Bühneneingang
Das Publikum, das fehlt: Wie die "Theatertanten" eine kulturelle Lücke schließen - mit Stefan Konrad

Stefan Konrad macht mit den "Theatertanten" etwas, das viele Kulturhäuser noch nicht schaffen: Er holt Familien mit schwer kranken oder behinderten Kindern, Alleinerziehende und Menschen in finanziell belasteten Situationen ins Theater – und zwar als selbstverständlichen Teil des Publikums. In Folge 101 geht es um die Frage, wer sich im Theater zu Hause fühlen darf und warum Inklusion mehr ist als barrierefreies Bauen. Stefan Konrad spricht über sein Verhältnis zu "Relaxed Performances", über Machtverhältnisse im Zuschauerraum, über die Lücke zwischen Kulturförderung und sozialer Realität – und darüber, wie aus scheinbar kleinen Details eine Dramaturgie der Begegnung entsteht.

Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Mein heutiger Gast ist Stefan Konrad. Als Präsident des Inklusionsnetzwerks Nestwärme Österreich arbeitet er an einer Initiative, die eine simple, aber radikale Frage stellt: Wer darf sich im Theater zu Hause fühlen? Die Theatertanten ermöglichen Familien mit schwer kranken oder behinderten Angehörigen, Alleinerziehenden und Menschen in finanziell belastenden Situationen kostenlose Theaterbesuche, also genau jenen, die im Kulturbetrieb oft gar nicht erst vorkommen. Es geht um mehr als Charity-Tickets, nämlich um Begegnungen, Barrieren und darum, wie ein Abend im Theater plötzlich zum Stück gelebter Solidarität werden kann. Wie diese Initiative entstanden ist, wie sie funktioniert, und was das mit einer Branche zu tun hat, die sich Diversität gern auf die Fahnen schreibt, aber im Alltag oft scheitert, darüber reden wir jetzt am Bühneneingang. Lieber Stefan, herzlichen Dank für deinen Besuch im sommerlich heißen Podcast-Studio.
Stefan Konrad
Danke. Ja, heute wird es sportlich, Ende Juni, und die Temperatur steigt. Danke für die Ankündigung, danke fürs Dasein. Und ja, jetzt müssen wir noch eine Stunde sprechen, und du hast das schon so formidabel zusammengefasst, was wir Schönes machen.
Fabian Burstein
Wir werden bestimmt noch viele Facetten finden, die es herauszuarbeiten gilt. Ganz kurz nachgefragt: Wir sind ja ein Podcast, der darauf Wert legt, dass die Dinge sehr stringent und auf den Punkt einmal zusammengefasst werden. Wenn du Theatertanten einer Person erklärst, der kein Flyer, kein Folder, nichts dergleichen vorliegt, was passiert da ganz konkret? Was ist der Inhalt dieser Initiative?
Stefan Konrad
Ja, die Kulturinitiative Theatertanten ist eine Möglichkeit, wie du es schon angesprochen hast, für Familien mit schwer kranken, beeinträchtigten Kindern oder Alleinerziehenden ins Theater zu gehen. Und das ganz Besondere ist: Es ist österreichweit und es ist immer im Kollektiv, also immer in der Gemeinschaft. Ich glaube, das ist vielleicht ein Punkt, der ein bisschen anders ist als jetzt bei anderen Initiativen, dass wir dieses Theater-Event immer gemeinsam zusammen erleben und sozusagen eigentlich auch diesen Bühneneingang schon mitnehmen. Also es geht nicht nur um das Stück, sondern es geht wirklich um das ganze Zeremoniell, das sozusagen gemeinsam erlebt wird.
Fabian Burstein
Okay, verstanden. Das heißt, es geht nicht nur darum, Tickets zu distribuieren, eine technische Plattform zu schaffen, wo man dann auf kostenlose Tickets zugreifen kann, sondern es geht darum, das Gemeinschaftserlebnis mitzugestalten.
Stefan Konrad
Genau. Und wir versuchen natürlich auch in weiterer Folge, jeden weiteren Gedanken und jeden weiteren Punkt auch so zu gestalten, dass wir unser Umfeld möglichst stark in diesem Prozess einweben. Also ob das jetzt die Form der Spendenakquise ist, ob das Helfer sind, Unterstützer sind. Also uns geht es wirklich darum, im Grunde auch eine Plattform der Begegnung zu haben. Und das Theater ist unser Lockvogel, sozusagen.
Fabian Burstein
Also das trojanische Pferd, um einen Aufhänger zu haben, sich zu begegnen.
Stefan Konrad
Genau. Ich glaube, Inklusion braucht ja das Schaffen auch von Gemeinsamkeiten. Also wenn wir zwei gestern im Prater gewesen wären, dann würden wir das natürlich Revue passieren lassen und dann hätten wir eine gemeinsame Erfahrung. Und genau so ist die Idee im Grunde hier, dass wir ein wirklich kunterbunter Haufen sind, aber natürlich durch diese Verflechtung des Ereignisses etwas Gemeinsames haben.
Fabian Burstein
Das interessiert mich jetzt. Die Verflechtung und das Ereignis, und da steckt ja auch das Thema Dramaturgie dahinter und so weiter. So, jetzt könnte man es technisch angehen. Ich habe mir euren Spielplan natürlich angeschaut, der ist sehr breit gestreut von Schreck, also von Bühnen. Darf ich dich kurz...
Stefan Konrad
Und das ist ja, glaube ich, auch ganz wichtig, vielleicht, um das gleich klar zu machen: Also die Theatertanten sind der Name einer Initiative, und diese Theatertanten sind nicht auf der Bühne oder es gibt kein Stück, das die Theatertanten heißt, sondern genau so, wie du eben gesagt hast, es gibt einen Spielplan. Dieser Spielplan hat unterschiedlichste Theater, von den großen, renommierten Theatern bis zu kleinen Kabarettbühnen, und wird immer wieder neu zusammengestellt in unterschiedlichen Altersgruppen oder für unterschiedliche Altersgruppen. Und die Menschen können sich, die Familien können sich melden und können sagen: "Ich würde gern zu diesem oder jenem Termin mitkommen."
Fabian Burstein
Super. Gut spezifiziert, damit wir das gut verstehen. Das heißt, wir haben einen Spielplan, einen Theatertanten-Spielplan, wo eben von Schreck bis Kinderzauberflöt, also wirklich, ich habe mir das angeschaut, das ist ja wirklich total mannigfaltig und unterschiedlich. Wie sieht denn jetzt so ein typischer Theatertanten-Ausflug aus, vom ersten Kontakt, also von der ersten Entscheidung einer Familie: "Ich möchte mal etwas in diese Richtung erleben", bis, sage ich mal, zum Schlussapplaus? Kannst du das einmal von vorne bis hinten durchdeklinieren?
Stefan Konrad
Ja, es gibt sozusagen einen, wenn wir beim Theater bleiben, wir haben so ein bisschen das Stück der Vorstellung, aber es gibt rundherum noch so auch Vorbereitungsmöglichkeiten. Eine ist zum Beispiel, dass wir auch sehr viele Familien haben, die indirekt zu uns finden. Ich erzähle das auch kurz. Wir haben nämlich das Problem gehabt, dass wir natürlich auch viele Familien haben, die mit dem Thema Gewalt oder aus dem Thema Gewalt stammen, auch in Kooperation mit den Wiener Frauenhäusern zum Beispiel oder SOS-Kinderdorf. Und wir haben uns halt gefragt, wie können wir auch die Sicherheit garantieren, obwohl wir natürlich die Aktion darstellen wollen. Und da kam uns die Idee, dass wir verschiedene Bastelaktionen haben. Das heißt, wir basteln immer aus Klopapierrollen Opern-Gucker, die werden bunt angemalt, und dann kann man während der Vorstellung oder immer, wenn es Bilder gibt, kann man diese Opern-Gucker quasi vors Gesicht nehmen und ist anonymisiert. Und da ist schon so, dass wir unglaublich viele Stellen haben, die diese Opern-Gucker basteln. Das sind eben einerseits auch manchmal Menschen, die dann danach ins Theater gehen mit uns. Also bei Traller Lobe war das zum Beispiel so, da haben wir eine große Aktion in den Häusern gemacht, haben das bemalt und eigentlich so auch Werbung für die Aktion gemacht und eine Möglichkeit geschaffen, dass man uns als Organisation Nestwärme mal kennenlernt.
Fabian Burstein
Entschuldige kurz, dass ich da einhake. Ich lasse dich gleich weiterreden, aber nur damit man das gut versteht. Das heißt, da geht es einfach darum, viele Details zu beachten, weil es gewisse Vorgeschichten gibt. Und diese verspielte Form, zum Beispiel der Opern-Gucker, dient schlicht und ergreifend dem Persönlichkeitsschutz. Also das heißt, wenn die Aktion fotografiert wird, dass die Kinder oder die Personen nicht erkenntlich sind, weil sie unter Umständen eben aus gewaltbehafteten Familien kommen, geschützt werden müssen. Entschuldigung, das war nur...
Stefan Konrad
Nein, nein. Oder einfach auch keine Lust haben. Also ich, das ist ja auch in deiner Reihe immer wieder gefallen, Inklusion kann ja auch nicht heißen, dass die Leute dann zu den Protagonisten und Schauspielern ihres Schicksals verkommen. Und ich möchte auch nicht, dass die Familien kommen und dann müssen sie dort ein Foto machen und hier ein Foto machen, damit wir das veröffentlichen können. Und gleichzeitig ist einfach in unserer Zeit eine Bildsprache sehr wichtig und eine Darstellung sehr wichtig. Und das war ein raffinierter Zug, das sozusagen zu verbinden. Und ja, wir sind Klopapierrollen-Experten mittlerweile. Also wir haben schon gesagt, dass Le Méridien hier neben der Staatsoper sammelt, nämlich für uns immer als Hotel. Das sind sozusagen die Deluxe-Klopapierrollen, die sind nämlich am besten zu bemalen. Und ich meine, wir haben auch zum Beispiel Menschen, die diese an den Klopapierrollen sind, so Bügel, damit man die sich umhängen kann. Und wir haben zum Beispiel einen Häkelclub, der Mutmacherclub von Nestwärme, der häkelt zum Beispiel diese Bügel, damit man das dann umhängen kann.
Fabian Burstein
Aber daran sieht man, da hängen, ich meine, das sind ja scheinbar Kleinigkeiten oder Details, aber da hängt sehr, sehr viel verspielte Detailarbeit dran, um diesen Theaterbesuch auszugestalten.
Stefan Konrad
Richtig. Und eben, was ich schon gesagt habe, um verschiedenste Menschen eigentlich an dieses Projekt zu binden. Deswegen ist dann auch immer so schwierig, wenn oft so Fragen kommen, ja, wie viele Menschen stecken da jetzt dahinter, unter Anführungszeichen. Also jetzt haben wir ja schon gesehen, dass das die Leute sind, die diese Klopapierrollen sammeln, dass das die Leute sind, die das anmalen, die das verschönern. Jetzt habe ich gerade wieder vor ein paar Tagen einen Anruf bekommen aus Kärnten, da hat eine Klasse, eine Schulklasse, diese Opern-Gucker gestaltet. Also es ist wirklich ganz bunt und divers, wo die auch herkommen. Und wir sind dann immer auch ganz gespannt, wenn das neue Material kommt, was für kreative Ergüsse da wieder ausgeteilt werden dürfen. Und für unsere Familien ist es ein Erinnerungsstück natürlich und gleichzeitig ein Spielstück, und die Kinder finden das natürlich sehr lustvoll.
Fabian Burstein
Und das heißt, dann trefft ihr euch, dann steht eben eine gewisse Aufführung auf dem Programm, dann gibt es einen gemeinsamen Treffpunkt, oder?
Stefan Konrad
Genau. Also die Menschen melden sich bei uns an. Es ist ganz unkompliziert. Also man kann wirklich in zwei, drei Sätzen erklären: "Ich bin Familie so und so, wir haben ungefähr die Familiensituation." Und das reicht uns eigentlich schon als Vertrauensbeweis. Kann man sich anmelden, man bekommt dann auch so ein schönes Kärtchen zugeschickt, juhu, wir sind dabei, mit einem Treffpunkt. Und an diesem Treffpunkt gibt es einen Sektempfang, dann im Kollektiv. Das ist mittlerweile alkoholfreier Sekt, weil die Kinder gesagt haben, sonst sind die Eltern so peinlich. Nein. Und dann wird dort geplauscht und gedratscht, es werden eben diese Opern-Gucker ausgeteilt. Und es gibt, um die Theatertanten dennoch präsent zu halten, weil viele dann fragen: "Ja, wo sind diese Theatertanten?", haben die Theatertanten immer eine Tasche uns mitgegeben. Das ist meistens ein Riesenkoffer, es ist so eine Mary-Poppins-Tasche. Und in dieser Tasche sind von Peets und Footloose Süßigkeiten. Und da können die Kinder dann wirklich, wir erlauben immer, die Tasche zu öffnen, und sie können richtig graben und sich für die Vorstellungen eindecken.
Fabian Burstein
Das heißt, diese Theatertanten, das sind artifizielle Figuren, die im Hintergrund existieren, also die warten dann nicht verkleidet vor Ort, sondern die schicken etwas mit. Also die sind so die Markenbotschafter. Und das ist ein weiterer Teil des Spiels.
Stefan Konrad
Genau. Naja, es war ganz klar, dass wir uns gedacht haben, die Zeitung anzuschreiben oder das Fernsehen anzuschreiben und zu sagen: "20 Familien mit beeinträchtigten Kindern gehen ins Theater, kommen Sie oder schreiben Sie über uns." Das wird so nicht funktionieren, wahrscheinlich. Und irgendwie war dann dieses Bild der 50er-Jahre-Komödien, jetzt von Billy Wilder, "Some Like It Hot", und diesen Peter-Alexander-Sonntagnachmittag-Filmchen, die ja immer diese ulkige, schrullige, sehr herzliche Tante hatte. Und die Tante war auch als Figur interessant, weil sie natürlich etwas ein bisschen Autoritäres hat. Gleichzeitig ist sie aber nicht die Mutter, nicht die engste Familie. Die darf auch mal gönnerhaft sein. Also ich kann mich auch erinnern, dass ich eine Tante hatte, die mich halt in meinen Zirkus genommen hat und ins Theater und ein bisschen verhätschelt hat. Ja, und so haben wir uns gedacht, wollen wir eine Figurenwelt starten und haben dann eben, außerdem natürlich ist das Wort Theatertanten pfiffig, und haben diese Figuren erschaffen, um einfach auch eine Bildwelt zu haben.
Fabian Burstein
Dass ich so auf dieses Thema angesprungen bin, der Theatertanten hat einen konkreten Grund. Wir nehmen hier die hundertste Folge auf gerade. Und da gibt es zwei Aspekte. Zum einen, die hundertste Folge ist immer so ein Moment, wo man auch zurückschaut, nachdenkt, sich selber kritisch hinterfragt, Lücken identifiziert und so weiter. Und meine allererste Folge habe ich aufgezeichnet mit Samuel Koch, der dafür extra nach Wien gekommen ist und mit mir diese Premierenfolge gemacht hat, eben rund um das Thema auch, nicht nur, aber auch. Ja,
Stefan Konrad
in seinem Fall.
Fabian Burstein
Inklusion. Ich habe festgestellt, dass ich diesen Faden schon immer wieder mitschwingen habe lassen, aber nicht mehr so konkret aufgegriffen habe. Und deshalb wollte ich die 101. Folge mit den Theatertanten unbedingt gerne spontan machen. Wir haben jetzt, warum erzähle ich das? Es geht um Lücken. Man schaut sich was an, man stellt kritische Fragen und man spürt, dass es etwas gibt, was noch nicht so beackert wurde, wie es sein müsste. War das, und jetzt komme ich zum Punkt endlich, bei euch auch so? Gab es so einen Punkt, wo ihr gesagt habt, es gibt eine Lücke in Kultur, aber auch im Sozialsystem, wo man sagt, ah, das ist schwierig, da kommen zwei Systeme nicht zusammen?
Stefan Konrad
Ich würde sagen, es war sicher nicht der Aufhänger. Ich würde sagen, der Aufhänger, um dich zu enttäuschen, nein. Der Aufhänger ist eher, dass wir und auch ich ganz persönlich, ich denke mir halt immer, wie kann man etwas einfach attraktiver machen. Und Inklusion muss und darf und soll ja auch sexy sein und cool und hip. Und ich wollte weg von dieser Idee, dass immer jemand auf was verzichten muss, dass jemand anderer was bekommt oder so. Und die Theatertanten sind ja auch, also wir sind ja jetzt noch vor dem Bühneneingang, wir haben dort gequatscht und wir haben dort uns schon kennengelernt und wir gehen dann zusammen in dieses Theater. Und ich habe mir dann gedacht, ja, wer wird das bezahlen? Und dann habe ich mir gedacht, wie kann ich oder wie können wir das Theater und auch das Publikum besser einbinden, dass die diesen Menschen das ermöglichen und sie auch dazu einladen, ohne dass jemand verzichten muss. Und es wäre natürlich, glaube ich, schon sehr problematisch gewesen für den Amount, den wir mittlerweile stemmen an Tickets. Und ich brauche dir das nicht zu sagen, aber wenn wir ins Theater in Wien gehen oder ins Raimundtheater, da sind ja mit 20, 30 Leuten gleich höhere Summen. Und wir wollen diese Tickets bezahlen, weil wir gute Kunden sein wollen und weil wir nichts geschenkt haben wollen. Und so ist eigentlich die Idee auch entstanden, dass die Theatertanten nur dadurch finanziert werden, dass wir Aktionstage haben, in denen die Theater auf diese Aktion, auf diese Initiative aufmerksam machen und das Publikum verführen, Geld dafür zu spenden. Und um dieses Geld kaufen wir wieder die Tickets.
Fabian Burstein
Das ist aber interessant. Das heißt, das sind nicht von den Kulturstätten gestiftete Tickets, sondern echte Menschen haben die Tickets gekauft.
Stefan Konrad
Richtig.
Fabian Burstein
Oder nein, nicht gekauft, sondern sie haben euch Geld gegeben, damit ihr sie kaufen könnt.
Stefan Konrad
Genau. Wobei natürlich die Kulturstätten genauso wie diese Menschen Teil dieser Initiative sind, weil die Kulturstätten natürlich ihr Personal und ihr Know-how bieten oder ihre Plattform und der Kunde dann natürlich in kleineren Beträgen diese Summen hereinbekommt. Also wir haben jetzt als nächstes den Welttag der Tante. Den gibt es nämlich natürlich tatsächlich, es gibt ja für alles einen Welttag. Ja, es gibt den Welttag der Tante, der ist jetzt Ende Juli. Und wir haben letztes Jahr also wirklich von den Komödienfestspielen in Bolchia über Weitra, Langenloys, die Nestroy-Festspiele Schwechat und so weiter Kooperationspartner gehabt. Da wird einfach nach der Vorstellung gesagt, meine Damen und Herren, heute, Sie glauben es kaum, es ist der Welttag der Tante und wir sammeln für unsere Familien. Das heißt, es ist eine super Werbung für uns. Die Aktion wird immer ganz professionell und von bester Hand sozusagen auch dargestellt. Also jetzt im März beim Welttag des Theaters waren auch Leute wie jetzt der Nir Varani oder die Caro Athanasiadis dabei, die uns promotet haben. Und dann wird einfach beim Hinausgehen gesammelt und meistens kommen ungefähr zwei Euro pro Person zusammen. Und das ist natürlich, wenn ein Theater 1500 Sitzplätze hat, ist das schon einmal was.
Fabian Burstein
Das führt mich zum nächsten Punkt. Wie ist sowas organisatorisch aufgestellt? Man nimmt ja Geld ein, also das heißt, es gibt Cashflow. Viele Menschen denken sich immer ganz romantisch, sowohl Kultureinrichtungen als auch soziale Initiativen sind wie so entkoppelte UFOs, die irgendwo landen und für die keine Regeln gelten. Das ist definitiv nicht so. Also man braucht eine legale Struktur, man braucht steuerlich abgeklärte Rahmenbedingungen und so weiter. Wie habt ihr das organisiert? Wie ist euer Laden, eure Initiative aufgestellt in der Umsetzung?
Stefan Konrad
In der Umsetzung ist es so, dass natürlich wir ein Sozialunternehmen sind. Das heißt, wir haben gewisse Strukturen und Pflichten, die jedes Unternehmen hat. Dazu gehören diese ganzen wunderbaren Sachen, wie du gesagt hast, die Steuer zu machen und das alles nachzuweisen, die Jahresberichte zu schreiben. Wir sind ja auch spendenbegünstigt. Da wird das nochmal angezogen, wohin kommt genau das Geld. Und da haben wir auch das große Glück, dass uns eben Menschen, die ein Know-how in diesem Gebiet haben, unterstützen. Und sonst gibt es einen, ich würde sagen, es gibt einen Minikern. Dieser Minikern macht halt wirklich die Organisation. Das ist die Edith Kessler hauptsächlich und die Irene Huska, die halt unsere Listenfeen sind und wirklich diese ganzen Familien auch am Schirm haben und die Anmeldungsmodalitäten machen. Und das sind die Barbara Obermeier, das ist die Co-Vorständin hier in Österreich und ich, die auch, also ich gehe fast immer mit. Ich bin ungefähr 25 Mal im Jahr im Kindertheater, also wenn du was wissen möchtest, ask me. Und wir machen auch das Fundraising. Das heißt, wir schreiben auch dann immer wieder diese Theater an und organisieren die Tage. Und die Tage selber sind dann so, dass wir eine Handvoll Menschen haben, wo ich einfach weiß, die kann ich nötigen sozusagen. Die gehen gerne ins Theater, die stellen sich auch danach hin und sammeln die Sachen ein. Die sind auch so präsentabel, dass sie uns gut vertreten und wir sammeln dann das zusammen. Ich muss aber sagen, es ist im Grunde eine relativ, ich glaube, einfache Form, das zu machen. Also es ist logistisch ein bisschen tough, aber ich denke mir, also wir sind ja im Verein Nestwärme auch so, dass wir viele andere Projekte haben. Und da würde ich sagen, einen Antrag irgendwo zu stellen, ist oft weitaus mehr Arbeit, als jetzt so einen Spendentag zu organisieren.
Fabian Burstein
Das heißt, ihr seid ein Verein, ihr habt kompaktes Kernteam, das die wichtigsten anfallenden Arbeiten einfach bestreitet. Und dann habt ihr ein paar Ehrenamtliche, nehme ich an, die zum einen auch mitarbeiten, aber insbesondere auch vor Ort dann dabei sind, wenn die Familien, die Kinder dann zusammen ins Theater gehen.
Stefan Konrad
Genau. Also wir haben ja jetzt ein bisschen gesprochen, wie diese Spendentage aussehen. Aber auch natürlich, die sind unsere, also lieber Fabian, du bist gern eingeladen, als Theateronkel sozusagen zu fungieren. Und dann gestaltest du sozusagen ein Event oder mehrere Evente. Es gibt eine klare Dramaturgie des Tages, was gebraucht wird, wo das zu holen ist. Und das ist auch möglich, genau.
Fabian Burstein
Das heißt, ihr habt ganz viele bewusst wieder verspielte Anknüpfungspunkte, wo Leute sich einbringen können auf der Ebene.
Stefan Konrad
Richtig.
Fabian Burstein
Das scheint euch sehr wichtig zu sein. Diese Involviertheit, auch dieser Bezug anhand konkreter Dinge.
Stefan Konrad
Naja, das ist ja Inklusion, würde ich mal sagen.
Fabian Burstein
Aber was ist, wenn ich jetzt sage, das ist mir zu mühsam, ich möchte einfach nur Geld spenden?
Stefan Konrad
Das ist auch wunderbar.
Fabian Burstein
Aber das ist nicht dann sozusagen ein.
Stefan Konrad
Also es kommt auf den Betrag an, den du spendest, wahrscheinlich auch. Und dann würden wir weiterhin versuchen, dich zu bezirzen, vielleicht doch mal zu kommen. Aber ich muss schon auch sagen, also du bringst das gut auf den Punkt. Wir freuen uns, wenn Menschen in diese Haltung kommen möchten. Wenn Menschen das miterleben möchten. Weil das ist etwas, ich muss sagen, das fordern wir ja im Grunde auch von unseren Familien ein. Also die sind ja auch gefragt, sich zu melden, dorthin zu kommen, dieses Prozedere durchzugehen, weil wir eben nicht, wie du gesagt hast, eine Initiative sind, die sagt, die Tickets sind beim Schalter und die sind halt bezahlt. Sondern die sind ja aktiv Teil und die werden angesprochen und wir fragen, wie es geht und wir reden mit den Kindern und die spielen miteinander und so weiter und so fort. Und wir bieten das natürlich jedem an, der auch mitgestaltet. Wir sind aber auch so, dass, wenn jemand sagt, du, das ist einfach nicht mein Ding, aber ich finde, ihr macht ganz was Tolles, dann werde ich nicht sagen, dann nehmen wir es nicht an.
Fabian Burstein
Das ist ein super Punkt, den im Übrigen auch der Samuel Koch immer sehr schön subsumiert, dass Inklusion eben nicht eine Bauordnung ist oder eine gewisse Form von technischer Vorgabe, sondern dass es um eine Haltung geht und dass ein Theater, das unter Umständen baulich nicht besonders gut geeignet ist für Inklusion, unglaublich inklusiv sein kann.
Stefan Konrad
Absolut.
Fabian Burstein
Weil die Menschen so eine Lust haben, das zu ermöglichen, dass an den verschiedenen Regeln vorbei immer Lösungen gefunden werden. Du hast jetzt einen Punkt angesprochen, den ich sehr wichtig finde und auch feinstofflich sehr bemerkenswert. Du hast gesagt, wir verlangen ja auch was von den Familien. Viele Menschen in belastenden Situationen sind mit vielen Dingen völlig zurecht natürlich überfordert, die außerhalb dieser Herausforderungen liegen. Das sind natürlich Anträge, Formulare und so weiter. Du hast ja schon beschrieben, das ist bei euch relativ unkompliziert, aber es gibt ja auch sowas wie einen Social Overkill. Wenn ich sehr stark beansprucht bin, sehr belastet bin, sind mir Dinge auch manchmal einfach zu viel. Wie verhindert ihr, dass genau diese Hürden sie wieder vom Theater und vom sozialen Erlebnis dann fernhalten?
Stefan Konrad
Naja, vielleicht möchte ich hier noch ergänzend sagen, Nestwärme ist ja nicht nur Theatertanten. Also wir haben auch, wir haben eine Nestwärme-Akademie mit Mitbildungsmöglichkeiten zum Thema Resilienz. Wir haben mehrere Kulturprojekte, wir haben einen inklusiven Zeichenkurs zum Beispiel hier auch in Wien, wir haben Vernetzungsformate und wir kommen ja auch wirklich aus einer ambulanten Kinderkrankenpflege-Geschichte, wenn man sich Nestwärme ansieht, das ja eine Organisation ist, die es in allen deutschsprachigen Ländern gibt und das jetzt seit 27 Jahren. Also das war keine Theaterinitiative oder so, sondern das ist ein Punkt, den wir hier in Österreich ausleben. Punkt eins. Und Punkt zwei ist eben, dass auch wir uns die gleiche Frage stellen wie wahrscheinlich jedes Theater, wie bekommen wir unsere Menschen? Weil das eine ist ja Plätze der Möglichkeit zu schaffen und das nächste ist, diese Räume auch wirklich auszufüllen. Und du merkst schon, wir versuchen einfach alles. Wir sind total kreativ und wir finden das auch total lustvoll zu schauen, was funktioniert und wie wir die Leute bekommen können. Und ich finde natürlich schon, dass das auch ein Wahnsinn ist, wenn man sich bewusst wird, dass eine Familie, ich weiß nicht, von Wiener Neudorf nach Wien fährt und die haben den riesen Van, weil die müssen den Rollstuhl mitnehmen und dann müssen sie das mitnehmen und das haben und das haben und das haben. Das ist natürlich für die nicht so wie für viele andere, die einfach sagen, ich steige in die U-Bahn und steige nach drei Stationen aus und dann bin ich im Theater. Und deswegen brauchen die einfach einen Mehrwert. Und dieser Mehrwert ist eben der Bühneneingang und die Zwischentöne dieser Aktion. Denn das, was wir im Grunde anbieten, das ist zwischen den Zeilen. Das ist die Magie, die da erlebbar wird. Das sind eben so feine Dinge wie, also ich habe jetzt am Wochenende mit einer Mutter sprechen können und sie hat einen 19-jährigen Sohn, der sehr auffällig ist, also der sehr laut ist, der auch körperlich auffällt. Und wir waren im Kasperltheater in der Urania und er ist ein Kasperl-Liebhaber. Also er konnte alles auswendig und er hat mitgesungen und mitgesprochen. Und natürlich ist er ein Fremdkörper in dem, was wir als gewöhnlichen Theaterraum empfinden. Und sie erzählt mir, dass sich jemand umdreht und er sieht uns einfach als Gruppe in dieser Buntheit. Und dann war für das Umfeld irgendwie klar, okay, die sind ein bunter Haufen, da geht es ein bisschen anders zu. Und sie hat gesagt, dieses sich normal fühlen dürfen, das ist etwas, das sie nie erlebt hat. Und das hat mir sehr gefallen, weil ich glaube, dass das ein ganz großer Punkt war, dass wir uns oft gedacht haben, ja, ist das, was ist das für eine Inklusion, wenn eine Mutter mit ihrem Rollstuhlkind reinfahren muss, dann schaut sie das ganze Theater an. Dann muss man schauen, dass das Kind sich so verhält, dass es nicht auffällt und dann geht man nach Hause. Nein, wir wollen diese Gruppe sammeln, wir wollen, dass die Gruppe sich spürt, dass die Menschen auch voneinander lernen in den Möglichkeiten, dass sie verstehen, dass ihre Schicksale auch geteilt werden oder sich spiegeln in anderen Schicksalen. Und dann entsteht eine Form von Schutz und ich glaube, im besten Sinne Nestwärme und dann sind wir genau an dem Punkt, den wir ja auch vertreten wollen. Und mit dem geht es sich natürlich ganz anders ins Theater.
Fabian Burstein
Jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass das in einem Kasperltheater, ich nehme an, es war die Urania, dass das ganz gut funktioniert, dass sich das noch irgendwo ausgeht. Aber dann gibt es Fälle, die auch medial schon sehr stark behandelt wurden. Ich beziehe mich da zum Beispiel auf eine Causa aus dem Jahr 2024 im Mainfrankentheater in Würzburg, wo ein Mann mit Behinderung bei einem Stück "Ente, Tod und Tulpe" nachhaltig dazwischen gerufen hat und dann interveniert wurde, dass das eine massive Störung sei und mehr oder weniger rausgebeten worden ist. Die Antwort des Intendanten Markus Trabusch damals war, dass er sogenannte Relaxed Performances einführt, also so Art Sonderveranstaltungen, die dann just für Menschen mit Behinderung gemacht sind. Und da gab es dann wirklich einen großen Aufschrei, weil man gesagt hat, das ist genau das Gegenteil von Inklusion. Jetzt lagert man eine Gruppe aus, damit unter Anführungsstrichen die Mehrheitsgesellschaft nicht gestört wird. Wie lösen wir das auf, deiner Erfahrung nach?
Stefan Konrad
Tja, wenn ich das wüsste, mein Lieber, wie wir das jetzt so auf die Schnelle auflösen. Ich meine, ich muss auch sagen, dass es gibt ja auch in Wien mittlerweile Relaxed Performances von den Vereinigten Bühnen Wien. Wir nehmen das an, weil aber auch andere Komponenten an diesem Tag besser gelöst sind. Also es ist nicht so dunkel im Zuschauerraum, es gibt einfach mehr Rollstuhlplätze etc. Naja, und die Wahrheit oder die Lösung liegt wahrscheinlich irgendwo da dazwischen. Das ist ganz klar. Manchmal denke ich schon auch, dass es natürlich vielleicht auch einen Raum, einen Bühneneingang braucht, um oft auch ein bisschen in die Klärung von Situationen zu kommen. Wenn ein Schauspieler krank ist oder ein Sänger erkältet ist, dann gibt es ja auch eine Ansage vorab. Und vielleicht ist es manchmal auch notwendig, Begegnungsräume zu kreieren, wo eben auch klar ist, wie sind die Komponenten hier. Also ich bin selber oft so, dass ich mir denke, wäre das toll, wenn es da einfach eine Richtlinie gäbe und dann wäre es richtig und dann wären alle glücklich. Nur es ist dieses sich zusammenreiben. Und was die Kulturinitiative, die Theater dann vielleicht anbieten möchte, ist eben zu sagen, kann das nicht ein lustvoller Prozess sein, ein Prozess, wo wir aufeinander zugehen, wo wir Verantwortung übernehmen, wo wir Begegnung schaffen. Ich glaube einfach, dass das natürlich verschiedene Realitäten sind, die da aufeinander kommen, verschiedene Erwartungen sind, die wir an einen gewissen Abend haben. Und da hilft es einfach nur, in den Dialog zu gehen. Ich wüsste da keine andere Antwort, weil es sicherlich von jeder Sichtweise gute Argumente gibt, das so oder so zu sehen.
Fabian Burstein
Das heißt, es geht einfach darum, auch Mut zu ungeklärten Situationen zu haben und ein Bekenntnis, dass man diese ungeklärten Situationen einfach irgendwie im Gespräch auflösen muss, dass es aber dann nicht zwingend um gut, böse, richtig, falsch geht, sondern dass man einfach Erwartungshaltungen und Bedürfnisse abgleichen muss.
Stefan Konrad
Und was du auch sagst, das ist, glaube ich, auch sehr wichtig, weil diese Zeigefinger des richtig und falsch ja auch so ermüdend sind. Weil solange die Lobby da sitzt und das proklamiert, dann wird das einfach langweilig und man blockt. Und es geht, glaube ich, wirklich um dieses Öffnen und das ist ja auch bei uns und bei unseren Prozessen wahrnehmbar, ja, dass wir auch unsere Kunden unter Anführungszeichen, die müssen ja auch vorbereitet werden, geöffnet werden. Das ist ja, man kann ja, also es ist einfach so, dass die meisten Menschen mit uns das erste Mal ins Theater gehen, auch Theaterräume erstmals wahrnehmen, ein Ding, das wahrscheinlich für uns beide absolut unvorstellbar ist. Und dann denke ich mir auch, ich kann ja nicht die Leute einfach nehmen und sagen, jetzt haue ich die rein und da ist ja auch einfach dieses Gespräch vorab, die Sicherheit, wir haben so ein tolles Layout, so ein tolles Design, auch da schon, hey, einfach ein bisschen mit Spielspaß und Lust, die Leute zu ködern, zu sagen, hey, das wird ganz entspannt und das wird ganz lustvoll und da brauchst du keine Angst haben und vorher gibt es eben das Getränk und die Kinder sind versorgt und man bespricht sich und die Menschen, die schon länger mit dabei sind, nehmen die anderen mit. Und also das sind schon auch immer wieder ganz tolle Momente, dass oft die Eltern anfangen zu weinen, weil die das erste Mal im Theater in der Wien stehen und einfach in diesem Raum auch sind. Also es ist ja auch eigentlich eine Sightseeing-Tour für viele Menschen, die sich das einfach auch nicht leisten können.
Fabian Burstein
Also diesen Mut zur Uneindeutigkeit, den finde ich sehr spannend, spiegelt sich auch im Übrigen in dieser Sache in Würzburg damals wieder, weil da sind ganz untypische Konstellationen entstanden, wo man sagen muss, die Gewerkschaften, die Bühnengenossenschaft, die Musiker- und Orchestervereinigung, Verdi und so weiter, die haben sich gegen diese Relaxed Performances gestellt und haben gesagt, nein, wir sehen das als Schritt der Ausgrenzung und haben auch den Rücktritt des Intendanten gefordert, Klammer auf, der auch ansonsten schon in der Diskussion war, das muss man jetzt auch dazu sagen, also es war jetzt nicht so, dass der aus dem Stand gleich Schwierigkeiten gekriegt hat. Während zum Beispiel der Sozialverband VdK Bayern grundsätzlich gesagt hat, sie finden das gut, dass es solche Relaxed Performances gibt, Klammer auf, aber nur, wenn das ein Teil eben von unterschiedlichsten Angeboten ist und dass Menschen mit Behinderung auch Platz haben in regulären Vorstellungen. Das heißt, es ist kompliziert, es bleibt kompliziert und wir können das nur auflösen, indem wir einfach im Gespräch bleiben.
Stefan Konrad
Richtig. Absolut. Und was du auch noch sagst, weil du das immer, dieses Wort Mut auch, glaube ich, sehr gerne hast, ich denke mir halt immer, das ist ja so ein bisschen wie, wenn man weiß, was einem gut tut und man tut es dann nicht. Also es ist ja irgendwie klar, dass eine Horizonterweiterung und Vielfalt noch kaum einem Menschen geschadet hat. Und ich denke mir dann halt oft, ich weiß nicht, braucht das so viel Mut, um diese Schritte zu gehen? Ist das nicht eher so, dass man, also ich für meinen Teil, ich bin ja so, dass ich sage, wenn ich Weg A und B gehen kann und ich denke nach und ich dekliniere das weiter, dann ist ja der Weg zur Begegnung, zum Dialog, zur Vielfalt in der Potenz der viel intelligentere Weg. Und er ist auch der Weg, den ich eben mit einer gewissen Vergnüglichkeit beschreiten kann. Also es kann ja nicht eben immer so sein, dass wir sagen, das braucht besonders viel Courage und das braucht besonders viel Mut und das ist so anstrengend und sondern, ja, das braucht es auch, aber dieser Mut und diese Pflicht ist ja auch etwas unglaublich Schönes und Tolles, weil sonst würden wir ja alle nur auf der Couch liegen und uns weder fortpflanzen noch Opern schreiben und singen, noch sonst irgendwas machen.
Fabian Burstein
Ja, aber, und da bin ich jetzt der Advokat des Teufels, wenn ich bei wesentlich unkomplizierteren Dingen ansetze, zum Beispiel, dass ich jetzt mit meinem vier- oder fünfjährigen Sohn ins Klassikkonzert gehe, das ist schon ein gewisses Risiko, dass man nicht ständig angepflaumt wird, mit pikierten Blicken betrachtet und so weiter, weil ein Kind, das selbst das genießt und neugierig ist und viel zuhört, einfach Momente hat, wo es halt nicht wie ein E-Musikpublikum funktioniert. Da hilft euch aber wahrscheinlich das Gruppensein, oder?
Stefan Konrad
Definitiv. Ich glaube auch, dass das ein ganz großer Schlüssel ist und dass ich immer, wenn ich ein Feedback bekomme von einem Elternteil, wir haben ja auch die Initiative groß mit Fragebögen evaluiert jetzt im Dezember und da war das schon ein ganz häufiger Punkt, der uns widergespiegelt wurde, der Schutz der Gruppe, vor allem natürlich, du musst dir ja vorstellen, wenn wir jetzt natürlich in die Josefstadt gehen oder ins Landestheater Linz, dann sind wir eine kleine Gruppe, aber es gibt auch Theater, wo wir dann ja auch die Mehrheit sind, wenn da 30 Leute mitgehen und das ist dann schon, ja, da sind wir wirklich raumfüllend und ich finde das immer herrlich.
Fabian Burstein
Das heißt, da gibt es ja natürlich auch eine Verschiebung in den Machtverhältnissen, weil ihr seid es mehr.
Stefan Konrad
Ja. Und das ist vielleicht ja auch etwas, was wir von Kindern mitnehmen können, dass die Kinder ja solche Probleme eigentlich überhaupt nicht sehen, sondern wirklich hingehen, fragen, wenig werten und auch, ja, diese Berührungsängste total fallen. Also das ist schon auch immer ein toller Lernprozess. Ich meine, ich bin nicht jemand, der da so Hürden hatte, aber die Kinder leben uns da wirklich ein gutes Beispiel vor.
Fabian Burstein
Wir reden da jetzt sehr viel auf einer übergeordneten, auch ein bisschen abstrakten Ebene in dem Sinne, dass wir halt über Gruppe, über wo steht die Gruppe da drinnen, wie funktioniert das. Aber lass uns mal ein bisschen in die Mikroebene gehen. Was für Rückmeldungen gibt es denn da aus den Familien, die für dich exemplarisch zeigen, da haben wir was bewegt, emotional, sozial, vielleicht sogar langfristig in irgendeiner Haltung?
Stefan Konrad
Also es gibt die, die wirklich rückgemeldet wurden und es sind die Beobachtungen, die wir natürlich gemacht haben. Die Beobachtungen, die wir gemacht haben, ist natürlich ein Aufweichen und ein Öffnen, auch von den Kindern. Also wir haben sehr oft Familien, die kommen, wo auch eine gewisse Schüchternheit vielleicht oder so herrscht und natürlich mit der Zeit, mit den Jahren, mit den Terminen. Wir haben ja definitiv Wiederholungstäter und die Familien, die dann regelmäßiger kommen, die kommen auch vier, fünf Mal im Jahr und da ist man natürlich schon Familienmitglied und kann wieder kontinuieren und hat ein Gesprächsthema und ich finde wirklich total schön, dass wir auch in die Sorgenwelt dieser Familien aufgenommen werden. Also die Informationen, die wir bekommen, werden einfach immer ungefilterter und also ich hatte zum Beispiel jetzt diese Woche ein langes Gespräch mit einer Mutter, die trotz einer schwierigen familiären Situation, also man muss ein bisschen sagen, unsere durchschnittliche Familie ist eine alleinerziehende Frau mit zwei Kindern, von denen zu einem Drittel das Kind noch eine Behinderung hat und in den größeren Städten auch zu 25 Prozent Migrationshintergrund hat. Und die mich eben angerufen hat und gesagt hat, sie hat eine Brustkrebsdiagnose und wir haben auch eine Kinderbetreuung im Sommer und darum eine Ausnahme gebeten hat, die wir natürlich gegeben haben, weil wir auch eine Organisation sind, die Ausnahmen begrüßt und ja, irgendwo den Hörer zu nehmen und etwas von sich preiszugeben, dann funktioniert die Sache für mich. Ich fand das sehr ergreifend. Das ist eine Richtung, die wir haben und das, was wir rückgemeldet bekommen, ist eben hauptsächlich ein finanzieller Grund. Also gerade bei den größeren Produktionen wäre es unseren Familien nicht möglich, zwei, drei Karten zu kaufen, vor allem nicht regelmäßig. Die Gruppe, das haben wir schon angesprochen, auch diese Vertrautheit des gemeinsamen Weges, dass, ah, du bist wieder dabei, dass natürlich auch die Eltern dann noch gemeinsam auf den Spielplatz gehen oder auf ein Eis gehen. Also es entstehen ja da auch Verbindungen und was auch immer gespiegelt wird, einfach dieses, uh, die hat die gleiche Herausforderung wie ich, diese Familie, das Kind ist auch so oder die Situation ist auch so und ich bin nicht allein und ich bin auch nicht jemand, der das nicht auf die Reihe bekommt.
Fabian Burstein
Aber, entschuldige, du hast das jetzt in einem Nebensatz gesagt, aber ich muss das jetzt schon einmal rausschälen. Bitte stell ihn aus, den tollen Nebensatz. Rausschälen, ja. Du hast, glaube ich, in Bezug auf die großen Einrichtungen gesagt, ohne uns wäre es für viele Familien unmöglich, da einen Ticket zu kaufen. Also ich meine, das kann doch nicht unser Anspruch an soziale Gerechtigkeit sein, insbesondere, weil wir ja, meiner Meinung nach, zu Recht sehr, sehr viel Geld in die Hand nehmen, um Kunst- und Kultureinrichtungen zu stützen. Das wird dann eigentlich ein Angebot stützen, das erst wieder Menschen, die gut wirtschaftlich ausgestattet sind, zugutekommt.
Stefan Konrad
Nicht nur, aber. Naja, du sprichst schon etwas an. Ich sitze natürlich auch in meiner jetzt ganz persönlichen Entwicklung heute sehr oft anders im Theater. Also ich gehe auch privat noch immer viel im Theater und ich habe viele Freunde und Bekannte aus dieser Szene und bin dann natürlich schon so, wenn ich mir denke, dann kommt irgend so ein Glitzer-Pling-Pling auf die Bühne gefahren und ich kann mir ungefähr vorstellen, was das kostet, dann denke ich mir, puh, da würden wir ein halbes Jahr unsere Initiative finanzieren und inwieweit steht das eigentlich dafür? Und ich würde auch sagen, dass das nicht, dass wir das ändern müssen und dass das nicht das Ziel ist, ganz klar.
Fabian Burstein
Die große Herausforderung in dieser Debatte ist zum einen, die verschiedenen Kultureinrichtungen und Gewerke nicht gegeneinander auszuspielen und zum anderen nicht so ein Verschwendungsnarrativ rauszulassen. Aber wir müssen schon einmal darüber debattieren, natürlich, ob wir nur über das Thema "Es muss mehr Geld für Kultur beziehungsweise Valorisierungen geben", das ist eine Debatte, die können wir auch führen, aber wir müssen natürlich, und das hast du hier angedeutet, schon auch nachfragen, wofür wird das Geld ausgegeben?
Stefan Konrad
Ja, und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, die Frage ist auch, wohin kann sich Theater entwickeln als Institution? Also wenn ich jetzt diese Initiative hernehme und das hast du ja am Anfang auch schön herausgeschält, dann ist das ja eine Art von Dramaturgie, die sich um ein Theaterstück spannt. Und ich bin oft schon so, dass ich mir denke, interessant, wie einfallslos manchmal diese ach so kreative Szene ist, mit gewissen Herausforderungen umzugehen. Und da bin ich schon immer wieder sehr perplex, weil uns ja auch die Kulturgeschichte gezeigt hat, dass die Herausforderungen immer das Geniale herauskitzeln, sozusagen. Wenn man die Struktur in der Fuge von Bach hernimmt und sich überlegt, wie kreativ er diese Paradigmen gelöst hat, also dann ist ja im Grunde die Herausforderung fast schon das Notwendige, um kreativ zu werden, um weiterzuentwickeln. Und ich denke, dass es heute so viele Themen gibt, aber hallo, an denen wir das ausprobieren können. Und da ist sicherlich die Frage, ist dieses Reproduzieren einer Form von Theater, wie wir sie heute verstehen, zeitgemäß, denn diese Form hat sich ja sowieso immer geändert. Das war ja im Barock auch anders, als es heute ist. Und ich denke mir, sie darf bewahrt werden, sie soll bewahrt werden und dennoch gibt es, und dann sind wir wieder eigentlich wie immer bei dieser Suppe allerlei, aber wir dürfen andere Dinge ausprobieren. Und vielleicht ist die Theatertanten, vielleicht sind das unsere als Gruppe gesprochen, unsere kreative Lust, im Grunde dieses Thema neu aufzurollen. Weißt du, was ich meine? Also das hätte ja können, du hattest ja auch die neue Intendantin der Josefstadt hier.
Fabian Burstein
Zweimal sogar, ja.
Stefan Konrad
Zweimal sogar. Ich habe mir nur einen angehört und ich weiß zum Beispiel, dass es eine Ausschreibung gab, die eben eine Person jetzt dort positionieren möchte, die sich eben um diese Öffnung des Theaters, von der sie gesprochen hat, bemüht. Und ich denke mir, die Kulturinitiative, die Theatertanten, wäre zum Beispiel eine Möglichkeit zu sagen, wie kann sowas überhaupt aussehen? Und was du gesagt hast, diese Einstickungen, die wir von außen haben, die sind ja die Hürden, die wir genommen haben. Also das heißt, da ist ja niemand zu Hause gesessen und dann habe ich mit der Barbara Obermeier gesagt, wie können wir denn da jetzt besonders fancy und lustig sein? Sondern es gab das Problem der Anonymisierung und aus dem haben wir eine ganze Aktion gestaltet. Es gab das Problem der Finanzierung und wir haben uns gesagt, wie könnten wir möglichst interaktiv und inklusiv sammeln? Und dann bin ich wieder bei dieser lustvollen Art, dass ich sage, wir haben unglaublich viel Spaß gehabt, das umzusetzen und das ist so reich. Und ja, ich kann das nur vorleben.
Fabian Burstein
Ein Hermes Fettberg-Buch trägt den wunderbaren Titel "Die Krücke als Zepter". Das zitiere ich, diesen Satz zitiere ich, glaube ich, hundertmal im Jahr, weil er das beschreibt, was du sagst. Das Problem wird eigentlich zum Zepter einer tollen Lösung, die es auf eine neue Ebene bringt. Lass mich zum Abschluss unseres Gesprächs noch kurz auf die politische Ebene kommen. Aus dieser Gemengelage, die du da jetzt kennst, Inklusion, Diversität, Familienpolitik, Sozialpolitik, aber auch kulturelle Teilhabe, kulturelle Bildung. Kannst du, könntest du einen Wunsch formulieren, den du an die politischen Verantwortlichen hättest, der sich aus deiner Erfahrung speist und der unter Umständen einen großen Wurf bedeuten würde, was diese Themenfelder Kultur und Inklusion betrifft?
Stefan Konrad
Ich würde den Wunsch in eine Einladung ummünzen, mitzukommen. Weißt du, ich glaube einfach, irgendwas, ich bin gerade in so einer Phase, wo ich aufhören möchte zu bekehren. Ich habe so oft versucht, irgendwie darzustellen, wie es eine andere Möglichkeit gäbe. Ich glaube immer mehr, der bessere Weg ist, Verantwortung zu übernehmen, seine Version zu tätigen und die Türen offen zu halten und die Einladung auszusprechen. Kommt.
Fabian Burstein
An wen sprechen wir?
Stefan Konrad
An die Politik, an Theaterintendanten, an was auch immer. Es gibt, glaube ich, genug Möglichkeiten, sich Dinge anzuschauen und dann ist es das Tollste, einfach mal dabei zu sein, weil diese Menschen ja aus ihrem Kosmos und ihrem Arbeitsalltag dann vielleicht die eine oder andere Idee haben werden, wie sie die Sache runtermachen können.
Fabian Burstein
Das heißt hier die Einladung an alle in politischer Verantwortung, an die Theatertanten gehen mit dem österreichischen Parlament zusammen ins Kasperltheater. Das wäre es, oder?
Stefan Konrad
Das wäre schon, das fände ich wirklich sehr lustig. Und ich muss sagen, ein paar solcher Vignetten möchte ich noch erleben in meinem Leben. Gar nicht so, weil ich sie dann so fancy erfolgreich finde, sondern weil sie so schön schräg werden und genau dieses fantasievolle, verzerrte, das ja die Theatertanten auch sind, so toll abbilden würden. Ja, also stell dir doch vor, die Nachricht: Donald Trump kommt nach Wien und geht mit den Theatertanten und beeinträchtigten Kindern in deren Familien ins Theater. Das wäre ja ein Bild. Köstlich. Köstlich. Und dann schreibst du das Buch drüber und da haben wir dann ein perfektes Sujet-Bild.
Fabian Burstein
Lieber Stefan, vielen Dank für diese sehr lustvolle Stunde. Du sprichst ja sehr hedonistisch über diese nur scheinbar schweren Themen. Wir werden natürlich den Link zur Initiative in die Shownotes stellen. Das heißt, wer sich engagieren will, wer spenden will, wer auf die eine oder andere Art mit euch mitkommen will, kann dann da draufklicken, findet alle Kontakte. Vielen lieben Dank für deinen Besuch.
Stefan Konrad
Ich sage danke und ich nehme das an und ich hoffe auch viele andere Zuhörerinnen und Zuhörer. Unser Slogan ist ja, machen wir die Welt gemeinsam nestwärmer. Und das können wir eben nur in einem Miteinander.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.

Autor:in:

Livio Koppe

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