Bühneneingang
„Kunst ist Zumutung“: Über Macht, Kulturpolitik, Personal und das Klavierspielen - mit Oliver Scheytt

Oliver Scheytt war Kulturdezernent in Essen, Geschäftsführer der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und Teil von Peer Steinbrücks Schattenkabinett. 2013 verhandelte er auf SPD-Seite die Kulturthemen im Koalitionspakt mit der CDU. In Folge 118 spricht der Politiker, Kulturmanager und Personalberater darüber, warum Kulturpolitik auch „Personalpolitik“ ist, weshalb strategische Leitlinien mehr sind als Papier und warum Kunst eine „Zumutung“ ist, die den „Mut der Stadtgesellschaft“ braucht. Auch die umstrittene Intendanzentscheidung an der Oper Graz kommt zur Sprache: Scheytt erklärt, wie Personalberatungen Verfahren begleiten, wo politische Einflussnahme beginnt – und weshalb Headhunter bei Konflikten schnell selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.

Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Oliver Scheytt. Kaum jemand hat Kulturpolitik im deutschsprachigen Raum so konsequent von innen mitgestaltet wie er: als ausgebildeter Musiker, als Kulturdezernent in Essen, als Mitarchitekt und Geschäftsführer von Ruhr.2010, und heute als Berater, Hochschullehrer und Aufsichtsrat. Oliver Scheytt kennt also nicht nur die Sprache der Kunst, sondern auch die Sprache der Verwaltung, der Macht und der strategischen Entscheidungen. Genau deshalb ist er ein idealer Gesprächspartner für die Frage, was Kulturpolitik eigentlich bewirken kann und wo sie sich gern größer macht, als sie ist: Wie wird aus künstlerischer Prägung politische Gestaltung, was bleibt von großen Kulturversprechen übrig, und wie transparent sind die Mechanismen, nach denen im Kulturbetrieb Macht verteilt wird. Lieber Oliver, vielen Dank, dass du am Bühneneingang vorbeischaust.
Oliver Scheytt
Sehr gerne.
Fabian Burstein
Ich möchte eigentlich entlang deiner Biografie mich vorhandeln in unserem Gespräch. Du hast ja eigentlich eine Sozialisation-Prägung als Musiker und hast dann erst den Weg in Verwaltung, Politik und eben auch Kulturmanagement gemacht. Das klingt mal zunächst in unseren romantischen Kunstwelten wie so ein Wechsel auf die andere Seite, auf die dunkle Seite der Macht. Wann war für dich klar, dass du mit der Kunst alleine nicht die Wirkung erzielen kannst, die du eigentlich erzielen willst?
Oliver Scheytt
Ja, es ist richtig. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die von Musik geprägt war. Mein Vater war Musiker, nämlich Kirchenmusiker, aber auch der Dirigent des Universitätsorchesters, Universitätskoros in Essen. Stammte aus dem Schwabenland, hat noch einige Geschwister, die wiederum ihrerseits Kinder haben, wo ganz viele Berufsmusiker darunter sind. Ich bin also mit Musik aufgewachsen, aber mein Vater war auch ein Alt-68er, also ein richtig politisch geprägter Mensch, der mit uns zusammen zu den Ostermärschen gegangen ist, um für Frieden zu demonstrieren und ähnliches mehr. Ich bin also in einer auch politischen Umgebung aufgewachsen, einer linksorientierten Umgebung, obwohl eben Kirchenmusik vielleicht das nicht sofort so zu denken ist.
Und ja, da bin ich aufgewachsen, habe mit 9 Jahren mit Klavier angefangen, und das war so gut, dass ich im Jugendmusizierten Preis gewonnen habe, Jungstudierender wurde. Aber ich sage jetzt mal das Jahr 1979, da war ich 21, kriegte ich das Buch "Kultur für alle" von Hilma Hofmann zu Weihnachten geschenkt, weil meine Eltern wussten, ja, der ist ja gerade auch in die SPD eingetreten mit 22 Jahren, 1980. Und ich war dann schon bei den Veranstaltungen der Kulturpolitischen Gesellschaft als Teilnehmer, wusste nicht, dass ich mal später Präsident werden würde. Das heißt, das ist schon, das politische Interesse ist schon mit 18, 19, 20 gewachsen.
Und ich hatte auch Freunde, die sagten, Mensch, du musst doch in die SPD eintreten, ist Franz Josef Strauß gerade, der will die Macht ergreifen, setzt sich für Willy Brandt ein. Also ich bin sozialdemokratisch dann sozialisiert worden, und deswegen war das immer schon auch ein Thema. Und ich habe tatsächlich mit Anfang 20 schon gesagt, ich möchte gerne mal Kulturdezernent werden. Da hat jemand mir gesagt, du bist verrückt, wenn du das jetzt schon denkst. Naja, das machst du mal. Mit vielleicht Ende 40 hast du dann so eine Position.
Am Ende waren es dann nicht wenige Jahre, mit 35 hatte ich dann schon dieses Amt. Also insofern, das war schon nicht in die Wiege gelegt, aber politisches Interesse gab es in der Familie, gab es bei mir selbst auch. Und so kam ich dann in die Politik und in die Entscheidung, nach dem Musikstudium mit 18 doch zu sagen, ja, ich studiere Jura, damit kann man nämlich ganz viel vielleicht auch anfangen.
Fabian Burstein
Wie darf man sich das vorstellen? Ist sowas auch ein schmerzlicher Abschied aus dem künstlerischen Feld oder eher wirklich ein total nur positiv besetzter Versuch, einfach bessere Bedingungen für Kunst und Kultur zu schaffen?
Oliver Scheytt
Ja, es war im Grunde genommen beides. Ich habe gemerkt, dass, ich habe auch noch Cello zehn Jahre gespielt, ein bisschen Sanson's Konzert und Kammermusik gemacht. Ich habe dann Schülerinnen und Schüler im Klavierunterricht gehabt, sieben Schülerinnen und Schüler haben sich Geld verdient. Ich habe Orgel gespielt bei Gottesdiensten. Also ich habe weiter musikalisch gearbeitet oder hobbymäßig gearbeitet, immerhin mit 20 noch das Klavierkonzert von Mozart mit dem Uniorchester von meinem Vater dirigiert gespielt.
Also Musik hat weiter mein Leben bestimmt oder war Begleitung. Und aber ich wusste, ich werde nicht so gut sein, dass ich als Pianist erfolgreich sein würde. Und deswegen war das diese Doppelgleisigkeit. Und jetzt in den letzten Jahren, wir werden vielleicht nachher nochmal draufkommen, spiele ich wieder ganz viel Klavier, habe ich wieder mehr Zeit. Dazwischen ist es natürlich weggegangen und Cello spiele ich leider nicht mehr.
Aber die Musik hat mich mein Leben lang begleitet und mir auch sehr viel gegeben. Ich konnte ja auftreten, war nicht so nervös, wenn ich sprach, weil ich vorher schon als 10, 12, 13-Jähriger vor Publikum gespielt habe. Das spielt schon eine Rolle, wenn man so eine gewisse Routine entwickelt im Publikum, was um einen herum ist und beobachtet, was man da gerade tut.
Fabian Burstein
Viele Kulturschaffende sehen Verwaltung ja wirklich als ganz negatives Ort der Verhinderung. Die framen das, die sind zuständig für Formulare, für Hierarchien, für Sparzwänge. Also das sind oft nicht sehr positive Konnotationen. Was haben denn Künstlerinnen über Verwaltung fundamental missverstanden oder umgekehrt? Was hat Verwaltung umgekehrt bis heute nicht über Kunst begriffen?
Oliver Scheytt
Ja, der berühmte Aufsatz von Adorno zu Kultur und Kulturverwaltung beginnt ja mit "Kultur ist Verwaltung", mit diesem Satz.
Mein Vater, um nochmal darauf zurückzukommen, hat sehr präzise verwaltet und gemanagt, ein Chor, ein Orchester, ein Weihnachtsort, Turm, Solist. Ich habe das mitbekommen, wie er Listen ausfüllte, was da jeder bekommt, dass man gerecht ist in der Bezahlung, all solche Dinge. Auch da bin ich von klein auf mit groß geworden, habe Handzettel verteilt, Plakate verteilt, habe die Kollekte am Schluss eingenommen, manchmal da gestanden.
Also man merkt dann als Kirchenmusikerfamilie, dass die Organisation, das Management die Basis dafür ist, dass die Kunst funktioniert. Wenn ein Solist absagt, wie man dann schnell einen Ersatz schafft und so weiter. Das ist eben dieses, was ich dann wirklich mitbekommen habe.
Und dann habe ich gedacht, das kann ich eigentlich auch ganz gut und habe mich selber strukturiert in der Vielfalt der Tätigkeiten, die ich gemacht habe und sah Organisation und Verwaltung in Anführungszeichen als Basis dafür, letztlich kulturell künstlerisch aktiv zu sein und nicht als etwas, was negativ ist, sondern das Management, das heißt ja auch Kulturmanagement, ist die Kunst, Kultur zu ermöglichen. Das habe ich sozusagen aufgesogen und das zu meinem Beruf werden lassen.
Fabian Burstein
Ich möchte sofort an den Punkt kommen, wo du ja, das hast du ja schon davor rausgestrichen, wo du eben ins Rathaus gewechselt bist. Das ist ja eine Zäsur. Das führt dich ja nicht nur in die Politik, sondern das führt dich ja auch in die kommunale Ebene. Man ist dann Kulturdezernent, in deinem Fall in Essen, du warst, glaube ich, auch für Bildung zuständig.
Kannst du das nicht mehr kommentieren in dem Sinne, weil du unter realen Bedingungen organisieren musst, Haushalte, politische Mehrheiten, soziale Konflikte, divergierende Interessen? Wie verändert sich der Kulturbegriff, wenn man plötzlich in politischer Verantwortung steht, weiß, was künstlerisch richtig wäre, aber durchaus auch schauen muss, was ist finanzierbar und was ist einfach mehrheitsfähig?
Oliver Scheytt
Ich würde da nochmal einen Schritt zurückgehen von dem Kulturdezernat, denn ich war 1980 erst Praktikant Gelothater, also dem Essener Theater, und zwar sechs Wochen lang, drei Wochen in der Verwaltung, drei Wochen im Betriebsbüro. Habe dann nochmal die Abläufe in einem solchen Kulturbetrieb miterlebt. Da war ein Controlling-Spezialist, der hat aber mit Bleistift die Riesenlisten, also die reichten über ganze Tische ausgefüllt, wie jetzt da, was die Kostüme kosten. Ich musste dann aber als Jurist eine Dienstanweisung für das technische Personal überarbeiten.
Und als ich dann Referendar war, das war dann das Jahr 1983 oder so, war ich 25, 26, kam ich ins Kulturamt und da saßen zwei Sekretärinnen beim Kulturamtsleiter und die eine sagte X5, die nächste sagte H3. Und die beobachten gar nicht, dass ich da reingekommen war. Ich dachte, wo bist du jetzt hier angekommen? Ja, die haben Schiffe versenken gespielt. Und das war mein erster Eindruck von einer Verwaltung.
Und ich war jetzt aus diesem Kirchenmusikerumkreis und noch aus dem Theater, saß plötzlich ein Kulturamt, wo zwei Sekretärinnen so viel Zeit haben, dass sie in der Dienstzeit Schiffe versenken spielen. Und das zog sich dann durch, dass die Leute eine Stunde Mittagspause machten, Tischtennis spielten, was trinken gingen. Keiner hat es richtig kontrolliert. Der Kulturamtsleiter hat gesagt, ja, das kann man nicht alles überprüfen. Man muss auch gewisse Freiheiten geben. Und ich dachte, in was für eine schlampige Verwaltung komme ich hier?
Ich war später Chef des Kulturamtes und dann ging es dann anders zu Sachen. Und da habe ich gemerkt, ja, es kann auch eine schlechte Verwaltung geben, eine ineffiziente Verwaltung. Das war sofort ein Antrieb, das geht doch gar nicht. Da müssen wir jetzt mal voranschreiten und das schneller machen. Also das war mit 25, 26, wo ich dann sagte, ja, da möchte ich mal reinkommen und da ein bisschen anders agieren.
Und dann das nächste Erlebnis war, das ist wirklich spannend, dass ich eine Förderrichtlinie zur Förderung der freien Kulturarbeit als juristischer Referendar machen sollte, 1983. Ich war ja 25 und ich schrieb die auf und gab die dem Kulturamtsleiter. Und das war damals SPD absolute Mehrheit. Dachte ich, jetzt kommt diese Vorlage irgendwie in den Kulturausschuss oder so. Nein, das hat er für die Partei gemacht. Meine Vorlage ging an die SPD und die hat es dann eingebracht und beschließen lassen und so getan, als ob das die Ideen der Politiker wären. Und das war die nächste Erfahrung.
Aha, wenn die Politik so ist, dass da eine absolute Mehrheit irgendwo ist, dann arbeitet Verwaltung für Politik und nicht umgekehrt, Politik sagt, was Verwaltung tut, sondern es ist eine Hörigkeit da. Und so ging es dann auch weiter, denn ich war ja dann, als ich 35 war, habe ich mich der Wahl im Rat gestellt. Die absolute Mehrheit war bei der SPD und entscheidend war, was der Fraktionsvorsitzende wollte. Und der hat gesagt, ja, wir nehmen mal den Oliver. Und immer wenn ich freitags dann in den Arbeitskreis der SPD ging, war klar, wenn die zustimmen, dann stimmt auch der Rat zu. Deswegen war das die wichtigste Sitzung, nicht die Ratssitzung vom Gemeinderat, sondern die wichtigste Sitzung war die SPD-Sitzung, die die absolute Mehrheit hatte, in der Zeit jedenfalls, die ersten Jahre meiner Tätigkeit. Und da habe ich ganz viel über Politik gelernt.
Das hat sich natürlich jetzt später dann verändert, weil andere Mehrheiten kamen und man nicht mehr nur mit der SPD reden musste oder durfte, sondern tatsächlich mehrere Parteien überzeugen. Und also diese Punkte, die ich jetzt gesagt habe, zusammengefasst, Verwaltung, Effizienzfragezeichen, Verwaltung als Battle der Politik oder ja, im Ausgleich zu sein. So haben sich die Zeiten natürlich auch komplett geändert. Heute gibt es nicht mehr Controlling-Listen mit Papier. Heute gibt es nicht mehr Schiffe versenken. Da gibt es gar keine Sekretärin mehr im Kulturamt. Heute gibt es nicht mehr diese nur eine Partei, hat das Sagen. Aber so ist meine Karriere begonnen. Die Stufen der Entwicklung können wir jetzt ja weiterbesprechen.
Fabian Burstein
Aber ich hatte diese Erfahrung ja auch über vier Jahre in Ludwigshafen, weil da war ich Kulturbüroleiter. Das ist ja auch in Wahrheit eine erfüllende Facette von Verwaltungsarbeit. Man entwickelt Strategien, die sich aus dem Tagesgeschäft ergeben und sucht ja dann tatsächlich auch immer wieder dafür Mehrheiten, weil man zu seiner zuständigen Dezernentin, Bürgermeisterin geht, sagt, ich hätte da eine Idee. Die sagt dann grundständig, das ist interessant, das könnte uns weiterbringen, aber letztendlich wird es darum gehen, eine Mehrheit dafür zu begeistern im Kulturausschuss oder im Rat. Das ist ja auch eigentlich eine schöne Facette dieser Verwaltungsarbeit, die eigentlich wenig besprochen wird.
Oliver Scheytt
Ja, deswegen habe ich gleich am Anfang, als ich Kulturdezernent wurde, 1993, war ich 35 Jahre alt, den Vorschlag gemacht, dass wir kulturpolitische Leitlinien entwickeln. Denn ich hatte die Erfahrung gemacht, dass die Kulturentwicklungsplanung mit dicken Büchern, ich durfte auch als Referendar den ersten Kulturentwicklungsplan in Deutschland kommentieren, nämlich den von Osnabrück. Das waren eben mehrere hundert Seiten. Und ich sage, wer liest das denn? Das wird wahrscheinlich, österreichisch heißt das schubladiert, sondern wir müssen ein Papier entwickeln, was man schnell lesen kann und wo die Zielrichtungen drin sind.
Und mein Lieblingssatz aus diesem kulturlichen Leitling ist: "Kunst ist Zumutung und braucht den Mut der Stadtgesellschaft." Und das hat der Rat beschlossen. Und dann hatte ich ein Papier, wo drin stand: "Essen wird Tanz stark fördern, wird sich dem Jazz widmen." Und sozusagen ein Pamphlet ist falsch. Es war diskutiert worden als Papier mit der Politik, auch überparteilich. Die SPD hatte zwar die absolute Mehrheit, wir haben trotzdem die anderen Parteien mitgenommen und haben auch den Text kommentieren lassen von Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitikern, Fachleuten von außen. Haben wir ein Hearing gemacht zu diesem Text. Und der wurde dann nochmal verändert und dann beschlossen.
Das heißt, es gab einen partizipativen politischen Prozess in der Stadt. Und die Politikerinnen und Politiker der Kulturpolitik waren überrascht, dass man so etwas so machen kann und nicht so wie vorher, wie ich es erlebt hatte. Da kommt die Verwaltung und sagt: "Macht das mal" und dann machen die das so und dann nicken sie mal. Sondern es war eben eine Diskussion darüber, was in nächster Zeit, das war 1996, wurde es dann beschlossen, die Schwerpunkte der Kulturpolitik in Essen sein sollten. Und das wurde eben nicht nur von den Kulturpolitikern beschlossen. Wir konnten dann ihrerseits auf die Finanzpolitiker und die anderen eingehen und sagen: "Guckt mal, das haben wir doch da besprochen und beschlossen."
Und das war, glaube ich, ein ganz guter Weg. Wir haben ja viele Städte danach auch wieder gemacht, nicht nur Entwicklungsplanung, sondern auch Leitlinien. Und heute ist das ja fast selbstverständlich. Aber das war damals etwas Neues.
Fabian Burstein
In Österreich nicht. Im Übrigen, also das Thema der kulturpolitischen Strategien ist hochgradig umstritten, macht viel Arbeit, wird oft geframed als Eingriff in die künstlerische Freiheit. Das ist sozusagen das Totschlagargument. Wenn was um die Ecke kommt, sind das oft sehr hanebücherne Alibi-Papiere.
Darum finde ich das so spannend. Ich habe gestern ein Statement gehört des ehemaligen österreichischen Kunstministers Rudolf Scholten, der sehr prägend war in den 90er Jahren für eine progressive Kunst- und Kulturpolitik. Er hat einen Sinn für provokante, zugespitzte Saga und hat gesagt, auf die Frage, was muss Kulturpolitik oder ein guter Kunstminister machen, hat er gesagt: "Erstens ein gutes Budget, zweitens gescheite Personalentscheidungen und drittens dafür sorgen, dass die Kunst in Ruhe gelassen wird."
Das aber ist nicht ganz deine Linie, merke ich, weil kulturpolitische Leitlinien spielen da keine Rolle in diesem Saga.
Oliver Scheytt
Ja, also es ist so, tatsächlich habe ich auch bei meiner Forschung im Rat der Stadt, das weiß ich noch genau, 1993 gesagt: "Kulturpolitik ist Personalpolitik, weil Personal soll die Freiheit haben, das zu tun, was in den Köpfen dieser Künstler, der Intendanten und Intendantinnen der Museumsdirektorinnen ist." Ja klar, da schlägt sozusagen die Stunde der Kulturpolitik, die richtigen Leute auch auszuwählen, was heute mein Beruf ist, dafür zu sorgen.
Aber mir war immer ganz, ganz wichtig, sich zu verständigen, denn das hast du ja gerade gesagt. Kulturpolitik besteht ja darin, eine Mehrheit, eine kollektive Entscheidung herbeizuführen, um die größtmögliche Wirkung beim Individuum zu erzielen. Das ist eine ganz, ganz wichtige Erkenntnis, die ich auch dann später in Büchern und so weiter dargestellt habe, weil in der Wertschöpfungskette, in der kulturellen Wertschöpfungskette steht am Anfang der schöpferische Akt einer Person, eines Choreografen, einer Musikerin, die eine Interpretation macht, manchmal natürlich auch im Kollektiv, wenn ein Orchester spielt oder ein Bühnenwerk ist. Aber irgendwo steckt da ja das Individuum drin, was diese künstlerische Idee hat.
Und dann wird diese künstlerische Idee weiterverarbeitet, entweder in Form eines Konzertes, in Form eines Buches, in Form einer Aufführung und vermarktet in Anführungszeichen oder vertrieben oder vermittelt. Nehmen wir das Buch, das wird dann verkauft in der Buchhandlung, in der Bibliothek zur Verfügung gestellt. Und am Ende ist wieder der Einzelne und dann ist der Einzelne wirklich entweder eine Gemeinschaft oder wirklich als einzelne Person bekommt diese Person jetzt von diesem schöpferischen Akt etwas mit, findet das gut, findet das schlecht, orientiert sich wieder in der Gesellschaft.
Und wenn man diese Wertschöpfungskette nimmt und überlegt, Kulturpolitik ist sowohl am Anfang den schöpferischen Akt zu garantieren, als auch am Ende dem Individuum, das ins Konzert geht, ins Theater geht, das Buch liest, in die Bibliothek geht, dann ist man für diese Anfang und Ende mitverantwortlich und dazwischen, diese Produktion ist man auch verantwortlich, die Strukturen, die da sind, da ist Urheberrecht spielende Rolle. Und das ist ja disruptiv, weil jetzt die KI und alles Mögliche in diese Prozesse eingreifen und die Digitalisierung, Spotify und so weiter.
Und deswegen ist in der Kulturpolitik aber entscheidend, dass die Mehrheit gefunden wird, um diese Wertschöpfungskette an den verschiedenen Stellen zu beeinflussen, zu ermöglichen, zu schützen und so weiter. Das heißt, man braucht ein Kollektiv, um das Individuum am Anfang und Ende, um es nochmal kurz zu machen, diese Möglichkeiten zu schaffen. Und das ist ein komplexes Konstrukt, aber man muss es verstehen und sagen, ja, nur mal ein Beispiel, wenn ich jetzt Jazzförderung machen will, dann reicht es wahrscheinlich gar nicht, nur den einzelnen Künstler irgendwie Geld zu geben, sondern ich muss eine Struktur schaffen, in der diese Wertschöpfungskette funktioniert, dass es da einen Club gibt, dass diese Personen da bezahlt werden, dass es da eine.
Und am Ende vielleicht auch das Publikum zu bilden in einem doppelten Sinne, dass die kommen und wissen, dass es das gibt. Und deswegen hat Kulturpolitik sehr, sehr komplexe Situationen, aber am Ende gibt es immer das Kollektiv, was Ressourcen zur Verfügung stellt, Räume zur Verfügung stellt. Die Politik schafft als Kollektiv etwas, was am Ende diese individuellen Prozesse ermöglicht. Das ist kurz gefasst das System, mit dem wir zu tun haben.
Fabian Burstein
Da möchte ich anschließen, weil sinnbildlich für diese sehr komplexe und auch breit aufgestellte Wertschöpfungskette sind ja nicht nur die politischen Prozesse, sondern auch immer wieder bestimmte künstlerische Formate, die auf den Weg gebracht werden.
Zum Beispiel Kulturhauptstädte sind ja wie so ein kuratierter Mikrokosmos der verschiedenen Wirkmechanismen von Kunst und Kulturpolitik. Jetzt hast du in Essen ja dann aus dem Amt heraus dich sehr stark dafür eingesetzt, dass eine Kulturhauptstadt in die Region kommt und zwar in einer ganz speziellen Konzeption, nämlich nicht Kulturhauptstadt Essen, sondern du hast das genannt oder entworfen, das Konzept von Ruhr 2010.
Also in Österreich haben wir behauptet, jetzt die letzten Jahre, wir wären die ersten gewesen, die eine regionale Kulturhauptstadt mit Bad Ischl gemacht hat und Salzkammergut. Das stimmt nicht ganz, sagen wir mal so, sondern Ruhr 2010 war da das erste Mal. Wieso hat dich ausgerechnet dieses Projekt so gekitzelt, dass sich dein Arbeitsschwerpunkt sukzessive von einer kommunalpolitischen Aufgabe hin zu einer operativen Aufgabe wieder entwickelt hat?
Oliver Scheytt
Ja, ich komme zurück auf dieses, was wir vorhin hatten, dass eben die komplexen Wertschöpfungsketten in den verschiedenen Bereichen dann in verschiedenen Sparten vorhanden sind, dass wir jetzt im Ruhrgebiet 53 Städte haben, die unterschiedliche Schwerpunkte haben. Wir haben aber fünf Opernhäuser, wir haben 20 Kunstmuseen und so weiter. Und da war natürlich jetzt meine Herangehensweise, dass man eben ein Konzept braucht, hinter das sich alle stellen können. Und dieses Konzept haben wir dann in der Bewerbung entwickelt.
Damals gab es ja noch keinen richtigen Wettbewerb, sondern das war ja so, dass eigentlich der Staat, nämlich Deutschland, die Kulturhauptstadt benannt hat. Und wir waren die ersten, die einen Juryverfahren in Deutschland durchlaufen sind. Das war die Idee von Olaf Schwenke und anderen. Olaf Schwenke, auch früher Präsident der Kulturgesellschaft und europäischer Kulturpolitiker, zu sagen, in Deutschland sind so viele Städte interessiert. Das geht nicht, dass einfach die Bundesrepublik sagt, wer es ist, so wie es noch bei Linz war. Die Republik Österreich gesagt, Linz, 09.
Und dann gab es diesen Wettbewerb und wir wussten oder haben sehr schnell gesagt, wir brauchen dafür ein Konzept, um den anderen zehn Mitbewerbern etwas voraus zu haben. Und unser Konzept wurde dann entwickelt von früherem Museumsdirektor Georg Kölsch, natürlich mit vielen anderen zusammen. Und das war ja sofort dieser Claim: "Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel. Wir sind die Wandelweltmeister. Wir können von Kohle in Kultur uns umwandeln, von der Carbonindustrie in eine kreative Landschaft." Und das war unser Konzept.
Und nochmal, man braucht in der Kulturpolitik solche Konzepte, ist meine Überzeugung, um wirklich transparent zu sein, Menschen mitzunehmen und so weiter. Und da gehe ich noch einmal ganz kurz nur zurück. Auf der Bundesebene in Deutschland haben wir immer versucht, dass die Bundesregierung auch konzeptbasiert arbeitet. Also es war ja von der Kulturgesellschaft her immer wieder konzeptbasierte Kulturpolitik. Darauf hat sich kein Minister richtig eingelassen, auch Frau Götters nicht, weil sie einfach ein bisschen mehr nach Belieben entscheiden wollten, was gefördert wird.
Wenn da ein Abgeordneter kommt, macht Druck, dann mache ich das. Dafür brauche ich kein Konzept. Das Konzept heißt in dem Fall, da wo der meiste Druck ist und da wo man Gefallen dran findet, das macht man dann. Und das finde ich nicht gut. Ich finde besser, wenn man ein Monitoring hat, wenn man klar macht, in welche Richtung man gehen will, wie man die Gelder einsetzen möchte. Und das hat letztlich im Ruhrgebiet dieses Konzept, was wir in der Bewerbung entworfen haben, dazu geführt, dass diese Städte dahinter gestanden haben und dass, als wir den Zuschlag dann bekamen, das auch realisieren konnten.
Fabian Burstein
Aber bei solchen Veranstaltungen wie die Kulturhauptstadt, aber auch tatsächlich die in Resteuropa gar nicht so bekannten, aber in Deutschland unglaublich wichtigen Bundesgartenschauen, die ja riesige Stadtentwicklungsbiennalen mittlerweile sind, bei beiden matchen sich immer zwei Positionen.
Die eine, die sagt, wir brauchen so etwas, um eben diese gemeinsame Erzählung auf den Weg zu bringen und alle hinter uns zu schauen und einen großen Wurf zu schaffen.
Und die anderen sagen, das ist bloße Eventkultur.
Da wird sechs Monate oder ein Jahr, je nachdem, eine Sau durchs Dorf getrieben.
Am Ende bleiben ein paar Dinge stehen, aber wirklich nachhaltig ist das nicht.
Wie bewegst du dich in diesem Spannungsfeld?
Oliver Scheytt
Ja, das erinnert mich an deine Frage, an die Frage, die der Juryvorsitzende in Brüssel uns 2006 im April gestellt hat, als es darum ging, ob Görlitz oder Essen dann letztlich die Kulturhauptstadt werden. Deutschland hatte ja eben zwei Städte benannt. Und er fragte uns, was werden wir 2011 sehen, was wir jetzt nicht sehen, also 2006, nach dem Kulturhauptstadt, ja, was werden wir?
Und diese Frage hatte ich vorbereitet und gesagt, es geht gar nicht darum, dass etwas Sichtbares, ein neuer Kulturort entsteht, sondern es geht eigentlich darum, dass man ein neues Bewusstsein schafft von dem, was uns hier im Ruhrgebiet ausmacht, wie wir mit Kultur umgehen, jetzt in der Kreativwirtschaft, in der Frage der Diversität. Also ein neues Bewusstsein und ein neues Selbstbewusstsein, denn das ist ja klar, damals, wenn man Essen sagte, hat man an Kohle gedacht.
53 Prozent der Menschen, die befragt wurden in Umfragen in Deutschland, haben bei Ruhrgebiet sofort Kohle gesagt. 53 Prozent und nach der Kulturhauptstadt waren es nur noch 33 Prozent. 7 Prozent haben Fußball gesagt vor 2007 und 2 Prozent Kultur 2007 und 2011 waren 10 Prozent Kultur. Fußball ist gleich geblieben.
Das heißt also, wir haben tatsächlich diesen Bewusstseinswandel doch angestoßen und um den geht es eigentlich in der Kultur mehr noch, als nur etwas zu bauen. Und ich glaube, das ist gerade heute auch so wichtig, weil wenn jetzt Populisten und andere versuchen, in diese Kultur einzudringen, machen sie ja deshalb das, weil sie wissen, da können wir Bewusstsein gestalten, da können wir das Zusammenleben beeinflussen, das Zusammendenken beeinflussen, vielleicht auch Zusammendenken verbieten.
Und deswegen ist es so wichtig, dass wir diese Räume schaffen, die diese Freiheit des Denkens und der Verständigung erhalten. Deswegen sind Kulturorte Orte der Demokratie, Orte der Einübung von Demokratie, der Vielfalt, der Toleranz, der Transparenz. Und deswegen sind diese Kulturorte so wichtig.
Und wir haben ja in anderen Zusammenhängen schon darüber gesprochen, eigentlich müssen wir in die Steuerung kommen der Gesellschaft und nicht nur sagen, ja, wir machen da schön Heidi Deidi und das ein bisschen Unterhaltung und das ein bisschen das. Nein, es geht darum, dass die Menschen merken, in diesen Orten der Kultur, ob es Theater sind, ob es Museen sind, ob es Festival sind, gibt es eine menschliche Begegnung, ein menschliches Zusammenführen und auch die Diversität und die Unterschiedlichkeit wird ausgehalten.
Fabian Burstein
Steuerung war jetzt ein wichtiges Schlagwort.
Für mich gab es in meiner persönlichen Mitte eine sehr prägende Figur, die auch schon hier zu Gast war, nämlich der ehemalige Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz, der aus einer kulturdezernenten Stelle heraus Oberbürgermeister geworden ist, eine Wahl gewonnen hat, ein zweites Mal eine Wahl gewonnen hat und sich aus eigenem Antrieb nicht der dritten Wahl gestellt hat, also auch sprich nicht aus dem Amt weggeputscht wurde.
Der sozusagen ein Sinnbild war dafür, dass ein Kulturpolitiker steuerungspolitisch Macht ausüben kann und dem Thema dienen kann. Brauchen wir das viel stärker als Kulturpolitiker, die sagen, ich werde Bundeskanzler, Finanzminister, whatsoever?
Oliver Scheytt
Schön, dass du das ansprichst. Mit Peter Kurz hat mich sehr viel verbunden. Ich durfte bei seiner Wiederwahl die Festrede halten und habe aus dem Wort Oberbürgermeister meine Rede gestaltet und gesagt, was ist eigentlich ein Bürgermeister? Aha, das ist der Meister der Bürgerinnen und Bürger. Was heißt das denn dann? Und wenn das doch der Oberbürgermeister der Bürgerinnen und Bürger ist, das in dem Wort steckt, wenn man das so auslegt, ja, dass die Meisterschaft mit Bürgerinnen und Bürgern umzugehen, den Oberbürgermeister auszeichnen sollte, was Peter Kurz ja konnte und kann.
Und was heißt das denn jetzt mit Bürgerinnen und Bürgern als Meister umzugehen? Ja, sehr gut dafür zu sorgen, dass sie sich wohlfühlen, dass es Lebensqualität gibt, dass sie sich in der Politik wiederfinden, sich einbringen können. Und das ist die Kunst der Politik. Und deswegen, so habe ich die Rede aufgebaut und Peter Kurz ist jemand, der dies beherrscht hat.
Und wir erleben natürlich in der Politik auch immer wieder Menschen, die sich nicht als Meister oder Meisterin der Bürger verstehen, sondern ihr eigenes Ding machen wollen oder bestimmte Interessen von Bürgern und Bürgern nicht ernst nehmen. Und ich glaube, das Geheimnis der Politik besteht eben darin, wirklich Meister der Demokratie zu sein, Meister des Begegnens zu sein, Meister des Austausches zu sein.
Fabian Burstein
Das Spannende an ihm war ja, finde ich, und das führt zu einem anderen Thema, er war ja kein klassischer, das, was man nennt, einen Wahlkreis-Löwe, kein Wahlkreis-Löwe. Also das heißt, der ist jetzt nicht meinem Gefühl nach stundenlang auf Bierbänken gesessen und hat mit dem Volk Bier getrunken, sondern der war immer sehr, ja, nicht distanziert, aber sehr ruhig, sehr.
Oliver Scheytt
Souverän.
Fabian Burstein
Zurückhaltend, nicht fraternisierend, sondern hat immer auch eine gewisse Distanz gewahrt.
Aber er hatte, meiner Meinung nach, so habe es ich für mich analysiert, eine große Stärke, nämlich die Narrative, die Erzählung einer Stadt quasi vorantreiben. Und dann haben sich alle plötzlich viel selbstbewusster gefühlt, weil man sich gedacht hat, bist du wahnsinnig, ich bin in der Stadt, die das und das ist, das ist ja toll.
Ist das insgesamt etwas, was die Steuerungspolitik von der Kulturpolitik lernen könnte, diese Narrative zu finden, dass die Leute sich wieder verbunden fühlen und sagen, ich bin Teil von etwas Größerem, das ich ausgestalten will?
Oliver Scheytt
In der Tat ist das Wortspiel zwischen Image und Identität etwas, was mich im Leben immer wieder beschäftigt hat. Ja, kann jetzt mit Platon und Söhnen gleich nicht anfangen, wo man Bilder sieht von Gegenständen und da sind die Ideen dahinter. Das ist aber schon mehr als Image. Da geht es nämlich um die Idee und um die Identität. Beim Image von Städten geht es ja oft darum, welche Geschichte erzählt oder welches Image hat eine Region. Als ich gewählt wurde, 1993, habe ich in meiner Rede gesagt, Essen wird mit dem Ruhrgebiet identifiziert, aber das Ruhrgebiet nicht unbedingt mit Essen.
Damit ist schon die Frage, was ist das Image, nämlich das Image Kohle, wir haben es gerade darüber gesprochen, und was ist die eigentliche Identität, die von den Menschen gelebt wird. Und deswegen ist das, was du ansprichst, die Geschichtserzählung, das Narrativ, was hoffentlich mit der Identität zu tun hat. Wahrscheinlich hat es das. Nicht immer, weil manchmal werden Geschichten erzählt, die mit dem Image spielen. Und da sich als Kulturpolitiker und Kulturpolitikerin damit zu beschäftigen, ist einer der Schlüssel dafür, die richtigen Konzepte auch wieder zu machen.
Machen wir einen kleinen Ausflug in die Geschichtserzählung des Ruhrgebiets und Essens. Da gibt es den Kabarettisten Frank Rosen, der steht auf der Brücke und sagt, boah, eine Zeche, ein Brache, eine Autobahn. Schön ist das nicht, aber meins. Mein Opa hat auch schon immer gesagt, woanders ist auch scheiße. So, da wird ja mit dem Image gespielt, woanders ist auch scheiße. Also der Ruhrgebiet sieht nicht schön aus. Aber viele vergessen, bei dem Zitat zu sagen, aber meins, bevor er sagt, woanders ist auch scheiße.
Also die Identifikation mit dem, was ich da auch an Hässlichkeiten habe, ist ein entscheidendes Moment. Und damit zu spielen und darüber Witze zu machen, wenn ich darüber lachen kann, habe ich ein anderes Selbstbewusstsein, als wenn ich mich betroffen fühle, wenn andere sagen, ist ja hässlich hier. So, das heißt also, dieser Wandel von Wahrnehmung, von Image funktioniert nur dann, wenn ich auch an der Identität bin. Und der Frank Rosen hat eben diesen Humor des Ruhrgebiets aufgegriffen in diesem kleinen Zitat.
Das machen viele andere Kabarettisten auch. Und damit ist er bei der Seele der Menschen. Und die lachen darüber und sind dann selbstbewusster, weil sie sagen, immer eine Schwäche führt nicht dazu, dass ich mich verteidigen muss und ich kann auch mal drüber lachen, dass ich das nicht so gut konnte.
Fabian Burstein
Daran knüpft es aber, das muss man auch ehrlich sagen, das fühlt sich dann immer so leichtfüßig an, wenn man es erzählt. Da muss man dann aber auch viel aushalten. Ich habe das selber mal erlebt, der extra 3, diese Satire-Sendung, hat Ludwigshafen zur hässlichsten Stadt Deutschlands gekürzt.
Wir haben dann vom Kulturbüro aus die Germanys ugliest city tour erfunden, haben einen Performance-Künstler beauftragt und oder gebeten, beauftragt, klingt so, gebeten dazu, eine Führung, eine performative Führung zu machen, die absolut überrannt war.
Und dann gab es die eine Flanke, die gesagt hat, was für eine tolle Erzählung wir als Arbeiter in den Hochburg gehen da stolz mit dem um. Und die anderen, die gesagt haben, hey, du Wiener, du machst da jetzt eigentlich mit diesem Format unsere Stadt schlecht. War das bei dir auch so?
Oliver Scheytt
Ja, das ist, das muss man, auch das muss man wieder aushalten, weil man kommt ja dann auf die Identität, von der ich gerade sprach, mehr zu sprechen, als wenn man einfach da Soße drüber kippt. Und das verstehen manche nicht, dass Kunst und Kultur auch, wie ich vorhin sagte, Kunst ist Zumutung, braucht den Mut der Stadtgesellschaft, manchmal auch Schwächen offenlegt, Schwächen behandelt und so weiter. Und wenn man das zu einem Prozess macht, dann gelingt es hoffentlich, die Menschen dahinter zu bringen oder zu sagen, ja, das eine ist so, das andere ist so und einfach einen differenzierteren Blick zu.
Die Welt ist nicht eindeutig. Die Probleme sind nicht eindeutig. Es ist immer eine Komplexität. Und der Umgang mit Komplexität, unterschiedlichen Perspektiven, unterschiedlichen Wahrnehmungen, ist etwas, was man in Kultur lernen kann und damit wiederum ist man ein Vorfeld des Möglichen für eine bessere Gesellschaft.
Erst wenn diese Fähigkeit besteht, Differenzen wahrzunehmen, mit Differenzen umzugehen, darüber zu diskutieren, darüber zu lachen, manchmal auch zu weinen, das können wir alles mit unseren Kultureinrichtungen schaffen und deswegen sollte man solche Debatten nicht vermeiden oder, sondern eher angehen.
Aber in gewisser Weise braucht es natürlich Institutionen und Menschen, die dann die Moderation eines solchen Prozesses übernehmen. Sonst geht es natürlich schief. Dann gibt es nur die Shitstorms und dann driftet man auseinander. Und das ist die große Gefahr, die wir gerade haben mit den neuen Medien, Social Media, dass eben die Wahrnehmung nur noch in Kurznachrichten, die gegeneinander stehen, erfolgt.
Und das machen sich auch wieder die Populisten zu eigen. Umso wichtiger ist es da, die Komplexität zuzulassen und auf die einzugehen und sich Zeit zu nehmen, Räume zu schaffen, in denen man die Handys nicht anhat.
Fabian Burstein
Wie jetzt gerade. Wir haben keine Handys. Flautlos gedreht, alles. Wir schauen auch nicht zeitgleich. Gerade WhatsApp-Nachrichten sind nur ineinander quasi versunken.
Das war dann der Moment, wo du gesagt hast, okay, das kitzelt mich so, das reizt mich so, Ruhe 2010. Ich gebe mein politisches oder mein besonderen Deutschland, das ist ja eine Mischung aus eigentlich politischem und Verwaltungsamt, viel stärker auch so ausgelobt.
Das wird ja auch öffentlich ausgeschrieben. Da kann ich mich ja auch als Wiener, als Dezernent bewerben. Also völlig anderes System.
Du hast dich entschieden, nein, jetzt möchte ich Geschäftsführer werden.
Oliver Scheytt
Ja, ich hatte ja vielfach Glück auch in meinem Leben. Dieser Ablauf war ja so, ich war, wir haben es vorhin gesagt, 1993 auf acht Jahre gewählt bis 2001, dann wurde ich wieder gewählt. Und genau ab 2001 haben wir uns mit der Thematik Kulturabschnitt befasst, mehrere Kulturdezernenten, die Städte, sieben Dezernenten von sieben großen, der größten Städte haben gesagt, wir wollen das machen.
Und so war ich dann nochmal acht Jahre bis 2009 gewählt und 2010 war mir Kulturabschnitt. Und dann habe ich einfach dem Rat und den Oberbürgermeister und allen gesagt, ich möchte nicht wieder gewählt werden. Ich gehe das Risiko ein, danach etwas Neues suchen zu dürfen oder zu müssen. Dann war ich 52 und dann fragte ich mich natürlich, was machst du jetzt nach der Kulturabschnitt? Ich war noch Liquidator der Gesellschaft, ein schöner Titel.
Fabian Burstein
Wie das oft ist bei solchen Festungen, ist auch bei Bundesgartenschau-Gesellschaften, die werden liquidiert.
Oliver Scheytt
Genau. Und dann gab es ja die Möglichkeit, andere Kulturabstätte zu beraten. Die erste war Pathos, Zypern und Sønderborg in Dänemark. Pathos ist geworden, dann bin ich x-mal nach Zypern geflogen, weil wir dann auch die Realisierung gemacht haben, an der Personalauswahl mitgewirkt haben. Und dann kamen so eine nach der anderen und das hat mich dann beschäftigt, sehr interessant in Europa, Kalamata in Siena, also dann in Bulgarien, in Rumänien, auch mal die osteuropäischen Länder.
In Bulgarien, Plovdiv ist es geworden. Da habe ich sehr viel über Europa gelernt, war dann gleichzeitig im Goethe-Institut und das war dann die internationale Karriere oder Lebenszeit, die ich da verbracht habe. Und parallel habe ich eben diese Personalberatung dann gegründet. Also ich habe mich quasi neu erfunden als nicht mehr Beamter oder Kulturpolitiker nur, sondern eben als jemand, der das Wissen weitergibt, die Netzwerke in Europa mitbespielt und eben dafür sorgt, dass gute Leute in Stellen kommen.
Fabian Burstein
Bevor wir in diesen Bereich noch im Detail eintauchen, möchte ich noch eine Abzweigung nehmen. Es ist in Teilen des Internets nachzulesen, dass du auch mal Teil eines sogenannten Schattenkabinetts warst. Das ist ja ein Begriff, der völlig untergegangen ist aus dem politischen Diskurs.
Erstens, stimmt das? Fragezeichen. Zweitens, was ist das? Fragezeichen. Und drittens, was macht man? Es war, glaube ich, das Schattenkabinett von Per Steinbrück. Was macht man da? Formuliert man da politische Programme? Weil man weiß ja nicht, ob man mal je in Regierungsverantwortung kommt.
Oliver Scheytt
Ja, das war 2013. Per Steinbrück ist gegen Angela Merkel als Kanzlerkandidat der SPD angetreten. Und er hat sich, das nennt man dann Schattenkabinett oder nannte man Schattenkabinett, sich Leute gesucht, die für die verschiedenen Ressorts einer künftigen Bundesregierung die Personen sind, die dieses Ressort übernehmen könnten oder für diese Aufgabe stehen. Ist ja klar, wenn man nicht die absolute Mehrheit bekommt, wird ja keiner, werden ja nicht alle von denen, die da sind, Minister werden.
Ja, in diesem sogenannten Schattenkabinett war ich dann für die Kultur verantwortlich, zuständig und habe 100 Tage lang Wahlkampf gemacht, in ganz Deutschland herumgereist, kulturpolitische Veranstaltungen nicht nur besucht, sondern dann auch Reden gehalten. Und zum Beispiel war auch eine Kollegin, Manuela Schwesig, die heutige Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die eher für soziale Themen stand, oder Gesche Jost, die heutige Präsidentin des Goethe-Instituts, die damals schon für Digitalisierung auch im Schattenkabinett unterwegs war.
Also ich habe da sehr interessante Leute kennengelernt, manche wiedergetroffen und in der Zeit sehr viel gelernt, wie Wahlkampf funktioniert oder nicht funktioniert und wie schwierig das ist, in den Medien platziert zu sein. Und das war nochmal eine weitere Erfahrungskurve in der Kulturpolitik.
Fabian Burstein
Aber das heißt ja im Klartext, es gab schon mal einen Moment, wo du knapp davor warst, durchaus Kulturminister zu werden, wenn diese Wahl gewonnen worden wäre. Ist das eine Erfahrung, die du auf deiner Bucketlist schon auch nochmal gerne mitgenommen hättest?
Oliver Scheytt
Ich war wirklich ehrlich gesagt sehr im Zweifel, ob ich es machen würde. Es gab ja dann eine Koalition, dann wurde Frau Grütters die Kulturministerin. Die SPD hätte vielleicht auch zugreifen können in dieser großen Koalition. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich mir das noch antun sollte aus privaten, familiären und sonstigen Gründen, dann wirklich nur noch unterwegs zu sein in Deutschland.
Gereizt hätte es mich schon und Frau Grütters hat das gut gemacht. Wenn ich jetzt den Staatsminister danach sehe, denke ich manchmal, ich hätte es dann vielleicht jetzt danach noch machen sollen. Aber ich würde jetzt nicht so sehr auf die Personen eingehen.
Für mich war das eine wichtige Erfahrung. Ich hatte aber auch das Gefühl, ich sollte ein bisschen mehr selbstbestimmt arbeiten können, nachdem ich diese Mühle durchgemacht habe und das auch im privaten Umfeld sehr viele Folgen hatte, weil ich zu wenig Zeit hatte für Familie zum Beispiel.
Fabian Burstein
Aber dieses Thema einer politischen Karriere, du bist ja ein hochpolitischer Mensch, das schwingt natürlich dann doch immer mal mit, wenn man mal an der Position war.
Also ich weiß nicht, ich kann da nur in mich reinschauen, mir überlegen, wie wäre es für mich, wenn ich jetzt an der Stelle wäre, wenn ich wissen würde, okay, dieses Team geht, jetzt sind Koalitionsverhandlungen.
Kannst du da kurz ein bisschen dir ins Nähkästchen schauen, was du dann am Verhandlungstisch gesessen hast, gesagt, Freunde, ich will es machen oder und bist nicht damit durchgekommen, hast du gesagt, nein, ich will es eigentlich gar nicht machen, gebt es das Ressort ruhig her.
Wie war das?
Oliver Scheytt
Ja, ich durfte dann tatsächlich an den Koalitionsverhandlungen teilnehmen, also auf der einen Seite CDU, auf der anderen Seite SPD. Und da kann ich auch eine kleine Anekdote erzählen, da kann ich mir etwas ans Revers heften, denn es ging natürlich um verschiedene Dinge, die in den Koalitionsvertrag hineinkamen.
Und mir war sehr wichtig, ich hatte es auch im Wahlkampf gesagt, wenn man schon Bayreuth fördert, dann muss man auch Pina Bausch fördern, eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts mit unglaublichen internationalen Wirkungen in Tanz neu erfunden und so weiter. Hat auch was mit der Geschichte Essens wieder zu tun. Sie ist ja dort in der Folkwang Hochschule groß geworden und ich durfte ihr auch mehrfach begegnen. Sie war ja dann schon gestorben 2013.
Und dann habe ich gesagt, wir sollten das ins Koalitionspapier aufnehmen, dass in Wuppertal eben ein Pina Bausch Zentrum entsteht für den Tanz. Und wir waren in der SPD-Vorbesprechung und Klaus Wowereit sagte dann, ja, wenn du jetzt hier mit Pina Bausch kommst, dann komme ich mit Sascha Walz. Und da haben wir Nina Rümelin, André, etwas die Stirn gerunzelt, so sehr ich Sascha Walz mag und schätze, aber die hat nicht die Welt so reformiert ins Tanzes wie Pina Bausch und bei allem Respekt.
Und dann sagte er, ja, das kann man jetzt nicht mehr hier besprechen, wir gehen jetzt da in die Sitzung. Dann mussten wir rüber in die Koalitionsverhandlungen und ich habe gedacht, was soll's, ich sage es nochmal. Auch wenn Herr Wowereit das nicht unser Verhandlungsführer war, nicht so gut fand. Und dann habe ich gesagt, wir müssen das Pina Bausch Zentrum noch mit aufnehmen als Fördergegenstand. Ich gehe jetzt nicht auf die ganzen Details ein, das war noch mit Romantikmuseum für Frankfurt, was der CDU wichtig war und so weiter verknüpft.
Und dann guckte mich Herr Wowereit an und dann sagte aber Herr Lammert, der auf der anderen Seite saß, der Bundestagspräsident war, Herr Scheytt hat recht, das nehmen wir auf. Und damit war Herr Wowereit nicht mehr in der Lage, das zurückzunehmen, weil die CDU auch zugestimmt hatte. Und neben mir saß auch Nina Rümelin und damals noch Frau Barbara Kisseler aus Hamburg, die dann auch nochmal zustimmten. Ja, so ist das da reingekommen.
Aber es ist schon 2013 gewesen, jetzt wird immer noch an dem Bau rumgebastelt. Das zeigt wieder, dass Politik manchmal sehr, sehr langen Atem braucht, um dann etwas zu realisieren, was eigentlich so schön schon im Koalitionsvertrag vor 13 Jahren stand.
Fabian Burstein
Stichwort Langatmig und man braucht langen Atem, um Dinge zu bauen. Jetzt bist du in einem Geschäft drin, das wesentlich schnelllebiger ist, nämlich in dem Beratungsgeschäft.
Und hier insbesondere, du hast es schon angedeutet, natürlich in der Personalsuche. Das ist natürlich auch ein unglaublich heikles Feld, denn hier wird entschieden, wer Gestaltungsmacht bekommt, wer über viele Jahre gewisse Dinge prägt, Stadtgesellschaften, auch bundesweit Dinge prägt.
Was hat dich ausgerechnet dann an diesem Feld interessiert? Du hättest ja auch Berater werden können für Kabinetter, die eben Strategien entwickeln wollen.
Oliver Scheytt
Ja, das eine war, dass ich gemerkt habe, in der Ruhe 2010 waren wir erst fünf, hinter 120 Leute, dass es mir gelungen war, gute Leute auszuwählen, Teams zu bilden und einfach Spaß gemacht hat, diese Teams auch zu motivieren und Blick zu entwickeln, sehr schnell auch einzuschätzen, ob jemand das oder jenes kann, vielleicht eine verborgene Stärke hat und so weiter.
Und dann habe ich gedacht, ja, das könnte doch was sein, denn viele Städte und Kulturdezernenten und Kollegen hatten gar nicht genügend Zeit, um immer die Intendanten oder Museumsdirektoren auszuwählen. Ich hatte da auch ein Schlüsselerlebnis, dass Hartwig Fischer in Essen Folkwang Museumsdirektor wurde 2006 und der ist ja dann weitergegangen, statt die Kunstsammlung Dresden mit 14 Direktionen dann British Museum Direktor. Also solche Leute habe ich auch entdeckt, die solche Karrieren gemacht haben. Lukas Krepatz, der heute bei den Salzburger Festspielen ist, war unser Controller. Und so gab es doch interessante personelle Entwicklungen, die mich motiviert haben, das zu meinem Beruf zu machen und gleichzeitig das kulturpolitische Interesse.
Wenn gute Leute in Positionen sind, ist es meistens für diese Institution auch besser in der Politik. Und so kam dann die Idee, das zu machen. Und es gab keine spezialisierte Personalberaterin im Kunst- und Kulturbereich in Deutschland. Inzwischen gibt es einige Mitbewunderer. Und wir haben das dann so gemacht, dass wir inzwischen über 700 Stellenbesetzungen in Deutschland, Österreich auch, beauftragt bekommen haben und daraus ein System entwickelt, um wirklich der fachlichen Qualifikation und natürlich der politischen Resilienz, die manch einer auch braucht, da ein System zu entwickeln, wo wir diese Leute begleiten und auch unseren Auftraggeber so bei dem Prozess begleiten, dass sie super Informationen bekommen, dass sie Zeit haben, sich auf die Besten zu konzentrieren.
Und in Österreich haben wir inzwischen ja auch eine ganze Reihe von Stellenbesetzungen betreut. Wenn man nur den karentischen Sommer oder die Museen hier oder natürlich die Kulturhauptstadt Bad Ischl, wo die Führung braucht, zu finden, wo eine kleine Stadt wie Bad Ischl es nicht ganz einfach war, so etwas zu machen, dann helfen wir dabei.
Fabian Burstein
Das ist jetzt natürlich eine verständliche und auch natürlich eine idealtypische Beschreibung deines Jobs, die ich auch nachvollziehen kann.
Jetzt haben wir hier in Österreich aber ein bisschen ein anderes Problem, nämlich dass Stellenbesetzungen oft Gegenstand von massiven politischen Interventionen sind und auch parteipolitisch motiviert vergeben werden.
Das ist ein Befund, den habe nicht nur ich, sondern das ist nicht einmal mehr ein offenes Geheimnis, sondern das ist sehr, sehr sichtbar.
Und das gilt auch insbesondere für den Kulturbereich, insbesondere auch für Landesgesellschaften, die jetzt nicht ganz in der ersten Reihe sind, aber trotzdem noch enorm wirkungsstarke Institutionen abbringen.
Kannst du aus deiner Erfahrung sagen, es ist ja schon oft so, nach außen sind Stellen ausgeschrieben, Kommissionen besetzt, Verfahren transparent und im Inneren hat man dann das Gefühl, da wirken andere Mächte.
Kannst du das ein bisschen einordnen?
Oliver Scheytt
Ja, wenn wir solche Verfahren betreuen, gibt es natürlich auch in den Bundesländern in Deutschland auf der kommunalen Ebene nicht in dem Maße politische Interessen und Einflussnahmen. Und da kommt mir natürlich oder uns, das ganze Team, wird ja diskutieren, das ja zugute, dass wir diesen Raum schaffen, von dem wir vorhin auch in Kultur eigentlich gesprochen haben, in dem man frei sich äußern kann und dass man eben die politischen Interessen möglichst außen vor lässt.
Ich will es mal so sagen, entscheidend ist das Auftragsgespräch, die erste Stufe. Einmal in der Ausschreibung etwas festzulegen, was ja jetzt mal objektiviert in Kriterien niedergelegt wird. Und das ist überhaupt ein Thema, wo ich immer sage, diese Zweistufigkeit, die man auch in der Kunstfreiheitsgarantie verbinden kann, Politik setzt den Rahmen und da drinnen waltet dann die Fachlichkeit. Und wenn man diesen Rahmen gut gesetzt hat und sagt, das sind die Kriterien, kann man sich genauso wie das vorhin bei den kulturischen Leitlinien und bei Konzepten dann immer wieder darauf berufen, es geht doch jetzt eigentlich, denjenigen zu suchen, der das und das und das oder diejenigen, die das und das und das beherrscht. Und dann hat man einen Rahmen, in dem man sich bewegt.
Natürlich gibt es dann trotzdem noch immer Einflussnahmenmöglichkeiten, aber bei den Verfahren, die wir jetzt in den letzten Jahren hier auch in Österreich betreut haben, ist es uns gelungen, diesen Raum zu schaffen für die Fachlichkeit. Und ich könnte jetzt vorsichtig sein, muss ich hier oder da gab es dann mal Versuche und dann haben wir eben diesen Rahmen wieder hergestellt und gesagt, Moment mal, das ist die Vereinbarung, schauen sich diese Leute mal an.
Wichtig ist, dass wir bei den Gesprächen, wenn sich fünf Leute vorstellen, immer nach jeder Person fragen, was würden Sie mit dieser Person gewinnen? Das ist sehr wichtig, dass diese wertschätzende Haltung kommt und nicht hinterher nur noch Schwächen verglichen werden oder abgeschossen werden kann, weil man sagt, ja, der hat ja das nicht gemacht, die hat ja das nicht gemacht, der kann das nicht, sondern zu sagen, was würden Sie gewinnen? Und dann bitten wir jedes Kommissionsmitglied, einen Gewinnsatz zu sagen.
Natürlich stottern manche und sagen, ja, da gewinnen wir eine Person, die immer sehr, sehr genau weiß, was sie tun will, egal welcher politische Widerstand kommt. Aha, ist ein Gewinnsatz, der natürlich eine Konnotation hat in einer bestimmten Richtung. Und dann weiß man schon als Moderator, was diese Person, die jetzt gerade sich geäußert hat, zu der Person, die sich beworben hat, denkt und kann das dann auch wieder ein bisschen ausgleichen. Und dadurch entsteht so eine Atmosphäre, meistens, fast immer, der Wertschätzung für die handelnden oder sich bewerbenden Personen.
Fabian Burstein
Aber kann es sein, dass es da vielleicht auch in der Außenwahrnehmung ein Missverständnis gibt, dahingehend, dass die Personalberaterinnen nicht die Personalentscheidung treffen, sondern einen gewissen Prozess vorbereiten, gewisse Rahmenbedingungen schaffen, dass mal der Sockel in Ordnung ist und was dann die Entscheiderinnen mit diesem Sockel machen, ist dann halt ihre Sache, oder?
Oliver Scheytt
Ganz genau. Wir sind nicht diejenigen, die die Entscheidung machen, sondern wir sind die Entscheidung auf beiden Seiten begleiten, also auch auf der Seite der Kandidatinnen und Kandidaten und dafür sorgen, dass zum Beispiel Vertragskonditionen rechtzeitig besprochen werden, dass klar wird, in welcher Reihenfolge welche Entscheidungen getroffen werden. Und diese Transparenz im Verfahren sorgt oft gerade auch dann zur Vertraulichkeit, führt zur Vertraulichkeit für die handelnden Personen.
Aber natürlich ist mir, will das hier durchaus bestätigen, klar, dass in Österreich und zwar in stärkerem Maß als in Deutschland politische Einflussnahmen stattfinden und man muss sich ja nur das Thema Besetzung Salzburger Festspiele gerade anschauen, was da alles läuft und wie es läuft. Da wird schon sehr viel politisch agiert und vielleicht weniger nur für die Kunst.
Fabian Burstein
Nichtsdestotrotz muss man gerade als Personalberater oder Personalberaterin ja auch eine dicke Haut haben, denn wenn es dann rumpelig wird, wird man ja automatisch mit reingezogen.
Also ich habe das zum Beispiel gemerkt, bei mir im Bühneneingang war das Thema Graz sehr prominent und da warst du ja zum Beispiel drinnen in dem Prozess.
Geht dir das auf die Nerven? Kannst du verstehen, dass die Kritik einen dann auch automatisch mitstreift, weil einfach im Ergebnis ist etwas umstritten und mitgehangen, mitgefangen?
Oder ärgert dich das und würdest du da gerne mehr erklären, was deine Rolle ist?
Oliver Scheytt
Ja, bei dem Auslaufen des Vertrags von der Bestellung einer anderen Person, der Frau Hahn, war ich in der Tat dabei und man merkte, dass da Konfliktlagen sind. Und jetzt kann man als Berater diese Konfliktlagen nicht wegmoderieren, sondern man muss sie sehen oder wahrnehmen und versuchen, dass die handelnden Personen dazu beitragen, dass eben doch eine gute Lösung gefunden wird.
Jetzt wird richtigerweise, ich mag Herrn Lenz sehr, diskutiert, warum man ihn nicht wiederbestellt hat, aber man hat gemerkt, dass in der Konstellation, der personellen Konstellation, die es dort gibt, so viel Konfliktstoff liegt, dass, wenn Herr Lenz weiter diese Position behalten hätte, dieser Konflikt wahrscheinlich weitergetragen worden wäre. Ich will es mal so ausdrücken. Und da kann man nur als Berater hinweisen, was immer die Konsequenzen von welchen Entscheidungen sind.
Und nun gab es eben und gibt es eine Person, die sich da auskennt in Graz, die hat dort gearbeitet, die auch einen guten, sehr guten Eindruck gemacht hat mit ihrem Spielplan. Insofern war eine Alternative, die jetzt im Moment zumindest den Eindruck erweckt, dass diese Konfliktlage nicht in dem Maße besteht, wie sie bestanden hätte, wenn eine Wiederbestellung erfolgt wäre. So will ich es jetzt mal umschreiben.
Und dann sage ich immer meinen Kolleginnen und Kollegen und mir selber, wir sind Berater, letztlich fällen wir nicht die Entscheidung. Es waren ja eine Kommission hochkarätig besetzt und die hat dann die Entscheidung gefällt. Ja, das können wir dann nur kommentieren oder erläutern, aber wir sind nicht letztlich, vielleicht auch zum Glück, nicht verantwortlich für die Entscheidung.
Da schlägt immer das Herz auch für alle Beteiligten. Also nochmal, ich schätze Herrn Lenz, kenne ich schon sehr, sehr lange in seiner Arbeit. Und das hilft aber dann in diesem Fall, wenn solche Konflikte sind, nicht.
Fabian Burstein
Ich unterhalte mich immer wieder mit Personalberatern und Personalberaterinnen zu diesem Thema und sie sagen, es ist ähnlich, was du jetzt beschreibst.
Sie sagen, sie sind Begleiter und in letzter Konsequenz ist das halt die Schattenseite des Geschäfts, dass da mit hochemotionalen Entscheidungen gedealt wird und man natürlich da in diesen Entscheidungen eine Rolle gespielt hat und es dementsprechend auch verständlich ist, dass man da eine mitbekommt, auch immer wieder mal, auch an Kritik.
Nichtsdestotrotz würde mich interessieren, gab es schon Mandate, wo du gesagt hast, nein, das ist mir, da ist schon so stark spürbar, dass das nicht nach den Qualitätskriterien abläuft, wie ich sie mir vorstelle, da will ich nicht mitspielen?
Oliver Scheytt
Ja, es gab schon mal Verfahren, wo wir gesagt haben, da steigen wir aus, da machen wir nicht weiter. Zunächst, und wir haben auch schon hier und da mal etwas abgelehnt, aber nicht nur wegen der politischen Einflussnahme, sondern auch, weil es manchmal Positionen gibt, die einfach ganz, ganz, ganz schwer zu besetzen sind, zum Beispiel im technischen Personal. Da hilft es gar nicht, immer zu sagen, ja, das machen wir, weil man findet dann die Leute gar nicht. Aber grundsätzlich stürzen wir uns schon immer rein und versuchen eben, das Beste aus der jeweiligen Situation für die Kandidatinnen und Kandidaten auch zu machen.
Denn ich sage immer, wenn 30 Leute sich bewerben, einer wird es, dann sollen die 29 nicht schlecht über uns reden. Und das ist bisher gelungen, sonst wären wir nicht so gut unterwegs, dass wir eben auch die, die nicht zum Zuge kommen, begleiten, ihnen das erläutern, bei ihnen nah sind und Respekt haben vor der jeweiligen Persönlichkeit. Das ist mir ein ganz großes Anliegen.
Und also wir haben immer mal wieder natürlich Fälle, in denen wir dann nicht nochmal beauftragt werden, weil es vorher politisch gekracht hat. Das gibt es auch vor, zum Beispiel eine große Museumslandschaft, da hat es politische Einflussnahmen mit Geschäftsführern gegeben und dann hat eben ein Mitbewunderer, Mitbewerber dann jetzt den nächsten Auftrag bekommen, weil sie vielleicht dachten, ja, wir hätten eine zu kämpferische Person dahin begleitet. Das ist eher der Fall, als dass in einem Verfahren, wie jetzt in Graz, so Konflikte so offensichtlich werden.
Fabian Burstein
Ich war, ich muss gerade nachdenken, ich war zweimal in Verfahren von euch drinnen, habe beide Male verloren nach den Dingen. Und ich kann dir auch noch sehr freudvoll gegenüber sitzen.
Oliver Scheytt
Ja, das ist der.
Fabian Burstein
Abschlussfrage. Wir haben jetzt eine Biografie durchgearbeitet, die schon stark von Wendepunkten geprägt war. Also von der Kunst in die Kommunalpolitik, Kommunalverwaltung hin in das operative Kulturmanagement, weiter in Beratungsmandate über den Umweg wirklich einer hochgradig politisch exponierten Rolle für die Zeit eines Wahlkampfes. Würdest du sagen, dass es noch einen weiteren Wendepunkt gäbe, der dich jetzt in dieser Kunst- und Kulturlaufbahn reizen würde, ein spezielles Aufsichtsratsmandat oder ich weiß nicht. Gibt es da was?
Oliver Scheytt
Das, was mich jetzt am meisten reizt und beschäftigt, ist das Leben als Musiker. Ich habe sehr viel Zeit jetzt in letzter Zeit damit verbracht, Klavier zu spielen und zwar Tango mit einem Freund von mir, den ich kennengelernt habe vor sieben Jahren, Akkordeonisten.
Und wir haben auch im November einen Auftritt mit einem herausragenden Geiger, der war Konzertmeister im Staatstheater in Cottbus und zwei Sängern, früherer Star-Tenor des Alto-Theaters, der dann Tangolieder singt, ältere und jüngere. Und das ist sozusagen meine neue Beschäftigung, die ich jenseits der Politik mache.
Und immerhin erzählen wir dann die Geschichten dieser Komponistinnen, sind eigentlich Männer alles, ja, Komponisten, wie das auch politisch war, dass der Petersburski, der unter der Klara komponiert hat, eine Pole 1940 vor Stalin fliehen musste und dann, man hört richtig, über Palästina, Ägypten nach Brasilien ausgewandert ist, dann in Argentinien gelebt hat und in Warschau wieder in den 70ern gestorben ist.
Und der hat ein Lied komponiert, das heißt "Tor Ostatnija", der letzte Sonntag, der Abschied, was heute von russischen und polnischen Soldaten, wenn sie in den Krieg gehen, gesungen wird oder gespielt wird. Ich finde, das Liste hat dieses Lied auch, spielt eine Rolle. Und das "Und einer Klara" ist so ein lustiger Tango.
Und er hat diesen anderen Tango, der, wenn ich die Melodie vorspiele, die dann jeder schon mal gekannt hat. Und dann erzählen wir die Geschichte dieses Komponisten, da kommt wieder ein bisschen Politik mit hinein in die Erzählung dieses Konzerts.
Das kommt sehr gut an. Könnte ich jetzt weiter ausführen, jetzt bin ich, weil ich mich damit sehr beschäftige und werde jetzt auch zum zweiten Mal nach Buenos Aires gehen, verfliegen und dort Tango hören und meinen heimlichen Lehrer, der ist 40 Jahre alt, Tangopianist, wiedertreffen, der, letting Grammy-Gewinner ist. Also das ist so eine Beschäftigung auch wieder in der gesamten Geschichte.
Fabian Burstein
Und trainiert er damit?
Oliver Scheytt
Ja, ja, ja, über Zoom. Ja, der hat 20 Schüler weltweit und hat uns dann schon unterrichtet, war aber auch beim Workshop der Folkwang-Schule im Jazz-Studiengang, wo ich dann schon zweimal den ganzen Tag zuhören durfte und so weiter. Also das ist sozusagen die Beschäftigung, weniger kulturpolitisch als wirklich wieder zurück zu der Musik.
Fabian Burstein
Also die aktuelle Challenge, ein erfolgreiches Tourneeprogramm auf der Deine Stadt, wo wird Premiere sein?
Oliver Scheytt
Ja, wir haben schon häufiger Konzerte gemacht, jetzt mit diesem Geiger, das ist am 13. November im alten Bahnhof Kettwig. Da kommen wahrscheinlich so 120, 150 Leute. Und da, ja, das mache ich natürlich als Hobby, ich will kein Geld verdienen, mir macht es einfach Riesenspaß.
Fabian Burstein
Lieber Oliver, vielen lieben Dank.
Oliver Scheytt
Vielen Dank. War schön.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet.
Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen und werden streng vertraulich behandelt. Schreibt mir am besten eine E-Mail, die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.com, Buehneneingang mit ue.
Auf der Plattform des Bühneneingangs könnt ihr dank des eigens entwickelten Kulturradars nachlesen, was die internationalen Kulturredaktionen gerade beschäftigt. Und ihr könnt im Reviews-Bereich eure persönlichen Kulturerlebnisse teilen und bewerten.
Auf www.buehneneingang.com gibt es außerdem einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft unterstützt ihr diesen Podcast und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen.
In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.

Autor:in:

Livio Koppe

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