Bühneneingang
„Fit sein heißt eigentlich nichts – und alles“: Über Kultur, Körper und Kontrolle - mit Silvia Pistotnig
Silvia Pistotnig spricht in Folge 117 über ihr Buch „Alles mit Eigengewicht“: über Fitness, Körperbilder und die Widersprüche zwischen feministischer Haltung, Selbstdisziplin und dem Wunsch nach einem trainierten Körper. Warum gilt körperliches Training in der Kulturbubble oft als geistlos, während Tänzer:innen oder Schauspieler:innen für die Disziplin rund um ihren Körper bewundert werden? Im Gespräch geht es um Aerobic, Popkultur, Sexualisierung und die Frage, wann Bewegung Selbstwirksamkeit schafft – und wann sie zur Belastung wird. Außerdem warnt Silvia Pistotnig davor, Körperlichkeit und Fitness einer rechten Manosphere zu überlassen. Eine Folge über Scham, Schönheit, Lust an Bewegung und die ambivalente Beziehung von Körper und Kunst.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Silvia Pistotnig. Die in Kärnten geborene und in Wien lebende Autorin hat bislang 4 Romane veröffentlicht; in Form des Werks "Alles mit Eigengewicht" wechselt sie nun ins essayistische Sachbuch und macht den eigenen Körper zum Gegenstand einer schonungslos persönlichen Untersuchung.
Silvia Pistotnig war Aerobic-Trainerin und betreibt seit Jahrzehnten beinahe täglich Sport; sie kennt daher nicht nur die Freude an Bewegung, sondern auch den schmalen Grat zwischen Disziplin, Kontrolle und Zwang. Ihr Buch führt von der sportlosen Kindheit über Jane Fonda, Bauch-Beine-Po und Fitnessstudios bis zu Social Media, Mutterschaft und Alter.
Es fragt: Wie Kultur, und insbesondere Popkultur, unsere Körperbilder formen? Warum Frauen und Männer unterschiedlich bewertet werden, und weshalb selbst eine Feministin dem Ideal eines trainierten Körpers hinterherläuft. Liebe Silvia, vielen Dank, dass du am Bühneneingang zu Gast bist.
Silvia Pistotnig
Danke dir ganz herzlich für die Einladung.
Fabian Burstein
Ich wollte jetzt schon sagen, am Bühneneingang sporteltst, aber das ist ein Blödsinn, weil wir machen ja keinen Sport, wir sitzen.
Wir sitzen nur da, wir reden nur ein bisschen über Sport.
Ja, die erste Frage, die mich sofort interessiert, ist eigentlich eine formale: Du hast bisher Romane geschrieben.
Warum braucht genau dieses Thema nun quasi dein unverstelltes Ich, also keine Romanfigur, hinter der du dich verbergen kannst?
Warum hast du dich genau bei dem Thema entschieden, zu sagen: Das erzähle jetzt ich aus meiner Perspektive?
Silvia Pistotnig
Weil das für mich ein sehr persönliches Thema ist, ein Thema, das sehr nah bei mir ist, dass ich sozusagen keiner fiktiven Figur umbinden kann in dem Sinn, dass ich auch einen Roman draus mache, sondern das war etwas, wo ich mich selbst sozusagen oder beziehungsweise meinen Körper abhandle.
Also es war für mich kein Thema, das vielleicht findet es in der einen oder anderen Form, auch in einer Romanform kommt es vielleicht irgendwo einmal vor, aber so in dieser Art, sich mit dem Körper auseinanderzusetzen, mit diesem Sportthema auseinanderzusetzen, das so klar bei mir ist, das hat einfach diese Form ein bisschen verlangt.
Fabian Burstein
Nun gibt es ja immer diese Entscheidungen, die man davor trifft, und dann den Prozess, wenn man drinnen ist, und wenn dann vor allem die Veröffentlichung da ist. War dieser Wechsel ins essayistische Sachbuch, war das eine Form von Befreiung oder dann in letzter Konsequenz doch eine Form irgendwie von Entblößung, weil man gibt ja da schon sehr viel preis?
Silvia Pistotnig
Ja, absolut. Also es ist mir lustigerweise immer gedacht, das wird mir sehr leicht von der Hand gehen, das wird ganz locker lustig runterplätschern. Ich habe mir schon schwergetan, natürlich ist es eine Entblößung, natürlich ist es auch eine Frage, wie weit gebe ich mich preis. Es ist ja trotzdem ein intimes Thema irgendwo auch und fällt nicht leicht. Und das ist mir auch beim Schreiben nicht so leicht gefallen.
Also bei Romanen hat man immer die Möglichkeit, dass man die Geschichte ja weiter denkt, und ich kann mir alles denken. Also ich habe da ja keine Begrenzung. Und das habe ich bei dieser Essayform ja schon. Also ich muss mich ja dann trotzdem an dem halten, was ich bin, und kann nicht einfach jetzt irgendwie mir überlegen, ja, jetzt gehe ich mal da in die Richtung und mache was Fiktives draus.
Fabian Burstein
Da fällt mir ein Lied ein, das hat Blumfeld mal geschrieben, das hieß "Mein System kennt keine Grenzen". Das wäre dann quasi der Romanansatz. Aber das eigene System, Körper, kennt natürlich Grenzen, ganz plakativ gesehen bei der Haut als Außenschicht, aber auch insgesamt, man ist auf sich als Persönlichkeit zurückgeworfen. Wenn du dieses System jetzt so ein bisschen durchdeklinierst, was waren so die zentralen Erkenntnisse, die sich bei dir aus dem Schreiben ergeben haben?
Silvia Pistotnig
Erkenntnisse, das würde ich jetzt gar nicht so als Erkenntnisse sehen, weil ich bin Autorin. Ich will jetzt nicht mich da, ich will weder einen Fahrplan geben, noch will ich eine Moral mitgeben. Ich gebe was von mir weiter, und wenn jemand was daraus erkennt, wenn jemand sich erkennt oder einfach nur gut unterhalten ist, dann reicht mir das. Und dasselbe gilt für mich.
Ich habe hier keine Erkenntnis, wo ich denke, wow, jetzt habe ich mein Leben total verstanden. Das stimmt nicht. Also das war ein Auseinandersetzen mit meinem Körper, mit mir, das mich auch so, wo ich auch so irgendwie einfach recht spannend gefunden habe, wie bringt man das im Schreiben, wie bringt man dieses Thema auf eine durchaus auch unterhaltsame Art zu Papier, wo es um etwas geht, das so körperlich ist und gerade in der Literatur eigentlich wenig Eingang findet, weil gerade dieser Fitnessbereich wird belächelt.
Wir haben 500.000 Fußballbücher, Tennis kommt vor, und alles, was mit Fitness zu tun hat, ist lächerlich. Gerade in der Kunstkultur-Bubble. Also auch in Filmen, die typische Gym-Trainer, die typische Gym-Trainerin sind hirnlose Stirnbandträgerinnen.
Und das habe ich eigentlich, also für mich war es jetzt weniger eine Erkenntnis als ein Thema, das ich spannend fand in dieser Form zu bearbeiten, weil es eben so weit weg von dieser Kunstkultur-Literatur-Bubble ist. Ich nenne es jetzt Bubble, ja.
Und das fand ich einfach spannend, sich einmal mit etwas komplett anderem, was eben nicht mit diesen typischen, unter Anführungszeichen, diesen typischen Themen zu tun hat, sich in einer Essayform auseinanderzusetzen. Das war eigentlich, und ich habe da jetzt keine große Erkenntnis daraus gewonnen, sondern habe es so spannend gefunden, einmal dem hinterherzugehen, was das alles impliziert und wie man das auch bearbeiten und damit umgehen kann.
Fabian Burstein
Tatsächlich war dieser Widerspruch, den du da andeutest, dieses Körperlichkeit und Kunst und Kultur, das war der Grund, warum ich das sofort gecatcht hat irgendwie und warum ich da eine Folge aufnehmen wollte.
Und es ist aber natürlich immer auch besser, wenn man nicht auf die anderen zeigt, sondern auf das eigene Spiegelbild. Und wenn ich ehrlich bin, habe auch ich diese Schubladen in meinem Kopf gehabt. Also da bin ich um nichts besser oder nur um wenig besser vielleicht als andere.
Ich habe mir auch gedacht, wie geht denn das zusammen, zugleich als Feministin, als Aerobic-Trainerin, als Frau, die einen definierten Körper haben will, das sagst du ja explizit. Wie geht denn das alles zusammen? Sind das nicht in Wahrheit Widersprüche? Ich habe mir die Frage gestellt, kann man so Körperideale intellektuell ablehnen und ihnen trotzdem folgen? Ich finde das unglaublich komplex.
Silvia Pistotnig
Ja, ist es auch, vor allem. Glaube ich, dass wir, das ist einfach, und das ist etwas, was ich versucht habe. Ich habe versucht, ehrlich zu sein. Und vielleicht ist das die größte Entblößung, die ich tun konnte. Dieses Ehrlichsein verlangt dann auch, dass man sich zugesteht oder dass ich mir zugestehe, ja, diesen Widerspruch habe ich. Und ich glaube, dieser Widerspruch ist in uns, in sehr vielen von uns auch enthalten. Auch wenn wir dann auf Social Media oder wo auch immer hinausposaunen, es ist uns ja völlig wurscht. Glaube ich nicht. Also glaube ich nicht, ja.
Also ich traue mich fast wetten, wenn ich jetzt sage, du kannst diesen Körper, also allein, wenn wir uns begegnen, ich bin, die Visitenkarte ist mein Körper, mein Gesicht, mein Dasein. Das ist trotzdem die Visitenkarte, und damit zeige ich was. Und wenn ich jetzt in der Kulturszene zeige, ich bin total definiert und trainiert, dann impliziert das auch was. Dann ist das vielleicht im Gegenteil wiederum fast eine Abwertung. Der Widerspruch ist schon da, aber ich glaube, dass wir gerade in der Kunstkulturszene aufpassen müssen, dass wir uns nicht zu sehr in eine Elite hineinbringen, die sich abkoppelt und sagt, nein, das ist überhaupt nicht unser Thema. Das glaube ich nicht. Also wir sind Teil einer Gesellschaft und wir spiegeln diese Gesellschaft genauso.
Fabian Burstein
Ja, vor allem auch die Kunst und Kultur ist ja immer diesen Schwankungen unterworfen. Es beginnt natürlich mit dem berechtigten Ansinnen, dass man sich von gewissen Idealen und Druckmustern emanzipiert, bis dann die Emanzipation davon wieder zum eigenen Druckmuster wird.
Silvia Pistotnig
Genau, gut gesagt.
Fabian Burstein
Und in diesem Spannungsfeld, aus dem kommen wir nicht raus. Da geht es um identitätspolitische Fragen, um Geschlechterfragen, um Körperfragen und so weiter. Also ich glaube, das ist das, was du damit meinst, oder? Dass wir uns extrem schwer tun, da ein gesundes oder gesund, ein Mittelmaß zu finden, mit dem wir alle gut leben können.
Silvia Pistotnig
Ja, sicher. Also dieses Mittelmaß, ich weiß nicht, was es da braucht. Wie gesagt, von wegen, weil du gesagt hast, Erkenntnisse. Ich habe keine Erkenntnisse in dem Sinn, dass ich jetzt sagen kann, so, jetzt bin ich da drauf gekommen und so, wenn wir das jetzt so und so machen, dann ist das voll gut und so funktioniert das dann. Das weiß ich nicht. Ich kann nicht sagen, habe ich nicht herausgefunden.
Fabian Burstein
Was ich an deinem Buch wirklich liebe, es ist ein Buch, der Klansetzer. Also man liest das, man versteht das sofort, man breitet dadurch, also es geht irrsinnig gut rein. Und einer dieser Sätze zum Beispiel, wo ich in mich reinlächeln musste, war, wie du einfach ganz lakonisch bemerkst, Workouts in einer Gruppe sind für die Kultur-Bubble so ziemlich das Letzte.
Silvia Pistotnig
Ja.
Fabian Burstein
Woraus speist du diese Erkenntnis?
Silvia Pistotnig
Das ist, ich glaube, dass Workouts einen Impetus haben. Ich habe da früher schon gesagt, von wegen Aerobic oder Workout-Trainerinnen sind, glaube ich, so nach Animateurinnen so eher das letzte Glied der Kette.
Fabian Burstein
Reputationstechnisch.
Silvia Pistotnig
Ja, das ist so einfach die größte Möglichkeit der Lächerlichkeit. Und dieses einer Person zu folgen, die noch dazu vielleicht sehr gut trainiert ist und die dann Befehle erteilt. Diese Befehle werden ausgeführt. Es ist auch schlechte Musik. Also dieses typische Bild ist, auch wenn ich das selber sage, dass ich Aerobic-Trainerin war, ich meine mittlerweile, sag mal, Fitness-Instructorin, was sehr lächerlich, aber wurscht. Wenn ich das sage, dann haben alle ein Bild von mir. Und das Bild ist, dass ich mit einem Stirnband da draußen stehe und mit Neonfarben und komischen Sachen mache.
Das ist das Bild. Und ich finde das dann irgendwo so interessant, weil ich mir denke, ich meine, nein, es stimmt einfach nicht. Es macht Spaß. Es ist lustig. Ich hatte in diesen Stunden wirklich die schönsten Momente. Also es ist nicht definitiv, ich habe schon das Gefühl, alles, was in diese Richtung geht, hat ein bisschen einen, natürlich auch diesen, wie soll ich das jetzt sagen, so diesen rechten soldatischen Touch. Und das hat es bis zu einem gewissen Grad auch.
Natürlich ist einer Person in Bewegungen zu folgen, hat immer irgendwo was, ja, was quasi unter Anführungszeichen soldatisches. Ich kann das natürlich auch negativ auslegen und ich kann es auch positiv auslegen, dass ich Menschen so nah bei mir habe in einer Energie, die nichts Esoterisches hat. Also nicht, dass wir da jetzt in die Energiefrage kommen, aber die so eine Energiegemeinschaft bilden, das ist was Tolles. Und das ist nichts, was lächerlich ist. Das ist nichts, was armselig und peinlich ist. Das ist was Cooles.
Fabian Burstein
Aber hast du das jemals probiert? Also ich stelle mir jetzt vor, keine Ahnung, du hast eine Lesung, ich sage jetzt irgendein Beispiel im Literaturhaus, in einem Literaturhaus, dass du zu einer Gruppe von Autorinnen, die ja dann oft auch kommen, oder Menschen aus der Kulturblase, gesagt hast, warum machen wir nicht mal gemeinsam einen Workout?
Silvia Pistotnig
Ja, zwei Sachen. Also es gibt die IG Buch, die Interessensgemeinschaft, die haben mich dann tatsächlich gefragt, ob ich das mache. Funktioniert super. Ja, typische Geschichte, dass nur ein Autor, Gott sei Dank, dabei war, sonst Frauen eher.
Fabian Burstein
Wieso Gott sei Dank?
Silvia Pistotnig
Dass einer dabei war, wenigstens.
Fabian Burstein
Ach so. Also ich habe gedacht, Gott sei Dank, nur einer.
Silvia Pistotnig
Nein, nein, nein, Gott sei Dank einer.
Fabian Burstein
Ach so, verstehe.
Silvia Pistotnig
Entschuldigung, das war falsch gesagt. Zumindest einer. Und das hat super funktioniert. Da haben sich aber die Frauen, die, oder der Kollege, auf den ich mich halt darauf eingelassen habe, die haben Spaß daran gehabt. Und ja, viel Spaß. Ich habe vor, das im Literaturhaus zu machen, wenn mich wer einlädt.
Fabian Burstein
Okay, das heißt, an dieser Stelle auch, kann man bei dir, könnte man eigentlich so Kombinationsveranstaltungen buchen?
Silvia Pistotnig
Also ich hatte jetzt meine Buchpräsentation und das war Lesung und Workout. Also es ist, ja.
Fabian Burstein
Wäre möglich?
Silvia Pistotnig
Ist, mache ich. Also ist nicht nur möglich, ist Programm eigentlich. Also für mich war auch die Buch, die Lesungen, die Präsentationen ein ganz wichtiger, also in diesem, diese Idee besteht nicht nur aus dem Buch, sondern ich möchte diese Idee auch in den Präsentationen drin haben. Es ist keine Lesung. Ich sitze nicht da und lese, sondern ich würde es die Leute auch sich bewegen tatsächlich.
Fabian Burstein
Aber das ist halt ja auch was Sensationell-Performatives. Also ich stelle mir das ja gerade vor.
Silvia Pistotnig
Ist es auch. Also die Buchpräsentation, die ich hatte, da haben alle mittrainiert. Das war super.
Fabian Burstein
Beim Thalia zum Beispiel, das war ja toll.
Silvia Pistotnig
Ja, war schon.
Fabian Burstein
Das war beim Thalier?
Silvia Pistotnig
Ja.
Fabian Burstein
Das heißt, beim Thalier haben dann wirklich die Leute beim Workout mitgemacht?
Silvia Pistotnig
Ja.
Fabian Burstein
Ah, das ist ja großartig.
Silvia Pistotnig
Die haben sich auch darauf eingelassen. Also natürlich braucht es dann, wobei, mir war das gar nicht, also mir ist es auch, ich sage das am Anfang, bitte, wer mitmachen kann, wer will, bitte gerne, es muss niemand, weil, was mir auch wichtig ist, wir, also diese Lesung ist gleichzeitig eine Fitnessstunde und diese Fitnessstunde beinhaltet, dass man die anderen anschaut, dass man sich ein bisschen peinlich fühlt, dass es ein bisschen lächerlich ist, dass man vielleicht gar nicht mitmacht. Das ist Teil dieser Fitnessstunde, das will ich auch. Also ich will, dass das wirklich gelebt wird, was quasi auch im Buch thematisiert wird.
Fabian Burstein
Und hast du eine Erklärung aber dafür, weil das ist ja wirklich ein Phänomen, warum behandelt gerade die Kultur eben so körperliches Training gern als total geistlos, sagen wir es wie es ist?
Silvia Pistotnig
Geistlos, ja.
Fabian Burstein
Während sie zugleich ja Musikerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen bewundert, die den Körper für die Kunst ja absolut disziplinieren und mitunter auch schinden. Das ist ja eigentlich ein absurder Widerspruch, oder?
Silvia Pistotnig
Total, total widersprüchlich. Ich weiß es nicht. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich weiß es nicht. Ich habe mir auch schon gedacht, ob das einfach an diesem Programm liegt, ob das auch am Erfolg liegt, nachdem das so ein Mainstream-Erfolg war, auch in den 80ern.
Auch sehr natürlich, alles, was, also ich finde es auch interessant, weil, so wie du sagst, also im Tanz, ich glaube, es gibt nichts, was den Körper mehr, also Ballett ist unfassbar. Also ich weiß es nicht, geistlos. Vielleicht, weil man, ich kann die Bewegungen zu einfach, ja, weiß ich nicht. Ich habe keine Erklärung.
Ich glaube, dass es aber darum geht, dass beim Tanz ist das Ziel, zu tanzen und einen Tanz aufzuführen. Und bei Fitness ist das Ziel, dass ich einen guten Körper habe. Also der Körper ist das Ziel und nicht die Aufführung, nicht der Wettbewerb, nicht der Gewinn eines Wettkampfs oder sowas. Das Ziel ist tatsächlich der Körper. Und ich glaube, wenn der Körper das Ziel ist und der dann eigentlich einfach nur in seiner Schönheit sozusagen oder in seiner Trainiertheit präsentiert werden soll, dann hat das durchaus auch etwas Abstoßendes.
Fabian Burstein
Das war genau das, ich habe mich, bevor ich mich auf deine Folge vorbereitet habe, das hat ja immer dann zur Folge, dass man sich mit Leuten, dass man hellhörig wird, dass man beginnt, mit Leuten über was zu plaudern.
Das ist ja ein Aspekt, den liebe ich total, dass ich für ein paar Tage in so eine Welt eintauche und dann neue Gespräche anschließe.
Und das war etwas, das ist mir tatsächlich auch begegnet, dieses den Körper zu einer gewissen Schönheit und Geformtheit zu bringen.
Da war ein Sager, ja, das ist doch was Faschistoides.
Silvia Pistotnig
Genau, ja.
Fabian Burstein
Verstehst du dieses Bedenken?
Silvia Pistotnig
Ja, verstehe ich schon. Wobei, ganz lustig historisch betrachtet, ist eine der Frauen, ich habe jetzt leider den Namen gerade nicht parat, eine der Frauen, die damals als eine der, oder überhaupt als die stärkste Frau der Welt, die auch ein Ideal verkörperte, mit ihrem Körper sozusagen, die war in der Frauenrechtsbewegung, die war wahnsinnig engagiert, um das Frauenwahlrecht zu erkämpfen. Also ich kann mit diesem Körper auch eine andere Seite bedienen.
Was ich gefährlich finde, ist, dass diese Körperlichkeit derzeit wahnsinnig von rechts vereinnahmt wird. Und da müssen wir aufpassen. Weil diese ganze Manosphere, die in diesen Bereich reingeht, oder auch fatalistisches Gedankengut, das jetzt genau da ansetzt, da müssen wir aufpassen, dass wir die Leute nicht verlieren. Und es ist gerade im Moment ein wahnsinnig, durch Social Media ein wahnsinnig breites Thema, das gerade bei Jugendlichen unfassbar aufschlägt. Also viele Jugendliche gehen ins Gym. Und wenn wir die nicht irgendwie da abholen, dann überlassen wir das einer Szene, die wir, glaube ich, alle nicht wollen.
Und es ist Fakt, dass Jugendliche, das war schon immer so und das ist jetzt durch Social Media, nicht nur Jugendliche, aber das ist jetzt durch Social Media natürlich noch einmal beschleunigt. Es ist Fakt, dass ein schöner Körper, dass man sich den wünscht. Entschuldigung, ich nehme mich da nicht aus, aber gerade auch, wenn ich jung bin und Bilder auf mich einpreschen, dann komme ich dem kaum aus.
Fabian Burstein
Aber das heißt, wenn ich da sowas mitnehme, dein Appell wäre, gerade aus dieser popkulturellen Ebene vom Körper, diesen Mechanismus nicht zu bekämpfen, sondern ihn anzunehmen und in was Positives zu verwandeln.
Silvia Pistotnig
Ich glaube, wir schaffen es nicht, ihn zu bekämpfen. Also ich würde da auch aufpassen, weil wir dann wieder in eine Ebene reinkommen, wo wir uns drüberstellen. Und das halte ich für gefährlich. Und ich halte es für gefährlich, die Körperlichkeit einer Szene zu überlassen, die sich bewegt, die schon lange marschiert, während wir noch rumliegen. Und das halte ich wirklich für gefährlich.
Fabian Burstein
Du stellst eine andere, sehr interessante Verbindung her. Nämlich, du beschreibst Anstrengung wiederholt als, sag ich mal, Voraussetzung für Veränderung.
Silvia Pistotnig
Ja.
Fabian Burstein
Da bin ich hängen geblieben, weil ich mir natürlich die Frage gestellt habe, wann ist Disziplin ein Weg zur Selbstwirksamkeit und wann beginnt eben die Gewalt gegen den eigenen Körper, gegen die eigenen Bedürfnisse etc.
Also diese Gleichsetzung von Anstrengung und Veränderung, da machst du für mich ein Fass auf, wo es für mich sehr widersprüchlich, sehr ambivalent wird, wo ich nicht an jedem Punkt mitgehen kann.
Kannst du das vielleicht ein bisschen präzisieren und erläutern, was du damit konkret meinst?
Silvia Pistotnig
Also grundsätzlich ist es zwischen dem, der Selbstliebe oder sich selbst anzunehmen und dem Grad des Selbstdisziplinierens, das ist ein sehr, sehr schmaler Grad, den ich ganz sicher überschritten habe. Das möchte ich auch sagen. Also ich diszipliniere mich. Und das ist so, ja. Also ich kann jetzt schön reden, stimmt nicht. Ich diszipliniere mich mit meinem Sport. Ich glaube, dieses gesunde Maß, das ist sehr schwierig, weil Anstrengen, wenn ich, wenn jemand das Glück hat, etwas zu finden, wo die Anstrengung einfach was Schönes ist, dann ist das ein Geschenk und dann ist es super, wenn man dem festhält.
Tatsache ist, Bewegung ist was, nicht nur was Gesundes, sondern es ist was Grandios-Geniales. Und ich glaube, solange eine Person nicht die Art der Bewegung findet, die für sie oder für ihn passt, ist es eine Qual und dann wird das auch nicht funktionieren. Das war mal dazu.
Aber ich habe da auch sehr lange überlegt, ab wann ist es eigentlich nicht mehr unter Anführungszeichen gesund. Weil wenn ich jetzt nehme, meine halbe Stunde pro Tag, so fünf bis sieben Mal die Woche, freut sich die WHO. Ist super. Gleichzeitig heißt das für mich, ich muss mich wahnsinnig stressen, weil ich möchte mein Training unterbringen. Also ja, sobald das Stress ist, ist es natürlich schwierig.
Andererseits, wenn ich das nicht tue, wenn ich das total schleifen lasse. Also es verlangt immer eine gewisse Anstrengung. Und da bin ich mir selber noch immer nicht ganz klar, wo ist ja wirklich dieses das erreicht, dass man sich, dass das zwar auch anstrengend ist, aber nicht in diese Disziplinierungsschiene reinkommt. Ich weiß es nicht genau.
Und ich glaube fast niemanden, also die oder der trainiert, egal was es jetzt ist, dass das immer Spaß macht. Das glaube ich nicht. Manchmal ist man besser drauf, manchmal ist man schlechter drauf. Also ich habe dieses Maß nicht gefunden.
Fabian Burstein
Das ist übrigens ein Duktus in deinem Buch, den ich auch wiederum sehr schätze. Du stellst ja durchaus Hypothesen auf, zum Beispiel diese Verbindung von Veränderung und Disziplin, thematisierst aber immer wieder dein eigenes Ringen darum, dass du irgendwie nicht so recht weißt, was ist jetzt wirklich korrekt der Weg, wo schlägt das eher ins Belastende aus, das irgendwie verdeckt ist und wo ist es wirklich ein guter Weg geworden, um mit dem Leben umzugehen.
Ich will noch eine andere Frage streifen, aufgrund einer anderen Folge hier am Bühneneingang, die extrem stark gehört wurde, nämlich mit Beatrix Reudinger, die über diese Verbindung von Körper, Kult, Sex und Kulturbühnen gesprochen hat. Körper und Sexualisierung, das ist ja auch ein Thema in deinem Buch.
Du machst das ganz gut an der Person Jane Fonda fest, was ich ganz witzig finde. Du beschreibst zugleich diese Ermächtigung, aber auch die Scham, weil sich Frauen selbstbewusst öffentlich bewegen, dann aber erst wieder nach ihrem Aussehen beurteilt wurden. Wie verläuft für dich diese Grenze zwischen sichtbarer, selbstbewusster Körperlichkeit und dann doch wieder plumper Sexualisierung?
Silvia Pistotnig
Jane Fonda war da ja eine sehr spannende Figur. Also Sexualisierung verläuft für mich, wo Frauen nicht danach beurteilt werden, was sie hier tun, sondern wer es hier tut. Nach dem, wer diese Körper sind und nicht, was sie zustande bringen. Das wäre jetzt einmal so mein Ansatz. Und wenn ich von dem ausgehe, was sie tun und nicht von dem, wer sie körperlich sind, ist es völlig wurscht, was sie anhaben, ist es völlig wurscht, wie sie aussehen.
Fabian Burstein
Das heißt, da gibt es keinen einen Weg, sondern es ist eine hochgradig individualisierte Definition, die man von Person zu Person festmachen muss. Habe ich das richtig verstanden?
Silvia Pistotnig
Nein, ich denke mir nur, wenn ich jetzt, also ich habe jetzt so dieses Bild, diese Workout-Gruppe vor mir. Und wenn ich jetzt mich darauf konzentriere, wer das macht und wie diese Körper ausschauen, dann hat das einen anderen Impetus, als wenn ich sage, was die machen und was die da jetzt für Übungen zustande bringen einfach. Also dass ich das nicht auf die Körperlichkeit bringe als Optik, sondern als Funktion. Ist das verständlich? Nein, nicht ganz.
Fabian Burstein
Ich finde, man kann es ein bisschen an einem Beispiel festmachen. Du hast über etwas erzählt, von dem ich tatsächlich noch nie in meinem Leben gehört habe, nämlich Body Rock.
Silvia Pistotnig
Oh, Body Rock, Body Rock, ja, das ist.
Fabian Burstein
Was ist das? Kannst du das in zwei Sätzen kurz erklären, bevor wir da weiterreden?
Silvia Pistotnig
Ja, Body Rock war oder ist eigentlich noch eine Plattform, auf der Trainerinnen und Trainer einfach Übungen gezeigt haben.
Und die ist schon relativ alt.
Ist vor rund zehn Jahren, glaube ich, oder schon länger, 15, habe ich da etwas entdeckt.
Und zwar eine Frau, die in sehr sexualisierter Weise auf dem Video dargestellt wurde und faszinierende Bewegungen gemacht hat, die in Wahrheit großartig waren.
Also ich habe sie dann gemacht und das waren wirklich, die waren wirklich gut.
Aber gecatcht wurde mit ihrem Body.
Also im Body, nein, tatsächlich mit ihrem Hintern, den sie irgendwo in der Halt in Großaufnahme zu sehen war.
Fabian Burstein
Das beschreibst du nämlich sehr schön. Du sagst, es war eine pornografisch angehauchte Inszenierung. Du sagst aber, der Körper und die Übungen haben dich fasziniert.
Silvia Pistotnig
Ja, ja. Weil es trotzdem, erstens einmal waren die Übungen wirklich gut und mich hat das Ganze, also es hat mich abgestoßen und fasziniert zugleich. Das ist aber oft in dieser ganzen, also das ist mir jetzt auch schon ein paar Mal aufgefallen, es stößt ab und es fasziniert gleichzeitig.
Es war einfach auch so pornografisch aufgezogen und das hat mich andererseits wieder so fasziniert, dieses Training so arg aufzuziehen in dieser pornografischen Art und Weise. Und ich weiß gar nicht mehr, warum ich da gelandet bin. Und ich habe dann die Übungen einige nicht gekannt und ich habe sie dann nachgemacht und das waren wirklich gute Sachen.
Also mich hat es offensichtlich auch irgendwo gecatcht, weil sonst hätte ich es nicht angeschaut. Was mich an mir selbst zwar vielleicht abgestoßen hat, aber ja, ich kann es nicht leugnen, ich habe es getan.
Fabian Burstein
Aber ist das nicht insgesamt ein Phänomen, gerade der Kunst- und Kulturblase, dass sie immer wieder Wege findet, sich dann intellektualisiert, dann doch wieder den wirklich banalsten Grundtrieben hinzugeben oder voyeuristischen Grundtrieben hinzugeben?
Also sprich, ich bin jetzt bewusst provokant, nicht dass das jetzt meine Ansicht ist, sondern ich spreche jetzt einfach so ein bisschen wie der Advokat des Teufels.
Also dass das Bildungsbürgertum eben nicht in den Swinger-Club geht, sondern sich mit Sex-Positivity auseinandersetzt.
Oder dass sie eben nicht offensichtlich Pornografie konsumieren, sondern dann lieber sich das Skandalstück anschauen, wo es auf der Bühne pornografisch anmutende Inhalte gibt, aber man kann das intellektualisieren.
Ist das nicht ein Mechanismus, den das da ein bisschen abbildet, was du da beschreibst?
Silvia Pistotnig
Wahrscheinlich, ja. Also wieder bin ich jetzt bei dem Thema des Elitetums und des, mit dem ich einfach wahnsinnig, mir wahnsinnig schwer tut, wenn wir uns abheben oder wenn sich, wie ist jetzt falsch, ja. Aber wenn ich mich jetzt abheben würde und sagen würde, das ist ja so peinlich und so, das stimmt nicht. Punkt, fertig.
Fabian Burstein
Zum Abschluss möchte ich eine zweite tolle Stelle vorlesen, die alles auf den Punkt bringt, was Ambivalenz und Zerrissenheit betrifft. Du sagst, fit sein heißt eigentlich nichts und alles.
Silvia Pistotnig
Ja, komplett.
Fabian Burstein
Ist das der Schlusssatz schon oder?
Silvia Pistotnig
Ja, kann man noch schön als Schlusssatz nehmen, glaube ich.
Fabian Burstein
Liebe Silvia, vielen lieben Dank, dass du dich mit mir da in das Thema Körperlichkeit reinbegeben hast. Von meiner Seite an die Hörerinnen dringende Leseempfehlung. Dein Buch, alles mit Eigengewicht, ist bei Wasser Publishing erschienen, ist schon erhältlich, ist, glaube ich, vor circa einer Woche erschienen. Wir nehmen heute am 30.09. auf. Vielen Dank, dass du da warst und ich glaube, ich mache jetzt auch wieder mehr Sport.
Silvia Pistotnig
Ist nicht schlecht. Schau mal.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt.
Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Autor:in:Livio Koppe |
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