Ganz Offen Gesagt
Nachbarinnen - mit Christine Scholten

Christine Scholten ist Ärztin und Gründerin der Wiener Integrationsinitiative NACHBARINNEN. Gemeinsam mit Sozialassistentinnen aus unterschiedlichen Communities begleitet sie seit über zehn Jahren migrantische und geflüchtete Familien in ihrem Alltag. Im Gespräch mit Saskia Jungnikl-Gossy spricht sie darüber, warum Frauen oft der Schlüssel zu gelingender Integration sind und warum Integration nicht eine Aufgabe derer ist, die neu nach Österreich kommen.

Christine Scholten
Die Nachbarinnen lösen die Frau so ein ganz klein bisschen aus dem oft sehr starren und sehr traditionellen und patriarchalen System heraus. Und durch ihre Expertise und Erfahrung und durch sehr, sehr viel Information über Rechte, Pflichten und so weiter stärken sie diese Frauen so gestärkt. Gehen sie zurück in die Familie, die Nachbarin bleibt Verbündete und schafft dort wirklich eine Veränderung.
Saskia Jungnikl-Gossi
Herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt". Mein Name ist Saskia Jungnikl-Gossi, und ich freue mich sehr, dass ihr dabei seid. Und ich freue mich sehr über meinen heutigen Gast. Das ist Christine Scholten. Christine Scholten ist Ärztin, Sozialunternehmerin, und sie ist Mitgründerin der Initiative "Nachbarinnen in Wien". Seit mehr als 10 Jahren begleitet das Projekt migrantische und geflüchtete Familien in ihrem Alltag, nicht vom Schreibtisch aus, sondern direkt vor Ort. Wir sprechen heute über Integration, Nachbarschaft und Privilegien. Hallo Christine, schön, dass du da bist.
Christine Scholten
Hallo, danke für die Einladung. Ich freue mich wahnsinnig, hier zu sein.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wir beginnen immer mit unserer Transparenzpassage. Erstens: Woher wir einander kennen? Wir kennen uns deswegen, weil ich gespendet habe für die Nachbarinnen, weil ich das Projekt online gesehen habe und begeistert war und mir dachte: Wow, muss man unterstützen. Und dann habe ich was gespendet, und dann hast du eine E-Mail geschrieben. Und so sind wir in Kontakt gekommen. Und dann dachte ich, es wäre doch toll, dich mal hier zu haben und dich über das Projekt sprechen zu lassen. Genau, also so viel dazu.
Christine Scholten
Das ist ein Online-Dating gewesen, praktisch.
Saskia Jungnikl-Gossi
Ja, genau, der angenehmen Art.
Christine Scholten
Klar.
Saskia Jungnikl-Gossi
Genau. Und die zweite Frage ist, ob du politisch tätig bist oder ob du Parteimitglied bist.
Christine Scholten
Ich bin nicht politisch tätig, aber ich bin seit mittlerweile Jahrzehnten Mitglied bei der SPÖ.
Saskia Jungnikl-Gossi
Du hast mal gesagt, ich hatte immer das Gefühl, ich bin in einem Nutellafass geboren. Was meinst du damit?
Christine Scholten
Ich habe sozusagen, das Nutellafass ist die schlagwortartige Beschreibung meiner Privilegien. Ich bin an einen Ort geboren und in ein Umfeld hineingeboren, das sich wahnsinnig viele Menschen auf der Welt wünschen würden. Und habe das Gefühl, dass es ganz wichtig ist, weil der zweite Satz zum Nutellafass war immer: Ich möchte ein bisschen von dem Nutella verteilen. Es ist einfach irgendwie so eine innere Notwendigkeit. Ich spüre eine innere Notwendigkeit, etwas gegen diese unglaubliche Ungerechtigkeit auf der Welt zu tun. Und es ist ja wirklich, es fängt mit der Geburtslotterie an, wie die Judith Kohlberger immer sagt, wohin man geboren ist. Ich könnte auch in einem Vorort von Kabul geboren sein. Und dann hätte ich das Gefühl, ich hätte gern das Nutella.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wann hast du das erste Mal so verstanden, wie privilegiert dein eigener Lebensweg ist? Oder war gab es da einen Moment?
Christine Scholten
Also, ich würde sagen, so keinen echten Moment, aber das hat in der Oberstufe begonnen. Nein, eigentlich, glaube ich, es hat einfach in der Schule begonnen. Aber das sind sehr dunkle Erinnerungen. Also so wirklich eingestiegen in die Aktivität gegen die Ungerechtigkeit bin ich dann, wie ich 18 war und ehrenamtliche Bewährungshilfe machen durfte. Das durfte man ab 18. Das hat mich sehr interessiert. Mich hat immer interessiert das Leben hinter der Stirn von Menschen. Zu diesem Leben kommt man aber einfach nur, wenn man fragt. Und wenn man nicht über die Menschen redet, sondern mit den Menschen redet. Und das habe ich bei Jugendlichen begonnen, damals bei der Bewährungshilfe. Weil zu diesen Jugendlichen kommt man sonst nicht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wie bist du denn sozialisiert worden? Also, wie war denn dein Elternhaus? Weil dieses Ungleichgefühl.
Christine Scholten
Urkonservativ, sehr streng. Der Prototyp eines patriarchalen Familiensystems.
Saskia Jungnikl-Gossi
Interessant. Das heißt, das ist eigentlich dieses soziale Gewissen, diese Gleichheit kam nicht daher?
Christine Scholten
Nein, gar nicht. Und das ist, aber ich glaube, es ist ja im Prinzip egal, woher es kommt. Die einen betonen immer, ich komme ja aus einem Arbeiterhaushalt und daher und überhaupt, und ich habe es schwer gehabt. Und die anderen betonen dann gern, ich weiß nicht, ich bin so privilegiert aufgewachsen und daher. Also irgendwie ist es ja egal, woher man kommt, wenn man, ich glaube daran, dass jeder Mensch hat irgendwie einen ganz großen Teil Menschlichkeit in sich, und den sollten mehr Leute wirksam werden lassen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Du hast einen Teil dieser Mitmenschlichkeit, Menschlichkeit in deinem vorherigen Beruf ausgelebt. Du warst Ärztin, also du bist Ärztin. Du warst Kardiologin, du hattest deine Ordination in Favoriten. Warum gründet eine Ärztin plötzlich ein Integrationsprojekt?
Christine Scholten
Das ist in der Ordination gelegen gewesen. Also, ich habe eben in Favoriten, mitten in Favoriten, eine Kassenpraxis aufgebaut als Kardiologin. Und wenn man als Internistin menschlich ist, dann kommen viele Leute. Und es waren dort, also ich habe das irgendwann einmal, dann zählt man ja immer die Krankenscheine, damit man abrechnet und so. Und ich habe dann einmal gezählt, wie viele offensichtlich nicht österreichische Namen da waren. Und es waren ungefähr 70, 75 Prozent nicht deutschsprachige. Also, die Namen sind natürlich jetzt nicht, aber es war offensichtlich, dass wir haben sehr, sehr viele nicht deutsch muttersprachliche Patientinnen gehabt. Und da war in Favoriten der Hauptteil türkischsprachig. Und ich habe eben, ich wollte so gern herankommen an diese Frauen, die da gesessen sind. Und das, was ich vorher gemeint habe, dieses, ich wollte das Leben hinter der Stirn dieser Frauen kennenlernen, die zu einer offensichtlich ganz unfreien Situation entweder lächeln oder undurchsichtig Masken, eine Maske aufhaben. Männer oder große Söhne saßen mit im Raum und haben übersetzt. Dann habe ich begonnen, Türkisch zu lernen. Natürlich jetzt nicht super perfekt, aber so weit, dass ich zumindest die Männer und Söhne rausschicken konnte und mit den Frauen alleine im Raum bleiben konnte. Aber auch das hat nicht genützt, um da, also um diese Geschichten kennenzulernen, muss man ja nach den Geschichten fragen. Und dann muss man auch die eigene Geschichte erzählen. Und daraus kann eine Art Frauensolidarität entstehen, die dann auch große Sprünge im Leben möglich macht. Und diese Sprünge sind dann auch für Kinder und die Männer, wenn die Männer mitmachen wollen. Und das wollte ich erreichen und habe nicht gewusst, wie. Und dann habe ich eine Sozialarbeiterin kennengelernt, die am Schöpfwerk die Bassena, also das Stadtteilzentrum dort geleitet hat, die Renate Schnee. Und wir haben uns sehr gut verstanden und haben einfach, ich glaube, zwei Wochen später am Schöpfwerk angeboten, wir haben gesagt, wir brauchen jemanden, der uns die Brücke bildet, weil sie hat genau dasselbe dort erlebt. Und dann haben wir mit einer türkischsprachigen Frau, die die erste Brückenbildnerin sozusagen war, dann am Schöpfwerk wöchentlich angeboten, Gesundheits- und Sozialberatung. Und nach zwei Jahren Pilotprojekt haben wir uns gedacht, aus klein geht auch groß. Und dann haben wir es groß gemacht und haben viele, viele, viele Interviews geführt, um Frauen zu finden, die mit einem Fuß noch in der Tradition und in der Community stehen, aber schon diesen Funken Freiheit im Kopf haben, dass sie wissen, was alles hier möglich ist, unter Wahrung der eigenen Tradition. Also, wir wollten niemanden umdrehen. Und dann haben wir eine Ausbildung konzipiert, ein Curriculum mit der Alpen-Adria-Universität gemeinsam, haben eine erste Ausbildung gemacht über sechs Monate und haben dann die ersten 13 Frauen angestellt und haben losgelegt. Ja, und dann habe ich das eine Zeit lang so daneben gemacht und irgendwann ist sozusagen die zweite Firma zu groß geworden und dann habe ich die erste Firma. Es ist leicht für eine gut gehende kardiologische Kassenpraxis, einen Nachfolger zu finden, ist keine Hexerei. Einen Nachfolger zu finden für so eine Initiative ist schon eine Hexerei. Und daher habe ich das weitergemacht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Es klingt viel leichter, glaube ich, wenn du das jetzt so im Schnelldurchlauf erzählst, als es tatsächlich war. Darauf gehen wir noch ein. Aber was war konkret das Problem, das du gesehen hast?
Christine Scholten
Die Unfreiheit der Frau. Und ich meine, es gibt ja einfach die absolute Notwendigkeit für einen, ich weiß nicht, man sagt da so viele verkehrte Sachen und wird immer so viel auf die Waagschale gelegt, aber einen, das, was ich nenne, einen vernünftigen Feminismus. Und da müssen wir alle gemeinsam dran arbeiten und jeder, durchaus in einer Kooperative. Also die einen theoretisch und mit Studien, wie ich weiß nicht, die Barbara Blaha zum Beispiel, die anderen sehr praktisch und face to face. Das ist so was, was die Nachbarinnen machen oder viele andere gleichwertige Projekte. Die dritten kommunikativ, so wie du das machst. Und die vierten, ich weiß nicht, politisch infiltrativ, wie die Eva-Maria Holzleitner. Also das ist irgendwie, und alle zusammen, wenn wir alle zusammen, jeder macht das, was er am besten kann, das, was in einer Kooperative einfach gut funktioniert, dann könnten wir die Welt um ein gutes Stück besser verlassen, als wir gekommen sind.
Saskia Jungnikl-Gossi
Vielleicht kannst du kurz einmal erklären, was machen die Nachbarinnen überhaupt? Damit wir jetzt gleich mal auch wissen, was ist das, was ihr.
Christine Scholten
Es ist ganz einfach. Die Nachbarinnen machen aufsuchende Arbeit. Also im Prinzip machen sie das, was im Namen steckt. Nachbarn gehen, schauen, was braucht wer? Was könnte ich geben? Was könnte ich auch durchaus haben? Bieten Solidarität an, sind durchaus auch Verbündete in verschiedenen Situationen. Das ist eigentlich der Inbegriff von Nachbarschaft. Und im Fachjargon heißt das dann aufsuchende Sozialarbeit. Nachbarinnen heißt es deswegen, weil die Frauen, die wir am Anfang gefragt haben, wir haben das alles immer sehr mit sehr viel Teilhabe gemacht. Wir haben sie gefragt, wie wollt ihr heißen? Und sie haben gesagt, Nachbarinnen. Und dann haben wir gedacht, hey, Urfahrt, bitte. Das ist ja, können wir nicht einen peppigeren Namen haben? Was heißt schon Nachbarinnen? Und wenn man Nachbarinnen googelt, dann kommen irgendwelche zweifelhaften Seiten heraus und so. Und sie haben gesagt, sie wollen Nachbarinnen heißen. Und das ist auch klar, weil dort, wo diese Frauen herkommen, gibt es die Nachbarschaft noch, die es bei uns ja nicht gibt, praktisch. Also in der Nebenwohnung kann eine Frau sterben und drei Monate später kommen wir drauf, dass da niemand mehr ein- und ausgeht. Also diese Nachbarinnen haben nach der Ausbildung begonnen, auf öffentlichen Plätzen, also in Parks, vor Schulen und vor Kindergärten zum Beispiel, nach Frauen zu suchen, die offensichtlich aus ihrer Community kommen, ihre Sprache sprechen und haben dann geschaut, ob die schon Anschluss an die österreichische Gesellschaft haben durch Fragen. Also, wie geht es den Kindern? Wie geht es dir? Wohin gehst du immer? Wen triffst du? Und so weiter. Und unsere Zielgruppe sind isoliert lebende Familien in Wien. Wenn so eine Frau identifiziert wurde, wurde sie gefragt, hast du Lust, dein Leben anders zu leben? Schau mal, ich komme auch aus der Gesellschaft, aus der du kommst. Ich gehe arbeiten. Ich habe auch Kinder, die auch in der Schule sind. Meine Kinder haben andere Probleme vielleicht schon oder so. Also jedenfalls haben sie da eine Verbindung geknüpft. Und wenn die Frau gesagt hat, ja, ich lasse mich darauf ein, ich möchte gerne eine Veränderung in meinem recht starren System schaffen, dann sind sie sozusagen in einen Vertrag eingegangen, der heißt, jede Woche gibt es einen Besuch der Nachbarin zu Hause bei der Familie und jede Woche wird eine kleine Vereinbarung geschlossen. Das sind immer so ganz kleine Geschäfte, die heißen, ich kann dir das und das an Unterstützung bieten, dafür gehst du einen Schritt am Weg der Integration. Und so lösen, also man kann es vielleicht so sagen, die Nachbarinnen lösen die Frau so ein ganz klein bisschen aus dem oft sehr starren und sehr traditionellen und patriarchalen System heraus. Und durch ihre Expertise und Erfahrung und durch sehr, sehr viel Information über Rechte, Pflichten und so weiter, stärken sie diese Frauen so gestärkt, gehen sie zurück in die Familie. Die Nachbarin bleibt Verbündete und schafft dort wirklich eine Veränderung. Schafft das erste Mal Perspektiven, schafft das erste Mal Ziele zu formulieren und auch zu wissen, dass es das Werkzeug gibt, diese Ziele zu erreichen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Und welche Möglichkeiten es gibt.
Christine Scholten
Genau. Und dann ist diese Veränderung ja für die ganze Familie da. Also es ist, wenn die Frau sich so verändert und ein anderes Weltbild hat und plötzlich Perspektiven und Ziele hat, sind auch die Kinder anders und dann sind auch die Männer anders. Und natürlich gibt es, also wir sind prinzipiell nicht spaltend unterwegs, sondern wir wollen gerne, dass die Familie eine Familie bleibt. Manchmal geht es nicht anders. Manchmal trennen sich die Frauen auch, wenn die Männer einfach, die Männer sind ja nicht von Grund aus böse. Sie haben es nur nicht anders gelernt als das, was sie da haben. Die haben eine Erziehung und ein Leben hinter sich, wo sie auch vor ihren Freunden rechtfertigen müssen, wie unglaublich stark und mächtig sie sind. Und das abzugeben, weil die Frau sich verändern will, das ist eine unglaubliche Stärke. Also die Männer, die sich da verändern, da habe ich ganz, ganz große Ehrfurcht vor denen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Bleiben wir noch kurz beim System, bevor wir dann auf Beispiele vielleicht noch ein bisschen mehr eingehen. Es ist immer die gleiche Nachbarin, oder?
Christine Scholten
Nein, es sind zehn.
Saskia Jungnikl-Gossi
Nein, aber ich meine, wenn jetzt eine Nachbarin in einer Familie ist, dann bleibt das zehn.
Christine Scholten
Jede Nachbarin hat ihre Familien und die begleitet sie so lange, bis die Familie sagt, okay, ich weiß jetzt, wie ich mich hier bewege und wie ich wo kommuniziere. Und es gibt immer den Kontakt. Es gibt immer weiter den Kontakt für Fragen oder Probleme.
Saskia Jungnikl-Gossi
Und warum braucht es die Menschen aus der gleichen Community?
Christine Scholten
Weil, also der Beginn war so, dass ich habe keinen Auftrag gehabt. Also ich könnte das alles nicht. Ich steige dann irgendwann einmal, also mein Bonus bei dem Ganzen ist, dass ich irgendwann auch mitgehen darf und auch Kontakt haben darf für verschiedene Dinge. Und diese Geschichten, von denen ich am Anfang erzählt habe, einfach auch hören kann. Also dieser Zugang war ja das, was ich gerne wollte. Aber ich könnte nichts verändern. Ich bin kein Vorbild für eine Frau, die, so wie ich vorher gesagt habe, aus einem Vorort von Kabul kommt und hier mit sieben Kindern ist. Und ich weiß nicht, also ich bin in das Nutella-Fass oder ich sitze im Nutella-Fass und ich habe da keinen Auftrag.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wenn du mitgehst oder ihr besucht Familien dann zu Hause, was findet ihr dort vor?
Christine Scholten
Es ist ganz unterschiedlich. Also das ist von einem leeren Loch ohne Betten, ohne irgendetwas, bis zu sehr schön eingerichteten, also einfach und schön eingerichteten Wohnungen. Es ist wirklich total unterschiedlich. Es ist so, dass man bei vielen Familien müssen die Nachbarinnen sehr viel anstoßen, weil man schon sehen muss, dass diese Familien einfach eine unglaubliche Geschichte hinter sich haben und irgendwann auch in ein Loch fallen. Und dann, also man kann einer Mutter von vielen Kindern, die so einen Weg hinter sich hat und bis hierher gekommen ist, was oft einfach Wahnsinn ist, dass man es schafft, hierher zu kommen, wenn wir uns anschauen, was an den Außengrenzen stattfindet und so weiter. Dass die dann nicht alle Aufgaben top erfüllt, noch dazu, wenn hier das Wort Integration zwar gesagt wird, aber nicht gelebt wird, ist verständlich. Also ich wüsste nicht, ob ich diese Kraft hätte, gegen allen Widerstand hier das zu machen, was von mir erwartet wird. Und da kann die Nachbarin sehr viel tun, weil die hat dieselbe Geschichte. Und die spricht dieselbe Sprache, die hat dieselbe Geschichte, die kommt aus derselben Kultur. Nur sie hat den Weg schon geschafft. Und sie ist in den Arbeitsmarkt eingestiegen und sie kann ihre Kinder trotzdem versorgen und sie kann die Haushaltsarbeit, ob das jetzt supergerecht ist oder nicht, in einem gewissen Maß aufteilen. Und sie ist so gleichberechtigt, wie es nur irgendwie geht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Und sie ist ein aktiver Teil der Gesellschaft.
Christine Scholten
Der Gesellschaft, ja, ganz genau. Und das ist das, was wir erreichen wollen und was auch so toll geht, dieses, also ich muss ganz ehrlich sagen, heute war eben Bildungsfrühstück und ich war gestern bei einem Unternehmen, bei Vertriebsleitern und habe dort den Verein vorgestellt, weil ich immer suche HR-Abteilungen, wo wir Frauen in den Arbeitsmarkt hineinbringen. Und habe sozusagen im Kopf vier konkrete Stellen mitgehabt und habe das heute kundgetan. Und da kommen, ja, da, ich will, ja, da machen wir Lebenslauf und bitte und ich weiß nicht. Also es ist so eine Energie da und es ist so ein Wille zur Veränderung da, wenn das Licht einer Frau leuchtet, weil sie weiß, sie hat da eine Verbündete, die mit ihr den Weg geht und die ihr hilft und die auch ein Problem mit ihren Kindern in der Schule gehabt hat und der auch eine Lehrerin womöglich einmal gesagt hat, ein Kind von dir hat im Gymnasium nichts zu tun oder sonst irgendeinen verblödeten Satz.
Saskia Jungnikl-Gossi
Frauen, bleiben wir gleich dabei. Du sagst, Frauen sind oft das Zentrum der Familie und über sie, wie du vorher auch erwähnt, erreicht man dann Kinder, man erreicht den Mann. Warum spielen Frauen bei Integration so eine zentrale Rolle?
Christine Scholten
Weil sie flexibler im Kopf sind. Und also ich habe mir oft überlegt, warum die Frauen immer diesen Kern haben, der nach Freiheit dürstet. Und jetzt gibt es die ganz pragmatische Erklärung, weil sie immer unterdrückt waren. Also seit 5000 Jahren jetzt, seit Beginn der Sesshaftigkeit. Und wir werden nicht mehr Nomaden werden und daher werden wir nicht mehr in diese Gleichberechtigung zurückfinden. Aber wir können gemeinsam eben alles dazu tun, dass es mehr wird. Und es ist aber so, dass die Frau hat den Kontakt zu den Kindern und die Frau bemüht sich, in die Schule zu gehen und die Frau muss mit dem Geld auskommen, das ihr da gegeben wird und so weiter. Also alle innerfamiliären Sorgen sind allermeistens, was weiß ich, zu 99 Prozent bei der Frau.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wenn eine Frau nach Österreich kommt, was sind denn die größten Hürden, die sie überstehen muss oder die sie überwinden muss, sowohl jetzt kulturell als auch strukturell?
Christine Scholten
Das erste ist die Sprache. Ich meine, Deutsch ist einfach eine unendlich schwere Sprache. Und dann muss man sagen, die Frauen, die wir da begleiten, sind also je nach Sprachgruppe, aber sind sehr oft aus Ländern, wo es Frauen, also Mädchen und Frauen einfach verboten war, in die Schule zu gehen. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, wie schwer ich es gehabt habe, mit 40 Türkisch zu lernen und ich hatte jede Form oder Möglichkeit der Bildung vorher und ein Studium abgeschlossen und habe Lernen gelernt. Wenn ich das nie hatte und ferngehalten wurde von jedem Buchstaben, damit ich nur nicht irgendetwas Verkehrtes lesen könnte oder sonst irgendetwas, dann wüsste ich auch nicht, wie ich Dari lerne oder ich weiß nicht. Also Türkisch ist eine deutlich leichtere Sprache als Deutsch und trotzdem habe ich mir so wahnsinnig schwer getan. Also die Sprache ist ein unglaubliches Hindernis. Die kulturelle Barriere ist sehr hoch. Jetzt muss man sagen, wenn man über diese Hindernisse spricht, sie sind ja nur deswegen so hoch, weil sie so hingestellt werden. An sich wären sie ja nicht so hoch, weil es gibt ja sozusagen, die Sprache kann man lernen, zumindest so, dass man verstehen und reden kann. Wenn es aber so ist, was Gott sei Dank bei manchen Unternehmen nicht mehr so ist, dass dort stehen muss am Lebenslauf B1, dann geht es für viele nicht, weil es kann niemand die Fälle in Deutsch lernen und ich weiß nicht, was der noch nie gelernt hat, aber man kann sprechen. Und wenn wir das Wort Integration ernst nehmen würden, also die, die das Wort Integration öffentlich verwenden von politischer Seite, sollten ja wissen, was Integration bedeutet. Verwenden es aber zweckentfremdet. Weil Integration bedeutet, von beiden Seiten geht man aufeinander zu, man ermöglicht Teilhabe, die sowohl kulturell als auch gesellschaftlich, als auch ökonomisch gleichwertig da sein sollte, sodass beide Seiten, nämlich die Einzelpersonen oder Bevölkerungsgruppen, die in ein bestehendes System eben integriert werden sollen, als auch die Mehrheitsgesellschaft, die aufnimmt, beide sollten etwas davon haben. Und das geht nur, wenn man eben das Wort Integration ernst nimmt und damit gibt es kaum Hindernisse. Weil sprechen kann man bald einmal lernen. Dann kann man nach einer Zeit der Eingewöhnung, nach einer Zeit der eventuellen Traumabearbeitung, nach einer Zeit, wo kleine Kinder groß geworden sind und so weiter, kann jede Frau auch über ein Arbeitstraining, was wir zum Beispiel auch anbieten, in den Arbeitsmarkt einsteigen und dort weiter Deutsch lernen und einfach Teil der Gesellschaft werden. Aber dazu braucht es so viel. Es bräuchte zum Beispiel auch die politische Teilhabe. Das ist auch ein Riesenhindernis. Wer kümmert sich um die, ich meine, das hat es, glaube ich, schon 1948 bei der Revolution hat es geheißen, wer kümmert sich um die sozialen Nöte derer, die nicht wahlberechtigt sind? Wer kümmert sich bei uns?
Saskia Jungnikl-Gossi
Gehen wir nochmal kurz zurück. Was können die Nachbarinnen denn machen, was Behörden nicht können? Oder Sozialarbeiter?
Christine Scholten
Die Familien erreichen, die nicht zur Behörde oder aufs Amt gehen. Also das, was wir anbieten, ist eben, die Familien zu erreichen, die über Kommenstrukturen nicht erreichbar sind. Und das ist ja auch total okay. Ich meine, uns ist halt gerade der Weg eingefallen und das ist eigentlich der einfachste Weg, den es gibt. Es könnten mehr machen, weil es gibt genug Frauen, die so weit integriert sind, dass sie genau dieses Ding machen könnten. Und es ist total okay, dass der Staat manche Sachen auslagert. Warum nicht? Ich meine, wir sind flexibler. Also jede NGO eigentlich ist flexibler, ist schneller dort, wo sie sein sollte, ist energiegeladen und so weiter. Aber das war eine Lücke.
Saskia Jungnikl-Gossi
Kannst du eine Familie beschreiben, die dir vielleicht besonders in Erinnerung geblieben ist?
Christine Scholten
Wahrscheinlich mehrere.
Saskia Jungnikl-Gossi
Welche nämlich? Aber eine, wo man es vielleicht konkret sieht.
Christine Scholten
Ja, eine, die wir jetzt gestern gerade bei einer Preiseinreichung präsentiert haben. Da war ich mit der Fatima Keblavi, das ist eine der Nachbarinnen, die arabischsprachige Familien begleitet. Und da haben wir eine Familie mitgenommen, nicht die Familie mitgenommen, aber die Geschichte der Familie mitgenommen, wo die Eltern aus Syrien gekommen sind, ich weiß jetzt nicht genau, ich glaube vor vier Jahren oder so, und jetzt acht Kinder haben, von 17 bis, glaube ich, drei Monate oder so.
Saskia Jungnikl-Gossi
Herausfordernd.
Christine Scholten
Ist herausfordernd, durchaus. Und es war so, also die letzten drei sind in drei Kirchen auf die Welt gekommen, die letzten zwei oder drei, weiß ich jetzt nicht mehr, sind in drei Kirchen auf die Welt gekommen. Und das ist ja sehr oft so, dass Menschen, die hierher flüchten oder irgendwohin flüchten und endlich einen Hafen haben, die bekommen dann Kinder. Das ist irgendwie so, das ist so ein, ich weiß nicht, wie es heißt, es hat irgendeinen Namen. Aber die möchten dann einfach gerne Kinder haben. Und das ist natürlich schön, aber andererseits muss ich sagen, sollte es auch in drei Kirchen oder wo immer eine Beratung in Richtung Verhütung geben, wenn schon genug Kinder da sind. Also das ist ein Großteil der Arbeit, also ein Großteil, nein, es ist ein Teil der Arbeit, den wir machen. Das ist einfach sozusagen, Verhütung ist keine Sünde. Und dass man verschiedene Dinge, die als No-Go in so einer Familie gelten, aufweichen kann, einfach zugunsten des Lebens und der Freiheit der Frau. Jedenfalls, diese Familie ist so, dass die zwei Größeren die Schule abgebrochen haben und sind nur zu Hause rumgelegen und haben Handy gespielt. Dann gibt es, glaube ich, einen Buben in der Mittelschule, der sehr schlecht ist, zwei Mädeln, die super gut in der Volksschule sind und sehr, sehr gern singen. Und dann gibt es einen Fünfjährigen, der unglaublich lost ist in seinem verpflichtenden Kindergarten, ja, einen vierjährigen Buben und ein Baby. Und die Fatima ist dann natürlich großartig, weil die Mutter war verzweifelt. Die hat einfach, der war das Leben zu viel. Und der Vater war irgendwie ziemlich gezeichnet von Folter. Nebenbei mache ich nämlich für HEMA ja die medizinische Begutachtung von Folteropfern und bin da auch involviert gewesen. Jedenfalls hat die Fatima sich einmal diese zwei Jugendlichen vorgeknöpft. Die Fatima selber hat acht Söhne und arbeitet aber 35 Stunden bei uns. Und diese Söhne sind, glaube ich, zwischen drei und 25 oder so. Und urcoole Burschen, die auch mittun. Da haben schon für die, wie ich da begutachtet habe, für HEMA ja, da ist immer irgendein Sohn da, der sagt, ja, ich gehe zu diesem Amt mit dem und ich gehe zu diesem Amt mit dem und so. Also das ist so das Ansteckende, was sie hat auch. Und sie hat mit diesen zwei Burschen geredet und hat gesagt, wisst ihr, was meine Söhne sich alles leisten können? Die haben eine Lehre gemacht. Wollt ihr nicht auch? Und hat sie einfach gelockt. Und jetzt machen sie den, sind sie beim Pflichtschulabschluss im Jugendcollege und wollen beide eine Lehre machen, sowieso in einem Mangelbüro. Also das wird super gehen. Und die Vereinbarungen sind dann irgendwie immer so, der Mann wollte eigentlich bei nichts mitmachen. Zugleich musste man diesen Haushalt aufteilen, weil auf der Mutter ist alles gelastet. Und wir haben ein großes Ast, das ist Lernhilfe. Die gehen auch nach Hause, die Lernhelferinnen. Das sind meistens Studentinnen, manchmal auch pensionierte Lehrerinnen oder so, für die Lernhilfe von so einem zwölfjährigen Burschen, der in der Schule nicht weiterkommt, akzeptiert der Vater, dass die Mutter in einen Deutschkurs geht. Der Deutschkurs ist allerdings weit entfernt, weil das Baby ist noch klein, daher muss er akzeptieren, dass von uns eine Lernhelferin zur Mutter nach Hause kommt und der Mutter zu Hause Deutschlernhilfe gibt. Das akzeptiert er jetzt. Dafür muss die Mutter, dafür, dass sie Lernhilfe bekommt, also sie muss erstens für diese Lernhilfe als Vereinbarung einen weiterführenden Deutschkurs oder irgendeine Konversationsgruppe für nachher vereinbaren, sonst kriegt sie unsere Lernhilfe nicht. Und dafür, dass sie den Haushalt aufgeteilt bekommt, zum Beispiel, muss sie beim Vater erreichen, dass sie ein eigenes Konto bekommt. Was sie nicht hat, die kriegt Taschengeld. Das ist für sie eine unglaubliche Aufgabe, dass sie das erreichen will. Und die Fatima bietet sich als Verbündete an und sagt, ja, aber dafür könntest du, ich weiß nicht, wir haben einen Verein, den Hami-Verein, wo sehr viele in Deutschkonversationskurse gehen dürfen. Und dort gibt es auch anderes, dort gibt es Yogakurse und Malen und Basteln und ich weiß nicht was. Und das vermittelt die Fatima ihr und lauter kleine Goodies. Dafür muss sie das beim Mann durchsetzen. Und das kann sie auch und das tut sie auch. Und der Mann macht auch mit. Und es ist dann auch so, dass zum Beispiel die Töchter, die zwei Töchter singen gern. Wir haben sie bei Soparang angemeldet. Und dafür, dass der kleine Bub, der fünfjährige Lost im Kindergarten, kriegt einen Paten von uns. Dafür bringt und holt der Papa die zwei Töchter zu Soparang. Und das sind immer so diese kleinen Handlungen. Es sind immer, also ich bin aufgewachsen mit einem Satz, der heißt, alles im Leben ist ein Geschäft. Und das habe ich da umgelegt auf etwas Menschliches.
Saskia Jungnikl-Gossi
Sozialeres Geschäft.
Christine Scholten
Genau. Aber so funktioniert es. Und der Vater arbeitet sich unwissentlich eigentlich immer weiter in eine Rolle, die heißt, ich unterstütze meine Frau. Und hat dann ja auch eine fröhlichere Frau dafür.
Saskia Jungnikl-Gossi
Ja, aber ich wollte gerade sagen, was ja auch da mitspielt, ist, dass diese kleinen Schritte sind so klein, dass sie jetzt nicht eine massive Veränderung sind, aber sie sind so groß, dass man eine positive Veränderung spürt und dadurch dann wahrscheinlich auch motiviert ist, den Weg weiterzugehen.
Christine Scholten
Und dem Vater ist unglaublich am Zager gegangen, dass seine zwei großen Burschen nur zu Hause rumgelegen sind. Und dafür hat er der Fatima schon alles zu Füßen gelegt, dass sie das gelöst hat. Also es ist so, es ist eine unglaublich freudvolle Arbeit.
Saskia Jungnikl-Gossi
In welchem Rhythmus passiert das eigentlich?
Christine Scholten
Jede Woche.
Saskia Jungnikl-Gossi
Woche, okay, wöchentlich.
Christine Scholten
Wöchentliche Hausbesuche. Oder manchmal ist es auch eine Amtswegebegleitung. Und da wird aber auch dort wartend, weiß ich, Amtswegebegleitung oder in ein Krankenhaus oder was immer. Und wenn man dort sitzt im Wartezimmer, wird dasselbe gemacht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Aber es ist schon engmaschig. Also weil wöchentlich ist schon sehr.
Christine Scholten
Immer wöchentlich, ja.
Saskia Jungnikl-Gossi
Okay. Das heißt, woran würdest du jetzt sagen, merkt ihr, dass eure Arbeit funktioniert?
Christine Scholten
Naja, es gibt schon so Kennzahlen oder wie immer man das nennen will, dass Kinder wieder gern in die Schule gehen, dass sie, ich weiß nicht, vom SBF wieder in den Regelschullehrplan kommen, dass sie überhaupt benotet werden, dass sie sagen, sie wollen gern Polizist werden, dass sie, ich weiß nicht, dass die Mütter sagen, bis zum Juli habe ich das zu Hause so geregelt, dass ich bei euch ein Arbeitstraining machen kann. Und ich weiß nicht, vor allem, also ein ganz, ganz großer Punkt, warum ich einfach weiß, dass es funktioniert, das klingt jetzt so blöd, aber zwei Drittel aller Familien, wir gehen nicht mehr in den Park und so weiter, zwei Drittel aller Familien, die wir bekommen, bekommen wir durch ehemals begleitete Familien, wo die Frauen sagen, schau, so habe ich mich verändert, ruf dort an, du kannst es auch. Und es sind immerhin, also wir begleiten im Jahr 350 bis 400 Familien. Und mit den zehn Nachbarinnen, die angestellt sind. Und zwei Drittel sind immerhin so, dass es ganz sicher einfach eine Langzeit, wir machen immer Evaluationen und jetzt machen wir gerade mit der WO wieder eine große Evaluation, weil ich einfach überzeugt davon bin, dass man in der Landschaft, die wir hier haben oder die in ganz Europa ist, muss man die Wirksamkeit sichtbar machen. Also muss man zeigen, dass das wirkt, was man macht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Beweis antreten. Aber das heißt, du begleitest ja auch manche Familien oder ihr begleitet ja Familien schon seit Jahren zum Teil. Was erzählen die Kinder zum Beispiel jetzt heute, wenn ihr sie vor zehn Jahren begleitet habt?
Christine Scholten
Nein, wir begleiten Familien eigentlich maximal ein Jahr.
Saskia Jungnikl-Gossi
Aber habt ihr dann noch irgendwie?
Christine Scholten
Aber wir haben zum Beispiel, also da gibt es so einzelne Dinge, die ganz offensichtlich sind. Ein ehemaliges Lernhilfekind von 2013 hat vor drei Jahren die Leitung der Lernhilfe übernommen. Mittlerweile hat sie wieder aufgehört, weil sie studiert und das nicht mehr machen konnte. Unsere erste Nachbarin, also die Brückenbauerin, von der ich erzählt habe, die Türkischsprachige, ganz am Anfang, war jetzt bei uns, die hat in der Zwischenzeit die Studienberechtigungsprüfung nachgemacht, soziale Arbeit studiert und wir suchen gerade eine Sozialarbeiterin und sie wird eventuell als, wie immer man das nennt, Fachaufsicht, soziale Arbeit oder was immer, als leitende Sozialarbeiterin für die Nachbarin einsteigen. Also ja, Kontakt ist immer weiter da. Wir haben Frauen, die wir, also wir machen eben dieses Bildungsfrühstück einmal im Monat. Da kommen bis zu 60 Frauen in Space 20 im Monat.
Saskia Jungnikl-Gossi
Genau, sag vielleicht kurz, was das ist.
Christine Scholten
Das ist, wir machen ein gesundes Frühstück und haben einmal im Monat eine Vortragende, die entweder zum Thema "Warum arbeite ich nicht?" oder "Kindergesundheit" oder "Wie kann ich besser damit umgehen, dass meine Kinder handysüchtig sind?" Also verschiedene Themen, die unsere Frauen vorgeben, die sagen, das wäre jetzt wichtig. Da gibt es einen Vortrag auf Deutsch. An Sprachtischen wird in die verschiedenen Sprachen übersetzt und dann gibt es eine Diskussion darüber. Und da kommen seit Jahren Frauen, die wir ewig her schon begleitet haben. Und ja, also man sieht dann, es ist ein bisschen wie wenn man, ich meine, ich bin ja mittlerweile im Großmutteralter, leider habe ich noch keine Enkelin, weil meine Töchter das verzögern.
Saskia Jungnikl-Gossi
Netter Hinweis so am Rande eingeschoben.
Christine Scholten
Aber es ist ein bisschen so, dass man, ich weiß nicht, Kinder, die vor 14 Jahren eine begleitete Familie waren, die jetzt plötzlich die Lehre abschließen. Und es ist so schön. Es ist einfach so schön zu sehen, was da entsteht. Also ich denke mir, dass man sich als Großmutter so fühlt.
Saskia Jungnikl-Gossi
Hallo, meine Lieben. Das sind die Erfolgs-, ist es auch, weil du weißt, was kann passieren, wenn Integration, jetzt gerade bleiben wir bei den Kindern, wenn sie scheitert?
Christine Scholten
Also jetzt, man muss es ja von verschiedenen Seiten sehen. Also die zwei Seiten, die man immer so sehr abwägen muss und sehr sensibel auch behandeln muss, ist die pragmatische Seite und die menschliche Seite. Die pragmatische Seite hat sehr viel mit Utilitarismus zu tun. Und wenn Integration scheitert, ist das für Österreich wahnsinnig teuer. Wie ich die Nachbarinnen begonnen habe, gab es eine damals rezente, das ist ungefähr eben eine jetzt 17 Jahre alte Studie, glaube ich, ungefähr von der Bertelsmann Stiftung, dass eine nicht integrierte Person pro Jahr ungefähr 3.500 Euro damals kostet. Das ist viel Geld. Jedes Jahr kostet die das. Und wenn man jetzt nimmt, dass eine von uns begleitete Familie, und das ist ja jetzt nicht, ich meine, wir machen das halt, aber das könnten viel mehr Leute machen, eine solche Familie kostet zwischen 3.000 und 5.000 Euro, je nachdem, wie viel Lernhilfe und so weiter da hineinfließt. Und zwar einmalig für die ganze Familie. Und diese Menschen, wenn sie die Integration schaffen, tragen zu unserer Gesellschaft bei. Die, wo die Integration nicht funktioniert, weil Angstmache funktioniert, weil Drohungen funktionieren und so weiter, die kosten uns viel. Einfach sehr viel. Und dann muss man schon auch sagen, da ist dann auch der Widerstand dieser Familien etwas, womit wir zu rechnen haben, wenn wir sie so ablehnen und abstempeln und zu Menschen zweiter Klasse machen. Und dieser Widerstand äußert sich halt manchmal auch in Kriminalität. Jetzt insgesamt muss man schon sagen, dass es einfach nicht stimmt, was da rechts außen gebrüllt wird, dass die Kriminalität so steigt. Sie sinkt, sie sinkt seit Jahrzehnten, sinkt und sinkt und sinkt und sinkt. Also da darf man diesen Unwahrheiten nicht glauben. Aber zugleich muss man sagen, ich kann es keinem Jugendlichen verwehren, einmal deppert zu sein und irgendeinen, ich weiß nicht, Zigarettenautomaten anzuzünden, wenn man immer nur eine am Schädel kriegt.
Saskia Jungnikl-Gossi
Ja. Bleiben wir gleich bei der gesellschaftlichen Dimension. In Integrationsdebatten wird immer darüber geredet, du hast es vorhin angesprochen, aber es geht immer darum, was Zugewanderte tun müssen, tun sollen. Was muss eigentlich die Mehrheitsgesellschaft besser machen?
Christine Scholten
Also das Problem sind eigentlich nie die Zugewanderten, sondern immer die Gesellschaft, die sie aufnehmen sollte. Und das, was ich eben vorher schon gemeint habe, also Fürsorge und Gemeinsamkeit eigentlich und ein bisschen darüber nachdenken über den pragmatischen Teil, nämlich was wir brauchen. Wir sind eigentlich, muss man sagen, wir haben ja ein unglaubliches Glück, dass wir in der Altersstruktur, die wir da vor uns hinbauen, dass dann plötzlich durch Kriege rund umher Kinderreiche Familien zu uns kommen. Eigentlich sollten wir sagen, welcome, ab in die Schule. Diese und diese Berufe bräuchten wir. Und es ist super, dass ihr da seid. Also das klingt jetzt so, wie wenn ich sagen würde, die ganze Welt soll zu uns kommen. Nein, es sind ja eh nicht, also diese Zahlen sind ja völlig absurd.
Saskia Jungnikl-Gossi
Es kommt gar nicht die ganze Welt.
Christine Scholten
Es kommt ja niemand, also niemand. Aber es kommen ja nicht so viele. Es kommen, eigentlich würden nicht einmal genug kommen, um das, wo wir zu wenige Kinder haben, aufzufangen. Ich habe drei, ich kann eins herborgen. Pensionszahlungen. Aber im Prinzip, wir, und da muss ich sagen, ist schon die Politik ein bisschen gefordert, nämlich die, die sich öffentlich äußern. Also Politik und Medien sind gefordert, für Menschlichkeit einzustehen und aufzuhören, sich anzubiedern an diese rechten Schreier. Also es gibt dann einzelne Dinge, die auf Social Media irgendwie eh immer denselben Kreisen gepostet werden, dass man eh ist dafür, dass Zuwanderer gut hier aufgenommen werden oder so. Aber offen und laut dafür eintreten, dass wir eine Fürsorgeverpflichtung haben und dass wir eben die gesellschaftliche, die kulturelle und die ökonomische Teilhabe vorhersehen müssen für die, die da kommen, das höre ich nicht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Was wäre die politische Maßnahme oder eine politische Maßnahme, wo du sagst, die würde jetzt sofort den Familien helfen, die ihr betreut?
Christine Scholten
Zum Beispiel genug Kinderbetreuungsplätze und zwar früh. Und nicht solche Dinge wie, ich weiß nicht, man geht zur MA10 und zu sagen, ich bräuchte und ich weiß nicht, es ist ja dieser Haken, eine Frau kriegt keine Arbeit, weil sie keine Kinderbetreuung hat und keine Kinderbetreuung, weil sie keine Arbeit hat und das kann man zum Beispiel nicht durchtrennen. Und wenn man dann zum Beispiel bei der MA10 oder sonst irgendwo in einem städtischen Kindergarten, wenn wir die Frauen schon dazu bringen, dass sie ihre Kinder in einem städtischen Kindergarten unterbringen möchten und dann hört man, nein, da ist ein privater um die Ecke, probier es dort und das ist dann ein muslimischer Kindergarten, nichts gegen muslimische Kindergärten, aber wir wollen, dass diese Kinder in städtischen Kindergärten sozialisiert werden und dort Deutsch lernen und nicht mit den Sagern von unserem kleinen unguten Typen rechts außen, der dann sagt, bitte schön, danke schön und ich weiß nicht, was, aber sie sollen Teil der Gesellschaft werden und sie sollen hier mitmachen wollen und dann irgendwann einmal auch so laut werden, dass sie auch tatsächlich Teil der Gesellschaft werden dürfen und hier politisch mitbestimmen. Ich finde das eine Katastrophe. Das ist demokratisch einfach so eine Katastrophe, dass bei der Wienwahl, glaube ich, im Alter von 30 bis 50, sind, glaube ich, fast 50 Prozent, die nicht wählen dürfen und die sind aber, ich habe das damals ausgerechnet, ich bin zu blöd, um mir das genau zu merken, aber es war irgendwie so, dass die Gruppe derer, die wählen durften, da waren 45 Prozent berufstätig und bei der Gruppe, die nicht wählen durften, selbes Alter, waren 47 Prozent, also kein wesentlicher Unterschied, nur die, die bei der Nichtwählergruppe nicht erwerbstätig waren, waren zu jung, um erwerbstätig zu sein und die bei der Wählergruppe nicht erwerbstätig waren, waren in Pension. Und wenn man jetzt nimmt, ich weiß nicht, das glaube ich in Wien, in der Schule, über 50 Prozent der Kinder nicht österreichischen Pass haben, wann haben wir den Zeitpunkt erreicht, wo überhaupt niemand mehr wählen gehen darf oder kann, weil er im Rollstuhl sitzt oder irgendwie, also es ist völlig absurd.
Saskia Jungnikl-Gossi
Das heißt abschließend, Christine, wärst du einen Tag lang Integrationsministerin, was würdest du als erstes angehen?
Christine Scholten
Ich würde aufhören zu drohen und mit Positivmotivation arbeiten. Das machen wir sehr viel. Wir haben sogar Jugendliche bezahlt dafür, dass sie in einen Poetry Slam Workshop gekommen sind, weil sie einfach nicht wollten. Ich meine, welcher Jugendliche zwischen 13 und 18 stellt sich vor andere genauso deppert Jugendliche und performt eigene Texte in der nicht notwendigen Sprache. Und niemand wollte kommen. Das hat die Mieze Medusa damals gemacht und die Jasmo. Und dann haben wir gesagt, ihr kriegt 15 Euro Einkaufsgutscheine und alle waren da. Und haben performt und haben großen Spaß dabei gehabt und wollten es alle noch einmal. Also ich würde aufhören mit dem Drohen und würde beginnen, positiv zu motivieren und würde aufhören mit irgendwelchen knappen Sagern, die sich anbieten an rechts außen, sondern würde allen Menschen schmackhaft machen, sich auf das Neue einzulassen. Weil man so wahnsinnig, also von der Begegnung hat man so viel. Also diese Geschichten, die man da hört. Und wenn man auch eigene erzählt, dann darf man auch rein.
Saskia Jungnikl-Gossi
Liebe Christine, danke für das schöne Gespräch.
Christine Scholten
Ich danke dir.
Saskia Jungnikl-Gossi
Das war die heutige Folge von "Ganz offen gesagt". Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast abonniert, weiterempfehlt und uns in euren Podcast-Apps mit fünf Sternen bewertet. Feedback wie immer gerne an redaktion@ganzoffengesagt.at. Und wenn ihr jetzt mehr über die Arbeit von Christine Scholten erfahren wollt und über die Nachbarinnen, dann empfehle ich euch mal, bei den Nachbarinnen reinzuschauen. Am besten unter nachbarinnen.at. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Autor:in:

Felix Keiser

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