaktion auf diese Episode ausdrücklichen Wert auf Feststellung, dass die im Podcast verlesene Stellungnahme des ORF im Namen der ORF-III-Geschäftsführung erfolgte und nicht im Namen der ORF-Generaldirektion..

Michael Nikbakhsh
Herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe der "Dunkelkammer". Mein Name ist Michael Nikbakhsh, und heute geht es wieder um den ORF, konkret um ORF III, und abermals auch um das System Peter Schöber. Dieser mein Bericht ist auch abermals das Ergebnis einer gemeinsamen Recherche mit dem Standard, dieses Mal in Kooperation mit der sehr geschätzten Olga Kronsteiner. Ja, und wie gehabt an dieser Stelle die Leseempfehlung, in dem Fall für Ihren Artikel im Standard, der ab dem 23. Mai verfügbar ist. Wir haben ja in den vergangenen Wochen nachweisen können, dass bei ORF III in der Vergangenheit immer wieder problematische Dokumentationen ausgestrahlt wurden. Problematisch deshalb, weil es keine wirklichen Dokumentationen waren, vielmehr Promotion- oder Imagefilme, die nicht als solche gekennzeichnet waren. Für das Fernsehpublikum war nicht erkennbar, wie diese Filme zustande gekommen waren, beziehungsweise wer warum und wofür bezahlt hatte. Siehe zum Beispiel "40 Jahre Donauinselfest", siehe auch "75 Jahre Erwin Pröll" oder "100 Jahre ÖBB". Unsere Berichterstattung führte unter anderem dazu, dass der ORF-Redakteursrat in einer Aussendung gegen die Zustände bei ORF III protestierte und namens der Redaktionen festhielt, dass Berichterstattung im ORF nicht käuflich sei und in der Öffentlichkeit noch nicht einmal der Eindruck entstehen dürfe, dass sie es sei. Nun, wie berechtigt dieser Eindruck bei ORF III tatsächlich ist, das lässt sich anhand eines weiteren Beispiels zeigen. Da geht es nicht um einen einzelnen Film, vielmehr geht es um eine ganze Serie. Ja, und diese Serie, die heißt "Wahre Kunst" und sie wird seit 2015 in loser Folge auf ORF III ausgestrahlt. Ich habe darüber erstmals in der Dunkelkammer Nummer 321 gesprochen. Bis heute ist ein Dutzend Folgen dieser Serie erschienen, diese sind auch auf YouTube abrufbar, und zwar auf dem Kanal der Produktionsfirma Pop-up Media von Mark Zimmermann, der hier auch schon ein Thema war. Mark Zimmermann produziert diese Serie nach eigener Darstellung seit dem Start auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko und verkauft dem ORF anschließend die Ausstrahlungsrechte. Einen Rahmenvertrag mit dem ORF gibt es laut Zimmermann nicht, alle Folgen seien auf Basis von Einzellizenzverträgen vom ORF übernommen und ausgestrahlt worden, und das steht nach Prüfung und Abnahme durch die ORF III-Redaktion, wie es heißt. Die Serie "Wahre Kunst", die porträtiert den österreichischen Kunstbetrieb, gezeigt werden Künstler, Kunsthändler, Sammlergaleristen, Auktionshäuser, Museen und so weiter. Und weil ORF III ein Kunst- und Kultursender ist, ist es auch nicht gänzlich aus der Welt, dass so etwas dort gezeigt wird. Entscheidend ist hier aber, was in all den Jahren niemals gezeigt wurde.

In der Serie "Wahre Kunst" treten seit dem Start immer wieder Menschen und Unternehmen aus dem Kunstbetrieb in Erscheinung, die dafür bezahlt haben, da in Erscheinung zu treten. Oder anders gesagt: Bildschirmpräsenz und Sendezeit ließen sich einfach kaufen, und zwar beim Produzenten Mark Zimmermann, beziehungsweise dessen Pop-up Media. Das wurde von Seiten des ORF bei der Ausstrahlung aber niemals offengelegt. Und es ist noch nicht mal klar, wer beim ORF für diese Serie inhaltlich verantwortlich war oder ist, wer sie also redaktionell prüft und abnimmt und das wie genau. Vorgesehen wäre das jedenfalls im ORF, und zwar zwingend, so wie übrigens auch die klare Trennung von Werbung und Inhalt zwingend vorgesehen ist.

Olga Kronsteiner und ich haben im Zuge dieser Recherche Material ausgewertet, das uns zugespielt wurde, und das zeigt, wie der Produzent Mark Zimmermann Geld für seine Serie aufgestellt hat. Er hat Folge für Folge Themenschwerpunkte entwickelt und dann die jeweils dazu passenden Sponsoren gesucht oder Partner, wie er das selbst genannt hat. Mal ging es um Auktionshäuser, dann ging es um Galerien, um Kunstmessen, Sammler oder überhaupt um den Kunstplatz Wien. Uns liegen unter anderem E-Mails und Angebote vor, die Zimmermann im Laufe der Jahre verschickt hat, so zum Beispiel an Galerien oder an Kunsthändler. Und wir haben Aussagen von Leuten vorliegen, die bestätigen, dass sie für die Präsenz im ORF tatsächlich bezahlt haben.

Im Prinzip war es recht einfach: Mark Zimmermann hat Leute aus dem Kunstbetrieb angeschrieben und ihnen Folgendes angeboten: Man zahle einmalig einige Tausend Euro an Produktions- und Ausstrahlungskosten und bekomme dafür Bildschirmpräsenz in ORF III. Und zwar in Form eines redaktionellen Interviews und das wiederum im Rahmen eines, Zitat, "gemeinsam abgestimmten Konzepts". Darüber hinaus wurde den Sponsoren angeboten, dass sie den ORF-Beitrag anschließend zeitlich unbegrenzt zu eigenen werblichen Zwecken einsetzen dürfen. Wir haben mehrere solche Angebote aus den Jahren 2015 bis 2024 vorliegen, die eben unter anderem an Galerien und an Kunsthändler gegangen sind.

Die Höhe dieser einzelnen Produktionskostenzuschüsse, die war unterschiedlich: Mal 4.000 Euro netto vor Umsatzsteuer, dann 4.500. In einem Angebot aus dem Jahr 2024 sind es 6.000 Euro vor Umsatzsteuer, allfällige Auslandsreisekosten berechnete man da extra. Für das Jahr 2023 zum Beispiel kalkulierte Zimmermann laut einem dieser Angebote wie folgt: Pro Partner, wie er sie nannte, setzte er 5.000 Euro zuzüglich Umsatzsteuer an, wobei er mit sechs zahlenden Partnern für eine 45-minütige Folge rechnete. Das wären dann 30.000 Euro für eine Episode, damit kann man schon einen 45-Minüter darstellen. Der ORF hat das Material dann vergleichsweise billig bekommen.

Ich habe in der Ausgabe 321 bereits den Betrag von 800 Euro netto für eine einzelne Folge genannt, die hatte aber nur 25 Minuten Laufzeit. Die meisten der Folgen kamen auf 45 Minuten, und es ist anzunehmen, dass dann da bei den längeren Folgen noch jeweils ein paar Hunderter pro Folge dazu kamen. Mark Zimmermann hat die Serie nach eigener Darstellung übrigens auch anderen Medienhäusern in Lizenz verkauft. Er selbst nennt neben dem ORF auch den Wiener Lokalsender W24, der der Stadt Wien gehört.

Zahlreiche Akteure dieser Serie haben auf Anfrage bestätigt, Zahlungen an Pop-up Media geleistet zu haben. Teils wurde das informell bestätigt, teils auch formell, so wie beispielsweise von Seiten der Auktionshäuser Lena Kunstauktionen und Austria Auction Company. Beide kamen in einem Beitrag über Auktionshäuser im Jahr 2016 vor. Andere wollten sich dazu nicht äußern, wie das in dem Beitrag prominent gezeigte Auktionshaus im Kinski zum Beispiel.

Tatsächlich haben auch nicht alle, die in der Serie vorkamen, dafür bezahlt. Im letzten Beitrag über den Kunstplatz Wien aus dem Jahr 2025 wurden unter anderem die Direktoren des Leopold Museums und der Albertina interviewt, und beide Häuser versicherten auf Anfrage, keine Zahlungen an Pop-up Media geleistet zu haben. Umgekehrt bestätigten vier in diesem Beitrag gezeigte Galerien, nämlich der Kunsthandel Giese & Schweiger, die Galerie Krinzinger, die Galerie Next St. Stephan sowie Wiener Reuter und Kohlbacher, dass sie für die Präsenz im Beitrag 2025 bezahlt hatten.

Bemerkenswert erscheint auch, wie Zimmermann die Serie gegenüber den Sponsoren oder Partner, wie er sie genannt hat, vermarktet hatte, nämlich als eine Medienkooperation mit dem ORF, beziehungsweise als eine Produktion für ORF III. Ja, und das ist wiederum deshalb bemerkenswert, weil er selbst uns ja mitgeteilt hatte, dass das niemals eine ORF-Auftragsproduktion gewesen sei. Mark Zimmermann wollte auf erneute Anfrage hin keine Angaben zu internen Abläufen machen, über Angebote, Verträge, Kunden oder Kalkulationen sprechen. Er legt Wert auf die Feststellung, dass alle Produktionen aus, Zitat, "journalistischen Grundideen" entstehen, redaktionell von meinem Team begleitet und vor Ausstrahlung durch einen ORF III-Redakteur geprüft sowie abgenommen wurden.

Bei der Recherche zu Pop-up Media war uns auch aufgefallen, dass Zimmermanns Firma spätestens seit dem Jahr 2024 nicht bloß in der Medienproduktion tätig ist, sondern unter anderem auch im Kunsthandel, so steht es jedenfalls in einem Gesellschaftervertrag. Ja, und das wäre dann wiederum deshalb relevant, weil es in der Serie "Wahre Kunst" ja maßgeblich auch um den Kunsthandel geht, Stichwort Compliance. Damit konfrontiert, sagt Zimmermann, dass seine Gesellschaft aktuell keinen Kunsthandel betreibe. Ja, und was sagt der ORF?

Nun, das ist das übliche Spiel: Wir schreiben ausführliche Anfragen und bekommen dann vergleichsweise sehr knappe Antworten zurück. Ich zitiere aus der Anfrage-Beantwortung der ORF-Generaldirektion: "Die Einzelsendungen, gemeint sind die Sendungen der Serie 'Wahre Kunst', die Einzelsendungen wurden jeweils redaktionell geprüft und danach beim Lizenzgeber Pop-up Media im Lizenzweg erworben. Der ORF hat weder die Aufgabe noch die Möglichkeiten, um die Finanzierung von Produkten zu hinterfragen, die er kauft."

Ebenso entzieht es sich unserer Kenntnis, was der Lizenzgeber mit den Mitwirkenden seiner Lizenzprodukte bespricht. Das steht da tatsächlich da. Ich lese es noch einmal: "Der ORF hat weder die Aufgabe noch die Möglichkeiten, um die Finanzierung von Produkten zu hinterfragen, die er kauft." Ebenso entzieht es sich unserer Kenntnis, was der Lizenzgeber mit den Mitwirkenden seiner Lizenzprodukte bespricht.

Ja, und dann steht da noch: "Die entsprechenden Fragen dazu, die könne allein der Lizenzgeber beantworten, da sämtliche Sendungen der gegenständlichen Kaufreihe redaktionell beurteilt und abgenommen worden sind, ist dem ORF-Gesetz jedenfalls Genüge getan worden." Zitat Ende.

Ja, ich fasse zusammen: Also seit 2015 kauft die Geschäftsführung von ORF III, das sind Peter Schöber als Konstante, dazu vormals Eva Schindlauer und später Kathrin Zierhut-Kunz, also seit 2015 kauft man eine Dokuserie bei Mark Zimmermann ein. In der Serie treten Leute und Unternehmen aus dem Kunstbetrieb in Erscheinung, die dafür bezahlt haben, da in Erscheinung treten zu dürfen und die offenbar auch die Möglichkeit haben, Einfluss auf den Inhalt zu nehmen. Als Zuschauer bekommt man davon allerdings nichts mit, denn das wird nicht offengelegt.
Wenn die ORF-Führung nun betont, dass jede Episode redaktionell geprüft und abgenommen wurde, dann wirft es die Frage auf, wohin genau eine solche Prüfung und Abnahme eigentlich besteht. Wenn wir nachweisen konnten, dass in einer ORF III-Dokuserie Sendezeit und Inhalte an Sponsoren verkauft wurden, dann müssten das die zuständigen Leute in der ORF III-Redaktion eigentlich auch können.

Dass die ORF-Führung tatsächlich meint, es sei nicht ihre Aufgabe, die Finanzierung externer Produktionen zu hinterfragen, das sollte sie meines Erachtens noch einmal hinterfragen, es sei denn, man hat in Wahrheit eh kein Problem mit dem Anschein gekaufter Berichterstattung.

An diesem Punkt, Punkt für heute. Danke fürs Zuhören und auf bald.

Autor:in:

Felix Keiser

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