Die Dunkelkammer
ORF. Wenn Kathrin Zierhut-Kunz mit Klage droht
- hochgeladen von Felix Keiser
Von Michael Nikbakhsh. Im Zentrum dieser Ausgabe steht abermals ORF III, konkret Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz, die am 28. Mai ihre Bewerbung für den Job der ORF-Generaldirektorin bekanntgegeben hat. Laut einer gemeinsamen Recherche mit dem STANDARD soll Zierhut-Kunz, eine Managerin mit FPÖ-Nähe, sich in der Vergangenheit mehrfach über den Satiriker Florian Scheuba empört haben, nachdem dieser in ORF III über die FPÖ gewitzelt hatte. 2025 stand offenbar auch eine Streichung von Scheubas Honorar im Raum. Kathrin Zierhut-Kunz verweist auf Anfrage auf die Legitimität „interner Diskussionen über Inhalte und unterschiedliche Ansichten über publizistische Fragen“, verwehrt sich aber gegen den „Vorwurf unzulässiger Interventionen oder politischer Einflussnahme“. Und sie droht STANDARD und Dunkelkammer mit rechtlichen Schritten.
Michael Nikbakhsh
Herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe der "Dunkelkammer". Mein Name ist Michael Nikbakhsh, und heute geht es wieder um den ORF, also genauer um ORF III. Auch diese Folge entsteht in Zusammenarbeit mit dem Standard, dieses Mal ist wieder Fabian Schmidt mit dabei. Im Zentrum dieser Folge steht dieses Mal nicht ORF III-Geschäftsführer Peter Schöber, sondern vielmehr dessen Geschäftsführungskollegin Kathrin Zierhut-Kunz.
Zierhut-Kunz hat am 28. Mai ihre Bewerbung für den Job als Generaldirektorin bekannt gegeben. Dazu gibt es auch ein Statement, und da sagt sie unter anderem, dass sie mit der Kandidatur den Anspruch verbindet, den ORF strukturell weiterzuentwickeln und die journalistische Qualität nachhaltig zu stärken. Ich weiß jetzt nicht, was genau Frau Zierhut-Kunz mit journalistischer Qualität verbindet, aber ich weiß jetzt zumindest, wie sie mit unliebsamen Fragen umgeht. Sie droht mit Klage.
Kathrin Zierhut-Kunz also. Sie ist seit 2009 im ORF tätig, die ist stets im kaufmännischen Bereich, in wechselnden Funktionen. Seit Anfang 2022 ist sie neben Peter Schöber Geschäftsführerin von ORF III. Der jüngste Transparenzbericht des ORF weist ihr ein Jahresgehalt von 285.000 Euro brutto aus. Damit ist sie eine der Top-Verdienerinnen im ORF, wenn auch mit etwas Abstand zu Peter Schöber, der da zuletzt auf 312.000 Euro Jahresbrutto kam, plus durchschnittlich 917 Euro im Monat aus Nebenbeschäftigungen. Der Name Zierhut-Kunz ist im Rahmen unserer ORF-Berichterstattung bereits öfter gefallen. Dies auch deshalb, weil auch ihre Unterschrift an Verträgen hängt, auf deren Grundlage wiederholt problematische Filme und Serien bei ORF III ausgestrahlt wurden.
Ich verweise auf die Dunkelkammer-Folgennummer 317, 321 und 323. Alle diese Produktions- und Lizenzverträge, die uns zugespielt wurden, die tragen die Unterschriften von Peter Schöber und dazu jene von Eva Schindlauer bis Ende 2021, und ab da eben jene von Kathrin Zierhut-Kunz. Bis heute hat übrigens seitens der ORF-Geschäftsleitung niemand Verantwortung für diese Vorgänge übernommen. Immerhin hat sich dann aber nach dem ORF-Redaktionsrat kürzlich auch der Betriebsrat von ORF III in einer Aussendung von käuflicher Berichterstattung distanziert. Dass Frau Zierhut-Kunz den Standard und die Dunkelkammer jetzt mit rechtlichen Schritten bedroht, hat allerdings nichts mit diesen Verträgen zu tun. Es geht vielmehr um den Satiriker Florian Schäuber, und es geht vor allem um die TV-Sendung "Die Tafelrunde", die seit Oktober 2018 auf ORF III läuft. Einmal im Monat versammelt dort der Satiriker Gerald Fleischhacker als Gastgeber Kolleginnen und Kollegen aus der Kabarettszene zum satirischen Monatsrückblick, da wir den Wechseln der Besetzung über die jeweils vergangenen 30 Tage gewitzelt.
Klar geht es da immer wieder auch um Politik und klarerweise auch um die FPÖ. Ja, und das führt jetzt zu Florian Schäuber und Kathrin Zierhut-Kunz. Wir haben für diesen Bericht mit etlichen Leuten gesprochen und dazu auch Material einsehen können. Und laut unseren Recherchen hat Kathrin Zierhut-Kunz sich intern gegenüber mehreren Personen nicht nur einmal über Auftritte von Florian Schäuber in ORF III empört, und zwar deshalb, weil er offenbar zu hart in Richtung FPÖ ausgeteilt hatte. Kathrin Zierhut-Kunz hat eine Nähe zur FPÖ. In den 1990er Jahren war sie unter anderem und vorübergehend als FPÖ-Bezirksrätin in Wien aktiv, und sie trägt schon einige Zeit das Prädikat "blaue Personalreserve" mit sich herum. Schauplatz: Die Tafelrunde, ausgestrahlt am Abend des 27.
März 2025. Da hatte Florian Schäuber einen seiner wiederkehrenden Auftritte in der ORF-Sendung "Die Tafelrunde", wo er unter anderem über Herbert Kickls gescheiterte Regierungsbildung und die Grazer FPÖ-Finanzaffäre spöttelte. Schäuber sagte damals über die Grazer FPÖ, ich zitiere: "Bei der gibt es ja einen gigantischen Korruptionsskandal, 1,8 Millionen Euro sind verschwunden, bei Hausdurchsuchungen wurden nicht nur Belege für Untreue, Betrug und Geldwäscherei gefunden, sondern auch NS-Devotionalien, Kinderbornus und ein Crystal-Meth-Drogenlabor." Also, man kann zusammenfassen: eine Sex, ein Drugs, ein Nazi-Stuff, True-Crime-Reality-Show.
Zitat Ende. Ja, eine kleine Klammer an der Stelle: Der Finanzskandal rund um die Grazer FPÖ-Stadtpartei, der hat uns hier ja schon mehrfach beschäftigt, und demnächst wieder: Der frühere FPÖ-Kommunalpolitiker und nunmehrige Neos-Kandidat für die naheliegende Gemeinderatswahl in Graz, Alexis Paskutini, der schaut dieser Tage wieder zu einem Gespräch vorbei. Es hat sich in der Kausa einiges getan. Klammer zu. So, also Florian Schäubers Sex and Drugs, ein Nazi-Stuff, True-Crime-Reality-Show am 27.
März 2025. Die hatte laut unseren Recherchen intern Folgen. Demnach habe Zierhut-Kunz den Sendungsverantwortlichen der Tafelrunde wenige Tage nach der Ausstrahlung der Sendung einbestellt und sich im Beisein von Peter Schöber über Schäuber empört. Sie soll Schäubers Auftritt als Skandal und politische Propaganda gegen die FPÖ bezeichnet und auch laut darüber nachgedacht haben, Schäuber das Honorar für die Sendung nicht auszuzahlen und Generaldirektor Weissmann über all das zu informieren. Anderer Schauplatz: Die Staatskünstler, deren Florian Schäuber bekanntlich einer ist. Ja, auch in dieser Rolle soll er Zierhuts Zorn geweckt haben, und zwar schon im Juli 2024. Da lief auf ORF III die Show "Wir Staatskünstler zur Lage der Nation".
Auch da ging es um die FPÖ, wenn auch längst nicht nur. Dennoch habe die kaufmännische Geschäftsführerin unseren Recherchen zufolge den Beitrag gegenüber der Redaktion als Skandal bewertet, da es "nur" gegen die FPÖ gegangen sei. Die Redaktion hat daraufhin eine Aufstellung gemacht, welche Partei in der Sendung wie lange vorkam, und tatsächlich ging es da größtenteils um die ÖVP, während FPÖ und SPÖ in etwa gleich oft thematisiert wurden. Und schließlich soll Zierhut-Kunz im Frühjahr 2025 gegenüber Zeugen im Haus auch gesagt haben: "Schäube werde nicht mehr eingeladen."
Was sagt nun Kathrin Zierhut-Kunz dazu? Sie gesteht einerseits zu, Inhalte intern diskutiert zu haben, weist den Vorwurf unzulässiger Intervention oder politischer Einflussnahmen aber vehement zurück. Und sie legt Wert auf die Feststellung, dass es keinerlei redaktionelle Eingriffe oder Einflussnahmen ihrerseits gegeben habe. Schäuber sei auch weiterhin Bestandteil des Programms geblieben. Ich zitiere aus der Beantwortung einer Anfrage, die wir geschickt hatten: "Selbstverständlich ist es legitim, Inhalte intern zu diskutieren und unterschiedliche Ansichten über publizistische Fragen zu haben. Doch daraus den Vorwurf einer unzulässigen Intervention oder politischen Einflussnahme abzuleiten, ist nicht zutreffend." Zitat Ende.
Ja, die in unserer Anfrage enthaltenen Behauptungen weist sie mit Nachdruck zurück und schließt dann mit der bereits erwähnten Klagsdrohung, dass sie sich nämlich ausdrücklich rechtliche Schritte vorbehalte für den Fall, dass es zu Veröffentlichung oder zur Verbreitung von faktenwidrigen Behauptungen unsererseits kommt, die also redaktionelle Eingriffe oder Zensurmaßnahmen suggerieren würden. Ja, der guten Ordnung halber hat Kathrin Zierhut-Kunz bei der Beantwortung unserer Anfrage ihre Medienanwältin auch gleich in CC gesetzt. Da bewirbt sich also jemand für den Job der ORF-Generaldirektorin, will nach eigenem Bekunden die journalistische Qualität nachhaltig stärken und haut dann gleich einmal eine Klagsdrohung raus. Stabil, wie mein Zehnjähriger dazu sagen würde. Wir haben auch beim Host der Sendung "Die Tafelrunde", Gerald Fleischhacker, angefragt, was er denn dazu sage. Und er schrieb uns, ich zitiere: "Florian Schäuber ist seit der ersten Ausgabe der Tafelrunde dabei und hat seither unterschiedlichste Themen behandelt.
Die FPÖ war nur eines unter vielen. Ich habe zwar gehört, dass er bei manchen Leuten im ORF aneckt, aber das Soll-Satire doch. Man kann es auch anders ausdrücken: Uns war das immer wurscht."
Zitat Ende. Ja, und das Schlusswort gehört dem Getadelten selbst, Florian Schäuber nämlich. Ich habe ihn telefonisch erreicht, habe ihn um Stellungnahme ersucht, und er hat Folgendes zu sagen, übrigens jetzt nicht bloß mit Bezug auf ORF III, sondern ganz generell auf den ORF bezogen. Bitte sehr.
Florian Scheuba
Ich finde es grundsätzlich sehr erfreulich und positiv und hoffnungsmachend, dass es in ORF-Redaktionen nicht üblich ist, parteipolitische Interventionen einfach hinzunehmen, sondern sich dagegen zu wehren. Und das ist ein Signal für die Zukunft, für parteipolitische Interventionen. Es ist nicht selbstverständlich, dass der ORF einfach nach der Pfeife von parteipolitischen Interessen tanzt. Wohin das führt, wenn er es tun würde, zeigt sich in den USA, wo Satire auf Wunsch des Präsidenten gecancelt wird. Und so weit ist es bei uns Gott sei Dank noch nicht, und ich hoffe, es bleibt auch so.
Autor:in:Felix Keiser |
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