Die Dunkelkammer
History. Tech-Faschismus aus Stanford. Eine Archäologie des Zeitgeists.

Von Christa Zöchling. Die Ideologie des Silicon Valley wird spät als Gefahr für die Demokratie erkannt. Dabei gab es schon vor Jahren Hinweise auf das, was sich da zusammenbraut. Historisch hat Technikverehrung faschistische Regime angetrieben.

Christa Zöchling
"Die Dunkelkammer", der Podcast über die dunkle Seite der Macht. Unerschrocken und investigativ. Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus der Reihe "History".
Es gab einmal eine Zeit, da hieß es: Wenn einer einen Ingenieurstitel trägt, ist er vermutlich ein Rechter, wenn er nicht sogar ein Mitglied der NSDAP gewesen ist. Technisches Denken und mangelndes Sensorium für gesellschaftliche Strömungen seien eben der Morast, in dem so etwas gedeiht. Von einem technischen Charakter zu reden ist natürlich Unsinn, aber es schimmert etwas Wahres durch an diesem Vorurteil: Technikbegeisterung ist historisch eng verknüpft mit autoritären Regimen. Ingenieure waren tatsächlich überdurchschnittlich häufig bei der NSDAP organisiert, und führende Experten dieser Branche waren eng mit dem Regime verbandelt. Mit einer autoritären Charakterveranlagung hat das freilich nichts zu tun. Modernste Technik, das heißt immer auch Rüstung, Staatsmacht, Staatsaufträge, Millionen und daraus entstehende Abhängigkeiten.

Mit angeblichen Wunderwaffen, die kurz vor dem Einsatz stünden, stärkte das NS-Regime den Durchhaltewillen der Deutschen und Österreicher im Krieg. Technisch on top war das NS-Regime im Funk- und Filmwesen. Der billige Volksempfänger hieß nicht nur so, er war es auch: Die Radioreden Hitlers hörte man aus riesigen Lautsprechern, die öffentliche Plätze beschallten. Und bei der Automobilmesse 1934 versprach Hitler jedem Volksgenossen einen Volkswagen. Tatsächlich wurden damals in Wolfsburg Rüstungsgüter hergestellt und nur etwa 260 Autos, und die gingen alle an die Wehrmacht. Erst nach dem Krieg war das Volkswagenwerk die größte Autofabrik der Welt, bis Tesla kam.

Der nationalsozialistische Massenmord wäre auch nicht möglich gewesen ohne technischen Erfindergeist und Aufwand. Bei der Entwicklung der Atombombe war das NS-Regime zum Glück ins Hintertreffen geraten: Seine besten Wissenschaftler waren ins Exil geflüchtet und arbeiteten im Manhattan-Projekt in Los Alamos mit, um den Faschismus zu besiegen. Die amerikanischen Bomben im August 1945, Hiroshima und Nagasaki, wurden ein Trauma für die Welt und unwiederholbar. Die Technikgläubigkeit des Faschismus war ein zentrales Element seiner Ideologie. Sie entwickelte sich mit der Selbstgewissheit: Nur die Herrenrasse sei dazu fähig.

Die heutigen Ingenieure sind coole Nerds in Hoodies und Turnschuhen und einem Stanford-Rucksack über der Schulter. So einen Rucksack habe ich auch daheim. Ich war einmal in Stanford, auf dem berühmten Campus, zu Besuch bei einer Freundin, der Historikerin Heide Mariol, die ein Fulbright-finanziertes Forschungssemester dort verbrachte. Ich hatte bei meinem Aufenthalt im Gegensatz zu ihr keine Pflichten: Streunte über den Campus, saß in Bibliotheken, trieb mich in Kreativlofts herum, die aussahen wie Kindergärten für Erwachsene, schaute, hörte und versuchte, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. "Was studierst du und warum? Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Was macht den Unterschied, wenn man hier studiert hat?" Aus Stanford kommt.

Es war im Jänner 2015. Zwei Tage verspätet war ich in Stanford angekommen, weil ein islamistisches Terrorkommando in Paris die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und unmittelbar danach einen Koscher-Supermarkt überfallen hatte. 17 Terroropfer. Mein Flug war mehrmals umgeleitet worden, und jeder sprach darüber. Doch in Stanford war das Thema plötzlich wie weggeblasen von einem stärkeren Wind. Die jungen Leute, denen ich Löcher in den Bauch fragte, versprühten kindlichen Optimismus. Sie wirkten auf mich wie erleuchtet: Alle wollten sie die Welt zum Besseren verändern, die Natur schützen, nicht ausbeuten, sondern Energie für alle, gute Lebensmittel für alle, Pflanzen und Tiere erhalten, Winde und Meeresströmungen steuern, das Universum erkunden, Maschinen bauen, die sprechen und lernen und denken können. Wegen des Gleichklangs kamen sie mir vor wie eine fröhliche Sekte.

"Wie viel zahlen deine Eltern für dein Studium?" Das wagte ich nicht zu fragen. Laut Homepage kostet Stanford heute 90.000 Dollar im Jahr. Das sind die Studiengebühren, das ist die Unterkunft und die Verpflegung. Und ein Postgraduate kostet etwa 170.000 bis 200.000 US-Dollar. Aber wir sprechen von dem Jahr 2015. Die ehemalige Bundesgeschäftsführerin der SPÖ, Laura Rudasch, war damals auch dort. Sie absolvierte in Stanford ein einjähriges Postgraduate für Führungskräfte. Heute ist sie Executive Vice President bei Palantir Technologies. Das ist die höchste Funktion unterhalb des CEO, und sie vertritt auch Alex Karp bei Bedarf.

Erst später ist mir aufgefallen, dass die jungen Leute am Campus nie von den Menschen sprachen, immer nur von Sonne, Natur und Technik. Dabei herrschte dort eine rücksichtslose Leistungskultur, und das Leben war nicht einfach. Die Mieten am Campus oder in Campusnähe sind unverschämt teuer. Ich nächtigte in einer schlauchartigen Küche auf dem Sofa, im Rücken die Waschmaschine, an den Füßen den Kühlschrank. Es surrte und brummte die ganze Nacht über. Ein Gastprofessor schnarchte hinter einem Bücherregal im Flur dieser Wohnung. Meine Freundin, die Erstmieterin, hatte als Einzige ein Zimmer mit Tür. Nach einer Woche zog ein weiterer Gastprofessor bei uns ein. Ich räumte die Küche und fand Aufnahme im Zimmer meiner Freundin, am Boden.

Noch etwas gibt mir zu denken: Eine Veranstaltung mit einer Bestseller-Autorin war damals in Stanford am Campus angekündigt, Cheryl Straight. Sie ist berühmt geworden für ihre Selbstfindung bei einer 1.800 Kilometer Wanderung entlang des Pacific Crest Trail, um den Tod ihrer Mutter, eine schwierige Trennung und Heroinabhängigkeit zu bewältigen. Die Geschichte war verfilmt worden und damals gerade im Kino angelaufen, deshalb hatte sie einen großen Hype. Für ihren Auftritt in einem Hörsaal in Stanford gab es keine Anmeldung und keine Zählkarten. Ich stand drei Stunden vorher an, um reinzukommen. Hunderte wurden abgewiesen. Drinnen im Saal gärte es vor Begeisterung, vor Hitze und Gefühlen. Das Publikum war aufgewühlt.

Am nächsten Tag lag an jeder Ecke des Campus die Studentenzeitung "Stanford Review" auf. Ich zitiere: "Ich zahle jährlich Zehntausende von Dollar, und dann komme ich nicht rein." So und ähnlich lauteten die Beschwerden von denjenigen, deren Eltern horrende Studiengebühren zahlen oder auch Spenden für die Universität und nicht in den Hörsaal hineinkamen. Aber Nichtzahler und Stipendiaten zum Teil schon. Damals wusste ich nicht, dass der Start-up-Gründer und Risikokapitalgeber mit dem glücklichen Händchen und spätere Palantir-Gründer Peter Thiel mehr als 20 Jahre zuvor diese Zeitung gegründet hatte und seine ehemaligen Mitstreiter heute nach und nach Posten in seinen Unternehmen bekleiden.

In geringer Entfernung von Stanford befinden sich die Firmengelände von Facebook, Google, Apple, Cisco und PayPal. Und in Palo Alto, das an den Campus grenzt, hatten damals noch Palantir und Tesla ihren Hauptfirmensitz. All diese Tech-Unternehmen waren von Stanford-Studenten gegründet oder in die Höhe gebracht worden. Die Namen Peter Thiel, Alex Karp und Elon Musk waren zu diesem Zeitpunkt in Europa noch wenig bekannt. Und auch von einer Unterstützung für Donald Trump war noch nichts zu bemerken. Doch ihre Weltanschauung hatte sich in Stanford bereits entfaltet.

"Move fast and break the things", schnell handeln und Dinge kaputt machen, wie Mark Zuckerberg einmal gesagt hat. Keine Konkurrenz dulden, denn nur Monopoler sein auf Dauer erfolgreich und innovativ, von Peter Thiel. Oder aus dem Jahr 2009, ebenfalls Peter Thiel: "Freiheit und Demokratie sind unvereinbar." Thiel war also bereits unter uns, und das Konzept der heutigen Tech-Milliardäre lag in aller Plumpheit schon auf dem Tisch.

Im November 2014 wurde Palantir mit 15 Milliarden US-Dollar bewertet und hatte Staatsaufträge von Geheimdiensten, Armee, Air Force und diversen Behörden. Palantirs KI-Software kann riesige Datenmengen verarbeiten, analysieren und Handlungsoptionen geben für Zwecke, die der Kunde wünscht. Im Juni 2015 wurde Palantir mit 20 Milliarden bewertet. Im August 2025 war es laut Handelsblatt bereits 380 Milliarden Dollar wert, hat die NATO zum Kunden, große Industrieunternehmen, Sicherheits- und Gesundheitsbehörden auch in einigen europäischen Ländern sowie die berüchtigte US-Immigrationsbehörde ICE.

Bei der Amtsanführung von Donald Trump standen die Tech-Milliardäre brav aufgereiht in seinem Rücken. Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung, und so wage ich den Vergleich mit dem Untergang der Weimarer Republik, die einst von Spenden der deutschen Großindustrie befördert wurde. Am 20. Februar 1933 fand im Reichspräsidentenpalais in Berlin ein Geheimtreffen Hitlers mit 26 führenden deutschen Industriellen statt, von Krupp bis Telefunken, IG Farben und Siemens. Fast alle waren sie gekommen.

Hitler gab sich läutselig und charmant. Laut Notizen von Gustav Krupp, dessen Stahlwerke bald Panzer, Waffen und U-Boote herstellen sollten, mit 100.000 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Laut dessen Notizen also pries Hitler die Überlegenheit der Diktatur über die Demokratie, sprach ein Loblied auf das Privateigentum und propagierte die NSDAP als einzige Retterin vor der linken Gefahr. Für den Fall, dass die Wahlen am 5. März 1933, man muss jetzt hinzufügen, bei dieser Wahl waren die anderen Parteien noch nicht verboten, für den Fall also, dass die NSDAP bei diesen Wahlen keine Mehrheit erringen sollte, sagte Hitler, werde er Gewalt anwenden. Und dann begann das Fundraising für die Wahl. An diesem Abend kamen drei Millionen zusammen.

Im April hat der CEO von Palantir, Alexander Karp, auf X ein Tech-Manifest veröffentlicht. Es ist ein feindseliges Pamphlet gegenüber der liberalen Demokratie. Karp vertritt darin eine Entschiedenheitspolitik, erhält starke Macht, das heißt Gewalt für notwendig, auch Opfer für die Nation. Er glaubt nicht an die Gleichheit der Kulturen, er spricht von westlicher Vorherrschaft und KI-gestützten Kriegen, denn das Atomzeitalter gehe dem Ende zu und die nächste Ära der Abschreckung basiere auf künstlicher Intelligenz. Und US-Unternehmen müssten solche Waffen entwickeln, und zwar schnell. Joe Lonsdale, ein alter Freund von Peter Thiel und ebenfalls Palantir-Gründer, kommentierte das im April auf X mit: "Genau, die Gegner vernichten."

Eingebettet sind die 20 Thesen, die Karp aufstellt, in einer Sprache des Weltverbesserns und des Zusammenhalts, und nicht alles ist falsch. Ich zitiere einige Thesen. These 1: Das Silicon Valley steht in moralischer Schuld gegenüber dem Land, das seinen Aufstieg ermöglichte. Die Ingenieurselite des Silicon Valley hat die Pflicht, sich an der Verteidigung der Nation zu verteidigen.

These 2: Wir müssen uns gegen die Tyrannei der Apps auflehnen. Ist das iPhone unsere größte kreative Errungenschaft, wenn nicht gar die Krönung unserer Zivilisation? Das Gerät hat unser Leben verändert, aber es könnte nun auch unsere Vorstellungskraft einschränken. These 10: Die Psychologisierung der modernen Politik führt uns in die Irre. Wer in der Politik nach Erfüllung für seine Seele und sein Selbstwertgefühl sucht, wer sich zu sehr darauf verlässt, dass sein Innenleben in Menschen Ausdruck findet, die er vielleicht nie kennenlernen wird, wird enttäuscht sein.

These 16: Wir sollten jene loben, die dort etwas aufbauen, wo der Markt versagt hat. Die Gesellschaft belächelt Musks Interesse an großen Erzählungen beinahe, als sollten Milliardäre sich einfach nur auf ihre Bereicherung konzentrieren. Jegliche Neugier oder echtes Interesse am Wert seiner Schöpfungen wird im Grunde abgetan oder lauert unter einem dünn verschleierten Spott.

These 19: Die Vorsicht im öffentlichen Leben, die wir unbewusst fördern, ist zersetzend. Wer nichts Falsches sagt, sagt oft gar nichts. These 21: Manche Kulturen haben wichtige Fortschritte hervorgebracht, andere bleiben dysfunktional und rückschrittlich. Alle Kulturen sind nun gleichgestellt. Kritik und Werturteile sind verboten. Doch dieses neue Dogma übersieht die Tatsache, dass bestimmte Kulturen und Subkulturen Großartiges geleistet haben. Andere hingegen erwiesen sich als mittelmäßig, schlimmer noch als rückschrittlich und schädlich.

These 22: Wir müssen der oberflächlichen Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus widerstehen. Wir in Amerika und im Westen allgemein haben uns im vergangenen halben Jahrhundert dagegen gewehrt, nationale Kulturen im Namen der Inklusivität zu definieren. Aber Inklusivität wozu? Nun, Alex Karp ist ein gutes Beispiel für die Wandlung hin zum Autoritären. Auch die Studentenschaft in Stanford. Die Wahlen an der Stanford-Universität 2025/2026 zeigen einen Rechtsruck. Der Anteil der Libertären und Konservativen hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Nach einer Umfrage, die ich der Stanford Review entnommen habe, sagt jeder Zweite aus dem rechten Lager, er möchte zu den reichsten 1 % gehören.

Ja, und damit verabschiede ich mich von Ihnen. Das nächste Mal geht es um die Biografien einiger Tech-Milliardäre, ob und warum sie ins autoritäre Lager abgebogen sind. Ihre Christa Zöchling.

Autor:in:

Felix Keiser

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