Bühneneingang
NICHT VERLÄNGERT II: Der Intendant der Oper Graz spricht Klartext - mit Ulrich Lenz
Ulrich Lenz spricht in Folge 112 erstmals ausführlich über die überraschende Nichtverlängerung seiner Intendanz an der Oper Graz. Der Opernchef beschreibt widersprüchliche Signale vor dem Hearing und ein Verfahren, das er nach drei erfolgreichen Jahren mit „Fassungslosigkeit“ zur Kenntnis nimmt. Im Zentrum stehen die Bühnen Graz und ihr Holding-Chef, politische Netzwerke in der Findungsjury und die Frage, wie unabhängig Intendant:innenbestellungen im österreichischen Kulturbetrieb tatsächlich sind. Zugleich geht es um die Zukunft der Oper Graz: Um künstlerisches Risiko, seltenes Repertoire, die Öffnung zur Stadtgesellschaft und den Druck, trotz knapper Budgets große Oper möglich zu machen.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Ulrich Lenz, Intendant der Oper Graz. Seit 2023 hat der frühere Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin das zweitgrößte Opernhaus Österreichs künstlerisch neu profiliert, mit selten gespielten Repertoire, starken Regiehandschriften, einer Neuausrichtung des Balletts und einer sichtbar geöffneten Institution.
Umso überraschender kam die Entscheidung, seinen Vertrag 2028 nicht zu verlängern; stattdessen übernimmt Marlene Hahn derzeit Chefdramaturgin der Oper Leipzig. Warum also ändert eine vielfach gelobte Intendanz nach 5 Jahren?
Wir sprechen über das Findungsverfahren, Gespräche und Signale im Vorfeld, die Rolle des Bühnen-Graz-Chefs, politische Besetzungsgremien, Sparvorgaben und die Frage, wie viel Macht in einer künstlerischen Personalentscheidung steckt.
Lieber Ulrich, vielen Dank, dass du bei mir am Bühneneingang vorbeischaust.
Ulrich Lenz
Danke, dass ich da sein darf.
Fabian Burstein
Gleich zu Beginn eine kurze Transparenzpassage: Ich habe zweimal für die Oper Graz tatsächlich gearbeitet, einmal als Moderator für eine inklusive Opernvorführung und einmal im Rahmen eines Workshops, wo ich dein Team bei diversen strategischen Fragen begleitet habe.
Daher kennen wir uns, daher sind wir auch per du; wir sind aber nicht enge Freunde und haben uns tatsächlich da das erste Mal gesehen.
Und das nur einfach zur Transparentmachung, damit jeder weiß, warum wir per du sind und wie der Sachstand ist.
Ulrich Lenz
Ja, absolut korrekt.
Fabian Burstein
Ulrich, ich will gleich mit einer Entscheidung einsteigen, die im Juli für sehr viel Wirbel, auch medialen Wirbel, gesorgt hat. Es wurde publik, was für viele Beobachter:innen der Opern- und Kulturszene sehr überraschend war, nämlich dass dein Vertrag nicht verlängert wird, du keine zweite Amtszeit bekommst. Wann und auf welchem Weg hast du erstmals erfahren, dass diese Entwicklung nun ihren Lauf genommen hat?
Ulrich Lenz
Also, dass sie ihren Lauf genommen hat, tatsächlich nach dem zweiten Hearing von zwei Hearings, die stattgefunden haben.
Unmittelbar danach hat man mich angerufen und gesagt, ja, wir haben uns jetzt für einen anderen Kandidaten entschieden.
Und da muss ich ganz ehrlich gestehen, bin ich aus allen Wolken gefallen.
Man ist ja nie sich ganz sicher, aber ich hatte ja alles durchgespielt und gedacht, ja, was könnte passieren.
Und ich hatte vielleicht damit gerechnet, dass man sich am Ende vielleicht über den Vertrag nicht einig wird, der dann ja auch zu erneuern wäre.
Aber dass man mich innerhalb dieses Verfahrens quasi, dass mich ein anderer Kandidat oder eine andere Kandidatin aussticht, innerhalb dieses Verfahrens, nachdem mich sämtliche Verantwortlichen aufgefordert und ermuntert und ermutigt hatten, unbedingt in diese angeblich notwendige Wiederbewerbung für einen amtierenden Intendanten einzusteigen, damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.
Fabian Burstein
Ich möchte auf diese Details des Verfahrens dann noch näher eingehen.
Zuerst will ich einfach die persönliche Ebene abfragen, weil das ist ja so ein bisschen die Besonderheit hier in dem Podcast, dass Menschen auch einmal ein bisschen hinter die Kulissen schauen und sich vielleicht auch in Facetten, in die Karten reinschauen lassen, wo das nicht so üblich ist.
Was war deine erste Reaktion, wie du aufgelegt hast? War das Enttäuschung, ist das Verzweiflung, Ratlosigkeit, ist man da einfach nur wütend? Was geht da in jemandem vor, der da gerade so ein großes Haus führt und weiß, er kann es nicht weiterführen?
Ulrich Lenz
Ja, vordergründiges Gefühl ist tatsächlich Fassungslosigkeit. Ich kann es nicht glauben, ich kann es wirklich noch nicht fassen. Also, du sagst weiß, dass man das nicht weiterführen kann. In dem Augenblick überschlagen sich die Gedanken und man denkt, wie kann das jetzt sein? Wie kann das jetzt wahr sein?
Wie kriege ich die Aussagen von verschiedenen Verantwortlichen, von Mitgliedern der Fachjury? Wie kriege ich die zusammen mit dem, was die da jetzt entschieden haben? Was geht da vor und warum und wieso? Also, das ist wirklich Fassungslosigkeit, die mich eigentlich bis heute bestimmt und um mich herum eben das ganze Umfeld letztlich auch.
Fassungslos, wie kann das sein? Wir verstehen das nicht, wir können das nicht nachvollziehen.
Fabian Burstein
Das ist aber eine wichtige Facette. Das heißt, da geht es jetzt gar nicht mal primär darum, dass man im Rahmen eines Bestellungsverfahrens verliert oder nicht, nur weil das ist man ja, soweit kann man in den Alltag des Kulturmanagements schon Einblicke geben. Man bewirbt sich immer wieder und verliert immer wieder in unterschiedlichen Phasen gegen andere Bewerber:innen. Sondern da geht es darum, dass du explizit die Botschaft mitbekommen hast, es wäre wünscht, dass sich dein Wirken fortsetzt.
Ulrich Lenz
Genau, so ist es. Also, für mich ist es ein bisschen ungewohnt, quasi sich als amtierender Intendant in ein Wiederbewerbungsverfahren zu begeben. Das gibt es in Österreich in manchen Bereichen, in Deutschland eigentlich nicht, in der Schweiz habe ich da auch noch nie davon gehört. Also, das Normale ist letztlich doch, wenn man als amtierender Intendant seine Sache gut macht und man erfolgreich ist, dann wird man in der Regel auch verlängert. Tatsächlich ist es so, dass meine Kollegen und Kolleginnen in Innsbruck, in Linz, in Klagenfurt genau das so erfahren: Job gut gemacht, das Haus läuft gut, wir verlängern den Intendanten, die Intendantin weiter.
Ich weiß, dass es in den Bundestheatern, also Burgtheater, Volksoper, Staatsoper, auch bei den Salzburger Festspielen so ist, dass man immer wieder sich in dieses Verfahren begeben muss. Warum es von den Landestheatern nur in der Steiermark diese Regel so ausgeführt wird, weiß ich nicht, verstehe ich nicht, kann ich nicht nachvollziehen. Wurde mir mal erklärt, ja, in der Steiermark sei das so. Ja, einfach mal so hin. Aber es ist, würde ich sagen, jetzt nicht unbedingt die Regel. Also, man hört es ja schon, alle Landestheater, offensichtlich außer der Steiermark, nicht so. Nur die Bundestheater.
Und dann muss man sagen, wenn es passiert oder wenn dieses Verfahren stattfinden muss, in der Regel, wenn man zufrieden ist mit der Arbeit des Intendanten, dann wird der dann auch verlängert, also auch wenn es ein Wiederbewerbungsverfahren gibt. Also von so her ist die Überraschung, glaube ich, schon nachvollziehbar. Nicht nur wegen der Aufforderung, der mehrfachen Aufforderung dazu, sondern auch, weil die Regel anders aussieht.
Fabian Burstein
Ja, dieser Aspekt hat schon oft am Bühneneingang, diese Verlängerung, automatische Verlängerung. Ist das möglich oder nicht? Was sind die Bestimmungen? Hat schon öfters am Bühneneingang eine Rolle gespielt?
Ich glaube, das ist tatsächlich in Österreich ein sehr ambivalentes Thema. Man macht das konsequent, weil man, oder konsequenter als früher, weil man Nepotismus geschädigt ist, hat damit aber einen Modus Operandi etabliert, der unter Umständen Scheinverfahren auslöst, wie du sagst.
Es gibt so dieses unausgesprochene Gesetz: Wenn es gut gelaufen ist, wird man verlängert. Was dann, wenn man es aber ausschreibt, wiederum unfair ist, dieser Automatismus gegenüber anderen Bewerber:innen. Also, man wird das sicher in Zukunft auch auf gesetzlicher Ebene einen Weg finden müssen, das vernünftig zu handhaben.
Ulrich Lenz
Wenn ich da einhake darf, ich weiß, dass du ja ein Verfechter bist dessen, wenn man es macht, dann muss man es transparent machen und das ist eigentlich ja auch als Verfahren gut. Ich glaube nur, auf dem Papier klingt das gut, ich glaube, in der Realität ist es eigentlich nur schwer durchsetzbar oder nur schwer objektiv umsetzbar. Weil entweder ist man ja tatsächlich zufrieden mit der Arbeit eines Intendanten, einer Intendantin, dann spricht der letztlich, warum soll man dann die Arbeit nicht fortsetzen wollen und das dorthin auch irgendwo anvisieren? Oder man ist nicht zufrieden, dann möchte man ihn loswerden, dann möchte man ihn wechseln. In beiden Fällen fände ich es fairer, wenn man sagen würde, okay, wir verlängern dich, und fairer gegenüber den anderen Kandidatinnen und Kandidaten, die sich quasi von Anfang an umsonst bewerben.
Und im umgekehrten Fall, wenn man nicht mehr die Arbeit fortsetzen will, dann fände ich es fairer gegenüber dem Intendanten, ihm das vorzusagen, als ihm das Spielchen machen zu lassen. Du bewirbst dich jetzt und am Ende sagt man, oh, man hat jetzt jemand anderen gefunden. Ich frage mich halt, wie objektiv kann ein Verfahren sein, in dem ein Kandidat im Gegensatz zu den anderen Kandidaten mit ganz anderen Bedingungen in dieses Bewerbungsverfahren geht. Also mit einem Wissen, zum Beispiel um das Haus, mit einem Wissen um die Probleme, die in den kommenden Jahren auf das Haus zukommen werden. Das kann man ja alles aufschreiben und sagen, aber es ist ja was anderes. Als Intendant fühlt man das ja, als Intendant hat man Gespräche mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, man weiß genau, was dahinter steht.
Und wie objektiv kann auch so ein Verfahren sein, wenn in der Jury zum Beispiel, was ja meistens der Fall ist, Menschen sitzen, die ja auch persönliche Erfahrungen mit dem Intendanten, mit der Intendantin haben. Gute und schlechte, ja. Also, man mag den, toll, man hat mit dem jetzt drei Jahre zusammengearbeitet. Inwieweit kann man objektiv sein gegenüber frischen, neuen Kandidaten, die man nicht kennt? Auch umgekehrt. Der nervt immer in seiner Spielplanvorstellung, ich mache jetzt nur so ein Beispiel, weil er zu lang ist oder so, dann denkt die Aufsichtsratsvorsitzende, er ist schon, ohne dass sie denkt, gar nicht. Sie geht nur mit einem Gefühl da rein, das nicht mehr objektiv ist.
Also, dann müsste man wirklich so ein Bewerbungsverfahren versuchen, ganz, ganz super objektiv zu machen. Dann dürfte in der Fachjury niemand drin sein, der irgendwie mit dem Intendanten vorher zu tun hat, damit jeder Kandidat und jede Kandidatin ein weißes Blatt ist. Und selbst dann bliebe es nicht wirklich objektiv, weil der Intendant, der amtiert, wie ich das ja auch gemacht habe, in sein Bewerbungsschreiben ja Dinge reinschreibt, die er weiß aus den drei Jahren. Möglicherweise ist er im Gegensatz zu anderen Kandidaten und Kandidatinnen pragmatischer, realistischer. Klingt nicht, vielleicht nicht so überschwänglich wie jemand, der von außen kommt und das Blaue am Himmel sieht und Wolken malt und so das machen kann, weil er die Realität nicht kennt. Vielleicht ist es in gewisser Weise ernüchternder, so ein Bewerbungsschreiben. Kann ja sein, so. Also, ich sehe da viele Probleme mit der wirklich wahren Objektivität.
Fabian Burstein
Ja, also, weil du das angesprochen hast, meine Haltung, ich habe da keinen Dissens mit dir. Ich glaube auch, dass wir klare Regelungen finden müssen, wie wir gegebenenfalls auch Verlängerungen ermöglichen, ohne Scheinausschreibungen. Die kosten nämlich einen Haufen Geld. Und zwar nicht nur, wenn der Wechsel vollzogen werden sollte, sondern auch in den Rundherumgeräuschen. Also, eine Ausschreibung ist nichts, was man kostenlos einfach reinstellt irgendwo, sondern das sind Beratungsressourcen, fließende Reihenausschreibungsressourcen in großen Blättern, idealerweise in internationalen Blättern. Auch das passiert in Österreich nicht immer.
Langer Rede, kurzer Sinn, dass wir da ein Problem haben, hier in diesem Land, das professionell, insbesondere mit Findungskommissionen zu bewältigen, die unabhängig sind, das steht, glaube ich, außer Frage. Ich will das jetzt trotzdem noch einmal ein bisschen nachvollziehbarer machen, indem wir das Verfahren wirklich Schritt für Schritt mal kurz durchgehen. Und im Rahmen dessen, und das ist mir auch wichtig, dann auch wieder auf eine inhaltliche Ebene kommen. Also sprich, was ist bislang unter deiner Intendanz passiert? Was hättest du gerne noch weitergemacht? Denn wir wollen ja jetzt nicht nur einfach Bewerbungsverfahren diskutieren, sondern auch ein bisschen über Oper sprechen.
Ulrich Lenz
Wir wollen nicht nach hinten schauen, wir wollen auch nach vorne schauen.
Fabian Burstein
Genau, richtig. Aber nichtsdestotrotz ist es wichtig, nochmal, um das alles zu verstehen. Ganz konkret gesagt, wer hat dich wann dazu ermutigt, dich erneut zu bewerben?
Ulrich Lenz
Die politischen Verantwortlichen, also Kulturstadträtin und Landeskulturrat, Landeskulturrat über Ecken, Kulturstadträtin direkt, der Holding-Chef. Ich habe es auch von der Aufsichtsratsvorsitzenden so wahrgenommen.
Jetzt kann man natürlich immer im Nachhinein sagen, ja, so war es nicht gemeint. Weiß ich nicht, ich wollte nur, dass sie mit dabei sind oder so.
Aber ich habe es so ganz klar und deutlich empfunden, dass man also explizit die Sätze zu mir gesagt hat: "Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre, wir würden uns sehr freuen, wenn Sie Ihre Arbeit hier in Graz fortsetzen."
Fabian Burstein
Wir sprechen Aufsichtsratsvorsitzende Maria Grohsbauer, derzeit Chefin vom Theater in Wiener Neustadt seit zwei oder drei Jahren und davor ÖVP-Mandatarin und Opernballorganisatorin. Beim Holding-Chef sprechen wir von Bernhard Rinner, auch ein ehemaliger ÖVP-Politiker. Wer kam noch? Landesrat, ich nehme an, Kornhäusel, also Kulturlandesrat. Wer ist in der Stadt Graz für Kultur zuständig?
Ulrich Lenz
Seit anderthalb Jahren etwa Dr. Claudia Unger.
Fabian Burstein
Ah ja, okay. Von welcher Partei?
Ulrich Lenz
Von ÖVP.
Fabian Burstein
Von der ÖVP. Gut.
Ulrich Lenz
Nachfolgerin von Günther Riegler.
Fabian Burstein
Alles klar. Das heißt, aus diesem doch sehr gewichtigen Feld gab es die entsprechenden Signale. Welche konkreten Gespräche gab es dann im Vorfeld, zum Beispiel mit Eigentümervertreter:innen oder mit Findungskommission-Mitgliedern, wo du das Gefühl gehabt hättest, okay, da gibt es Rückenwind?
Ulrich Lenz
Also, ich habe mit allen vier Mitgliedern der Fachjury im Vorfeld gesprochen, sprich mit Bernhard Rinner, mit Maria Grohsbauer, mit Frau Rabl-Stadler, Helga Rabl-Stadler und Elisabeth Soboth, kam meiner Vorvorgängerin, wo mir auch suggeriert wurde, sage ich es jetzt mal so, dass das ja eigentlich in gewisser Weise klar sei, dass ich da weitermachen müsse, weitermachen solle, dass man das sich jetzt auch von allen Seiten wünschen würde.
Also, für mich ein relativ klares Signal. Wie gesagt, man kann im Nachhinein dann immer sagen, das hast du falsch verstanden oder so, so war es gar nicht gemeint, aber ich bin jetzt auch nicht so, wie soll man sagen, naiv, dass ich das nicht in der richtigen Weise deuten kann.
Fabian Burstein
Dann kann ja eigentlich oder könnte ein Knackpunkt die Bewerbung an sich gewesen sein. Das wäre theoretisch möglich. Welche Erwartungen waren denn an deine Bewerbung für eine zweite Amtszeit geknüpft, beziehungsweise welche Erwartungen hast du an eine zweite Amtszeit geknüpft? Ging es da um künstlerisches Konzept, um Budgetziele, um Personal, um Kooperationen, um das Verhältnis zur Stadtgesellschaft? Da kann es ja ganz unterschiedliche Schwerpunkte geben.
Ulrich Lenz
Ja, das sind alles Aspekte, die ganz wichtig sind, finde ich, die auch in der Ausschreibung hier angesprochen wurden, wie man die Zukunft der Oper Graz sieht, wie man das künstlerische Programm gestalten will, der Austausch mit der Gesellschaft und dergleichen. Also für mich auch wichtige Aspekte. Schon in der Ausschreibung hat sich ein bisschen was verändert im Vergleich zu der ersten Ausschreibung, für die ich mich also als erstes beworben habe und dann jetzt eben Intendant bin seit drei Jahren, dreieinhalb Jahren. Finde ich so in der Gewichtung, kam schon mehr hinein, wie gestaltet man die finanziellen Herausforderungen der kommenden Jahre. Also wie geht man mit den Budgetkürzungen, was gibt es da für den mit den Budgetkürzungen und Einsparungen umzugehen.
In den Gesprächen hatte ich auch dann ein bisschen das Gefühl, es ging für meine Verhältnisse ein bisschen zu sehr darum. Natürlich ist es wichtig, also absolut wichtig, und damit muss man irgendwie letztlich umgehen. Aber ich finde, man kann das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Ich finde, man muss ein künstlerisches Konzept haben, Ideen haben und dann sich überlegen, wie komme ich mit dem, was ich an Ressourcen habe, damit aus. Zu sagen, von hinten, wir haben so wenig, was können wir denn überhaupt machen, um noch mehr einzusparen, finde ich als Ansatz ein bisschen schwierig.
Also ein bisschen vergleichbar, wenn ein Regieteam zu uns kommt und sein Konzept vorstellt, dann schaut man letztlich, wenn das Konzept da ist, ui, die Bühne, die werden wir nicht umsetzen können, das ist zu teuer. Kostüme, drei Chorsätze, uh, auch schwierig oder so. Es wäre aber meiner Meinung nach falsch, zu einem künstlerischen Team zu sagen, passt mal auf, also von vornherein, klar, wir haben natürlich finanziellen Rahmen, wir sagen, so und so viel ist das Budget. Aber von vornherein schon zu sagen, also macht lieber keine Aufbauten, die über vier Meter hoch sind, macht nur zwei statt drei Chorsätze. Wenn ihr überhaupt einen zweiten Chorsatz wollt, das von Anfang an die Schere schon anzusetzen, finde ich schwierig. Man muss dann schauen, wenn man ein künstlerisches Konzept hat, wie man damit umgeht.
Also da war schon sicherlich die Betonung aus der Situation heraus, ist auch nachvollziehbar. Da, aber ich habe so das Gefühl gehabt, in den Hearings, ja, aber reden wir auch noch über Kunst, reden wir über ein Konzept, reden wir, wie es weitergehen soll. Und ich habe ja vieles in den letzten drei Jahren mit meinem Team durchaus erreicht an künstlerischer Qualität und an Hausöffnungen, an unterschiedlichen, an sehr unterschiedlichen Programmen, mit einem sehr unterschiedlichen Repertoire, unterschiedliche Stücke, die aus altbekannten Blockbustern, weniger bekannten, neu zu entdeckenden bestehen, großartige Regisseure, junge Regisseure, arrivierte Regisseure und Regisseurinnen so. Und das würde ich natürlich gerne, hätte ich natürlich gerne fortgesetzt.
Und da sind wir wieder bei dem, was wir am Anfang gesagt haben. Vielleicht klingt das ein bisschen langweilig, wenn man dann sagt, ja, das würde ich gerne fortsetzen, wenn man sagt, das habe ich erreicht. Das sind doch tolle, tolle, ja, tolle Erfolge, die wir in den letzten drei Jahren haben und das würde ich gerne fortsetzen. Vielleicht ist der Satz letztlich zu kurz, im Gegensatz zu jemandem, der kommt und sagt, und das und das und das und das habe ich noch als Idee. Ja, kann sein, aber es ist ja irgendwie das Logische. Es ist ja auch letztlich der Anlass dafür, dass Menschen sagen, wir würden uns freuen, wenn sie weitermachen dort.
Fabian Burstein
Ich habe mich kürzlich hier am Bühneneingang mit dem noch künstlerischen Team des Schauspielhauses Wien unterhalten, das auch nicht verlängert wurde. Und die konnten relativ klar festmachen, mit einer ähnlichen Vorgeschichte, wann es plötzlich so einen atmosphärischen Kipppunkt gab. Also wann sie das Gefühl gehabt haben, ui, irgendwas stimmt da nicht. Gab es so einen Kipppunkt auch bei dir?
Ulrich Lenz
Ja, ich habe den Podcast auch gehört mit Martina Grohmann und Tobias Herzberg, fand ich sehr, sehr interessant, weil ich tatsächlich auch einige, interessanterweise einige Paralitäten festgestellt habe, obwohl das ja unterschiedliche Kommissionen sind, unterschiedliche Städte, unterschiedliche Menschen und so.
Ich habe schon im ersten Hearing, in dem quasi nur die Aufsichtsratsvorsitzende, der Holding-Chef und Oliver Scheid von den Kulturexperten, also der Beratungsagentur, dabei waren, bin ich etwas ernüchtert rausgegangen und habe gedacht, also wenn man mich jetzt hier halten will, war das eine ganz komische Atmosphäre. Also da hat man, ich habe jetzt nicht das Gefühl gehabt, dass sich da alle freuen und ins Zeug legen und sagen, wow, hey, toll oder so, sondern es war, die meiste Zeit hat Oliver Scheid gesprochen. Ja, also ich war einfach irritiert.
Dachte, okay, vielleicht ist es so, vielleicht ist es eben auch, dachte ich, aus der Situation heraus so, dass ich ja alle kenne letztlich, im Gegensatz zu den anderen Kandidaten. Vielleicht ist man da schon, ja, wir wissen ja eh, was er sagt, ist okay, ja. Also gar nicht unbedingt negativ. Ich habe es nur versucht, irgendwie einzuordnen. Komisch, hatte eine andere Erwartung letztlich. Da war schon, bin ich wie gesagt schon irritiert rausgegangen.
Und im zweiten Hearing hatte ich tatsächlich dann, ehrlich gesagt, habe ich es erst im Nachhinein realisiert, weil ich immer noch so drauf war, hey, die sind alle für mich und so, naiv, kann man sagen, so. Im zweiten Hearing, im Nachhinein, wirklich zwei Tage später, bin ich aufgewacht und habe realisiert, die waren gegen mich. Die haben gegen mich geschossen, die haben gegen mich argumentiert. Das war nicht mehr wohlwollend, ich höre zu, es ist toll und wie kann man das denn weiterführen, sondern es waren, es wurden Fakten-Insider-Informationen auch angeführt, die quasi gegen mich waren, die mich verunsichert haben, verunsichern sollten und aufs Glatteis führen sollten oder in die Ecke drängen sollen. Wo das Hearing für mich gefühlt, wie gesagt, realisiert habe ich es erst im Nachhinein, das Hearing für mich im Nachhinein habe ich es realisiert, zu einem Verhör fast wurde, als ein Hearing, wo sag uns und wir wollen hören, was du sagst.
Fabian Burstein
Kannst du da ein Beispiel nennen, damit sich die Hörerinnen vorstellen können, was das bedeutet? Weil tatsächlich diese Hearing-Situation, die ist vielen Menschen, auch die sich mit Kunst und Kultur befassen, nicht bewusst oder die haben das nicht präsent und das interessiert immer sehr. Was passiert eigentlich da? Kannst du da ein Beispiel nennen, wo du dir gedacht hast, Moment mal, was ist denn da jetzt los?
Ulrich Lenz
Ja, also oft ist es so, man wird gebeten, dann vor allen Dingen fürs zweite Hearing ein künstlerisches Konzept zusammenzustellen oder einen Spielplan oder beides oder es ist nicht so klar definiert. Also auf jeden Fall ist man meistens immer gebeten, quasi von sich aus erstmal vorzustellen, was haben Sie vor, wie wollen Sie das machen, wie wollen Sie das angehen.
Ich habe in dem Fall tatsächlich einen Spielplan über zwei Spielzeiten vorgestellt, anhand dessen ich quasi auch erklären konnte und erläutern konnte, wie ich das weiterführen wollte, wie ich auch mit den finanziellen Herausforderungen, wie ich darauf reagieren möchte oder kann letztlich. Also das ist sozusagen was Handfestes.
Für mich ist es immer gut, irgendwie was Handfestes. Man redet über viel und das sind so blumige Worte, aber wenn man sagt, dieses Stück setze ich auf den Spielplan, weil. Und dann setze ich danach dieses Stück auf den Spielplan, weil. Und das mache ich als Koproduktion, weil. Und jetzt nehme ich mit dem Regisseur, dann ist es handfest. Anhand dieser Namen und dieser Titel kann ich dann aber erklären, was meine Gedanken sind.
Fabian Burstein
Entschuldige, dass ich kurz unterbreche. Ich habe mich ja ein bisschen auch umgehört in der Szene, auch in der steirischen Szene. Das mache ich ja immer vor so einem Podcast. Und ich habe gehört, dass das tatsächlich ein Asset aus deiner ersten Bewerbung gewesen sei, warum man sich für dich entschieden hat, dass du ziemlich konkret Spielpläne einfach präsentiert hast. Also genauso wie du es beschrieben hast. Entschuldige, das wollte ich nur einschieben, weil das ist, glaube ich, eine wichtige Zusatzinformation.
Ulrich Lenz
Aber ich glaube, wichtig ist, dass man sagt, das ist jetzt nicht der Spielplan, der es dann vielleicht unbedingt 100 Prozent werden wird, obwohl ich tatsächlich ganz, ganz viel von dem, was ich bei meiner ersten Bewerbung vorgestellt habe, auch dann wirklich umgesetzt habe. Es ist für mich in gewisser Weise, sind es Platzhalter, damit man versteht, wie ich das angehe und dass ich auch ein Gefühl und ein Gespür habe, wie sich so ein Spielplan aufbaut, wie man nacheinander quasi die Stücke setzt. Und anhand dieses Gerüsts kann ich ganz viel letztlich dann erklären an allgemeineren Dingen und künstlerischen Visionen. Also das ist so quasi der erste Teil. Man ist aufgefordert, von sich aus quasi zu reden und vorzustellen.
Und dann gibt es Nachfragen danach. Dann fragt jemand, ja, warum dieses Stück und nicht ein anderes Stück zum Beispiel. Absolut zulässig oder so. Und glauben Sie wirklich, dass Sie diesen Regisseur oder diese Regisseurin bekommen? Da kamen bei mir aber Fragen als erstes. Man hätte sich im Haus umgehört und da gäbe es ja dieses und jenes Personalproblem. Personalprobleme gibt es natürlich immer in dem Haus.
Man versucht, sie zu lösen. Manchmal geht es schneller, manchmal geht es weniger schnell. Aber ob das jetzt quasi ausschlaggebend ist dafür, dass man seine Intendanz weiter fortsetzt oder nicht, ein Problem ist ja letztlich, gibt es wie gesagt überall. Dann ist die Frage, löst man es oder löst man nichts? Hat man es gut gelöst oder hat man es nicht gut gelöst? Aber es ist eine sehr, sehr konkrete Information, die man jetzt gegen jemand anführt.
Fabian Burstein
Was war das? Also um was ging es? Nur grob ging es da um, ich weiß nicht, Arbeitszeit? Ging es da um, dass du jemanden angeschrien hast? Was?
Ulrich Lenz
Ein Mitarbeiter, sagen wir es mal so, ich möchte jetzt niemanden beschädigen. Also ein Mitarbeiter, ja, der schwierig war, der kompliziert war, ein Vorgesetzter, der kompliziert war, mit dem es Probleme im Haus gab und von dem man sich am Ende trennen musste. Sagen wir mal so. Difficile Sache. Das jetzt auszuarbeiten ist ein bisschen zu schwierig und geht auch, tritt auch menschen nahe. Aber es ist wirklich so eine Insider-Information. Ich würde sagen, jeder Mensch, der einen größeren, mittleren oder größeren Betrieb leitet, kennt diese Probleme, weiß, dass man die nicht so leicht lösen kann.
Mein Bemühen war und ist immer, beide Seiten zu hören, auf beide Seiten anzugehen, eine Lösung zu finden, im Endeffekt dann vielleicht auch Entscheidungen zu treffen, die für die eine Seite oder die andere Seite unangenehm sind, aber eben da auch nicht davor zu zögern, weil ich das habe ich eben auch oft erlebt, dass man Dinge rausschiebt oder so. Sagen wir mal, in dem Fall war das Problem, dass man mir diese Zeit nicht gegeben hat und dass man mir nicht klar und deutlich genug von den betroffenen Stellen signalisiert haben, hier gibt es ein Riesenproblem und dieses Problem müssen wir irgendwie lösen.
Für mich persönlich auch eine schwierige Sache, weil ich glaube, dass ich einen sehr guten, engen Kontakt zu ganz, ganz vielen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Haus habe. Also jetzt nicht nur zu den Sängern und Sängerinnen oder so, sondern auch zu vielen Musikern des Orchesters, zu Technikern auf der Bühne und so. Von so her habe ich gehofft, dass in so einem Fall die Menschen direkt zu mir kommen, was in dem Fall aber nicht gleich erfolgt ist und so. Und das ist schwierig, war für mich schwierig, auch damit umzugehen.
Aber am Ende des Tages, wie gesagt, bei 350 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen passieren solche Sachen. Dann fragt man sich, muss man sich natürlich konstruktiv fragen als Intendant, was ist da schiefgelaufen, warum sind die nicht zu mir gekommen. Aber ja, daran arbeitet man und daraus lernt man dann auch so.
Aber das jetzt im Hearing quasi, und da sind wir wieder bei der Objektivität, denn diese Information, woher sie auch immer kam, lasse ich mal offen, ja, diese Information hat natürlich keiner von der Fachjury über jeden anderen Kandidaten. Also ich glaube nicht, dass man sich dann über die anderen Kandidaten in den Häusern auch umhört und dann diese Erkenntnisse kriegt. Die hat man nur über den amtierenden Intendanten, weil es genügend Menschen in dem Raum des Hearings dann gibt, die diese Informationen haben und dann auch vorbringen können. Das ist ein bisschen das Schwierige.
Fabian Burstein
Also das heißt, deine Einschätzung ist einfach die, dass Probleme, die tatsächlich in vielen großen Häusern ja an der Tagesordnung stehen, also wenn man viel Personal hat, wird es nie ganz friktionsfrei abgehen.
Die Frage, oder die große Frage ist ja immer, gibt es da ein systemisches größeres Problem oder hat man einfach schwierige Herausforderungen mit bestimmten Personen, die man zur Zufriedenheit oder zur mäßigen Zufriedenheit der einen oder der anderen Seite löst.
Du hast das Gefühl gehabt, dass man sich da was rausgepickt hat, was mehr oder weniger unangenehm, aber in gewisser Weise auch Daily Business ist, um dir dann eine Form von Führungsversagen oder Führungsschwäche zu unterstellen.
Ulrich Lenz
Ja, um mich zu verunsichern. So habe ich es letztlich empfunden.
Weil wenn es ein systemisches Problem gäbe, dann ist, glaube ich, das Hearing nicht der Ort, um das auszuloten. Dann müsste man das vorher machen. Oder dann sind wir wieder bei dem, was wir am Anfang gesagt haben. Man müsste dann sagen, das ist so schwierig mit diesem Intendanten, da gibt es so viele Probleme in der Personalführung oder so, der kann einfach seinen Job nicht weitermachen.
Dann sind wir wieder da. Dann braucht er auch nicht sich in ein Bewerbungsverfahren. Also ich habe im Nachhinein die Person, die mich das gefragt hat, im Hearing noch gefragt, ist das jetzt der Grund, warum Sie sich für jemand anderen entscheiden? Das werfen Sie mir vor.
Das wurde dann abgewehrt. Und nein, nein, das ist jetzt nicht. Also das hat jetzt damit mit der Entscheidung nichts zu tun. Warum kommt es dann auf den Tisch?
Fabian Burstein
Gab es irgendeine Person in dieser Findungskommission, die Sie besonders irritiert hat in Bezug auf die Diskrepanz zwischen davor und danach? Also ein Mensch, mit dem du vorher gesprochen hast und der wirklich völlig diametral dann gehandelt hat in dem Verfahren?
Ulrich Lenz
Ja, für mich letztlich alle vier Mitglieder der Fachjury waren für mich.
Und damit sage ich jetzt ganz persönlich, es hat mich den ganzen Sommer über beschäftigt. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen albern oder so, aber genau das hat mich den ganzen Sommer beschäftigt.
Ich habe immer wieder gefragt, wie kommt das, wie kommt das? Wie kann ich drei Wochen vorher noch so ein vertrauliches Gespräch mit diesen Personen führen? Und auf einmal sitzen die mir so gegenüber.
Ich habe dafür keine Erklärung. Wir sind wieder bei fassungslos. Ich verstehe es einfach nicht.
Fabian Burstein
Kannst du ein bisschen skizzieren, jetzt mal dein künstlerisches Konzept? Das ist natürlich, lass uns kurz mal wieder zur Kunst abbiegen.
Was wäre dir denn vorgeschwebt auf Basis dessen, was du die letzten Jahre gemacht hast, was ja wirklich positiv rezipiert wurde? Was ich jetzt, und vielleicht kannst du das auch gleich mit beantworten, nicht einschätzen kann, weil dazu die Zahlenlage noch nicht durchgängig genug ist.
Ich kann nicht einschätzen, wie das Publikum reagiert hat, also ob das auch ein Publikumserfolg war. Vielleicht kannst du da möglichst ehrlich mir einen Einblick geben, wie sich das mitentwickelt hat mit deinem Programm.
Ulrich Lenz
Ja, also wie ich gerade sagte, es klingt ein bisschen langweilig. Ich hätte gerne das fortgesetzt, was ich in den letzten drei Jahren mit meinem Team da aufgebaut habe. Aber einen sehr vielfältigen, bunten Spielplan, das ist mir schon mal wichtig. Weil, warum? Ich glaube, ein Großteil der Besucher, die regelmäßig in die Oper Graz gehen, Besucher und Besucherinnen, möchten eben diese Abwechslung haben. Also wer wirklich in alle unsere Premieren kommt, der möchte nicht La Traviata, Tosca, Anna Tefka, die lustige Witwe, und was haben wir dann noch am Ende? Wagner, der fliegende Holländer. Sondern der möchte diese Reise haben, die ich eben immer wieder neu aufgestellt habe.
Wir beginnen mit dem Tannhäuser und dann kommt La Cenerentola, Rossini, aber dann kommt auch ein unbekanntes Stück. Dann spielen wir Castor und Pollux, ein unbekanntes Barockstück. Jetzt diese Spielzeiten machen wir die österreichische Erstaufführung von Olga Neuwirth, zeitgenössische Komponistin. Meine ersten Spielzeiten haben wir schlaflos von Ötvisch gemacht. Also es wiederholen sich so bestimmte Positionen. Zeitgenössisches, das Musical gehört immer dazu, die Operette. Ich habe eher unbekanntere Titel von bekannten Komponisten auf den Spielplan gesetzt.
Und was mir ganz wichtig ist, das gehört ganz wichtig für mein Konzept dazu. Ich suche sehr lange und sehr genau nach dem richtigen Regieteam für das richtige Stück. Da bin ich auch bereit, Verschiebungen in Kauf zu nehmen. Es gibt Intendanten, die machen sich ihren Spielplan, nach welcher Vorlage auch immer. Ich habe jetzt so ein bisschen versucht, das darzustellen. Alle Epochen, alle Genres, alle Sprachen auch, alle Stile so ein bisschen immer wieder zu bringen. Machen also so einen bunten Spielplan und dann sagen sie, so wen haben wir jetzt für dieses erste Stück? Ah, der XY. Ruft man den an, der hat keine Zeit. Okay, dann suchen wir jemand anderen für dieses erste Stück.
Bei mir ist was anders. Ich denke, welches Stück machen wir? Ah, der Regisseur, der könnte ganz toll dieses Stück machen. Setzen wir das mal da rein. Hat er da Zeit? Ah, nee, er hat keine Zeit. Dann machen wir doch ein anderes Stück da. Oder wir setzen dieses Stück ans Ende des Spielplans. Konkretes Beispiel, letzte Spielzeit wollte ich eigentlich eröffnen mit Rosenkavalier, große Straußopern am Anfang. Ich hatte aber einen ganz bestimmten Regisseur dafür vorgesehen, weil ich dachte im Vorfeld, ja, Rosenkavalier war lange nicht an der Oper Graz. Höchste Zeit, dass man wieder mal Rosenkavalier spielt. Schwieriges Stück, aber ich weiß nicht, wer könnte Rosenkavalier heute hier und jetzt spannend machen.
Es begann die Zusammenarbeit in der ersten Spielzeit mit Philipp Krenn, der eine wunderbare Inszenierung von Schlaflos von Ötvisch gemacht hat. Und im Gespräch ergab sich irgendwie, oh ja, Rosenkavalier, da hätte ich riesige Lust drauf. Also ich dachte auch, ja, das ist der Regisseur für den Rosenkavalier. Also, Spielzeit Eröffnung, Rosenkavalier. Philipp Krenn sagt, Anfang der Spielzeit, tut mir leid, kann ich nicht. Dann eben nicht den nächsten Regisseur anrufen und sagen, dann machst du halt den Rosenkavalier. Philipp, du kriegst eine andere Oper dann später, sondern hast du am Ende der Spielzeit Zeit. Ja, da hätte ich Zeit.
Gut, also Rosenkavalier am Ende der Spielzeit. Gibt es auch schon Leute, die sagen, oh, am Ende noch so einen großen Klopper, ja, lange Rosenkavalier und so. Ja, verstehe ich, aber Philipp Krenn, Rosenkavalier, das war es letztlich so. Also es ist nur so ein Beispiel.
Fabian Burstein
Ich glaube, das ist sehr interessant.
Ulrich Lenz
Also das war mir wichtig, weiterzuführen letztlich und eine Mischung auch aus den Regisseuren und Regisseurinnen zu bekommen, also arrivierte Regisseure, Regisseure, die auf dem Sprung sind. Philipp Krenn, als er bei uns Schlaflos gemacht hat, war jetzt gerade noch nicht so, hatte noch nicht so viele Aufträge und seither ist er eigentlich, startet er eigentlich durch und hat dann an größeren Häusern auch inszeniert. Oder eben dann Regisseure zu bekommen, mit denen ich zum Teil eben auch eine künstlerische Beziehung habe, die eigentlich, die wir nicht bezahlen können, weil sie an der Wiener Staatsoper inszenieren wie Jewgeny Titow, jetzt gerade Covent Garden an der Pariser Opera. Also die können wir eigentlich von den normalen Gagen, die die üblicherweise bekommen, gar nicht bezahlen.
Die kommen aber zum einen, weil ich sie kenne und überrede und überzeuge, zum anderen, weil sie tatsächlich dann auch feststellen, in Graz kann man super gut arbeiten. Also das ist ein kleineres Haus, jetzt sozusagen von den technischen Möglichkeiten der Techniker, Crew und so weiter. Und finanziell natürlich auch. Aber da sind alle brennend dafür, die Möglichkeiten umzusetzen. Und an anderen großen Häusern ist man quasi manchmal ein Rädchen. Da kommen nur solche Regiekaliber und sagen, wer bist du? Das muss halt so funktionieren. Nee, kriegst keine Probe mehr. Bei uns versucht man dann es irgendwie möglich zu machen.
So, also diese Mischung war und ist mir eben auch ganz wichtig. Ich glaube auch, dass mir da einiges gelungen ist und dass da auch einiges bei rausgekommen ist. Und ich glaube, dass es nicht so alltäglich ist, muss man auch sagen. Also das ist jetzt, ich meine, ich bin ja selber, es hätte ja auch nicht gelingen können, muss man sagen jetzt, diese letzten drei Jahre. Und dann kommt es mir eben noch drumherum drauf an, tatsächlich das Klischee, das es immer noch gibt. Oper ist quasi was Elitäres, ist teuer, ist kompliziert. Da komme ich nicht mit, da muss ich mich schön anziehen, da muss ich irgendwie, weiß ich nicht. Da fühle ich mich einfach nicht wohl, weil ich umgeben bin, das mit diesem Klischee aufzuräumen, was man nie aufhören kann, weil es setzt sich einfach fort. Ich mache das seit 30 Jahren quasi. Immer wieder sagen, nee, Leute, so ist es doch gar nicht. Es muss gar nicht lang sein. Es muss nicht anstrengend sein. Es ist auch nicht teuer.
Du kriegst ganz viel drumherum, wo du verstehen kannst und bis zu den Übertiteln und so. Und am Ende des Tages versuch es einfach mal. Musik erzählt ganz viel, was du gar nicht verstehen musst mit intellektuellen Fähigkeiten, sondern das geht direkt ins Herz hinein. Also das versuche ich durch verschiedene Aspekte und verschiedene Projekte immer zu betreiben. Auch unter anderem, weil Oper wird finanziert von den Steuerzahlern. Da steht ein großes, wunderschönes Haus in der Mitte der Stadt. Das ist das Haus von allen. Das gehört auch allen. Da sollen auch alle reingehen. Und wenn sie nicht in die Oper gehen, dann sollen sie das Haus anders erleben.
Deshalb habe ich eben gleich von der ersten Spielzeit ein Kaffeehaus im Foyer eröffnet. Einfach, damit das Haus auch geöffnet ist, wenn keine Vorstellungen sind. Damit die Menschen da reingehen können und sagen, das ist mein Opernhaus. Es kommen tatsächlich sehr viele Menschen ins Opernhaus in Graz und machen ein Selfie und fotografieren sich auf der Stiege, weil die so schön ist. Es ist wunderbar, es ist toll. Ich hole Gruppen, Gäste, Popgruppen, verschiedenste Musik, folkloristische Musik, ganz unterschiedliche Sachen, Kabarettisten ins Haus, immer mal wieder, um andere Menschen da reinzuholen und dass sie quasi dieses Haus auch als ihres wahrnehmen.
Im besten Falle vielleicht dann wiederkommen, aber wenn nicht, ist auch okay. Sondern dann sagen sie, wir haben den Josef Hader in der Oper gesehen. Was toll, tolle Location, unsere Oper, wow. Da muss man dann auch nicht. Also dieses ganze Spektrum, finde ich, gehört für mich dazu, auch rauszugehen aus der Oper. Also wir haben gleich in der ersten Spielzeit sind wir aufs Land gefahren, haben eine kleine Mini-Erzähloper präsentiert und den zweiten Teil gab es.
Da gab es einen Cliffhanger am Ende der Geschichte. Es war extra komponiert dafür, ein kleiner Cliffhanger am Ende der Geschichte. Und den zweiten Teil hat man dann im Opernhaus erlebt. Wenn man aber nicht ins Opernhaus kam und nur den ersten Teil in Lietzen oder in St. Ruprecht an der Rama gibt es, das heißt es so. Ruprecht oder irgendwas. Egal, wir sind in ganz verschiedene Städte gefahren. Nach Bad Radkersburg zum Beispiel, nach St. Radegund. Wenn man das dort erlebt hat, nur den ersten Teil, auch in Ordnung.
Man hat gesagt, die Oper ist zu uns gekommen. Es kamen auch Rückmeldungen. Wow, die Oper kommt zu uns. Echt, wow, Wahnsinn. Ja, ist eure Oper auch. Also es sind jetzt ganz viele so kleine Sachen, wo dann so der Große drüber sagt, also so quasi auch die Heudigung sagt, ja, ganz nett. Aber für mich ist es wichtig, letztlich.
Fabian Burstein
Es ist auch tatsächlich strukturell wichtig. Wir wollen ja auch immer so ein paar Grundsatzfragen klären am Bühneneingang. Dein Haus ist ja nicht nur der Stadt Graz zugeordnet oder nur dem Land, sondern da gibt es zwei große Gesellschafter, nämlich die Stadt und das Land. Das heißt, du hast nicht nur den Auftrag, die städtische Gesellschaft zu bespielen und zufriedenzustellen, sondern im Bundesland zu wirken.
Ulrich Lenz
Von meinem Vertrag her aber, meinem jetzigen Vertrag, muss man sagen, bin ich verpflichtet, im großen Haus 135.000 zahlende Besucher und Besucherinnen pro Jahr zu bekommen. Nur im großen Haus. Das heißt, wenn ich aufs Land fahre, mache ich schon etwas, wo ich quasi Ressourcen abziehe dafür, die ich vielleicht im großen Haus dann nicht verwenden kann. Und kein einziger dieser Besucher, der im Land eine Aufführung von uns besucht, wird gezählt für diese Zahl, die ich erreichen muss.
Fabian Burstein
Ist das wirklich so?
Ulrich Lenz
Ist es so, ja.
Fabian Burstein
Nebenbei gefragt, hast du die 135.000 erreicht?
Ulrich Lenz
Im ersten Jahr ganz knapp nicht. Es fehlten mir 448. Aber man muss sagen, die erste Spielzeit 23, 24 war noch so ein bisschen aus der Corona-Zeit raus.
Fabian Burstein
Ganz schwierig in allen Theatern.
Ulrich Lenz
Ja, also wir hatten mehr Zuschauerzahlen als das letzte Jahr meiner Vorgängerin, wo diese Zahl noch ausgesetzt war wegen Corona. Wir waren die erste Spielzeit, die quasi diese Zahl wieder erreichen mussten. Wir haben sie um 448 verfehlt. Aber dann, es geht stetig nach oben. Wir haben jetzt quasi die Zählung gemacht für die letzte Spielzeit und kommen auf etwa 148.000. Also da zeigt sich schon eine Steigung.
Fabian Burstein
Okay, das heißt, man kann jetzt auch nicht sagen, du hast irgendwelche Zielvorgaben ganz brutal nicht eingehalten und da ist was weggebrochen. Plus, du hast on top auch dezentral gespielt und das fällt jetzt gar nicht in diese Statistik rein.
Ulrich Lenz
Ja, so ist es. Ganz genau so ist es. Jetzt muss man sagen, dass man natürlich immer eine bestimmte Auslastungszahl erreichen sollte, sage ich mal. Sollte ist tatsächlich in den meisten Verträgen meiner Kolleginnen und Kollegen im deutschsprachigen Raum so formuliert. Das ist normal.
Aber dass es eine fixierte Zahl gibt, das gibt es meines Wissens nur in Graz und in der Steiermark. Also nur bei der Oper Graz. Also eine Zahl, wo man, ich sage es jetzt mal etwas übertrieben, erreicht bestanden, nicht erreicht, durchgefallen. Also 134.999, bam, nicht erreicht. Rotes roter Marker. 135.001, erreicht. Knapp, aber erreicht. Das ist ein bisschen ungewöhnlich, möchte ich sagen.
Fabian Burstein
Ich meine, es spielt ja dann noch eine zweite heikle Frage eine Rolle. In Graz oder rund um die Bühnen Graz gibt es einen Akteur, nämlich den Geschäftsführer der Holding, Bernhard Rinner, der gemeinhin als durchaus machtbewusst gilt. Ich glaube, das ist jetzt nichts, wo man sich zu weit aus dem Fenster lehnt, wenn man das einmal so festhält. Wie war denn dein Arbeitsverhältnis zu ihm?
Ulrich Lenz
Naja, sagen wir so, es ist normal, würde ich sagen, ganz nüchtern sagen, normal, dass man natürlich unterschiedliche Interessenslagen hat. Bernhard Rinner als Holding-Chef muss den ganzen Laden zusammenhalten und muss natürlich auch auf das Budget schauen und dergleichen. Also er schaut darauf, dass am Ende die Bühnen Graz, und das sind fünf Töchtergesellschaften, also nicht nur die Oper, aber die Oper ist natürlich der größte Tanker in diesem Unternehmen, er guckt darauf, dass das am Ende im Gleichgewicht ist, letztlich so. Also das ist sein Job, und da gibt es natürlich unterschiedliche Interessenlagen. Sagen wir mal so, wenn ich Le Troyen auf den Spielplan setze, dann kann der Geschäftsführer schon sagen, ja gut, es ist die Frage, ob man damit dann im Gleichgewicht bleibt. Ich muss aber sagen, in den Spielplan hat sich Bernhard Rinner nie eingemischt und tut er auch nicht. Aber natürlich gibt es da Bemerkungen dazu.
Viel größer ist natürlich dann die Sache jetzt mit den Einsparungen, mit den Budgetkürzungen und so. Da ist die Frage halt, inwieweit sich da der Holding-Chef auch mal gegen die Eigentümer stellt, also gegen im Sinne protestiert, gegen Budgetkürzungen und Einsparungen oder inwieweit er da irgendwie mitgeht. Da ist er ja in so einer, ja, da ist er sicherlich in so einer Zwickmühle, da steht er so ein bisschen dazwischen und da muss er so ein bisschen schauen, wo er sich positioniert.
Da ist dann ja vielleicht ein bisschen größeres Konfliktpotenzial, denn ich sehe meine Aufgabe darin, das Haus, die Kunst und die Möglichkeiten für die Kunst zu verteidigen und auch klarzumachen und vehement klarzumachen, dass Einsparungen, ja, das wissen wir alle, wir können uns da nicht rausreden oder so, das ist in allen Bereichen jetzt notwendig, aber es muss umsetzbar sein und es muss realistisch sein und es darf, finde ich, die Qualität der Kunst und die künstlerische Freiheit nicht in Gefahr bringen.
Und wenn man Kürzungen sehr kurzfristig, sehr kurzfristig beschließt und nach sechs Monaten dann neue Sparmaßnahmen ankündigt, dann muss man schon auf jeden Fall auch mal sagen, schwierig, können wir nicht vielleicht einfach so umsetzen, von heute auf morgen, weil wir planen lange im Voraus, Oper planen zwei bis drei Jahre im Voraus.
Fabian Burstein
Könntest du dir vorstellen, dass deine aufkommende Konfliktbereitschaft, was dieses Thema betrifft, dich den Job langfristig gekostet hat?
Ulrich Lenz
Ja, könnte ich mir vorstellen. Will ich jetzt nicht einfach so behaupten, aber könnte sicherlich damit zusammenhängen.
Fabian Burstein
Es gibt auch Leute aus Graz, die bereits in der Ausschreibung eine gewisse Entmachtung des Opernchefs herausgelesen haben an einzelnen Details, also die herausgelesen haben, dass gegenüber der letzten Ausschreibung der Einfluss der Holding stärker unterstrichen worden wäre. Hast du das auch so empfunden und vielleicht sogar thematisiert?
Ulrich Lenz
Ja, habe ich auch so empfunden, habe ich auch thematisiert. Finde ich eben auch bedenkenswert und bedenklich. Also es ist dann immer die Frage, was ist Sinn und Zweck davon. Behauptet wird, dass das große Einsparungen bringt. Da habe ich eben so hie und da, nicht überall, aber in manchen Bereichen meine Zweifel gehabt und diese Zweifel habe ich auch angemerkt, muss ich sagen.
Also mir kommt, es ist natürlich immer die Frage, woher kommt man. Also es gibt natürlich andere Konstruktionen in anderen Häusern, wo man jetzt gar nicht diese Position als Intendant hat. Man muss dazu sagen, in Graz ist es so, dass der Opernintendant, auch die Schauspielintendantin, sind geschäftsführende Intendantin. Das heißt, sie haben die Verantwortung für den Jahresabschluss sozusagen, also für die Finanzen im Opernhaus. Natürlich einen Prokuristen an der Seite, der da auch massiv mit dran arbeitet und aber auch für das Künstlerische.
In ganz vielen Häusern gibt es eine Doppelspitze, einen kaufmännischen Direktor und einen künstlerischen Intendanten. Das hat beides Vor- und Nachteile. Wenn man eine Doppelspitze hat, dann muss man sich am Ende immer einig werden mit dem kaufmännischen Direktor, weil man steht meistens in der Hierarchie auf einer Ebene. Und wenn man sich nicht versteht miteinander oder so, dann kann das ziemlich schwierig werden. Dann kämpft man da immer drum.
Und am Ende des Tages muss man sagen, wer das Geld bestimmt, bestimmt am Ende auch darüber, was gemacht wird. Man kann natürlich sagen, ich mische mich nicht in deinen Spielplan ein, aber wenn du sagst, ja, jetzt mache ich La Dame d'Arsen de Faust und. Der kaufmännische Direktor sagt, wie viel, oh, da gibt es drei Kursätze, das können wir nicht machen. Der Regisseur ist zu teuer, so viel Geld haben wir nicht. Dann sagt man am Ende vielleicht, ja, dann machen wir das Stück vielleicht nicht oder so. Also da hat man natürlich Möglichkeiten.
Als geschäftsführender Intendant hat man sozusagen zwei Hüte auf oder zwei Seelen, ach, wohnen in der Brust des Intendanten. Er muss sozusagen mit sich selbst kämpfen. Wird immer so ein bisschen dagegen argumentiert, ja, dann macht der Künstler im Intendanten alles und überwältigt in sich sozusagen den Geschäftsführer. Das stimmt ja aber nicht, weil ich bin ja verantwortlich dafür. Ich muss ja am Ende eine ausgeglichene Bilanz vorlegen. Also ich kann nicht einfach machen, was ich will. Ich muss also mit mir streiten und muss abwägen und so. Und das hat auch einen großen Vorteil, weil man dann sehr viel freier sagen kann, okay, hier wird es jetzt ein bisschen teurer, aber dafür spare ich da ein bisschen mehr ein.
Fabian Burstein
Stimmt das Gerücht, dass man von dir als geschäftsführenden Intendanten perspektivisch und relativ kurzfristig einen siebenstelligen Betrag als Einsparungspotenzial gefordert hat, siebenstellig, also in Millionenhöhe?
Ulrich Lenz
Ja, unter einen siebenstelligen Betrag, aber das trifft alle, das trifft alle Tochtergesellschaften, so letztlich. Also es trifft die Bühnen Graz eben, betrifft sie als Ganzes. Aber es ist die Kurzfristigkeit, die das so schwierig umsetzbar macht.
Fabian Burstein
Du hast ja dieses heikle Binnenverhältnis auch, diese Balance zwischen künstlerischen und kaufmännischen Entscheidungen angesprochen.
Bei meinem Umhören, wie denn gerade so die Stimmungslage ist in Graz, in der Steiermark und vielleicht auch in Bezug auf die Bühnenholding, da gibt es schon so ein bisschen die Wahrnehmung, dass der derzeitige Geschäftsführer eher ein bisschen nach einer, wie soll ich es ausdrücken, Generalintendantenrolle streben würde, anstatt sich gerne zurückzunehmen.
Ist das eine Empfindung, die du unterstreichen kannst oder würdest du sagen, nein, das ist eine Behauptung, eine Einschätzung, die geht zu weit?
Ulrich Lenz
Also es gibt Momente, wo ich auch dieses Gefühl habe, muss ich sagen. Und ja, ich finde das schade, weil eigentlich, denke ich, in diesen Zeiten, wo es so schwierig ist, wo wir ja eigentlich alle an der Wand stehen, wäre man ja viel stärker, wenn man gemeinsam zusammensteht und mit Schulter an Schulter quasi versucht, die Probleme zu bewältigen und nicht einer versucht, da quasi vielleicht einen Vorteil für sich daraus zu ziehen, sondern wir müssen eigentlich alle kämpfen darum, dass uns die Mittel nicht komplett genommen werden und dass wir noch das machen können, wofür wir ja Steuergelder bekommen.
Das finde ich eben ganz wichtig. Das möchte ich einfach auch nochmal betonen. Das ist die Idee des subventionierten Theaters, die man in Mitteleuropa gefunden hat. Oper hat sich nie rentiert, zu keiner Zeit. Früher wurde sie von Fürsten, Königen finanziert und irgendwann hat dann in der Demokratie die Gesellschaft gesagt, das wollen wir jetzt nicht ganz aufgeben, dafür machen wir Gelder frei, wie wir für vieles andere auch Gelder frei machen.
Das ist die Idee, dass wir Dinge spielen, die sich nicht selbst rentieren. Wir sind nicht Taylor Swift, wir sind kein Musicaltheater, das sich einfach selbst finanzieren muss, sondern wir spielen Dinge, die sich quasi selbst nicht finanzieren können. Und daran, finde ich, müssen wir festhalten. Oder man sagt, das können wir uns jetzt nicht mehr leisten, wir machen das jetzt einfach nicht mehr. Ihr müsst jetzt schauen, als Oper, als Schauspielhaus, dass ihr einfach in die Selbstfinanzierung geht.
Dann spielen wir aber keinen Wozzeck mehr, dann spielen wir keinen Castor und Pollux mehr, dann spielen wir keinen Schlaflos von Ötvisch mehr, dann werden diese Werke nicht mehr gespielt. Also ich sage es jetzt mal ganz machiavellistisch, dann ist es so. Dann muss man das aber entscheiden. Aber so eine halbe Sache zu machen, zu sagen, jetzt kommen schwierige Zeiten, jetzt müsst ihr halt mal ein bisschen mehr Traviata, Tosca, Anna Tefka, die lustige Witte spielen, das finde ich, geht für mich irgendwann vorbei an der Idee des subventionierten Theaters.
Dann haben wir fast das Geld einfach auch nicht mehr verdient. Dann lieber komplett. Und ich fände es fatal, wenn man das so ein bisschen auf eine schleichende Weise macht und sagt, ja, jetzt machen wir halt mal so ein bisschen mehr, spielen wir halt statt einem Musical an der Oper Graz drei Musicals und zwei Opern weniger. Es ist das zweitgrößte Opernhaus Österreichs, das zweitbedeutendste Opernhaus Österreichs.
Ich finde, diese Aufgabe, diese Verpflichtung hat dieses Opernhaus auch. Es ist das Opernhaus, an dem die österreichische Erstaufführung von Richard Strauss "Salomé" stattfand. Deshalb findet jetzt auch die österreichische Erstaufführung von Olga Neuwirths neuer Oper "Monsters Paradise" statt. Egal oder nicht egal, aber obwohl man sagt, das ist jetzt vielleicht nicht per se der Blockbuster wie "La Bohème" oder "Die lustige Witwe".
Fabian Burstein
Ich verstehe, was du meinst. Es geht um ganz klare kulturpolitische Positionierungen, die eine Idee auch erkennen lassen. Also wie verstehe ich Oper oder Theater? Welche Funktionen hat sie für eine Gesellschaft und was brauche ich, um diese Funktionen konsequent zu unterstützen? Wenn ich irgendwann mal zu dem Schluss komme, es ist eben nicht dieses Entwickeln von Stoffen, das etwas riskieren und so weiter, da muss ich das klar sagen, aber nicht quasi unterwandern, habe ich dich da richtig verstanden?
Ulrich Lenz
Ja, genau. Und mein Ziel bei unserem Claim "Oper öffne dich", was ich versucht habe, so ein bisschen zu erläutern, war und ist auch immer einer Allgemeinheit, auch einer großen Allgemeinheit, die ja nicht in die Oper geht, zumindest die Botschaft zu vermitteln, da gibt es was, was wichtig ist, was Teil der Gesellschaft ist, wo ich vielleicht nicht hingehe, ist auch in Ordnung, muss ja nicht jeder Oper toll finden.
Aber was ich trotzdem gut finde und wichtig finde, dass es das in unserer Gesellschaft gibt.
Fabian Burstein
Ich will mit dir auch über das Thema Politikentfindungsjurys sprechen. Das ist in Österreich meistens ein sehr subtiles Thema, weil per se unabhängige Expertinnen entsandt werden, die aber auf die eine oder andere Art in massiven Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren EigentümerInnen stehen und potenziell auch eine Verlängerung wollen. Das ist zutiefst menschlich. Das heißt, in vielen Fällen nicht gegen den politischen Willen entscheiden werden, aber gleichzeitig als Carte blanche verwendet werden, quasi die Findungskommission hat gesagt und damit ist das eine unabhängige Entscheidung.
In deinem Fall war die Findungsjury weniger subtil politisch geprägt. Das muss man jetzt mal klipp und klar sagen. Mit Helga Rabl-Stadler, Bernhard Rinner und Maria Grohsbauer sind explizit ÖVP-nahe Kräfte da drin gesessen, wobei ich bitte schon betonen will, dass die Helga Rabl-Stadler ja eine wirklich renommierte Kulturmanagerin ist, die sich quasi etabliert hat in dem Sinne, dass sie sich auch nicht mehr nachsagen lassen muss, dass sie irgendwas aus politischen Gründen bekommen hat. Die ist eine starke Persönlichkeit, die auch die Kulturszene in vielerlei Hinsicht positiv geprägt hat.
Aber es besteht diese Verdichtung einer ÖVP-nahen Jury. Hältst du das für problematisch? Siehst du da irgendwelche Tangenten? Hat das irgendwie eine Rolle gespielt, dass da übergeordnete politische Ideen oder Machtkalküle in diese Jury hineingespielt haben?
Ulrich Lenz
Also für mich ist das ja eigentlich ein fremdes Terrain. Ich kenne das ja gar nicht so. Also in Deutschland ist es tatsächlich so, dass man gar nicht weiß, wer bei welcher Partei ist. Das habe ich erst hier so gelernt, dass das quasi auch immer so ein bisschen dazugehört. Ach so, ja, der kommt. Ah, okay, gut so. Und dann meine naive Frage erstmal war immer so, und ja, und was heißt das so? Ja, ja, die sind dann schon, die sprechen sich schon untereinander ab. Ach so, ah, okay.
Ja, liegt natürlich irgendwie nahe, aber ich sage wieder letztlich, ich kann mir gar nicht vorstellen, was eine Frau Rabl-Stadler für Beweggründe haben sollte, sich da jetzt in irgendeine Richtung ziehen zu lassen, auch in der Frage der Findungskommission und der Entscheidung der Findungskommission, weil was soll das jetzt letztlich, also da bin ich vielleicht zu naiv dazu, aber was soll das ja letztlich bringen? Ich meine, die Frau steht ja so über allem letztlich, also weil sie, wie gesagt, eine anerkannte Größe im Kulturleben ist. Ich glaube, 22 Jahre Präsidentin der Salzburger Festspiele so. Also wer soll ihr noch irgendwie jetzt flüstern, dass sie den Lenz nehmen soll oder nicht nehmen soll? Das denke ich, ist doch unabhängig so.
Also vielleicht kann ich einfach so weit nicht denken, muss ich sagen. Aber interessant ist vielleicht nochmal im Vergleich mit der Findungsjury bei meiner ersten Bewerbung, in der eben neben der Aufsichtsratsvorsitzenden damals noch Dr. Elisabeth Freismuth und dem Holding-Chef Bernhard Rinner, Jossi Wieler, ehemaliger Intendant Stuttgart, renommierter Regisseur, Stefan Heerheim, renommierter Regisseur, Intendant Musiktheater an der Wien, und Pamela Rosenberg, ehemalige Co-Intendantin Staatstheater Stuttgart, Intendantin der Berliner Philharmoniker. Also eine Fünferjury, von denen drei externe nicht aus Österreich kommen, zum Beispiel, also wahrscheinlich diese Parteizugehörigkeit auch nicht haben, nehme ich mal an, letztlich, und tatsächlich aus dem künstlerischen Bereich kommen. Also Pamela Rosenberg, Kunstmanagement schon, aber ja, also stärker aus dem künstlerischen Bereich.
Fabian Burstein
Übrigens wieder eine Parallele zum Schauspielhaus Wien, dass sich die Findungskommission massiv verändert hat und dann im Zuge dieser umstrittenen Entscheidung eben eine Findungskommission zugegen war, wo ein viel stärkerer politischer Einschlag und auch eine stärkere Abhängigkeit gegenüber politischen EntscheidungsträgerInnen zu spüren war. Jetzt gibt es aber noch einen anderen Aspekt. Die Stadt Graz ist ja stark von der KPÖ geprägt. Hat sich die irgendwie eingebracht in diese Findung? Hast du mit jemandem gesprochen, zum Beispiel mit der Bürgermeisterin?
Ulrich Lenz
Ja, also es gibt einen Austausch mit der Bürgermeisterin, es gibt einen Austausch auch mit den GemeinderätInnen, die im Aufsichtsrat sitzen. Es gibt einen Austausch aber auch mit dem Vertreter des Landes, der schon länger drin sitzt, der eher von der ÖVP kommt. Also ich pflege einen Austausch mit den unterschiedlichsten Playern in dem Bereich.
Tatsächlich war es ja im Nachhinein so, das konnte man ja auch nachlesen, dass die Empfehlung der Fachjury wird ja dann vom Aufsichtsrat oder wurde jetzt in dem Fall vom Aufsichtsrat beschlossen und da gab es kein einstimmiges Ergebnis. Die beiden Vertreterinnen im Aufsichtsrat von dem Gemeinderat aus der Grünen Partei und aus der Kommunistischen Partei haben eben nicht für die neue Kandidatin gestimmt, weil sie die naheliegende, meiner Meinung nach naheliegende Frage gestellt haben: "Wieso? Wieso wechseln wir jetzt den Intendanten, der so erfolgreich ist?"
Also da gibt es schon, ich meine, es ist leider so, dass Land und Stadt, die beiden Eigentümer, sagen wir es mal etwas banal, im Augenblick andere Sorgen haben und die Oper Graz oder die Bühnen Graz jetzt nicht ganz oben auf der Agenda stehen. Ist ja auch nachvollziehbar in gewisser Weise.
Andererseits sollte, finde ich, auch in dieser Gemengelage die Kultur nicht vergessen werden und sollte man da, glaube ich, auch als Eigentümer einen Blick drauf haben, was passiert da letztlich in diesem Konzern.
Fabian Burstein
Was man aus der Presse vernommen hat, da war wirklich relativ großes Unverständnis, warum das sich jetzt so entwickelt hat, auch im Übrigen überregional.
Also die FAZ hat dir einen sehr ausführlichen Text gewidmet, wo sie sich die Frage gestellt haben, warum läuft das jetzt so?
Wie war denn da, das ist jetzt aber eine Metaebene, wie war denn die Reaktion in der Stadtgesellschaft in Graz?
Das ist ja jetzt nicht eine Megacity, das heißt, da begegnet man sich ja intellektuell, künstlerisch sicher, aber jetzt von der EinwohnerInnenzahl her meine ich.
Da begegnet man sich ja regelmäßig an verschiedenen Ecken in der Fußgängerzone etc.
Was hast du da für Feedback bekommen?
Ulrich Lenz
Naja, die Pressekonferenz mit der Verkündung der Neuen Intendantin war ja am Anfang der Sommerferien, auch der Spielzeitferien. Mein ganzes Haus war leer, weil ein paar Techniker waren noch da, weil wir das Sommergastspiel hatten, aber ansonsten waren alle Menschen in den Ferien. Auch die Presse war so ein bisschen woanders und auch die Stadt, die Menschen waren schon im Urlaub.
Aber ich habe, also über den Sommer bis jetzt kriege ich, ich weiß nicht wie viele, ich kann sie gar nicht zählen, Mails, SMS, Nachrichten, eben immer mit demselben Tenor: Fassungslosigkeit, Empörung, wie kann das sein? Was ist da passiert? Es tut mir so leid. Also wie gesagt, Hunderte von Mails, Nachrichten habe ich bekommen, die aber natürlich alle bei mir landen und nicht in der Öffentlichkeit letztlich. Die werden mir mitgeteilt, was natürlich auch irgendwo tröstlich ist. Es hilft jetzt letztlich nichts, aber trotzdem merkt man ja, dass man irgendwo verbunden ist mit der Stadt, dass es Menschen gibt, die das wahrnehmen.
Es gab auch einen Leserbrief in einer kleinen Zeitung, den ich erst jetzt gelesen habe, irgendwie vor einer Woche. Ich kenne die Person nicht, finde ich eben aber auch schön, dass jemand schreibt: "Wie kann das sein? Das ist toll, was da in den letzten Jahren passiert ist. Warum setzt man das nicht fort?"
Und jetzt haben wir am 19. August wieder zu Proben begonnen, aber im Theater ist es immer so, da kommen die Leute so nach und nach zurück. Erst kommen die Sänger und Sängerinnen und dann anfangen zu proben, dann kommen die Techniker, dann kommen die Musiker zurück. Also ich kriege jetzt nach und nach aus dem Haus eben auch die Reaktionen dann gespiegelt, die auch bei mir an der Tür stehen und so verstehe ich nicht, kenne ich. Also bei mir kommt eigentlich nur dieser Tenor an. Wer anderer Meinung ist, sagt wahrscheinlich nichts zu mir.
Fabian Burstein
Ja, solche Disruptionen machen ja auch etwas mit einem Haus. Wie steht man denn so eine Stimmung bis 2028 durch?
Ulrich Lenz
Ja, jetzt der Anfang ist schwierig, gebe ich ganz offen zu. Der ist irgendwie bittersüß natürlich. Auf einmal ist alles endlich so, aber ich glaube, wenn wir dann wieder anfangen, wenn die erste Premiere raus ist, dann kommt gleich die nächste. Ich meine, Theater ist so ein Betrieb, wenn der mal anläuft, dann läuft der so. Dann fängt der an, schon zu proben mit dem nächsten Stück, wenn die Premiere noch gar nicht raus ist. Das überlappt sich immer so.
Wenn die Maschine anläuft und hoffentlich, toi, toi, toi, auch die ersten Erfolge dann wieder kommen, glaube ich, dann kommen wir wieder in den Betrieb hinein. Und am Ende des Tages ist das das, was ich machen will. Ich will gute Kunst machen. Ich will da auf der Bühne was präsentieren, wo die Leute sagen: "Wow, ich will mich nicht in endlosen Meetings damit beschäftigen, wie man jetzt den Betrieb, also die Bühnen Graz umstrukturieren könnte oder was da so oder so gehen könnte."
Natürlich, das muss man auch machen letztlich, aber bis zu einem gewissen Punkt. Am Ende muss alles für mich darauf hinauslaufen, dass wir gute Kunst auf der Bühne machen und im Orchester graben und auf der Konzertbühne machen. Das ist für mich der Fokus. Und was ich letztlich sage: "Lasst mir diese Möglichkeit. Lasst mich das machen."
Und macht nicht immer ein Störfeuer mit anderen Dingen, die meiner Meinung nach sekundär sind oder wo man aufpassen muss, dass Strukturveränderungen, die eben ja auch immer wieder im Gespräch sind, dass Strukturveränderungen die Struktur nicht beschädigen. Die Struktur, die die Möglichkeit gibt, diesen Apparat, der spitz auf Knopf ist, wie man im Deutschen sagt. Also wir haben jetzt keinen Puffer an Personal oder an Ressourcen.
Der läuft, der wie geschmiert läuft, aber eng läuft. Also passt auf mit irgendwelchen Störfeuern, die das, was funktioniert, in eine Schräglage bringen könnte. Was nicht heißt, dass man immer alles so lassen muss, wie es ist. Ich bin ja selber einer, der versucht hat, bestimmte Dinge zu ändern.
Man muss aber aufpassen, dass die Balance da nicht verloren geht. Und dass man sich am Ende nicht nur damit beschäftigt, wie man jetzt, was weiß ich, umstrukturiert, wie man wo hinsetzt und wie man die Abteilung irgendwie zusammennimmt und so, statt dass man sagt, da findet das Produkt statt. Weil ohne das Produkt, das wir bringen, auch meine Kollegin vom Schauspielhaus, auch mein Kollege vom Next Liberty, ohne das Produkt, das wir auf die Bühne stellen, gibt es nichts, was die Struktur da überhaupt zu verwalten hat. Das ist das Produkt.
Fabian Burstein
Abschließende Frage, Ulrich. Wieder ein Blick in das Innere. Was macht ein Intendant, ein bekannter Intendant, dessen Tage gezählt sind? Beginnt sich der wegzubewerben, braucht er mal ein Jahr Pause, plant er eine Auszeit, aktiviert er sein Netzwerk, eine Mischung aus allem? Kannst du da ein bisschen Einblicke geben, was dich jetzt gerade antreibt, neben den Spielzeiten, die noch bis 2028 zu bewältigen sind?
Ulrich Lenz
Im Augenblick ist er natürlich noch ziemlich frisch. Ich muss vielleicht der Transparenz halber noch eine Sache erwähnen. Ich wurde gefragt, Ende der letzten Spielzeit, ob ich mich nicht an einem großen Haus bewerben will. Also ein größeres Haus letztlich als die Oper Graz. Da würde man mir gute Chancen ausrechnen.
Fabian Burstein
Du sagst sicher nicht, welches, oder?
Ulrich Lenz
Doch, kann ich sagen. Essen. Das Alte Theater in Essen.
Fabian Burstein
Ah ja, interessant.
Ulrich Lenz
Weil, also es kam hinzu, dass Oliver Scheid von den Kulturexperten, also die Agentur, die quasi die Ausschreibung für Graz gemacht hat, auch die Ausschreibung für Essen gemacht hat. Von daher wurde das relativ offen in beiden Findungskommissionen gespielt. Also beide Findungskommissionen in Essen und in Graz wussten, es gibt da noch eine andere Bewerbung, die zeitgleich quasi stattfindet. Ich hätte das nicht gemacht, wenn ich nicht gefragt worden wäre, weil das ist natürlich immer so eine Sache, wo man sagt, okay, gut, einen Plan B zu haben, ist vielleicht nicht schlecht und du musst dich jetzt nicht irgendwo ins Gespräch bringen, sondern du bist offensichtlich schon im Gespräch. Macht einen ja auch ein bisschen froh und stolz, muss man ja ganz ehrlich sagen. Aber es war eben, dass das gleichzeitig war, war natürlich so ein bisschen stressig auch so.
Aber im Nachhinein so unter der Hand kriegte ich dann eben auch so aus Findungskommissionen so ein bisschen zu hören, naja, sie wollten ja sowieso oder sie haben sich ja auch woanders beworben. Was ich aber nicht unlauter finde, ehrlich gesagt. Also wie gesagt, einen Plan B zu haben und. Oder zwei Pläne A, wie auch immer. Und auch ein bisschen zu spüren, wie ist denn das überhaupt woanders noch, finde ich nicht verwerflich. Für mich persönlich war ganz klar, wenn das in Graz klappt, natürlich setze ich diese Arbeit fort. Natürlich lasse ich diesen noch nicht vollendeten Bau, sage ich jetzt mal, nicht da einfach als halbfertigen Bau stehen und gehe woanders hin. Aber man weiß ja nie.
Also hundertprozentig eben, weil wenn man sich in ein Bewerbungsverfahren begeben muss, dann kann es ja eben auch sein, dass das passiert, was passiert ist. Wenn man aber gefragt wird und sagt, wir möchten, dass Sie weitermachen, bitte, wir möchten Ihren Vertrag verlängern, dann wäre ich natürlich nie auf die Idee gekommen, irgendwo dann jetzt mich noch in Essen zu bewerben. Aber wie gesagt, es wurde offen gespielt, es war jetzt kein Geheimnis. Und ich hatte zwei Bewerbungsverfahren nebeneinander und habe auch mal ein bisschen vergleichen können letztlich so. Und das erste Hearing in Graz, wie gesagt, diese seltsame Stimmung.
Das erste Hearing in Essen, viel größere Runde, aber alle schauen mich strahlend an, jeder redet mit mir. Und dachte ich auch, was ist, also okay. Ich bin es nicht geworden in Essen, aber ganz normales Verfahren letztlich. Am Ende bleiben zwei übrig, in dem Fall blieben zwei übrig, man hat sich für den anderen Kandidaten entschieden. Okay, ein bisschen bitter, dass das direkt hintereinander war oder so, aber letztlich so. Wollte ich nur noch erwähnen, dass das nicht so ist, dass man sagt, ja, der wollte ja eh nicht bleiben. Es ist ganz klar, ich habe den Menschen auch im Nachhinein, auch den politisch Verantwortlichen geschrieben, nämlich Frau Dr. Unger zum Beispiel.
Möchte nur ganz, ganz wichtig ist mir, dass ich festhalte, falls Sie irgendwie hören, ich wollte nicht in Graz bleiben, das stimmt nicht so. Also gerade Ihre Ermunterung, Frau Dr. Unger, hat mich dazu unter anderem bewogen, da auch wirklich voll reinzugehen. Ja, also was macht man? Da komme ich auf die Frage jetzt so. Es ist eben noch ganz frisch. Es ist auch schwierig letztlich, sozusagen jetzt. Suche ich alle Opernhäuser ab, die jetzt frei werden. Es muss ja auch irgendwie passen.
Und ich muss sagen, Graz hat ganz, ganz viel Großartiges und Perfektes. Also da ist es schwierig, Graz für mich als Intendant Konkurrenz zu machen. Als Stadt, als Stadtgesellschaft, als Haus, die Stimmung im Haus, die Menschen, die im Haus arbeiten. Man hat sich mit all diesen Menschen ja verbunden. Es ist schwierig, jetzt zu sagen, jetzt suche ich halt irgendwie woanders. Das ist ja nicht austauschbar. Ich glaube daran, so ist es mir in meinem Leben zumindest immer passiert, dass sich Dinge ergeben und dann muss man zustoßen, sozusagen.
Also es ist nicht, dass man nur warten muss und dann kommt jemand und sagt, möchten Sie Intendant werden? Okay, gut, dann machen wir jetzt hier den Vertrag. So wird es nicht sein, aber vielleicht so ähnlich, deshalb habe ich das jetzt auch erzählt, wie in Essen, dass jemand sagt, also möchten Sie sich da nicht bewerben? Ich glaube, Sie haben da gute Chancen. Dann bewirbt man sich und dann klappt es vielleicht. Das ist im Augenblick das, worauf ich hoffe, was ich denke.
Aber tatsächlich für mich im Fokus steht jetzt ganz stark die jetzt beginnende Spielzeit und die darauffolgende Spielzeit, dass das noch zwei gloriose, brillante, erfolgreiche Spielzeiten werden, von denen man noch viele, viele Jahre in Graz sprechen wird.
Fabian Burstein
Lieber Ulrich, das Motto von diesem Podcast, der Zusatzkleben heißt immer Kultur von innen. Und ich bin dir sehr dankbar, dass du das mit Leben gefüllt hast, dass du dich nicht mit irgendwelchen defensiven Floskeln durch dieses Gespräch gerettet hast, dich nicht positioniert hast, sondern, glaube ich, sehr klar und sehr fair einfach erzählt hast, wie das aus deiner Sicht passiert ist.
Ich glaube, es ist ein großer Mehrwert für die Menschen, eben zu hören, wie sich das anfühlt für die Akteurinnen und Akteure. Das wird viel zu wenig erzählt. In diesem Sinne bin ich dir sehr dankbar für diese Folge.
Wünsche dir alles Gute für die bevorstehenden Spielzeiten in Graz noch und alles darüber hinaus. Und vielleicht sehen wir uns ja mal irgendwann wieder am Bühneneingang in einer anderen Konstellation.
Ulrich Lenz
Sehr gerne. Vielen Dank dir auch.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue.
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Autor:in:Livio Koppe |
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