Bühneneingang
Streams vor Ort, Cash bei den Plattformen: Welche Antworten hat die Kulturpolitik? - mit Sabine Reiter & Eva-Maria Bauer

Streaming hat die österreichische Musikszene hörbarer gemacht – aber nicht zwingend zahlungsfähiger. In Folge 98 mit Sabine Reiter, Geschäftsführerin von mica austria, und Eva-Maria Bauer, Präsidentin des Österreichischen Musikrats, geht es darum, wie die großen Player der Musikindustrie mit heimischen Acts umgehen, wer in Österreich an Rechten, Verträgen und Förderungen mitverdient und warum viele Akteur:innen nachwievor mit prekären Budgets hantieren. Außerdem dreht sich das Gespräch um die Frage, wo der schmale Grat zwischen Kultur- und Wirtschaftspolitik verläuft und was die von der österreichischen Bundesregierung geplante Streaming-Abgabe wirklich bewirken könnte.

Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Meine heutigen Gäste sind zwei zentrale Figuren der österreichischen Musiklandschaft: Sabine Reiter ist Geschäftsführerin des Musik-Informationszentrums MIKA Music Austria, das sich seit 1994 als Anlaufstelle für zeitgenössische Musik und Musikwirtschaftsfragen in Österreich positioniert. Eva-Maria Bauer ist Musikwissenschaftlerin und Präsidentin des Österreichischen Musikrats, der wiederum als zentraler Dachverband der Interessenvertretungen für Musik in Österreich eingerichtet wurde. Dementsprechend geht es in dieser Folge um die Frage, wie gut der Musikstandort Österreich aufgestellt ist. Welche Aufgaben übernehmen MIKA und der Musikrat ganz konkret, was sagen aktuelle Daten zur Wertschöpfung der Musikwirtschaft wirklich aus, und welche Ziele sollte eine Musikstrategie 2026 verfolgen, insbesondere mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Popszene. Außerdem steigen wir in die aktuelle Debatte rund um die geplante Musik-Streaming-Abgabe ein. Liebe Frau Reiter, liebe Frau Bauer, herzlichen Dank für Ihren Besuch am Bühneneingang.
Sabine Reiter
Herzlichen Dank für die Einladung.
Eva-Maria Bauer
Vielen Dank für die Einladung.
Fabian Burstein
Wir sind ja ein Kulturpodcast, aber auch ein politischer Podcast, und da kann es vorkommen, dass man nicht jedes Detail, jede Institution, jede Facette der Kunst- und Kulturlandschaft kennt. Wenn Sie jemand fragt, was machen MIKA beziehungsweise der Österreichische Musikrat eigentlich, wie erklären Sie Ihre Institutionen kurz und prägnant?
Sabine Reiter
Wir erklären das MIKA immer als Serviceeinrichtung für Musikschaffende und ihr wirtschaftliches Umfeld. Unser Herzstück ist die Beratung und die Vermittlung von Wissen zum musikwirtschaftlichen Kontext. Aber wir haben auch eine Datenbank mit österreichischen Musikschaffenden, wir haben ein Musikmagazin, in dem wir versuchen, alles darzustellen, was sozusagen in der Tagespresse auch nicht mehr vorkommt an österreichischer Musikszene. Und ganz wichtig: Wir unterstützen bei den Internationalisierungsbemühungen der österreichischen Musikschaffenden und ihres wirtschaftlichen Umfelds natürlich auch. Und wir arbeiten eben auch an den Rahmenbedingungen der österreichischen Musikszene, des österreichischen Musiklebens mit.
Fabian Burstein
Also bis zu einem gewissen Grad auch Lobbyismus im positiven Sinne.
Sabine Reiter
Lobbyismus im positiven Sinne und Lobbyismus eigentlich im Sinne der Aufklärung über Sachverhalte, also der Information. Wir versuchen, zu Fragestellungen im Musikbereich eigentlich immer auch die Grundlageninformationen zu geben. Ja.
Fabian Burstein
Und Musikrat, wie würden Sie das subsumieren?
Eva-Maria Bauer
Ja, wir haben über 40 institutionelle Mitglieder, ein typischer Dachverband, und vertreten die Interessen von 380.000 Musikschaffenden in Österreich. Ja, 380.000, das sind viele, sowohl die Amateure als auch die Profis. Das heißt, da, wo das MIKA vor allem informiert, sind wir tatsächlich auch für die Meinungsbildung zuständig. Und wenn ich es auf den Punkt bringen müsste, was wir tun, dann sehe ich uns vor allem als Übersetzer und Vermittler. Nämlich, wir sammeln die verschiedenen Interessen, die verschiedenen Perspektiven, die es hier gibt in der Musikbranche, und übersetzen sie an die Politik, an die Stakeholder, an die Wirtschaft, da, wo wir gebraucht werden.
Fabian Burstein
Wie darf man sich das vorstellen? Sind Sie beide dann regelmäßig in so kulturpolitischen Runden? Wenn zum Beispiel das Kulturministerium irgendwas plant rund um das Thema Musik, kommen Sie dann zum Kulturminister oder zu seinen Kabinettsmitarbeiterinnen oder sind Sie dann im Ministerium? Wie funktioniert denn das konkret, wenn man diese Interessen vertritt und gleichzeitig auch einen Informationsauftrag hat?
Eva-Maria Bauer
Ich glaube, das funktioniert beiderseits. Einerseits werden wir von uns selbst aus aktiv. Zum Beispiel, wenn ich das jetzt hernehme mit der Streaming-Abgabe oder der Musikstrategie, da waren wir ja proaktiv tätig. Also das heißt, wir haben geschaut, dass wir Fakten sammeln, dass wir dafür Stimmung machen, dass wir das an die Politik weitergeben. Dann haben wir geschaut, dass das ins Regierungsprogramm kommt. Das ist immer die Voraussetzung, dass dann später etwas passiert. Und jetzt bemühen wir uns darum, dass das, was da steht, auch wirklich umgesetzt wird. Das heißt, es kann sein, dass wir einzelne Treffen mit einzelnen Beamten oder Politikern haben, aber es kann auch sein, so wie jetzt bei der Musikstrategie, dass wir in einen offiziellen Prozess eingebunden werden. Also dass wir da zu offiziellen Meetings in größeren Runden gehen. Manchmal sind wir da auch beide da, die Sabine und ich. So können Sie sich das vorstellen.
Fabian Burstein
Gibt es da eine Art, wie soll ich sagen, lobbyistischen Wettbewerb unter den verschiedenen Interessensvertretungen, wer da sprechen darf, wer da wo vertreten ist? Weil ich darf es ganz realistisch sagen, auch das kenne ich aus unterschiedlichsten Sparten, das ist nicht immer nur ein Friede, Freude, Eierkuchen und wir sind alle eine Familie und erzählen zusammen, sondern da geht es schon auch oft um Deutungshoheiten. Wie ist das im Musikbereich?
Sabine Reiter
Wir haben da eine lange Tradition der Zusammenarbeit.
Fabian Burstein
Das kann gut oder schlecht sein.
Sabine Reiter
Genau. Es gibt eben diese wirklich sehr lange Tradition, sich gemeinsam Forderungen zu überlegen, insbesondere im Vorfeld von Regierungsbildungen. Das gibt es schon sehr, sehr lange. Das nannte sich zuerst Präsidentenkonferenz, dann Forum Musik. Und da saßen wirklich auch sehr viele Vertreterinnen der Verbände dann drinnen, auch der Musikwirtschaftsverbände, die nur zum Teil eben im Musikrat Mitglied sind. Und jetzt ist es so, dass der Musikrat das letzte Papier sozusagen federführend entworfen hat, eigentlich, und gemeinsam mit den Verbänden der österreichischen Musikwirtschaft eben auch einen Vorschlag geliefert hat für diese Regierungsbildung. Und da stehen dann schon Punkte drin, auf die sich eigentlich alle einigen können aus den verschiedenen Bereichen des Musiklebens.
Eva-Maria Bauer
Ich glaube, wir haben auch immer sehr unterschiedliche thematische Schwerpunkte, das darf man nicht vergessen. Wenn ich die Interessen von, sagen wir mal, Komponistinnen vertrete, dann rede ich natürlich in erster Linie mit der AKOM, mit den Austrian Composers, und dann sind sie natürlich auch inhaltlich federführend, ganz klar. Sie briefen uns oder wir lassen ihnen den Vortritt. Also es ist ja nicht so, dass ich, weil ich jetzt Präsidentin des Musikrats bin, mich in allen Themen gleich gut auskenne. Wir haben zum Beispiel als Musikrat seit langem eine Tradition, dass wir uns vor allem um das Thema musikalische Bildung bemühen. Da sind wir, glaube ich, auch anerkannte Expertinnen oder führend. Und dann gibt es andere Themen, wo wir uns mit anderen besprechen, mit der Initiative Urheberrecht zum Beispiel zu den sehr komplexen KI- und Streaming-Themen oder mit anderen Verbänden wieder außerhalb von unserem Wirkungskreis mit der Pharma zum Beispiel aus der Wirtschaftskammer, die die Gewerbetreibenden vertritt. Also es kommt ja auch ein bisschen darauf an, worum es geht.
Fabian Burstein
Aber das heißt, wenn ich jetzt mir das Regierungsprogramm von SPÖ, ÖVP, NEOS anschaue und ich schaue dort in das Kultur und dann in das Unterkapitel Musikkultur, dann darf ich davon ausgehen, dass Sie da mitgeschrieben haben oder zumindest Ihre Formulierungsentwürfe mit eingebracht haben?
Sabine Reiter
Tatsächlich ist es so, dass man in allen diesen Papieren auch Formulierungen aus den Positionspapieren der Musikszene wiederfindet und auch in diesen. Insbesondere wichtig natürlich die Streaming-Tax beziehungsweise Investitionsabgabe, aber auch andere Dinge, die für die Musikszene wichtig sind. Also da fließt immer wieder was ein. Politik geht natürlich schon auch ein auf das, was die Szene braucht.
Fabian Burstein
Auf die Streaming-Tax werden wir dann noch ein bisschen später kommen. Die würden mich auch insofern sehr interessieren, weil die auch innerhalb Ihrer Branche umstritten ist. Also das ist ein klares Perspektiven-Thema. Da gibt es die einen, die sagen, das ist großartig und ein großer Wurf, und die anderen sagen, das ist ein wirtschaftliches Gemetzel. Bevor wir aber so weit kommen, möchte ich ein bisschen noch mehr in die Grundlagen reingehen. Es gibt eine Studie Wertschöpfung der Musikwirtschaft in Österreich. Das sind sehr imposante Zahlen auch publiziert worden. Ich glaube, die Studie kann sich nicht darüber beschweren, dass sie nicht breites Echo gefunden hat. Da ist sehr, sehr viel darüber berichtet worden. Ich habe mir da ein paar Kernwerte rausgeschrieben: 7,5 Milliarden Bruttowertschöpfung, 2,8 Prozent des BIP, 117.000 Arbeitsplätze, dann beträchtliche Steuereffekte. Sie benennen das mit, glaube ich, knapp viereinhalb Milliarden Euro. Wie lesen Sie diese Zahlen? Ist das für Sie, war das für Sie ein Gamechanger in der kulturpolitischen Argumentation oder eher längst einfach nur eine überfällige Sichtbarmachung einer Ihnen ohnehin bekannten Realität?
Sabine Reiter
Ja, das war tatsächlich schon ein Gamechanger, weil man endlich auch in der Musikwirtschaft Zahlen hatte. Im Film gab es eine ähnliche Studie, die dazu geführt hat, dass die Filmförderung massiv erhöht wurde, dann im Endeffekt, weil man eben auch sich wirtschaftliche Effekte erhofft von dieser Förderung. Und tatsächlich denke ich, die Musik, also die Wertschöpfungsstudie, war auch ausschlaggebend dafür, dass es jetzt eine Musikstrategie gibt.
Eva-Maria Bauer
Sehe ich auch so. Wenn wir mit der Politik reden und Maßnahmen vorschlagen, ist das Erste, was sie uns fragen: Gibt es Zahlen dazu? Das ist immer die erste Frage. Und wir leiden in Österreich leider an einem Mangel an Zahlen. Vielleicht kommen wir dann noch dazu, weil das MIKA gerade versucht, diese Zahlen zu sammeln und auch klar wird, wie schwierig das ist. Und deswegen war das absolut ein Gamechanger, weil wir wissen alle, dass die Musik wichtig ist in Österreich, aber wir wussten nicht, wie wichtig. Also wirklich diese steuerlichen Effekte, die Umwegsrentabilitäten, die man hier sieht. Aber Sie haben ja auch gefragt, wie liest man das und wie interpretieren wir das? Also das sind sehr eindrucksvolle Zahlen einerseits. Aber wenn wir uns ein bisschen näher mit der Studie beschäftigen, dann sieht man hier natürlich, dass Effekte aus dem Tourismus eingerechnet worden sind, aus der Gastronomie, alles, was mit Kultur, Tourismus zu tun hat, beispielsweise. Und wenn man sich dann aber anschaut, wer der Motor dieses gesamten riesigen Branchenkomplexes ist, dann sind das nicht viele. Das ist ein kleiner Kreis von vielleicht 15.000, 16.000 Menschen, die wirklich Musik schaffen, die produzieren, die veranstalten, die interpretieren. Und das sind nicht viele. Und denen wiederum, und das sagt die Studie auch, geht es sehr schlecht. Die sind sehr prekär unterwegs, sie leben sehr prekär. Das heißt, wenn dieser Kern abrutscht, dann geht dieser ganze Motor, er hört auf, bleibt stehen. Und das muss man auch herauslesen aus dieser Studie.
Fabian Burstein
Das ist bemerkenswert. Sie haben nämlich quasi einen Kritikpunkt vorneweg genommen, den ich wirklich durchaus habe. Ich finde es zum einen natürlich toll, dass da Daten erhoben worden sind. Das war auch hier am Bühneneingang schon oft Thema, dass wir ein Datenmanko haben. Das war eigentlich dringend so, dass wir einen Kulturdashboard in Österreich bräuchten, wo Daten standardisiert erhoben werden. Und tatsächlich habe ich mir die Studie dann oder beziehungsweise die Zusammenfassung durchgelesen und habe etwas gelesen, das nennt sich eben ein Satellitenkonto Musikwirtschaft. Und da sind bei mir, ich sage es ganz ehrlich, alle Alarmglocken angegangen, weil das eben so ein Indiz dafür ist, dass man das sehr breit auslegt. Sie haben es auch genannt: Tourismus, Handel, Logistik. Also da ist wirklich extrem, extrem viel mitgerechnet worden und hochgerechnet worden. Wo beginnen aus Ihrer Sicht da wirklich die inhaltlichen Grauzonen? Wo schießt man sich mit so einer Argumentation ins Knie? Denn man suggeriert ja, das muss man ehrlich sagen, schon eine wirtschaftliche Größe, die sich nur mit dieser Interpretation erschließt.
Eva-Maria Bauer
Die ist aber schon gegeben. Schauen Sie sich Wien an, gibt es ja wunderbare Umfragen. Wie viele Touristen kommen tatsächlich nach Wien wegen der Kultur? Also das ist ja nicht an den Haaren herbeigezogen. Das möchte ich schon auch sagen. Das hat schon einen Sinn. Wenn Sie sich die Studie anschauen, ist das so eine Art Schalenmodell. Man geht von einem kleinen Kern zu den äußersten Schalen quasi. Das wäre dann Tourismus und diese ganzen Extraeffekte. Und es ist schon auch nicht schlecht, dass man das mal erfasst, denn beim Film argumentiert man ja ganz genauso. Also die Filmförderung ist ja sehr hoch angesetzt, jetzt im Vergleich zum Beispiel zur Musikförderung. Und da argumentiert man ja auch mit wirtschaftlichen Standorteffekten für ganz Österreich und nicht nur für einen kleinen Kern der Branche. Also warum jetzt bei der Musik anders argumentieren? Ich finde es jetzt an sich nicht verkehrt. Man muss nur wissen, was man da vor sich hat und wie man es liest.
Fabian Burstein
Ja, und jetzt ein Aber. Warum wollen Sie dann nachhaltig haben, dass Sie in der Kulturförderung abgebildet sind und nicht in der Wirtschaftsförderung? Weil wenn das das Hauptargument ist, dann würde ich mich schon fragen, ja, okay, verstanden. Da hängen Elektroinstallationsunternehmen dran, Sicherheitsdienst, Zeltbauer, Bühnentechnik, also wirklich ganz unterschiedliche Gewerke. Aber es wird dann schon sehr diffus, weil wo ziehen Sie dann eigentlich die Grenze?
Sabine Reiter
Ja, das ist eine Frage, die tatsächlich immer wieder diskutiert wurde. Gehört eigentlich alles, was jetzt in der Kulturförderung ist, dorthin? Oder gehört es eigentlich viel mehr woanders hin oder aus anderen Quellen finanziert? Ja, schwierig ist immer die Grenzziehung. Oh, bei welchem Unternehmen setze ich an? Was ist eher Tourismus als Kultur? Was ist eher was anderes? Das führt jetzt vielleicht zu weit, aber wenn man sich sozusagen auch die Österreich-Tourismus-Seite anschaut, dann sieht man auch sehr gut, wie Österreich nach außen hin argumentiert im Tourismusbereich, welche Unternehmen das sind: Museen, Bundestheater, große Festspiele und so weiter. Das sind die Dinge, die dort sichtbar werden und die sozusagen auch diese touristischen Effekte mit erzeugen.
Eva-Maria Bauer
Ich glaube, man muss unterscheiden. Ich finde, Kulturförderung hat eine ganz andere Aufgabe als die Wirtschaftsförderung und es braucht für die Musik hier beides. Ich glaube, das zeigt die Studie ganz klar. Wenn wir uns anschauen, wofür braucht es die Kulturförderung, die Musikförderung vom BMW KMS, also von unserem oder von den Bundesländern, dann ist die Aufgabe erstens die Vielfalt zu erhalten, also auch jene Nischen auch zu unterstützen, die nicht kommerziell erfolgreich sind. Also ich bin ja zum Beispiel auch Geschäftsführer der Musikfabrik Niederösterreich, wir fördern neue Musik und das ist auf jeden Fall ein Bereich, genauso wie Jazz, Singer-Songwriter, Teile der Clubszene, die unbedingt Förderung brauchen, weil sie schlichtweg nicht rein aus den Einnahmen finanzierbar sind. Das heißt, wenn wir hier musikalische Vielfalt haben wollen, auch zeitgenössische Musik, damit wir in die Zukunft schauen, dann braucht es diese Förderung. Das ist so wie in der Forschung, die Grundlagenforschung, ohne die kommt man nicht weiter. Und dafür sehe ich auch die Kulturförderung federführend. Wenn wir uns jetzt anschauen, wenn wir über Standorteffekte reden und über Musiktourismus und vielleicht über Exportförderungen, dann würde ich schon sagen, es wäre nicht verkehrt, wenn auch das Wirtschaftsministerium oder das Wirtschaftsressort hier einen Beitrag leistet, weil da sind wir langsam, wandern wir ein wenig in die Wirtschaftsszene hinüber. Und ich fände es nicht verkehrt, wenn beide Hand in Hand gehen.
Sabine Reiter
Tatsächlich wurde auch, seit ich Direktorin bin, für bestimmte Bereiche auch im Wirtschaftsministerium lobbyiert, weil man gesagt hat, okay, das ist eigentlich Wirtschaft, aber das Wirtschaftsministerium sagt, nein, das ist eigentlich Kultur. Also da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Fabian Burstein
Das ist aber wirklich eine interessante Erkenntnis und auch ein interessanter Einblick. Also das heißt, wir reden hier von einer Querschnittsmaterie, wo selbst Sie sagen, nein, das ist ressortübergreifend. Also da geht es um unterschiedliche Ressorts, vielleicht sogar auch um Überlappungen ins Bildungsressort tatsächlich. Weil Sie haben es ja betont, es geht auch um kulturelle und musikalische Bildung. Und tatsächlich ist man sehr spitz positioniert, was die Förderlogik betrifft, auf den Kunst- und Kultursektor. Ich reite so darauf rum, es tut mir leid, ich möchte es jetzt nicht ärgern oder so, aber wir sehen das ja auch an Debatten jetzt zum Beispiel rund um die Salzburger Festspiele. Wir sagen hochgradig erfolgreich, wenn wir uns die Auslastungszahlen anschauen und dann gehen wir in die Details rein, wir steigen bei einem extrem hohen Kartenpreis ein. Wir haben zugegebenermaßen mit diesen hohen Kartenpreisen eine hohe Auslastung, die sich aber aus wohlhabenden, tendenziell wohlhabenden Menschen speist. Also ist jetzt kein Breitenangebot. Ja, wir haben Wirtschaftseffekte, aber wir haben gleichzeitig selbst in der Konstellation noch einen enorm hohen Zuschussbedarf aus der öffentlichen Hand. Das heißt, wir fördern eine durchwegs gutbürgerliche Klientel bei ihrem tollen Kunst- und Kulturerlebnis und schreiben das dann tatsächlich den jeweiligen Systemen gut. Darum reite ich so darauf rum. Ich glaube, wir brauchen doch eine Schärfung der Debatte, nämlich dahingehend, wo sind wir im Kern in der Kunst- und Kulturförderung und wo sind wir in der Wirtschaftsförderung. Und da stelle ich mir halt gerade bei solchen Studien immer die Frage, wie arbeiten wir das noch besser raus? Was sind da Ihre Strategien? Weil ich höre bei Ihnen raus, ja, ja, Sie sehen das genauso. Sie arbeiten da ja auch dran an dem Thema.
Eva-Maria Bauer
Ich glaube, es geht um eine Balance. Salzburger Festspiele sind ein bisschen ein Kuriosum, weil es ein eigenes Fördergesetz dafür gibt. Das österreichische Recht ist voll von solchen Kuriositäten, deswegen erwähne ich es gerne. Ich habe nichts dagegen, dass die Salzburger Festspiele als Flagship, als Aushängeschild hier Förderungen bekommen. Ich glaube aber, dass es vor allem in Zeiten wie diesen, wo das Geld knapp ist und wo hohe Kürzungen im Raum stehen, dass es hier schon um ein bisschen eine Balance geht. Also was ich zum Beispiel hoch kritisiere, ist, dass der Beitrag für die Freieszene, die für die Vielfalt zuständig ist und für den Nachwuchs zuständig ist und auch einfach für die kritischen Stimmen, dass der nicht abgesichert ist. Das wird jedes Jahr im Kulturbudget neu verhandelt. Wir wissen nie, wie viel rauskommt. Und dieser Beitrag ist nicht abgesichert, wohingegen zum Beispiel ein Förderbeitrag für die Salzburger Festspiele schon. Also hier möchte ich eher, ich möchte keine Neiddebatte beginnen, denn das hilft uns nicht. Aber ich möchte schon sagen, dass es hier eine gewisse rechtliche Absicherung und Verbindlichkeit braucht, damit wir diese Vielfalt erhalten können für die Zukunft. Und da möchte ich eigentlich bei der Kulturförderung ansetzen, dass ich sage, es muss auch die Vielfalt und die Freie Szene abgesichert werden und die einzelnen Künstlerinnen mit den entsprechenden Förderschienen.
Sabine Reiter
Ja, tatsächlich. Da ist sehr, sehr wenig Geld da zur Förderung von Karrieren, von Einzelpersonen, die das dringend bräuchten. Und das kann man durchaus kritisch sehen, eben, dass da sehr, sehr viel Geld nicht nur vom Bund, auch von den Ländern in die jeweiligen Tanker zum Beispiel fließt, auch in die Holding, die ja in der Verfassung sozusagen steht, dass sie zu finanzieren ist.
Fabian Burstein
Sie sprechen von der Bundestheater. Bundestheater
Sabine Reiter
Holding, genau. Aber wie die Eva sagt, es geht nicht darum, da eine Neiddebatte zu entflammen, aber man muss schon, man muss sich das schon auch sehr kritisch betrachten, wie viel dann eigentlich oder wie wenig Gelder eigentlich dann für zeitgenössische Kultur schaffen und das drumherum, also Veranstalter und so weiter, übrig bleibt.
Eva-Maria Bauer
Vielleicht noch eine Ergänzung, das ewige Thema der Valorisierung. Also das Kulturbudget ist nicht wertgesichert und auch die Förderungen sind nicht wertgesichert. Das heißt, wenn wir hohe Inflation haben, so wie die letzten Jahre, steigt das Budget nicht entsprechend, außer das Ministerium verhandelt gut oder der Minister in dem Fall verhandelt gut. Sie haben wirklich versucht, das auszugleichen. Also sie haben sehr hart verhandelt, aber nichtsdestotrotz, die Salzburger Festspiele, die Kulturholding, die Bundestheaterholding zum Beispiel, sind abgesichert. Also sie bekommen ihre Valorisierung und da beginnt ein Ungleichgewicht, das sich über die Jahrzehnte, glaube ich, auch verstärkt hat, einfach durch diese strukturellen Unterschiede, die sind, wie sie sind.
Fabian Burstein
Sie sprechen einen Punkt an, finde ich sehr gut, weil es ist ein mythischer Punkt. Es gibt ja zum Beispiel die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins. Da habe ich mich kürzlich in einer Folge genau der angenommen und dort hat sich in diesem Kontext der Publikumsforscher Rainer Glaab auch mit den Valorisierungen befasst. Und es hat sich herausgestellt, dass in besonderen institutionalisierten Bereichen, im großinstitutionalisierten Bereich, dass es wirklich ein Mythos ist, dass die Inflation quasi den Betrieb auffrisst. Das stimmt nicht. Also die Förderlage ist relativ stabil bei sinkenden Zuschauer*innen-Zahlen und da kann ja wirklich nicht die Rede sein, zum Beispiel bei den freischaffenden Musiker*innen, bei den Produzent*innen, DJs, Songwriter*innen, die jetzt so zwischen Minigagen, Selbstmarketing und oft auch Care-Arbeit dann in den Familien völlig aufgerieben werden. Wie macht man denn? Sie haben das jetzt sehr schön beschrieben in Ihrer Lobbying-Arbeit. Ich nenne das jetzt so, ich meine das aber nicht negativ, also in Ihrer positiven Lobbying-Arbeit. Wie machen Sie diese Biografien sichtbar?
Sabine Reiter
Naja, wir thematisieren tatsächlich in unserem Musikmagazin eben, wie schon erwähnt, die Rahmenbedingungen des Musiklebens. Wir machen da auch eben diese Themen sichtbar, wie Sie gerade erwähnt haben, die Mental Health zum Beispiel, ist ein Thema, das in den letzten Jahren sehr stark in den Vordergrund gerückt ist. Wir versuchen, das auch abzubilden und zu zeigen, dass das einfach Themen sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Aber wir thematisieren auch die Förderung von eben Care-Arbeit. Tatsächlich gibt es da schon punktuelle Initiativen von fördergebenden Institutionen, um eben Kinderbetreuung finanzieren zu können. Wir versuchen auch diese weichen Themen sozusagen darzustellen und sichtbar zu machen und dazu beizutragen, dass es eben da auch, dass da hingeschaut wird und dass die öffentliche Hand sozusagen das auch mitnehmen kann und informiert ist.
Eva-Maria Bauer
Und wir übersetzen dann diese wundervollen Einzelbeispiele in Forderungen. Das wäre so unsere Arbeitsteilung, das war jetzt ein perfektes Beispiel. Also wir schauen uns dann zum Beispiel an, was heißt das dann auf der politischen Ebene und sagen, wir möchten zum Beispiel gerne das Instrument der Arbeitsstipendien erhöhen, weil sie die Tätigkeit ohne einen Erfolg fördern, also weil dann auch wirklich Künstlerinnen mal ein Jahr oder ein halbes Jahr an einem Projekt an ihrer künstlerischen Entwicklung arbeiten können, ohne Druck, dass sie jetzt sofort etwas abliefern müssen. Oder wir überlegen uns, was heißt denn Care-Arbeit für Künstlerinnen, was gäbe es denn da für Fördermodelle und haben zum Beispiel im Portfolio bei uns stehen, wir hätten gern eine zeitlich begrenzte Mindestsicherung für diese Care-Arbeitszeit, jetzt geschlechtsunabhängig. Weil wir hier auch einen, nicht nur für Künstlerinnen eigentlich, sondern für alle Menschen, aber bei Künstlerinnen schlägt es besonders hart zu Buche, weil sie kaum auf Tour gehen können ohne Babysitter und so weiter, also weil die strukturellen Bedingungen sehr schwierig sind. Also quasi das MIKA schaut sich die Einzelbeispiele an mit Interviews, mit allen möglichen.
Sabine Reiter
Kampagnen, Partnerinnen, mehrere Künstlerinnen, wie es ihnen mit diesen Themen geht. Ja, kann man dann nachlesen, so anhand von Einzelbeispielen.
Eva-Maria Bauer
Und wir übersetzen das. Ab und zu sind wir auch mal mit Einzelbeispielen konfrontiert, zum Beispiel, wenn Sie in den Fairpayer-Reader hineinschauen, ich weiß nicht, ob Sie den kennen, das ist unsere quasi unsere Bibel, wenn Sie so wollen, unser blaues Handbuch, wo alle Sparten drin stehen. Da gibt es auch tatsächlich zur Illustrierung viele Einzelbeispiele, was das denn ganz konkret heißt, damit das nicht nur so Worte bleiben, sondern damit man sieht, was das genau heißt.
Fabian Burstein
Werden wir in den Shownotes verlinken. Das ist ja das Tolle an den verschiedenen Gästen, die ich hier habe, dass die in ihren Bereichen auch viel publizieren und oft einfach das Bewusstsein fehlt, dass diese Publikationen, diese Richtlinien, diese Ideen, diese Herangehensweisen, dass die existieren und dass man mal einfach reinlesen müsste und sich da Inspiration holt. Ich will jetzt, ich bin ja hier auch immer ein bisschen der Advokat des Teufels, bei einem Punkt einhaken in diesem Spektrum an Maßnahmen, an Schwierigkeiten, die Sie beschrieben haben, an Forderungen, die Sie beschrieben haben, nämlich gleich bei der ersten, die Arbeitsstipendien, mal Kunst machen zu können, ohne einen Erfolgsdruck. Ich weiß noch aus meiner eigenen Zeit, wie ich selbst in der Kulturförderung tätig war, dass die Allgemeinbevölkerung extrem allergisch reagiert auf diese Form von Grundsicherung, weil der Tischler sagt ja auch nicht, ich möchte mal ein Jahr lang Zeit haben, um erfolgsbefreit zu tischlern und meine Skills zu entwickeln. Müssen wir uns auch nicht insgesamt im Kunst- und Kultursegment, damit die Forderungen auch wirklich gehört werden, an gewissen Punkten auch wieder etwas erden?
Eva-Maria Bauer
Es gibt nicht viele Arbeitsstipendien und die Kriterien dafür sind sehr hoch. Das heißt, es kann nicht jede x-beliebige künstlerische Person, die sagt, ich habe eine gute Idee, sich dafür bewerben, sondern das sind ja sehr harte Auswahlverfahren. Das heißt, man möchte Künstlerinnen, die gerade an einem Scheideweg sind oder an einer Zäsur in ihrer Karriere, möchte man die Möglichkeit zur Weiterentwicklung geben. Das ist schon ein Ding. Und wenn ich sage, Erfolg, das hört sich dann so an, als müssten Sie nichts liefern. Natürlich liefern Sie etwas, Sie reichen ja ein Projekt ein. Was Sie nicht liefern müssen, ist ein Produkt. Das heißt, wir reden hier schon von einem sehr kapitalistischen Denken und das ist der Kulturförderung eigentlich nicht inhärent, weil was hat denn Kunst und Kultur für eine Funktion? Jetzt reden wir wieder sehr allgemein, aber ich muss darauf zurückkommen, weil ich auch sehr viel Kritik, wenn ich Blogs lese oder wenn ich im Standardforum mir die Kommentare durchlese, dann muss ich sagen, was hat denn Kunst für eine Funktion in der Gesellschaft? Sie soll uns einen Spiegel vorhalten, sie soll kritisch sein, sie soll uns berühren, auf welche Art und Weise auch immer. Und dafür braucht es einen gewissen künstlerischen Freiraum, der nicht auf ein Produkt ausgerichtet ist. Das kann man machen wie ein Album, das machen Sie ja auch. Also Künstlerinnen sind sehr unternehmerisch tätig, tatsächlich, gerade im Popbereich. Aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Sie müssen auch die Freiheit haben, dass Sie auch mal einer verrückten Idee nachgehen. Also sonst streamlinen wir alles, sonst sind wir in einem sehr engen Bereich.
Sabine Reiter
Ja, also tatsächlich, wie die Eva sagt, diese Auswahlkriterien, die sind ja nicht irgendwie gestaltet, sondern tatsächlich ist auch ein Arbeitsstipendium ein Instrument und dafür gibt es Kriterien und eigentlich ist es ja sehr harter Wettbewerb, auch an diese Stipendien heranzukommen. Und wie die Eva schon gesagt hat, es geht darum, diese Stipendien oder auch diese anderen Förderinstrumente, die es gibt, an genau dem richtigen Punkt in der Karriere eben auch abzurufen, da wo man ihn am meisten braucht, weil diese Förderungen gibt es häufig nur ein einziges Mal, sehr viele von diesen Förderungen, weil es sehr hohe Nachfrage danach gibt.
Eva-Maria Bauer
Darf ich noch eines antworten auf das Erden? Das kommt ja auch oft, dass wir quasi so irgendwie abgehoben sind, dass die Künstlerinnen von der Realität entkoppelt sind, das höre ich auch oft. Manchmal mag das stimmen, sie sind in ihrem Kopf, weil sie in ihrem Kopf komponieren. Sie müssen sich abkoppeln, sonst können sie nicht kreativ tätig sein. Auf der anderen Seite, die meisten Künstlerinnen, die erfolgreich sind, arbeiten wie Start-up-Unternehmerinnen. Sie bauen eine Marke auf, sie positionieren sich am Markt, sie haben einen ganz klaren Businessplan. Also dieses Bild, das man hat von einem völlig entrückten Künstler oder Künstlerin im Elfenbeinturm, ist ja so eigentlich nicht richtig und war eigentlich noch nie richtig, weil es gab immer schon sehr gute Unternehmer von, keine Ahnung, Heiden bis Hendel. Also da gibt es, die waren großartige Unternehmer übrigens. Das heißt, ich möchte nur auf diesen Punkt, ja, wir müssen uns erden, aber es muss Platz für beides sein. Also natürlich fordern wir auch, wir brauchen mehr musikwirtschaftliches Know-how für die Künstlerinnen, auch eine sehr alte Forderung von uns, dass das in den Universitäten stärker etabliert ist, dass sie auf den Markt kommen mit beiden, mit künstlerischen und mit wirtschaftlichen Fähigkeiten. Also es ist schon so, dass wir da auch an die eigene Szene unsere Forderungen richten, nicht nur an die Politik oder an die Wirtschaft, sondern wir sind da durchaus kritisch, wollte ich nur angemerkt haben.
Sabine Reiter
Ja, darf ich noch was hinzufügen? Tatsächlich wünschen wir uns auch an den Ausbildungsinstitutionen, dass da auch mehr an diesen Selbstbildern geschraubt wird, weil gerade in den Musikunis gibt es diese Selbstbilder schon noch, also von der Künstlerin, vom Künstler, die dann einfach die Agentur bekommt, die sie braucht und dann sozusagen einfach sich nur auf die Kunst konzentrieren kann. Und das ist aber auch im klassischen Bereich nicht mehr die Realität.
Fabian Burstein
Also ich möchte Ihnen zustimmen, dass wir dieses Bild diversifiziert betrachten müssen. Also nicht alles ist so und alles ist so. Ich möchte aber schon anmerken, dass wir insgesamt mit diesem Künstlerinnenbegriff wieder wesentlich vorsichtiger umgehen müssen. Also nur das Postulat "Ich bin Künstlerin" oder "Ich bin Künstler", das kann nicht reichen. Und da haben wir uns sicher an der einen oder anderen Stelle auch in der Förderlogik in eine Sackgasse begeben. Wir müssen sicher herausfinden, wo das wirklich eine Berufsgruppe ist, eine Berufsgruppe, die wir unterstützen müssen und nicht eine entkoppelte Behauptung, die ich mal einfach so in den Raum stellen kann, wenn ich das einmal so provokant behaupten darf.
Sabine Reiter
Ja, das kann man durchaus provokant behaupten, weil tatsächlich ist die Realität so, dass die sogenannte Portfolio-Karriere eigentlich die meistverbreitete ist. Das bedeutet, Künstlerinnen leben eigentlich nicht oder kaum von der künstlerischen Tätigkeit alleine, sondern haben dann eben gerade auch im Musikbereich, wie die Studien zur sozialen Lage auch gezeigt haben, auch andere musikbezogene Tätigkeiten oder auch musikferne Tätigkeiten. Das heißt, sie haben sozusagen eine Vielzahl an Einkommensquellen und unter anderem eben auch die künstlerische Tätigkeit. Und wir erzählen das immer genau, wenn diese Frage kommt, ja, wer ist denn eigentlich dann Künstler*in? Weil wir sagen dann, ja, woran misst man das? Und im Grunde, glaube ich, kann man es nicht daran bemessen, ob jemand den ganzen Tag nichts anderes macht, als der künstlerischen Tätigkeit nachzugehen, sondern es geht um den Grad der Professionalität, auch in diesem künstlerischen Wirken. Das ist ein, sozusagen, daran kann man dann auch das Künstlerinnen oder kann man das auch bemessen, also wer Künstler*in ist.
Fabian Burstein
Wie bekommen wir dementsprechend eben diese Fokussierung hin, dass wir wirklich zielgerichtet auch die Gruppen fördern, unterstützen, von denen Sie ja da vollkommen berechtigterweise reden? Müssen wir da ein gewisses System entwickeln? Ich sage ein paar Beispiele, dass wir sagen, es muss eine gewisse Ausbildung gegeben sein oder es muss zum Beispiel eine Versicherung bei der Künstlersozialversicherung sein oder es muss einen Durchrechnungszeitraum geben, dass ich sagen kann, ich habe so und so viel Aliquot verdient mit künstlerischen Tätigkeiten. Wie bekommen wir denn das hin? Denn auf die eine oder andere Weise müssen wir ja eine Zielgenauigkeit auf den Weg bringen, damit das, was Sie ja völlig zu Recht beschreiben, dass wir prekäre Gruppen stützen und dass wir diese Gruppen ermächtigen, genau dieser wichtige Wirtschaftsfaktor zu sein. Da brauchen wir ja wirklich Evidenzen. Wie kriegen wir das in dem Bereich in der Musik jetzt einmal hin?
Eva-Maria Bauer
Ich muss leider sagen, es an harten Kriterien festmachen zu wollen, wird scheitern. Das wäre sehr schön und die Politik hätte das auch sehr gerne, dass man sagt, ja gut, alle, die ein Studium haben, sind jetzt Musikerinnen. So funktioniert es aber leider nicht, weil dann ist die erfolgreiche Popgaragenband außen vor. Oder dass man sagt, gut, sie müssen so und so viel verdient haben. Gut, dann möchte ich darauf hinweisen, ich leime mal kurz eine Zahl aus dem bildnerischen Bereich. Durchschnittliche bildende Künstler oder Künstlerin verdient 5.000 Euro im Jahr. Weil einfach vieles so niedrig dotiert ist. Heißt das jetzt, sie sind qualitativ keine Künstlerinnen? Also wir haben uns schon eingehend damit beschäftigt und ich komme immer wieder darauf zurück, dass es um die Haltung geht. Es ist tatsächlich kein objektives Kriterium, wie viel produzieren Sie oder wie viel verdienen Sie, weil das kann sich sehr schnell ändern. Wenn man dann einen Hit hat, dann verdient man plötzlich sehr viel und vorher verdient man praktisch nichts. Sondern für mich ist es die Haltung, eine professionelle Haltung, dass ich mich am Markt bewege, dass ich mich auskenne mit meinem Markt, dass ich eine künstlerische Vision habe. Das heißt, ich habe ein künstlerisches Profil, das eigenständig ist, das erkennbar ist. Und in diese Entwicklung stecke ich auch sehr viel Zeit und Energie hinein. Das heißt, ich rede hier tatsächlich eher von subjektiven Kriterien oder wenn Sie so wollen, wenn man das jetzt in die Förderlogik überträgt, dann braucht es leider immer Kommissionen oder Expertinnen, die das nach inhaltlichen, künstlerischen, qualitativen Kriterien bewerten. Das ist nämlich der einzige Maßstab, der für mich tatsächlich Sinn ergibt.
Sabine Reiter
Tatsächlich ist es so. Und im Grunde stehen Kriterien dieser Art in sämtlichen Fördergesetzen, Förderrichtlinien drinnen. Da hat man sich schon tatsächlich sehr viele Gedanken gemacht, wie man sozusagen eine Auswahl inhaltlich eingrenzen kann. Aber im Grunde ist es die künstlerische Qualität dann im Endeffekt. Und es ist eine schwierige Aufgabe für Beirät*innen, das zu beurteilen. Das ist wirklich nicht einfach.
Fabian Burstein
Aber es ist ein wichtiger Punkt, den Sie da bringen. Das heißt, es geht einmal mehr nicht darum, zwei Kategorien gegeneinander auszuspielen, also subjektiv versus objektiv, sondern es geht einfach darum, ganz offen, ehrlich, transparent und sinnvoll gewisse Kriterien zu definieren. Das können auch subjektive Kriterien sein, die wiederum verknüpft sind mit, dass man gut darstellen muss, dass man sich auch strategische Gedanken gemacht hat und so weiter und so fort. Und dann muss man genau das einfach konsequent und professionell mit Leben füllen. Habe ich das wieder richtig verstanden?
Sabine Reiter
Tatsächlich ja, wobei sozusagen für Einzelpersonenförderungen jetzt weniger die strategische Komponente wichtig ist. Die ist dort wichtig, wo ich dann wirklich ins Projektmanagement komme, wo ich behaupte, ich reiche für ein Projekt ein und kenne mich aus. Da geht es tatsächlich darum, unterlegen zu können. Ich habe eine Strategie, ich kann dieses Projekt durchführen, ich habe dieses Wissen. Genau, und da geht es um diese Dinge.
Eva-Maria Bauer
Und auf einer Meta-Ebene, jetzt politisch gesehen, ja, wünschen wir uns natürlich auch, dass es eine kulturpolitische Vision gibt. Das sind öffentliche Gelder. Das heißt, es ist ein gewisser Rechtfertigungsdruck, warum jetzt genau man es dafür ausgibt. Und dafür braucht es immer einen politischen Überbau. Ich muss wissen, warum fördere ich das? Also warum fördern wir zeitgenössische Musik? Oder warum fördern wir jetzt genau irgendwelche Capacity-Building-Maßnahmen für den Musikexport? Ich muss wissen, warum ich das tue. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass in einigen Politikbereichen das ein bisschen untergegangen ist. Das heißt, man fördert so vor sich hin, aber es fehlt die Grundidee, was wir eigentlich damit erreichen wollen.
Sabine Reiter
Ja, ich sage eigentlich ja immer, man muss sich die Frage stellen, was soll durch die Förderung nachher anders sein, als es vorher war. Und daraus ergibt sich dann möglicherweise ein sinnvolles Ziel. Aber genau diese Frage könnte man sich öfter stellen.
Fabian Burstein
Lassen Sie es doch uns mal konkret machen, damit wir verstehen, auf welchem Grund Sie da agieren. Wie würden Sie zum Beispiel die Struktur des österreichischen Musikmarktes in wenigen Sätzen beschreiben? Gibt es da eine starke Major-Dominanz? Ist das eine kleinteilige Indie-Landschaft? Gibt es da einen super schwachen Live-Sektor? Kann man sagen, ja, der Export müsste wesentlich mehr gefördert werden? Kann man das irgendwie schematisieren, dass wir auf einen Blick verstehen, so funktioniert dieser Markt?
Sabine Reiter
In wenigen Worten ausgedrückt ist es so, dass der Markt, der Tonträgermarkt, tatsächlich von den Major, von den sogenannten Major-Labels, also Universal, Warner und Sony, dominiert wird. Tatsächlich ist das schon fast so eine Art Oligopol. Das ist wirklich eine marktbeherrschende Stellung, die Nachteile für alle anderen Marktteilnehmer*innen hervorruft. Das ist dieser Tonträgermarkt. Im Live-Markt ist es tatsächlich sehr, sehr ähnlich, weil auch da habe ich große Firmen, also große internationale Firmen, die hier dominieren, genauso im Ticketing-Markt. Und daneben habe ich noch eine Vielzahl von sehr, sehr kleinen und kleinen Unternehmen in Österreich, die natürlich durch diese Großen benachteiligt sind.
Fabian Burstein
Und wie wettbewerbsfähig ist dann Österreich eigentlich so im internationalen Bereich, wenn man das jetzt mal mit diesen Parametern verknüpft?
Eva-Maria Bauer
Unterscheidet sich nicht von anderen Märkten. Also diese Struktur finden wir eigentlich in fast allen kleinen oder mittelgroßen Musikmärkten. Das ist nichts Außergewöhnliches oder Neues. Deswegen gibt es ja das Instrument der Kulturförderung, um da auch ein wenig gegenzuhalten, tatsächlich.
Sabine Reiter
Tatsächlich ein weiteres Problem, das aber auch andere Länder haben, ist die Größe des Marktes. Ich habe in Österreich tatsächlich dann natürlich auch nicht so ein großes Potenzial, meine Fans aus meinem eigenen Land zu generieren als Musikschaffende. Deutschland tut sich da leichter, Frankreich tut sich da leichter, aber andere kleine Länder da tatsächlich auch dasselbe Problem. Und für diese Märkte ist es dann umso wichtiger, auch Internationalisierungsstrategien zu haben, auch im Musikbereich. Aber nicht nur dort.
Fabian Burstein
Wobei, da muss ich schon kritisch nachfragen. Also dadurch, dass wir mit dem Nachbarmarkt Deutschland einen sehr großen und extrem wichtigen mittlerweile Musikmarkt haben, der dieselbe Sprache spricht und im Übrigen auch mit deutschen Acts extrem erfolgreich ist, müssen wir uns schon die Frage stellen, warum sind wir da nicht viel stärker fähig, an diesem Erfolg zu partizipieren. Ich rede jetzt vom Popsegment schwerpunktmäßig, weil in der Klassik sind wir das ja. Aber in diesem Popkultursegment.
Sabine Reiter
Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Aber es ist zum Beispiel, ich nenne das als Beispiel jetzt, herausgegriffen. Wenn man in Österreich nicht im Radio gespielt wird, hat man sehr schwer, in Deutschland im Radio gespielt zu werden. Das funktioniert einfach so. Deutsche Radios nehmen österreichische Künstler*innen dann gern ins Programm auf, wenn die schon einmal sozusagen in Österreich gespielt worden sind. Und jetzt ist ja bekannt, dass der Anteil von österreichischen Musikschaffenden, die in österreichischen Radios gespielt werden, abgesehen von Ö1, sehr, sehr niedrig. Auch nicht nur abgesehen von Ö1. Manchmal muss man tatsächlich auch die kleinen Radios, die freien Radios nennen, die sich da auch sehr um die Szene bemühen. Aber diese Anteile sind sehr, sehr gering. Und das ist zum Beispiel in diesem Radiosegment schon mal ein Problem, nach außen zu, also über die Grenze zu gelangen. Es gibt da Instrumente für den Live-Musikbereich. Tatsächlich sind einige österreichische Acts in Deutschland da sehr erfolgreich. Aber das ist sozusagen, das geht nicht in die Breite.
Eva-Maria Bauer
Vielleicht ergänze ich da noch, weil wir gerade erst letzte Woche eine Presseaussendung gemacht haben, wie das mit Musik aus Österreich in den Radios und im Fernsehen ausschaut. Und da hat die RKM eine Umfrage gemacht, eine Gegenumfrage vielleicht, muss man sagen, zu dem, was M3 da immer so wieder behauptet. Sie behauptet nämlich, sobald sie österreichische Musik oder Musik aus Österreich spielen, schaltet der die Hörerin ab. Das ist ihre Behauptung, die nicht widerlegbar ist, weil diese Zahlen und Umfragen nicht öffentlich einsehbar sind, das ist also sehr intransparent. Und diese Umfrage hat gezeigt, mehr als 50 Prozent oder mehr, rund 50 Prozent der Österreicher*innen wünschen sich mehr Musik aus Österreich. Das heißt, es gäbe da schon zum Beispiel einen ganz leichten Weg, wie wir das verbessern könnten. Ich möchte auch mal sagen, dass das in der Schweiz, die bei 50 Prozent Quote liegen, freiwillig. Oder auch in Italien, wo es selbstverständlich ist, dass da die lokalen Künstler*innen gespielt werden. Auch im Fernsehen, dass es da Formate gibt für Talente, die sich präsentieren können. Das ist ganz selbstverständlich. Und bei uns fast ein Ding der Unmöglichkeit, wenn es nicht gerade Starmania ist. Das heißt, da haben wir noch viel Luft nach oben.
Fabian Burstein
Wobei, da muss ich Ihnen ein bisschen in der Argumentation widersprechen. Ich bitte immer auch mitdenken. Ich muss auch die kritischen Gegenpositionen mitbedenken. Das heißt, es geht nicht immer um meine Meinung, das auch immer an die Hörer*innen gesagt, sondern es geht darum, herauszuarbeiten, welche Argumente rund um diesen Themenkomplex schweben und wie wir das auflösen. Also, Sie haben gesagt, es soll mehr oder die Leute wollen mehr österreichische Acts hören. Das steht aber in keinem Widerspruch zu dem, was hinter vorgehaltener Hand im Format Radio gesagt wird. Nämlich, ja, die Leute würden es gerne mehr hören. Es fehlt aber schlicht und ergreifend die professionalisierte Szene, die für diesen Markt so produziert, dass dieses Versprechen einlösbar ist. Das ist ein großer Unterschied. Das heißt, die sagen, sie würden das schon machen. Das sagen sie nicht so aggressiv im Frontend, aber das hört man stark raus. Aber es wird schlicht und einfach nicht das geliefert, was dann, mit dem man dieses Versprechen einlösen könnte. Und das ist schon ein Thema, mit dem müssen wir uns befassen. Wir haben nämlich auch ein massives, und das behaupte ich aus erster Hand, ein massives Professionalisierungsproblem, was die Ausbildung betrifft. Das sage ich deshalb so, weil ich bin in Mannheim sozialisiert, wenn man so will. Also dort, wo vor 20 Jahren die Popakademie begonnen hat, wo man wirklich begonnen hat, strukturelle Popförderung in den universitären Bereich mit einzubringen. Ich habe dort auch unterrichtet. Und also ich muss wirklich sagen, es ist teilweise haarsträubend, was in Österreich behauptet wird an Postulaten, wie man wirkt, wie man bis hin zu Deutschland lege, den österreichischen Acts zu füßen. Die Realität ist ganz anders. Also da ein bisschen ein selbstkritischerer Blick der Branche, wäre das nicht auch angezeigt, damit sich diese zwei Ebenen, das Format Radio und die Szene, in der Mitte begegnen können.
Eva-Maria Bauer
Ich habe an der Universität für Weiterbildung Krems eine Studie gemacht, 2022, die hieß Music Career Check. Da ging es darum, welche Kompetenzen brauchen Musiker*innen für ihre berufliche Karriere. Das heißt, wir haben sehr viele befragt, das ist gar eine quantitative Umfrage. Und die Rückmeldung, wir haben gefragt, wo lernt ihr diese Kompetenzen, wo habt ihr die her und welche braucht ihr? Und da war es ganz klar, also musikwirtschaftliches Know-how war mangelhaft, hätten sie gern viel mehr, waren auch die Universitäten ganz schwach. Und auch das Technische, weil Sie jetzt Produktion angesprochen haben, das technische Know-how war ebenfalls so, dass sie gesagt haben, wir hätten mehr gebraucht. Wir brauchen mehr, immer noch. Also wirtschaftliches, rechtliches Know-how, Sozialversicherungsrecht, ganz komplex und schwierig für Künstler*innen. Und eben auch technische und Produktionsfähigkeiten. Und da sind wir aber vielleicht auch wieder ein bisschen bei dem Bild von Künstler*innen. Was ist dieser Beruf überhaupt? Weil die Sabine hat schon angesprochen, diese Portfoliokarrieren. Das heißt, wenn ich heute Künstlerin bin, muss ich vielleicht auch von Produktion eine Ahnung haben. Ich muss vielleicht auch von Veranstalten eine Ahnung haben. Ich muss von Management eine Ahnung haben. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel, als wenn ich mich nur auf die künstlerischen, handwerklichen Fähigkeiten oder ästhetischen Fähigkeiten konzentriere. Und da gibt es schon auch noch Bedarf.
Sabine Reiter
Ja. Wenn wir jetzt wieder auf dieses Thema der Qualität der Tonträger zum Beispiel jetzt zurückkommen, Popakademie Mannheim wurde genannt, da sehen wir schon auch ein Manko, weil gerade im Popbereich ist sozusagen dieser Ausbildungssegment, dann wird dann sehr, sehr, sehr schmal. Also da habe ich sozusagen nicht diese Breite wie in der Klassik, kann nicht in dieser Breite sozusagen Studierende hervorbringen wie in der Klassik. Das ist das eine. Und das andere ist tatsächlich auch, was Produktionen betrifft und deren Professionalität an sich. Das ist ja genau das Argument für die Existenz auch des österreichischen Musikfonds, weil man gesagt hat, es ist sozusagen nicht leistbar für kleine Indie-Labels oder für musikschaffende Produktionen in einer ausreichenden Qualität zu produzieren mit einem professionellen, mit allem, was sozusagen an professionellem Know-how da dazugehört. Und das ist ein wichtiges Argument auch für die Existenz dieser Produktionsförderung des Musikfonds. Nur sind die Mittel dort sehr beschränkt.
Eva-Maria Bauer
Wurden zwar aufgestockt, muss man auch einmal positiv sagen. Also die Politik hat darauf reagiert, vielleicht etwas spät, aber sie hat darauf reagiert. Er wurde also massiv aufgesteckt die letzten drei Jahre. Aber trotzdem ist die Förderquote insgesamt noch sehr niedrig. Das heißt, wir haben immer noch Künstler*innen, die eigentlich am Absprung wären, wo man sieht, da gibt es wahnsinnig viel Potenzial und es geht nicht weiter in der Karriere, weil da die Anschubförderung fehlt.
Sabine Reiter
Genau. Also nochmal zu dieser Produktionsförderung. Das ist tatsächlich sehr schwierig, so eine Tonträgerproduktion zu finanzieren. Für Indie-Labels ist es total schwierig. Die haben dieses Kapital nicht, die können nicht, die haben die Investitionen nicht. Also da gibt es kein Risikokapital. Und Musikschaffende schon überhaupt nicht. Und im Grunde ist es häufig so, wir haben ja Vertragsberatungen, gerade auch in diesem Tonträgerbereich am häufigsten. Und da schaut es eben so aus, dass die Musikschaffenden eigentlich den Tonträger selbst finanzieren und dann steigt das Label ein und übernimmt die Vermarktung. Das heißt, es gibt kein Kapital aus dem österreichischen Indie-Label-Markt jetzt, um in Professionalisierung von Tonträgern zu gehen.
Fabian Burstein
Ich will da jetzt nicht drauf rumreiten. Ich behaupte aber trotzdem, und das kann ich einfach aus erster Hand sagen, dort, wo solche funktionierenden Ausbildungsstrategien sind, entwickeln sich automatisch Biotope, die mit solchen Problemen lernen umzugehen und sich da auch selbst ermächtigen. Nämlich, weil die Leute, die das absolvieren und die dann sich weiterarbeiten, wiederum die Rahmenbedingungen für die Nachrückenden schaffen. Da entwickelt sich eigentlich als Abfallprodukt, unter Anführungszeichen, entwickelt sich auch eine enorm große Start-up-Kultur, die sich mit musikwirtschaftlichen Themen befasst und viele dieser Probleme, die sie ansprechen, dann löst. Weil die Förderprobleme gibt es tatsächlich in Deutschland genauso. Nur die sagen dann, wisst ihr was, habt es uns gern. Wir haben da andere Wertschöpfungsmodelle entwickelt, wo ihr uns den Buckel runterrutschen könnt, weil sie per se erfolgreich sind. Ich bin jetzt nicht dafür, dass alles in so eine neoliberale Verwertungs- und Wirtschaftslogik gegossen wird. Ich sage nur dort, wo wir mit Popkultur umgehen. Also sprich mit einer per se generisch kommerzialisierten Form von Musik und Musikwirtschaft. Ich glaube, da haben wir noch große Potenziale. Und vor dem Hintergrund möchte ich jetzt zu unserem Abschlussthema kommen, nämlich der Musikstreaming. Der Musikstreaming-Abgabe, die ja gerade wirklich, und das ist toll, stark im öffentlichen Diskurs ist. Also es wird wirklich mal über ein kulturpolitisches Thema richtig diskutiert. Mich würde einfach interessieren, aus Ihrer Perspektive, wir reden hier von einem Beitrag von 5 Prozent aus den Umsätzen großer Plattformen, die wiederum in das investiert werden sollen, was Sie ja einfordern, nämlich in den Standort, in Geld, das dann in gewisse Förderstrukturen oder in Unterstützungsstrukturen, es kann ja auch Infrastruktur sein, wieder umgeschichtet wird. Was halten Sie grundsätzlich von dieser Idee? Richtig oder falsch?
Sabine Reiter
Ich halte diese Idee für wunderbar und eigentlich unumgänglich. Vielleicht kommen wir kurz, ich schlage kurz den Bogen zu den Streaming-Plattformen. Da ist es einfach so, dass für Musikschaffende am Ende sehr wenig übrig bleibt. Das ist nichts Neues, das weiß man. Es gibt Ideen, dort Einnahmen anders zu verteilen, nämlich so zu verteilen, wie sie gehört werden. Das heißt, userzentriertes Modell. Das machen die Streaming-Plattformen aber nicht. Das hätte aber den Effekt, da gibt es einige Studien dazu, dass das eine viel größere Vielfalt an musikschaffenden Einnahmen erhalten würde. Momentan ist es so, dass vor allem große Stars, Major-Labels und so weiter von dem aktuellen Modell profitieren, das da besagt, die Einnahmen aus einem bestimmten Zeitraum werden prozentuell, also anteilig entlang der gehörten Streams verteilt. Also so wie das Radio ein bisschen. Und das ändern die nicht. Musikschaffende, da geht es sozusagen bergab. Da kommt immer weniger Geld rein aus all diesen Quellen, die es da gäbe. Und darum ist es folgerichtig, dann zu sagen, also das zweite Argument ist natürlich ein volkswirtschaftliches. Es fließt Geld aus Österreich ab, aus diesen Streaming-Plattformen. Sehr viel Geld. Und da muss man sich überlegen, das machen ja Staaten nicht nur in diesem Musikbereich, sondern in anderen Bereichen. Man muss sich überlegen, wie man dieses Geld wieder sozusagen sinnvoll über Besteuerung, über eine Investitionsabgabe im Land einsetzen kann.
Eva-Maria Bauer
Vielleicht zwei Dinge. Die Sabine hat schon gesagt, die Major-Labels profitieren vom aktuellen Modell sehr stark. Daher ist es absolut folgerichtig und aus Ihrer Sicht konsequent, dass die IFB als die Major-Label-Vereinigung gegen die Streaming-Abgabe ist. Ich nehme Ihnen das nicht übel, Sie machen Interessensarbeit, wie wir auch. Aber man muss einfach sehen, dass Sie natürlich Ihr Klientel beschützen und das sind sehr, sehr wenige. Und sicherlich nicht Leute aus Österreich, weil unsere Künstler*innen profitieren sehr, sehr wenig von dem aktuellen Modell. Und ich muss sagen, dass das eine der wenigen, wenigen Male war, dass sich quasi der Rest der Branche einig war. Also wir haben das gemeinsam lobbyiert, schon vor der Regierungsbildung. Wir haben ein gemeinsames Papier entwickelt, das hieß Roadmap für eine Standardstrategie. Da stand ganz klar drin, wir wollen eine Streaming-Abgabe oder eine Streaming-Steuer, also oder eine Investitionsabgabe. Und zwar, das Modell quasi war uns nicht so wichtig wie die Tatsache, dass hier etwas getan wird. Und ich möchte auch mal ganz praktisch argumentieren. Schauen wir uns die Budgetlage an. Wir haben ganz viele Ideen, wo man ansetzen könnte, um den Markt wettbewerbsfähiger zu machen. Das ist wunderbar, diese Ideen kosten aber alle Geld. Das heißt, wir brauchen auch eine Finanzierung. Hilft ja nichts. Und die Streaming-Abgabe ist eine relativ einfache Art und Weise, hier zumindest einen kleinen Brocken zu holen. Wir reden ja da nicht von irgendwie 100 Millionen, sondern das sind ja eh nur so irgendwie 2 bis 5 Millionen, je nachdem, wie man rechnet. Aber zumindest einen kleinen Beitrag könnten die großen Plattformen leisten.
Fabian Burstein
Gibt es schon in Frankreich, oder?
Eva-Maria Bauer
Ja, in Frankreich gibt es das. Das ist ein sehr erfolgreiches Modell, kommt auch hier ursprünglich aus dem Film, wo das ja in ganz anderen Größenordnungen praktiziert wird. Das möchte ich auch sagen. Wir haben hier sehr Mini-Forderungen im Vergleich. Also sehr süße, kleine, bescheidene Forderungen. Also das heißt, es hat ja auch ganz, ganz pragmatisch mit der aktuellen Budgetsituation zu tun. Wir stehen ja vor großen Kürzungen, die wahrscheinlich kommen. Es ist die Rede von 60 Milliarden Kürzungen im Kulturbudget die nächsten ein, zwei Jahre. Also wenn wir den Standort nicht, es geht ja gar nicht so sehr darum, den Standort zu verbessern, sondern wir müssen ihn halten. Also im Moment geht es mal darum, den Status quo zu halten mit allen verfügbaren Mitteln.
Fabian Burstein
Also ich finde das gut, oder ich fände es gut, wenn wir diese Debatte auch tatsächlich gar nicht vor dem Hintergrund eines bevorstehenden Sparpakets diskutieren, wo es dann eine Gegenfinanzierung braucht. Sondern ich glaube, was Sie da ansprechen, das finde ich total richtig. Da geht es um eine Umverteilung. Das ist ein grundsätzliches auch ein sozialpolitisches Anliegen in Wahrheit. Diese Streaming-Abgabe.
Eva-Maria Bauer
Absolut.
Fabian Burstein
Da kann man dafür oder dagegen sein, je nach Perspektive. Aber ich glaube, so müssen wir das einordnen. Es geht um die Frage, wollen wir sehr hohe und sehr konzentrierte Gewinne umverteilen in eine andere Richtung. Und das ist eine Richtungsentscheidung, eine politische. Und sie zu diskutieren, ist enorm wichtig an diesem Punkt. Es gibt noch etwas anderes, was an der Porto steht, nämlich die sogenannte Musikstrategie Österreich 2026. Frau Brauer, ich glaube, Sie sind Teil der Fokusgruppe zur Musikstrategie. Ich habe gelesen, die würde im Herbst 2026 erscheinen. Stimmt das?
Eva-Maria Bauer
Das wäre der Plan, der vom Ministerium vorgegeben ist. Es gab einen recht straffen Zeitplan. Also es gab eine Online-Umfrage, an der unglaubliche 8.000 Menschen teilgenommen haben aus dem Musikbereich. Unerhörte Zahlen bis jetzt. Ich kenne keine andere Umfrage in dieser Größenordnung. Es gab einen Nationalratsbeschluss aller Parteien. Ich möchte darauf hinweisen, weil das so unendlich selten vorkommt in Österreich, dass mal alle Parteien sich auf irgendwas einigen können. In dem Fall wissen alle, wie wichtig die Musik ist. Es gab dann Expertinnen-Workshops. Da sind, ich habe mal kurz nachgeschaut, rund 250 Maßnahmenvorschläge eingegangen. Und wir als Fokusgruppe sind so eine Art Steuerungsgruppe. Das heißt, wir bekommen ein paar exklusive Informationen, die ich auch nicht weitergeben darf.
Fabian Burstein
Schade.
Eva-Maria Bauer
Schade, ja, ich weiß. Aber grundsätzlich ist es natürlich so, dass die Entscheidung, was dann gemacht wird, der Politik obliegt. Also wir können beraten. Ich war von Anfang an, schon bevor der Prozess begonnen hat, sehr stark involviert als Musikratspräsidentin, weil das eine unserer Hauptforderungen war, dass es auch irgendwann mal eine Strategie braucht und nicht nur Einzelmaßnahmen, die quasi populistisch nach Bedarf gesetzt werden, sondern es braucht auch mal eine übergeordnete Strategie, wo man eigentlich hin will. Und daher bin ich eigentlich sehr froh über diese Musikstrategie. Ich glaube, es ist der richtige Weg. Und ich hoffe, dass sie auch wirklich wie geplant im Herbst erscheint, damit es dann noch genug Zeit gibt, Maßnahmen umzusetzen.
Fabian Burstein
Frau Reiter, Sie haben ja in einer vorherigen Antwort gesagt, wenn es um Maßnahmen geht aus dem politischen Spektrum, insbesondere um Fördermaßnahmen, müssen wir uns die Frage stellen, was ist nachher besser als davor? Wenn wir uns jetzt über diese Musikstrategie 2026 unterhalten, quasi als Abschlussstatement unseres Gesprächs, was muss schwerpunktmäßig danach besser sein, wenn diese oder wenn Teile dieser Strategie umgesetzt werden?
Sabine Reiter
Sehr schwierig, das in einem Satz oder in kurzen Worten zu sagen, weil die Musikwelt so unglaublich differenziert ist. Aber im Endeffekt ist es dann nachher besser, wenn sehr genau vorher hingeschaut wurde, welche Musikszenen, welche dieser sehr unterschiedlichen Musikszenen, die unterschiedliche Dinge brauchen, wenn es denen dann nachher sozusagen besser geht. Aber wie gesagt, es gibt nicht eine Strategie dafür, dass es denen besser geht, weil diese verschiedenen Musikgenres einfach verschiedene Wertschöpfungsketten haben und verschiedene Instrumente brauchen. Und ich glaube, die Strategie ist auch dann erfolgreich, vor allem, wenn es nicht wieder um Förderungspolitik nur geht, sondern wenn es wirklich als breite infrastrukturelle, als breites infrastrukturelles Maßnahmenbündel gedacht ist, es auch in andere Bereiche hineinreicht, in die Justiz, Gesetzgebung, Urheberrecht, Urhebervertragsrecht, ins Sozialministerium, soziale Lage, wenn man wirklich mit Wirtschaftsministerium, also alles, was wir vorher besprochen haben, wenn sozusagen das wirklich als Querschnittsmaterie begriffen wird und dann entsprechend der komplexen Lage sozusagen die österreichische Musikszene wieder erblühen kann oder zumindest weiter bestehen kann.
Eva-Maria Bauer
Die Musikstrategie, wenn sie fertig ist, soll drei Teile haben. Einerseits sollen Fakten gesammelt werden. Wir haben ja schon über das Datenleck gesprochen. Das heißt, besser ist es dann danach als vorher, wenn mal wirklich alle Fakten so weit, wie wir sie kennen, auf dem Tisch liegen und wir nicht immer wieder neu argumentieren müssen, sondern sie liegen da, auch für künftige Regierungen. Das heißt, das nimmt Argumentationsdruck für uns raus. Der zweite Teil ist eine Analyse. Wo stehen wir? Was brauchen wir für diese, wie die Sabine angesprochen hat, sehr unterschiedlichen Marktteilnehmerinnen und die unterschiedlichen Szenen, die es hier gibt? Brauchen wir wirklich unterschiedliche Dinge? Und das Dritte ist ein Maßnahmenkatalog, wie ein All-you-can-eat-Buffet, aus dem man dann eine Auswahl treffen muss. Manches wird sich nicht sofort umsetzen lassen, aber für mich ist es dann ein Erfolg, wenn es tatsächlich nicht nur an den kleinen Stellschrauben gedreht wird, das hören wir sehr oft, sondern wenn auch mal an den großen Stellschrauben gedreht wird. Ich wünsche mir wirklich, dass hier auch ein bisschen Vision hineinkommt, wo wir eigentlich hinwollen. Und da wäre zum Beispiel eine Streaming-Abgabe auch mal gut, um zu zeigen, wir sind auch mal bereit, wirklich was für die Musikbranche, ein eigenes Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen. Das fände ich schön. Oder wenn mal vielleicht ein Kultureuro eingebracht wird in der Stadt Wien zum Beispiel, dass man sagt, okay, Kulturtourismus, wichtiges Thema, dann soll auch bitte der Tourismus etwas fürs Kulturbudget beitragen.
Fabian Burstein
Gibt es übrigens in vielen deutschen Großstädten tatsächlich, ja?
Eva-Maria Bauer
Genau, gibt es. Also es gibt ja nicht nur jetzt, wir haben nur über die Streaming-Abgabe geredet und über quasi mehr Sichtbarkeit für Musik, aber es gibt ja noch viele andere Ideen, die da drin stecken. Es ist auch ein visionäres Papier, hoffentlich. Also ich wünsche mir wirklich, dass wir die nächsten zehn Jahre davon zehren können, von diesen All-you-can-eat-Buffet an Maßnahmen.
Fabian Burstein
Liebe Frau Reiter, liebe Frau Bauer, vielen lieben Dank für Ihre Zeit. Danke, dass wir uns so mannigfaltig über Musik in Österreich unterhalten konnten. War für mich sehr erhellend, auch sehr spannend in der Diskussion. Und herzlichen Dank.
Sabine Reiter
Dankeschön.
Eva-Maria Bauer
Dankeschön.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sin

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Livio Koppe

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