Die Dunkelkammer
History. Hugo Brainin: Nachdenken über ein 101-jähriges Leben
- hochgeladen von Felix Keiser
Von Christa Zöchling. Nach einem langen Leben in Anstand, Würde und wundersamer Fröhlichkeit ist Hugo Brainin nun auch in die Literatur eingegangen. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat ihm eine literarische Grabrede gewidmet.
Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus der Reihe "History".
Heute denke ich nach über ein 101-jähriges Leben. Ein lieber Mensch ist gestorben. Ich kann nicht sagen, ein Freund, dafür waren wir uns nicht nahe genug. Auch kein Mentor, dafür haben wir uns zu spät im Leben kennengelernt. Und doch war es ein Mensch, den man kennenlernt und liebgewinnt, mit dem man lachen und streiten kann und keine Sekunde daran denkt, man würde etwas Falsches oder Dummes sagen. Bei Hugo Breynand war Freiheit im Denken.
Ich habe sein leises Lachen im Ohr, die Melodie seiner Stimme und das unglaublich schöne Wienerisch, das er gesprochen hat. Der größte Schriftsteller für ihn war Shakespeare. Da kam er ins Schwärmen. Englisch, das war seine zweite Sprache. Und die Musik, Musik war in seiner Kindheit allgegenwärtig. Sein Bruder Norbert spielte Geige, er hat später das berühmte Amadeus-Quartett gegründet.
Ich zitiere aus einem Gespräch mit Hugo Breynand: "Wenn Norbert geübt hat und eine Phrase wiederholte und ich im Nebenzimmer las, habe ich auch den Satz wiederholt, den ich lese." Und Hugo Breynand sang auch gern. Eine seiner beiden Töchter, Lisi und Nandi, Lisi nämlich, hat in ihrer Grabrede eine Szene geschildert, wie ihr Vater und dessen Ärztin am Tisch sitzen und gemeinsam "Und der Haifisch, der hat Zähne" singen.
Und sie hat auch erzählt, welch ein fröhlicher Mensch er war. Er machte durch Wortwitz und Schlagfertigkeit alles leichter und heller für jeden. Hugo Breynand war ein guter Mensch, so altmodisch das klingt. Er hat geholfen, wenn es nur irgendwie möglich war, hat sich immer den Menschen angeschaut und nicht seine Herkunft, seine Geldbörse oder die Partei. Und dasselbe galt vielleicht in noch größerem Maß, weil ihr mehr abverlangt wurde, seiner Frau Lotte Breynand. Wenn ich den Begriff Solidarität in einer Scharade darstellen müsste, ich würde einfach auf Hugo und Lotte Breynand deuten.
Aber das geht jetzt nicht mehr. Hugo Breynand wurde vergangene Woche am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Er ist 101 Jahre alt geworden. Lotte Breynand starb schon vor sechs Jahren, sie ist 100 geworden. Als ich Hugo Breynand kennenlernte, war seine Frau, seine große Liebe, schon sehr krank. Es war gar nicht so einfach, mit ihm etwas auszumachen. Er hatte Verpflichtungen, war als Zeitzeuge in Schulen, als politischer Mensch bei diversen Veranstaltungen. Und seine Frau, die schon bettlägerig war und es selbst nicht mehr konnte, brachte er einmal in der Woche zum Friseur.
Breynand wusste, was Würde ist und dass der Mensch ein Recht darauf hat. Lotte Breynand hat Folterkeller der Gestapo, Auschwitz und Ravensbrück überlebt. Als sie nicht mehr war, ist ihrem Gefährten langsam die Kraft ausgegangen. Auch wenn er immer noch tapfer, der Welt zugewandt, liebenswürdig und scherzend im Kreis seiner geliebten Familie, seiner Töchter, Enkel und Urenkel weitergemacht hat. Die Breynands hatten einen moralischen Kompass, der so selten wie verlässlich war und der jetzt fehlt.
Nehmen wir nur einmal Israel. Der moralische Kompass zwischen Israels Existenzrecht und Gazakrieg und Siedlergewalt führt durch unzählige Klippen. Doch der Weg ist eigentlich ganz einfach. Hugo Breynand sagte, es ist schon gut und richtig, dass die Juden einen Staat haben, wo sie unter sich sein können. Aber die israelische Regierung ist eine Baggage. Das war im Jahr 2018. Netanjahus Mehrheit in der Knesset hatte ein Nationalstaatengesetz beschlossen, das israelische Araber diskriminiert und die völkerrechtlich illegale Siedlungspolitik einzementiert.
Lotte Breynand als Kind, geboren als Lottesonntag, ein Kind galicischer Flüchtlinge nach dem Ersten Weltkrieg, aufgewachsen in der Leopoldstadt in ärmsten Verhältnissen, war schon als 16-Jährige wegen aufrührerischer Flugblätter in der Rossauer Kaserne inhaftiert worden. Als die Nationalsozialisten in Österreich 1938 die Macht ergriffen, beziehungsweise mit Heilrufen empfangen wurden, flüchtete sie mit Hilfe von Freunden aus ihrer Jugendgruppe nach Belgien. Sie waren zu zweit, Lotte und ihre beste Freundin. Sie waren doppelt gefährdet, als Kommunistinnen und Jüdinnen.
Als auch Belgien von der Wehrmacht überrannt wurde, machten sie dort, angeleitet von einer kommunistischen Zelle, sogenannte Mädel-Arbeit. Ein ziemlich harmloser Begriff für etwas sehr Gefährliches. Sie gaben sich als Elsässerinnen aus, versuchten, mit Wehrmachtsoldaten in Kontakt zu kommen und wenn einer zugänglich schien, also zumindest kein Nazi war, vertrauten sie ihm Flugblätter an zum Weiterverteilen. Eine Zeit lang ging das gut. Doch ein Soldat verriet sie und Lottesonntag lief der Gestapo in die Arme.
Es folgten Haft, Folter, sie verriet niemanden, und Auschwitz. Auch dort war sie in einer Widerstandsgruppe mit dem Ziel, die Krematorien in Birkenau zu sprengen. Sie schmuggelten Sprengstoff in winzigen Portionen aus der Fabrik, in der sie KZ-Arbeit machten, ins Lager. Einige wurden erwischt und vor Tausenden Frauen beim Appell in Birkenau hingerichtet. Lottesonntag kam in das Konzentrationslager Ravensbrück und sollte am Ende noch in das Todeslager Uckermark verbracht werden, weil eine Funktionärin der Meinung war, Lotte hätte auch Nicht-Kommunistinnen geholfen und das verstoße gegen die Parteilinie.
Lottesonntag hat überlebt. Im Frühjahr 1946 war sie wieder in Wien, vollkommen allein. In einem Zeitzeugeninterview im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands gesteht sie: "Das war so scheußlich für mich in Wien. Das Erste, was ich gemacht habe, war, dass ich in meine Wohnung gegangen bin, also die Wohnung, wo meine Geschwister und ich bis zum Schluss gewohnt haben. Ich gehe in die Liechtensteinstraße hinein und wer kommt mir entgegen? Von meiner liebsten Schulfreundin die Mutter, die mit dem Hund dort äußerlich war. Und das Erste, was sie gesagt hat: 'Herrst, du kommst zurück? Du lebst? Wieso ist denn das?' Das war für mich so ein Schlag ins Gesicht, dass ich nicht einmal in das Haus hineingegangen bin, wo unsere Wohnung war. So empfangen zu werden von der Mutter einer lieben Freundin, die immer so freundlich gewesen war."
Viele Jahrzehnte später, nach einem langen gemeinsamen Leben, sagte Hugo Breynand, Lotte habe, was Auschwitz und so weiter betrifft, immer eine Antenne gehabt, ein Sensorium für hohle Phrasen ebenso wie für Anteilnahme. Ein paar Monate nach dem Vorfall mit der Nachbarin haben die beiden einander in einer Veranstaltung der Wiener KPÖ das erste Mal gesehen. Er, 22 Jahre alt, war ihr aufgefallen, weil er während des Vortrags eingeschlafen ist und leise vor sich hingeschnarcht hat.
Hugo Breynand war im selben Jahr, also 1946, aus England nach Wien zurückgekehrt, um den Sozialismus aufzubauen. Seine Verwandten sind dort geblieben. Hugo Breynand entstammt einer Familie russischer Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor Pogrommen geflüchtet und in der Donaumonarchie ihr Glück gefunden haben. Bald produzierten sie elegante Pelzmäntel in einer Werkstätte mit 50 Angestellten, die in einem noblen Geschäft in der Wiener Innenstadt verkauft wurden. Vier Familien konnten davon leben.
Breynands Vater starb 1930 an einer Blinddarmentzündung, da war Hugo sechs Jahre alt. Seine Mutter starb acht Jahre später. Im Alter von 13 war Hugo Breynand also voll weise. Er und sein älterer Bruder Norbert und seine jüngere Schwester Renée lebten fortan bei Verwandten. "Er hätte schon als Kind gewusst, dass er Jude ist", erzählt Breynand einmal. "Beim Fußballspielen auf der Straße war es nicht zu überhören: Sau-Jude, geh nach Palästina." Das war lang vor der Machtergreifung der Nazis.
Am Abend des 11. März 1938 waren Hugo und Norbert bei einer Tante im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Sie hörten gemeinsam Kanzler Schuschnigg im Radio sagen, dass nun Gott Österreich schützen solle. Und als sie rausgingen, war der Hexenkessel am Kochen. Scheiben klirrten, es wurde marschiert, "Heil Hitler" gegrölt und jeder auf der Straße trug eine Harzhakenkreuzschleife, auch die Polizei. Der Marschschritt, das aufbrausende Heil, kollektives Eintopfessen am Wiener Rathausplatz, natürlich nur für Arier. Das Gelächter der Passanten, über Straßen waschende Juden jeden Alters.
Das war die Zukunft. Und dann kam die Kristallnacht. Hugo und Norbert waren an diesem Abend zum Kaddischsagen dort, als ein Mob, darunter auch Hitlerjugend, den Tempel stürmte, drauf und drein schlug und Brandkörper warf. Die Breynand-Buben liefen hinten raus. Zu Weihnachten 1938 waren sie glücklich in London. Zwei Tanten und sieben Kinder. Die Breynand Brothers hatten sich auch in London bald etabliert.
Hugo half im Geschäft, einem eleganten Laden in der New Bond Street. Gelernt hat er allerdings das Schlosserhandwerk in einer Fabrik. In dieser Zeit ist ihm auch der Anti-Dühring von Friedrich Engels in die Hände gefallen. Diese Darstellung des Kommunismus, einer der bekanntesten Sätze daraus lautet, "Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen", überzeugte den Teenager, dass nur der Kommunismus Gerechtigkeit in der Welt herstellen kann. Hugo trat in die britische Kommunistische Partei ein und agitierte unter seinen Kollegen in der Fabrik. Bis Beamte von Scotland Yard auftauchten und ihm, so erzählte das Hugo einmal, auf eine sehr zivile, höfliche Art und Weise zu verstehen gaben, er sei ein Sicherheitsrisiko und solle das besser lassen. In der KPÖ bekamen die Breynands, sie hatten 1948 geheiratet, bald Probleme.
Denunziantentum, Parteiausschluss bei der leisesten Kritik an Stalin, Antisemitismus waren üblich. Das war nicht die Solidarität, die sie sich vorgestellt hatten und an der sie ihr Leben lang festhielten. 1938 traten sie aus. Aus dem Land, in das sie zurückgekehrt waren, konnten sie nicht austreten und das war antisemitisch. Nach amerikanischer Beobachtung war Österreich damals das antisemitischste Land in Europa. Die Bilder von Leichenbergen aus den Vernichtungslagern änderten nichts daran. Eher im Gegenteil. Der Satz, die Deutschen und natürlich auch die Österreicher werden den Juden nie vergeben, was sie ihnen angetan haben, der ursprünglich von dem österreichischen, später israelischen Psychoanalytiker Zwiericks stammt, hat sich bewahrheitet.
Der ÖVP-Politiker Leopold Kunczak, schon in der Ersten Republik ein heftiger Antisemit, war das auch noch 1945. Bei einer Kundgebung gegen die Einreise polnischer Juden im Dezember 1945, also Menschen, die Auschwitz und andere Lager überlebt hatten, versicherte er unter heulendem Beifall, er sei immer schon Antisemit gewesen. Und heute hätten weder fremde noch einheimische Juden in Österreich etwas zu suchen. Nachkriegskanzler Leopold Figl, ebenfalls ÖVP, stellte allen Österreichern 1945 gleich einmal einen Passierschein aus. Das österreichische Volk, sagte Figl, habe sieben Jahre lang unter Hitler geschmachtet und sei zu blindem Untertanentum gezwungen worden. Symptomatisch ein Prozess in Wien gegen einen österreichischen SS-Mann in Auschwitz, der sich damit verteidigte, dass nur Deutsche die Gefangenen geprügelt und misshandelt hätten. Er als Österreicher sei nur dabei gestanden und habe zugesehen.
Die Brutalen, die Schläger, das seien nie die Österreicher gewesen. Es ist also geradezu lachhaft, wie ein Kanzlersatz die Selbstlüge forciert. 1946 war im Vorraum der Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse, der einzigen Synagoge, die beim Novemberpogrom nicht zerstört worden war, eine schlichte Gedenktafel angebracht worden. Gewidmet war sie den jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die in den schicksalsschweren Jahren 1938 bis 1945 erleben ließen. Verantwortliche wurden nicht benannt. Gestiftet hatten die Tafel die Überlebenden selbst. Die Tafel an der Außenfassade zu montieren, wagte man nicht. Es hätte sonst Schmierereien gegeben. Die Journalistin Erika Wandt doch hat bereits in den 60er Jahren einen Essay in einem Sammelband veröffentlicht, in dem sie ihre Alltagsbeobachtungen des Antisemitismus schildert.
Zum Beispiel eine Wiener Telefonzelle. An der Wand stand: "Es lebe Israel!" Rufzeichen.
"Nicht mehr lange!" Rufzeichen. "Alle Juden bitte hingehen!" Rufzeichen. Ein höflicher Österreicher. Ein westlicher Diplomat traf in den Nachkriegsjahren die Einschätzung, Antisemitismus ist in Österreich nicht allein nationale Politik, es ist ein nationaler Charakter. Hugo Breynand erlebte in seinem Berufsleben mehrere Situationen, die ihm zeigten, dass er nicht dazugehört.
Er war sogar teilweise mit heftigem Antisemitismus konfrontiert. Er arbeitete bei der Wagner Büro im Anlagenverkauf und hatte viel zu tun mit Partnerfirmen in der verstaatlichten Industrie. Ich zitiere Breynand: "Wo man hingeschaut hat, waren bei uns Nazis. Die haben gute Posten gehabt und alles." Der Jude Breynand wurde von seinen Chefs vorzugsweise im Nahen Osten eingesetzt, in arabischen Ländern und im Iran. Sein geschäftliches Gegenüber dort waren oft ehemalige hochrangige Nazis, die sich in diese Weltgegend gerettet hatten. Breynand erzählte mir auch einmal, dass einer seiner Chefs angesichts der Namen von einer New Yorker Projektfirma wie aus der Pistole geschossen fragte: "Das sind doch alles Juden, oder?"
Und Breynand in seinem scharfen Witz antwortete: "Wenn sie aus New York sind, ganz bestimmt, ist doch Ostküste." Die meisten seiner Arbeitskollegen hätten mit der Zeit umgedacht, sagte Breynand. Vor dem Krieg haben alle die arischen Großmütter gesucht, nach dem Krieg haben alle die jüdischen Großmütter gesucht. Und dabei lachte er aus vollem Herzen. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelenek hat Hugo Breynand eine sehr liebevolle Grabrede gewidmet, eine literarische. Auch sie war von diesem Wunder an Fröhlichkeit und Liebe fasziniert. Ich zitiere aus der Rede: "Ich erinnere mich an ein Lachen, seine große Liebe, seine Frau, seine Töchter haben auch gelacht, alle, die ganze Wohnung, die Wände haben sich gebogen und sich zusammengeschoben, bis sie alle ganz eng beieinander waren."
Und damit verabschiede ich mich von Ihnen heute mit hellem Herzen, Ihre Christa Zöchling.
Autor:in:Felix Keiser |
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