Bühneneingang
Bühne der Macht: Ein Festival hält dem Kulturbetrieb den Spiegel vor - mit Cornelia Rainer
Cornelia Rainer, Regisseurin und Autorin, spricht über ihr monothematisches Kulturfestival „Bühne der Macht“ in der kleinen Kärntner Ortschaft St. Daniel. Folge 102 beschäftigt sich mit strukturellen Machtverhältnissen im Kulturbetrieb, mit Tabuisierung von Macht und mit alltagsnahen Machtritualen an öffentlichen Orten wie zum Beispiel einem Zebrastreifen. Es geht außerdem um Theater im ländlichen Raum, um die lohnende Arbeit mit Jugendlichen aus der Region, um den Schulterschluss von Kunst und Philosophie und um die Frage, wie sich Netzwerke rund um das Thema Machtkompetenz-Vermittlung formieren könnten.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Mein heutiger Gast ist Cornelia Rainer. Als Regisseurin und Autorin wirkte sie bereits am Burgtheater, bei den Bregenzer Festspielen am Thaliertheater Hamburg und beim Festival d'Avignon. Mit ihrer Plattform "Bühne der Macht" und dem gleichnamigen Festival beschäftigt sie sich seit geraumer Zeit mit strukturellen Machtverhältnissen zwischen Kunst, Philosophie und Empowerment. In dieser Folge sprechen wir darüber, warum Cornelia Rainer ein monothematisches Festival just zum großen Phänomen Macht konzipiert hat, was sie an aktuellen Fällen von Machtmissbrauch beschäftigt und wie Theater helfen kann, Macht sichtbar zu machen, zu reflektieren und vielleicht auch neu zu verteilen. Und wir gehen auch der Frage nach, warum sie als Festivalstandort und künstlerische Leiterin keine Großstadt, sondern das kleine Dorf Sankt Daniel im Südalpenraum gewählt hat. Liebe Cornelia, vielen Dank, dass du abermals am Bühneneingang zu Gast bist.
Cornelia Rainer
Ich habe zu danken. Danke für die Einladung.
Fabian Burstein
Wir haben ja vor, ich würde sagen, eineinhalb Jahren circa, darüber gesprochen, wie intensiv du dich mit Macht auseinandersetzt, was du für Pläne hast. Von einem Festival war damals noch nicht konkret die Rede, aber man konnte schon erspüren, dass du da irgendwelche Pläne hast, die noch unter der Oberfläche brodeln. Wie kam es jetzt dazu, dass du dieses Format aus der Taufe gehoben hast?
Cornelia Rainer
Da gab es eine Ausschreibung der Kärntner Kulturstiftung 2024 zum Thema Jugend und Kultur. Das war der dritte Open Call der Kulturstiftung. Und ich habe ein Konzept eingereicht, nämlich das Konzept "Bühne der Macht", nämlich dass man künstlerische Produktionen eben verbindet mit Machtkompetenz, mit Philosophie, also ein interdisziplinäres Festival in einer ländlichen Region. Das war sozusagen die Ausschreibung. Und ich habe mich beworben damals und habe das eingereicht, und das war das Siegerprojekt. Und so ist der Grundstein gelegt worden für dieses Festival.
Fabian Burstein
Das ist mal eine schöne Einleitung, weil da sieht man ja, dass oft viele Dinge, die langfristig konzipiert wirken, ja auch wirklich von Rahmenbedingungen bestimmt werden, die relativ profan sind. Nämlich: Wo gibt es gerade eine Ausschreibung? Wo gibt es Bedarf? Welcher Raum ist offen für sowas? Und so weiter.
Cornelia Rainer
Ja, das ist wirklich sehr lange in mir herangereift, dieses Festival. Also ich würde sagen, die letzten Jahre, also als ich angefangen habe zu inszenieren, das war schon eben in meiner Zeit, als ich in Paris noch war. Damals war ich noch als Regiestudentin beim Festival d'Avignon, habe ich teilgenommen. Und damals habe ich mir schon gedacht, ich würde wahnsinnig gern mal so ein Festival gründen. Aber das war noch sehr, sehr weit weg. Und über die Jahre hinweg hat sich das gefestigt. Und in einer ländlichen Region, so wie jetzt Sankt Daniel, erst mal ist da diese Leere interessant, diese Landschaft interessant. Hier gibt es nicht viel, aber nur vermeintlich nicht viel. Es gibt sehr viel in Wahrheit, nämlich eine unglaublich fokussierte, konzentrierte Stimmung. Und dort haben wir dann eben ein Theaterzelt hingebaut und spielen dort Theater mit Schauspielprofis, also Profis aus Film, Fernsehen und Theater. Wir proben in Wien und wir bringen dort eben verschiedene Stücke zur Aufführung. Letztes Jahr haben wir damit begonnen, das war der Start, das war ein Pilot letztes Jahr, wirklich ganz kurzfristig dann aus der Taufe gehoben, weil wir sehr spät auch dann die Antwort bekamen. Das ist oft auch Teil des Prozesses. Und ja, und innerhalb kürzester Zeit, letztes Jahr waren es knapp vier Monate, hatten wir Zeit, das Festival auf die Beine zu stellen. Und es war unglaublich aufregend, wahnsinnig stressig, aber im Ergebnis dann unglaublich beglückend, weil es eben auf verschiedenen Säulen auch steht, dieses Festival. Eben, wie ich schon gesagt habe, eben künstlerische Produktion, also Theater und Film spielt eine wichtige Rolle. Und eben um dieses Theaterstück herum gibt es eben verschiedenste Angebote, Vorträge, Workshops, philosophische Sprechstunden. Können wir noch kurz ein bisschen drüber reden?
Fabian Burstein
Aber habe ich das richtig verstanden? Die Bühne der Macht ist jetzt per se nicht nur ein Festival, sondern das hat mehr so einen Plattformcharakter?
Cornelia Rainer
Nein, es hat sich weiterentwickelt. In diesen eineinhalb Jahren ist sehr, sehr viel passiert. Das ist ja immer sozusagen Teil des Prozesses. Das Festival ist jetzt betitelt mit "Bühne der Macht" und das ist ausschließlich jetzt erst mal das Festival. Ich habe mich da vollkommen darauf fokussiert. Und bei diesem Festival verbinden wir eben diese verschiedenen Disziplinen. Also es ist auch ausschließlich unter dem Namen zu finden: Kulturfestival "Bühne der Macht". Der Rechtsträger ist Kulturfestival Südalpenraum in Sankt Daniel. Das ist der Verein, wir sind ein gemeinnütziger Verein. Und genau, und wir organisieren und initiieren eben jährlich dieses Festival.
Fabian Burstein
Jetzt würde mich doch noch einmal zu Beginn eine Frage oder ein Aspekt interessieren. Das ist ja schon ein sehr monothematisches Festival. Es geht um Macht. Warum hast du ausgerechnet dieses Thema ins Zentrum gerückt? Weil ich behaupte jetzt einmal, in der Kunst und Kultur hat man meistens etwas Emotionaleres, Schwerpunkte, Liebe, Tod, Beziehung, also etwas Feinstofflicheres, als jetzt das Thema Macht.
Cornelia Rainer
Von diesem Thema gehen ganz viele Themen aus. Also ich würde mal sagen, Macht ist sozusagen so ein Ursprungsgedanke und da lassen sich ganz viele Themen ableiten, nämlich Liebe, nämlich Verantwortung, nämlich wie lebe ich zusammen, wie gehe ich miteinander um. Also das Thema Macht wirkte überall. Es wirkte nicht nur in der Politik, nicht nur in der Wirtschaft, sondern im alltäglichen Zusammenleben. Also es wirkt in Beziehungen, in der Familie. Das findet schon auf der Straße statt. Wenn wir über einen Zebrastreifen gehen, fragen wir uns, wer weicht aus. Also da spielt dieses Machtthema eigentlich eine meist unsichtbare, aber eben eine sehr gewichtige Rolle. Und das sichtbar zu machen, das ist mir ganz wichtig. Und das steht im Zentrum dieses Festivals. Und man möchte es nicht meinen, eben wie sehr dieses Machtthema einfach in jeden Bereich unseres Lebens hineinwirkt.
Fabian Burstein
Jetzt ist es aber so, dass in unserer sogenannten Bubble, also der Kunst- und Kulturbubble, wird das eigentlich abseits von jetzt Enthüllungen sehr gerne geleugnet. Es ginge nicht um Macht, sondern es geht um große Emotionen, um die Kunst, der alles untergeordnet wird, um manchmal auch so etwas wie einen unter Anführungsstrichen Familienbegriff. Wir sind ja eine Familie und da kann es halt schon einmal krachen, aber mit Macht oder gar Machtmissbrauch hat das nichts zu tun. Warum tut sich just diese Branche so schwer, das einzugestehen? Und war das ein Mitgrund, warum du quasi wie so ein trojanisches Pferd das über ein Festival eingeführt hast?
Cornelia Rainer
Ich will mal sagen, das geht über unsere Bubble hinaus. Das wirkt überall. Also es ist ja so, dass, wenn man sich solchen Narrativen bedient, dann ist es ja oft auch so, dass man Macht verschleiert. Und natürlich stößt man da erst mal auf, ich würde mal sagen, auch auf Angst. Dieser Begriff "Bühne der Macht", man kennt sich erst mal nicht genau aus, wollen Sie jetzt die Weltherrschaft ergreifen, was ist das? Ich verstehe das im Sinne einer Gestaltungsmacht, dass wir alle sozusagen in ein positives Handeln kommen, und zwar im Moment selber. Und das hat schon ganz direkt mit dem Begriff der Macht dann zu tun, nämlich im Alltag auf Momente, wo Macht eine Rolle spielt, Situationen, die man nicht einordnen kann, dass man hier ein Bewusstsein entwickelt, was ist hier gerade am Laufen, dass man es richtig einordnen und lesen kann. Und das ist ein wesentlicher Teil, Gedanke des Festivals, dass wir diese Mechanismen eben sichtbar machen, friedlich, so wie auch in Konflikten. Es ist immer beides. Es gibt ja nicht nur die friedliche Verhandlung, sondern auch eben die konfliktreiche Verhandlung. Und das, würde ich jetzt mal sagen, das ist unabhängig von jeder Bubble. Ich glaube, dass das ganz wichtig ist, prinzipiell hier ein Bewusstsein zu schaffen. Und was das Machtthema prinzipiell anbelangt, wie gesagt, das ist ein sehr tabuisierter Begriff. Also Macht verbindet man erst mal mit dunkel, die dunkle Seite der Macht. Aber es gibt auch eine sehr helle Seite der Macht, nämlich dass man eben verantwortungsvoll mit seiner eigenen Macht, mit den Spielräumen der anderen einfach verantwortungsvoll umgeht. Und da sind wir alle Teil davon, nämlich mich mit rein. Wir alle sind Teil dieses Prozesses, indem wir das immer wieder überprüfen und sozusagen immer wieder auch uns auch hier weiterentwickeln, ein Stück weit. Und das Festival soll diesen Raum eben bieten, dass wir uns eben, in dem Fall heuer haben wir es fünf Tage lang geplant, dass wir uns fünf Tage lang mit diesem Thema intensiv beschäftigen, aber eben aus unterschiedlichen Perspektiven, nicht aus einer, sondern eben zum Beispiel aus einer philosophischen Perspektive. Machtexpertinnen sind da, Künstlerinnen sind da. Also mir ist sozusagen auch die multiperspektivische Auseinandersetzung ganz, ganz wichtig.
Fabian Burstein
Das, was du beschreibst, ist auch etwas, was mir auch schon Politikberater gesagt haben. Sie haben gesagt, wenn man sich anschaut, das politische Feld, dann ist Folgendes evident: Just die, die im Kulturbereich arbeiten, sind besonders machtinkompetent. Zum Beispiel im Gegensatz zur Wirtschaft, zu Wirtschaftstreibenden, die extrem kompetent dieses Feld beackern, um Einfluss zu gewinnen. Glaubst du insgesamt, dass diese Branche nicht jetzt nur auf so Mikroebenen oder auf die inneren Dynamiken des Betriebs auch insgesamt mehr darauf achten muss, sich machtvoll zu positionieren, damit man eh bei den öffentlichen Debatten nicht immer so auf Larifari-Herleitungen, wir sind wichtig für die Demokratie, aber was das genau bedeutet, weiß kein Mensch. Dass wir da wirklich viel expliziter, viel machtbewusster agieren müssen, um letztendlich auch dieses Genre zu stärken.
Cornelia Rainer
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Macht bringt ja auch wirklich etwas Demokratie-Stärkendes mit. Ich sehe es, wenn ich mit den jungen Menschen vor Ort arbeite, in der Region, dann passiert Folgendes. Sie bekommen plötzlich das Gefühl, dass sie auch mit ihren Perspektiven, mit ihrer Stimme wichtig sind. Und das ist schon ein ganz wichtiger Teil dieses Prozesses. Und das ist demokratiebildend. Und was nicht sehr hilfreich ist, meiner Meinung nach, ist, wenn wir uns verstecken hinter so Begrifflichkeiten wie Augenhöhe. Also das sind so Verschleier, manches Mal, nicht immer, das sagt das bewusst dazu. Aber sehr oft ist es so, dass Macht eben verschleiert wird. Und manches Mal ist es vielleicht einfach auch gut auszusprechen, du hast diese Position, ich habe diese Position, was sind deine Aufgaben, das sind meine Aufgaben, dass wir uns ganz klar auf die Ziele und auf die Sache konzentrieren können. Das bedeutet ja nicht, dass deshalb sozusagen ein ungutes Verhältnis per se existieren muss, sondern es ist vielleicht ein sehr klares Verhältnis. Und ich bin prinzipiell sehr für Klarheit, dass sich die Menschen auskennen und dass wir dann gemeinsam an einer Sache arbeiten können. Und in unserem Bereich, also Kunst und Kultur, ist es vielleicht schon so, dass man in Arbeitsprozessen, dass das manchmal einfach aufgeweicht wird, dass man das Gefühl hat, jeder ist sozusagen Teil davon. Soll ja auch so sein, aber es gibt nun mal den Zeitpunkt, wo eine Entscheidung gefällt werden muss. Und diese strukturelle Macht, die ist ja bis zu einem gewissen Grad auch wichtig, damit wir eben Entscheidungen treffen können. Die Frage ist immer nur, wie gehen wir damit um?
Fabian Burstein
Also plakativ gesprochen, es geht nicht darum, dass jemand in einem hierarchischen Gefüge mehr Macht hat, sondern es geht darum, dass diese Macht nicht dazu führt, dass er jemanden kleinmacht, anbrüllt, sie auf mannigfaltigartige Weise missbraucht, sondern dass das einfach von guten oder nicht mal von einem korrekten Verhältnis geprägt ist.
Cornelia Rainer
Vor allem, wenn wir jetzt die Perspektive wechseln, was kann ich tun, wenn mir so etwas passiert? Also mir geht es ja vor allem auch um diejenigen Personen, die solchen Machtmomenten nichts entgegenzusetzen haben. Also es geht uns nicht sozusagen um die Stärkung derjenigen Personen, die das auf zum Teil sehr unethische Art und Weise ausspielen, sondern es geht es darum, dass die Personen, die gerade in solche Situationen kommen, wo es Machtbotschaften gibt, wo man das aber nicht unbedingt genau einordnen kann. Manches Mal bleibt einfach nur ein diffuses Gefühl, das war jetzt irgendwie komisch, was war da? Dass man das lernt einzuordnen und auch hier etwas lernt entgegenzusetzen und auf eine Art und Weise, die im besten Fall für beide Seiten dann auch in Ordnung ist. Aber manches Mal kann es eben nicht nur für beide Seiten in Ordnung sein. Manches Mal ist es einfach so, dass auch Entscheidungen getroffen werden, die einem vielleicht nicht gefallen. Also das ist einfach Teil dieses Prozesses. Aber es geht uns und mir ganz zentral darum, dass diese Menschen gestärkt werden und dass man hier ein Bewusstsein schafft.
Fabian Burstein
Bevor wir jetzt zum Kern vordringen, nämlich dem Festival, wie es aufgebaut ist, welche Dramaturgie es hat, was für spezielle Dinge du da rum oder ihr da rum das Thema Macht gebaut habt, lass mich noch eine Frage stellen, die ein bisschen ins Persönliche geht. Ich habe oft festgestellt, dass bei solchen Themen, bei solchen heiklen Themen, es oft persönliche Initiationsmomente gibt. Ich kann das für mich auch zum Beispiel sagen, wann habe ich begonnen, mich nicht mehr nur über das Thema Kulturmanagement zu definieren, sondern zu sagen, nein, ich möchte auch in die systemische Gestaltung gehen über publizistische Wege. Da habe ich einfach ein paar Dinge erlebt, habe die vernetzt in meinem Kopf, habe mir gedacht, oh mein Gott, das ist nicht ein Einzelfall, das ist nicht irgendwas Komisches, was nur mir passiert, sondern da gibt es etwas Systemisches, was im Argen liegt. Also vom Kleinen ins Große. War das bei dir auch so? Hast du spezielle Momente gehabt, wo du gesagt hast, okay, das waren so dramatische Erlebnisse rund um Macht, das wird ein Thema, dem werde ich mich auf längere Zeit widmen.
Cornelia Rainer
Also ich habe viele Situationen erlebt, in denen Macht ausgeübt wurde, oft lange, bevor ich es bewusst wahrgenommen habe. Das ist, glaube ich, ein ganz wesentlicher Punkt, dass man es gar nicht einordnen konnte. Und erst als ich erkannt habe, wie sehr Macht unsere Beziehungen eben prägt und ich das auch sozusagen angenommen habe und dem auch ins Auge gesehen habe und auch, wie sehr es uns unsere Entscheidungen auch prägt, dieses Thema, da habe ich angefangen, meine Handlungen besser zu steuern. Also ich habe angefangen, das besser steuern zu können. Und die Folge ist, dass man einfach in allen Lebensbereichen konzentrierter arbeiten kann, wenn man nicht beschäftigt ist, sozusagen ständig mit den Vibes, die sozusagen herumschwirren. Und wenn man das sozusagen auch besser dem besser parieren kann, dann ist es einfach hilfreich, sozusagen für die Sache. Es geht mir darum, dass wir sozusagen an Dingen weiterarbeiten können und nicht sozusagen uns aufhalten mit diesen permanenten Zwischentönen. Die müssen wir, die sind Teil von unserer, die sind Teil unserer Beziehungen. Aber wenn mehr Menschen sozusagen eine Aufmerksamkeit erlangen darüber, dann glaube ich, ist ein gemeinsames Arbeiten auf lange Sicht, kann das verbessert werden.
Fabian Burstein
Das war auch aus unserem letzten Gespräch sehr eindrücklich für mich, wo du ja auch wirklich ganz klar gesagt hast, da geht es auch um Themen der Körpersprache oder der Raumnutzung. Also du schreckst nicht davor zurück, wenn du merkst, in einem Raum wird Macht ausgeübt, dass du gegen Macht ausübst über Handlungen, wo du dich im Raum positionierst und so weiter. Das war für mich extrem erfrischend, dass das mal jemand sagt.
Cornelia Rainer
Ja, und das ist auch, ich gestehe es auch, es ist auch seltsam, das so zu formulieren, weil ich selbst bin ja nicht befreit davon. Und ich lerne jeden Tag dazu und ich finde es ein unglaublich spannendes Feld. Also ich bin unglaublich neugierig, gehe ich immer wieder auf neue Situationen los und ich bin da überhaupt nicht, ich nehme mich da nicht raus. Aber es ist tatsächlich so, dass über die Körpersprache unglaublich viele Signale gesendet werden. Und wir gehen ja immer davon aus, dass der andere etwas falsch macht, aber was senden wir denn selber auch aus? Auch für mich. Also das ist immer interessant, man hat irgendwie einen konzentrierten Blick und der andere sagt, bist kantig. Also die Körpersprache spielt eine ganz wesentliche Rolle und ist ein ganz hilfreicher Schlüssel, um solche Verhältnisse, wo Macht eine Rolle spielt, einfach noch klarer zu kriegen.
Fabian Burstein
Ich habe da oft, also immer wieder dran gedacht, wo setze ich mich jetzt in dem Raum hin? Habe ich an unser Gespräch gedacht.
Cornelia Rainer
Ja, es spielt eine Rolle. Also es gibt die Inszenierung der Büros, der Möbel. Wie kommt jemand in einen Raum rein? Da spielen unglaublich viele Dinge mit. Und da schöpfe ich letztendlich aus meiner Erfahrung als Regisseurin. Aber das ist, letztendlich machen wir nichts anderes auf der Bühne, als dass wir schauen, wie kommen zwei Figuren, gehen aufeinander zu, was machen die, wie schauen sie sich an, wann schaut einer weg, wann verlässt er den Raum, wie viel Macht bleibt übrig, wie viel Macht gewinne ich. Also das sind alles Dinge, die ich eigentlich aus meiner direkten Erfahrung nehme und so agiere ich auch als Regisseurin.
Fabian Burstein
Inszenierung, es ist Inszenierung.
Cornelia Rainer
Es ist Inszenierung, ja.
Fabian Burstein
Stichwort Inszenierung. Du hast es ja beschrieben, letztes Jahr innerhalb von vier Monaten ein Festival aus dem Boden gestampft. Bitte gib uns einen Crashkurs "How to make Festival". Wie hast du das strukturiert, auch hierarchisch, machtstrategisch? Welche Körperschaften hast du da gewählt? Kannst du dir ein bisschen in den Baukasten des Festivalmachens reinschauen lassen?
Cornelia Rainer
Also erstmal habe ich mir angeschaut, welche Möglichkeiten haben wir. Das Geld ist mal wichtig. Welche Ressourcen haben wir zur Verfügung? Vier Monate ist eine sehr, sehr kurze Zeit. Aber es geht nur, wenn man im Miteinander ist. Also es war ein sehr kleines Team. Mein Mann und Schauspieler Matthias Mamedov ist ja im Wesentlichen mitbeteiligt an dem ganzen Projekt. Und wir zusammen haben uns dann überlegt, okay, wie kriegen wir jetzt innerhalb von dieser kurzen Zeit ein Programm auf die Beine? Ich gehe erstmal immer von der Sache aus. Also was interessiert mich, welcher Stoff ist jetzt interessant, was können die Leute hier vor Ort auch dazu beitragen? Und ein wesentlicher Teil des Konzeptes ist, dass wir eben die Theateraufführung haben, also ich inszeniere. Aktuell bin ich dienstliche Regisseurin davon, kann sich alles noch weiterentwickeln. Wir sind ja wirklich in den Anfängen. Aber erstmal haben wir die Ressourcen angeschaut, dann die Zeit, wie viel ist überhaupt machbar. Und die Zeit reicht eh nie. Egal ob vier Monate oder länger. Man würde immer gern noch mehr und so weiter. Aber es zwingt einen, also diese kurze Zeit zwingt einen zur Konzentration und zur Fokussierung. Wir haben ganz schnell dann eben auch Schauspielerinnen gewinnen können, tolle Schauspielerinnen aus Wien, die im Theater und Film und Fernsehen vertreten sind. Und dann habe ich eben ganz ein wesentlicher, ganz wesentlicher Teil war, das Zentrum zu schaffen dort. Also wo soll das stattfinden? Was ist sozusagen das Aushängeschild? Und das war für mich ganz eindeutig ein Theaterzelt. Also mitten in der Landschaft, weil wir eben Theater auf hochwertigem Niveau spielen wollen. Da waren so ganz einfache Fragen, wie viel Höhe brauchen wir, um ein gutes Licht zu machen? Also ganz klare berufstechnische Fragen. Und da braucht es einfach eine gewisse Höhe, damit man einfach gutes Theater zeigen kann. Wie viel Breite brauche ich für eine Bühne? Wir haben uns für eine sehr breite Bühne entschieden, 11 Meter mal 10 Meter. Das ist sehr groß. Das ist so zwischen ungefähr so Akademietheatergröße, damit man einfach hier Stücke stattfinden lassen kann, wo man ein bisschen mehr zeigen kann. Es geht ja darum, dass wir hier wirklich hochwertiges, professionelles Theater hinbringen wollen. Dann auch die Zuschauer, wie viele Zuschauer sollen es sein im ersten Jahr? Wir hatten wirklich, da haben wir sehr lange darüber nachgedacht, es war dann ein Zelt erstmal von 130 Zuschauerinnen und Zuschauern. Und ich sage es ganz ehrlich, eine Woche vor der Premiere hatten wir nicht mal sieben Buchungen. Und wie ist es dann gegangen? Es hat sich herumgesprochen. Es war jede Vorstellung dann ausverkauft. Also es war wirklich überwältigend, wie sehr sich das sozusagen verbreitet hat. Es geht wahnsinnig viel einfach auch über Mundpropaganda, wie man so schön sagt, dass die Leute sich das weitererzählen. Und wir waren alle vier Vorstellungen eben, wie gesagt, vollkommen ausverkauft. Wir mussten noch Sessel dazustellen. Es war überwältigend. Es ist ein bisschen ein Rätsel für mich auch, wie das in so kurzer Zeit auch gelingen kann. Aber ich muss eine Sache dazu sagen, wir sind in die Region selber hingefahren. Der Matthias und ich sind ins Lesachtal gefahren, wir sind nach Osttirol gefahren, wir sind vier Monate lang nicht durchgehend, wir haben ja auch geprobt, aber wir sind in die Region hingefahren, zu den Leuten, haben denen erzählt, dass es jetzt stattfindet, haben sie gefragt, ob sie mitmachen möchten, weil ein Teil ist ja, dass wir im Vorfeld Filme drehen. Warum? Weil ich schon im Vorfeld die Bevölkerung, die Menschen aus der Region einladen möchte, dass sie sich beteiligen an dem Prozess des jeweiligen Stücks. Letztes Jahr war es "Glaube, Liebe, Hoffnung". Und wir haben eben zu den Themen "Glaube, Liebe, Hoffnung" mit über 30 Jugendlichen dann im Vorfeld gearbeitet. Und dadurch, das sind natürlich Multiplikatoren und Multiplikatorinnen. Und so hat sich das herumgesprochen. Und so haben wir sukzessive über die Beschäftigung des Stoffs, habe ich dann auch langsam das Programm zusammengestellt. Und da war ein wichtiger Punkt, kann ich mich noch ganz genau erinnern. Im Stück "Glaube, Liebe, Hoffnung" gibt es die Elisabeth. Und die hat keinen Ansprechpartner oder keine Ansprechpartnerin. Und wenn sie vielleicht jemanden gehabt hätte, der mit ihr sozusagen auch in einen Denkprozess gegangen wäre, dann wäre vielleicht das Stück auch, könnte, hätte eine andere Richtung eingenommen vielleicht. Und so ist für mich auch die Idee gekommen, dass ich in die Landschaft Philosophinnen platziere. Also es sitzen aktuell, also auch heuer, dieses Jahr wieder drei Philosophinnen in der Landschaft und die sind zum Sprechen da. Also die Zuschauerinnen können hier sich Gespräche buchen, 25 bis 60 Minuten circa, und können ein philosophisches Gespräch ausprobieren. Das ist auch inspiriert aus meiner Ausbildung, die ich jetzt bald abschließe, die philosophische Praxis an der Uni Wien, unter anderem beim Konrad Paul Liessmann. Und das war ein ganz wichtiger Punkt für mich, sozusagen dieses Konzept zu erweitern und zu finalisieren. Und dieses Konzept ist jetzt auch gewachsen. Also heuer gehen wir schon in die zweite Ausgabe dann und das ist jetzt mal, ist schon viel, viel größer geworden. Aber eben mit viel Teamgeist letztendlich, kleines Team, wir waren sehr, sehr wenig Leute, also vier im Kern, und haben das gemeinsam auf die Beine gestellt.
Fabian Burstein
Du lädst ja ein zum enttabuisierten Gespräch über Macht. Das ist für dich der Advokat des Teufels. Du bist künstlerische Leiterin, du führst Regie, du wählst das Programm aus. Das ist eine hohe Machtkonzentration.
Cornelia Rainer
Ich wähle es gemeinsam mit meinen Partnerinnen aus natürlich. Und was gerade auch an Themen interessant ist. Ich gehe sozusagen nicht davon aus, was mir gefällt, sondern ich überlege mal, was könnte jetzt gerade spannend sein. Und natürlich stimmen wir oder stimme ich das ab mit allen Beteiligten, also sprich in dem Fall mit dem Matthias und mit meinem Team. Aber natürlich ist es wichtig, dass Entscheidungen getroffen werden auch oder Angebote erstmal da sind und die kann man weiterentwickeln. Also ich bin da immer sehr offen auch für die Weiterentwicklung, da befinde ich mich jetzt gerade, dass wir gerade eben dieses Festival sukzessive eben langsam weiterentwickeln.
Fabian Burstein
Auch in Richtung Machtteilung zum Beispiel?
Cornelia Rainer
Ja, wir sind ja also der strategische Leiter von dem Ganzen und wir sind da permanent im Austausch. Also ich treffe da keine Entscheidungen, die wir jetzt nicht gemeinsam für gut halten. Und es ist ein bisschen anders, man muss es anders denken. Dadurch, dass wir mit den Menschen aus der Region arbeiten und mit den jungen Menschen und auch mit Erwachsenen, wie wir das heuer auch machen, ist das auch immer ein indirekter Teilhabungsprozess, sage ich jetzt mal. Wenn wir nicht ausreichend Menschen finden, die mitmachen, dann kann ich das so nicht machen. Also es ist sozusagen ein gegenseitiges Machtverhältnis. Und das aber bis jetzt sehr, sehr gut funktioniert hat.
Fabian Burstein
Gut, das Thema Teilhabe, das ist ja eines der heikelsten überhaupt in der Kulturbranche. Es ist geprägt von riesigen Buzzwords, wo Teilhabe auch gar nicht funktioniert. Es ist auch geprägt oft von einem sich in die Tasche lügen, was total schade ist, weil Teilhabe, das wissen alle, die wirklich mit Teilhabe arbeiten, ja zu einem Großteil Scheitern ist. Das muss man klipp und klar sagen. Also man probiert es immer wieder, immer wieder, scheitert immer wieder, immer wieder, bis dann mal ein Teilhabeprojekt fliegt. Und man sich denkt, dafür habe ich das alles gelernt und gemacht, weil hier spüre ich, dass sich diese Kraft entfaltet. Wie empfindest du dieses Thema der Teilhabe? Ist das für dich eine Belastung im Sinne von, es gehört halt zu jedem Projekt mittlerweile dazu in der Förderung, eigentlich will ich nur gutes Theater machen? Oder ist das für dich wirklich ein Asset, eine Überlebensstrategie, dass dieses Festival relevant eben an diesem speziellen Ort in der ländlichen Region entwickeln kann?
Cornelia Rainer
Unbedingt. Also ich sehe das wirklich als ganz integralen Bestandteil des ganzen Festivals. Also indem wir eben vorab, also bevor ich noch anfange zu proben mit den Schauspielerinnen, bin ich schon in der Region und beginne mit den Menschen vor Ort über diese Themen, die in dem jeweiligen Stück vorkommen, nachzudenken. Und wie mache ich das? Ich mache das zum Teil über philosophische Workshops, weil ich dazu auch eine Ausbildung habe. Also das sind Gespräche, die wir führen, wir in Form von Spaziergängen, in Form von szenischen Interventionen und so weiter. Also ich öffne das sehr, sehr stark erstmal in den Raum. Und dann gehen wir sozusagen in den Prozess des Films. Also das wissen auch alle Beteiligten im Vorfeld, dass sie hier auch eine Bühne kriegen, dass sie Teil davon sind. Und das macht, glaube ich, einen wesentlichen Unterschied, wenn man von vornherein auch weiß, welche Aufgabe hat jeder. Und in dem Fall, also in unserem Konzept ist es so, dass die Menschen eben Teil der Inszenierung sind, eben indem sie in Filmen auftauchen und indem sie in Filmen vorkommen und wo man ihre Perspektiven auf das jeweilige Stück eben erlebt und sieht. Und insofern gibt es hier keine großen Versprechungen, sondern ganz einen klaren abgesteckten inhaltlichen Plan und auch einen ganz klaren Zeitplan. Und das Gute ist, je klarer man das eingrenzt, zumindest habe ich diese Erfahrung jetzt gemacht, desto klarer ist es für alle Beteiligten. Und letztes Jahr war es eben auch so, dass 30 Jugendliche eben in der Inszenierung dabei waren, eben über Filme, zum Teil über szenische Auflösungen, zum Teil auch über Interviews, die wir geführt haben, Gespräche, Diskussionen. Und plötzlich ist es so, dass hier eine Erweiterung stattfindet, nämlich tatsächlich. Also nicht nur sozusagen für die jungen Menschen, sondern vor allem auch für uns, die wir auf der Bühne stehen und die wir das machen. Also ich halte es für absolut essentiell, diese Perspektiven und diese Denkräume zu öffnen. Und das ist wirklich ein wesentlicher Teil des Projekts. Also ich denke mir nicht, kriege ich dafür Förderanträge, sondern es ist einfach das, woran ich absolut glaube.
Fabian Burstein
Cornelia, ich habe jetzt in Echtzeit nachgeschaut. Wir haben uns im Januar 2025 das letzte Mal gesehen. Das heißt, die eineinhalb Jahre waren gar nicht so daneben. Das war eigentlich sogar eine ziemliche Punktlandung.
Cornelia Rainer
Das war unmittelbar vor der Entscheidung. Da wusste ich, glaube ich, noch nicht. Das ist also, glaube ich, zwei, drei Wochen später, habe ich die Nachricht erhalten, dass wir das Siegerprojekt sehen. Weil im Februar haben wir angefangen.
Fabian Burstein
Ja. Und ich habe dann jetzt gleich schnell gescrollt und habe mir angeschaut, was für Themen da auch am Bühneneingang verhandelt worden sind. Und das waren unglaublich viele Machtthemen. Es waren Themen rund um Machtmissbrauchsvorwürfe an Theatern. Es waren Themen, die sich um den Investigativ- und Kulturjournalismus und seine Schwierigkeiten in der Aufarbeitung solcher Kausen gedreht haben. Es waren Folgen, wo auch Menschen massiv unter Druck geraten sind, weil zum Beispiel sich ein Konflikt ins Juristische verlagert hat. Also wo diese Machtdebatten gar nicht mehr unmittelbar in den Institutionen stattgefunden haben, sondern wo sich die Leute wechselseitig auch juristisch bekämpft haben, zu Recht oder zu Unrecht, das weiß man nie oder das zeigt dann immer erst die Geschichte. Wie stehst du zu diesen mannigfaltigen, man muss ja wirklich auch sagen, Krisen, die der Kulturbetrieb rund um das Thema Macht hervorbringt? Ist das nicht eigentlich beschämend?
Cornelia Rainer
Vielleicht ist es irgendwo auch menschlich, dass man erstmal mit so einem großen Thema überfordert ist und dass man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Aber ich denke, es erfordert Handlungsbedarf tatsächlich. Ich glaube wirklich, dass es wichtig ist, sich diesem Thema zu stellen und nicht nur sozusagen als Angst und sozusagen als Unterstellung, was will man jetzt mit diesem großen Thema macht. Da spielen so viele Ängste mit der einzelnen Personen. Nämlich, dass man etwas direkt auch ansprechen kann, nämlich benennen kann, so wie wir, dass wir sagen, Bühne der Macht. Und erst, wenn man anfängt, sich damit auseinanderzusetzen, dann verliert das Ganze auch ein bisschen an dieser riesengroßen, von dieser riesengroßen Wolke, dieser unklaren Wolke. Man weiß, es ist so diffus, es ist wie ein Schleier, wie ein Schleier, der so drüber hängt und niemand, es ist präsent, niemand kennt sich aber wirklich aus. Und ich glaube, dass ein wichtiger Schritt ist, dieses Thema zu benennen, das klar zu benennen, aber eben ganz konkret auch Werkzeuge anzubieten. Weil das Hin- und Herreden und ganz, also das ist alles wichtig, aber es braucht, meiner Erfahrung nach, braucht es klare Tools und klare Werkzeuge, wie man damit umgehen kann. Und das ist mir wichtig, dass das eben für viele Menschen zugänglich wird. Und schon für junge Menschen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen oder gerade noch in der Schule sind, wo auch immer. Also ich glaube, dass es ein wesentlicher Motor auch sein kann, um hier etwas in Bewegung zu bringen.
Fabian Burstein
Aber lass es uns doch konkret machen. Also wenn ich jetzt wieder diese Beispiele durchgehe, Gesetz, ich bin eine junge Schauspielerin und ich bin in einem Abhängigkeitsverhältnis und ich werde auf eine wirklich inakzeptable Art und Weise über eine Machtposition attackiert, körperlich, verbal, was auch immer. Was kann ich denn in Wahrheit tun?
Cornelia Rainer
Also ich glaube schon, dass es im Moment, also dass man erstmal, wenn ich von Werkzeugen spreche, dass es erstmal so Schutzmaßnahmen gibt. Das ist so die erste Stufe vielleicht, dass man sich mal schützt. Das beginnt mit dem, dass man genau darauf achtet, wo setze ich mich hin, in welchem Winkel setze ich mich hin und so weiter. Solche Dinge zu beachten, körpersprachlich auch reagieren zu können. Es gibt ja die klassischen Haltungen, so diese überkreuzten Arme und breitbeinig dasitzen.
Fabian Burstein
Das Mansplaining.
Cornelia Rainer
Ja, genau. Wobei man auch sagen muss, ich habe da auch mit Führungskräften gesprochen, dass manchen ist es gar nicht bewusst, ohne die jetzt in Schutz nehmen zu wollen. Aber es gibt auch Personen, die sagen, ihnen ist es gar nicht aufgefallen, vielen fällt es gar nicht auf und sie entspannen sich dabei. Also wie eine entspannte Haltung. Also sprich, man muss immer beide Seiten auch sehen und nicht sofort auch nur in dieser Unterstellung arbeiten, weil es ist auch gefährlich, dass man jemanden sofort sozusagen in die Ecke stellt, der macht das alles absichtlich. Also ich glaube, da gibt es so viele Stufen und so viele Phasen der Einordnung und auch der Eskalation oder Deeskalation. Und das muss man sich ganz von Fall zu Fall wirklich ganz individuell anschauen. Aber ich würde mal sagen, es gibt Schutzmaßnahmen. Dann ist es ganz wichtig, dass es Gesprächspartner gibt, Ansprechpartner, wo es einen geschützten Raum gibt. Das muss verstärkt werden. Aber im besten Fall eben wirklich auch von Expertinnen, die wirklich damit Erfahrung haben. Wo es nicht nur um ein Gespräch geht, sondern wo wir ein ganzes Netzwerk aufstellen, an Expertinnen, die damit dann einfach auch weiterarbeiten können. Und der Schutz ist da ganz, ganz, ganz zentral. Das ist eine der wesentlichen Maßnahmen, meiner Meinung nach.
Fabian Burstein
Aber wer organisiert diesen Schutz, wenn er nicht organisiert wird von den Einrichtungsleitungen?
Cornelia Rainer
Also es ist jetzt wichtig, dass wir solche Dinge angehen. Und wenn es die Einrichtungen nicht selber tun, dann muss es sozusagen gesellschaftspolitisch auch ein Thema werden, dass wir hier von anderen Richtungen kommen. Es gibt ja bereits Einrichtungen, aber ich glaube, dass hier noch viel spezifischer mit Expertinnen zusammengearbeitet werden kann.
Fabian Burstein
Gibt es so etwas wie ein Machtnetworking, also wo zum Beispiel Menschen wie du oder Festivals wie die Bühne der Macht sich mit beispielsweise Beratungsstellen oder anderen Initiativen, die sich mit Formen des zeitgemäßen Theaters auseinandersetzen? Es gibt ja sogar einen Verein des zeitgemäßen Theaters. Gibt es da irgendwelche Formen von Vernetzung, dass man sagt, okay, da gibt es regelmäßigen Austausch, man erzählt sich zumindest, was man erlebt, man hat Netzwerktreffen?
Cornelia Rainer
Das ist eine spannende und interessante Idee. Da sind wir noch nicht so weit. Ich glaube, das erste ist mal sozusagen die zwischenmenschliche Vernetzung. Also sprich vor Ort. Also ich glaube wirklich ganz fest daran, dass man im aktiven Arbeiten und in der direkten Auseinandersetzung mit den Menschen auch schon was bewegen kann. Das glaube ich tatsächlich. Ich habe das ja auch gesehen letztes Jahr bei der ersten Ausgabe des Festivals. Es waren unglaublich viele interessierte Menschen aus der Region da, aber auch Leute sind aus Linz, Salzburg, Wien auch bereits gekommen, die sich für dieses Thema interessieren und wo auch innerhalb so eines Festivals eben diese Themen verhandelt werden können und auch sich hier Netzwerke bilden können. Aber ich glaube, das wäre wirklich ein interessanter nächster Schritt, auch hier Netzwerke zu etablieren beziehungsweise Kooperationen auch zu etablieren.
Fabian Burstein
Ja, wahrscheinlich auch nämlich unter diesem Namen, denn wir verwenden ja gerade bei diesem Themenkomplex unglaublich viele Weichmacher, also auch sprachliche Weichmacher, um zu sagen, nein, nein, wir meinen es schon nicht böse und so weiter. Aber mal zu sagen, es gibt das Netzwerk Machtkompetenz im Kulturbetrieb, das wäre doch mal eine Ansage, oder?
Cornelia Rainer
Unbedingt. Und den Begriff Machtkompetenz hat ja die Machtexpertin Kristine Bauer-Jellenek geprägt.
Fabian Burstein
War auch schon hier zu Gast?
Cornelia Rainer
War auch schon hier zu Gast und ich habe eine sehr langjährige und gute, intensive Zusammenarbeit mit ihr. Und diese Machtkompetenz einfach auch weiterzugeben an Menschen, die vielleicht nicht jetzt die Möglichkeit haben, sich irgendwelche großen, teuren Trainings zu leisten. Also dass man das einfach sozusagen in die Bevölkerung auch sehr niederschwellig einfach auch reinbringt. Das ist, glaube ich, ein ganzer, also könnte ein nächster wichtiger Schritt sein. Im Rahmen des Festivals geht es uns erstmal darum, dass wir dieses Thema überhaupt mal sozusagen zur Sprache bringen. Weil, wie gesagt, auch ich habe lange überlegt, Bühne der Macht, so leicht ist es mir auch nicht gefallen, diesen Titel zu wählen, weil man natürlich erstmal mit ganz schnellen Einordnungen und Kategorisierungen zu kämpfen hat auch. Aber eben im nächsten Schritt, wenn sich die Menschen wirklich dafür interessieren, wird auch sehr schnell klar, dass es uns um eine, wie ich schon gesagt habe, um das Gestalten geht, um die Potenz, wie es so schön heißt, dass man sozusagen die vorbereitet und einfach in ein direktes, aktives Handeln in der Situation auch kommt.
Fabian Burstein
Jetzt bist du ja jemand, der auch einen sehr breiten Blick auf diese Szene hat und auch schon an vielen Stellen, Ecken und Enden aufgetaucht ist. Filmtheater, Festivalmacherin. Also da gibt es ja sehr viele Konstellationen. Lass uns jetzt mal genau diesen positiven Weg gehen. Wo würdest du sagen, abgesehen jetzt von deinem Festival Bühne der Macht, wo würdest du sagen, hier wird gerade Macht neu gedacht? Das ist ein besonders positives Beispiel, wo man sich sehr gut, sehr schlau, sehr reflektiert mit symbolischen Maßnahmen, mit Strukturänderungen auseinandersetzt. Kannst du uns da irgendein Best-Practice-Beispiel nennen?
Cornelia Rainer
Da muss ich wirklich lange nachdenken. Mir fallen zwei, drei ad hoc ein und ich würde es aber nicht jetzt sozusagen als Beispiel nennen, weil ich es dann im Inneren zu wenig kenne. Weil nach außen, das ist immer eine Sache. Und was ist sozusagen im Innenleben, was findet drinnen statt? Da würde ich mich jetzt erstmal zurückhalten, weil ich glaube, dass sozusagen die Art und Weise, wie diesem Thema Macht begegnet wird, dass hier tatsächlich viele Falschannahmen herrschen. Und deshalb, ich tue mir da gerade schwer.
Fabian Burstein
Aber da sieht man ja schon, wie stark der Vertrauensverlust vorangeschritten ist. Ich kann das total nachvollziehen. Man tut sich wahnsinnig schwer, die Positivbeispiele wirklich offensiv raus zu posaunen, weil man gelernt hat, dass dann in der Innenansicht eben erst wieder irgendwas schief läuft. Wird das die große Herausforderung sein, dieses Vertrauensverhältnis in die innere Stabilität, die innere Resilienz, in die innere Anständigkeit der Kultur wieder herzustellen?
Cornelia Rainer
Ja, unbedingt. Und weil du sagst Resilienz, ich bin ja eben, es gibt so Begriffe, Resilienz, Augenhöhe, Selbstbestimmung und so weiter.
Fabian Burstein
Diversität.
Cornelia Rainer
Diversität und so genau, das alles stimmt ja alles per se, aber man muss auch aufpassen bei diesen Begriffen, weil ich wäre eher für Widerstandsfähigkeit. Weil das gibt mir ein Griff, das ist was Griffiges.
Fabian Burstein
Kämpferischer.
Cornelia Rainer
Ja, und sozusagen eigenmächtiger auch. Also, dass man das Gefühl hat, man kann hier auch was entgegensetzen. Und das heißt ja nicht, dass man es auf eine unangenehme Art entgegensetzt, sondern so, dass ich das Gefühl habe, ich bin sozusagen im Stande zu handeln. Und ich finde dieses Handeln ganz einen wichtigen Aspekt, dass man eben in Situationen direkt handlungsfähig bleibt. Und wie kann ich mir das aneignen, indem ich tue, indem ich positive Erfahrungen mache, indem ich, wie wir es jetzt zum Beispiel beim Festival auch anbieten, wir haben ja rund um das Theaterstück, finden den ganzen Tag Workshops statt, Vorträge, es kommen Philosophinnen, die werden Workshops halten dazu. Es gibt Vorträge, es gibt ein Nachtgespräch mit dem Begründer der philosophischen Praxis. Also, wir starten das nach der Aufführung bis in die Nacht hinein. Ihm war ganz wichtig Open End, weil erfahrungsgemäß dauern diese Gespräche ganz, ganz lange. Also, wir arbeiten da auf unterschiedlichen Ebenen, um eben dieses Thema eben zu beleuchten und um uns mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber immer ausgehend von dem Theaterstück. Also, heuer ist es ja der Radetzkimarsch und das ist ja ein Paradebeispiel sozusagen für zum Teil auch sehr alte Machtverhältnisse. Aber wie wir auch rausgefunden haben, viele Dinge wirken auch in unserer Zeit weiter.
Fabian Burstein
Cornelia, zum Abschluss, gewährst du uns einen Einblick in den Machtmenschen, Cornelia Rainer? Zum Beispiel, was ich zum Beispiel erlebe, immer wieder, die Menschen im Kulturbetrieb tun sich unglaublich schwer, ihre Ambitionen zu benennen, auch wenn sie sie haben. Also, sie würden niemals zugeben, dass sie zum Beispiel das Ziel hätten, mal ein Haus, ein bestimmtes zu übernehmen oder so. Was sind deine, wenn man so will, Ambitionen? Wo möchtest du noch in weiterer Folge in der Zukunft, in deinen nächsten, naja, 30 Berufsjahren könnten es schon noch werden, wo möchtest du noch im positiven Sinne Macht ausüben?
Cornelia Rainer
In den Geschichten, die ich erzähle. Also, ich bin einfach, ich liebe Geschichten, ich liebe Stoffe, ich liebe es, Menschen aufeinandertreffen zu lassen. Und wenn das nur in der Stille ist. Also, ich habe eine große Leidenschaft für Geschichten, fürs Geschichtenerzählen. Und im besten Fall aus einer Perspektive, die nicht nur meiner Perspektive entspricht. Und das beginnt ja gerade auch oder hat schon vor langer Zeit begonnen. Ich habe in meinen Inszenierungen der letzten Jahre immer wieder Menschen aus der Region oder Kinder oder Jugendliche, ältere Menschen. Ich kann mich erinnern, eine Produktion, wo ich ältere Menschen mit eingebunden habe. Also, mich beglückt es wirklich, diese Erweiterung meines eigenen Echoraums sozusagen. Und da möglichst viele Geschichten noch erzählen zu können. Ich kann es gar nicht anders sagen.
Fabian Burstein
Aber du könntest nicht sagen, ich möchte in den nächsten zehn Jahren zum Beispiel ein großes Theater übernehmen.
Cornelia Rainer
Ich empfinde mein Theater als sehr groß gerade. Und ich bin sehr zufrieden gerade mit dem Festival. Also, ich finde es, und ich bin auch sehr dankbar, dass ich dieses Festival so gestalten darf. Ich hätte mir das nie gedacht, dass wir mitten in der Landschaft ein Theaterzelt aufbauen dürfen und hier Menschen aus der Region und aus unterschiedlichen Richtungen einladen können und hier fünf Tage lang uns mit einem Thema so intensiv beschäftigen können. Ich bin da unglaublich dankbar schon und freue mich immer auf das, was noch wird. Also, tatsächlich habe ich das Gefühl, dass da ganz viel auch schon erfüllt wurde bis jetzt. Und ich bin gespannt, was da alles noch daherkommt. Wie gesagt, ich hätte mir das nie ausmalen können, dass das überhaupt möglich ist.
Fabian Burstein
Liebe Cornelia, vielen lieben Dank für diese Einblicke in die Bühne der Macht, auf die Bühne der Macht. Und vielleicht sehen wir uns ja demnächst wieder, wenn es irgendwas zu besprechen gibt, wo Macht verrutscht ist. Danke noch einmal.
Cornelia Rainer
Danke dir.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Autor:in:Livio Koppe |
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