Bühneneingang
Ein Sommer in fünf Büchern - mit Katia Schwingshandl

Am Bühneneingang gehört das klassische Rezensionsformat weiterhin nicht zum Standardrepertoire – doch der bevorstehende Sommer ruft nach ordentlichen Empfehlungen. Statt Sternchenvergaben und Neuerscheinungsdruck gibt es wieder eine "Carte blanche" für Buchkultur‑Chefredakteurin Katia Schwingshandl. Sie hat fünf Titel mit ins Studio gebracht, die sie in den vergangenen Monaten besonders beeindruckt haben. Folge 103 feiert die Kulturtechnik Lesen und verrät auch viel über den Blick einer Literaturjournalistin, die lieber über subjektive Erfahrungen und gesellschaftliche Zusammenhänge spricht, als über Verkaufszahlen und Hypes.

Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Mein heutiger Gast ist Katia Schwingshandl. Als Chefredakteurin des Magazins "Buchkultur" kennt sie die deutschsprachige Literaturszene in allen Details und Schattierungen. Dieses Wissen fließt in ein 6-mal jährlich erscheinendes Printmagazin, Sonderhefte und das Newsletter-Format "Bücherbrief". Auf allen Buchkultur-Kanälen offenbart sich ein beeindruckendes Portfolio an Rezensionen, Interviews und Hintergrundgeschichten. Katia Schwingshandl war schon einmal am Bühneneingang und hat Bücher für das Weihnachtsfest empfohlen, mit viel positiver Resonanz. Ein guter Grund, nach ihren Lesetipps für den Sommerurlaub zu fragen. Natürlich wieder jenseits von Verlags-PR, Werbeeinschaltungen und persönlichen Beziehungen, ganz unabhängig und substanziell, wie man es am Bühneneingang und in der Buchkultur gerne hat. Liebe Katia, vielen Dank, dass du mich wieder hier besuchst. Diesmal ist es nicht bitterkalt, sondern ein bisschen heiß, oder?
Katia Schwingshandl
Das stimmt. Danke für die Wiedereinladung, auf jeden Fall. Ich habe mich total gefreut. Und ich liebe es immer, dass ich so motiviert werde, einfach nochmal so ein bisschen zu kramen und wirklich ganz unabhängig zu schauen: Was hat mir da am meisten getaugt?
Fabian Burstein
Mir ist ja aufgefallen, anhand unserer letzten Folge, dass das Thema der Buchempfehlung schon ziemlich zeitlos ist. Also das mögen die Leute, wenn man so eintaucht in diese Geschichten, sie ein bisschen vorgekaut bekommt und dann selbst nachlesen kann. Das ist schon ein Phänomen, oder?
Katia Schwingshandl
Auf jeden Fall. Also, das ist eh witzig, weil ich mich manchmal so über die... Also ich frage mich manchmal, was so die Sinnhaftigkeit von unserem Magazin ist. Es ist so lustig, weil wenn man da so ganz tief drinsteckt, dann denkt man sich manchmal so: Hm, wir reproduzieren ja einfach nur das, was da steht. Aber, und ich glaube, das habe ich letztes Mal auch schon angesprochen, es ist halt unglaublich, wie viele Neuerscheinungen da sind. Und sich da so ein bisschen in diesem Labyrinth zurechtzufinden oder so ein bisschen an der Hand genommen zu werden, kann ich irgendwie nachvollziehen, dass das eine gute Sache ist.
Fabian Burstein
Tatsächlich habe ich, glaube ich, von zwei Personen die Rückmeldung bekommen, sie haben mehr oder weniger eins zu eins das Portfolio nachgelesen, das du empfohlen hast. Das waren vier Bücher, und die haben genau diese vier Bücher dann gelesen. Sie fanden das herrlich, dass man nicht nachdenken muss, sondern einfach das übernehmen kann und gleichzeitig eben, dass es nicht so viele waren, also dass man erst wieder auswählen muss. Das heißt, diese Vorselektion ist anscheinend auch ganz angenehm.
Katia Schwingshandl
Das freut mich total, weil am Ende ist es natürlich eine Geschmacksfrage. Und ich habe dir auch natürlich dieses Mal wieder Bücher mitgebracht, die meinem Geschmack entsprechen. Also, ich hoffe, dass das auch ein bisschen universeller ist. Mal schauen.
Fabian Burstein
Gut, lass uns einfach gleich in Medias Res gehen. Du hast uns vier, nein, eigentlich fünf Bücher mitgebracht. Und das erste Buch dreht sich, super passend eigentlich für den Sommer, im weitesten Sinne um eine Sommerwoche in einem Haus am See, oder?
Katia Schwingshandl
Genau. Das war irgendwie so nett, weil wir haben ja letztes Mal auch schon über Leseorte geredet und so. Und das Buch verkörpert für mich einfach so ein bisschen sich auf den Sommer freuen. Also, es geht um eine Midsommernacht auch. Also, das sind dann gerade so die längsten Tage. Das Buch, also das heißt "Fast Abend, immer noch hell" von Linnea Meyer-Ernst. Das ist sehr lange auf der dänischen Bestenliste ganz oben gestanden. Und die Autorin war eben wahnsinnig erfolgreich damit. Man trifft auf eine Freundesgruppe rund um eine Protagonistin namens Sylvia. Und diese Freundesgruppe ist auf die lustigste Art und Weise miteinander verwoben. Also, zuerst noch dieses Setting, das ist einfach so irre idyllisch, aber es ist so eine ganz lustige, ironische Idylle auch gleichzeitig. Und ich würde sagen, die Worte "prickelnd" und "verheißungsvoll" sind da irgendwie noch so dabei. Die Freundesgruppe kennt sich noch aus Unizeiten. Und anhand dieses Buches, um das schon so ein bisschen vorwegzunehmen, wird auf eine total schöne Art und Weise so ein bisschen die wahnsinnig unkonventionelle Unizeit, die diese Personengruppe verbindet, entgegengestellt zu den jetzigen Lebensentwürfen. Also, ich habe das lustigerweise auch bei dem anderen Buch, das ich mitgebracht habe, wahrgenommen, dass das gerade so in einer Zeit, also für die, also dass es sich darum dreht, dass sich halt viele um die 30 oder so gerade so ein bisschen entscheiden müssen, in welche Richtung gehe ich mit meinem Leben. Und das ist da auch, beziehungsweise sind sie dann schon auf ganz unterschiedlichen Punkten, und das trifft so aufeinander, die treffen so aufeinander. Genau. Und es gibt auch dazwischen immer wieder so ganz nette Häppchen zum Nachdenken. Also, gerade für Literaturliebhaber*innen ist da einiges dabei. Da kommt irgendwie Virginia Woolf vor, Sylvia Plath. Und ich finde, das Buch verbindet einfach alles, was man gerne lesen möchte oder ich gerne lesen möchte, so ein bisschen.
Fabian Burstein
Jetzt sage ich was Böses, so dieses Sujet. Eine Freundesgruppe kommt nach einer bestimmten Zeit zusammen und stellt sich die Frage: Was ist aus uns geworden? Das ist ja schon nicht das erste Mal, dass das aufgegriffen wurde. Wie stehst du zu solchen literarischen Wiederholungen? Bist du auch einer von denen, der sagt: Ja, es gibt Jahrhunderte, Jahrtausende alte Regeln des Erzählens und Themen der Erzählungen, die können ruhig immer wieder durchgekaut werden. Das ist einfach angenehm, erprobt, das geht rein. Oder denkst du dir auch manchmal: Naja, jetzt könnte dann auch mal wieder ein anderes Motiv daherkommen?
Katia Schwingshandl
Absolut. Mir geht das halt ganz oft so. Also, mir begegnen die Bücher ja als allererstes mal in den Vorschauen. Und da ist es halt so häufig, dass du 10.000 Mal dasselbe liest. Und das Schlimme ist dann, dass die Verlage in den Vorschauen sich dann halt immer wieder versuchen zu übertreffen und die ärgsten Adjektive da irgendwie raushauen. Eben, es ist prickelnd und verheißungsvoll, das sind eh dann solche Keywords. Und dann denkt man sich irgendwann so: Puh, ja, das nächste schon wieder. Und das Schöne ist dann, und das ist halt irgendwie das Schwierige, aber auch gleichzeitig das Coole an meinem Job, wenn du dann in die Bücher reinliest und dann hängen bleibst und siehst, das lässt sich eigentlich gar nicht so zusammenfassen, sondern da steckt halt so viel mehr drinnen. Und das ging mir jetzt bei diesem Buch tatsächlich so, weil da auf eine schöne Art und Weise auch zum Beispiel so Gender thematisiert wird. Also, da ist zum Beispiel auch ein Transmann dabei. Dann ist da eine, also die Sylvia ist zum Beispiel mit einer Frau zusammen, die aber gleichzeitig, das hat mich auch sehr fasziniert, dass das so beschrieben wird, als total leicht männlich lesbar und gleichzeitig von diesem Transmann beneidet dargestellt wird. Und dann gibt es zum Beispiel die Spannung, dass dann ein Paar, das sehr spontan dann an diesem Wochenende heiraten möchte, der eine Mann ist eben Schriftsteller, der Espen, und in den ist dann endlich die Sylvia verliebt. Und also einfach diese witzigen und ja, aufregenden Spannungen, die da halt dann zwischen diesen Charakteren so schwelen. Und gleichzeitig wird auch, und eben nie ganz ernst, sondern immer so ein bisschen mit einem Augenzwinkern verhandelt. Zum Beispiel liest diese Sylvia eben wahnsinnig gern Virginia Woolf und kriegt dann von diesem einzigen Cis-Mann, der dort da ist, oder ich glaube, nein, es sind zwei, aber von einem von denen halt so um die Ohren gepfeffert: Puh, was ist das schon? Ich lese lieber Detektivromane. Also, es ist dann so männliche Literatur, weibliche Literatur. Und das hat einfach voll meinen Nerv getroffen, irgendwie.
Fabian Burstein
Ich meine, da gibt es, ich glaube, da geht es jedem so, da gibt es zwei Seiten. Zum einen weiß man, so alt kann man gar nicht werden, dass einem schon noch irgendwie diese Dramatik der jungen Jahre, die Liebesbeziehungen, die Freundeskreise, die Verwerfungen, die auch rund um Liebesbeziehungen entstanden sind, das ist den meisten Menschen noch präsent, auch wenn sie altersmäßig da schon distanziert sind und in völlig anderen Lebenssituationen sind. Zum anderen wirkt das, was du da beschreibst, dann schon auch sehr hier im Zeitgeist konstruiert. Also, es wird Queerness verhandelt, es werden Beziehungsmodelle verhandelt und so weiter. Wie schafft es die Autorin, dass du eben nicht sagst: Ah, das ist so ein klischeehafter Reisbreitroman fürs Hier und Jetzt, sondern nein, das ist ein Roman, den hat sie jetzt gebraucht und der hat mich zutiefst berührt, auch in diesen Facetten eben.
Katia Schwingshandl
Also, ich muss gestehen, dass mir schon zwischendurch auch immer wieder dieser Gedanke der Konstruiertheit gekommen ist. Da hast du genau das richtige Wort auch gewählt, gerade wenn es dann irgendwie in so theoretisierende Passagen geht oder so. Aber ich finde, eine wichtige Sache ist immer, wie umfangreich ist der Text, wie viel steckt da drinnen, wie wird es uns gefüttert, so. Und wenn das im richtigen Ausmaß passiert und das immer wieder richtig abwechslungsreich ist und auch dieser Leserhythmus passt, dann gefällt mir das Buch. Also, es gibt wahnsinnig viele Bücher, wo sich dann genau sowas Theoretisierendes über so viele Seiten zieht und wo du dann irgendwann aussteigst. Und das ist gerade jetzt auch für so Sommerlektüre ein bisschen mein Anspruch gewesen, dass das abwechslungsreich ist. Und das ist es auf jeden Fall.
Fabian Burstein
Das Buch ist erschienen im S. Fischer Verlag. War das in Österreich und in Deutschland beziehungsweise im deutschsprachigen Raum auch so erfolgreich?
Katia Schwingshandl
Würde ich jetzt, also bestimmt nicht so erfolgreich. Also, ich habe jetzt auch von ein paar Leuten tatsächlich gehört, dass ihnen das gar nicht so sehr gefallen hat. Also, es dürfte wirklich auch eine Geschmacksfrage sein. Und anscheinend holt das in dem Fall das skandinavische Publikum mehr ab. Aber ich habe nichts dagegen, es vielleicht hiermit ein bisschen zu pushen.
Fabian Burstein
Okay, aber das heißt, zusammenfassend kann man sagen, dieses Theoretisierende, das ja auch wirklich manchmal anstrengend sein kann. Ich denke da zum Beispiel an Thomas Meinecke, der ja stark popkulturell verankert ist und wirklich ja schon toll schreibt, aber es ist halt wirklich auf einer Meta-Ebene. Da fragt man sich, ist das wirklich ein Roman, ist das eine Geschichte oder ist das eine abstrakte Form von Textkunst? Das ist hier nicht der Fall. Also, das ist schon eine gut gestrickte Geschichte, die man im Sommerurlaub lesen kann.
Katia Schwingshandl
Genau, und die auch diesen Spannungsbogen halt so ultimativ aufzieht und so leserinnenfreundlich. Und was natürlich logisch auch ein Faktor ist, ist einfach, es ist halt eine Übersetzung. Und genau, das kann halt voll einschlagen im deutschsprachigen Raum, muss aber nicht. Da werden natürlich schon eher die deutschsprachigen Autor*innen mehr wahrgenommen.
Fabian Burstein
Das Besondere an dem Ding ist ja auch, es ist ein Erstling. Ich glaube, es ist ja Debütroman, was ich gelesen habe. Denkst du dann, wenn du sowas liest, auch darüber nach, was das zum Beispiel erzählt über eine regionale Kulturszene, also zum Beispiel über die dänische Literaturszene im Hier und Jetzt?
Katia Schwingshandl
Ja, durchaus. Also, ich habe oft das Gefühl, dass das dann doch wirklich von Land zu Land total unterschiedlich ist, auch halt, welche Art von Literatur da gerade gefeiert wird. Und ja, aber ich habe da echt zu wenig Einblick, muss ich gestehen. Würde mich aber auch interessieren.
Fabian Burstein
Ja. Lass uns springen. Du hast ein Buch mitgebracht, das mich überrascht hat, nämlich vor folgendem Hintergrund. Wir haben das letzte Mal darüber gesprochen, dass du keine Sachbücher mitgebracht hast. Und ich habe dich dann gefragt, auch dazu, warum nur Literatur? Es gab darauf jetzt keine letztgültige Antwort, aber man hat gemerkt, irgendwie dein Impuls hat dich straight ahead zu vier Romanen geführt. So, und jetzt haben wir den ersten Ausreißer hier. Du hast dir ein Buch vorgenommen, vorgeknöpft für diese Stunde, das sich rund um Ingeborg Bachmann dreht.
Katia Schwingshandl
Genau. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich letzten Mal wirklich so aus dem vollen letzten Jahr schöpfen konnte, quasi. Und das jetzt witzigerweise eher so ist, dass ich Richtung Sommer noch so ein bisschen auf so richtige tolle Romane warte. Also, ich habe da so ein paar im Verdacht, dass es da noch so richtig, richtig gute Bücher geben wird. Aber die, die mich jetzt beschäftigt haben, haben natürlich auch ganz viel mit gewissen Ereignissen zu tun, die gerade so stattgefunden haben. Also, es ist die Bachmann, um das jetzt gleich schon hier einzuführen, dieses Buch, das ich mitgebracht habe. Die Bachmann ist ja, die hätte ihren hundertsten Geburtstag gehabt. Und mit der Ingeborg Bachmann, also das klingt irgendwie blöd, aber mich verbindet auf eine gewisse Art und Weise was mit ihr. Sie fasziniert mich, genauso wie wahrscheinlich alle anderen. Und das war eins der ersten Bücher, zu denen ich jetzt gegriffen habe, wie du mich gefragt hast, weil das so ein unglaublich netter Zugang ist. Also, ich kann das gleich erklären, dass es von einem Zeichner namens Jörg Schorn, der, und das ist das Einzige, was er mit der Bachmann zu tun oder gemeinsam hat, so auch in Klagenfurt geboren ist, aber das war es dann auch schon. Und ich habe hier dieses Büchlein mitgebracht, wo Stationen aus ihrem Leben sehr verdichtet, nachgezeichnet sind und auch in so kurzen Textchen irgendwie man so durch diese Lebensstationen durchgeht. Und soll ich gleich erzählen?
Fabian Burstein
Unbedingt, ja. Rein in die Story.
Katia Schwingshandl
Ja, weil sein ungewöhnlicher Zugang ist, dass er mit ihrem Tod beginnt. Also, das, was quasi am bekanntesten von ihr ist, diese Legende, die damit irgendwie verknüpft ist, wie sie da gestorben ist, damit steigt er ein. Und dadurch wird das ganze Buch so zu einem Zirkel.
Fabian Burstein
Für Nicht-Bachmann-Kenner, was ist die Legende? Kannst du die kurz erzählen?
Katia Schwingshandl
Ja, also das war in ihrer Wohnung in Rom. Und das ist das, was man so gemeinhin kennt, dass sie mit ihrer Zigarette eingeschlafen ist, die so sehr gebrannt hat, dass sich tatsächlich das Nachthemd irgendwie, dass das auf ihrer Haut geschmolzen ist. Was man dann weniger weiß, und das wird dann auch gleich thematisiert, ist, dass sie wahnsinnig stark tablettenabhängig war. Und eigentlich in weiterer Folge, weil man dann nicht genau wusste, was für Tabletten das waren, an den Entzugserscheinungen auch gestorben ist. Genau.
Fabian Burstein
Also, ihr Todesnarrativ wird eingeordnet beziehungsweise korrigiert.
Katia Schwingshandl
Genau, genau. Und auch diese, eigentlich ist das dann auch gleich so ein Einstieg im Sinne von dieser riesengroßen Scham, die da auch dahinter gesteckt ist. Die Familie, die versucht hat, das zu vertuschen, dass sie so stark tablettenabhängig war, die, ich glaube, das dann sogar in diesem Buch steht auch drinnen, dass dann sogar irgendwelche Ärzte aus der Schweiz angereist sind und dann tatsächlich so eine Mordklage irgendwie angebracht haben. Auch alles, um zu vertuschen, dass sie eigentlich mitschuld waren, weil sie ihr immer diese Tabletten verschrieben haben. Genau, so Benzos und so. Da kenne ich mich nicht so gut aus.
Fabian Burstein
Starke Beruhigungsmittel.
Katia Schwingshandl
Genau, genau.
Fabian Burstein
Okay. Und diesen Kunstgriff zieht er dann wie durch? Also beginnt er nur, weil das passiert ja öfters, dass man mit dem Ende, wie es endet, beginnt und dann wird das chronologisch dorthin erzählt. Ist das dort auch so oder macht er das dann konsequent weiter, dass er sich quasi reverse durch das Leben arbeitet?
Katia Schwingshandl
Nein, dann geht es wieder von Anfang an los. Also, dann sind wir in Klagenfurt und da habe ich, lustigerweise bin ich da vorgestern oder so über Instagram auf eine auch total eindrückliche Anekdote gestoßen. Es gab ja jetzt irre viele Biografien über die Bachmann zu diesem Anlass.
Fabian Burstein
Eben 100 Jahre, 100. Geburtstag.
Katia Schwingshandl
Genau, und dann auch noch 50 Jahre Bachmann-Preis.
Fabian Burstein
Das noch, ja. Der ja übrigens vor kurzem erst zu Ende gegangen ist.
Katia Schwingshandl
Genau, vor zwei Wochen.
Fabian Burstein
Vor zwei Wochen, also eine Kumulation.
Katia Schwingshandl
Genau, Riesenzufall. Und dann ist mir über Instagram so ein Ausschnitt von einer Biografie von der Andrea Stoll begegnet. Und da war halt so, da ist ziemlich gut rausgekommen, was für eine arge Frau die Bachmann war und zwar schon mit 18. Sie war ja genau eigentlich Richtung Kriegsende Maturantin und ihre ganze Familie, also die Mutter hat die ganze Familie eingepackt und sie sind nach Oberfellach, wo irgendwie die Familie her war, geflüchtet, damit sie da nicht in diesem Bombenregen gegen Kriegsende eben stehen. Und die Bachmann, die so unbedingt die Matura aber machen wollte, blieb im Elternhaus ganz alleine in diesem Winter auch, wo alle Fenster zerborsten waren, ist da immer wieder runter in den Keller, in den Bunker, um sich zu schützen. Dann schreibt sie auch irgendwann mal davon, so, ja, jetzt hat es irgendwie die Nachbarn getroffen und die ganze Nachbarsfamilie und der Hund sind gestorben. Und sie, die einfach so genug hatte dann vom Krieg, hat sich einfach getraut, dem Tod in die Augen zu schauen, indem sie im März 1945 ihren Sonnenstuhl ausgepackt hat und sich da einfach vorm Haus in die Sonne gelegt hat und quasi, ja, einfach komplett bad bitch.
Fabian Burstein
Also, das heißt, man spürt hier schon einen extremen Charakter. Das arbeitet das Buch gut raus.
Katia Schwingshandl
Genau, das war jetzt aus dem anderen Buch.
Fabian Burstein
Ah, okay.
Katia Schwingshandl
Genau.
Fabian Burstein
Ja, ja.
Katia Schwingshandl
Nur das. Aber das ist mir jetzt gerade so zuletzt so hängen geblieben. Und das Buch, finde ich, macht wahnsinnig gut. Also, wie gesagt, das ist sehr übersichtlich. Man kann da auch schnell durchblättern, um so eine Idee einfach von dem ganzen Leben zu bekommen. Die Werke und die Lyrik wird auch wahnsinnig gut eingeordnet. Zum Beispiel, wie dieses Gedicht "Böhmen liegt am Meer" entstanden ist oder wie genau sie einfach an diesen Texten gearbeitet hat. Und auch gleichzeitig, weil keine Biografie kommt wahrscheinlich aus, ohne diese ganzen Männer in ihrem Leben mit aufzuarbeiten. Aber das ist, finde ich, hier wahnsinnig gut gemacht.
Fabian Burstein
Da gibt es ja sehr berühmte Namen, die da in Verbindung stehen. Böll, Frisch, also da waren ja einige.
Katia Schwingshandl
Zehlern.
Fabian Burstein
Zehlern, genau. Also einige Wegbegleiter auf unterschiedlichste Art und Weise, die sie mitgeprägt haben.
Katia Schwingshandl
Genau. Und da kommt halt irgendwie meiner Meinung nach wahnsinnig gut raus, dass sie da irgendwie auch gleichzeitig fast wie so ein Spielball war und also wahnsinnig unzufrieden, wahnsinnig unglücklich und halt aber immer wieder versucht hat. Also, sie ist nie müde geworden, irgendwie dieses Glück zu suchen. Und dann, wie tragisch schiefgegangen einfach diese ganzen Sachen sind. Zum Beispiel gibt es ja diese eine Anekdote, die kommt jetzt in dem Buch vor, wo sie, nachdem sie dann mit Paul Zehlern, also da gab es so zwei Episoden eigentlich in ihrem Leben, aber sie sind eben immer über Briefe in Kontakt geblieben. Und dann trifft sie irgendwann, nachdem das schon so ein bisschen ausgeklungen ist, die Ehefrau von Paul Zehlern. Und anstatt, dass die sich jetzt irgendwie bekriegen, beschließen sie quasi Solidarität. Und das fand ich zum Beispiel auch wahnsinnig schön.
Fabian Burstein
Aber siehst du das nicht kritisch, diese starke Koppelung einer literarischen Frauengeschichte dann erst wieder mit Typen?
Katia Schwingshandl
Ja, sehr, eben. Gleichzeitig ist aber natürlich ihr Leben und Schreiben auch nicht ohne diese Stationen eben in ihrem Leben oder ohne diese Männer, auf die sie auch getroffen ist, zu verstehen. Aber das gilt ja für männliche Autoren genauso. Das Problem ist wahrscheinlich, dass das so hervorgehoben wird. Und das Problem ist auch, dass meines Wissens nach, dass ihr Ableben so schnell gekommen ist, dass das auch nicht rechtlich geregelt war, wie das zum Beispiel mit so Briefverläufen oder so dann ausschaut mit der Veröffentlichung. Das ist durchaus kritisch zu betrachten. Ich verstehe aber auch alle Leute, die sagen, ich bin so glücklich, dass wir da ihre Worte lesen können. Also, es ist eine schräge Verquickung natürlich. Und man muss wahnsinnig aufpassen, wie man das liest und wie man sie einordnet, was man in sie hineinprojiziert. Aber gerade Lyrik und Gedichte sind, glaube ich, fast immer nur aus der Biografie der Autor*innen heraus lesbar.
Fabian Burstein
Nur damit man versteht, wenn man sich dieses Buch kauft, ist das jetzt eine illustrierte Biografie? Ist das eine Graphic Novel? Wie kann man das einordnen?
Katia Schwingshandl
Ja, ich würde sagen, etwas dazwischen. Also, es sind wirklich so Geschichtchen, aber auf jeder Seite ist eine wunderhübsche Zeichnung in so Schwarz, Weiß, Magenta abgebildet. Genau.
Fabian Burstein
Gut, Ingeborg Bachmann hätten wir in deinem Portfolio und damit eine Premiere Non-Fiction hier von dir präsentiert. Ich will zu einem weiteren Buch kommen, das du mitgebracht hast und das insofern einen tagesaktuellen Bezug hat, weil wir ja eine bombastische Hitzewelle hinter uns haben. Und das Buch, Entschuldigung jetzt für diese platte und plakative Eselsbrücke, das Buch heißt "Hitzetage", wurde geschrieben von Oisín McKenna. Erzähl, was hat dich da begeistert? Um was geht es?
Katia Schwingshandl
Das ist wahnsinnig lustig, weil ich bin tatsächlich auch nur wegen dieser Plattheit jetzt auf das Buch gekommen. Obwohl, nein, eigentlich nicht. Halt, stopp. Bei dem Buch ist es am längsten her, dass ich es gelesen habe. Da muss ich kurz auf meine Lesegeschichte eingehen, weil ich habe das auf Sizilien gelesen und hatte da das Leseexemplar noch nicht. Das heißt, ich habe das echt am Handy auf meinem Sonnenbalkon, da war es Gott sei Dank warm, also die Hitzetage konnte ich mir so ein bisschen vorstellen, habe ich das so durchgesüchtelt. Und man ist halt rein versetzt, um kurz das Setting zu erklären, in London zur heutigen Zeit. Und es ist ein bisschen ähnlich wie das erste Buch, das ich mitgebracht habe, weil es auch eigentlich eine große Gruppe an Menschen abbildet, die irgendwie miteinander in Verbindung stehen. Und das Anfangssetting, das war ja jetzt auch verrückt, einfach weil das genauso eingetreten ist. Ich habe das eben schon im Jänner gelesen und dann gab es den Timmy, den Wal. Und das Buch steigt auch genauso ein. Ein Wal strandet in der Themse, komplett absurd. Und genau, dieser Wal kommt halt auch immer wieder zwischendurch vor. Und es ist irgendwie auch so ein verrücktes Bild oder so ein, du wirst halt immer wieder daran erinnert, Klimawandel existiert, alles ist irgendwie furchtbar schwerfällig. Das finde ich, bildet es auch ganz gut ab in dieser Hitze. Und im Endeffekt, was mir in dem Buch so gut gefallen hat, also es geht eben auch um Leute, die gerade vor gewissen Lebensentscheidungen stehen, so um die 30. Und man schaut aber wirklich in den Kopf von jedem einzelnen rein. Also, das switcht wahnsinnig charmant die Perspektiven. Und zum Beispiel die Maggie ist schwanger und ist aber eigentlich die ultimative Partymaus und traut sich auch zum Beispiel nicht, das jetzt irgendwie jemandem zu sagen und hadert ein bisschen damit, wie sich jetzt ihr Leben ändert. Oder zum Beispiel ihr bester Freund, der Phil, ist in seinen Mitbewohner, den Keith, verliebt, der ihm das schon noch irgendwie zurückgibt. Bloß ist halt dieser Keith eigentlich mit jemand anderem zusammen, was sich dann auch ganz lustig auflöst. Und was mich an dem Buch so fasziniert hat, obwohl das, finde ich, relativ schwer fassbar ist, weil im Endeffekt ist das Tollste an diesem Buch, wie sehr man mit diesen Leuten mitgeht und wie sehr man in die Köpfe reinschauen kann. Aber ich würde sagen, wenn es auch sehr schwer ist, ein Motiv festzumachen, aber eins ist auf jeden Fall diese Unfähigkeit, sich Dingen zu stellen und gleichzeitig aber auch, irgendwo passiert das dann im Laufe von diesem Buch. Und wenn man sich dann gestellt hat, dann so ein bisschen mit den schlimmen Dingen, die im Leben passieren, leben zu können. Und ich habe mir dann notiert, einen Satz, den ich mir damals eben schon rausgeschrieben habe und der mich seitdem immer wieder so ein bisschen umtreibt. Das ist: Jeder muss sich selbst grundsätzlich als gut begreifen, als Held seines eigenen Lebens. Und das ist halt so dieses Spannungsfeld, wo sich diese ganzen Charaktere auch drinnen bewegen.
Fabian Burstein
Wie ich deine Bücherliste bekommen habe, bewusst erst gestern, damit ich nicht schon so voll da drinnen bin und dass deine Erzählung im Vordergrund steht, habe ich mir gedacht, und ich bin dann natürlich reingegangen in die Buchbeschreibungen, auch bei den Verlagen und so weiter, habe mir gedacht, okay, dieses Hitzetage, ich habe tatsächlich kein einziges davon gelesen, das war letztes Mal anders, da habe ich "Ostblockherz" gelesen gehabt. Und da habe ich mir gedacht, okay, klingt irgendwie schon auch wieder ein bisschen wie dieses erste Buch, fast Abend immer noch hell, also schon wieder 30 somethings, die so ein bisschen sich in ihren Lebenskrisen suhlen, aber irgendwie ein bisschen politischer. Ist das ein richtiger Eindruck, dass das schon ein Buch ist, das vielleicht etwas mehr oder etwas raffinierter mit diesen, auch mit Themen wie Queerness umgeht, mit Themen wie Klasse, soziale Klasse und so. Also, das kam für mich irgendwie so ein bisschen raus.
Katia Schwingshandl
Ja, vielleicht ist bei dem "Fast Abend immer noch hell" das alles ein bisschen direkter so und eigentlich passiert da auch gar nicht so viel. Oder es ist halt auch, lustigerweise, es sind beide Tage auch auf beide Bücher, die spielen sich an wenigen Tagen ab. Also, eigentlich gibt es da relativ viele Parallelen. Und ja, in dem Hitzetage ist das vielleicht ein bisschen hintergründiger. Also, es ist eben, wie gesagt, so Klimawandel, der so mitschwingt, einfach mit dieser bedrückenden Hitze, die so arg beschrieben wird oder einfach so Headlines, die einem manchmal so entgegenspringen, die so wie nebenbei kommen, so Brexit oder so. Auch dieses Gefühl, dass man eigentlich aufgeben will, dass es einen eigentlich gar nicht mehr freut, da jetzt so weiterzumachen. Und ich würde sagen, in dem Sinne ist "Hitzetage" realistischer und auf eine angenehme Art und Weise. Also so, ja, man findet sich auf jeden Fall mehr wieder, während dieses "Fast Abend immer noch hell" so verträumter ist, wahrscheinlich.
Fabian Burstein
Ja, ich habe ja, also wie du es mir geschickt hast, wie ich mir diese beiden Bücher angeschaut habe, ist zuerst mein innerer Zyniker durchgekommen, eben mit diesem, immer diese montierten Freunde ringen mit ihrem Leben, stehen in der Mitte oder am Ende des ersten Drittels haben eine Krise. Und dann habe ich mich aber eigentlich zurückerinnert, was für Bücher mich zum Beispiel in jungen Jahren total geflasht haben. Und das waren halt so Bücher wie "Darkest Couple", "Generation X", wo so kaputte Generationen reflektiert haben und trotzdem auch zu so faszinierenden Role Models geworden sind, auch in ihrer Kaputtheit.
Katia Schwingshandl
Findest du, ist das generationenabhängig so?
Fabian Burstein
Schwer zu sagen. Also, ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich bin, glaube ich, ein bisschen älter als du, aber grundsätzlich können wir, glaube ich, einer Generation zugerechnet werden. Ich bin schon so ein Kind der Popkultur. Und ich glaube schon, dass die Popkultur oder diese Popliteratur im Rahmen der Popkultur, dass die diese Erzählungen noch einmal gepusht hat, weil die Sprache einfacher geworden ist, direkter.
Katia Schwingshandl
Ja, ich glaube, darüber haben wir auch letztes Mal ein bisschen geredet, dass Literatur oder Geschichten auch so zugänglich sein sollen und dass immer so mein Anspruch an die Bücher, die ich lese, dass man sich da eben drin wiederfindet und dass es gute Geschichten sind, as simple as that.
Fabian Burstein
Also, bei deinen Tipps ist mir, und das war für mich auch ein schöner Moment, ich habe mich plötzlich, ich weiß nicht warum, an ein Buch erinnert, das ich wahrscheinlich so mit 18 gelesen habe, ein Roman von einem gewissen Enrico Remmat, ein Italiener, glaube ich, und das hieß "Love Never Dies", also ein schrecklicher Titel. Das Cover war wirklich eines der grauenhaftesten Covers, was ich je gesehen habe, so ein Typ mit so braun gebrannt, mit so abrasierten Haaren und so einer Rayfor-Brille oben drauf. Und das Buch selber spielt halt, ich glaube auch so bei "30 Somethings", ich bilde mir ein, es spielt in Turin, jedenfalls in Italien. Und das war ein Roman, der hat einem die Schuhe ausgezogen, so wie du es beschreibst. Also, er hat über Krisen, über Hoffnungen, über Beziehungen, über Drogen. Also, es war wirklich ein fantastischer Roman. Und die sind halt oft nicht so leicht einzuordnen in literarischen Kategorien.
Katia Schwingshandl
Ja, das sind auch oft Romane, wo man sich so wünscht, die hätten noch viel, viel mehr Seiten und man kann noch viel, viel länger in dieser Welt verharren, irgendwie. Das ist mir bei "Hitzetage" auf jeden Fall so gegangen.
Fabian Burstein
Das heißt, bei dir höre ich raus, dass "Hitzetage", das war am ersten dieses Binge-Reading-Momentum von dem bisherigen Treffen.
Katia Schwingshandl
Total. Allein durch die Tatsache, dass ich das wirklich auf meinem Handy gelesen habe und dann nicht aufhören konnte. Und vielleicht noch eine lustige Side Story, die Journalistin in dem Buch, die über diesen Wal immer wieder berichtet, sieht anscheinend der Princess Diana wahnsinnig ähnlich. Und dann wird sie einfach auf "Princess of Wales" mit stummem H eben, wie H, getauft. Und der Verlag, also sehr großartig, es kommt jetzt immer mehr so Buch-Merch auf. Und der Verlag, der Residenzverlag, ist tatsächlich ein österreichischer Verlag. Und der ist da aufgesprungen und hat so Kappen gedruckt mit "Princess of Wales". Mit dieser Kappe laufe ich jetzt manchmal durch die Stadt und ich glaube, keine Sau. Keine Seele versteht das, warum ich gerade so eine Kappe trage.
Fabian Burstein
Das heißt, das ist ein Geig, den kann man nur bei der Buch Wien oder irgend sowas zündet, der ansonsten eher weniger.
Katia Schwingshandl
Genau. Aber ich finde es großartig immer.
Fabian Burstein
Gut, dann lass uns jetzt endlich rausgehen aus den Generationengeschichten der 30-Jährigen und ihren Krisen und Krischen. In einem weiteren von dir ausgewählten Buch geht es um einen Siebenjährigen.
Katia Schwingshandl
Genau, genau. Also, ich habe noch mitgebracht den Roman "Prosopon" von Anna Fellenhofer.
Fabian Burstein
Bei Luftschacht erschienen.
Katia Schwingshandl
Bei Luftschacht erschienen, genau. Und weil wir vorhin gesagt haben, so keine Beziehungen und so, ich glaube, ich habe letztes Mal schon gestatet, dass ich den Leon Engler ein bisschen kenne. Und in dem Fall kenne ich die Anna Fellenhofer ein bisschen. Ich habe sie beim Bachmannpreis kennengelernt. Vielleicht schließt sich so ein Kreis. Und lustigerweise konnte ich mit ihrem allerersten Roman, dem Debütroman, ich glaube, es hieß "Schnittbild", prove me wrong, nicht so viel anfangen. Und bei dem Roman jetzt war ich in erster Linie mal ganz abseits von Inhalt wahnsinnig begeistert von der Art und Weise, wie sie ihre Sätze setzt, wie sie ihre Sprache findet, weil der Inhalt einfach so irre schwer und tragisch ist. Und sie schafft es, so fast ein bisschen indirekt zu erzählen und mit ihren Sätzen auch eine Art von Distanz zu schaffen, die es möglich macht, so eine Geschichte zu erzählen. Und sie ist klinische Psychologin, was dann vielleicht den Inhalt ein bisschen besser erklären kann. Es geht nämlich um ein, gut, in erster Linie um ein sterbendes Kind nach einem Unfall und um den Vater von dem Kind. Also, man taucht dann in ganz viele biografische Details aus dieser Familie ein. Und dieser Vater hat eine Gesichtsblindheit. Das ist eben diese, dass ich es jetzt richtig sage, Prosopagnosie. Genau, also deshalb Prosopon, der Buchtitel. Und also dieses Kind ist im Koma. Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von der Mutter Johanna erzählt. Und der Vater, der hat auch mehrere Namen, also auch auf das kommen wir dann. Also, der heißt eigentlich Johann, heißt aber dann zu dem Zeitpunkt von dem Buch Jakob und hat da auch irgendwie ganz viele andere Namen schon. Und da tauchen wir auch ein in diese fürchterliche Geschichte, was das mit einem Menschen macht, der diese Gesichtsblindheit hat, der quasi seine Liebsten eigentlich gar nicht erkennt.
Fabian Burstein
Das ist eine kognitive Störung, nehme ich an. Also, es ist eine bestimmte Form von neurologischer Erkrankung oder wie darf man sich das vorstellen?
Katia Schwingshandl
Genau, also einfach dieses Nicht-Wiedererkennen von Gesichtern. Ich schaue mir da immer ganz gerne dann das Cover an. Auf dem Cover ist einfach ein Kopf ohne Gesicht. Und ich weiß nicht, ob das dann für diese Menschen genauso wirkt, aber es ist einfach, ja, du erkennst mich. Ich denke mir immer, wenn ich meine Brille nicht aufhab und mir kommen Leute auf der Straße entgegen, dann kann ich mir auch nicht sicher sein, ob das gerade jemand ist, den ich kenne oder nicht. Ich habe das jetzt irgendwie immer versucht, so ein bisschen zu spiegeln. Und der, also um da weiter in der Geschichte zu gehen, der Vater hat eben auch ganz, ganz arge Misshandlungen durch die Mutter durchgemacht. Die war schwere Alkoholikerin. Und in weiterer Folge verstehen wir dann irgendwann, dass auch dieses Kind eine bestialische Seite hatte und oder hat. Also, es ist zu dem Zeitpunkt noch nicht gestorben. Und mir ist irgendwie aufgefallen, dass bei diesem Buch sich die Rezensionen allesamt ein bisschen abmühen und dass das gar nicht so einfach ist zu fassen, weil es einfach so viele, also einerseits eben durch die Sprache, die auf eine bestimmte Art und Weise auch fast interpretierbar ist, aber wo du gleichzeitig selber halt so irre eintauchen kannst in diese Geschichte.
Fabian Burstein
Aber ist das eine Geschichte, die überhaupt erträglich ist? Also, es gibt ja manchmal so Bücher, da muss ich aufhören, weil das ist mir zu arg einfach.
Katia Schwingshandl
Ich habe da auch immer wieder zwischendurch aufgehört. Das war echt ein Buch, also das ist auch einfach so dicht, da kannst du nicht so in einem durchlesen. Und ja, das ist eine gute Grundsatzfrage, weil eigentlich steht das Buch hier dann sehr konträr diesen anderen Büchern, die ich mitgebracht habe, entgegen. Einfach, weil es halt so viel tragischer ist. Ich muss immer so lachen, weil mein Chef, unser Geschäftsführer, immer wieder, wenn ich mit irgendwelchen Themenartikeln, also Ideen für Themenartikel ankomme, dann sagt er immer so, muss das immer sowas Schweres sein und muss das immer irgendwas sein, was man eigentlich gar nicht so gern liest und so ein Downer ist. Und dann bin ich halt draufgekommen, einfach in dieser Gegenargumentation, die ich dann gefunden habe. Jedes Buch braucht logischerweise einen Konflikt. Es gibt immer einen Grund, warum man schreibt. Und in dem Fall war der Grund, ich habe mich einmal mit der Anna unterhalten. Und in dem Fall war der Grund, dass sie sich einfach hineinversetzen wollte in Personen, die diese Krankheit haben. Und dann hat sie halt einfach dieses Gedankenexperiment so durchgezogen. Und sie hat auch gemeint, soweit ich mich erinnere, dass so viel mehr Menschen diese Prosopagnosie eigentlich haben, als man das vermuten möchte.
Fabian Burstein
Aber trotzdem, also ich kann jetzt zum Beispiel berichten, ich lese jetzt gerade "Ghost Stories" von Siri Hustwett, wo es eigentlich darum um den Abschied von ihrem Mann Paul Auster geht, der an Krebs gestorben ist. Das ist für mich schon extrem belastend. Ich kann das nicht in einem Rutsch lesen. Ich finde das so traurig. Und jetzt muss man aber ehrlich sagen, der Paul Auster war jetzt kein junger Mann, sondern der hätte natürlich älter werden können, aber der hat sein Leben gelebt. Und das ist, wenn man es subsumiert, etwas, okay, das kann passieren. Und jetzt gerade mit diesem Protagonisten eines sterbenden Kindes, da bin ich zum Beispiel raus. Ich kann das nicht. Ich weiß schon ganz genau, ich werde das nicht lesen. Kannst du das verstehen oder ist das zu, wie soll ich das sagen, müsste man da ein bisschen mehr literarische Disziplin aufbringen?
Katia Schwingshandl
Boah, ja. Ich kann das sehr gut verstehen und würde auch sagen, so wie so vieles, ist auch das wahrscheinlich auch bei mir so tagesabhängig oder launenabhängig. Und ich habe auch solche Launen und Stimmungen, wo ich mir denke, ich packe das gerade gar nicht. Ich glaube zum Beispiel jetzt gerade, ich könnte es nicht nochmal aufschlagen. Aber dann gibt es auch so Phasen, wo man offen ist, irgendwie durch sowas mit durchzugehen. Ich meine, allein sowas, was du jetzt gerade liest, so Trauer und so, ich denke mir zum Beispiel, wenn man jetzt selber auch durch Trauer geht, dann mag das ein hervorragender Begleiter sein. Da muss wahrscheinlich auch kurz Zeit vergehen und dann kann man das aus einer anderen neuen Perspektive irgendwie wieder so neu betrachten, auch die eigene Trauer mithilfe dessen. Und das ist ja das, was Literatur ist am Ende. Das haben wir, glaube ich, auch letztes Mal gesagt, dass sie halt empathiefähig macht oder einfach in einem selber neue Dinge zum Klingen bringt.
Fabian Burstein
Ja, es ist eine Kunstgattung, hast du völlig recht. Und die hat in diesem Fall auch die Anna Fellenhofer nicht die Aufgabe, uns zu bespaßen jetzt einmal per se, sondern sie hat für sich definiert, was eine Geschichte ist, die niedergeschrieben werden muss. Also, ich wollte mit meiner Festlegung dem Buch nicht die Relevanz absprechen. Ich wollte nur sagen, was hat es für mich für Hürden? Also, das ist eine rein subjektive Erzählung, was halte ich aus und was nicht. Ich habe auch schon gehört, dass es ein großartiges Buch sein soll, nämlich vor allem so extrem gut geschrieben und auch in seiner Komplexität. Es dürfte sehr verwoben sein, auch mit vielen so Zeitsprüngen, was es manchmal auch ein bisschen kompliziert macht. Aber jedenfalls ein toll gestricktes Buch war so die Rückmeldung, die ich da bekommen habe.
Katia Schwingshandl
Genau, man muss ein bisschen mitdenken.
Fabian Burstein
Ja, aber kann man auch am Strand einmal machen, oder?
Katia Schwingshandl
Genau.
Fabian Burstein
Ein bisschen mitdenken. Gut. Und dann Premiere, du hast dich diesmal nicht auf vier Bücher beschränkt, sondern hast gesagt, du möchtest einen Bonus-Track quasi mitbringen, nämlich ein kleines Buch, das heißt "Ausgebrannt". Von wem ist das? Was ist das? Warum wolltest du das als Add-on unbedingt noch drinnen haben?
Katia Schwingshandl
Genau. Also, während zum Beispiel jetzt der Bachmannpreis gelaufen ist, war ich nämlich auf kleiner Tour durch Tschechien, also durch Südtschechien, durch Mähren, weil Tschechien das Gastland von der nächsten Frankfurter Buchmesse ist. Und das ist ganz nett, weil das wollen sie natürlich sehr schmackhaft machen. Und da habe ich so viele Autor*innen getroffen. Und einer davon war eben dieser Petr Šesták. Ich hoffe immer, dass ich ihn richtig ausspreche. Also, tschechische Namen sind schon auch immer eine Herausforderung. Und da hat mich jetzt einfach dieses eine Buch, mit dem ich jetzt eben ein bisschen was zu tun hatte, so wahnsinnig mitgenommen. Aber es ist auch, es ist wahnsinnig experimentell. Es ist auch ein bisschen speziell. Aber nachdem du auch ein Fahrradfahrer bist, habe ich mir gedacht, könnte das ganz gut passen, weil in diesem Buch "Ausgebrannt", da steht nämlich auch noch dazu drauf, es ist alles, es ist ein Pamphlet, ein Roman und eine Allegorie. Da geht es um einen Essenslieferanten auf dem Fahrrad. Und es ist eigentlich hauptsächlich ein Rant über diesen Alltag, den er da hat. Und es ist großartig. Es wird eigentlich zur ultimativen Klassenfrage am Ende oder zwischendurch. Mich hat zum Beispiel, muss ich erinnern, mich gerade am besten an einen Ausschnitt, wo es darum geht, dass man ja eigentlich verschmilzt mit diesem Fortbewegungsmittel, das man da sich ausgesucht hat. Er beschreibt zum Beispiel, dass, wenn du eine Greifzange verwendest, du irgendwann die Distanzen gar nicht mehr einschätzen kannst, ohne Greifzange. Du glaubst irgendwie, dein Arm ist jetzt grundsätzlich länger geworden. Und genauso kann man sich das vielleicht vorstellen, geht es einem dann auch, wenn man hinter einem Autosteuer sitzt, dass man irgendwie glaubt, man ist wahnsinnig mächtig und man braucht viel Platz, man ist wahnsinnig schnell. Und gleichzeitig geht es einem aber auch so, wenn man auf dem Fahrrad sitzt. Und da drin kommt auch vor, dass da draußen auf den Straßen einfach ein großer Kampf stattfindet. Und für mich steht dieses Buch gerade so ein bisschen auch für die doch recht ungewöhnliche Literatur dieses Nachbarlandes, über das ich erstaunlich wenig wusste, obwohl uns doch sehr, sehr viel mit ihm verbindet. Und ja, auch diese Fahrradkurier-Sache recht universell ist. Genau, und auch der Autor ist ein wahnsinnig cooler Mensch. Der hat uns dann auch auf ein Bein gut begleitet und durch so eine kleine Stadt geführt und so.
Fabian Burstein
Mich hat das Thema sofort angesprochen, unter anderem auch deshalb, ich habe mal einen sehr ausführlichen Podcast über die Gründung eines Lieferservices in Berlin gehört, Gorillas. Das war so ein Start-up, das wie verrückt gewachsen ist, mit all den Schwierigkeiten, die da dranhängen und auch all den komischen Arbeitsbedingungen, die da mitschwingen. Und das war, diese Erzählungen rund um diese Gründung sind, so wie du es beschreibst, so diese Vermischung von eigentlich einem prekären Arbeitsverhältnis, gekoppelt mit totaler Überidentifikation, mit der Identität als Rider. Also das Fahrrad und ich durch die Stadt. Das ist wirklich so ein Fahrrad-Community-Phänomen, auch in der Kurier-Szene, dass das so eine Vermischung ist zwischen hoher Identifikation und sehr schwierigen Arbeitsbedingungen. Darum kann ich mir gut vorstellen, dass das auch hochpolitisch ist.
Katia Schwingshandl
Ja, absolut. Und was mir auch besonders gefällt, ist, also wenn ich so auf dem Fahrrad unterwegs bin und mir dann Essenslieferanten irgendwo begegnen, dann wächst in mir halt auch immer wieder so ein bisschen ein Groll. Und dann halt einfach da so, okay, auf eine sehr abstruse Art und Weise, aber trotzdem so Verständnis dafür nochmal zu hegen oder sich das irgendwie einzuüben, ist schon auch ziemlich wichtig. Obwohl es natürlich, ja, also das Buch hebt dann gegen Ende wahnsinnig abstrus ab und wird verrückt.
Fabian Burstein
Erschienen ist das Buch in einem Verlag namens Parasitenpresse. Das ist ein ganz kleiner Verlag, glaube ich. Ich habe einmal, ich kann mich nicht mehr erinnern, was, ich habe mal ein anderes Buch von denen gesucht und habe das nicht gekriegt in Wiener Buchhandlungen.
Katia Schwingshandl
Also Frage an die Buchhändler*innen da draußen, warum?
Fabian Burstein
Warum? Wenn man das auch, müsste man mal schauen, ob man das Buch ausgebrannt bekommt, aber an dieser Stelle eine dringende Empfehlung an den stationären Buchhandel, wo wir ja am liebsten einkaufen. Bevorzugt auch nicht im kettenbasierten Buchhandel, sondern bei der Buchhändlerin unseres Vertrauens, das vielleicht ins Portfolio zu nehmen, das könnte es wert sein.
Katia Schwingshandl
Genau. Und jetzt vielleicht darf ich am Schluss noch auf ein, boah, jetzt ist das schon das sechste Buch.
Fabian Burstein
Ich werde verrückt. Wir werden alle Regeln gefreund. Okay, sechstes Buch, los geht's.
Katia Schwingshandl
Und zwar durfte tatsächlich ich selber auch eine Kurzgeschichte beitragen zu einer Anthologie von Tex Rubinowitz, das heißt "Liebe im Transit". Und das war irgendwie so eine nette Idee, weil die Grundidee ist einfach so ein bisschen wie "Before Sunrise" heißt das, gell? Genau, wo glaube ich Tex Rubinowitz so eine Komparsenrolle gespielt hat. Und so in der Manier einfach so Zugbegegnungen, also so ein bisschen, was passiert, wenn Liebe nur so zwischendurch ist.
Fabian Burstein
Diese Empfehlung nehmen wir gerne mit, weil der Tex Rubinowitz ja wirklich ein unglaublich poetischer Mensch ist. Und insofern, genau, Anthologien sind ja sehr, wer schreibt da noch?
Katia Schwingshandl
Die Anna Fellenhofer, lustigerweise. Der Lukas Meschik ist noch dabei, Elias Hirschel, meines Wissens. Genau, ich glaube Max Gold. Genau, das sind mal so die.
Fabian Burstein
Also eine illustrer Reihen, muss man sagen.
Katia Schwingshandl
Genau, genau. Jetzt habe ich das ganz frech noch hier angebracht.
Fabian Burstein
Getropt. Es sei dir vergönnt. Abschließende Frage, wann kommt die nächste Buchkultur raus?
Katia Schwingshandl
Am 21. August. Aber jetzt ist gerade total wild, jetzt haben wir gerade drei Hefte gleichzeitig zu planen. Also da kommt viel.
Fabian Burstein
Das heißt, ab 21. August, dass die neue reguläre, eine von diesen sechs Ausgaben pro Jahr, kriegt man traditionellerweise im Buchhandel, oder? Dort sehe ich es immer am meisten.
Katia Schwingshandl
Genau, und am Kiosk so. Aber am praktischsten ist es natürlich, wenn man ein Abo bei uns macht und bestellt. Das ist gar nicht so teuer. Und das kommt dann ganz verlässlich einfach sechs Mal im Jahr nach Hause.
Fabian Burstein
Gut. Auch dieses Product Placement lasse ich gerne und aus Überzeugung zu und werde auch den entsprechenden Link in die Shownotes stellen. Katia, vielen Dank, dass du was von deinem Buchwissen abgegeben hast. Nicht, dass es nicht nur in die Buchkultur fließt, sondern auch in den Bühneneingang. Das war wie immer super spannend, super interessant, super inspirierend. Ich werde mir auch wieder ein paar Reihen ziehen von deinen Empfehlungen.
Katia Schwingshandl
Das freut mich sehr. Ganz lieben Dank für die Einladung.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.

Autor:in:

Livio Koppe

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