Die Dunkelkammer
History. Thiel und der Antichrist. „Schon regt sich die geheime Bosheit“
- hochgeladen von Felix Keiser
Von Christa Zöchling. Mit der Bibel in der Hand und der Warnung vor der Apokalypse und dem Antichristen setzt Tech-Milliardär Peter Thiel auf ein Geschäftsmodell: KI-gestützte Kriegsführung in autoritären Zeiten.
Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christoph Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus der Reihe History. Pfingsten ist vorbei, doch Religion liegt in der Luft. Das neue Philosophie-Magazin etwa debattiert über "Religion als Opium für das Volk" und ob man das nicht auch positiv sehen könne. Der eigentliche Seismograph für gesellschaftliche Schwingungen ist für mich allerdings Milo Rau, der Intendant der Wiener Festwochen. Jedes Jahr macht er verlässlich ein Spektakel aus dem, was in der Luft liegt. Vor zwei Wochen hat er zum Beispiel die "Republic of Gods" ausgerufen. Bei der Eröffnung der Festwochen am Heldenplatz stand also diesmal neben den Hauptacts ein braungebrannter Mann mit weißer Mähne auf der Bühne. Stumm schaute er in das Menschenmeer vor sich, zwei Minuten lang, dann trat er wortlos ab.
Das war Josip Grbovac, alias "Praco der Heiler", wenngleich er sich selbst nie so nennen würde, denn Praco kennt das Strafgesetzbuch. In den USA, in Australien, in Europa, in Russland strömen Menschen, die den heilenden Blick spüren wollen, zu seinen Auftritten. Auch in Vößendorf war er schon einmal. Die Eintrittspreise sind niedrig, aber es kommen ja auch Tausende. Und mit dankbaren Spendern: Kerzen für 130 Euro, Kettchen, Anhängern, Büchern, große Schrift und leicht zu lesen, so die Werbung, DVDs und so weiter und so fort, kommt viel zusammen.
Christa Zöchling
In Zagreb, wo Praco geboren ist, empfängt er in einem Prunksaal, der mit Onyx ausgekleidet ist. Auf Werbevideos seiner Homepage sieht man sein Publikum weinen, zittern und auszucken. Ja, und natürlich erhebt sich auch einmal ein Lama aus dem Rollstuhl und geht glücklich von dannen. Praco hat Betriebswirtschaft studiert und eine Firma gegründet, ehe er dieses Geschäft von einem anderen Heiler, seinem Mentor, übernommen hat. Er bietet die Heilung auch per Livestream an.
Christa Zöchling
Am Heldenplatz hat Praco nichts verlangt, zum Glück für die Organisatoren, denn die Freiheitlichen überschlagen sich so schon vor Wut, obwohl gerade in ihrem Lager der Glaube an Heilsteine und Schamanen dokumentiert ist. Derzeit geht das Gerücht um, der Tech-Milliardär Peter Thiel würde im Rahmen der Festwochen in einem Wiener Hotel über den Antichristen referieren. Ich halte das ja ehrlich gesagt für einen Werbegag von Milo Rau, aber vielleicht irre ich mich.
Fix geplant ist jedenfalls ein Auftritt eines guten Bekannten und Kritikers von Peter Thiel, dem Innsbrucker Theologen Wolfgang Palava. Palava wird am Badeschiff am Donau-Kanal auftreten. Er ist ein ernsthafter Religionswissenschafter und keiner, der sich an Thiels Prominenz dranhängt, um selbst berühmt zu werden. Das war ein bisschen mein Vorurteil, bis ich mir Palavas Abschiedsvorlesung an der Universität Innsbruck im Netz angeschaut habe. Palava ist ein Menschenfreund, ein Kenner der Materie, der erklären kann, wo Thiel falsch abbiegt und sich die Versatzstücke nimmt, die ihm nützen.
Palava und Thiel haben sich in Stanford kennengelernt, in den Vorlesungen des französischen Anthropologen René Girard, der sich nach einem Erweckungserlebnis dem Rätsel der Religionen gewidmet hat. Thiel war fasziniert von dessen Theorie des mimetischen Begehrens, die sagt, dass der Mensch getrieben sei von der Nachahmung des anderen, was zu Konkurrenz und Gewalt führe, die durch Opferung des Sündenbocks eingedämmt werde. Thiel hat daraus ein ziemlich plattes Prinzip gemacht: Konkurrenz ist nur etwas für Loser, stecke deine Energie nicht in etwas, was es schon gibt, mach Neues und schaffe ein Monopol.
Thiel geht seit einigen Jahren mit Vorträgen über den Antichristen hausieren. In kleinen, nicht öffentlichen Zirkeln, in Oxford, in Harvard, vor Investoren in San Francisco und vor Kurzem auch im Vatikan. Der Risikokapitalgeber des Silicon Valley, der unter anderem Facebook finanziert und PayPal gegründet hat und dem Palantir mitgehört, scheint besessen zu sein von der biblischen Vorstellung des Antichristen, der laut Prophezeiung vor der Apokalypse auftaucht, die Menschen täuscht und verführt, sich als Friedensstifter und Philanthrop aufführt und nur gebremst werden könne vom Katechon.
Christa Zöchling
Der Katechon, das ist auch so ein dunkler Begriff. Ist es eine politische Macht, eine Person, ein Prinzip? Die Theologen sind sich uneins. Sie beziehen sich auf Briefe des Apostel Paulus an die christliche Gemeinde in Thessaloniki etwa 20 Jahre nach Jesus' Kreuzigung. Es sind die ältesten Textstellen des Neuen Testaments. Paulus warnt darin, die Frühchristen sich in Geduld zu üben. Der Messias werde wiederkommen, aber nicht so schnell. Sie sollten keinem falschen Messias auf den Leim gehen, denn dahinter verberge sich der Antichrist, der mit ihrer Angst und Hoffnung spiele. In Wirklichkeit sei er sogar schon da, der Antichrist, nur noch nicht als solcher erkannt. Doch es gebe Zeichen. Ich zitiere: "Schon regt sich die geheime Bosheit."
Um den Antichristen zu durchschauen und zu entlarven, brauche es Zeit. Und deshalb müsse irgendjemand oder irgendetwas den Gang der Geschichte bremsen. Und das sei eben dieser Katechon. Viel klarer wird die Geschichte nicht, und doch verläuft sie nach dem Drehbuch Gottes. Antichrist, falscher Messias, Katechon, das alles klingt reichlich bizarr, passt aber gut in das politische Weltbild von Peter Thiel, der eben meint, aus Angst würden sich die Menschen einem regelungswütigen Einheitsstaat unterwerfen, der alles Individuelle verbiete.
Der Antichrist, das könnten die Vereinten Nationen sein, auch Greta Thunberg sei vielleicht eine Legionärin des Antichrist, ja, so etwas hört man in Thiels Vorlesungen. Antichrist und Katechon, der aufhält, passen auch gut in das Geschäftsmodell von Palantir und anderer Tech-Unternehmen, die die Welt am Abgrund sehen, die nur von künstlicher Intelligenz gerettet werden könne.
Christa Zöchling
Vor einigen Wochen hat Thiels Kompagnon, das CEO von Palantir, Alexander Karp, ein Manifest veröffentlicht, das in dieselbe Richtung geht, allerdings aus weltlicher, nicht aus religiöser Sicht. Karp sagt darin sinngemäß, die amerikanische Macht stünde vor der Entscheidung, zu kämpfen oder unterzugehen. Das bedeute, mithilfe von KI-gestützten Waffen Kriege und Schlachten zu führen. Dafür brauche es Patriotismus, doch sicher keine Debatten über die Kontrolle von künstlicher Intelligenz, keine Gleichstellung aller Kulturen, wo einige Großartiges hervorgebracht und andere versagt hätten.
Palantir ist dazu da, um die Institutionen zu disruptieren und zu den Besten der Welt zu machen, unsere Feinde einzuschüchtern und gelegentlich auch zu töten, sagt Karp. Das erinnert in seiner Schärfe an Carl Schmid, den ehemaligen Kronjuristen des Dritten Reichs, der die liberalen Anfänge der Weimarer Republik in Grund und Boden geschrieben, Adolf Hitler hochgejubelt und juristisch begründet hat, warum nach dem Gesetz des Führers gemordet werden darf. Wenn, ich zitiere, das Anderssein des Fremden die Negation der eigenen Art bedeutet, muss die reale Möglichkeit der physischen Tötung mit einbezogen werden.
Schmid ist also nicht zufällig seit einigen Jahren der Lieblingsjurist der radikalen Rechten. Sie zitieren ihn rauf und runter, Sätze wie "Politik ist die Unterscheidung von Freund und Feind" oder "Der Souverän entscheidet über den Ausnahmezustand" sind sehr beliebt. Auch Herbert Kickl sagte einmal in den Worten von Schmids autoritärem Staatsverständnis, das Recht habe, der Politik zu folgen und nicht umgekehrt. Thiel wiederum sagte in einem Interview in der Diktion von Schmid, Trump sei in der internationalen Politik der absolute Souverän, der über den Ausnahmezustand entscheidet.
Selbstverständlich hat sich auch Schmid mit dem Katechon beschäftigt, und zwar schon in den 1930er Jahren. Eine Zeit lang war für ihn Hitler der Katechon gegen den Antichristen, Judentum und Bolschewismus. Nach 1945 war das freilich etwas anders. Da schrieb er in sein Tagebuch, einen Katechon habe es immer im Lauf der Geschichte gegeben, denn sonst gäbe es die Menschheit ja gar nicht mehr.
In Russland ist das Konzept des Antichristen schon lange populär. Es gibt einen Thinktank, der sich Katechon nennt. Der rechtsextremistische Philosoph Alexander Dugin beruft sich auf den Antichristen, und Kirill, der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, sieht Russland in der Rolle des Katechon, der den Antichristen aufhält. Die Katechonetik wechselt je nach Macht und Ideologie.
Ich würde das alles gern abhaken als Echo aus dem Kinderzimmer, als all diese Tech-Milliardäre Tolkiens "Herr der Ringe" gelesen haben und Science-Fiction und Games gespielt. Doch mittlerweile haben Fundamentalisten aus allen Religionen an Fahrt aufgenommen. Die evangelikalen stellen in der Trumpschen MAGA-Bewegung den harten Kern. In Russland propagiert das orthodoxe Patriarchat den Krieg gegen die Ukraine.
In Israel sind messianisch-zionistische Siedler davon überzeugt, der Bibel nach gehöre ihnen das Westjordanland und sie dürften es sich mit Gewalt nehmen. Unterstützt, auch mit Geld, werden sie dabei von evangelikalen Gruppen in den USA, denn diese wiederum glauben, solange die Juden das heilige Land nicht besetzen, könne der Messias nicht erscheinen. Wenn er allerdings einmal da sei, dann müssten die Juden natürlich verschwinden. Das Gerede vom Antichristen und dem Katechon halte ich für gefährlich, weil es in die Politik hineinragt und beliebig ausgefüllt werden kann.
Im Herbst 2025 trat Thiel in San Francisco vor Unternehmern und Investoren auf. Es findet sich einiges davon im Netz, von dem, was Thiel gesagt hat. Ich zitiere: "Wir sind dem Ende nah, die Agenten des Untergrunds weilen längst unter uns." Oder: "Manche verstehen unter dem Antichristen einen besonders bösen Menschen." Manchmal wird der Begriff auch allgemeiner als spirituelle Bezeichnung für die Mächte des Bösen verwendet. Ich werde mich auf die gängigste und dramatischste Interpretation des Antichristen konzentrieren, einen bösen König, Tyrannen oder Anti-Messias, der in der Endzeit erscheint.
Oder: "Man kann den Antichristen als das Ende der Philosophie sehen, als deren Höhepunkt, als deren Vollendung. Er ist derjenige, der alle Individuen auslöscht, der Philosoph, der alle Philosophen vernichtet, der Cäsar, der alle Herrscher stürzt, derjenige, der alle Geheimnisse kennt." Ich frage: Wie ist das in der Spätmoderne möglich, wo wir doch nicht glauben, dass ein Philosophenkönig, ein Tyrann oder Herrscher an die Macht kommen kann? Ja, also damit kann man Investoren wahrscheinlich schon beeindrucken.
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Im Herbst 2026 war Thiel als Gast einer Erzreaktionären katholischen Gruppe in Rom. Dort warnte er vor einer unmittelbar bevorstehenden Bedrohung durch den Antichristen, der Klimawandel und Regulierung der künstlichen Intelligenz verspreche, um etwas viel Schlimmeres herbeizuführen, nämlich eine totalitäre Weltregierung. Die Veranstalter, der Vicenzo-Gioberti-Kulturverein, sehen in Thiels Behauptung, Demokratie und Freiheit seien unvereinbar, eine tiefe Wahrheit. Eine Weltregierung lehnen sie natürlich ab. Ein neuer Feudalismus könne ein Ausweg aus der gegenwärtigen Auflösung sein, heißt es in ihrer Presseerklärung.
Der Vatikan ist ein bisschen alarmiert. Der Kurienbeamte Antonio Spadaro sieht in Thiels Denken eine, ich zitiere, "politische Theologie im Dienst eines Machtprojekts". Und das ist es auch.
Dazu am Ende noch ein paar Zahlen. 2025 erließ Trump eine Executive Order zur Modernisierung des Militärs. Eine Billion Dollar werden für die Verteidigung im Jahr 2026 ausgegeben. Die Palantir-Aktie hat seit Trumps Amtsantritt zeitweise um 100 Prozent an Wert zugelegt. Im März 2026 hat Trump persönlich Palantir-Aktien um mehrere Hunderttausend Dollar gekauft. Kurz danach lobte er Palantirs kriegsführende Fähigkeiten.
Im März 2026 stimmte Sam Altman, CEO von OpenAI, zu, die KI-Systeme seines Unternehmens in die geheimen Netzwerke des Pentagons zu integrieren. Google unterzeichnete einen Vertrag zur Einführung von KI-Bots im US-Verteidigungsministerium. Und der Mitbegründer von Anthropic, Chris Olah, stellte gemeinsam mit Papst Leo XIV. in Rom die neue Enzyklika zu den Gefahren der künstlichen Intelligenz vor. Das ist derzeit das einzige ethische Gegengewicht.
Und damit verabschiede ich mich von Ihnen, Ihre Christa Zöchling. Bis zum nächsten Mal. Dankeschön.
Autor:in:Felix Keiser |
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