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Ukraine 4 Jahre Krieg
- Fotocredit: Missing Link
- hochgeladen von Katharina Pagitz
Vier Jahre Krieg bedeuten nicht nur Frontverläufe und Munitionszahlen. Sie bedeuten zerstörte Städte, zerbrochene Lebensentwürfe, verwundete Soldaten, amputierte Gliedmaßen, dauerhafte Traumata. Sie bedeuten Kinder, die ohne Vater oder Mutter aufwachsen, weil diese gefallen sind. Hinter jeder Lagekarte stehen Biografien, die unwiderruflich verändert oder beendet wurden.
Herbert Bauer
Grüß Gott und einen guten Tag, heute möchte ich anlässlich des nächste Woche gegebenen 4. Jahrestags der russischen Invasion in der Ukraine einen Überblick über die aktuelle Lage geben. Wie immer beginn ich auch diesen Podcast mit einer Erzählung, die uns gleich tief ins Thema hineinführt und uns etwas bewusst machen soll, was täglich stattfindet, aber kaum mehr eine Beachtung in der medialen Berichterstattung hat, obwohl entsetzliche menschliche Dramen damit verbunden sind.
Es ist 04:00 Uhr in einer ukrainischen Stadt. Der Luftalarm ist verklungen. Die Familie stolpert verschlafen in den Keller des Hauses. Man weiß nicht, ob es notwendig ist. Man hofft, dass nichts passiert. Zuerst ist da nur dieses ferne Summen, das man kaum zuordnen kann. Dann wird es lauter. Zielgerichtet. Der Einschlag kommt nicht ins Wohnhaus. Er kommt dort, wo eine Stadt verletzlich ist: im Umspannwerk. Eine Drohne trifft einen Großtransformator. Metall reißt auf. Das Transformatoren-Öl steht unter Hitze und Druck und es zündet schlagartig. Eine Feuersäule schießt in die Dunkelheit, wie ein brennender Turm. Funkenregen. Knallen. Ein dumpfes Grollen. Schutzschalter lösen aus, Leitungen gehen vom Netz. Das Stromsystem fällt nicht einfach aus – es kippt. Abschnitt für Abschnitt. Es fällt in Kaskaden. Licht aus. Heizung aus. Der Mobilfunk wird instabil. Die Familie lebt. Aber die Stadt verliert den Strom.
Zur gleichen Zeit, im russischen Hinterland: das Tanklager einer Raffinerie. Nachtbetrieb. Überwachung. Umlagerung. Routine.
Dann der Einschlag. Eine ukrainische Drohne trifft einen Großtank. Der Brennstoff entzündet sich sofort. Flammen schlagen hoch, Hitze drückt auf benachbarte Behälter, Feuer greift über. Löschschaum. Sirenen. Evakuierung. Stunden später steht fest: Der Inhalt ist verloren. Treibstoff, vorgesehen für Transporte, Generatoren und militärische Versorgung. Auf beiden Seiten brennt die Infrastruktur. Und genau das ist auch ein Punkt dieses Krieges.
Was wir hier sehen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Kriegslogik, die auf Systemabnutzung und Zermürbung zielt. Das ist kein Nebenschauplatz, es ist Kernstrategie. Und damit sind wir bei der militärischen Lage im vierten Kriegsjahr. 2026, vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffs zeigt sich eine militärische Lage, die von Stabilisierung und gleichzeitiger Dauerbelastung geprägt ist. Die Front ist weitgehend befestigt, mehrschichtig gesichert und in vielen Abschnitten statisch. Es gibt lokale Vorstöße, begrenzte Geländegewinne und taktische Verschiebungen, aber keine strategische Entscheidung. Weder ist eine Seite operativ zusammengebrochen, noch konnte die andere eine Durchbruchsdynamik erzeugen. Das Grundmuster bleibt die Abnutzung: Personal, Munition, Technik und Moral werden kontinuierlich beansprucht. Entscheidend ist nicht der einzelne Angriff, sondern die Fähigkeit, Verluste zu ersetzen, Verbände zu rotieren und Gefechtsfähigkeit über Monate und Jahre aufrechtzuerhalten.
Ein zentraler Bestandteil dieser Abnutzung ist der Luftkrieg, der längst als Systembekämpfung geführt wird. Ukrainische Quellen dokumentieren für Januar 2026 eine monatliche Taktzahl von 4.442 eingesetzten russischen Langstreckendrohnen sowie 76 ballistischen Raketen und 61 Marschflugkörpern. Die Abfangraten zeigen dabei eine klare Differenz: Drohnen werden zu einem hohen Anteil abgefangen, während die Quote bei ballistischen Raketen deutlich niedriger liegt. Ballistische Raketen fliegen extrem schnell und in steilem Anflug, oft mit nur wenigen Minuten Vorwarnzeit; ihre Abwehr erfordert spezielle, knappe Hochleistungssysteme. Langstreckendrohnen hingegen sind deutlich langsamer und länger verfolgbar, sodass sie mit unterschiedlichen Luftverteidigungsmitteln bekämpft werden können, was die höhere Abfangquote erklärt.
Eines der russischen Raketensysteme ist die Mittelstreckenrakete „Oreshnik“. Die „Oreshnik“ ist eine russische ballistische Mittelstreckenrakete mit sehr hoher Geschwindigkeit und kurzer Vorwarnzeit, grundsätzlich auch nuklear bestückbar. Militärisch veränderte deren punktueller Einsatz die Frontlage kaum, da nicht einmal ein konventioneller Sprengkopf zur Wirkung kam. Politisch und propagandistisch hingegen hatte der Einsatz klare Signalwirkung: Moskau stellte ihn als Reaktion auf ukrainische Angriffe mit westlichen Langstreckenwaffen gegen russisches Territorium dar und, beim späteren Einsatz, zusätzlich als Vergeltung für einen angeblichen Drohnenangriff auf Putins Residenz. Unabhängig von der unmittelbaren Gefechtswirkung demonstriert ein solches System vor allem Reichweite, Geschwindigkeit und Eskalationsfähigkeit.
Aber auch der Energiekrieg bildet eine eigene operative Logik, wie wir schon in der Einleitungsgeschichte gehört haben. Seit 2022 wurden 612 Angriffsvorfälle auf die ukrainische Energieinfrastruktur registriert. Laut ukrainischen Angaben sind 60–70 Prozent der privaten Strom-Erzeugungskapazität verloren gegangen; die Schäden werden auf 64 bis 70 Milliarden US-Dollar geschätzt. Blackout-Dynamiken mit kaskadenhaften Abschaltungen sowie die zeitweise Herunterregelung von Atomkraftwerken zeigen, dass hier nicht symbolische Ziele, sondern funktionale Knotenpunkte angegriffen werden. Militärisch betrachtet ist dies keine Nebenlinie, sondern Teil der Gesamtstrategie: Belastung des Systems, Bindung von Ressourcen und Erhöhung des dauerhaften Drucks auf die staatliche Stabilität.
Schauen wir uns den Drohnenkrieg etwas näher an: Die Verwendung von Drohnen prägt Luft, Land und See gleichermaßen. Ein entscheidendes Merkmal ist nicht allein die Technologie, sondern die Skalierbarkeit. Drohnen sind vergleichsweise kostengünstig, schnell produzierbar und in großer Zahl einsetzbar. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis zwischen Aufwand und Wirkung: Masse ersetzt Exklusivität. Während komplexe Waffensysteme begrenzt verfügbar bleiben, können Drohnen in hoher Dichte eingesetzt werden, z.B. zur Aufklärung, Zielzuweisung, direkten Bekämpfung und zur Sättigung gegnerischer Abwehr.
In der Luft dominieren Langstreckendrohnen den strategischen Raum, während im taktischen Bereich sogenannte First Person View oder abgekürzt FPV-Drohnen eine zentrale Rolle spielen. Eine meist kostengünstige FPV-Drohne wird von einem Bediener über eine Videobrille in Echtzeit gesteuert und kann dadurch sehr präzise manövrieren; häufig trägt sie eine Sprengladung, die abgeworfen werden kann oder sie wird direkt ins Ziel gelenkt. Die Ukraine dokumentiert eine deutliche Zunahme solcher FPV-Angriffe. Solche Systeme verändern die Gefechtsdynamik grundlegend: Bewegungen werden rasch aufgeklärt, Stellungen bleiben selten unentdeckt, selbst einzelne Fahrzeuge können binnen Minuten bekämpft werden.
Auf See wiederum haben unbemannte Überwasserfahrzeuge die Lage im Schwarzen Meer verändert. Kleine, ferngesteuerte Boote können mit relativ geringem Mitteleinsatz größere Kriegsschiffe oder ganze Hafenanlagen bedrohen. Sie sind schwer zu erkennen und verschieben mit ihrer Wirkung das Kosten-Nutzen-Verhältnis maritimer Operationen. Aber auch am Boden sind Drohnen integraler oder zumindest experimenteller Bestandteil geworden, sei es zur Artilleriebeobachtung oder zur direkten Bekämpfung von Stellungen, Minenräumung oder Verwundetentransport. Der Gefechtsraum wird dichter und transparenter. Tarnung, elektronische Gegenmaßnahmen und Schutzmaßnahmen sind wichtiger denn je.
Berichte mit Schlagzeilen wie „Zehn Ukrainer besiegen zwei Nato-Bataillone: Wir sind am Arsch“ die von Übungen berichten, in denen ukrainische Drohneneinheiten NATO-Verbände stark unter Druck setzten, sind medial zugespitzt, aber rütteln auf. Solche Szenarien sind noch kein Beweis für generelle Unterlegenheit, sondern verdeutlichen den strukturellen Anpassungsbedarf. Streitkräfte, deren Organisation und Doktrin auf andere Bedrohungsbilder ausgerichtet waren, geraten unter Druck, wenn kostengünstige unbemannte Systeme in hoher Dichte eingesetzt werden. Die Ukraine hat hier einen praktischen Erfahrungsvorsprung, weil sie unter realen Gefechtsbedingungen lernen musste. Sie sammelt Erfahrungen, die sie dem Westen nun zur Verfügung stellen kann. Der Einsatz von Drohnen verändert Organisation, Ausbildung, Schutzkonzepte und Führungsverfahren. Nicht das einzelne Gerät ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, Drohnen in großer Zahl wirksam zu integrieren und zugleich gegen sie zu bestehen.
Ebenso neu und relevant ist das Satelliteninternet. Satelliteninternet ist im Ukraine-Krieg zu einem operativen Faktor geworden. Das kommerzielle Netzwerk Starlink ermöglicht stabile, breitbandige Kommunikation auch dort, wo terrestrische Netze zerstört oder gestört sind. Für die ukrainischen Streitkräfte bedeutet das: Führung in Echtzeit, Lagebilder über große Distanzen, vernetzte Drohnensteuerung und unmittelbare Datenübertragung zwischen Front und Hinterland. Starlink ist damit keine technische Ergänzung mehr, sondern Bestandteil der Gefechtsführung.
Gleichzeitig entsteht daraus eine operative Abhängigkeit und eine Angreifbarkeit. Kommunikationsfähigkeit hängt nicht mehr nur von militärischer Disposition ab, sondern auch von einem privaten Betreiber und unter Umständen seinen politischen Ansichten. Geofencing, Freischaltungen oder technische Parameter wirken sich unmittelbar auf operative Abläufe aus. Geofencing, also geografisch einzäunen, bedeutet, dass ein System geografisch begrenzt wird, also nur in einem bestimmten Gebiet funktioniert oder außerhalb dieses Gebiets automatisch gesperrt wird. Im militärischen Kontext heißt das: Ein Satellitendienst wie Starlink kann so eingestellt werden, dass Terminals nur innerhalb eines definierten Territoriums aktiv sind und außerhalb, also z. B. auf gegnerischem Gebiet, deaktiviert werden. Hinzu kommen klassische militärische Risiken wie elektronische Störung, physische Angreifbarkeit von Starlink-Terminals und logistische Verwundbarkeit.
Die Ukraine weist zudem darauf hin, dass russische Drohnensysteme Starlink-Komponenten nutzten beziehungsweise auf diese Infrastruktur zurückgriffen, wodurch Reichweiten deutlich gesteigert wurden. In Reaktion darauf wurde ein Verifizierungsmechanismus zwischen der Ukraine und SpaceX angekündigt, um nicht autorisierte Nutzung zu unterbinden. Damit lautet die militärische Kernaussage: Private Kommunikationsinfrastruktur ist integraler Bestandteil moderner Operationsführung geworden. Wer sie nutzt, gewinnt Reichweite und Geschwindigkeit, wer aber von ihr abhängig ist, trägt zugleich ein strukturelles Risiko.
Schauen wir zu Geopolitik: Geopolitisch hat der Krieg eine Lage geschaffen, in der keiner der Hauptakteure sein strategisches Ziel vollständig erreicht hat, aber alle ihre Prioritäten neu gewichten mussten. Russland hat sich militärisch und wirtschaftlich auf Dauerbetrieb eingestellt: Anpassung der Streitkräfte, Kriegswirtschaft, Umorientierung von Lieferketten und Außenbeziehungen, ohne jedoch eine strategische Entscheidung auf dem Gefechtsfeld erzwingen zu können, und zugleich ohne den von vielen erwarteten Kollaps. Die Ukraine hält als Staat und als Armee stand und hat ihre Gefechtsführung sichtbar angepasst, trägt aber eine strukturelle Dauerbelastung, die nicht nur militärisch, sondern auch demografisch, wirtschaftlich und infrastrukturell wirkt.
Europa hat eine Verteidigungswende eingeleitet, steht jedoch vor Engpässen, die gerade im Luftverteidigungsbereich, bei Munitionsraten und bei industrieller Skalierung sichtbar werden; in der politischen Argumentation werden dafür auch Kostenmodelle herangezogen, wie sie im Monitor über NUPI/Corisk-Szenarien erwähnt werden. NUPI ist ein norwegisches Forschungsinstitut, Corisk ein Risiko-Modell. Die dort berechneten Szenarien zeigen, welche wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Kosten unterschiedliche Kriegsverläufe für Europa verursachen könnten, also eine strukturierte „Was-kostet-uns-welches-Szenario“-Rechnung.
Die Großmächte wiederum agieren nicht als die erhofften Kriegsbeender, sondern natürlich entlang ihrer eigenen Interessenlage. Die USA stehen im Zielkonflikt, die Ukraine zu stützen, ohne eine direkte Eskalation mit Russland auszulösen, und zugleich Ressourcen und Aufmerksamkeit zwischen Europa, dem Nahen Osten aber vor allem dem Indopazifik zu balancieren; sie haben Einfluss, aber sie können Bedingungen nicht erzwingen, solange die Kriegsparteien zentrale Forderungen nicht akzeptieren. China wiederum profitiert strategisch davon, Russland als Partner gegen US-Dominanz zu erhalten und gewinnt durch Beobachtung und Lernen aus einem modernen Hochintensitätskrieg, ohne selbst Kriegspartei zu werden; zu starker Druck auf Moskau würde das Verhältnis beschädigen, zu offene Unterstützung birgt Sanktions- und Reputationsrisiken. In Summe bedeutet das: Russland, Ukraine, Europa, USA und China verfolgen jeweils rational nachvollziehbare Linien, aber niemand besitzt die vollständige Kontrolle über das Kriegsergebnis, und alle vermeiden vor allem ein Resultat, das ihre langfristigen Interessen nachhaltig beschädigt.
Was tut sich in der Gesprächsdiplomatie? Gesprächskanäle zwischen Moskau und Kiew sind offen, aber tragfähige Verhandlungen sind nach wie vor nicht in Sicht. Das zeigt sich auch an den diese Woche in Genf unter US-Vermittlung stattgefundenen Gesprächen: Ukrainische, russische und US-Delegationen kamen erneut zusammen, blieben aber auch bei diesen Runden ohne Durchbruch. Russland beharrte auf seinen Forderungen, darunter Kontrolle über von russischen Truppen besetzte Gebiete und harte Bedingungen wie Neutralität und militärische Beschränkungen, während die Ukraine deutlich machte, dass sie territoriale Abtretungen kategorisch ablehnt. Parallel kam aus Kiew Kritik an der US-Position: Präsident Wolodymyr Zelenskyj warf der US-Seite vor, Druck auf die Ukraine auszuüben, vor allem mit Blick auf territoriale Vorschläge und politische Erwartungen. Er betonte, dass jede Vereinbarung über Gebietsfragen einer Zustimmung durch das ukrainische Parlament oder ein Referendum bedürfe. Genf war damit weniger ein Ort einer allfälligen Einigung als erneut ein Ort der Positionsbestimmung: Die Maximalforderungen beider Seiten liegen weit auseinander, und US-Vermittlungsbemühungen unterstreichen eher die Spannbreite der Differenzen als eine unmittelbare Lösung. Ohne eine deutliche Veränderung der Lage auf dem Schlachtfeld oder neuem Druck droht der politische Stillstand fortzubestehen.
Probieren wir wieder ein Fazit: Vier Jahre Krieg bedeuten nicht nur Frontverläufe und Munitionszahlen. Sie bedeuten zerstörte Städte, zerbrochene Lebensentwürfe, verwundete und tote Soldaten und Zivilisten, amputierte Gliedmaßen, dauerhafte Traumata. Sie bedeuten Kinder, die ohne Vater oder Mutter aufwachsen, weil diese gefallen sind. Hinter jeder Lagekarte stehen Biografien, die unwiderruflich verändert oder beendet wurden. Das ist die eigentliche dramatische Dimension des Krieges.
Und dennoch zwingt uns der Versuch einer strategischen Analyse zur Nüchternheit. Vier Jahre nach Beginn hat sich die strategische Logik verfestigt. Dieser Krieg zeigt, dass auch industrielle Leistungsfähigkeit, gesellschaftliche Belastbarkeit und technologische Anpassungsfähigkeit zentrale Kategorien der Macht sind. Entscheidend ist Durchhaltefähigkeit im Systemvergleich. Sicherheit beruht nicht auf frommen Erklärungen, sondern auf Abschreckungsfähigkeit. Für Europa bedeutet das: Sicherheit ist eine dauerhaft zu organisierende Fähigkeit. Wer Munitionsvorräte, Luftverteidigung und industrielle Tiefe vernachlässigt hat, kann diese Lücken nicht politisch wegverhandeln. Abschreckung entsteht durch glaubwürdige Fähigkeiten.
Der Krieg hat zudem eine verdrängte Grundfrage reaktiviert. Die Ukraine verzichtete 1994 im Budapester Memorandum auf Atomwaffen und erhielt Sicherheitszusagen, die weder 2014 noch 2022 einen Angriff verhinderten. Ob nukleare Abschreckung ihn verhindert hätte, bleibt unbeweisbar, aber die Frage prägt heute zwingend die europäische Debatte über die nukleare Dimension der Abschreckung. Dass in Deutschland, etwa durch Friedrich Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz, wieder offen über die nukleare Dimension europäischer Abschreckung gesprochen wird, ist deshalb kein Tabubruch, sondern Ausdruck veränderter Realitäten. Es geht nicht um symbolische Aufrüstung, sondern um die nüchterne Bewertung, welche Mittel erforderlich sind, um glaubwürdig abzuschrecken und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Der Ukrainekrieg wird nicht dadurch enden, dass man Gandhi zitiert oder gewaltlosen Widerstand beschwört. Gewalt verschwindet nicht, weil man sie moralisch verurteilt. Kriege enden nicht durch Gesinnung, sondern durch Kräfteverhältnisse. Auffällig ist, dass der Protest gegen Waffenlieferungen schneller mobilisiert als Proteste gegen die systematische Bombardierung ukrainischer Städte und der Zivilbevölkerung. Vielleicht, weil es leichter ist, in Demokratien vor allem gegen Entscheidungen im eigenen Land zu demonstrieren. Für die Großmächte bleibt der Konflikt strategisches Instrument, kein moralisches Projekt. Einfluss ja, vollständige Steuerbarkeit nein. Dieser Krieg endet, wenn operative Dominanz entsteht, wenn strukturelle Erschöpfung eintritt oder wenn eine politische Zäsur auf einer veränderten Machtbalance basiert. Vier Jahre nach dem 24. Februar 2022 steht keine Seite vor dem Sieg. Aber Europa steht vor der Entscheidung, Sicherheit als strategische Aufgabe zu begreifen. Der Jahrestag ist kein bloßer Rückblick, er ist ein Prüfstein politischer Konsequenz.
Autor:in:Herbert Bauer |