Das Orakel
Wahl im Juni: Bleibt Graz kommunistisch?
- hochgeladen von Michael Stebegg
In der 40. Folge von ‚Das Orakel‘ dreht sich alles um die bevorstehende Gemeinderatswahl in Graz. Wir analysieren die erste große Umfrage dazu, blicken auf die wechselhafte politische Geschichte der Stadt und gehen der Frage nach, ob Elke Kahr und die KPÖ überhaupt noch zu schlagen sind.
Peter Hajek
Wir haben fünf Bürgermeister, eine Bürgermeisterin – unglaublich wenig Leute für die lange Zeit. Und wir haben sozialdemokratische Bürgermeister, FPÖ Bürgermeister, ÖVP Bürgermeister und KPÖ Bürgermeister. Das ist wirklich …
Michael Stebegg
Was ist los in der Stadt?
Peter Hajek
Na, unglaublich.
Willkommen zum demoskopischen Podcast 'Das Orakel'. Mein Name ist Peter Hajek. Ich bin Meinungsforscher und Politikwissenschaftler und schaue mit Ihnen in die politische Gegenwart, immer wieder in die Vergangenheit und ab und zu auch in die Zukunft, die ja bekanntermaßen schwer zu prognostizieren ist.
Michael Stebegg
Hallo und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur 40. Folge von 'Das Orakel'. Mein Name ist Michael Stebegg und mir gegenüber sitzt wie immer Meinungsforscher Peter Hajek. Hallo lieber Peter.
Peter Hajek
Hallo lieber Michael.
Michael Stebegg
Es ist ja gerade sehr en vogue, dass man sich Artikel, Podcasts, Filme, das ganze Leben von KI zusammenfassen lässt. Wenn du diese Folge vorab schon in einem Wort zusammenfassen müsstest, welches Wort wäre es denn?
Peter Hajek
Was weiß ich?
Michael Stebegg
Graz.
Peter Hajek
Das ist ja kein Wort – das ist ein Name.
Michael Stebegg
Es ist trotzdem ein Wort.
Peter Hajek
Ja … Ok. Falsche Fährte.
Michael Stebegg
Gut. Ok. Wir haben heute eine sehr monothematische Folge. Es dreht sich nämlich fast ausschließlich um Graz. Nicht nur weil es die zweitschönste und zweitgrößte Stadt von Österreich ist. Seit Ende Februar gibt es einen Termin für die Gemeinderatswahl am 28. Juni. Und du hast für die Kleine Zeitung die erste große Umfrage und Standortbestimmung für die kommende Gemeinderatswahl gemacht. Und wem das noch nicht reicht: ‚Das Orakel‘, also in personam wir zwei, werden am 18. April beim großen Podcast Festival – ebenfalls der Kleinen Zeitung – dabei sein. Bevor wir uns mit dem Podcast Festival beschäftigen, beschäftigen wir uns mit der Gemeinderatswahl und deiner Umfrage.
Peter Hajek
Man muss noch ankündigen: Es gibt noch am ganz zum Schluss ein Gewinnspiel für das Grazer Podcast Festival. Also bitte bis zum Schluss dranbleiben. Bitte.
Michael Stebegg
Zuerst aber geht es ums demoskopisch, politische, bitte. Was können wir aus der Umfrage, die du jetzt, also Anfang März, für die Kleine Zeitung gemacht hast, ableiten? Also was wissen wir jetzt schon über die Gemeinderatswahl? Was wissen wir noch nicht? Was sagt uns die ganz allgemein?
Peter Hajek
Na, Michi, so können wir nicht anfangen. Wir können nicht direkt über die Umfrage sprechen. Weil wir müssen die Hörerinnen und Hörer nach Graz mitnehmen. Also das heißt, wir müssen Graz einmal erläutern als politischer Sonderfall in Österreich. Ist natürlich ein fußballerischer Sonderfall, weil der amtierende Meister kommt von dort.
Michael Stebegg
Das wollte ich extra nicht erwähnen.
Peter Hajek
Ja, eine Laune der Geschichte, muss man sagen.
Michael Stebegg
Hoffentlich eine kurze, bitte.
Peter Hajek
Na, wir werden das heuer beenden. Auf jeden Fall: Warum einen politischen Sonderfall? Weil Graz unterschiedliche Phasen durchlaufen hat, politischer Art und Weise. Also am 25. Juli 1938 hat Adolf Hitler der Stadt den Titel 'Stadt der Volkserhebung' verliehen. Warum? Weil Graz ein ein Hort der auch illegalen Nationalsozialisten war. Und dementsprechend wollten die Nazis das quasi hervorheben. Nach 1945 hat sich das eigentlich gar nicht so gezeigt. Es gab eigentlich nur sechs Bürgermeister und eine Bürgermeisterin. Wobei der sechste Bürgermeister, das war der Josef Krainer Junior, der hat nur von 1983 bis 1985 geschäftsführend amtiert. Auch sehr interessant.
Michael Stebegg
Was immer auch das bedeutet.
Peter Hajek
Ich hab mich da nicht vertieft. Aber von 1945 bis 1973 hat es zwei sozialdemokratische Bürgermeister gegeben. Und dann?
Michael Stebegg
Gab es einen Schwenk ins rechte Lager.
Peter Hajek
Na ja. Ja, also Alexander Götz von der von der Freiheitlichen Partei hat von 1973 bis 1983 die Stadt quasi geführt. Jetzt muss man dazu sagen – ich hab mir das jetzt gar nicht angeschaut, ob der Götz dem nationalen oder dem liberalen Flügel zugeordnet wurde.
Michael Stebegg
Das waren ja in den 70er Jahren in der FPÖ große Flügelkämpfe zwischen den beiden. Bis dann 1986 …
Peter Hajek
Bis dann 1986 – genau wo quasi Norbert Steger für den liberalen Flügel angetreten ist und Jörg Haider, der in den Siebzigern ja schon so ein ganz junger Soziallandesrat in Kärnten war, der dem nationalen Lager zugerechnet wurde. Und der Götz war auch Bundespartei-Obmann der Freiheitlichen Partei für ein paar Jahre rund um das Jahr 1980 herum. So. Und dann gab es einen Wechsel, nämlich 1985 zu Stingl, zu der SPÖ. Und dann haben wir von 2003 bis 2021 den Siegfried Nagl, der dann von Elke Kahr abgelöst worden ist. Also das heißt: Wir haben – jetzt lassen wir den Josef Krainer Junior weg. Also wir haben fünf Bürgermeister, eine Bürgermeisterin – unglaublich wenig Leute für die lange Zeit. Und wir haben sozialdemokratische Bürgermeister, FPÖ Bürgermeister, ÖVP Bürgermeister und KPÖ Bürgermeister. Das ist wirklich …
Michael Stebegg
Was ist los in der Stadt?
Peter Hajek
Na, unglaublich.
Michael Stebegg
Und man muss noch dazu sagen: Die Grünen waren auch die ersten, die in Graz in einen Gemeinderat eingezogen sind.
Peter Hajek
Richtig. 1983.
Michael Stebegg
Also … wie hat das geheißen …
Peter Hajek
Grün Alternative Liste, glaub ich.
Michael Stebegg
ALG.
Peter Hajek
Genau, richtig. Eine unglaublich spannende Stadt von der Zusammensetzung her.
Michael Stebegg
Hast du nachgeforscht, woran das liegt?
Peter Hajek
Nein, ich hab nicht nachgeforscht … also nachgeforscht: Es gibt so ein paar Indizien. Also erstens, dass Graz eine Universitätsstadt ist …
Michael Stebegg
Seit dem 16. Jahrhundert by the way.
Peter Hajek
Ja. Und die – das darf man nicht vergessen – Studentenschaft war ja bis in die Ende der 60er hinein sehr konservativ eigentlich. Ja, da kam ja erst mit den Studentenrevolten von den Sechzigern ausgehend – wissen wir alles, 69er Generation und so weiter und so fort – gab‘s erst einen Wechsel. Das heißt also, es verwundert auch nicht, dass es hier im politischen Spektrum eine gewisse Art von Wechsel gab.
Aber was spannend ist: Die KPÖ ist seit 1945 im Gemeinderat gesessen, außer zwischen 1973 und 1988. Und 1988 ist Ernest Kaltenegger wieder in den Grazer Gemeinderat, also mit der KPÖ, eingezogen. Und der hat dann eine Repositionierung der KPÖ vorgenommen, nämlich hin zum Thema Wohnen und Soziales, ganz, ganz stark. Und das ist ja bis heute das Asset geblieben. Kaltenegger hat dann an Kahr übergeben, da gab es dann einen leichten Rücksetzer. Da waren die schon unter Kaltenegger auf 20%, da sind sie noch mal kurz zurückgefallen. Und jetzt sind sie eben bei der letzten Wahl bei 28,8% aufgeschlagen.
Michael Stebegg
Ich dank dir für diesen wunderbaren historischen Exkurs.
Peter Hajek
Na, aber das das müssen wir machen, weil sonst kommt das, was wir jetzt erzählen, komplett aus dem Off.
Michael Stebegg
Und jetzt tun wir aber etwas, wo du immer sagst, es ist schwierig, nämlich schwer zu prognostizieren. Wir wollen trotzdem ein bisschen in die Zukunft schauen mit der Umfrage.
Peter Hajek
Warte. Wir schauen noch einmal ganz kurz in die Vergangenheit. Nämlich zur letzten Gemeinderatswahl. Und die letzte Gemeinderatswahl hat aus demoskopischer Sicht auch eine Problemstelle. Denn es gab Umfragen, die haben die ÖVP deutlich vorne gesehen mit, glaub ich, 35% und die KPÖ bei 20%. Und in Wirklichkeit war es dann 28,8% für die KPÖ …
Michael Stebegg
… und 25,9%, also 26% …
Peter Hajek
… für die ÖVP. Und dementsprechend kam es dann zum Wechsel. Nämlich jetzt, dass es eine Stadtregierung aus Kommunisten, Grünen und Sozialdemokraten ist. Und das Spannende ist jetzt die Frage, wie entwickelt sie sich weiter?
Michael Stebegg
Genau. Und das schauen wir uns jetzt an.
Peter Hajek
Und jetzt sind wir da.
Michael Stebegg
Danke. Was ich immer sehr schön finde bei den Umfragen, was ihr immer sehr gerne macht, dass ihr mal ein allgemeines Stimmungsbild einholt. Also, wie empfinden die Grazerinnen und Grazer das Leben und die Entwicklung der Stadt? Das habt ihr jetzt auch wiederum gemacht. Und die Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass 47% aller Befragten finden, dass sich Graz alles in allem in die richtige Richtung entwickelt hat oder entwickelt. Und 37%, also 10 Prozentpunkte weniger, sagen, es geht in die falsche Richtung. Weniger angetan sind natürlich die FPÖ Wähler:innen und ÖVP Wähler:innen. Was ich aber sehr spannend finde, dass die Grün Wähler:innen sogar noch überzeugter sind, dass es sich in die richtige Richtung entwickelt als die KPÖ Wähler:innen. Woran liegt das?
Peter Hajek
Keine Ahnung.
Michael Stebegg
Ok.
Peter Hajek
Also, das kann auch sein, man darf nicht vergessen, bei den Grün Wählern haben wir eine kleinere Fallzahl, dementsprechend eine höhere Schwankungsbreite. Ich würde das nicht auf die auf die Waagschale legen. Aber dass die Grüne Wählerschaft an sich mit der Entwicklung der Stadt Graz zufrieden sind, mein Gott, das verweundert jetzt nicht. Sie sind Teil der Stadtregierung. Und – das werden wir nachher auch besprechen – Elke Kahr hat unglaublichen Rückhalt auch in der grünen Wählerschaft.
Michael Stebegg
Bleiben wir kurz bei Elke Kahr, auch wenn wir noch nicht über die fiktive Bürgermeister:innen-Frage reden. Was hat denn jetzt, bis jetzt in dieser Legislaturperiode, Elke Kahr richtig gemacht?
Peter Hajek
Na, ich glaube, Elke Kahr ist – jetzt ohne auf einzelne Policy Themen einzugehen – immer sehr, sehr authentisch geblieben. Und sie ist eine Person, die eben – und das ist immer das ganz große Merkmal von politischen Führungspersönlichkeiten – über die eigene Wählerschaft hinausstrahlt. Die Menschen vertrauen ihr ganz einfach, auch wenn es zum Beispiel eine budgetär kritische Situation mit den Stadtfinanzen gibt. So wird ihr das ganz offensichtlich nicht angelastet, zumindestens nicht von größeren Wählergruppen.
Und ich glaube, sie hat sich auch beim Terroranschlag in der Grazer Schule sehr gut verhalten. Und hat sich so verhalten, dass sie viele Menschen damit abholen konnte. Und das meine ich jetzt nicht politisch taktisch, sondern das einfach so, wie sie ist. Die Persönlichkeit und die Charakteristik eines Menschen zeigt sich immer in solchen in solchen Krisen und Ausnahmesituationen. Das hat sich zum Beispiel auch gezeigt bei Waltraud Klasnic beim Grubenunglück von Lassing, das 1998 stattgefunden hat. Du kannst dich nicht erinnern? Na, Michi, das war damals …
Michael Stebegg
Du bist dafür da, für die Erinnerung.
Peter Hajek
Ja. Waltraud Klasnik hat auch dort instinktiv und sehr, sehr menschlich sich verhalten und wurde damals quasi zur Landesmutter der Steiermark. Und ähnlich dürfte es bei Elke Kahr jetzt auch gewesen sein. Also zumindest hat sie keinen groben Schnitzer gemacht.
Michael Stebegg
Ok. Also, wenn wir jetzt uns anschauen oder sehen, dass eine Mehrheit alles in allem zufrieden ist, drängt sich natürlich die Frage auf, wirkt sich das auch auf die Sonntagsfrage aus, die ihr erhoben habt? Und da sieht es so aus, dass – würde heute gewählt – die KPÖ auf 31% käme, die ÖVP auf 20%, die FPÖ auf 18%, die Grünen auf 14%, die SPÖ auf 8%, die NEOS auf 8% und dann gibt es noch die KFG, die bei einem Prozent landen würden. Also zusammengefasst: Die KPÖ profitiert, die ÖVP verliert, die FPÖ gewinnt, NEOS bleiben ungefähr gleich. SPÖ verliert ein bisschen und die Grünen verlieren ebenfalls ein bisschen.
Peter Hajek
Ja. So – jetzt müssen wir das einordnen. Es ist mit sehr großen Unsicherheiten behaftet. Eine der größten Unsicherheiten bei dieser Umfrage ist – abgesehen davon, dass Umfragen immer eine eine gewisse Volatilität mit sich bringen – aber eine der großen Unsicherheiten ist die Wahlbeteiligung.
Michael Stebegg
Die war das letzte Mal sehr gering mit 53% 2021.
Peter Hajek
Genau. Und das heißt, das haben wir da drinnen noch gar nicht abgebildet. Es ist auch schwer bei 600 Befragten, das abzubilden. Also wir haben 600 Menschen befragt in einem Methodenmix aus Telefon und Online. Und wenn jetzt die Leute gesagt haben, warum nur 600? Weil wir immer schwerer an die Menschen herankommen. Und da ist es besser und macht eine kleinere, qualitativ bessere Stichprobe als eine größere mit 800 oder 1.000 Befragten, aber dafür hat man zum Beispiel bei den Pflichtschulabsolventen eine Unterdeklaration. Also deshalb macht man es etwas kleiner.
Diese 53% machen uns große Sorgen. Weil im Prinzip du dann bei so einer Umfrage eigentlich jeden zweiten schon wieder weghauen könntest. Wir haben jetzt nicht gefragt, ob man an der nächsten Gemeinderatswahl ganz sicher teilnehmen wird. Weil das macht dreieinhalb Monate vorher keinen Sinn. Aber das werden wir bei – wir haben noch eine Umfrage vor der Wahl – da werden wir das erheben. Und dann schauen wir es an, gibt es signifikante Unterschiede in den einzelnen Wählergruppen? Also das ist die große erste Unsicherheit.
Michael Stebegg
Darf ich da noch mal einen Rückblick machen – wir machen heute so viele Rückblicke.
Peter Hajek
Das ist Ok.
Michael Stebegg
Ihr habt ja sicher nach der Wahl – oder hast du nach der Wahl herausgefunden, warum die Wahlbeteiligung so gering war? Also habt ihr da Motive abgefragt, warum Leute nicht wählen gegangen sind?
Peter Hajek
Nein, haben wir damals nicht. Weil für so eine unter Anführungszeichen kleine Wahl gibt es dann eher selten Aufträge und schon nicht von Medienseite. Aber grundsätzlich ist es so, dass, wenn die Menschen nicht das Gefühl haben, dass es um etwas geht, dann setzt meistens eine Demobilisierung ein. Die Frage ist also, wer kann seine Wählerinnen und Wähler, seine Potenziale mal motivieren, zur Wahl zu gehen? Davon wird am Ende des Tages der Großteil des Wahlerfolges abhängen. Dass die KPÖ mit Elke Kahr ein absolutes Zugpferd hat, im Gegensatz zu allen anderen, liegt einfach auf der Hand. Und das wird auch einen großen Ausschlag machen, weil wir jetzt die großen kommunalen Streitthemen so nicht sehen. Also, was ist in Graz wichtig? Es ist der öffentliche Verkehr, das ist in jeder Großstadt ein Thema.
Michael Stebegg
Wohnen wahrscheinlich.
Peter Hajek
Wohnen. Richtig, genau. Das ist besetzt von der KPÖ. Und zwar nämlich jetzt wirklich nachhaltig seit Jahrzehnten. Da übrigens sieht man, was man dann erreichen kann, wenn man nachhaltige Politik betreibt und glaubwürdige Politik betreibt. Das dauert zwar seine Zeit lang, aber dann setzt sich es irgendwann durch. Also das heißt, was wird kommen? Es wird wahrscheinlich von der ÖVP und den Freiheitlichen ein Richtungswahlkampf ausgerufen werden, so nach dem Motto, also wollt ihr weiterhin eine eine links-linke Regierung haben? Oder wollt ihr halt nicht doch was G‘scheites quasi was Bürgerliches? Ob das Sinn macht? Ich weiß nicht. Eine Bürgermeister:innen-Kampagne würde ich nicht fahren, weil die gewinnt die Kahr glatt.
Michael Stebegg
Werden wir auch gleich noch sehen bei der fiktiven Bürgermeister:innenwahl.
Peter Hajek
Genau. Und ja, wir haben noch natürlich auch das Thema Migration, das hat man in jeder Großstadt. Aber es ist nicht so, dass es in Graz so ein brennendes Thema gibt, wo es jetzt ums Sein und Nichtsein geht. Dementsprechend gehen wir davon aus, dass das ein recht entspannter Wahlkampf wird. Aber you never know. Es kann ja immer ein Thema von der Seite kommen.
Michael Stebegg
Aber die Prognose zeigt, dass die KPÖ zugelegt hat, doch um 3% – also mit der jetzigen Umfrage …
Peter Hajek
Prozentpunkte.
Michael Stebegg
Ja, ich weiß. Du hast mich nicht ausreden lassen …
Peter Hajek
Ach so. Entschuldigung. Aber zweitens: Du musst die Schwankungsbreite auch dazu sagen.
Michael Stebegg
Ja. Die Schwankungsbreite ist in dem Fall – sind 4% nach oben und unten. Das heißt: Sollte kommenden Sonntag gewählt werden, würde KPÖ irgendwo zwischen 35% und 27% zu liegen kommen.
Peter Hajek
So und jetzt sagen die Leute sicher: Na, dafür brauchen wir eine Umfrage? Bei der Schwankungsbreite? Es tut mir leid, es ist halt so.
Michael Stebegg
Aber sie würde trotzdem signifikant vor der ÖVP und auch vor der FPÖ liegen.
Peter Hajek
Ja, genau. Also weil die Obergrenze bei der ÖVP lautet, glaube ich, 23. Also die würde, glaube ich, zwischen 23% und 17% irgendwo liegen. Das heißt, aus heutiger Sicht, ist ein Szenario ein wahrscheinliches, dass die KPÖ, egal wo sie aufschlagen wird, aber sehr, sehr gute Chancen hat, erste zu bleiben. Nennen wir es mal ganz vorsichtig so. Bei der ÖVP hängt viel vom Wahlerfolg der Freiheitlichen ab. Die Freiheitlichen kommen von 10-Komma-schlag-mich-tot-Prozent. Damals noch so quasi nach Ibiza, wie soll ich sagen, Nach-Ibiza-Wellen. Und die sind da hinuntergefahren. So, die werden in jedem Fall zulegen.
Michael Stebegg
Aber gab es nicht auch einen Finanzskandal?
Peter Hajek
Gibt es auch in Graz. Genau. Da ist auch die KFG herausgegangen, die wir aber vergessen können. Die wird in aller Voraussicht …
Michael Stebegg
Die liegt bei 1%.
Peter Hajek
Die wird dann einfach auch den Einzug nicht schaffen. Es gab natürlich auch diesen Finanzskandal, es gab eben die Ibiza Affäre, die natürlich ihre Wellen da natürlich hatte. Und 2021 hat es natürlich nirgendwo gut ausgesehen für die Freiheitliche Partei. Sie haben einen ganz neuen Spitzenkandidaten, nämlich René Apfelknab.
Michael Stebegg
Fällt der Apfel weit vom Stamm? Also vom Herrn Kunasek?
Peter Hajek
I don't know. Also vom Herrn Kunasek nicht, weil so erfolgreich wird er nicht sein. Und da ist auch etwas sehr, sehr Interessantes in den Daten zu sehen: Wir haben uns, wir haben nämlich nicht nur gefragt: Wen haben sie bei der letzten Gemeinderatswahl gewählt? Sondern: Wen haben sie auch bei der letzten Landtagswahl gewählt? Und das Spannende ist: Jeder fünfte Wähler von Kunasek, FPÖ geht zur Elke Kahr.
Michael Stebegg
Wirklich?
Peter Hajek
Ja. Also du siehst, wie beweglich die Wählerschaften sind. Und wie deutlich unterschieden wird zwischen der Landesebene und der kommunalen Ebene. Und du siehst auch, wie entideologisiert man eigentlich ist – weil ich wechsel von relativ weit rechts nach relativ weit links.
Michael Stebegg
Spannend. Das heißt also: Würde der Herr Apfelknab irgendwie – oder würde er möglicherweise von Kunosek profitieren? Landeshauptmann Bonus?
Peter Hajek
Das wissen wir nicht. Er ist wirklich eine große Unbekannte. Wir glauben eher, dass in dem Wahlkampf die Freiheitliche Partei vorne stehen wird und und weniger Apfelknab. Wahrscheinlich auch durch Unterstützung der Landespartei. Aber auch da tun wir uns wahnsinnig schwer mit der Einschätzung. Und jetzt hängen mehr oder weniger diese beiden Parteien, ÖVP und Freiheitliche, gemeinsam …
Michael Stebegg
Die wahrscheinlich um Platz zwei rittern werden.
Peter Hajek
Ja, sind kommunizierende Gefäße, wie man so schön sagt. Naja, das weiß ich gar nicht, ob die so – ich weiß, es schaut jetzt enger aus, 20% zu 18%. Aber, ob das so klar wird, da wäre ich – da bin ich noch ganz, ganz vorsichtig.
Michael Stebegg
Kommen wir kurz zur zu den beiden weiteren Koalitionsparteien, nämlich zu den Grünen und der SPÖ. Und da schaut es so aus, dass sowohl die Grünen als auch die SPÖ verlieren werden. Jetzt nicht dramatisch, aber offensichtlich strahlt – also, alles, was richtig gemacht wird, wird mehrheitlich der KPÖ zugeordnet. Kann man das so sagen?
Peter Hajek
Naja, ich würde das gar nicht so sagen. Sondern möglicherweise hat Kahr und die KPÖ Wählerinnen und Wähler, die bei Grün und SPÖ eh schon links verortet sind, kann‘s vielleicht noch mal ansprechen und dementsprechend noch einmal zulegen. Und möglicherweise ist das Profil bei beiden – wobei man jetzt dazu sagen muss, die Grünen liegen doch deutlich höher als die Sozialdemokraten – nicht so ausgeprägt, dass ich die die Wähler und Wählerinnen stärker an mich binden kann. Auch da ist noch nicht aller Tage Abend. Bei der SPÖ muss man jetzt sagen, die kommen von 10%. Also die waren schon relativ schwach aufgestellt. Und die SPÖ hat natürlich in der Steiermark das Problem, dass sie jetzt quasi …
Michael Stebegg
… zerquetscht wird.
Peter Hajek
Ja. Oder zerrieben wird oder was auch immer. Also sie muss sich von ihrer linken Konkurrenz klar abtrennen. Puh. Das ist eine ordentliche Herausforderung. Die Grünen haben es da ein bisschen leichter, weil sie mit der Judith Schwentner eine profilierte, langjährige Politikerin haben. Und man hat das Thema öffentlicher Verkehr – in einer Grazer Universitätsstadt ist das nie schlecht, wenn man das Thema hat.
Aber wie gesagt, ob das ausreichen wird, ist eine andere Frage. All diesen Wählerinnen und Wähler links der Mitte ist klar, dass wenn es sich ausgeht, wird aller Voraussicht nach diese Koalition wieder fortgesetzt werden. Das wiederum ein Nachteil ist für die Mobilisierung …
Michael Stebegg
Weil sie sich denken: Ja, es ist eh schon a g’maade Wiesn.
Peter Hajek
Ja, genau. Wird eh so sein. Weil – wir hüpfen noch mal ganz kurz rüber zu ÖVP und Freiheitlichen. Die können zu zweit – laut Stand der Dinge – keine Koalition bilden, weil sie halt gemeinsam, jetzt sagen wir mal ,38% haben. Und dann bräuchten sie noch jemanden wie NEOS. Nur ich glaub, die werden den Teufel tun, dass sie hier einen Wechsel herbeiführen.
Michael Stebegg
Also Stand jetzt gäbe es nur eine mögliche Zweier-Variante, also wenn man die aktuellen Umfragedaten nimmt. Das wär nämlich zwischen der KPÖ und der ÖVP …
Peter Hajek
Wobei nach Mandaten könnte es, glaube ich, dann sogar KPÖ und Freiheitliche sein – aber ich glaube, das geht sich nicht ganz aus.
Michael Stebegg
Aber auch KPÖ und ÖVP klingt jetzt auf den ersten Blick mal schon nach: Naja eher nicht. Aber – und da habe ich nachgeschaut: Das gab es schon mal. Der Ex-Bürgermeister Siegfried Nagl ging 2016 eine Arbeitsüberkommen mit der KPÖ ein. Also ganz ausgeschlossen ist es nicht.
Peter Hajek
Na schau. Na klar. Man ist am Wahltag dann immer relativ flexibel.
Michael Stebegg
Wenn die Wähler:innen flexibler werden, kann es die Politik auch werden.
Peter Hajek
Ja. Natürlich ist es so. Dann stellt sich natürlich immer die Frage: Schafft man ein gemeinsames Programm? Wie schaut es mit den Alternativen in den Koalitionsverhandlungen aus? Also, wie gesagt, am Montag nach einer Wahl hat schon wahnsinnig oft vieles anders ausgesehen.
Michael Stebegg
Jetzt sind wir schon sehr viel um die Persönlichkeiten dieser Wahl herum scharwenzelt. Jetzt kommen wir dazu, nämlich zur fiktiven Direktwahl der Bürgermeisterin oder des Bürgermeisters. Und damit sind wir bei unserer beliebten Rubrik:
Peter Hajek
Die Zahl der Woche.
Michael Stebegg
Die Zahl der Woche ist diesmal die Gewinnspiel-Frage der Woche. Wie eingangs erwähnt, sind ja wir beim Podcast Festival der kleinen Zeitung in Graz und dafür dürfen wir 2 x 2 Tickets verlosen. Und um diese zu gewinnen, sollten Sie beim nächsten Themenblock ganz besonders gut zuhören. Weil:
Wir schauen uns jetzt die Zahlen der Direktwahl der Bürgermeisterin und des Bürgermeister an. Und da schaut es so aus: Elke Kahr würde Stand heute auf 43% kommen, Kurt Hohensinner von der ÖVP auf 18%, René Apfelknab auf 7%, Judith Schwentner von den Grünen auf 3%, Philipp Pointner von den NEOS auf 3% und Doris Kampus auf 2% von den Sozialdemokraten. Also, man sieht nicht nur bei der Sonntagsfrage, auch bei der Direktwahl, Elke Kahr und die KPÖ haben ein haushohes Plus, also in dem Fall die Elke Kahr.
Peter Hajek
Also, in dem Fall ist es um Hausecken stärker. Also, das sind ja keine hochgerechneten Werte. Also, würden wir jetzt die, die sagen ‚keiner von diesen‘ und ‚keine Angabe‘, würden wir die wegrechnen und die Werte von Kahr hochrechnen, dann wäre die Elke Kahr bei 55% Das heißt, sie würde in einer fiktiven Wahl den ersten Platz im ersten Wahlgang nehmen. Und 55% für Kahr und 31% für die Partei zeigt diese unglaubliche Stärke an. Also sie zieht die Partei nach oben und die anderen spielen keine Rolle.
Und wie gesagt, die Umfrage haben wir gemacht für die Kleine Zeitung. Und der Kollege von der Kleinen Zeitung hat mich ja gefragt: ‚Naja, aber das verwundert ein bisschen, weil die Judith Schwentner eigentlich, von den Grünen eine recht bekannte Politikerin ist. Dass die jetzt da nur 3% bekommt, das ist ja erstaunlich.‘ Na und dann hab ich zu ihm gesagt: ‚Naja, aber die grünen Wähler:innen haben halt nur eine Stimme bei einer fiktiven Bürgermeisterfrage. Und dann geben sie dir einfach der Kahr. Das ist ganz klar.‘ Weil die ist ja auch die Bürgermeisterin und die hat das aus der Sicht bis dato gut gemacht. Das ist kein Negativ-Votum gegenüber Schwentner, sondern ein Positiv-Votum gegenüber der Elke Kahr. Aber man merkt, die Bürgermeisterin räumt alles ab. Und sie geht querbeet in alle Schichten hinein.
Also zur Erläuterung: 9 von 10 KPÖ Wählern unterstützen Elke Kahr in der Bürgermeisterfrage, 8 von 10 ÖVP Wählern unterstützen Hohensinner, also den eigenen Kandidaten. Das ist total Ok Alle anderen Kandidaten kommen nicht auf mehr als ein Drittel Zustimmung in den eigenen Wählerschaften. Also weder der Apfelknab der FPÖ, noch der Pointner bei NEOS. Die, glaub ich, haben ein Drittel. Und Schwentner und Kampus sind noch mal drunter. Das heißt: Die Elke Kahr erreicht Wählerinnen und Wähler, die deutlich jenseits ihrer Wählerschaft liegen.
Michael Stebegg
Davon können andere nur träumen.
Peter Hajek
Absolut, ja.
Michael Stebegg
Trotzdem kurz zum René Apfelknab, der jetzt bei der Umfrage doch – ich weiß, wir sind im kleinen Bereich – aber deutlich vor der Judith Schwentner und der Doris Kampus liegt und der eigentlich, zumindest in der breiteren Öffentlichkeit, bis dato komplett unbekannt war. Wieso kommt der dann trotzdem aus dem Stand weg auf einen höheren Wert als die beiden?
Peter Hajek
Das ist einfach der Größenordnung der Freiheitlichen Partei geschuldet. Also die Freiheitliche Partei hat 18% Wählerzuspruch, die Grünen 14%. Und die FPÖ hat oder Apfelknab hat keine Konkurrenz wie Elke Kahr, also vermeintlichermaßen, die Judith Schwentner natürlich schon hat. Aber ihn unterstützen auch nicht rasend viele freiheitliche Wähler. Und dementsprechend sind diese 7% – jo eh. Aber um die kann er sich auch nichts kaufen.
Michael Stebegg
Arithmetik ist ein gutes Stichwort. Jetzt kommen wir nämlich zur Gewinnspiel-Frage. Wir würden gerne von Ihnen wissen: Wie viele Prozentpunkte liegen bei der Bürgermeisterin oder Bürgermeister Direktwahl zwischen Amtsinhaberin Elke Kahr und Kurt Hohensinner von der ÖVP? Wenn Sie diese Frage beantworten können und wollen – und eben 2 x 2 Tickets für das Podcast Festival der Kleinen Zeitung in Graz gewinnen wollen, schreiben Sie bitte sehr gerne an frag@dasorakel.at.
Ich hab noch 2 Fragen bezüglich der kommenden Monate, die jetzt noch vor der Wahl liegen: Du hast es am Anfang ganz kurz gestreift – auch kurz vor der Wahl wird sich der Amoklauf von Graz einmalig jähren. Wird der noch ein Thema bei der Wahl werden? Oder ist das irgendwie in Graz: ‚Mog ma ned drüber reden?‘ Oder ist alles geklärt?
Peter Hajek
Nein, es wird insofern keine Rolle spielen, weil weder eine Partei noch Politikerinnen oder Politiker das in den Wahlkampf integrieren möchten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das macht. Auf der anderen Seite wird es insofern Thema werden, weil es natürlich der erste Jahrestag ist. Es wird dann ein Gedenken geben und dann spielt das natürlich bis zum gewissen Grad hinein. Ich glaube aber nicht, dass es jetzt einen Ausschlag geben wird direkter Art für die Wahl, sondern wenn – siehe, was wir vorher schon besprochen haben – hat er schon Wirkung gezeigt.
Michael Stebegg
Gibt es überhaupt irgendetwas, was der Elke Kahr oder der KPÖ gefährlich werden könnte? Also außer wenn jetzt irgendein großes Drama passiert, von dem wir noch nichts wissen.
Peter Hajek
Ja, das ist der Klassiker. Also wenn dieser Wahlkampf solide und unaufgeregt abläuft, dann dann wird es das gewesen sein. Das heißt, man wird versuchen, Elke Kahr an irgendwelchen Punkten zu erwischen. Das heißt, man versucht, die Reputation der Kandidatin zu untergraben. Was aber gar nicht so leicht ist, weil – egal, ob jetzt Landeshauptleute oder Bürgermeisterinnen, die so eine hohe Reputation in der Bevölkerung haben – die dann anzugreifen …
Michael Stebegg
Kann auch einem selbst gefährlich werden.
Peter Hajek
Ja. Da das muss man schon sehr geschickt machen Und das kann zum Bumerang werden sehr oft. Und dementsprechend fehlt es mir ein bisschen an Fantasie, wie die Herausforderer von Elke Kahr das machen könnten. Aber ich bin ja, Gott sei Dank, nicht involviert.
Michael Stebegg
Der Bumerang kommt zurück – wir sind am Ende unserer 40. Folge angelangt. An dieser Stelle noch einmal der Hinweis auf das Podcast Festival der Kleinen Zeitung am 18. April im Schauspielhaus in Graz, wozu wir Sie herzlichst einladen möchten, dort zahlreich zu erscheinen. Es lohnt sich, nicht nur, weil wir dort auftreten werden und live vor Ort sein, sondern auch viele andere Podcasterinnen und Podcaster aus Österreich. Alle Infos dazu finden Sie online bei der Kleinen Zeitung und natürlich auch auf unseren Kanälen. Vergessen Sie nicht, beim Gewinnspiel mitzumachen und schreiben Sie Ihre Antwort an frag@dasorakel.at. Die nächste Folge erscheint am Donnerstag, den 2. April. Bis dahin sagen wir: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
Peter Hajek
Das Orakel.
Autor:in:Michael Stebegg |