Ganz Offen Gesagt
Über die Fußball-Weltmeisterschaft - mit Andreas Hagenauer

Andreas Hagenauer, Sportjournalist beim Standard, berichtet derzeit aus den USA von der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Gespräch mit Saskia Jungnikl-Gossy spricht er über die Stimmung vor Ort, die Besonderheiten einer WM in den USA und die Entwicklung des Fußballs in Österreich.

Andreas Hagenauer
Die WM ist natürlich sehr politisch, und ich glaube, dass der Fußball insgesamt auch wahnsinnig politisch ist. Ich glaube, man muss sich von diesem Gedanken verabschieden, dass das reines Entertainment ist, dass das reines Leisure ist. Also, das spielt es nicht. Die FIFA ist, glaube ich, der größte Sportverband der Welt. Natürlich ist da Politik dabei, natürlich ist da auch Gesellschaftspolitik dabei.
Saskia Jungnikl-Gossi
Herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt". Mein Name ist Saskia Jungnikl-Gossi, und ich freue mich sehr, dass ihr dabei seid. Und ich freue mich sehr über meinen heutigen Gast, das ist Andreas Hagenauer. Andreas ist langjähriger Sportjournalist beim Standard, und er berichtet aktuell direkt aus Mexiko, Kanada und den USA von der Herrenfußball-Weltmeisterschaft. Darüber werden wir heute sprechen, außerdem über die Stimmung vor Ort, über die Erwartungen an das Turnier und darüber, wie sich der Fußball in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten so entwickelt hat. Hallo Andreas, schön, dass du da bist.
Andreas Hagenauer
Hallo.
Saskia Jungnikl-Gossi
Andreas, wir beginnen immer mit der Transparenzpassage. Erstens: Woher wir einander kennen? Das ist leicht. Wir kennen einander gut, wir sind Freunde. Und das Zweite ist, ob du aktuell in einer politischen Partei tätig bist.
Andreas Hagenauer
Nein, bin ich nicht.
Saskia Jungnikl-Gossi
Okay. Dann starten wir direkt mit der WM. Andreas, du bist gerade in Mexiko, deswegen nehmen wir das Gespräch auch remote auf. Bei dir ist es gerade früh am Morgen, hier ist es schon abends, und es ist der Tag nach dem Eröffnungsspiel. Mexiko gegen Südafrika hat 2:0 gewonnen. Wie war es, dabei zu sein, bei einem Eröffnungsspiel einer Fußball-WM?
Andreas Hagenauer
Ich könnte jetzt sagen, dass das irgendwie gang und gäbe ist, dass ich das total routiniert runtergebogen habe. Dem war nicht so. Ich war natürlich wahnsinnig aufgeregt. Also, es war wirklich... Ich habe natürlich schon wahnsinnig viele Fußballspiele gesehen in meinem Leben, sowohl privat als auch irgendwie beruflich. Und natürlich kommt da ein bisschen eine Routine rein. Das gestern war fernab jeglicher Routine. Es war... Die Stimmung davor war extrem ausgelassen. Es war chaotisch, es war verschwitzt, es war auch ein bisschen furchteinflößend, weil natürlich wahnsinnig viel Polizeipräsenz da war. Aber gerade die Fans und das Publikum, sind die das wieder gewohnt, oder haben sie davon nicht beeindrucken lassen? Es war eine richtig gute, positive, angenehme Stimmung. Und ja, dieses Stadion... Ich war auch schon in vielen Fußballstadien, aber sowas habe ich, glaube ich, in meinem Leben noch nie erlebt. Also, das war von der Akustik her, von dieser Wucht, von all dem, was dort war, war sehr, sehr beeindruckend. Ja.
Saskia Jungnikl-Gossi
Das Stadion ist ja so ein legendäres Stadion auch, gell? Und wenn da Mexiko dann hat zwei Tore geschossen, ich kann mir vorstellen, das hört man.
Andreas Hagenauer
Boah. Also, es war... Ich glaube, es war gleich einmal nach fünf Minuten eine relativ große Chance für Mexiko, und da war es schon sehr laut. Und ich glaube, da habe ich mir schon gedacht... Und ich habe es, ganz lustig, ich habe es bei den anderen europäischen Kolleginnen irgendwie daneben so auch so ein bisschen in die Gesichter geschaut, und alle waren so... Ich habe es eh schon einmal gesagt, das war so wie kleine Kinder, die mit der Kreditkarte von den Eltern im Supermarkt irgendwie oder im Spielzeuggeschäft reden. Das war alles so: "Oh mein Gott, was passiert hier eigentlich?" Und beim ersten Tor für Mexiko, wie gesagt, sowas Lautes habe ich noch nie gesehen. Da hat sich irgendwie alles entladen. Es sind Becher geflogen, es sind Bier geflogen, es sind Sombreros geflogen. Es war fast schon kitschig, wie toll das war.
Saskia Jungnikl-Gossi
Aber es war auch wahrscheinlich... Also, ich entnehme dem, dass du noch nie bei einem Eröffnungsspiel einer WM warst. Das ist halt auch ein... Die Chance, das mal zu erleben, sehr gering.
Andreas Hagenauer
Ja, absolut. Ich bin auch natürlich sehr dankbar meinem Arbeitgeber. Das kann man, glaube ich, schon einmal sagen, weil das, glaube ich, nicht selbstverständlich ist in auch wirtschaftlichen Zeiten wie diesen. Es war natürlich mein erstes Eröffnungsspiel, es ist meine erste WM, und dementsprechend spannend und aufregend ist das auch alles.
Saskia Jungnikl-Gossi
Gibt es einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Andreas Hagenauer
Vielleicht schon das erste Tor von Mexiko. Also, das war, wie gesagt, sowas habe ich einfach überhaupt noch nie erlebt. Einfach die Lautstärke und auch diese Entladung. Es war natürlich ein Riesen... Es ist natürlich ein riesiger Druck auch auf Gastgeberteams, auf Mexiko. Es ist vielleicht ein bisschen anders als in den USA. Da ist schon einfach auch ein viel, viel größerer, nationaler und auch gesellschaftlicher Druck auf diesem Team. Und dementsprechend hat man gesehen, wenn sich das entlädt, geht es so richtig ab.
Saskia Jungnikl-Gossi
Gibt es was... Oder worauf freust du dich in den kommenden Wochen besonders? Also, weil du wirst jetzt ein paar Spiele live erleben. Gibt es da was, wie dein persönlicher WM-Plan aussieht? Also, was wirst du dir ansehen? Worauf freust du dich besonders?
Andreas Hagenauer
Ich habe mir das vorher durch überlegt. Natürlich, also es ist einfach die offensichtliche Antwort ist das Spiel des österreichischen Nationalteams gegen Argentinien in Dallas. Ich glaube, das ist etwas, was einfach schon sehr lange nicht mehr passiert ist in diesem Ausmaß. Und einfach auch die Brisanz und ja. Also, das ist was, auf was ich mich wahnsinnig freue. Es ist so, dass ich bei allen drei Österreichspielen vor Ort sein werde. Die finden das erste in Santa Clara an der Westküste, dann geht es eben... Entschuldige, das ist gegen Jordanien. Das zweite ist dann eben gegen Argentinien in Dallas, und dann geht es in Kansas City gegen Algerien, um weiterzukommen oder nicht weiterzukommen. Aber ich glaube, ich würde wirklich lügen, wenn das nicht das Argentinien-Spiel wäre.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wo ist eigentlich... Reden wir kurz über das Team, das österreichische Team. Wo ist deren, wie sagt man da, Camp, Lager? Wo sind die... Genau, warst du schon dort oder wirst du dorthin fahren? Wie zugänglich ist das überhaupt? Das heißt, wie sehr begleitet man da überhaupt die Mannschaft?
Andreas Hagenauer
Du, das Team Camp, es gibt bei jeglichen größeren Großveranstaltungen, wo eine Mannschaft dabei ist, quasi eine Art Base Camp, wo sie trainieren, wo sie wohnen, und von dort franst man dann quasi aus zu den Spieltagen. Das ist natürlich jetzt in den USA durch die Distanzen etwas schwieriger. Das Team Camp der Österreicher ist in Santa Barbara. Ist, glaube ich, sehr, sehr gut gewählt, weil das dort klimatisch auch einfach richtig angenehm ist. Ich habe mir eigentlich so ein paar Wochen davor gedacht: "Oh mein Gott, ich werde einfach nur schwitzen die ganze Zeit." Aber ich glaube, es hat dazu zwischen 23 und 27 Grad, und es ist halt auch perfekt, um dort irgendwie Leistungssport zu machen. Und dort werde ich mal fünf Tage sein. Und ja, du, man ist da ein bisschen abhängig vom Verband, also davon, was, wie viel der Verband zulässt. Die stellen irgendwie quasi Gesprächspartner bereit, und da kann man dann in Medienrunden und Gesprächsrunden mit den Spielern sprechen. Und ja, beim Training kann man manchmal ein bisschen zuschauen. Es ist aber schon sehr restriktiv. Also, sie wollen natürlich auch nicht, dass man da zu viel Zugang hat, natürlich auch aus sportlichen Gründen. Also, ich glaube, wenn man sich jedes Training anschauen könnte, dann wäre das vielleicht irgendwie eher ein Nachteil.
Saskia Jungnikl-Gossi
Kurz zu USA. Also, du bist jetzt gerade in Mexiko, du wirst in die USA fahren. Wie war das mit der Einreise? Gab es da irgendwie Probleme? Man hat ja relativ viel gehört, da gab es Diskussionen. Wie hat es sich bisher für dich so gestaltet?
Andreas Hagenauer
Du, für mich war es relativ easy, weil für Mexiko braucht man irgendwie kein Visum, da kann man auch arbeiten hier. Für die USA war es natürlich ein Prozedere im Vorhinein. Wir haben ein Journalistenvisum beantragt, da muss man einen relativ ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Im Endeffekt war es dann aber relativ easy. Also, die Fragen sind dann natürlich schon jetzt, ich sage mal so, sehr genau im Sinne von so: "Hey, deine letzten fünf Mal in den USA." Und ich glaube, ich war das erste Mal 1998 mit meinen Eltern in den USA, und es war ein bisschen schwierig, das zu rekonstruieren. Aber insgesamt war es für mich noch leicht. Wir werden sehen, ich fliege jetzt am Montag in die USA, wie dann die Einreise... Wie dann die Einreise wird, werden wir sehen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Mal schauen, ob du ankommst.
Andreas Hagenauer
Ja. Also, ich fliege zurück nach Mexiko, es wäre eigentlich total okay.
Saskia Jungnikl-Gossi
Es gab politische Diskussionen schon im Vorfeld des Turniers. Der somalische Schiedsrichter, der nicht einreisen darf oder einreisen durfte, die iranische Mannschaft, die nur eingeschränkt jeweils zu den Spielen vor Ort sein darf und dann immer das Land verlassen muss. Gleichzeitig der FIFA-Präsident Infantino, der ein sehr enges Verhältnis hat zu Donald Trump. Wie politisch ist diese WM tatsächlich?
Andreas Hagenauer
Du, die WM ist natürlich sehr politisch, und ich glaube, dass der Fußball insgesamt auch wahnsinnig politisch ist. Ich glaube, man muss sich von diesem Gedanken verabschieden, dass das reines Entertainment ist, dass das reines Leisure ist. Also, das spielt es nicht. Das sind... Die FIFA ist, glaube ich, der größte Sportverband der Welt. Natürlich ist da Politik dabei, natürlich ist da auch Gesellschaftspolitik dabei. Ja, die Ausmaße sind natürlich jetzt besonders prekär oder besonders eklatant. Der Fußball ist politisch, der Fußball ist in ganz, ganz kleinem politisch, also auf der miniuntersten Vereinsebene, auf einer Bundesliga-Ebene, auf einer Champions-League-Ebene und natürlich noch politisch auf einer Nationalteam-Ebene. Also, ich glaube, Fußball ist politisch.
Saskia Jungnikl-Gossi
Aber man hat schon das Gefühl, dass es sich verstärkt. Also, dass Politik Macht, Geld im Bereich Fußball zunimmt. Die Frage ist, wie sehr kann man als aufgeklärter Mensch Fußball eigentlich jetzt als Sport rein noch genießen?
Andreas Hagenauer
Ich glaube, wenn man sich dessen bewusst ist, dass das Sport, auch nicht nur Fußball, sondern Sport insgesamt, einfach sehr politisch ist, dann kann man es natürlich genießen. Also, ich glaube, das Bewusstsein ist das Ausschlaggebende. Es ist gesellschaftspolitisch. Ich glaube, man muss nur in die Fankurven schauen. Sport ist per se wahnsinnig politisch. Und ich glaube, wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man es auf jeden Fall genießen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wie ist das für dich als Journalist? Also, wo liegt für dich persönlich die Grenze zwischen notwendiger Kritik und der Fähigkeit, den Sport einfach genießen zu können? Oder sich für den Sport begeistern zu können?
Andreas Hagenauer
Du, ich glaube, dass der Sportjournalismus sich in den vergangenen Jahren ohnehin sehr verändert hat und gerade auch weiter sehr, sehr verändert, weil eigentlich diese gesamte Ergebnisberichterstattung wegfällt, die ja per se wahnsinnig unpolitisch ist, die ja einfach rein sportlich ist. Da geht es darum, wer spielt welchen Pass, wohin, wer schießt welches Tor, warum hat das funktioniert, warum hat das nicht funktioniert. Durch, glaube ich, jetzt die sozialen Medien und vor allem halt auch Google etc. ist Ergebnisberichterstattung völlig, also nicht völlig wurscht, aber eigentlich hinfällig, weil niemand braucht ein Medium wie den Standard, um zu wissen, wie ein Spiel ausgegangen ist. Man sucht es, man hat seine Live-Score-Apps. Das heißt, das braucht es eigentlich nicht mehr. Das heißt, der Sportjournalismus muss sich gerade ein bisschen neu erfinden, er muss hintergründiger werden, er muss persönlicher werden, er muss auch weiter kritischer werden. Und ich glaube, das ist natürlich eine Herausforderung, weil es in den letzten 20, 30 Jahren einfach nicht so war und irgendwie die Anforderungen nicht so waren. Dementsprechend ist es schon eine Aufgabe von uns, das absolut in die Berichterstattung mit einfließen zu lassen, beziehungsweise auch darauf hinzutrimmen, weil ja, für mich selber, also weißt du, wir beim Standard haben nie diesen superklassischen Sportjournalismus gemacht, wie es andere Medien gemacht haben. Ich sage nicht, dass das besser oder schlechter ist. Ich finde das absolut beeindruckend, teilweise, wie die Krone oder wie andere Medien in Österreich einen Zugang haben und dem auch Platz einzusprechen. Aber wir waren nie diese, wir sind total nah an einem Team dran und wissen die Insider-Infos irgendwie sofort und sind da die Ersten. Bei uns war es immer hintergründiger, bei uns war es immer auch mit einem kritischen Blick auf das, was es ist. Und ich glaube, so deswegen mache ich Sportjournalismus und das ist für mich Sportjournalismus per se und das macht mir Spaß und das ist spannend und herausfordernd.
Saskia Jungnikl-Gossi
Du machst es schon einige Jahre. Wie, wenn du das jetzt so sagst, dass sich das verändert, wie merkst du das selber in deiner Arbeit? Oder merkst du das in deiner Arbeit? Also, stellst du jetzt selber auch an dich andere Ansprüche als jetzt, sagen wir, vor zehn Jahren?
Andreas Hagenauer
Ja, würde ich schon sagen. Also, es war für mich, war Sportjournalismus, Unjournalismus per se, es war mir immer ein bisschen die Geschichte oder eine Geschichte zu erzählen, wichtiger als eine Neuigkeit oder einen Nachrichtenwert schnell rauszuhaben und da der Erste zu sein. Das ist, wie gesagt, ich sage nicht, dass das eine besser als das andere ist. Aber gerade dieser Anspruch an Kritik, der näher kommt jetzt in letzter Zeit, ist schon herausfordernd, weil es immer so ein bisschen ein Abwägen ist zwischen, wie nah ist man jetzt an dem, worüber man berichtet, dran und wie weit kann man diese, also kann man das auch irgendwie kritisieren. Also, das ist ein bisschen eine Gratwanderung und das ist total spannend, aber es ist auch echt fordernd. Also, es ist echt schwierig für mich teilweise.
Saskia Jungnikl-Gossi
Gibt es was, was du besonders gern machst? Also, ich weiß zum Beispiel, du schreibst schon relativ viel Porträts. Aber gibt es irgendwie so was, wo du sagst, das reizt dich im Moment am meisten oder das ist so für dich persönlich das Genre, wo du dich gern siehst?
Andreas Hagenauer
Wie du sagst, also Porträts mag ich wahnsinnig gerne, weil es ist ganz lustig, wenn man dann eine Anfrage an irgendjemanden stellt und dann sagt, ja, können wir das per Telefon machen, mache ich eigentlich sehr, sehr ungern, weil ich dann schon die Person treffen möchte und irgendwie spüre und ja, ein Bild so genauer bekommen möchte. Ich finde Reportagen wahnsinnig spannend. Wir können wahnsinnig sehr, sehr wenig Reportagen leider schreiben, irgendwie einerseits im Sportjournalismus oder eigentlich fast überhaupt. Ich finde, es gibt im österreichischen oder in Österreich in der Journalismuslandschaft ganz wenige coole Reportagen. Ich finde, dieses Genre stirbt jetzt nicht aus, aber wird immer ein bisschen weniger und das finde ich ein bisschen schade. Also, das habe ich jetzt auch in Mexiko gesehen, einfach so über diesen ersten Spieltag oder den Tag eigentlich davor, über das Aztekenstadion, so ein bisschen zu beschreiben, wie das dort ist, wie sich das anfühlt, wie das riecht, wie die Leute ausschauen, wie das Stadion ausschaut. Das hat schon einen sehr, sehr eigenen Reiz und das macht mir schon am allermeisten Spaß.
Saskia Jungnikl-Gossi
Nochmal zurück zu dem Thema Politik, um es abzuschließen. Hast du das Gefühl oder hattest du mal das Gefühl, jetzt verändert sich nicht nur das Geschäft rund um den Fußball, sondern auch der Sport selbst? Also, wenn man jetzt zum Beispiel überlegt, gestern beim Eröffnungsspiel, das war das erste Mal, dass es zum Beispiel jetzt fix verordnete Trinkpausen gibt, egal, ob man sie braucht oder nicht, aber da kann Werbung reingespielt werden. Gibt es da irgendwie so was, wo du sagst, das greift jetzt direkt auf den Sport zu oder das gehört einfach zum alltäglichen Geschäft, das mitspielt?
Andreas Hagenauer
Du, ich glaube, es ist einfach mit der Globalisierung des Fußballs in den letzten 15 Jahren, es ist ein bisschen eine Wechselwirkung. Also, Neuerungen werden, glaube ich, nie gerne angenommen und wenn der Hintergrund für Neuerungen natürlich irgendwie kommerziell ist.
Saskia Jungnikl-Gossi
Stichwort Videoschiedsrichter. Ja, Stichwort oder Stichwort Mariahilferstraße. Also, ich kann mich erinnern, damals Begegnungszone Mariahilferstraße, Riesenaufschrei, keine Ahnung, jetzt zehn Jahre später oder so redet niemand mehr drüber und man gewöhnt sich dran.
Andreas Hagenauer
Ja, also, ich glaube, es ist eine Wechselwirkung aus Sport und den oder dem Sport, die Zeit und den Hintergründen, diese Cooling, diese zum Beispiel, um jetzt auf diese Cooling Breaks zurückzukommen, es macht schon Sinn. Es macht schon Sinn und es ist natürlich auch eine, es klingt ein bisschen deppert, aber eine Win-Win-Situation. Es ist, wenn die Spieler, also wir sind mittlerweile in einem absoluten Hochleistungssport. Also, was die Spieler in Kilometern abspulen, was das als körperliche Herausforderung für sie ist, ist echt, kann man nicht mehr vergleichen mit dem Sport von vor 20 oder 25 Jahren. Und ich glaube, es ist auch ein bisschen zum Schutz der Spieler, dass dieser Schutz der Spieler da natürlich irgendwie genutzt wird, um Energy-Drinks zu verkaufen. Sei es halt drum. Ja.
Saskia Jungnikl-Gossi
Eine Frage noch zum amerikanischen Fußball. In Europa hat man immer das Gefühl, dass die USA den Fußball so nicht leben, wie wir es hier in Europa tun. Ist das so oder ist das nur unser subjektiver, überheblicher Eindruck?
Andreas Hagenauer
Ich glaube, es ist unser subjektiver Eindruck, der natürlich auch ein bisschen überheblich ist, aber der auch stimmt. Also, ich glaube, die amerikanische Sportlandschaft ist zugeschnitten auf Franchises, auf die großen Ligen, die NBA, NHL, NFL vor allem. Der Soccer hat in den letzten zehn Jahren, fünfzehn Jahren schon einen sehr, sehr großen Aufschwung erlebt. Man sieht jetzt auch irgendwie, dass sich ein bisschen so eine Fankultur bildet. Das ist aber echt irgendwie in Kinderschuhen und also vor allem der Vergleich zu diesen großen Sportarten, Entschuldige, Baseball hätte ich vorher angewendet, also die vier, das ist dermaßen eklatant. Aber natürlich, man sieht, wenn Lionel Messi bei Inter Miami spielt, dann bringt das Aufmerksamkeit und dann bringt das natürlich auch finanzielle Möglichkeiten und Aufmerksamkeit und Sport im Sport ist wahnsinnig wichtig.
Saskia Jungnikl-Gossi
Reden wir über das Turnier selber. Wer sind denn deine Geheimtipps, Andreas? Lass uns mal teilhaben.
Andreas Hagenauer
Es ist so schwierig, weil wir sind ja eigentlich schon im Turnier und da natürlich kann man jetzt nicht sagen, aber es ist eigentlich alles rauf und runter dekliniert. Ich finde, und das stimmt natürlich auch, dass so Nationen wie Ecuador, ich glaube, die haben 18 Spiele nicht verloren, die haben zwei Champions-League-Starter irgendwie dabei gespielt, haben eine wahnsinnig gute Qualifikation gespielt, dass die auf jeden Fall dabei sind für Geheimtipp, dass die auf jeden Fall weit kommen können. Wir reden da jetzt nicht um dezidiert würden Titel dann. Japan, Japan war immer stark in WM-Turnieren. Japan hat, glaube ich, Brasilien und England geschlagen jetzt in der Vorbereitung. Also, die sind auch richtig stark. Ja, das sind so die zwei. Norwegen sicher auch noch dabei, vor allem wegen Erling Haaland. Ja, das sind so die, die eh alle am Schirm haben. Also, es sind irgendwie quasi schon keine Geheimtipps mehr, aber ich glaube, das sind die, mit denen man irgendwie als jemand, der sich nicht wahnsinnig viel in den letzten Wochen mit dem Nationalteam Fußball auseinandergesetzt hat, nicht so am Schirm haben könnte.
Saskia Jungnikl-Gossi
Gibt es wen oder welches Team wird überschätzt?
Andreas Hagenauer
Ich glaube, ich habe jetzt von der BBC, glaube ich, eine Umfrage unter den eigenen Redakteurinnen gesehen und da haben wir eben Klavier 12 oder so auf England als Weltmeister getippt und das halte ich für komplett ausgeschlossen. Ja, auch weil England das in den großen Turnieren einfach traditionell nicht so wahnsinnig gut rüberbringt und ich sehe da auch nicht diese individuelle Klasse, die andere Teams wie vor allem Frankreich, also Frankreich ist absurd gut und natürlich Spanien irgendwie haben.
Saskia Jungnikl-Gossi
Gibt es einen Spieler, auf den man besonders achten sollte?
Andreas Hagenauer
Abseits.
Saskia Jungnikl-Gossi
Und hast du ein paar Lieblingsspieler oder einen Lieblingsspieler?
Andreas Hagenauer
Ich kann Lieblingsspieler ein bisschen schwer sagen, weil ich Spieler ja auch irgendwie bewerten muss oder zumindest irgendwie halbwegs objektiv irgendwie mir anschauen soll. Ich glaube, es werden natürlich die offensichtlichen, werden Spaß machen. Es wird ein Vinícius Júnior, wird Spaß machen. Es wird bei Frankreich, also ich bin jetzt Fan, kann man überhaupt nicht sagen, aber ich finde, Michael Lewis hat eine wahnsinnige Saison gespielt bei den Bayern und ist einfach, finde ich, zurzeit auf seiner Position einer der spannendsten Spieler irgendwie überhaupt. Ja, das ist einmal, das sind einmal die, die auf die ich mich schon sehr freue.
Saskia Jungnikl-Gossi
Messi wird sein letztes WM-Spiel?
Andreas Hagenauer
Ja. Und ich glaube, er wird sie okay spielen. Ich glaube, ja, ich finde es ein bisschen schwierig, so Leute wie Messi irgendwie die Qualität abzusagen, weil das ist einfach nicht so. Es ist einfach einer der, wenn nicht der beste Spieler in den vergangenen 15, 20 Jahren. Ich glaube aber, dass sie jetzt das Alter doch schon irgendwie, es ist auch so eine Floskel, aber ich glaube, dass sie das Alter jetzt dann doch schon etwas bemerkbar machen wird, vor allem, wenn ich es jetzt mir direkt anschaue, wenn ich einen Nicolas Seibold oder einen Xaver Schlager ihm direkt gegenübersehe, da ist so viel Körperlichkeit dabei, dann könnte er sich schwer tun und ich glaube, ja, wird er sich auch schwer tun, sagen wir es so.
Saskia Jungnikl-Gossi
Mein Sohn hat gesagt, Brasilien wird ganz weit kommen und dann habe ich gesagt, aber die Mannschaft ist jetzt nicht wahnsinnig gut und dann hat er gesagt, aber die haben Pelé und ich habe gesagt, aber Pelé ist nicht mehr und dann hat er gesagt, ja, aber das ist einfach der Spirit, den sie noch haben, quasi, der schwebt über ihnen und gibt ihnen Kraft. Das ist auch interessant, dass bei einer WM es ja oft dann entgegenlaufen kann, also nicht, dass das jetzt so sein wird, aber dass manchmal da ja irgendwie ein totaler Underdog auf einmal irgendwie auf einer Welle reitet und auf einmal Dinge funktionieren, die eigentlich jetzt, sagen wir mal, nicht so funktionieren können.
Andreas Hagenauer
Du, absolut. Also, es ist, bleiben wir bei Fußballfloskeln, ich glaube, die müssen wir nachher irgendwie dann alle rot anstreichen oder so.
Saskia Jungnikl-Gossi
Fraßenschweine.
Andreas Hagenauer
Fußball ist, es ist unfassbar, aber Fußball ist ein, klingt wie ein Ergebnissport und da ist der Sieg, wenn du mit einem Sieg irgendwie startest, macht das so viel. Man merkt auch in Ligabetrieben, dass, wenn ein Team eigentlich ganz gut, also qualitativ ganz gut aufgestellt ist, aber einfach nicht ins Gewinnen kommt und in diesem Flow, dieser Flow wird so oft bedient, aber es ist so wahnsinnig wichtig. Das Selbstvertrauen ist so wichtig, die Automatismen funktionieren dann, es ist, das Selbstvertrauen ist einfach einer der wichtigsten Dinge in diesem Sport mittlerweile, weil alles andere eh schon fast ein bisschen genormt ist. Natürlich gibt es technische Ausnahmekönner, aber im Endeffekt spielt sich schon wirklich wahnsinnig viel im Kopf und nicht nur mehr in den Beinen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Apropos Selbstvertrauen, Österreich, Österreich ist seit langer Zeit wieder bei der WM dabei. Hat dich das überrascht und mit welchem Gefühl kann es sein, dass Österreich so mit breiter Brust dort auftaucht und für Überraschungen sorgen wird?
Andreas Hagenauer
Überrascht hat es mich nicht. Einerseits, glaube ich, der Weg der vergangenen fünf Jahre und natürlich unter Ralf Rangnick, aber eigentlich schon davor auch. Hat absolut irgendwie darauf hingezeigt, hingespitzt, dass da was geht. Natürlich, es hilft auch eine Ausweitung der WM auf 48 Teams, das heißt, man qualifiziert sich ein bisschen leichter. Andererseits ist da schon eine Qualität drinnen und es ist schon wirklich, weißt du, es wird so oft, dieses Teamgefüge wird so oft irgendwie bedient. Das heißt immer, die Teams müssen eine Einheit sein. Bei Österreich ist echt, habe ich wirklich das Gefühl, dass das stimmt. Es ist wirklich eine Einschätzung, wo man echt glaubt, die mögen einander wirklich, die sind cool miteinander, die stehen füreinander ein am Platz, die laufen füreinander. Das ist schon einfach immens wichtig. Ja, also ich glaube, diesbezüglich jetzt rein vom Papier her tut der Ausfall von Christoph Baumgartner wahnsinnig weh. Also, das ist wirklich, manche sagen, das ist überschätzt, aber der hat eine unfassbar gute Saison bei RB Leipzig gespielt. Das ist vielleicht die einzige Position im österreichischen Team, die nicht doppelt gleich adäquat besetzt ist und das tut wahnsinnig weh. Mit ihm dabei hätte ich gesagt, das geht echt noch irgendwie viel, viel weiter, aber schauen wir mal, wie sich das im Endeffekt auswirkt. Was ich dazu noch sagen will und was ich schon sehr spannend finde, ich glaube, ich war beim ersten Trainingsauftrag jetzt, bevor sie in die USA geflogen sind. Das ist auch so was, denken sie immer, ja, ein Showtraining, es war offenes Training, das heißt für die Öffentlichkeit zugänglich. Und da denken sie, ja, Showtraining und sportlicher Wert, bla, bla, bla. Und ehrlich gesagt bin ich ja so ein bisschen reingegangen zu diesem Termin und habe mir gedacht, jetzt schauen wir denen ein bisschen beim Gabeln zu. Aber ich glaube, es waren dort 1200 oder 1100 Fans, vor allem Kinder. Und es gab danach eine Autogrammstunde. Also, Autogrammstunde, das sind die Spieler, sind dann irgendwie zu einer Tribüne hin und haben, es war, glaube ich, anberaumt für 20 Minuten. Sie haben sicher 45 Minuten bis eine Stunde Autogramme geschrieben. Und ich glaube, ich habe selten so viel Freude in Kindergesichtern gesehen. Das hat so Spaß gemacht zu sehen, was auch dieses Team und die Einzelnen irgendwie für die Kids bedeuten. Und das hat wirklich Spaß gemacht. Und ich glaube, das ist eigentlich auch eine der wichtigsten Sachen, die das Team jetzt gerade ausstrahlt für das Land.
Saskia Jungnikl-Gossi
Glaubst du, macht es zum Beispiel einen Unterschied, wenn jemand wie der Baumgartner, auch wenn er fehlt, mitreist oder hinreist und vor Ort ist? Ist das wirklich, macht das was?
Andreas Hagenauer
Ja, das macht auf jeden Fall was. Mich hat es im ersten Moment gewundert, dass er nicht sofort mitgeflogen ist und dann war klar, dass er aber operiert werden muss und dass es dann vielleicht ein bisschen schwierig ist. Und jetzt hat man diese sehr medienwirksamen Bilder gesehen, wie er mit Krücken irgendwie dort im Teamcamp reinstuziert. Das ist ein bisschen ein blödes Wort in dem Fall. Aber es macht auf jeden Fall was. Man hat es einfach bei der vergangenen Euro gesehen, wo David Alaba natürlich noch einmal wichtiger für dieses Team ist als Non-Playing Captain. Ich habe eigentlich gar nicht gewusst, dass es sowas im Fußball überhaupt gibt, mit dabei war und der aber so wichtig für dieses Teamgefüge ist, der so wichtig für diese flache Hierarchie ist, der so wichtig für eh diesen Flow und dieses Selbstvertrauen ist. Und ich glaube, dass das jetzt auch mit einem Christoph Baumgartner nicht so in dem Ausmaß wie bei David Alaba, aber schon, der ist einfach auch sehr, sehr stark verwurzelt in diesem Team drinnen und ich glaube, dass das gut ist und dass das wichtig ist.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wir haben es vorher schon angesprochen, du berichtest schon seit einigen Jahren über österreichischen Fußball. Wenn du zurückschaust, ist der Fußball heute besser als je zuvor, wenn man vielleicht absieht von der großen Vorzeit 1954?
Andreas Hagenauer
Ja, weißt du, das sind immer, es ist ein bisschen schwierig, auch davon in Momentaufnahmen zu sprechen, weil das ja eigentlich um Generationen geht. Da geht es um Fußballergenerationen. Das sind quasi Jahrgänge, die miteinander spielen, die kennen sich schon sehr, sehr lang. Ich glaube, dass es jetzt auf jeden Fall besser ist, weil der Fußball insgesamt besser geworden ist, weil der Fußball insgesamt breiter geworden ist, weil es diese Nationen oder auch Teams, die nicht so viele Möglichkeiten haben, dass dieser Abstand zu den großen Teams nicht mehr so groß ist. Also, es ist, jeder kann jeden schlagen, ist ein bisschen übertrieben, aber es hat sich einfach viel mehr angeglichen und deswegen ist es noch schwieriger, da konstant gut zu sein und gute Leistungen zu bringen. Also, ich bin mir sicher, dass es jetzt besser ist, also im Vergleich besser ist als vor 30, 40 Jahren oder so mit Sicherheit.
Saskia Jungnikl-Gossi
Glaubst du, oder gibt es einen Moment oder eine Entscheidung, die diesen österreichischen Fußball nachhaltig verändert hat?
Andreas Hagenauer
Ich glaube, ein bisschen diese Loslösung von der Nostalgie. Also, ich glaube, dass man ein bisschen aufhört von den großen Errungenschaften der Vergangenheit, die jetzt auch nicht so wahnsinnig groß waren. Zu sprechen und irgendwie zu sagen so, hey, wir versuchen ein Akademiesystem irgendwie aufzubauen, wir professionalisieren uns einfach. Und das hat, glaube ich, ein bisschen lang gestockt. Das war einfach eine lange Zeit immer so, dass quasi Spieler, die früher sehr gut waren, also der österreichischen Spieler, die sehr gut waren, dann in sehr, sehr wichtige Funktionen im Verband. Das ist natürlich jetzt teilweise auch noch so, aber da kommen schon auch ganz andere Leute. Das ist einfach viel professioneller.
Saskia Jungnikl-Gossi
Du hast vorher gesagt, der österreichische Fußball hat angeschlossen an andere internationale Vereine, ist besser geworden, hat sich professioneller aufgestellt. Es ist so, dass aus Österreich regelmäßig Spieler hervorgehen, die in europäischen Spitzenvereinen spielen, Stichwort Deutsche Bundesliga. Wie ist das gelungen?
Andreas Hagenauer
Du, einerseits natürlich über Red Bull Salzburg, muss man sagen. Die, wie wir schon vorher gesagt haben, Aufmerksamkeit ist einfach eine der wichtigsten Währungen im Fußball. Die haben international sehr gut gespielt, haben ihr ganzes Umfeld unfassbar professionalisiert im Sinne von Scouting, im Sinne von Akademien. Früher war es eher ein bisschen so, es sind jetzt auch noch einige eigentlich im Team dabei, die sehr, sehr früh weggegangen sind aus Österreich, die eigentlich dann in den Teenagerjahren nach Deutschland, Italien, wo auch immer hingegangen sind und dort quasi so die letzten Schritte in dieser wahnsinnig wichtigen Entwicklung zwischen Teenager und erwachsenen Fußball, daran scheitern irgendwie so, so viele noch. Und das war, glaube ich, früher in Österreich schwieriger, sich da durchzusetzen. Und deshalb sind viele ins Ausland gegangen und davon zehrt jetzt die aktuelle Nationalmannschaft ein bisschen. Aber ich glaube, man hat auch gesehen, dass die Akademien in Österreich irgendwie funktionieren und dass da insgesamt jetzt auch eindeutig mehr auch international exportiert wird und gute Spieler rauskommen, kann man nicht sagen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Stichwort Nachwuchsarbeit, wo stehen wir denn da?
Andreas Hagenauer
Es ist sehr, wenn wir jetzt auf Nationalteam-Ebene bleiben, es ist sehr jahrgangsabhängig. Es gibt einfach Jahrgänge, das sind mehr gute Fußballer dabei. Es gibt manche, da sind weniger irgendwie dabei, wo man sagt, da kommt jetzt der absolute Durchbruch. Ich finde die Jugendnationalteams, ich glaube, man hat es bei der U17-WM gesehen. Das ist zum Beispiel ein fantastischer Jahrgang. Und auch davor, ich glaube, es geht weiter, es wird wieder weiter aufgeholt. Es ist ein bisschen eine Momentaufnahme immer. Ich glaube, dass wir so weit sind, Entschuldigung, ich glaube, dass wir so weit sind, dass kontinuierlich U17-Vizeweltmeister irgendwie rauskommen. Es geht sich, glaube ich, ein und aus. Dafür ist Österreich auch ein bisschen, also jetzt nicht so klein als Land, aber dafür fehlt es dann einfach auch mal ein bisschen auf andere Nationen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Aber wenn heute zum Beispiel ein 7, 8-jähriges Kind anfängt, Fußball zu spielen in Österreich, was läuft da anders als jetzt zum Beispiel vor einer Generation?
Andreas Hagenauer
Ich glaube, die Vereinsstrukturen sind bedeutend professioneller geworden. Ich habe kein Kind, das in einem Verein spielt, aber wie ich das irgendwie von außen einschätze, sind die Trainerausbildungen besser geworden. Es sind natürlich irgendwie, muss man das ein bisschen entkoppeln, einerseits von den großen Vereinen, sagen wir jetzt Rapid, Austria, Sturm, mit teilweise den Akademien dabei. Da geht schon relativ früh auch das Bild auf Leistungssport hin. Und das ist, glaube ich, bei kleineren Vereinen noch nicht so. Wenn man jetzt in Wien keine anderen Sportgruppen oder wie jemand nimmt, da ist es, ich sage jetzt nicht Bewegungstherapie, aber da ist einfach in dieses ganze System Fußball reinzukommen und sich dort drinnen zu bewegen, in diesem Kosmos zu bewegen. Und ich glaube, es ist einfach viel, wie gesagt, viel professioneller geworden. Die Trainerausbildung ist sensibler geworden. Es sind Leute in den Positionen, sind einfach besser darauf zugeschnitten und wissen viel mehr, was sie da machen und stellen sich nicht nur am Fußballplatz und sagen, da spielst du ein bisschen und ja.
Saskia Jungnikl-Gossi
Ich würde noch gerne über den Frauenfußball sprechen, weil der immer sichtbarer wird, nicht nur in Österreich, sondern generell und auch endlich mehr Anerkennung erhält. Die Gehälter werden langsam zumindest etwas angehoben. Ich weiß, dass du in deiner Berichterstattung großen Fokus darauf legst. Erleben wir gerade einen Umbruch?
Andreas Hagenauer
Ja, Umbruch ist, ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist, aber auf jeden Fall eine Entwicklung, die in die absolut richtige Richtung geht. Ich glaube, wenn man sich mit den Protagonistinnen der vergangenen Jahre und jetzt gar nicht aktuell, sondern einer Victoria Schnaderbeck, einer Lisa Markas unterhält, dann sagen die schon eindeutig, dass da was weitergegangen ist und dass da was weitergeht, dass die Anerkennung da ist. Ja, ich glaube auf jeden Fall, dass die Richtung stimmt. Also insgesamt muss man da ein bisschen aufpassen. Natürlich geht es im Endeffekt, die Spielerinnen wollen oder wollten natürlich irgendwie immer eine Annäherung oder eine Angleichung der Bezahlung, aber sie wollten eigentlich viel, viel, also viel, viel wichtiger für sie waren Ressourcen, waren dass sie einfach, dass die Infrastruktur ähnlich zumindest dem, dem Männerfußball ist, dass sie eine, dass sie Physiotherapeutinnen haben, dass sie Masseurinnen haben, dass sie jemanden, dass sie genug Ausrüstung einfach haben. Und da ist dieser Schritt passiert, diese Schritte passieren und da reden wir einfach auch noch nicht von einem jetzt im Endeffekt monetären Ausgleich, der sicher in den nächsten 10, 15, 20 Jahren nicht passieren wird, weil einfach der Männerfußball in derartigen Dimensionen ist, der so oder so unvorstellbar eigentlich mittlerweile ist.
Saskia Jungnikl-Gossi
Das heißt, wo siehst du heute die größten Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball, also jetzt weniger eben sportlich, sondern strukturell?
Andreas Hagenauer
Du, es war früher so, ich glaube, ein großer Schritt war, dass einerseits in der, jetzt in Österreich, ich glaube, in den Lizenzierungsbestimmungen ist dabei, dass Bundesliga-Teams eine Frauenabteilung haben müssen, glaube ich. Das könnte mir jetzt vielleicht irgendwie ein bisschen verrennen, aber es ist zumindest irgendwie in der Hinsicht da. Es war früher immer so, dass der Frauenfußball, dass es da einzelne Vereine gegeben hat, die jetzt gar keine Männerfußball oder keine große Männerfußballsparte hatten. Das hier jetzt Neulengbach oder das waren klare, fast dezidierte Frauenfußballvereine. Und jetzt ist es aber so, dass die großen Vereine wie Rapid, Salzburg, Sturm sowieso schon länger auch gute bis erfolgreiche Frauenteams haben. Und da schwingt aber einfach eben diese Infrastruktur mit. Die haben alle Trainingsgelände, die haben eine Marketingmaschinerie, die haben irgendwie Öffentlichkeitsarbeit. Und wenn man da so ein bisschen sich andockt, dann geht das schon viel mehr weiter. Also, ich weiß nicht, die Premier League, was Arsenal oder Man City oder Chelsea da in den vergangenen Jahren irgendwie auf die Beine gestellt haben, ist unfassbar. Da ist so viel weitergegangen. Und da gibt es kein mehr, das ist der Frauenfußball und das ist der Männerfußball, sondern die sehen das schon als Gesamtverein. Und ich glaube, das ist der entscheidende Punkt. Und ich sehe das insgesamt eine gute Entwicklung, dass auch in Österreich die Bundesliga-Teams Frauenabteilungen und Frauenteams haben müssen, sollten und das mittlerweile auch wollen, glaube ich.
Saskia Jungnikl-Gossi
Zum Abschluss, Andreas, wer wird Weltmeister?
Andreas Hagenauer
Frankreich.
Saskia Jungnikl-Gossi
Wie bitte?
Andreas Hagenauer
Da müsste ich jetzt genau das Bracket irgendwie kennen, weißt du, das habe ich ja mittlerweile 48 Teams, keine Ahnung, wer wäre dann wie, wo genau.
Saskia Jungnikl-Gossi
Okay, dann frage ich dich lieber, warum Frankreich? Weil sie einfach die stärksten Spieler haben.
Andreas Hagenauer
Ja, und ich glaube auch, dass sie als Team ganz gut funktionieren. Und ich glaube, dass die Qualität und auch dieses Teamgefüge bei denen funktioniert. Natürlich sind sie auch schon sehr große Stars, aber ich glaube, dass die sich untereinander irgendwie ganz gut verstehen. Und ich glaube, das könnte der absolut ausschlaggebende Punkt werden, dass die das machen.
Saskia Jungnikl-Gossi
Andreas, danke für das spannende Gespräch und viel Freude noch bei der WM.
Andreas Hagenauer
Danke für die Möglichkeit.
Saskia Jungnikl-Gossi
Das war die heutige Folge von "Ganz offen gesagt". Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast abonniert, weiterempfehlt und uns in euren Podcast-Apps mit fünf Sternen bewertet. Feedback wie immer gerne an redaktion@ganzoffengesagt.at. Und wenn ihr jetzt mehr über die Arbeit von Andreas Hagenauer erfahren wollt, dann empfehle ich euch sehr seine Texte im Standard, allem voran seine Porträts und auch seine Interviews. Und wenn ihr dem Standard jetzt auf den sozialen Kanälen folgt, dann seht ihr in den nächsten Tagen Andreas auch immer mal wieder Live-Updates von der WM geben. Kann ich auch sehr empfehlen. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Ciao.

Autor:in:

Felix Keiser

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