Bühneneingang
Braucht Wien eine weitere Buchmesse? – mit Jorghi Poll
Von der ersten Wiener Indiebuchmesse zum Deep Dive über die Buchbranche und Kulturpolitik: Jorghi Poll, Verleger der Edition Atelier, Mitbegründer der IG Buchmenschen und Mandatar in der Fachgruppe Buch- und Medienwirtschaft, beantwortet die Frage, warum eine kriselnde Verlagsbranche ausgerechnet jetzt ein neues Format mit kulturpolitischen Ambitionen braucht. Folge 91 beleuchtet, wie sich eine neue Messe gegenüber etablierten Events wie der Buch Wien positioniert, warum Deutungshoheiten in der Wiener Literaturszene eine besondere Rolle spielen und welche kulturpolitischen Forderungen Jorghi Poll an eine reformierte Literatur- und Verlagsförderung richten würde.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Mein heutiger Gast ist Jorghi Poll. Als Verleger der Edition Atelier, Mitbegründer der IG Buchmännchen und Mandatar in der Fachgruppe Buch und Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer Wien beackert er seit Jahren ein Feld, auf dem der Spagat zwischen Kunst, Politik und wirtschaftlichen Interessen zum Tagesgeschäft gehört. Wir sprechen heute schwerpunktmäßig über die erste Indie-Buchmesse in Wien, die am 25. April startet und die Jorgi Poll maßgeblich mitinitiiert hat. Warum waren Protagonist:innen der grieselnden Verlagsbranche ausgerechnet jetzt ein neues Messeformat? Wie viel harte Organisationsarbeit steckt hinter so einem Event, und wie positioniert sich ein neues Format neben etablierten Veranstaltungen wie der Buch Wien? Außerdem möchte ich von Jorgi Poll wissen, was für ein Vorstoß über die Machtverhältnisse, Deutungshoheiten und kulturpolitischen Baustellen der Literaturszene erzählt, und wie er diese Erzählung als Homopolitikus verändern will. Lieber Jorgi, vielen Dank, dass du heute im Studio bist.
Jorghi Poll
Hallo Fabian, danke für die Einladung.
Fabian Burstein
Jorghi, im Schwestern-Podcast "Ganz offen" gesagt, heißt es immer: Transparency ist the new objectivity. Deshalb kurz dargelegt: Wir haben auch eine andere Beziehung. Du bist schlicht und ergreifend mein Verleger.
Jorghi Poll
Ja, ich habe das Glück, das zu sein.
Fabian Burstein
Ja. Und auch mein Lektor. Wir haben gemeinsam an den Büchern "Die Eroberung des Elfenbeinturms" und "Empowerment Kultur" sehr intensiv gearbeitet. Daher kennen wir uns sehr gut. Das sei nur vorausgeschickt, bevor wir diese Folge aufzeichnen.
Jorghi Poll
Genau.
Fabian Burstein
Schön, dass du da bist.
Jorghi Poll
Danke. Ja, wir stehen natürlich eigentlich trotzdem nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Wir machen Werkverträge zu jedem einzelnen Buch. Also die Bücher, die es jetzt schon gibt, da haben wir Verträge. Da kann auch irgendein gearteter Compliance eigentlich kaum mehr irgendwas dran ändern. Außer natürlich, dass du mich eingeladen hast, aber das hast du ja erklärt, das hat andere Gründe.
Fabian Burstein
Ja. Beziehungsweise eine schon. Ich könnte tatsächlich um meinen nächsten Buchvertrag kämpfen.
Jorghi Poll
Das wäre richtig, ja.
Fabian Burstein
Das ist sozusagen.
Jorghi Poll
Ja, aber das haben wir dir schon suggeriert, dass das zu offenen Türen bei uns einrennst.
Fabian Burstein
Super. Jorghi, die Branche steckt, ich habe das ein bisschen angedeutet in dem Intro, seit Jahren zumindest in Krisennarrativen. Da geht es immer wieder um Prekariat, um hohe Mieten, um Papier und Energiekosten, um natürlich auch Leserinnenschwund, Konzentration im Handel. Warum ist so eine neue Messe in diesem Umfeld aus deiner Sicht eben kein Luxusprojekt, das man sich in tollen Zeiten halt zusätzlich gönnt, sondern schlicht und ergreifend notwendig?
Jorghi Poll
Also es ist tatsächlich so, dass die Branche, die Buchbranche, kleiner wird. Das erkennt man nicht an den rein faktischen Zahlen. Die sind einigermaßen konstant, beziehungsweise manchmal leicht im Plus. Aber wir haben in den letzten Jahren, Hörerinnen und Hörer haben das sicherlich schon mitbekommen, die sogenannte New-Adult-Bewegung bei Büchern in der Literatur.
Fabian Burstein
Was ist das? Kannst du das kurz erklären, wer das ist?
Jorghi Poll
Das sind im Grunde genommen vor allen Dingen Bücher für jüngere Menschen, wie es sagt, Young Adult oder New Adult, also junge Erwachsenenliteratur, die sich auf verschiedene Aspekte der Literatur beziehen, wo es zum Beispiel auch, dass sich um Liebe geht. Es gibt die sogenannten Tropes, also das heißt, man hat Erwartungshaltungen für Bücher eingezeichnet, die man vorher schon kennt. Also Enemies to Lovers, aus Feinden werden Liebende oder Freundschaften oder irgendetwas. Und diese Bücher sind sehr, sehr stark getaktet, erfüllen aber halt immer eben einen Erwartungshorizont und werden von der, sagen wir mal, normalen Literatur oder halt vom Literaturbereich eher ein bisschen naserümpfend betrachtet. Aufgrund der Marktzahlen ist dieser Snobismus allerdings leider nicht mehr gerechtfertigt, weil die haben in den letzten Jahren einen sehr, sehr großen Marktanteil bekommen und viele andere haben sehr stark abgebaut und nicht unter New Adult gelitten, sondern einfach unter dem normalen Kennzeichen gelitten, dass einfach die Branche kleiner wird, dass Menschen weniger lesen, weil sie halt einfach ein alternatives Angebot haben an Serien, auch an Podcasts und vielen anderen Dingen.
Fabian Burstein
Entschuldigung.
Jorghi Poll
Nichts zu entschuldigen. Und das sind einfach ganz normale Vorgänge, wo natürlich auch die Buchbranche um ihre Bedeutung kämpft in der Kulturlandschaft einer Gesellschaft. Also das heißt, wir müssen darum kämpfen, dass nach wie vor immer noch viel gelesen wird oder wieder mehr gelesen wird, dass auch junge Menschen auch zu Büchern kommen, auch zu Literatur kommen, auch zu einer Literatur kommen, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzt, wo ich als Identifikationsfigur in einem Roman ganz andere Möglichkeiten habe, bestimmte Haltungen zu verstehen und so weiter und so fort. Und es gibt ja die Buch Wien in Österreich, also die findet in November statt. Und es gibt die KRILIT, die Kritischen Literaturtage, die sind meistens im Mai, Juni, sowas, aber das ist jetzt keine reine Buchmesse, sondern halt irgendwie so gemischt mit verschiedenen Initiativen, also Friedensinitiative und so weiter und so fort. Und wir haben uns gedacht, wir, das heißt die IG Buchmännchen, wir sind ein Verein, den es seit 2024 gibt, und wir vereinen im Grunde genommen alle möglichen Bereiche aus der Branche, also nicht nur Eigentümerinnen und Eigentümer, wie das bei der Kammer, bei der Wirtschaftskammer so ist oder beim Hauptverband so ist, sondern wir wollen explizit auch für Angestellte da sein und denen ein Sprachrohr ermöglichen, auch für Menschen, die jetzt vielleicht nicht ihre Haupterwerbsquelle in der Buchbranche haben, sondern einfach ein Nahverhältnis haben, wie Bloggerinnen und Blogger und viele andere Menschen, die sich um die Buchbranche bewegen. Und diese Messe ist Teil einer größeren Aktion, des sogenannten BookCrawl. Der BookCrawl ist eine internationale Angelegenheit. Da werden in dieser Woche jetzt um den Welttag des Buches, um den 23. April herum, werden Buchhandlungen auf der ganzen Welt, also in New York, in Istanbul, in Australien und so weiter und so fort, also in ganz vielen verschiedenen teilnehmenden Ländern, werden sogenannte, also ein Stempelpass machen. Das ist so wie Stempelkarten wandern, wie beim Wien-Rundwanderweg. Man holt sich irgendwo an einer Station den Stempel und in diesem Fall ist das eine Buchhandlung. Und es gibt über 40 teilnehmende Buchhandlungen in ganz Österreich, vor allen Dingen natürlich in Wien. Und man kann zum Beispiel im neunten Bezirk, da ist die Buchhandlungsdichte in einer sehr buchhandlungsaffinen Stadt wie Wien nochmal besonders hoch, kann man diese fünf Buchhandlungen eigentlich innerhalb von einer Viertelstunde abwandern. Und beim fünften Stempel gibt es einen 10-Euro-Gutschein.
Fabian Burstein
Das heißt, das ist so eine Mischung aus langer Nacht der Buchhandlungen, geführte Wanderung, geführte Kulturwanderung, also so ein hybrides Format, was mich zu meiner nächsten Frage führt. Es gibt ja keine Erfahrungswerte mit dieser Indie-Buchmesse. Das heißt, es kann noch niemand dort gewesen sein. Wenn du einem Menschen in zwei, drei Sätzen erklären müsstest, was das ist, im Kern nämlich, ist das ein Marktplatz, ist das ein Festival, ist das ein Netzwerkraum, politisches Statement? Wie darf man sich das vorstellen?
Jorghi Poll
Also, es ist ganz, ganz basal. Wir haben 40 Verlage aus ganz Österreich zusammen. Das sind auch Verlage aus Salzburg, aus Kärnten, aus Graz. Und diese 40 Verlage stellen dort an jeweils einem Tisch ihre Bücher aus, ihre aktuellen Bücher oder auch ihre Backlist. Das ist ihnen ganz freigestellt, was sie dort ausstellen. Und bei freiem Eintritt für das Publikum, das ist halt auch ganz wichtig, im Albert-Schweitzer-Haus im neunten Bezirk ist ein barrierefreier Zugang auch möglich, werden einfach diese Bücher auf die Tische gelegt. Man kann meistens mit den Verlegerinnen und Verlegern darüber sprechen und man kann diese Bücher kaufen. Und darum geht es eigentlich. Also, wir wollten im ersten Augenblick schon vom ersten Moment an eigentlich die Idee verfolgen, zu sagen, wir möchten österreichische Verlage zusammenführen, nicht nur verwässert und durchmischt irgendwie mit deutschen Verlagen, wie das auf der Buch Wien oder auf anderen Messen so ist, sondern halt tatsächlich finden wir hier nur österreichische Verlage und ihre Programme. Und das ist besonders wichtig, weil der Anteil an verkauften Büchern in Österreich von österreichischen Verlagen, also Bücher von österreichischen Verlagen, sind nur 11 Prozent. Alles andere sind Bücher aus deutschen Konzernverlagen oder deutschen Verlagen oder Schweizer Verlagen. Also, dieser ganze deutschsprachige Raum in Österreich ist eigentlich viel, viel, viel stärker als wir in Österreich selbst. Und jetzt muss man da nicht in nationalistische Gefühle verfallen, sondern es geht einfach, und das ist auch keine Frage von Qualität oder sowas, sondern es geht halt wirklich um Marktmacht, um Marketingbudgets und Gelder und natürlich auf die immer weiter in einer schrumpfenden Branche zugespitzten Flaschenhälse. Wer sorgt denn dafür, dass welche Bücher in den Buchhandlungen liegen? Und wenn wir immer mehr Konzerne haben wie Thalia oder andere, die halt einfach in der Breite entscheiden, diesem Buch geben wir eine Chance oder für diesen Buch lassen wir uns einen Tisch zahlen oder was auch immer, dann ist die Diversität der Bücher im Grunde genommen beschnitten. Also, ich will jetzt nicht sagen bedroht, so alarmistisch muss man jetzt vielleicht noch nicht sein, aber die Flaschenhälse werden enger und das heißt auch, dass da mehr auf Verkäuflichkeit geachtet wird als auf, sagen wir mal, kulturelle Leistung oder auch literarische Qualität oder viele andere Faktoren. Die fallen dann eher hinten weg oder sind Zufallsprodukte.
Fabian Burstein
Das führt mich zu der nächsten Frage. Was bedeutet denn Indie in diesem Kontext genau? Geht es da um Verlagsgröße, um Programmatik, Eigentumsverhältnisse? Geht es da um eine Haltung? Bezieht sich das eigentlich auf die Messe selbst? Weil da war ich verwirrt, ich habe mir so ein bisschen diese Verlagsliste angeschaut, da waren ja auch Verlage wie Residenz dabei oder Überreuter, die ich jetzt nicht in dem Indie-Segment gesehen hätte. Wie habt ihr das definiert? Wer darf da rein?
Jorghi Poll
Also, in Österreich, das muss man dazu sagen, sind fast alle Verlage klein. Es gibt eigentlich bis auf Schollnheide, zur Hansa gehört, keinen großen Verlag. Und natürlich gibt es halt ein paar Verlage, die sind ein bisschen größer von der Teamanzahl im Verlag oder von der Publikationsanzahl. Und es gibt natürlich auch Verlage, die gehören wie Residenz jetzt zum Beispiel zu Porsche oder zu anderen Konstrukten. Mysteria ist jetzt auch kein ganz unabhängiger Verlag. Wir haben uns trotzdem gedacht, dass wir alle fragen, auch wenn wir diese Messe Indie-Buchmesse nennen. Also, es gibt halt die Indie-Buchmesse Wien und es gibt die Buch Wien. Und da ist allein durch den Namen schon mal eine kleine Abgrenzung nötig, weil die Buch Wien ist eine große, auch internationale Buchmesse, also zumindest in ihrem Selbstverständnis, wo auch deutsche Verlage kommen und auch andere Verlage ausstellen können. Und sie findet sich in der Messe Wien, wieder in einer Messehalle und ist genauso aufgezogen wie die großen Messen in Deutschland, sagen wir mal.
Fabian Burstein
Wie zum Beispiel Frankfurter Buchmesse, Leipzig und so.
Jorghi Poll
Ja, also natürlich nicht so groß, aber halt mit so die Art von Verlagsstand findet man dort, auch die Begleitung, das Ticketing und so weiter und so fort. Und natürlich auch die Veranstaltungen, die stattfinden. Und wir bei der Indie-Buchmesse, wir haben uns gedacht, bevor wir uns jetzt, wir machen das ja alles ehrenamtlich als Buchmännchen, wir sind nicht hauptamtlich absondiert und sagen, wir kümmern uns jetzt drei Monate nur um diese Messe. Also, wir haben alle Jobs, die auch teilweise 50, 60 Wochenstunden beinhalten und schaffen es trotzdem halt, diese Messe zu organisieren. Aber vor allen Dingen auch deswegen, weil wir das so niedrigschwellig wie möglich halten. Also, wir machen kein Veranstaltungsprogramm. Es gibt wirklich halt nur diese Tische und die Verlage und die Bücher und das Publikum. Natürlich gibt es ein Catering im Albert-Schweitzer-Haus hinten, das ist aufgelegt. Also, man kann auch sein Würstchen essen oder seine vegetarische oder vegane Variante und Kaffee trinken oder ein Glas Prosecco oder was auch immer. Also, das kommt auch mit dazu. Aber es ist auch eben, weil es das erste Mal stattfindet, haben wir uns gedacht, wir wollen vor allen Dingen eine Öffentlichkeitskampagne machen damit und auch mit dem BookCrawl und auch mit der ESC-Schaufensteraktion. Wir machen eine Schaufensteraktion des Buchhandels zum European Song Contest im Mai. Das sind Öffentlichkeitsarbeiten für das Buch. Und je mehr Buchhandlungen da teilnehmen, je mehr Verlage da teilnehmen, desto stärker ist man gemeinsam und dieses Solidaritätsgefühl ist erstmal für uns intern wichtig in der Branche, weil wir alle ganz oft immer unter dem Jahr Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer sind. Aber es ist natürlich auch mit Signalwirkung nach außen.
Fabian Burstein
Dazu natürlich eine ketzerische Frage. Warum haut man sich da, wie man in Wien sagt, nicht auf einen Buckle? Also, sprich, warum macht man das so, dass dann nicht zum Beispiel gemeinsam mit der Buch Wien, dass man, ich weiß jetzt nicht, einen Satelliten baut, wo man sagt, das ist die Indie-Buchmesse, das ist der Pre-Event. Ich kenne das zum Beispiel von früher von der Fotobiennale in der Rhein-Neckar-Region. Da gab es dann immer regelmäßig im Takt die Off-Foto, wo es dann so eine Kooperation gab. Warum ist das für euch von Grund auf nicht in Frage gekommen, wenn man gesagt hat, man muss eine eigene Duftnote setzen? Die Unabhängigkeit ist wichtig. Oder war das nicht denkbar aus den Gesprächen heraus?
Jorghi Poll
Also, wir haben mit der Buch Wien, mit den Verantwortlichen keine Gespräche geführt im Vorfeld. Ich glaube auch nicht, dass das unbedingt notwendig ist, weil die Buch Wien natürlich, also die Buch Wien GmbH, also Literatur und Content Marketing, gehört zu 100 Prozent zum Hauptverband. Es ist also eine Tochter des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels. Und die haben natürlich erstmal mit der Buch Wien selber genug zu tun. Das sind also dann irgendwie personelle, auch finanzielle Ressourcen eh gebunden. Und wir bei der Indie-Buchmesse, wir leben sehr stark von der ehrenamtlichen Arbeit. Und natürlich auch, wenn wir diese ehrenamtliche Arbeit schon machen, dann wollen wir es halt auch so machen, wie wir uns das vorstellen. Nämlich eben gemeinnützig mit niedrigen Standpreisen. Die ganze Grafik ist gratis gemacht worden. Also, ich habe das halt in dem Fall gemacht.
Fabian Burstein
Du bist ja auch Illustrator, muss man dazu sagen.
Jorghi Poll
Ja, das fällt mir dann halt nicht so schwer, auch das zu tun. Und auch die ganze Organisation darüber machen wir ehrenamtlich. Und deswegen kostet ein Tisch, ein Verlag nur 200 Euro.
Fabian Burstein
Was natürlich ein Riesenunterschied ist zu einem Messestand bei einer, zum Beispiel bei Buch Wien, aber ehrlicherweise auch Frankfurter Buchmesse oder Leipziger Buchmesse. Das sind ganz andere Kategorien.
Jorghi Poll
Genau.
Fabian Burstein
Nun möchte ich aber trotzdem einwerfen, dass Wien natürlich dafür bekannt ist, dass sehr, sehr schnell Kämpfe um Deutungshoheiten ausbrechen. Das ist auch tatsächlich ein Spezifikum dieser Stadt, kann ich berichten, nach vielen Jahren in Deutschland. Nämlich, dass es sofort darum geht, wer repräsentiert eigentlich die Szene? Wer spricht hier für wen? Wer gilt als zentral? Wer darf sich als Sprachrohr positionieren? Habt ihr da irgendwelche Spannungen gespürt? Ich will das jetzt nicht nur auf den Hauptverband oder die Buch Wien fokussieren, sondern insgesamt, habt ihr da irgendwelche Spannungen gespürt, dass man gesagt hat, wie kommt ihr dazu, jetzt euch einfach da aufzuschwingen und quasi ein Verkündigungsorgan in Messeform zu sein für eine ganze Branche?
Jorghi Poll
Also, wir empfinden uns nicht als Verkündigungsorgan, das ist vielleicht der falsche Begriff, sondern wir wollen einfach die Verlage zusammenbringen und ihnen einen Tag ermöglichen, wo sie mit hoffentlich mehr Geld im Säckel und an die Menschen gebrachten Büchern nach Hause gehen, als sie reingesteckt haben. Und das ist im Grunde genommen unsere Intention bei der Geschichte. Am Anfang gab es natürlich die eine oder andere Irritation, als wir Buchmännchen uns gegründet haben, aber das hat sich eigentlich schnell in Wohlgefallen aufgelöst, würde ich mal sagen. Also, wir haben das Gefühl, einfach nett empfangen zu werden. Wir sind ja auch großteils eigentlich eine bisschen jüngere Generation. Und es ist natürlich auch klar, dass man jetzt keine Generationen-Kämpfe führen kann und will. Also, wir wollen die Buchbranche positiv bestreiten und wir wollen etwas hineinstecken, von dem wir glauben, dass wir, also von dem wir, dass wir wichtig finden, ja, eben Solidarität, Gemeinschaft, auch eine stärkere Stimme nach außen. Das will der Hauptverband auch. Also, der will natürlich auch eine starke Stimme nach außen sein und tut sehr viel dafür. Und es geht ja auch nicht um Konkurrenz oder irgendetwas anderes, sondern es geht auch darum, dass wir einfach selber unsere Erfahrungen machen in diesem Bereich. Auch, also sowohl intern in der Kommunikation innerhalb der Branche als auch nach außen gegenüber der Politik oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Und das sind die Kriterien. Also, wir wollen da niemandem irgendwas wegnehmen oder Deutungshoheiten. Wir haben unsere Meinung, aber das ist ja eine Demokratie in Österreich immer noch. Und wir gehen davon aus, dass wir vielleicht mal die eine oder andere leicht differierende Meinung haben zu jemandem in der Kammer oder im HVB oder sonst wo. Aber das ist, glaube ich, eingepreist. Das ist bei jedem Menschen, der in der Buchbranche arbeitet, ja auch so.
Fabian Burstein
Aber ihr verkörpert da schon ein interessantes Schema in der Kulturbranche. Ich will das kurz darlegen und mich interessiert deine Meinung dazu. Es gibt da nämlich schon ein Umdenken insgesamt, auch in anderen Branchen, in anderen Kulturgattungen. Du hast das Thema Generationenkonflikt oder Generationenkampf angesprochen. Ich merke verstärkt, dass sich viele der Nachrückenden aus den bestehenden Strukturen zurückziehen, sagen, sie sind nicht bereit, diesen letzten Konflikt zu gehen, darüber, wie die Zukunft von einer Institution, Interessensvertretung etc. ausschauen kann, sondern sie begeben sich auf einen, sie gründen selber etwas Neues, um das von Grund auf zu gestalten und auch, um natürlich diesen Konflikten bis zu einem gewissen Grad aus dem Weg zu gehen, weil man keinen Bock drauf hat, sich damit aufzuhalten. Ganz stark sieht man das derzeit auch in der Medienbranche. Auch da tun die neuen Protagonisten nicht mehr auf Teufel komm raus in den bestehenden Interessensvertretungen kämpfen, streiten und Kampfabstimmungen führen, sondern sie sagen, macht euer Zeug gerne so weiter wie bisher. Wir gründen jetzt was anderes. Hast du diese Beobachtung auch? Glaubst du, dass das einfach ein pragmatischer und guter Weg ist, um da was weiterzubringen?
Jorghi Poll
Also, das ist eine schwierige Frage, weil natürlich jede Gründung auch Risiken birgt. Also, du musst erstmal dich aufbauen, du musst einen Resonanzraum erarbeiten, du musst deine Strukturen so festigen, dass sie tragbar sind, auch unabhängig von einzelnen Persönlichkeiten, die da mitarbeiten. Und das ist eigentlich schon eine große Aufgabe. Aber natürlich ist es auch so, dass, wenn man sieht, dass es auch wie bei uns in der Buchbranche der Hauptverband seit Jahren oder Jahrzehnten von einzelnen Persönlichkeiten sehr stark geprägt ist, auch in ihrer Struktur. Dagegen ist prinzipiell gar nichts zu sagen. Es sind halt andere Strukturen, als wir sie aufbauen würden. Und bei uns zum Beispiel gibt es eine Doppelspitze. Und wir versuchen, also die Doppelspitze besteht derzeit aus mir und der Stefanie Jaksch, die auch schon bei dir zu Besuch war.
Fabian Burstein
Zu ihrem Buch über das Helle, genau.
Jorghi Poll
Genau. Und Steffi ist auch Verlegerin. Sie arbeitet für ihren eigenen Verlag, Wasser Publishing, und jetzt seit Neuestem auch für den Molden Verlag als Programmgestalterin. Und wir sind insgesamt acht Menschen im Vorstand, jeder aus anderen Bereichen. Und darum geht es uns halt einfach auch, dass wir unterschiedliche Bereiche in der Branche zusammenführen und sagen, okay, wir wollen jetzt nicht nur in Partikularinteressen verharren, also was die Verlegerin, die Verleger betrifft, und was die Buchhändlerin, die Buchhändler betrifft, sondern wir sehen diese Branche als Ganzes und als Gefüge. Wenn der unabhängige Buchhandel wegbricht, bin ich als unabhängiger Verlag genauso bedroht, weil der unabhängige Buchhandel für unsere Verlage Sichtbarkeit garantiert. Und das kann man nicht auseinanderdividieren und sagen so, ja, auch wenn die Buchbranche kleiner wird und wenn dann Verteilungskämpfe anfangen bei den großen Konzernen, sieht man das schon, dass das passiert. Und diese Verteilungskämpfe werden meistens auf dem Rücken der Kleineren ausgearbeitet oder zu Lasten der Kleineren gemacht. Und da ist es einfach wichtig, dass wir uns nicht in Neiddebatten verlieren und nicht in Partikularinteressen verlieren, weil dann ist unsere Branche noch viel schlimmer dran.
Fabian Burstein
Ich hatte vor kurzem auch ein Gespräch mit den Neugründerinnen der Edition Lauter, die rund um die Causa der Nonnen von Goldenstein, rund um diese Dunkelkammer-Enthüllungen, dann die Geschichte erzählen wollten in Buchform und sich dann entschlossen haben, das eben nicht in bestehenden Verlagsstrukturen zu machen, sondern neu zu gründen und sich dann diese Dinge von Grund auf zu erarbeiten, Vertrieb. Sie erzählen davon in einer Folge, das ist sehr erkenntnisreich, nämlich was man da alles beachten muss. Und vor diesem Hintergrund möchte ich dich jetzt als, das ist bei dir jetzt nicht so relevant, weil du machst das ja schon wirklich extrem lange, das heißt, du hast das im kleinen Finger, aber du bist natürlich noch nicht so lange Messeveranstalter. Jetzt ist der Podcast auch dafür da, einfach ein bisschen in die Werkstätte reinzuschauen. Wie technisch ist die Planung, wenn man zu dem Schluss kommt, ich mache jetzt eine Buchmesse, Flächenplanung, Strom, Kassa, Ticketing, Versicherung, Gastro, Kommunikation. Da fließt ja irrsinnig viel zusammen. Kannst du kurz zusammenfassen deinen Ritt vom Verleger und Interessenvertreter zum Messeveranstalter?
Jorghi Poll
Also, ich habe schon vor Jahren auch in der Wirtschaftskammer in der Fachgruppe mitbekommen, dass da einfach auch der Wunsch besteht, dass es wieder so eine Messe gibt wie früher im Rathaus. Oder manchmal war das Buchquartier, gab es ja auch mal zwischendurch ein paar Jahre im Museumsquartier. Und diese Messen haben eigentlich gut funktioniert. Dann ist die Buch Wien halt irgendwie zu Buch Wien geworden in der Messe. Und das lässt natürlich Raum für niedrigschwelligen Zugang. Und für mich war immer wichtig zu sagen, klar, die Buch Wien hat so hohe Standpreise, weil sie sich finanzieren muss in einem kleineren Rahmen, als es zum Beispiel größere Messen nötig haben. Und deswegen ist aber natürlich die Zugänglichkeit von Verlagen und gerade von unabhängigen Verlagen auch in Österreich umso schwerer bei der Buch Wien. Also, wir wollten einfach eine Messe machen, um mehr österreichische Verlage zusammenzubringen und eine Zugänglichkeit zu erreichen. Und wir sind dann im Albert-Schweitzer-Haus gewesen, das ist bei uns im Neunten. Das ist ein schöner, heller, offener Raum mit Oberlichten, also wo man halt irgendwie auch ein bisschen Sonnenschein abbekommt, was jetzt wahrscheinlich am Samstag auch passieren wird, weil es sehr schön warm werden wird. Und in diesem Raum haben wir uns sofort vorstellen können, eine Buchmesse, eine kleine Buchmesse zu machen. Also, das war dann relativ schnell, also als wir es begangen haben mit den Verantwortlichen dort, war relativ schnell klar, ja, passt, das wollen wir, die Miete ist leistbar für einen Tag. Und die sind sehr rührig mit technischem Equipment, also sie stellen uns die Tische und die Stühle dorthin. Und auch, also den Saalplan haben wir natürlich so gemacht, wie die Tische stehen sollen. Aber darüber hinaus war eigentlich gar nicht so viel technische Grundvoraussetzung nötig, weil es gibt zwar WLAN, aber es gibt keinen Stand oder kein Tisch hat irgendwie einen eigenen Stromanschluss oder sowas. Das geht halt dort nicht, weil das keine Messestände sind, sondern einfach nur normale Tische mit zwei Stühlen und dem Verleger, der Verlegerin hinter dem Tisch und dem Menschen, der sich für Bücher interessiert, vor dem Tisch. Und da geht es halt dann einfach zur Sache zwischen diesen Tischen oder wenn man mal herumgeht, auch ohne den Tisch dazwischen. Und das war für uns von Anfang an wichtig. Wir haben unser Geld in die Presse und Aufmerksamkeitskampagnen gesteckt, denn wir wollen ja natürlich auch das Publikum dorthin locken. Und ich bin gespannt, wie es aufgehen wird am Samstag. Wir sind da alle sehr nervös.
Fabian Burstein
Aber das ist doch eine interessante Information. Das heißt, diese Verlage und die dazugehörigen Verlegerinnen oder Programmleiterinnen, das wahrscheinlich sowohl als auch, haben tatsächlich Bock darauf gehabt, dann eben mal nicht eine Messe zu haben, wo sie eben einen durchgebrandeten, CI-konformen Pressestand haben und dann dort präsentieren, sondern haben gesagt, nein, darauf haben wir jetzt einmal Lust. Wir stellen da einen Tisch hin, wir tun unser Portfolio da drauflegen und wir wollen einfach in Kontakt kommen mit den Menschen, die potenziell unsere Leserinnen sind. Mehr braucht es eigentlich nicht.
Jorghi Poll
Also, ich weiß nicht, ob das die Entscheidungsgrundlage war für diese Verlage. Ich glaube eher, dass man halt irgendwie in diesem Zeitraum Ende April einfach eine Messe hat, einen Verkaufs-Hotspot hat, wo man Bücher unter die Menschen bringen kann. Ich glaube, das ist so das wesentliche Kriterium. Wie das dann ausschaut, ist dann halt irgendwie eine andere Frage und vielleicht auch ein bisschen nachrangig. Ja, wir haben natürlich dann viel mit den Verlagen kommuniziert und wir haben eigentlich da auch offene Türen eingerannt. Also, es waren sehr, sehr, sehr schnell sehr viele dabei und das ist eigentlich auch für uns ein sehr schönes Zeichen.
Fabian Burstein
Kannst du das nochmal kurz skizzieren, wie finanziert sich das? Das heißt, Eintrittsgelder sind es folglich nicht.
Jorghi Poll
Genau.
Fabian Burstein
Das heißt, ihr habt pro Stand einen einheitlichen Preis.
Jorghi Poll
200 Euro. Also, Literaturzeitschriften sind auch ein paar dabei, die zahlen nur 100 Euro, weil sie einfach keine Bücher verkaufen oder sowas. Aber, also, wir haben 200 Euro pro Verlagstisch und wir haben eine Förderung der Fachgruppe und damit bestreiten wir unsere Kosten.
Fabian Burstein
Und öffentliche Stellen wie Stadt Wien oder so sind nicht involviert?
Jorghi Poll
Sind nicht involviert. Die haben wir nicht angesucht, weil wir der Ansicht waren, dass wir mit diesen Finanzen und mit unserer ehrenamtlichen Arbeit einfach die Messe finanziell stemmen können. Und das war dann einfach so, die Förderungen waren dann einfach noch nicht nötig.
Fabian Burstein
Und wahrscheinlich auch, es ist immer eine Abwägung, weil Förderungen bedeuten natürlich nicht ganz zu Unrecht auch administrativen Aufwand, weil natürlich hat der Fördergeber ein Recht darauf, zu wissen und zu erfahren, wie sein Geld eingesetzt wird, weil es ja öffentliches Geld ist. Das, was aber auch gleichzeitig extrem viel Arbeit für den Fördernehmer bedeutet, hat sich nämlich anbewusst entschieden, das lassen wir mal außen vor, wenn es sich ausgeht.
Jorghi Poll
Also, wir haben bewusst entschieden, dass wir das auslassen, weil die Stadt Wien ja auch mit Budgetkürzungen zu kämpfen hat in den nächsten Jahren und wir einfach sagen so, wir brauchen dieses Geld erst einmal nicht. Die nächsten Jahre, was wir dann tun mit der Messe, ob das größer wird, ob wir dann zusätzliche Förderungen stellen müssen oder Förderungsanträge stellen müssen, das bleibt offen. Wir haben uns auch überlegt, ob wir im neunten Bezirk selber ansuchen sollen. Ich sitze dort allerdings in der Kulturkommission als Bezirksrat und das wäre eine Compliance-Angelegenheit gewesen, deswegen haben wir das auch gelassen.
Fabian Burstein
Also, das heißt auch keine dezentralen Kulturgelder. Auch das gibt es ja in Wien, ein dezentrales Kulturbudget. Das habt ihr bewusst außen vorgelassen, um da gewisse Interessenkonflikte außen vorzulassen.
Jorghi Poll
Genau, ja. Vor allen Dingen war es auch so, dass wir uns selber, also bei der IG haben wir in den Statuten stehen, dass wir selber uns nichts auszahlen, auch für unsere Arbeit, dass die Arbeit wirklich ehrenamtlich ist. Und das ist dann die Maßgabe zu sagen, okay, dann hängt es an unserem Einsatz, unserem persönlichen Einsatz, wie wir das machen wollen. Und klar, wir könnten einen Programmverantwortlichen bezahlen, aber da wir ja nur die Verlagstische haben und die Verlage, ist das derweil noch nicht nötig.
Fabian Burstein
Du hast es angesprochen, es gibt Szenarien in der Förderlandschaft, die nahelegen, dass es da Einschnitte geben wird. Weißt du da Genaueres, wie diese Einschnitte aussehen könnten? Ich weiß ja, dass du auch politisch vernetzt bist. Kannst du da schon einen Einblick geben, was uns bevorsteht?
Jorghi Poll
Also, wir haben, das ist also sowohl die Stadt Wien kürzt, die Veronika Kaup-Hassler hat Anfang des Jahres, glaube ich, ein Interview gegeben oder halt eine Presseaussendung gemacht, wie sie das Kulturbudget in der Stadt Wien kürzen. Also, es waren 26 Millionen. Und sie haben aber gleichzeitig das Kulturbudget um das VHS-Budget erweitert. Und sie haben mit größeren Playern, also zum Beispiel den Vereinigten Bühnen oder dem Wien Museum oder anderen größeren, die Vereinbarung, dass sie im ersten Jahr auf jeden Fall 2,5 Prozent kürzen können, ohne Verhandlungsnotwendigkeit. Und im zweiten Jahr dann 5 Prozent. Und sie fokussieren sich sehr stark auf diese größeren Institutionen, weil ihnen klar ist, dass, wenn sie bei den Kleineren kürzen würden, also bei den Autorinnen oder auch bei den Verlagen, dass es einen Strukturschwund und damit auch einen Kulturschwund bedeuten würde. Die Größeren, denen tut das auch weh, das muss man auch sagen. Ich habe mit dem Martin Punzl mal geredet, kurz drüber. Da freut sich niemand natürlich, aber da wird trotzdem sehr luzide und klar damit umgegangen, zu sagen, okay, wir haben einen Plan und wir wissen, was wir tun. Und bei den Kleinen ist es einfach ganz oft so, dass, wenn da einzelne Personen dranhängen oder ein kleines Team, dass da auch einfach sehr viel Demotivation dann da ist, weil man sich ja ohnehin eigentlich in den allermeisten Fällen ausbeutet. Und der Bund hat jetzt gesagt, sie kürzen für 2,27, 3,2 Prozent vom gesamten Kulturbudget, für 2,28, 5,8 Prozent und für 2,29, 8,4 Prozent. Und wir in der Literatur haben ein Budget von 2,24, waren das 13,8 Millionen. Das ist mit das kleinste Budget überhaupt im Kulturbereich.
Fabian Burstein
Ist eigentlich in der Gezeiten der Budgetplanung nichts, ne?
Jorghi Poll
Es ist nichts, ja, ja, ja. Und ich habe jetzt zum Glück vor kurzem auch von Seiten des Ministeriums signalisiert bekommen, dass sie auch im Literaturbereich nicht in der Gießkanne kürzen werden, sondern schauen, wie können sie das am besten verteilen, weil ihnen auch klar ist, dass, wenn man von der Verlagsförderung dann im Endeffekt halt irgendwie, das sind das 2,29, 1,16 Millionen, das ist wahnsinnig viel Geld im Verhältnis zu dem, was da ist, dass sie da einfach einen Kulturbereich nahezu trocken liegen werden.
Fabian Burstein
Nur für unsere Hörerinnen, die so mit unseren Begrifflichkeiten nicht so vertraut sind, mit der Gießkanne bezeichnen wir quasi den aliquotierten Querschlag, also sprich einfach überall. Wie viel Prozent?
Jorghi Poll
3,2 nächstes Jahr, 5,8, 2,28 und 2,29, 8,4 Prozent.
Fabian Burstein
Das heißt, das wird wahrscheinlich nicht gemacht, sondern man schaut sich bewusst an, okay, wer kann es in einem unter Umständen größeren Ausmaß verschmerzen und wen würden wir mit dieser Summe schon de facto den Todesstoß versetzen. Ich will dich da auf was ansprechen, bin gespannt, ob du antwortest. Aus ganz, ganz, ganz unterschiedlichen Bereichen höre ich gerade, dass das Ministerium zu Gesprächsrunden rund um das Thema Literatur und Literaturförderung zusammenruft. Kannst du das bestätigen? Bist du Teil von diesen Gesprächsrunden?
Jorghi Poll
Also, ich war vor kurzem bei einer Gesprächsrunde, ja. Da ging es allerdings weniger um die Förderung, weil ich glaube, die Kürzungsverteilungen, also wie die Budgetkürzungen verteilt werden, ist gerade auch im Gespräch. Also, da muss sich natürlich der innere Zirkel mal darüber klar werden, was ist ihre Intention, wie können sie das am besten machen. Und natürlich sagt dann auch der Scholten, ja, wir haben echt, also auch Sorge vor diesen Gesprächen, weil niemand Spaß daran hat, irgendwie diese Kürzungen zu verwalten, auch im Ministerium selber nicht. Und sie müssen natürlich irgendwie damit umgehen und so schonend wie möglich halt damit umgehen. Und ich glaube, das ist ihnen bewusst.
Und was die Literaturförderung angeht, ist es natürlich immer, also wir haben jetzt eine Verlagsförderung zum Beispiel gehabt, die seit den 90er Jahren relativ gleich ist. Und das Problem dieser Verlagsförderung ist, dass sie eine Blackbox ist. Also, sie ist eine komplette Blackbox. Es gibt keine Entscheidungskriterien beziehungsweise halt ein paar Kriterienpunkte, die eigentlich frei interpretierbar sind, großteils. Und es gibt nahezu keine Transparenz. Erst heuer, vor kurzem, hat das Ministerium zum ersten Mal, und das ist schon mal ein wesentlicher Fortschritt, ausgeschickt die Fördersummen kurz nach der Bekanntgabe an den einzelnen Verlagen. Wie viel Verlagsförderung bekommt ihr jetzt? Haben sie gesamt ausgeschickt, wie viel Verlagsförderung, welcher Verlag kriegt? Normalerweise war das immer erst im Kunstbericht in den Folgejahren aufgelistet.
Fabian Burstein
Damit man das versteht, das heißt, da wird nach der Entscheidung nicht nur an den Einzelnen geschickt, du kriegst so viel, sondern es gibt einen Überblick, so ist der Kuchen verteilt worden. Und früher musste man das dann quasi im Nachgang anhand des entsprechenden Kunstberichtes, konnte man es dann schon nachlesen, aber mit einem großen...
Jorghi Poll
Mit einem zeitlichen Abstand, genau.
Fabian Burstein
Mit einem großen zeitlichen Abstand, okay.
Jorghi Poll
Ja. Und ich habe auch letztes Jahr im Herbst dort signalisiert bekommen, dass sie an einer Reform dieser Verlagsförderung arbeiten. Es ist ihnen auch bewusst, dass es gibt einen zugeordneten Beirat, der empfiehlt, sozusagen die Förderhöhen. Und es ist aber völlig unklar und deswegen kann man über diese Arbeit eigentlich kaum etwas sagen, wie das Ganze funktioniert, ob es da inhaltlich andere Kriterien, andere Entscheidungstools gibt, als das, was nach außen dargestellt wird. Es gibt keine Begründung für Förderhöhen oder Förderkürzungen. Also, man nimmt es hin und hat entweder Glück oder nicht. Und es gibt auch so ein bisschen die Problematik, dass es da sozusagen zu einer Art Gewohnheitsrecht für Förderungen kommt, wenn man...
Fabian Burstein
Wie zumindest so empfunden.
Jorghi Poll
Ist so empfunden, ja, ja, ja. Weil auch wenn man, also wenn man wie jetzt halt irgendwie diese Fördersummen sieht, ist einfach, sind die Entscheidungen nicht nachvollziehbar. Also, aus meinem Bauchgefühl, mehr habe ich ja nicht, also meine Kenntnis der Branche und mein Bauchgefühl heraus nicht. Und es gibt halt eben keine anderen Kriterien, die wir bekommen, anhand derer man dann sagen kann, okay, das passt dann schon, ja.
Fabian Burstein
Aber das sind ja schon so in Nebensätzen wichtige Informationen. Das heißt, zumindest diese Gespräche, die du jetzt skizziert hast, die werden vom Sonderbeauftragten des zuständigen Kunst- und Kulturministers Babler, nämlich vom Rudolf Scholten, offenbar geführt. Und am Tisch sitzen da, nehme ich mal an, nicht nur Leute wie du, sondern eben genau diejenigen, die vielleicht bislang sehr stark profitiert hat von diesem Förderwesen. Wie darf man sich das atmosphärisch vorstellen? Fetzen sich da alle in alle Richtungen? Findet man am Ende des Tages doch einen gewissen Konsens, dass man an einem Strang zieht? Wie fühlt sich das an?
Jorghi Poll
Also, das konkret über die Verlagsförderung weiß ich nicht, weil die sind, also wenn es da Gespräche gegeben hat, war ich nicht dabei. Vielleicht gibt es sie noch. Ich war vor kurzem in einem Gespräch, wo die verschiedenen Stakeholder, also Wirtschaftskammer, Hauptverband, wir von den Buchmenschen, die Literarmechaner, die EG-Autorinnen und die Büchereien, halt ihre großen Problemstellen bezeichnen sollten. Und neben dem Budget ist es da natürlich sehr stark darum gegangen, wie wir mit KI-Regelungen, also mit Urheberrechtsvergütung umgehen können. Das war vor allen Dingen der Inhalt des letzten Gesprächs. Im Herbst habe ich signalisiert bekommen von der Antonia Rarhofer, dass es schon Überlegungen gibt, die Verlagsförderung zu reformieren.
Fabian Burstein
Entschuldigung, Antonia Rarhofer ist die, genaue Bezeichnung.
Jorghi Poll
Abteilungsleiterin.
Fabian Burstein
Abteilungsleiterin, genau, der Literatur.
Jorghi Poll
Im Bundesministerium.
Fabian Burstein
Muss man kurz erzählen, das Bundesministerium hat eine Sektionschefin und dann verschiedene Abteilungen und die sind meistens nicht immer ganz stringent, aber im Großen und Ganzen schon gewissen Bereichen zugeordnet und da gibt es unter anderem eine Literaturabteilung. Das ist die besagte Leiterin, ich glaube seit einem Jahr circa oder so.
Jorghi Poll
Ja, das ist noch nicht so lang.
Fabian Burstein
Entschuldige, dass ich dich unterbrochen habe, aber.
Jorghi Poll
Danke für die Präzisierung, ja. Sehr gut, du bist gut vorbereitet. Und sie hat signalisiert, dass es eine Verlagsförderungsreform geben soll und auch anhand von objektivierbareren Kriterien passieren soll. Und das ist eigentlich genau das, was wir von den Buchmenschen uns auch wünschen. Also, wir haben selber mal so ein Papier aufgesetzt, wo man verschiedene Kriterien aufbaut, so einen Kriterienkatalog formuliert. Dieser Kriterienkatalog ist eine Mischung zwischen inhaltlichen, also qualitativen Kriterien, wirtschaftlichen Kriterien und strukturellen Kriterien. Also, wo man einfach sagt, wenn du das als Verlag machst, kriegst du von uns eine Förderung, weil es ist für dich wirtschaftlich gut, es ist für die Branche strukturell gut, wenn ich es so fördere, und es ist qualitativ gut, weil du ein gutes Lektorat, eine gute Pressearbeit machst und so weiter und so fort. Und in dieser Hinsicht kursieren immer wieder solche Begriffe wie Wirkmacht eines einzelnen Verlages oder so. Und diese Begriffe, es ist wirklich ganz wichtig, dass wir solche Kriterien über Bord schmeißen, weil das sind völlig schwammige, also was soll das überhaupt sein, Wirkmacht, wer definiert, wie Wirkmacht ist, wie schaut das aus und wie kann ich das sozusagen überprüfen. Da ist sogar im Theater, wie du in der letzten Folge erzählt hast, die Publikumszählung und die Auslastungszahlen, auch wenn man die natürlich irgendwie schön immer ein bisschen blinken kann, sind da noch irgendwie valider als zu sagen, was ist Wirkmacht. Und vor allen Dingen kein äußerer Chefverlag, das sieht man an den 11 Prozent Anteil, ist wirkmächtig. Keiner.
Fabian Burstein
Das ist ja schon in gewisser Weise ein dramatischer Befund. Ich kann dich da auch jetzt kurz aus diesem Thema nicht rauslassen, ohne dir eine Frage zu stellen. Ich meine, wir kennen ja alle die Protagonistinnen und Protagonisten, vor allem die Protagonisten, die da mitspielen. Ich glaube, uns ist allen klar, dass die, die derzeit davon profitieren, mit Zähnen und Klauen genau das verteidigen werden, oder?
Jorghi Poll
Also, das ist möglich, das weiß ich nicht. Und es ist im Grunde genommen auch, also es wäre schade, wenn das passiert, weil diese Kriterien, die wir haben, also das Problem dieser Verlagsförderung, so wie sie jetzt ist seit den 90ern, ist, dass es zwischen den einzelnen Verlagen einfach zu großem Neid kommt, gerade weil diese Kriterien nicht nachvollziehbar sind. Und die Vergabe der Tranchen und der Verlagsförderung, die sind einfach für keinen nachvollziehbar. Jeder freut sich, wenn er mehr kriegt, andere freuen sich, wenn sie weniger kriegen. Alle sagen, ja, wenn ich nur 10.000 mehr hätte, würde ich schon besser überleben können. Und das stimmt natürlich, aber es geht halt nicht immer nur um jeden Einzelnen, sondern es geht darum, was willst du als Branche auf der einen Seite, was willst du als Fördergeberin auf der anderen Seite. Und du willst ja auch kulturpolitisch gestalten mit einer Förderung. Also, du willst, dass die Verlage zukunftsfähig sind, dass sie ins 21. Jahrhundert kommen mit ihren publikatorischen Ideen, dass sie strukturell sich so aufbauen, dass sie nicht nur von Förderung abhängig sind, dass sie innovativ sind und, und, und. Und das gilt es eigentlich als Fördergeberin zu erreichen und zu unterstützen. Das heißt, ich werde schauen, dass auch in diesen kleinen Verhältnissen natürlich möglichst professionell arbeitende Verlage eine Förderung bekommen, also strukturell gut aufgestellte Verlage. Beispielsweise, wenn sie eine Pressemitarbeiterin haben, dass das ein höher gerankt wird als jemand, der einfach nur Pressearbeit nach außen gibt zu einer Agentur, die im Portfolio noch hundert andere hat. Ganz einfach, weil das für den Verlag besser ist, eine eigene Angestellte zu haben, die sich nachhaltig und lange um Kontakte zu den Feuilletons bemühen kann und die aufbauen kann und so weiter und so fort. Genauso wie im Lektorat auch. Also, es macht einfach viel mehr Sinn, eine klare Richtlinie zu haben, was ist Lektorat, gibt es einen zuständigen Lektorat, wird das einfach verteilt, irgendwohin nach außen an freie Selbstständige, die auch keine Meinung haben und ganz oft für Dumpinglöhne arbeiten müssen. Also, wie ist der Verlag strukturell aufgebaut und du willst ja, dass der Verlag sich weiterhin trägt und prosperiert. Und das geht es halt mit einer Förderung zu erreichen und dafür sind die Kriterien da. Gleichzeitig kannst du sagen, ich will Verlage fördern, die jetzt nicht nur Verkaufstitel machen, sondern dass du sagst, okay, ich will halt Literatur fördern, wie auch immer deine Definition von Literatur dann ausschaut. Oder ich will Verlage fördern, die Bücher machen, die in einen gesellschaftspolitischen Diskurs mit der Gesellschaft treten oder treten wollen.
Fabian Burstein
Ich verstehe, was du damit meinst, nämlich, dass die Vision langfristig einleuchtend ist. Jetzt ist es aber trotzdem so, dass man aus der Branche hört, von Einzelnen natürlich, die sehr stark von dieser derzeitigen Förderlogik profitieren, dass da so ein bisschen das Common Word kursiert nach dem Motto, naja, was ich verkaufe, ist mir wurscht, weil mit der Förderung habe ich mein Projekt ausfinanziert. Das ist ja eigentlich gerade aus einer kulturwirtschaftlichen Perspektive, die du ja auch vertrittst, du bist ja auch in der Wirtschaftskammer aktiv, das ist ja eine besorgniserregende Haltung. Und es ist doch naheliegend, dass man mit dieser Haltung eben nicht Teil dieser Vision sein will, die du da skizzierst. Rechnest du da mit größeren Konflikten, die zwischen Nachrückenden und eher jetzt aktuell gut Aufgestellten entstehen werden? Kannst du dir vorstellen, dass das noch richtig ruppig werden könnte?
Jorghi Poll
Das weiß ich nicht, weil im Endeffekt ist der Fördergeber, also das Ministerium, dafür zuständig, diese Gespräche zu führen und sich die Meinungen, Ansichten anzuhören und dann halt zu entscheiden, was machen wir. Und es kann natürlich sein, dass die Verlagsförderung, so wie sie jetzt ist, auch weiterhin geben wird, dass da nichts getan wird, das ist möglich. Grundsätzlich muss ich dazu sagen, bei aller Kritik ist die Verlagsförderung, wir haben es gehört, warum, wirklich, wirklich wichtig für österreichische Verlage. Ohne das gibt es einfach kaum österreichische Literatur, es sei denn, sie kommt sofort zu einem deutschen Verlag. Das ist bei Autorinnen und Autoren höchst, höchst selten der Fall. Und das würde auf jeden Fall auch zu einem starken Kulturschwund führen in Österreich, wo Autorinnen keine Möglichkeit mehr haben werden, erste Bücher zu publizieren. Also, die österreichischen Verlage sind sehr, sehr wichtig für die österreichische Literatur. Die Verlagsförderung wiederum ist wirklich wesentlich für das Überleben der österreichischen Verlage wichtig. Und ausgehend von dieser Grundaussage ist halt die Frage, wie. Also, wie verteilen wir die Verlagsförderung und nach welchen Kriterien? Und da sollten wir uns jetzt ins 21. Jahrhundert bewegen und diese Förderungskriterien transparent machen, mit Begründungspflicht und für alle nachvollziehbar. Es ist auch für die Verlage einfach sinnvoll, wenn sie wissen, okay, mit diesem Programm, mit dieser Struktur kann ich mit so und so viel Verlagsförderung rechnen. Und sie haben bei anderen Kolleginnen gegenüber dann keinen Neid, wenn sie sagen, du kriegst ja irgendwie 60.000 Euro mehr, obwohl du auch alleine da sitzt und irgendwie keine Ahnung, warum. Und da kommt man nicht in eine Erklärungsnot einfach.
Fabian Burstein
Jorghi, du hast jetzt sehr virtuos dargestellt, was der Pilotversuch einer Indie-Buchmesse mit dem großen Ganzen zu tun hat, mit Politik, mit Förderstrategien, mit Verhandeln, mit Vernetzung etc. Vielen Dank dafür. Die erste Indie-Buchmesse findet am 25. April 2026 von 11 bis 19 Uhr im Albert-Schweizer-Haus im 9. Bezirk statt. Das Albert-Schweizer-Haus ist in der Schwarzspanierstraße 13, habe ich mir rausgeschrieben.
Jorghi Poll
Sehr gut.
Fabian Burstein
Der Eintritt ist frei. Zum Abschluss, ich kann mir leider als kleiner Podcast auch nicht leisten, auf der Buch Wien zu sein. Gibt es irgendeine Chance, dass ich bei der zweiten Indie-Buchmesse so Messeradio bin oder so?
Jorghi Poll
Absolut. Ja, das wäre super.
Fabian Burstein
Gut, dann gehen wir dann in Verhandlungen.
Jorghi Poll
Machen wir Live-Stream einfach, Live-Radio.
Fabian Burstein
Ja, ja.
Jorghi Poll
Okay. Wunderbar.
Fabian Burstein
Lieber Jorghi, vielen Dank für deinen Besuch und alles Gute für diese erste Ausgabe.
Jorghi Poll
Danke für die Einladung, Fabian.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Autor:in:Livio Koppe |
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