Bühneneingang
Sechsunddreißig jüdische Frauen, eine abgesagte Buchpräsentation - mit Danielle Spera
Eine Buchpräsentation über bedeutende jüdische Frauen wird in Wien wegen angeblicher Sicherheitsbedenken abgesagt - und zwar ausgerechnet vom Österreichischen Journalisten Club. Danielle Spera spricht als betroffene Autorin über diese Causa, über antisemitische Bedrohung und die Frage, was es bedeutet, wenn jüdischen Stimmen öffentlicher Raum entzogen wird. Im Zentrum steht auch ihr neues Buch „Mut – über 36 bedeutende jüdische Frauen“, das sie gemeinsam mit der Zeitzeugin und Psychoanalytikerin Erika Freeman verfasst hat. Eine Folge über Erinnerungskultur jenseits der Opferrolle, jüdische Gegenwart, Konfliktmüdigkeit – und den Entschluss, keine Angst zu haben, über eine schmale Brücke zu gehen.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Danielle Spera. Über 3 Jahrzehnte war sie Journalistin, Korrespondentin und Moderatorin im ORF, leitete von 2010 bis 2022 das Jüdische Museum Wien und ist heute Executive Director von Kultur, Medien, Jugendum.
Gemeinsam mit der 99-jährigen Psychoanalytikerin und Zeitzeugin EriKa Freeman hat sie nun das Buch "Mut" über 36 bedeutende jüdische Frauen veröffentlicht, die geplante Präsentation beim Österreichischen Journalistenclub wurde kurzfristig abgesagt.
Der Club erklärte, die Sicherheit nicht gewährleisten zu können, und befürchtete Störaktionen. Später hieß es seitens des ÖOC, es habe noch gar keine fixe Zusage gegeben.
Über diese Causa, die Sichtbarkeit von jüdischem Leben in Wien und Frauen, deren Mut weit über ihre Zeit hinausweist, sprechen wir heute. Liebe Frau Spera, vielen Dank, dass Sie am Bühneneingang zu Gast sind.
Danielle Spera
Danke für die Einladung.
Fabian Burstein
Es war schon ein Knall-Effekt, muss man sagen. Sie haben ein Foto geteilt auf den sozialen Medien, konkret auf Facebook, ein Screenshot, ein kleiner, von einer E-Mail, die nämlich vom Verlag gekommen ist, wo im Wesentlichen Sie darüber informiert werden, dass der Österreichische Journalistenclub für eine Veranstaltung soeben abgesagt hat. Ich zitiere: "Wir können leider nicht die Sicherheit von Frau Spera gewährleisten und fürchten, auch aufgrund ähnlicher Ereignisse in der Vergangenheit, tumultartige Störaktionen." Sie haben das mit einem Satz überschrieben: "Wien im September 2026." Das zeigt schon, Sie waren schockiert, oder?
Danielle Spera
Ich war schockiert, ich war verblüfft, ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, noch dazu von einem Journalistenclub. Ich bin Journalistin mein ganzes Leben, Berufsleben, lang gewesen, und für mich war das also außer jeder Frage, dass so etwas passiert.
Ich hätte wirklich nie daran gedacht, dass vom Österreichischen Journalistenclub so eine Ansage kommt. Notabene, wir in Österreich ja tatsächlich in einer glücklichen Situation leben als jüdische Gemeinde. Ich schaue mich um in Europa, ich sehe, was in Großbritannien passiert, was in Frankreich passiert, wie es der jüdischen Gemeinde in Belgien geht, und so gesehen leben wir hier ein wirklich friedliches Leben, und ich kann mich an keine Veranstaltung erinnern in den letzten Jahren, Jahrzehnten, wo es zu tumultähnlichen Szenen gekommen sei, bei einer Buchpräsentation, notabene eines Buchs über 36 mutige Frauen.
Also es ist ein Buch, das nichts mit dem Nahostkonflikt, nichts mit Antisemitismus oder irgendeinem Thema, das vielleicht heikel diskutiert würde, das zu tun hat.
Fabian Burstein
Wobei natürlich die spannende Frage wäre, wäre diese Begründung oder diese Absage gerechtfertigter gewesen, wenn es so wäre. Man könnte ja auch sagen, nein, auch das muss man ja aushalten und organisieren können, denn letztendlich geht es ja darum, die Diskursräume offen zu halten, oder?
Danielle Spera
Absolut, vor allem, wenn wir so weit kommen, dass wir uns von irgendjemandem bestimmen lassen, worüber wir diskutieren dürfen oder welche Bücher wir vorstellen dürfen, dann haben wir wirklich ein Problem, und ich denke, so weit dürfen wir es einfach nicht kommen lassen.
Und das war der Grund auch, warum ich das auf Instagram und auf Facebook gestellt habe, weil ich mir gedacht habe, ich halte es wirklich nicht für möglich, und ich halte es eigentlich auch persönlich nicht aus.
Und es kommt dazu, dass meine Co-Autorin sozusagen, Frau Dr. Freeman, eine fast 100-jährige Österreicherin, wieder Österreicherin ist. Sie war ein Wiener Mädchen, das mit 12 Jahren allein nach Amerika gehen musste, um sich selbst zu retten, noch dazu sehr traurig auch. Sie hatte Verwandte, die sie nicht wollten. Sie musste dann in ein Waisenhaus übersiedeln. Sie war ganz allein auf sich gestellt, als kleines, als Mädchen.
Und sie erlebt jetzt diese Absage, diesen eigenartigen Wortlaut. Also für sie war es doppelt, zehnmal, ich weiß nicht, zigmal so schwer, wie für mich das zu ertragen. Und sie hat schon infrage gestellt, wo wir hier jetzt leben, 2026 hier in Österreich, dass so etwas möglich ist.
Fabian Burstein
Wie haben sie sie informiert? Haben sie mit ihr kurz gesprochen?
Danielle Spera
Eigentlich wollte ich es ihr verheimlichen, sagen wir mal so, weil sie nicht täglich die Nachrichten konsumiert, aber ein wohlmeinender Freund hat ihr die Zeitung gebracht, in der das drin stand, und sie hat dann natürlich sofort mit mir Kontakt aufgenommen. Wir sehen uns wöchentlich, aber sonst während der Woche nicht, und da hat sie mir gleich gesagt, was ist da los, und da haben wir gleich darüber diskutiert.
Fabian Burstein
Dieses unangenehme Gespräch geführt. Nun gibt es dafür ja eine Begründung. Ich nehme jetzt, der ÖOC sitzt hier nicht am Tisch, deshalb nehme ich jetzt so ein bisschen die Haltung ein. Er hat sich ja auf ein Sicherheitsrisiko berufen, und dieses Sicherheitsrisiko kann sowohl antijüdische Aspekte haben, es kann definitiv auch propalästinensische Aspekte haben, also das ist ja alles im Spektrum drinnen.
Vielleicht sind ja Informationen vorgelegen, die diese Sorge berechtigt gemacht haben. Wissen Sie da etwas? Gab es irgendeine konkret benannte Gefährdung, die dazu hätte führen können, dass man so etwas absagt oder nicht macht?
Danielle Spera
Mir ist darüber nichts bekannt, und der Verlag hat ja auch andere Institutionen angeschrieben, und es hat keine Institution abgesagt aus irgendwelchen Gründen.
Im Gegenteil, also wir haben ganz große Euphorie ist uns entgegengekommen, jeder hat gesagt, oh, da ein tolles Buch, spannendes Thema, zwei spannende Frauen, die darüber erzählen und einfach auch diese Themen ins Hier und Jetzt holen.
Also was können wir heute von Menschen, von Frauen, von bedeutenden oder auch nicht bedeutenden, aber mutigen Frauen lernen für unser heutiges Leben? Denn das Buch ist ja ein Querschnitt von der Bibel begonnen bis in die Gegenwart.
Fabian Burstein
Der ÖOC sagt ja im Nachhinein, man sei ja erst in der Terminfindung gewesen, also man habe in dem Sinne nichts abgesagt, sondern man habe sich gerade mal darüber verständigt, wann und ob man das überhaupt macht. Es gab also gar keine fixe Zusage. Ändert das irgendwas an der Bewertung dieses Sachverhalts oder bleibt die zentrale Botschaft dieselbe, man will das nicht in den eigenen Räumen haben?
Danielle Spera
Es ändert absolut nichts am Sachverhalt. Noch dazu ist der Österreichische Journalistenclub an den Verlag herangetreten und hat gebeten um eine Veranstaltung. Das heißt, es war schon sehr konkret geplant vom Journalistenclub, das muss man auch einmal vorausschicken. Und dann gab es auch in der Kommunikation, finde ich, Unstimmigkeiten, denn mir wurden dann natürlich viele Mails geschickt, weil viele Menschen an den Journalistenclub geschrieben haben, und dann kamen immer eigentlich sehr eigenartige Antworten vom Journalistenclub.
Fabian Burstein
Es gibt ja auch mittlerweile eine aktuelle Stellungnahme auf der Seite, und da ist denen das offenbar total wichtig, immer zu sagen, es gab nie eine feste Abmachung, deshalb ist auch nichts abgesagt worden. Aber das ist ja eine wichtige Zusatzinformation, dass sie das ja sogar angefragt haben von sich aus.
Und es kommen da in dieser Stellungnahme auch noch andere bemerkenswerte Aspekte heraus. Unter anderem bezieht man sich auf die Aussagen vom Bundespräsidenten Van der Bellen, und man sagt, da gab es eben gerade rund um diese Aussagen dann Bedenken des ÖOC-Präsidenten.
Ja, und es entbehre jeder Grundlage, dass man das quasi als antisemitische Haltung auslegen würde. Das heißt, da rudert man durch sehr viele Sphären durch, angefangen vom Bundespräsidenten, der sich umstritten zu Wort geäußert hat, bis hin zu Antisemitismus und so weiter und so fort, was ja jetzt gar nicht mal unmittelbar dem ÖOC unterstellt wurde, ich sage mal nur in einem ersten Schritt eher, dass man feige ist und sich einer gewissen Großweiterlage beugt.
Wie sehen Sie diesen Brückenschlag jetzt zum Bundespräsidenten, der offenbar Grund ist, dass Ihre Veranstaltung abgesagt wird?
Danielle Spera
Das ist schon ein sehr verquerer Gedankengang, den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, denn wie erwähnt, es geht um ein Buch, das heißt "Mut". Es porträtiert 36 mutige Frauen in Geschichte und Gegenwart, und es ist entstanden aus Diskussionen, die Frau Dr. Freeman und ich seit Jahren führen. Und wir haben uns immer wieder gesagt, also sie hat ja einen unglaublichen Humor, und wir haben es auch sehr lustig miteinander, und sie möchte ja immer Bücher machen.
Und dann hat sie mir gesagt, das wäre schon ein Titel, und das wäre schon ein Titel, und irgendwie sprechen wir sehr, sehr oft über Frauengeschichten, über Persönlichkeiten, die uns faszinieren, und irgendwie ist dann die Idee entstanden, daraus ein Buch zu machen. Und dieses Buch hat nichts mit Politik zu tun, es sind auch ganz wenige Politikerinnen, also mir fällt jetzt ad hoc Golda Meir ein, aber die meisten anderen Frauen sind entweder noch aus der Bibel oder aus dem Mittelalter, aber Frauen, die einfach in ihrem Umfeld unglaublich viel bewegt haben. Auch Frauen, denen das überhaupt nicht in die Wiege gelegt worden ist, die ihre eigene Kraft zusammengenommen haben, alle Hindernisse, und Frauen, und vor allem jüdischen Frauen ist ja viel in den Weg gelegt worden an Hindernissen, haben sie aus dem Weg geräumt, und so wie Erica Freeman immer sagt, wenn die Tür verschlossen ist, geh doch durchs Fenster rein, und genau das haben diese Frauen gemacht.
Das heißt, dieses Buch hat absolut nichts mit Politik zu tun, nichts mit Äußerungen des Bundespräsidenten vor der UNO, und daher ist für mich der Zusammenhang überhaupt nicht schlüssig. Wenn wir über das Buch sprechen, auch über Ericas Lebensgeschichte, sie ist ja auch eine unglaublich mutige Frau, auch über meine Lebensgeschichte im Nachkriegswien, da gibt es so viele Facetten, über die man reden kann, aber man muss doch nicht über die Tagespolitik reden. Das sind zwei komplett verschiedene Themen, und ich hätte auch mir lange überlegt, ob ich da zu einer Diskussion in den Journalistenclub komme, über die Äußerungen des Bundespräsidenten bei der UNO in New York.
Also es ist da eine unglaubliche Vermischung, und darum habe ich eben gesagt, ein verquerer Gedankengang. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen, wie man das eine mit dem anderen verbindet, außer man hat irgendwelche eigenartigen Hintergedanken.
Fabian Burstein
Sie waren ja selbst zwölf Jahre Direktorin des Jüdischen Museums in Wien. Was bedeutet, Sie haben sich ja auch viele Jahre selbst enorm viel mit Sicherheitsfragen auseinandersetzen müssen. Wir wissen, auch wenn diese Institutionen relativ unbewacht aussehen im Alltag, sie sind Gegenstand von hochkomplexen Sicherheitsmaßnahmen, auch die Veranstaltungen.
Ist das vielleicht auch aus dieser Perspektive heraus so ein Affront, dass Sie genau wissen, was es bedeutet, Sicherheit herzustellen für solche Themen und solche Debatten, und dass Sie eben sehen, dass man nicht bereit war, diese Bemühungen auf sich zu nehmen?
Danielle Spera
Ja, ich denke auch bei dem Thema sind ganz große Sicherheitsvorkehrungen gar nicht nötig. Also und das ist mir schon auch wichtig, dass wir einfach auch ein halbwegs entspanntes Leben führen können.
Und wir können nicht immer Schutzmauern um uns herum bauen. Das Leben ist lebensgefährlich, hat mir mal eine wichtige Freundin gesagt, und das stimmt. Es ist so, und ich denke, wenn wir Buchpräsentationen über so ein Buch nicht mehr stattfinden lassen können, dann haben wir wirklich ein Problem.
Fabian Burstein
Ich möchte jetzt nur noch einmal trotzdem ein bisschen die Position des ÖOC einnehmen. Es gibt mittlerweile auch im journalistischen Milieu extrem heftige Debatten rund um das Binnenverhältnis Israel und Gaza im Besonderen. Interessanterweise gerade im journalistischen Milieu, wo man ja eigentlich glauben würde, da gilt so ein bisschen das Prinzip der Equidistanz.
Können Sie sich vorstellen, dass das auch ein bisschen mitgeschwungen hat, dass es jetzt nicht nur die Sicherheitsbedenken waren, quasi an der Tür, wie man in der Clubszene sagen würde, sondern auch, dass man gespürt hat, okay, das wird auch eine interne Zerreißprobe, weil im Moment auf jeden Triggerreiz affekthaft heftig reagiert wird?
Danielle Spera
Mutige Frauen ist das Thema des Buchs, also mehr brauche ich eigentlich dazu nicht zu sagen. Es ist ein Buch, noch einmal, das nichts mit dem Nahosthema zu tun hat. Noch dazu beschäftigt mich schon sehr die Frage, warum gerade immer Israel im Fokus jeder Diskussion, jeder journalistischen Aufmerksamkeit steht.
Ich beschäftige mich sehr mit der Frage, dass wir hier in Europa einen Krieg haben vor unserer Haustür, der uns tatsächlich bedroht, mit dem wir uns öffentlich viel zu wenig auseinandersetzen. Ich meine, wir müssen uns auch nur die Landkarte anschauen, wie nah wir an der Ukraine sind. Das ist ja fast wie die Distanz zu Vorarlberg. Und das haben aber die Menschen offenbar überhaupt nicht im Bewusstsein, auch die Journalisten nicht. Und das ist etwas, was mich beschäftigt.
Wenn wir in Länder reisen, die noch näher am Konflikt sind, also wenn wir in die baltischen Staaten reisen oder auch nach Polen, da reden die Leute hauptsächlich über diesen Konflikt. Da ist der Nahe Osten sehr, sehr, sehr, sehr weit weg und geht uns eigentlich nichts an. Und da frage ich mich auch immer, was ist der Hintergrund, warum ist immer dieser Fokus auf Israel?
Und dann muss ich auch sagen, ich war wirklich oft in meinem Leben in Israel, ich reise in nicht einmal zehn Tagen wieder hin. Also für mich ist es ein bisschen ein Homerun, weil ich das Land kenne aus verschiedensten Perspektiven, als Privatperson, als Mutter, als Verwandte von Menschen, die aus unserer Familie dort leben, als politische Berichterstatterin etc. Das heißt, ich kenne, glaube ich, das Land recht gut und auch wie die Politik tickt, wie die Gesellschaft tickt.
Und die meisten, die allermeisten Journalisten in Österreich kennen dieses Land gerade mal aus den Medien, also selbst als Konsumenten. Und sehr viele sind gar nicht bereit hinzufahren. Und das finde ich unglaublich. Also als Journalistin, gerade als Fernsehjournalistin, ich habe jede Möglichkeit genützt, überall hinzufahren, wo sich nur irgendein Fingerzeig gerührt hat, dass ich eine Möglichkeit habe, hinter die Kulissen zu schauen. Weil wie kann ich mir über ein Land, über ein Thema eine Meinung bilden, wenn ich so weit entfernt bin?
Wenn ich vielleicht auch überhaupt mich nie mit der Geschichte beschäftigt habe, wenn ich mich nicht damit beschäftigt habe, was haben wir mit Israel zu tun, wie viele Menschen aus Österreich mussten dorthin flüchten während der Zeit des Nationalsozialismus, was ist mit denen passiert, mit dem beschäftigt man sich ganz peripher. Aber da gibt es jetzt einen Konflikt, da schauen wir hin mit dem Brennglas und sehen überhaupt die Welt um uns herum ganz nah, um uns herum gar nicht. Also wie man den Russland-Ukraine-Krieg so ausblenden kann, wie es viele tun, das ist mir wirklich unerklärlich. Weil das halte ich wirklich für uns alle hier gefährlich, brandgefährlich, weil wir hier wirklich im Fokus stehen.
Fabian Burstein
Gut, ich denke, grundsätzlich spricht auch nichts dagegen, beide Orte gut journalistisch im Blick zu behalten. Das ist ja gar nicht ein Entweder-Oder, sondern eigentlich ein Sowohl-als-auch.
Sie beschreiben natürlich ein Phänomen, das auch ausblendet, dass gerade die israelische Zivilgesellschaft ein sehr kritisches Verhältnis zu ihrer Regierung hat und auch sehr kritisch mit der eigenen Rolle in Gaza umgeht.
Und genau diese zwei Welten, dieses existenziell bedroht zu sein und gleichzeitig einen Krieg zu führen, den man natürlich besser nicht führen will, das gut zusammenbekommt insofern, dass das sehr heftig debattiert wird, das wird ganz stark ausgeblendet.
Danielle Spera
Absolut. Es wird, glaube ich, in keinem Land der Welt so viel diskutiert wie in Israel. Es ist auch im Judentum immanent, dass man Fragen stellt, dass man alles hinterfragt. Es gibt, wir erinnern uns an die Bilder, die Proteste, die es gibt gegen die Regierung, gegen den Krieg.
Vor allem muss man ja auch bedenken, wie lange Israelis, Jüdinnen und Juden, aber auch andere Staatsbürger als Geisel gehalten wurden von der Hamas. Wir sehen auch diese schrecklichen inszenierten Bilder der Freilassungen. Also das geht ja auch an einer Gesellschaft nicht vorüber, nicht einfach so vorüber.
In Israel finden in Kürze Wahlen statt. Wir sind sehr gespannt, wie diese Wahlen ausgehen, natürlich. Und vor allem stellt sich mir die Frage, was wird sein, wenn es eine andere Regierung in Israel gibt? Wird dann die Berichterstattung weiter so sein oder wird sie sich ändern? Darauf bin ich schon sehr gespannt.
Fabian Burstein
Lassen Sie uns jetzt trotzdem, trotz des akuten Anlassfalles, wirklich nochmal zum Buch zurückkehren, das ja eine total bemerkenswerte Sammlung ist. Sie haben schon angedeutet, das sind ja sehr unterschiedliche Formen von Mut abgebildet. Es gibt da, sage ich mal, einen intellektuellen Mut, es gibt einen politischen Mut, auch künstlerischen Mut. Gibt es auch Beispiele? Was verbindet diese Geschichten, würden Sie denn sagen, jenseits jetzt nur der jüdischen Identität?
Danielle Spera
Es waren Frauen, denen eben nicht in die Wiege gelegt wurde, wie ihr Weg sein soll. Es waren Frauen, die nach vorne geschaut haben, die sich nicht haben unterkriegen lassen und die für uns einfach ganz, ganz gute Beispiele sein können, an denen wir uns festhalten können. Weil jede dieser Frauen gibt uns was für unser heutiges Leben mit. Und ich habe das Gefühl, dass wir heute sehr oft sehr zaghaft sind und sagen, gerade als Frauen, kann ich das überhaupt, bin ich dem gewachsen?
Und wir haben so viel Kraft in uns, so viel Stärke. Und ich glaube, das ganz Wichtige ist einfach die Chancen, die uns das Leben bietet, zu erkennen. Und das haben diese Frauen alle gemeinsam. Sie haben die Chancen erkannt und haben sich nicht einschüchtern lassen.
Und ich glaube, das ist der wichtigste Weg in unserem Leben. Auch jetzt, natürlich kann man sich immer wieder Ratschläge holen, aber so im gewissen Sinne auch auf sein Bauchgefühl einmal zu hören, zu sagen, ja, ich kann das. Da wurde mir eine Aufgabe übertragen und die kann ich ausfüllen.
Fabian Burstein
Es gibt ja auch eine interessante Facette bei dem Thema. Nach wie vor werden ja auch gerade solche Biografien häufig als Opferbiografien präsentiert. Ich habe das Gefühl, das haben Sie bewusst hintangestellt, die Opfergeschichten, die da dahinter stecken. War das eine bewusste Entscheidung?
Und wie stehen Sie zu dieser Debatte, wie man Opfergeschichten heutzutage erzählen kann und muss? Da gibt es ja unterschiedliche Herangehensweisen. Es gibt die einen, die sagen, nein, das muss ganz klar so thematisiert werden. Dann gibt es andere, die sagen, diese Opferfacette greift nicht mehr und hindert uns daran, wirkliches Gedenken zu kultivieren. Wie positionieren Sie sich da?
Danielle Spera
Also ich finde diese Opferrolle viel zu kurz gegriffen und so wird bei uns auch immer die Erinnerungskultur praktiziert. Und auch der Blick auf das Judentum. Das Judentum wird verkürzt bei uns auf die Zeit von 1938 bis 1945 und im Heute wird es verkürzt auf den Nahostkonflikt. Und das ist einfach wirklich schade. Und das war auch, was ich gerne im Jüdischen Museum umsetzen wollte und dann auch umgesetzt habe, nämlich dieser große Blick auf das Judentum und vor allem dieser Blick auf das Judentum und Österreich. Was ist hier geleistet worden? Was wäre nicht da ohne den jüdischen Beitrag? Und einfach diesen auch unglaublich positiven Aspekt des Judentums.
Im Judentum geht es im Kern darum, wir haben es auch im Buch beschrieben, Tikkun Olam, unsere Welt ist unvollkommen. Und unsere Aufgabe ist, die Welt jeden Tag besser zu machen. Und das ist meine Aufgabe, das ist die Aufgabe von Erika. Erika hätte auch sagen können, ich bin ein Opfer, es ist alles schrecklich. Oder so viele Menschen in meinem Umfeld, von meinem Vater angefangen, mir fällt jetzt spontan Arik Brauer ein, Marco Feingold, ich meine, das sind Menschen, die ein unglaubliches Schicksal hatten, aber die gesagt haben, das liegt jetzt hinter mir, ich habe das bewältigt und ich schaue nach vorn.
Und ich schaue nach vorne mit einem positiven Blick auf das Leben. Und das haben all diese Frauen gemeinsam. Sie haben alle einen positiven Blick auf das Leben und sie haben aus ihrer Situation, so schlimm sie auch noch war, das Allerbeste gemacht. Und ich finde, das soll uns nach vorne bringen. Es hat gerade ja überhaupt keinen Sinn, ständig in einer Opferrolle zu verharren.
Nur natürlich, der Umkehrschluss ist, jetzt gibt es Israel, jetzt gibt es dieses Land, das komplett von Feinden umgeben ist und dieses Land wehrt sich und dann plötzlich sagt man, okay, das sind ja gar keine Opfer, sie sind die Täter. Und da sind wir jetzt in einer unglaublichen Rolle, die wirklich nicht gerechtfertigt ist. Auch da muss man wirklich sehr differenzieren.
Und da ist dieser Blick auf Israel als eine unglaublich lebendige Demokratie so wichtig, wo wahrscheinlich gestritten wird wie in wenigen anderen Parlamenten der Welt in der Knesset und wo es ein unglaublich breites, facettenreiches Spektrum gibt. Man muss sich nur angeschauen, diese Riege an Abgeordneten. Wenn man in der Knesset war und da hat jeder Abgeordnete, es steht immer auch angeschrieben, wer ist im Haus oder wer ist woanders. Also da sieht man ganz genau, wo sich die Abgeordneten befinden im Land.
Und dann sieht man dieses Bild und da ist von der Ultraorthodoxie bis zu LGBTQ und arabischen Abgeordneten, arabische Abgeordnete mit Hijab, also da ist alles vertreten. Und das finde ich, ist das Spannende an Israel, dieser Diskurs. Und wir werden sehen, wie die Wahlen ausgehen. Das war jetzt ein breiter Bogen für eine kurze Zeit.
Fabian Burstein
Dafür ist ja ein Podcast da, dass man sich nicht immer verkürzen muss auf die entscheidenden zwei Minuten. Sie haben ja schon viele Bücher geschrieben und Sie haben in jüngerer Vergangenheit auch Religionsdialoge in Buchform gegossen, unter anderem im Toni Faber zum Katholizismus, aber eben auch zum Islam.
Sie haben ja auch ein Gespräch über Judentum und Islam geführt. Nun kenne ich Ihren Verleger, der mir damals auf der Buch Wien erzählt hat, dass es auch da schon große Sicherheitsbedenken gab in dieser Verbindung. Vielleicht tue ich da jetzt was rausplaudern, was gar nicht sozusagen für die Öffentlichkeit bestimmt war.
Aber das war die Information, die ich damals hatte, dass man auch da schon sehr achtsam war, wie diese Begegnung verlaufen könnte im öffentlichen Diskurs. Jetzt gibt es wieder einen Anlassfall mit dieser ÖOC-Sache. Sind Sie langsam auch ein bisschen schon konfliktmüde?
Danielle Spera
Ja, konfliktmüde. Ich meine, es wäre so wichtig, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, nämlich auf die Inhalte. Und gerade also das Buch mit Rama Sandemir über das Judentum und den Islam war extrem spannend und ich bin wirklich dankbar für jede Begegnung mit ihm. Es hat uns beide, glaube ich, sehr viel weitergebracht. Ich hätte den Koran nicht gelesen ohne dieses Buch.
Und ich finde, man soll sich aufs Wesentliche konzentrieren, nämlich auf den Inhalt. Und worum geht es eigentlich? Es geht um einen Dialog. Es geht darum, dass man Menschen etwas mitgibt, dass man sagt, geht achtsam miteinander um und versucht auch voneinander zu lernen. Und ich finde, das bringt uns als Menschen alle weiter, weil es hat überhaupt keinen Sinn, sich ständig mit Konflikten und ständig mit Schrecklichem zu befassen, sondern gerade in Österreich, wo wir hier in einer unglaublichen Situation leben, des Friedens, des Wohlstandes, es geht wirklich um ein unglaublich tolles Auffangnetz.
Also das ist etwas, was wir immer wieder vergessen, von den kleinsten Kleinigkeiten, sage ich immer. Wir trinken das Wasser aus der Leitung. Und selbst wenn ich bei meinen Kindern in Amerika bin, kann ich das Wasser nicht aus der Leitung. Es sind wirklich Winzigkeiten, aber ich stehe jeden Tag auf und bin dankbar dafür. Ich bin dankbar dafür, dass ich hier leben darf, dass wir hier in diesem Land in so viel Zufriedenheit eigentlich leben könnten und ständig jammern. Und deshalb schaue ich auch nicht auf den Konflikt, sondern versuche immer, das Positive zu sehen. Also mein Glas ist definitiv immer halbvoll.
Fabian Burstein
Verstehe. Jetzt haben wir bei Ihnen ja noch den Vorteil, dass Sie ja auf viele Jahrzehnte öffentliche Erfahrung zurückblicken können. Soll heißen, Sie erleben sowas ja jetzt nicht oder Sie erleben, dass in der Öffentlichkeit stehen, wegen einer Facette, nicht das erste Mal, sondern Sie haben das in hunderttausenden Schattierungen und Rollen schon erlebt.
Wenn Sie da jetzt so eine Zeitachse aufmachen, hätten Sie das Gefühl, dass sich da etwas in der Konflikt- und Diskurskultur verändert hat, zum Positiven wie zum Negativen?
Danielle Spera
Also die sozialen Medien haben sicher viele Menschen aufgefordert, noch mehr sozusagen sich jetzt Dinge loszulassen oder zu schreiben, einfach mit einer Leichtigkeit, wie es früher nicht möglich war.
Früher musste man sich hinsetzen und einen anonymen Brief schreiben, zum Postkasten bringen und so weiter und so fort.
Also das hat sicher viel ausgelöst.
Andererseits ist es auch ein tolles Tool, mit Menschen in Verbindung zu kommen, was wirklich spannend ist, während Covid, welche Menschen man entdeckt hat, mit denen man vielleicht verwandt ist oder Freunde, über die man Jahrzehnte aus den Augen verloren hat.
Also auch da versuche ich, auf die positiven Aspekte zu sehen.
Was hat uns das Internet an Segen gebracht?
Und jetzt nicht nur, natürlich hat immer auch die KI natürlich die großen Schattenseiten.
Aber was erleben wir an Positivem?
Wie viel Bildung ist heute möglich für Menschen in komplett bildungsfernen Regionen?
Also was an Chancen ist da?
Also auch da ist mir der positive Blick ganz, ganz wichtig.
Fabian Burstein
Das heißt, Sie gehen jetzt auch, wenn der ÖOC attestiert, dass eine Gefahrenlage da ist, nicht ängstlich durch Wien?
Danielle Spera
Das Wichtigste ist, ich lebe auch nach diesem Spruch eines ganz bekannten oder berühmten Rabbiners, der gesagt hat, die ganze Welt ist eine schmale Brücke, aber das Wichtigste ist, keine Angst haben, drüber zu gehen. Und ich habe keine Angst, über diese Brücke zu gehen. Es ist unser Leben, wir müssen das Beste daraus machen und das versuche ich jeden Tag.
Fabian Burstein
In diesem Sinne empfehle ich die Lektüre von Mut, das aktuellste Buch, das Sie gemeinsam mit Erika Freeman geschrieben haben, dann auch an vielen Stellen auch präsentieren. Ich werde das in den Shownotes verlinken. Vielen Dank, dass Sie zu diesem spontanen Gespräch an den Bühneneingang gekommen sind.
Danielle Spera
Ich danke für die Einladung und ich möchte mich auch hier kollektiv bedanken für die unglaubliche Unterstützung, die ich in den letzten Tagen erfahren habe. Dankeschön.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet.
Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt.
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In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Autor:in:Livio Koppe |
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