Ganz offen gesagt
Über das Zwei-Prozent-"Wunder" - mit Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr

Die Statistik Austria meldet 2,0 % Inflation im Jänner 2026 – genau das Regierungsziel. Doch wie viel hat die Politik tatsächlich damit zu tun? Und warum sind 2 % für Österreich eigentlich immer noch zu hoch?Georg Renner spricht mit Gabriel Felbermayr, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), über Basiseffekte und chinesische Deflation, über Supermarktkonzentration und den Österreich-Aufschlag, über die ideale Inflationsrate und warum die Regierung jetzt die Lohnnebenkosten senken sollte.

Transkript:

GABRIEL FELBERMAYR: 2 % ist für uns in Österreich immer noch höher und zu hoch, würde ich sagen, zumal wir ja jetzt eigentlich seit 2010 jedes Jahr höhere Inflationsraten hatten als im Eurozonendurchschnitt. Jetzt bräuchten wir eigentlich ein paar Jahre, wo es genau umgekehrt ist.

GEORG RENNER: Hallo und herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt", dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Georg Renner, ich bin freier Journalist, und ich habe mich wie viele andere auch darüber gefreut, dass die Statistik Austria Anfang Februar festgestellt hat: Die Inflation im Jänner hat nur noch 2,0 % betragen, also genau jenen Wert, den sich die schwarz-rot-pinke Regierung als Ziel für die Teuerung 2026 vorgenommen hat.

Wie viel die Regierung damit tatsächlich zu tun hatte, warum 2 % noch immer ein bisschen viel sind im Vergleich zu den vergangenen Jahren, und vieles andere habe ich heute mit Gabriel Felbermayr besprochen, dem Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts und damit einem der wichtigsten Ökonomen in Österreich.

[BEGRÜSSUNG]

GEORG RENNER: Grüß Gott, hallo und herzlich willkommen im Missing Link Studio, Gabriel Felbermayr.

GABRIEL FELBERMAYR: Grüß Gott, Herr Renner.

GEORG RENNER: Vielen Dank fürs Kommen. Herr Professor Felbermayr, wir wollen heute über Inflation reden, über das kleine Wunder, das sich in Österreich ereignet hat, das vielleicht am Ende gar keines ist. Zunächst einsteigen möchte ich aber mit der für "Ganz offen gesagt" traditionellen Transparenzpassage. Woher wir einander kennen, kann man, glaube ich, relativ kurz beantworten. Ich glaube, mich zu erinnern, wir hatten noch nie direkt miteinander zu tun.

GABRIEL FELBERMAYR: Wir haben uns gerade im Aufzug kennengelernt.

GEORG RENNER: Was lustig ist, wobei wir beide in diesem öffentlichen Sektor eigentlich tätig sind seit etlichen Jahren, aber hat sich noch nie ergeben. Zweite Frage ist: Sind Sie parteipolitisch aktiv?

GABRIEL FELBERMAYR: Nein.

GEORG RENNER: Gut, auch ganz kurz, wunderbar geklärt. Jetzt können wir zum Hauptthema kommen. Die Kollegen von der Tagespresse, Satiremedium, muss man vielleicht dazu sagen, haben getitelt: "Vatikan prüft Wunder, Österreich erreicht 2 % Inflation." Herr Professor, wie groß ist denn das Wunder und wer hat was dazu beigetragen?

[HAUPTTEIL: INFLATIONSRÜCKGANG]

GABRIEL FELBERMAYR: Ja, das war eine coole Schlagzeile, habe ich auch gesehen. Nein, Wunder würde ich jetzt nicht sagen. Es war eine Reduktion der Inflationsrate mit Ansage. Das wussten wir, dass im Jänner aufgrund sogenannter Basiseffekte die Inflationsrate deutlich kleiner sein wird. Wir hatten im Dezember noch 3,8 %.

Der Basiseffekt war ungefähr 0,9 Prozentpunkte, das heißt, man käme dann von 3,8 auf 2,9. Dass es jetzt 2,0 sind, hat schon eine gewisse Überraschung ausgelöst. Ein Teil davon kann man sicher erklären, weil die Politik ja inflationsdämpfende Maßnahmen gemacht hat, zum Beispiel die Absenkung der Elektrizitätsabgabe oder andere kleinere Dinge, die erklären aber davon vielleicht 0,25 Prozentpunkte.

Da bleibt was über, und das kann man auch erklären. Es ist ja so, dass jedes Jahr im Jänner der Warenkorb neu zusammengestellt wird. Das wissen wir noch nicht genau, was da passiert ist. Das kommt dann am 25. Februar, wenn die wirklich finale offizielle Inflationszahl von der Statistik Austria kommt. Aber das könnte einen Beitrag geleistet haben, den kann man ja im Vorfeld nicht zurecht einschätzen.

Dazu gibt es auch so Dinge wie Soft Factors, also wo die Politik nicht direkt verantwortlich ist, aber indirekt schon. Es sind die Löhne weniger stark gestiegen im Jahr 2025, auch weil die Politik da auf die Bremse getreten hat, im öffentlichen Sektor zum Beispiel. Das reduziert ein bisschen die Inflation im Dienstleistungssektor. Und dann gibt es China. Also China exportiert die Deflation, also die sinkenden Preise in China.

GEORG RENNER: Okay, das müssen wir jetzt ein bisschen genauer erklären.

GABRIEL FELBERMAYR: Chinesische Waren drücken in die Weltmärkte zu sehr, sehr, sehr kompetitiven Preisen, und das reduziert auch die Inflation im Bereich der Industriegüter. Also wenn Sie heute Elektronik einkaufen, Möbel einkaufen, Kleidung einkaufen, sogar Autos, der heftige Wettbewerb durch China drückt da auf die Preise. Deswegen haben die Industriepreise im Jahresvergleich nur sehr leicht zugelegt, 0,8 % nur, und das in Summe erklärt, was wir sehen. Ein Teil davon ist die Politik, aber eben nur ein Teil.

GEORG RENNER: Zerlegen wir das, diese unterschiedlichen Effekte. Sie haben diesen Basiseffekt angesprochen. Jetzt habe ich das schon ein paar Mal gehört, aber erklären Sie mir noch mal ganz genau. Das ist im Wesentlichen, dass 2026 nicht mehr 2025 ist, oder?

GABRIEL FELBERMAYR: Genau, so kann man das sagen. Im Jahr 2024 hatten wir ja noch die Strompreisbremse, die war auch im Dezember 2024 noch da. Im Dezember 2025 hatten wir keine Strompreisbremse mehr, und deswegen waren im Dezember die Strompreise für die Verbraucher deutlich höher als im Vorjahr, also 2024 niedriger als 2025, deswegen 2025 einen inflationstreibenden Effekt dadurch.

Jetzt vergleichen wir aber im Jänner 2026 mit dem Jänner 2025. In beiden Jahren gibt es keine Strompreisbremse, und daher gibt es hier keinen Sondereffekt aus dieser künstlichen politischen Absenkung. Das entfällt.

Und weil natürlich diese Strompreisbremse gewirkt hat – manche behaupten, die wirkt ja gar nicht, aber sie hat gewirkt, ziemlich heftig sogar –, das bedeutet, wir vergleichen jetzt nicht mehr mit dem Niedrigpreismonat Dezember 2024, sondern mit dem Jänner 2025, wo alles teurer geworden ist, vor allem und nicht zuletzt durch diese Strompreisbremse, die ausgelaufen ist.

GEORG RENNER: Gut, das ist dieser Basiseffekt. Das Zweite, was Sie angesprochen haben, das war mir so nicht bewusst, dass sich dieser Warenkorb jedes Jahr ändert. Das ist wahrscheinlich auch sinnvoll, weil man 2026, vereinfacht gesagt, andere Sachen einkauft als noch vor fünf Jahren.

GABRIEL FELBERMAYR: Genau.

GEORG RENNER: Jetzt diskutieren wir jetzt Anfang Februar über diese Inflationssenkung. Aber wie kann das sein, dass wir jetzt eigentlich noch nicht wissen, wie sich das errechnet? Ist das dann überhaupt sinnvoll für die Statistik Austria, diese Schnellschätzung zu veröffentlichen, oder wäre es dann nicht sinnvoll, gleich alles gleichzeitig auf den Tisch zu legen?

GABRIEL FELBERMAYR: Na ja, das Interesse an Inflationszahlen ist natürlich schon hoch.

GEORG RENNER: Noch hoffentlich nicht mehr lang.

GABRIEL FELBERMAYR: Ich denke, das wird nach wie vor eine wichtige Statistik sein. Sehr viel hängt ja an der Inflation. Für die Kollektivvertragsverhandler ist die Inflation sehr wichtig. Für alle, die irgendwelche Verträge, Mietverträge zum Beispiel mit Inflationszahlen indexieren, ist das auch wichtig.

Die amtliche Zahl ist es aber eben noch nicht. Die kommt jetzt im Jänner, für den Jänner, erst am 25. Februar, und dann wissen wir auch Genaueres, wie zum Beispiel der Warenkorb sich verändert hat.

Der verändert sich aber ein Stück weit vorhersehbar. Warum? Weil die Güter und Dienstleistungen, die in der letzten Zeit sehr schnell sehr teuer geworden sind, die sind wahrscheinlich auch weniger konsumiert worden von den Menschen, und dann verändern sich die Gewichte im Warenkorb. Teureres wird weniger stark nachgefragt, und das wirkt dann tendenziell inflationssenkend. Aber wie gesagt, das Detail dazu, das kriegen wir erst in einigen Tagen.

GEORG RENNER: Ist das dieser Ökonomen-Spruch: "Das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise", weil einfach die Sachen dann weniger gekauft werden?

GABRIEL FELBERMAYR: Na ja, das beste Mittel gegen hohe Preise ist, dass Konsumenten und auch Produzenten darauf reagieren. Also die Konsumenten fragen weniger nach, Produzenten schieben mehr in den Markt hinein, wenn gute Preise erzielbar sind, und aus dieser Kombi sollte sich die Preisdynamik etwas abschwächen. Besser wäre es natürlich noch gewesen, wir hätten nie Inflationsraten gesehen von, ich weiß nicht, 7, 8 und mehr Prozent.

GEORG RENNER: Dritter Faktor, den Sie angesprochen haben, war China. Wenn ich das richtig verstehe, ist das ja ein Sekundäreffekt der Trump-Zölle gegen China, dass China jetzt andere Märkte billiger bespielt, um seine Waren loszuwerden, sehr, sehr vereinfacht gesagt.

GABRIEL FELBERMAYR: Ja, aber nicht nur. Also ich würde mal behaupten, auch ganz ohne Trump, das hat sich auch schon in den Jahren davor abgezeichnet, verfolgen die Chinesen eine sehr aggressive Exportstrategie. Die Exporte Chinas steigen sehr viel mehr als der heimische Verbrauch in China, und es wird mehr produziert in China, als dort überhaupt verbraucht wird, verschärft sicher durch die Trump-Zölle. Aber der Trump ist da nicht ursächlich dafür, würde ich sagen.

GEORG RENNER: Ach, schade. Ich hätte schon auf die Schlagzeile gehofft: "Wir verdanken Trump die niedrige Inflation."

GABRIEL FELBERMAYR: Nein, wir verdanken es – und das auch wieder nur –, wir reden hier, wenn wir diese Anteile anschauen, erklären wir vielleicht 0,1 oder 0,15 Prozentpunkte. Also allein erklären lässt sich durch China sowieso nichts. Das ist ein Teil einer größeren Kette, sozusagen.

[REGIERUNGSMASSNAHMEN]

GEORG RENNER: Vierter Faktor in dieser Kette, den Sie angesprochen haben, waren einzelne Maßnahmen der Regierung, der Regierungskoalition, zum Beispiel die Aussetzung der Elektrizitätsabgabe. Kommen wir zum zweiten Teil. Was kann denn die Regierung tun, damit die Inflation jetzt auf diesem Level bleibt?

GABRIEL FELBERMAYR: Na ja, es sind ja noch eine ganze Reihe von weiteren inflationsdämpfenden Maßnahmen in der Pipeline. Die Mietpreisbremse, die hätte jetzt schon gewirkt, aber die wirkt natürlich über das ganze Jahr weiter.

Dann wurde am Ende doch erfolgreich Druck auf die Elektrizitätsversorger ausgeübt. Verbund und EVN werden den Arbeitspreis für den Strom absenken. Das wird sich wahrscheinlich in den Markt hineinfressen. Andere werden da auch nachziehen müssen. Das wirkt dann im Laufe des Jahres, und dann kommt mit Anfang Juli die Mehrwertsteuersenkung im Bereich Lebensmittel.

Da gibt es eine Gegenfinanzierung. Insofern ist nicht ganz klar, wie die Gegenfinanzierung wieder ihrerseits inflationstreibend wirkt, aber in Summe bleibt dann auch noch ein kleiner, aber doch ein inflationsdämpfender Effekt übrig.

Das heißt, jetzt ist eigentlich, wenn die Zahlen sich am 25. Februar nicht doch noch anders darstellen – also eine Schnellschätzung ist eben noch nicht das Offizielle –, aber wenn wir bei 2 %, oder wenn es selbst wenn es 2,2 % sind, dann am 25. Februar, sind wir sehr gut, besser als erwartet ins Jahr gestartet, und es kommt noch mehr. Deswegen sieht es schon so aus, als ob das 2-%-Ziel für das Jahr 2026 insgesamt jetzt in Reichweite ist.

GEORG RENNER: Ich habe mir das kurz angeschaut, die Zeitreihe mit der Schnellschätzung gegenüber der endgültigen Zahl. Das war maximal 0,1, ab und zu ganz selten 0,2 % auseinander. Also die Zahl dürfte schon ziemlich hinkommen.

Anders gefragt: Ist es denn überhaupt sinnvoll? Manche dieser inflationsdämpfenden Maßnahmen, zum Beispiel die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel, sind angekündigt, aber noch nicht beschlossen. Wenn die Inflation jetzt eh schon so niedrig ist, quasi aus dieser Ursachenkette heraus, ist es dann überhaupt sinnvoll, das noch umzusetzen, oder ist es nicht sinnvoll, das irgendwo anders zu machen?

GABRIEL FELBERMAYR: Nein, es ist auf jeden Fall sinnvoll, würde ich sagen, aus zwei Gründen. Das erste ist, die Inflationsrate beschreibt ja, wie jedes Jahr Güter teurer werden, beschreibt aber zunächst einmal nicht das Preisniveau. Es ist aber ein Fakt, dass Lebensmittelpreise in Österreich deutlich teurer sind als zum Beispiel in Deutschland. Das sind die 14 %, die manchmal genannt werden, die in Studien ausgerechnet wurden. Wir kommen mit dieser Absenkung der Mehrwertsteuer bei wichtigen Lebensmitteln sozusagen näher an das Preisniveau unserer Nachbarn, und das macht schon Sinn, vor allem, weil das bei Menschen, bei denen es wirklich um jeden Cent geht, wird das einen Unterschied machen.

Und das Zweite ist: Ja, wir haben zwar jetzt im Jänner nur mehr 2 % Inflation gehabt, aber in der Eurozone ist die Inflationsrate noch niedriger. Und wenn man fragt, was determiniert eigentlich langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit, dann ist man eben schon bei der Entwicklung des Preisniveaus. Wenn das bei uns schneller steigt durch eine höhere Inflation als im Rest der Eurozone, wo wir keine Wechselkurse mehr haben, um irgendwas auszugleichen, dann ist das ein Problem.

Das heißt, 2 % ist für uns in Österreich immer noch höher und zu hoch, würde ich sagen, zumal wir ja jetzt eigentlich seit 2010 jedes Jahr höhere Inflationsraten hatten als im Eurozonendurchschnitt. Jetzt bräuchten wir eigentlich ein paar Jahre, wo es genau umgekehrt ist. Da sind wir aber noch gar nicht. Insofern ist die Regierung gut daran beraten, weiter auf die Inflationsentwicklung zu schauen.

GEORG RENNER: Welche Maßnahmen wären denn da vorstellbar, dass sie noch setzt, darüber hinaus über diese Mehrwertsteuersenkung, die, wie gesagt, angekündigt, aber noch nicht beschlossen ist? Was könnte die Regierung noch machen? Die Regierung hat ja keinen unmittelbaren Einfluss, Gott sei Dank, möchte ich sagen, auf die Geldpolitik, aber was wären da Optionen, die noch zur Verfügung stehen, unter den budgetären Voraussetzungen?

[WETTBEWERB UND STRUKTURPOLITIK]

GABRIEL FELBERMAYR: Genau, die Geldpolitik ist es nicht. Die ist bei der EZB in Frankfurt angesiedelt. Auch die klassischen fiskalpolitischen Instrumente sind jedenfalls immer teuer. Also wenn man jetzt die Mehrwertsteuer absenkt, das haben wir jetzt ja auch gesehen, muss man das gegenfinanzieren, und am Ende zahlt sich sozusagen der Konsument die eigene Steuersenkung immer selbst. Das ist halt so, wenn Budgets ausgeglichen werden müssen.

Nein, was jetzt, glaube ich, wichtig wäre, ist, dass man mehr tut für den Wettbewerb in Österreich, dass man versucht, marktbeherrschende Stellungen, die es in einzelnen Bereichen gibt, wettbewerbspolitisch zu adressieren, zum Beispiel im Bereich Lebensmittelhandel. Da gibt es viel Wettbewerb, aber der Verdacht, dass es nicht immer ausreichend ist, der ist da. Da muss die Bundeswettbewerbsbehörde sozusagen einfach wirklich auf Zack sein. Dann haben wir eine Diskussion rund um die Frage der sogenannten territorialen Lieferrestriktionen.

GEORG RENNER: Den Österreich-Aufschlag.

GABRIEL FELBERMAYR: Genau, den Österreich-Aufschlag, der eigentlich mit der Idee eines europäischen Binnenmarktes schwer zu vereinbaren ist. Wenn man den lockert oder die Möglichkeit dieses Aufschlags lockert, dann sollte es mehr Wettbewerb geben. Das betrifft nicht die Supermärkte, sondern die Markenartikler, vor allem die ausländischen. Das wäre ein Hebel.

Dann haben wir im Strommarkt sicherlich eine ganze Reihe von Dingen, die man machen kann. Auch da wäre es gut, wenn mehr Wettbewerb herrschen würde. Die Österreicher sind unter den wechselfaulsten Ländern der Welt. Also man klagt zwar über die hohen Preise, aber man tut nichts dagegen, weil vielleicht die Wechselschwellen immer noch hoch sind. Da kann man mit Information und Angeboten, auch öffentlichen Informationsangeboten, glaube ich, helfen.

GEORG RENNER: Kommt ja auch einiges jetzt im Zuge der LWG-Umsetzung. Soll es ja diese auf der Rechnung geben: "Bitte wechseln Sie."

GABRIEL FELBERMAYR: Genau, genau. Und dann sozusagen sind die in Österreich so unbeliebten Freihandelsabkommen durchaus etwas, das preisdämpfend wirken kann. Bisher muss die europäische Lebensmittelindustrie, wenn sie in Südamerika Rohstoffe kauft, darauf Zölle entrichten. Wenn das nicht mehr der Fall ist, reduziert das Kosten und damit am Ende, wenn die Kosten auch weitergegeben werden, potenziell jedenfalls bei uns die Preise.

Andere Handelsabkommen, nicht nur Mercosur, sind ja auch in der Mache, mit Indien, mit Indonesien zum Beispiel. Also das ist auch etwas, das Wettbewerb belebt. Deswegen angebotsseitig mehr Wettbewerb. Die Liste kann man wirklich lang machen.

Das Mietthema, Mietpreise sind zwar jetzt gedeckelt und geregelt, in vielen Bereichen jedenfalls, aber am Ende ist es eine Frage des Angebots, und hier kann die Politik auch wieder viel machen, zum Beispiel, indem man in der Bauordnung darauf achtet, dass nicht nur Luxuswohnungen gebaut werden, sondern auch leistbare Wohnungen, dass man auch sieht, dass genug Bauland ausgewiesen ist, damit Bauaktivitäten stattfinden etc.

GEORG RENNER: Übrigens auch ein To-do quasi für die Landespolitik, die Bauordnungen einfacher zu machen.

GABRIEL FELBERMAYR: Auf allen Levels. Vielleicht auch bei den Gemeinden ist das ein Thema, und wir wollen natürlich auch jetzt nicht wieder in die alte Zersiedelungs- und Versiedelungsdebatte kommen. Also das muss schon zielgerichtet sein, und da gibt es viele, viele Hebel.

Ein Hebel zum Beispiel könnte eine Reform der Grundsteuer sein. Wenn die so gestaltet wird, dass Wohnraum mobilisiert wird, dann würde das à la longue auf die Mieten drücken. Das ist viel besser, als mit Mietpreisbremsen einzugreifen in das Preisgefüge. Also letztlich eine konsequent angebotspolitische Politik würde helfen.

GEORG RENNER: Verstehe. Also dieses Abundance-Konzept, wie es in den USA heißt, einfach möglichst viel Angebot zu machen, damit die Preise für alle sinken, letzten Endes.

GABRIEL FELBERMAYR: Am Ende ist das so. Ich würde sozusagen eine Einschränkung machen im Vergleich zur US-Debatte. Es gibt schon Bereiche, wo billige Preise nicht das Allerbeste sind. Also wir wollen wahrscheinlich im Bereich Lebensmittel hohe Qualitätsstandards haben, und das kostet. Also wer da immer nach billiger und noch billiger ruft, wird diese Qualitätsversprechen nicht erfüllen können, oder wir wollen eigentlich am WIFO eine noch stärkere ökologische Transformation des Steuersystems haben.

Die Mineralölsteuer wurde schon ewig nicht an die Inflation angepasst. Wenn man das tut, treibt das die Inflation dann aber doch. Dann wird Benzin und Diesel vielleicht doch wieder ein bisschen teurer. Das muss man vorsichtig machen. Aber wenn man sagt, immer nur alles immer billiger und billiger, das ist nicht in jeder Hinsicht optimal. Aber beim Wohnen zum Beispiel, beim Strom, vor allem, wenn es grüner Strom ist, sollte es keine Zweifel geben, dass dort mehr Angebot nutzt, um die Preise niedrig zu halten.

GEORG RENNER: Nur ganz kurz die Nachfrage zu diesem Ökologisierungsgedanken, Rücksicht auf Klimawandel etc. Ich schreibe seit Jahren: "Dieselprivileg abschaffen und Mineralölsteuer anpassen" etc. Aber ist das jetzt, wo die Wirtschaft gerade ein kleines bisschen wieder wächst und in der Wirtschaft natürlich Transportkosten eine signifikante Rolle spielen, nicht genau der falsche Zeitpunkt?

GABRIEL FELBERMAYR: Der Zeitpunkt ist jetzt nicht ideal, das ist schon richtig. Und ich glaube, dass man jetzt einmal auch eine Phase braucht von tatsächlich niedriger Inflation, wo man jetzt nicht durch eine MÖST-Erhöhung, Mineralölsteuererhöhung, die Inflation wieder ein paar Zehntel nach oben treibt.

Aber perspektivisch ist das, glaube ich, schon notwendig. Man muss den richtigen Zeitpunkt abwarten, der ist jetzt nicht. Aber die MÖST sozusagen auf Ewigkeit einzufrieren, das ist ja keine Steuer, die einen Prozentsatz ausmacht vom Benzinpreis, sondern ein absoluter Betrag, der also je stärker das allgemeine Preisniveau steigt aufgrund der Inflation, umso weniger ist er relativ wert, dieser Absolutwert.

Irgendwann muss man ihn anpassen. Ähnliche Diskussion haben wir ja bei der Grundsteuer. Auch die wurde seit 1983, glaube ich, nicht mehr valorisiert.

Das sind Zustände, die man ändern muss, aber am besten dann, wenn die Inflationsrate wirklich nachhaltig niedrig ist. Jetzt sehen wir, wie das Jahr verläuft, aber dann, wer weiß, vielleicht haben wir bald wieder eine Diskussion wie vor der Krise, vor der Coronakrise, in der man eigentlich zu niedrige Inflationsraten beklagt hat, und dann ist das Zeitfenster vielleicht offen, um bei MÖST und Grundsteuer was zu machen.

[WETTBEWERB IM LEBENSMITTELHANDEL]

GEORG RENNER: Ich würde nachher gern auf die Frage zurückkommen: Was ist der richtige Inflationssatz und wo sollte sich das einpendeln? Nur ganz kurz vorher: Sie haben dieses Wettbewerbsthema bei den Supermärkten angesprochen. Die Bundeswettbewerbsbehörde, Thema interessiert mich persönlich, weil ich ein Praktikum dort gemacht habe vor vielen, vielen Jahren.

Was kann denn der Staat machen, um diesen Wettbewerb zu begünstigen? Wir wollen ja jetzt nicht staatliche Preiskontrolleure, die jede Minute durchgehen und schauen: "Okay, was kostet die Semmel da und da?" und eine Liste machen, sondern wie kann das gehen?

GABRIEL FELBERMAYR: Genau. Also die klassische alte österreichische Paritätische Preiskommission, die wird es nicht wiedergeben können. Die Welt ist komplex geworden. Man kann auch nicht in Österreich die Preise regulieren, und im Rest Europas ist das nicht der Fall. Das ging mal sozusagen in der Nachkriegszeit, heute undenkbar. Aber es gibt andere Möglichkeiten.

Das Erste ist, dass man versucht, mehr Transparenz zu schaffen. Da wundere ich mich eigentlich schon seit Jahren, dass da nicht mehr passiert. Warum gibt es in Österreich nicht eine App, die Sie und ich verwenden beim Einkaufen? Wir gehen beim Billa raus und scannen den Kassenbon. Da steht drauf, welche Artikel um wie viel Uhr in welcher Filiale man was gekauft hat, wird hochgeladen. Die KI parkt das in eine Datenbank ein, und wenn irgendjemand anders sich fragt, er will Butter, Milch und Nudeln kaufen, kriegt er eine Information darüber, in welcher Filiale wo gerade am günstigsten ist. Warum gibt es so etwas nicht? Das wäre keine große Aufregung. Das kann man relativ schnell herstellen, und wenn die Arbeiterkammer das will, hätten wir das, würde ich sagen. Wundert mich, dass das nicht passiert.

Aber natürlich gibt es sehr viel härtere Maßnahmen auch. In der Wettbewerbspolitik gibt es das Instrument der Fusionskontrolle. Jetzt ist immer wieder in Österreich sind Supermarktketten verschwunden. Jetzt vor Kurzem erst wieder Unimarkt. Genau. Und das teilen sich sozusagen die Platzhirschen dann untereinander auf, und damit wird die Marktkonzentration noch höher. Und eines ist klar: Eine hohe Marktkonzentration erleichtert das Setzen hoher Preise. Das muss nicht der Fall sein. Also auch mit wenig Wettbewerbern kann es einen intensiven Wettbewerb geben. Da reichen manchmal nur zwei, und schon bekommt man das. Aber man muss da jedenfalls sehr aufpassen. Darum ist die Fusionskontrolle ein so ein Element, wo die Bundeswettbewerbsbehörde ein Auge drauf haben muss.

GEORG RENNER: Aber ist das Gegenargument nicht: "Na ja, okay, besser einer der Platzhirschen, also Spar oder Rewe in der Regel, kauft den Unimarkt und betreibt den weiter." Es gibt dann gar keinen Supermarkt mehr in dem Dorf.

GABRIEL FELBERMAYR: Wenn es ein Dorf ist, in dem sonst nichts mehr wäre, absolut. Das würde man so sehen. Ansonsten wird die Nahversorgung dort irgendwie anders zu regeln sein, oft teurer und ineffizient, wenn Gemeinden irgendwelche Notlösungen organisieren.

Aber wir haben natürlich schon häufig eine Situation, in der in den Gemeinden schon eigentlich – wenn man das vergleicht, auch international – dass da schon sehr viel Supermarktfläche da ist. Das ist auch, was die Statistiken sagen. In Österreich gibt es deutlich mehr Supermärkte pro Einwohner als in Deutschland oder in Italien, und das hat natürlich am Ende des Tages dann auch Effekte auf Kosten, weil der Umsatz pro Supermarkt dann kleiner ist, weil mehr an Fläche, Mieten, Heizung etc. bezahlt werden müssen.

Das ist ein Teil dieser höheren Lebensmittelpreise, die wir in Österreich haben. Deswegen kann man durchaus auch mal eine Situation haben, in der ein Supermarkt schließt, und nur ein Teil dieser Filialen wird übernommen. Bei Unimarkt übrigens ist das auch so. Da werden nicht alle Filialen jetzt von den Platzhirschen untereinander aufgeteilt.

GEORG RENNER: Aber dieses Thema der Supermarktkonzentration höre ich immer wieder. Nur mir fehlt ein bisschen die Fantasie, ob man das und wie man das politisch angehen kann, weil jeder Bürgermeister freut sich ja in der Regel, wenn ein Supermarkt bei ihm eröffnet, weil er hat erstens Arbeitsplätze, zweitens Nahversorgung und so weiter.

Auch die Landesraumordnung hält dem im Normalfall nicht entgegen. Aber eigentlich, wenn ich Sie richtig verstehe, wäre das zumindest beim Ausbau ja jetzt die Idee zu sagen: "Okay, wir brauchen eigentlich weniger Supermärkte und sollten weniger Flächen dafür genehmigen", oder?

GABRIEL FELBERMAYR: Na ja, also es kommt sehr darauf an, wo es passiert. Wir haben schon über das Dorf gesprochen, wo dann am Ende vielleicht kein Supermarkt ist. Dort wäre es schlecht. Dann haben wir Gegenden, wo auf wenigen Hektaren mehrere Supermärkte sind. Natürlich ist auch diese hohe Dichte eigentlich etwas, das Wettbewerb befördern sollte. Also da muss man schon genau hinsehen, was passiert.

Wo man, glaube ich, in Österreich wenig Action hat, ist, dass neue Supermarktbetreiber oder Ketten auf den Markt gekommen sind. Ein bisschen passiert das auch, aber nicht im Lebensmittelbereich. Also haben wir die Action-Filialen zum Beispiel, die gab es vor ein paar Jahren – nach meinem Dafürhalten oder nach meiner Beobachtung – nicht. Sie sind erst auf den Markt gekommen, aber im Lebensmittelbereich ist da relativ wenig passiert.

Das ist in anderen Märkten anders. Frankreich zum Beispiel wurde in den letzten zehn Jahren massiv aufgerollt durch deutsche Diskontfirmen. Da ist Lidl massiv reingegangen, und das hat dort den Wettbewerb belebt. So etwas bräuchten wir in Österreich auch.

GEORG RENNER: Sollte man Aldi Nord einladen oder Walmart oder wen auch immer?

GABRIEL FELBERMAYR: Ja, wer auch immer es ist. An sich gibt es die Möglichkeit, natürlich, und dann muss man sich fragen: Warum kommen die nicht? Möglicherweise sind die Margen in Österreich dann doch nicht so hoch. Wenn die Supermarktdichte sehr hoch ist, dann haben wir ein Kostenthema und nicht so sehr ein Margenthema. All darüber mehr Transparenz herzustellen wäre auch nicht schlecht, damit man nicht, wie wir jetzt, ein bisschen spekulieren müssen, sondern etwas härtere Daten haben. Auch das wäre etwas, wo sich die Politik darum kümmern könnte.

[IDEALE INFLATIONSRATE]

GEORG RENNER: Spannendes Thema. Ich würde gern darauf zurückkommen, was Sie zuerst gesagt haben. Sie haben zuerst gesagt: "Okay, vor ein paar Jahren hatten wir noch das Thema, wir hatten zu niedrige Inflation." Generell heißt ja immer: Wir und die Eurozone zielen generell auf diese 2 % Inflation pro Jahr. Warum ist denn das so, und warum ist das der ideale Inflationswert?

GABRIEL FELBERMAYR: Das ist eine Festlegung, die bei den meisten modernen Zentralbanken so lautet, dass man ein Inflationsziel hat von 2 %. Bis vor Kurzem war es so, dass man in der EU gesagt hat: "Inflationsziel unter 2 %, aber nahe daran." Jetzt sagt man: "Im Durchschnitt bei 2 %", aber damit ist man in sehr guter Gesellschaft.

Warum nicht 0 %? Weil ein bisschen Inflation sozusagen wie ein Schmiermittel in der Wirtschaft funktioniert. Durch höhere Inflation ist der Strukturwandel etwas leichter gestaltbar. Es können sich die sogenannten relativen Preise besser ändern, wenn wir ein bisschen Inflation haben. Sonst müsste ja immer, wenn sich ein Preisverhältnis ändern soll, aber die Inflation ist konstant, müsste immer ein Preis sinken, damit ein anderer Preis steigen kann. Und das ist schwierig. Also Preissenkungen, das passiert selten.

Der Friseur senkt mal, oder die Friseurin senkt ungern die Preise. Sie erhöhen sie aber gern, manchmal weniger, manchmal mehr. Und damit niemand Preise senken muss, es aber trotzdem zu relativen Veränderungen kommen kann, braucht man ein bisschen Inflation.

Außerdem ist Inflation nützlich, um mit Überschuldungssituationen umzugehen. Also auch der Staat wünscht sich ein klein wenig Inflation, nicht zu viel, aber ein bisschen eine. Dann ist der Realwert der Schulden jedes Jahr eben um 2 % kleiner. Das gilt auch für alle, die eine Wohnung finanzieren müssen.

Also wenn die Inflation zu hoch wird, dann gibt es negative Verteilungseffekte, auch Effekte auf das Funktionieren eines Marktes, wie wir ja gesehen haben in den letzten Jahren bei hoher Inflation. Heute kann man wahrscheinlich sagen, das 2-%-Ziel müsste wieder einmal grundsätzlich überprüft werden, weil die Problematik der sogenannten Preisrigiditäten, dass man eben nominelle Preise nicht so gut absenken kann, im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr so offensichtlich ist. Aber ob man jetzt sagt: "2 % Optimalwert haben oder 1,5 %", darüber kann man sozusagen ein ganzes Seminar lang an der Uni streiten. Aber 0 % ist nicht ideal und 5 % auch nicht.

GEORG RENNER: Ich meine, ich freue mich, weil ich bin einer von den angesprochenen Finanzierern. Mein Hausbau mit Kredit finanziert und Fixzinskredit. Das heißt, ich bin sowieso überhaupt der Gewinner der letzten Jahre. Aber insgesamt verstehe ich natürlich: Okay, auch der Staat will Schulden machen. Sehen wir praktisch überall im Westen, dass der Staat Schulden macht jedes Jahr, und die werden durch die Inflation auch jedes Jahr ein bisschen leichter abzuzahlen. Kann man das so sagen?

GABRIEL FELBERMAYR: Ja, das kann man so sagen. Allerdings bedeutet die Inflationsrate auch, dass die Zinsen höher wären. Also jetzt zahlen Sie vielleicht 3 % auf Ihren Immokredit, und die Inflationsrate ist 2 %, dann haben Sie einen realen Zins von 1 %. Wenn die Inflationsrate aber nur 1 % wäre, dann hätten Sie vielleicht gar nicht 3, sondern nur 2 % auf den Immokredit bezahlt. Am Ende ist der Realzins dann derselbe. Also jetzt Inflation staatlich herbeizuführen, damit man den Häuslbauern irgendwie hilft, wäre eine ganz schlechte Politik. Die würde eben ausklammern, dass die Zinsen selber auch eine Funktion von Inflation sein müssen, denn keiner borgt Ihnen Geld, wenn er weiß, dass kaum hat er es überwiesen, die Inflation zuschlägt und den Realwert seiner Forderung an Sie schrumpft.

GEORG RENNER: Wer entscheidet denn dieses Inflationsziel von 2 %? Weil Sie gesagt haben, es wäre Zeit, das einmal grundsätzlich zu diskutieren. Sind das die Gouverneure der Nationalbanken? Wer hat denn das quasi festgelegt?

GABRIEL FELBERMAYR: Zunächst einmal gibt es die politische Festlegung, dass die unabhängige Zentralbank in Europa, die EZB, für Preisstabilität zu sorgen hat. Preisstabilität heißt aber nicht zwingend, dass sich gar nichts verändern darf. Also eigentlich, wenn man das ganz wörtlich nehmen müsste, würde das heißen: "Inflationsrate von 0 %". Wie dann Preisstabilität zu definieren ist, ob das 1,5 % heißt oder 2 % heißt, ob man die 2 % im Durchschnitt anstrebt, was dann heißt, dass es auch mal ein Jahr 3 % geben kann und dafür ein anderes Jahr 1 %, das definieren dann die Notenbanken selber, auch aus der Situation heraus. Das ist schon, finde ich, richtig so.

Ich habe jetzt sozusagen nach den Erfahrungen der letzten Jahre eher den Eindruck, dass die 2 %, wenn man es aus Effizienzgründen betrachtet, vielleicht etwas zu hoch sind. Dann ist vielleicht 1,5 % das Richtige.

Verteilungspolitisch gibt es aber natürlich das Thema, dass für die Entschuldung der Staaten höhere Inflation praktisch ist. Aber das sollte eigentlich, diese Verteilungsfrage sollte eigentlich beim Setzen eines Inflationsziels keine Rolle spielen, weil die Notenbank ist ja unabhängig, und ihre Aufgabe ist es nicht, sozusagen den Schuldendienst des Finanzministers zu erleichtern. Deswegen, ich finde, man sollte gegeben die neuen technologischen Bedingungen, die wir haben, auch gegeben die Wettbewerbslage in der Weltwirtschaft, regelmäßig überprüfen, ob 2 % nicht vielleicht doch ein Ticken zu hoch sind. Ich sehe eher, wenn man so die Tendenz ansieht, die Entwicklung in die andere Richtung, dass man toleranter geworden ist bei der Inflation, aber eben auch aus dem verteilungspolitischen Aspekt heraus, der nicht wirklich im Aufgabenbereich der Notenbanken liegen sollte.

[BUDGETPOLITISCHE IMPLIKATIONEN]

GEORG RENNER: Sie haben den Finanzminister angesprochen und seine zahlreichen Probleme. Bedeutet die sinkende Inflation – jetzt haben noch alle in der Politik praktisch über diese 2-%-Zahl gejubelt – aber bedeutet das gerade für die regierenden Parteien nicht auch ein Problem?

Weil mit 2 % Inflation heißt natürlich auch, dass zum Beispiel bei der Mehrwertsteuer weniger anfällt, weil wenn die Preise geringer steigen, fällt auch die Steigerung der Mehrwertsteuereinnahmen des Staates geringer aus. Potenziert diese niedrige Inflationszahl nicht quasi noch die Budgetprobleme, die wir ohnehin haben?

GABRIEL FELBERMAYR: Na ja, das wäre sehr partiell gedacht, wenn man das so sieht, denn auch die Kosten, die der Staat zu schultern hat, steigen mit der Inflation oder gar darüber. Was in den letzten Jahren massiv teurer geworden ist, ist vor allem im Bereich Soziales die Kosten, die stark stiegen aufgrund der Inflation, und die Personalkosten, die in Österreich de facto mit der Inflation indiziert sind.

Das heißt, es ist, also ich glaube nicht, dass der Finanzminister sich aktiv eine hohe Inflationsrate wünschen kann, weil das hilft ihm vielleicht ein halbes Jahr, und dann treffen ihn aber die Preissteigerungen selber sehr.

Wo die Inflation natürlich schon hilft, ist die Frage: Wie hoch ist die Schuldenquote? Weil die Schulden, die in der Vergangenheit aufgenommen wurden, die heute in Milliardensummen vorliegen, 400 Milliarden ungefähr, die sind relativ zum BIP weniger, wenn wir mehr Inflation haben, weil dann steigt das nominelle BIP relativ zu den in der Vergangenheit aufgenommenen Schulden mehr. Aber das ist schon der einzige Indikator, wo man sagen würde: Da hilft die Inflation wirklich.

Ansonsten ist sie auch für den Staat eher eine Belastung. Und was noch dazukommt, das haben wir ja auch eindrücklichst, würde ich sagen, in den letzten Jahren gesehen: Wenn die Inflation höher ist, dann treten schnell bei vielen Menschen echte Nöte auf. Dann sieht man, dass das Geld nicht mehr reicht. Dann kommen Forderungen an die Politik, was zu tun, und dann wird irgendwas gemacht. Dann wird die berühmte Gießkanne eingesetzt und vieles mehr.

Man beginnt, in Märkte einzugreifen, was dann auch wieder Nebeneffekte hat. Das heißt, am Ende führt die hohe Inflation zu unüberlegten oder schlecht überlegten Reaktionen seitens der Politik, die dann auch dem Finanzminister im nächsten Jahr oder übernächsten Jahr zusätzliche Sorgen machen müssen.

[ABSCHLUSS]

GEORG RENNER: Verstehe. Wenn Sie zum Abschluss noch einen Rat an die Regierung geben könnten, was sie jetzt möglichst bald umsetzen sollte, punkto Inflation, um die Preise stabil zu halten oder vielleicht sogar zu senken, was wäre denn das?

GABRIEL FELBERMAYR: Ich glaube, dass eine Forderung, die im Koalitionsvertrag drinsteht, die auch in der Industriestrategie noch mal neu aufgelegt wurde, aber bisher unter Finanzierungsvorbehalt steht, die Senkung der Lohnnebenkosten ist. Bei uns ist einfach im internationalen Vergleich der Faktor Arbeit sehr, sehr stark steuerlich und mit Abgaben belastet. Weil das so ist, sind Steigerungen dort immer auch gleich inflationsrelevant, vor allem im Dienstleistungssektor.

Wenn man die Lohnnebenkosten in Angriff nimmt, am besten, weil man Effizienzpotenziale erschließt, die haben wir im Gesundheitssystem, die haben wir auch in der Arbeitslosenversicherung und in vielen anderen Bereichen, dann wäre das sehr hilfreich. Das würde den Preisdruck nachhaltig dämpfen, würde die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Volkswirtschaft verbessern, es würde die Effizienz am Arbeitsmarkt verbessern, weil mehr Netto für Brutto bedeutet, mehr Anreize, Leute einzustellen, aber auch überhaupt arbeiten zu gehen oder Vollzeit arbeiten zu gehen. Also das wäre echt eine gute Sache. Bisher steht das unter Finanzierungsvorbehalt, und die Krux ist, da eine Gegenfinanzierung zu finden, die nicht wieder ihrerseits die Inflation anschiebt.

GEORG RENNER: Zum Beispiel Grundsteuerreform haben Sie zuerst schon angesprochen.

GABRIEL FELBERMAYR: Ja, die Grundsteuerreform wäre so ein Element, die natürlich auch, muss man sagen, zumindest dort, wo es Mieten betrifft, dann wieder doch die Inflation anschiebt.

Ich glaube, dass die Gegenfinanzierung vor allem aus Effizienzgewinnen kommen muss. Also jetzt gibt es eine Reformpartnerschaft im Föderalismussystem. Bis da was vorliegt, muss man skeptisch sein. Das hat man schon oft versucht, aber da wären natürlich schon hohe Einsparungspotenziale da. Wenn man die lukriert und damit die Lohnnebenkosten senkt, dann wäre das das Beste, was man sich jetzt erhoffen kann.

GEORG RENNER: Wir klopfen auf Holz, dass bei der Reformpartnerschaft viele, viele Millionen herauskommen.

GABRIEL FELBERMAYR: Milliarden, würde ich meinen.

GEORG RENNER: Idealerweise. Und dass sich das alles am Ende ausgeht. Herr Professor Felbermayr, vielen, vielen Dank für Ihre Zeit.

GABRIEL FELBERMAYR: Sehr gern.

GEORG RENNER: Alles Gute.

GEORG RENNER: Und das war es mit unserer heutigen Folge, "Ganz offen gesagt". Wenn euch das Thema Inflation und Teuerung interessiert, kann ich euch einerseits natürlich die Primärquelle ans Herz legen, die Website der Statistik Austria, wo ihr auch alle Details zur aktuellen Schnellschätzung von 2,0 % im Jänner findet. Ich verlinke sie euch in den Shownotes.

Andererseits findet ihr besonders auf der Website des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO eine ganze Menge an Analysen, Berechnungen und Studien zum Thema Teuerung. Vielen Dank fürs Zuhören. Ich würde mich freuen, wenn ihr "Ganz offen gesagt" als politischen Podcast euren politikinteressierten Freundinnen und Freunden weiterempfehlt. Vielen Dank fürs Dabeisein. Bis zum nächsten Mal. Adieu.

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Georg Renner

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