Stets Bereit
Verändere dich oder stirb – wie die Ukraine Europas Verteidigung neu erfindet
- hochgeladen von Felix Keiser
Der Ukrainekrieg verändert nicht nur die europäische Sicherheitslage, sondern zunehmend auch das sicherheitspolitische Denken Europas. Anhand aktueller Aussagen führender Vertreter von EU und NATO analysiert diese Folge, warum die militärischen Fähigkeiten der Ukraine heute als strategischer Faktor für Europas künftige Verteidigungsarchitektur diskutiert werden.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich darüber sprechen, wie die Ukraine und der dort tobende Krieg die Sicherheit Europas verändert. Und ich beginne diesmal nicht mit einer fiktiven Geschichte, sondern mit dem Bericht politischer Fakten, die vielleicht noch nicht ganz in unser Bewusstsein gedrungen sind: Europa im Sommer 2026. Während Regierungen über höhere Verteidigungsausgaben, neue Abschreckungsstrategien und die künftige Rolle der Vereinigten Staaten diskutieren, vollzieht sich beinahe unbemerkt ein Wandel, der Europas Sicherheit möglicherweise nachhaltiger verändern wird als manche Gipfelerklärung. Hat Europa begonnen, seine sicherheitspolitische Zukunft ausgerechnet in der Ukraine zu finden? Diese Frage mag provokant klingen. Die Antworten darauf kommen aber nicht von Journalisten, Militäranalysten oder Think Tanks, sie kommen von höchsten politischen und militärischen Entscheidungsträgern Europas selbst. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz beschreibt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die Lehren aus dem Ukrainekrieg mit einem Satz, den ukrainische Soldaten geprägt haben: „Change or die.“ also „Verändere dich oder stirb.“ Europa, so erläutert sie, müsse die Lehren dieses Krieges annehmen und daraus die Konsequenzen für seine eigene Verteidigung ziehen. Der Krieg in der Ukraine sei längst mehr als ein regionaler Konflikt. Er sei auch zum Labor einer neuen Art der Kriegführung geworden. Nur wenige Monate später erklärt die stellvertretende NATO-Generalsekretärin Radmila Shekerinska beim NATO-Ukraine Defence Innovators Forum in Vilnius: „Die Ukraine hat uns gezeigt, was Dringlichkeit bedeutet. Jetzt müssen wir dieses Tempo aufnehmen.“ Eine NATO also, die jahrzehntelang militärisches Wissen vermittelt hat, spricht plötzlich davon, von den Erfahrungen der Ukraine zu lernen. Aber auch die Europäische Union schafft neue Tatsachen. In Kiew nimmt ein eigenes Verteidigungs-Innovationsbüro seine Arbeit auf. Sein Auftrag: Die Erfahrungen ukrainischer Streitkräfte, Entwickler und Unternehmen sollen unmittelbar in die europäische Verteidigungsindustrie und ihre Innovationsprozesse einfließen. Und schließlich zieht der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius, die strategische Konsequenz. Er machte deutlich, Europa müsse die Integration der militärischen Fähigkeiten der Ukraine in die europäische Verteidigungsarchitektur als ein ureigenes sicherheitspolitisches Interesse verstehen. Alle Aussagen und Entwicklungen weisen in dieselbe Richtung, also erleben wir offensichtlich gerade den tiefgreifendsten Wandel europäischen sicherheitspolitischen Denkens seit dem Ende des Kalten Krieges. Entsteht vor unseren Augen eine neue europäische Sicherheitsarchitektur, in der die Ukraine nicht länger nur Schutz empfängt, sondern selbst zu einem unverzichtbaren Träger europäischer Sicherheit wird? Wenn diese Entwicklung tatsächlich begonnen hat, dann verändert der Krieg in der Ukraine nicht nur das Schicksal eines angegriffenen Landes, er verändert die Zukunft Europas. Und genau darüber möchte ich heute sprechen.
Warum meinen also führende Vertreter der Europäischen Union und der NATO, von der Ukraine lernen zu können? Die Antwort beginnt nicht bei Drohnen, künstlicher Intelligenz oder moderner Kriegführung. Sie beginnt bei Europas eigener Sicherheitslage. Über Jahrzehnte konnte sich Europa darauf verlassen, dass die Vereinigten Staaten den militärischen Kern der Abschreckung bildeten. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine und der neuerlichen Regierung des US-Präsidenten Donald Trump hat sich diese Gewissheit grundlegend verändert. Wie auch die aktuellen Angriffe zeigen, richtet Washington seinen strategischen Blick, zunehmend auf den Indopazifik und den Wettbewerb mit China. Europa steht damit vor einer Aufgabe, die es lange verdrängt hat: Es muss wesentlich mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen.
Die drastische Formel, „Verändere dich oder stirb“, die Ursula von der Leyen aus der Ukraine übernahm und auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum besten gab, ist keine martialische Parole, sondern eine militärische Erkenntnis. Wer sich in einem modernen Krieg nicht laufend an neue Technologien, neue Taktiken und neue Bedrohungen anpasst, verliert seine Verteidigungsfähigkeit. Doch warum richtet sich Europas Blick dabei ausgerechnet auf die Ukraine? Ein Blick auf die Landkarte gibt die erste Antwort. Die Ukraine bildet den größten geopolitischen Puffer zwischen Russland und den Staaten Mittel- und Osteuropas. Sie beherrscht den nördlichen Schwarzmeerraum, grenzt an mehrere NATO-Staaten und liegt an einer der strategisch sensibelsten Nahtstellen des europäischen Kontinents. Solange die Ukraine ihre Unabhängigkeit verteidigt, bindet sie einen erheblichen Teil der russischen Streitkräfte und ihrer militärischen Ressourcen. Diese Kräfte stehen damit nicht für andere Operationsräume zur Verfügung. Somit kann man auch die Gegenfrage stellen: Wie würde Europas Sicherheitslage aussehen, wenn die Ukraine militärisch fällt oder wieder dauerhaft unter russischen Einfluss geriete? Nun, die NATO-Ostflanke müsste mit einer völlig veränderten strategischen Ausgangslage umgehen. Der Druck auf die östlichen Mitgliedstaaten und damit auf das Gesamtbündnis aber auch die EU würde steigen und Europa müsste deutlich größere eigene Kräfte zur Abschreckung bereitstellen. Genau deshalb geht es bei der Unterstützung der Ukraine längst nicht mehr nur um Solidarität mit einem angegriffenen Staat. Es geht um Europas eigene Sicherheit. Die Ukraine verteidigt heute ihre Souveränität und zugleich beeinflusst sie durch ihre geografische Lage, ihren Widerstand und die Bindung erheblicher russischer Kräfte unmittelbar die strategische Sicherheitslage Europas. Daher beginnt Europa, die Ukraine nicht mehr nur als Partner zu betrachten, sondern zunehmend als einen sicherheitspolitischen Schlüsselfaktor für die eigene Zukunft. Für viele Militärstrategen war dieser Zusammenhang früh erkennbar oder immer klar, in der öffentlichen Debatte geriet er jedoch häufig durch tagespolitische Diskussionen, kontroverse Bewertungen und gezielte Desinformationskampagnen in den Hintergrund.
Doch Geographie allein erklärt noch nicht, warum Europa heute den Blick so aufmerksam auf die Ukraine richtet. Der entscheidende Grund liegt in den Erfahrungen, die dieses Land in mehr als vier Jahren eines hochintensiven Krieges sammeln musste. Natürlich verfügen auch europäische Streitkräfte und zivile Einsatzorganisationen über moderne Systeme und Verfahren, aber die Ukraine muss all diese Fähigkeiten gleichzeitig unter den Bedingungen eines modernen Krieges einsetzen, miteinander verknüpfen und täglich weiterentwickeln. Jeder russische Raketenangriff, jede Drohnenwelle und jede neue elektronische Störmaßnahme zwingen Militär, Behörden, Industrie und Bevölkerung dazu, ihre Verfahren innerhalb kürzester Zeit anzupassen. Aus dieser permanenten Anpassung entsteht eine Erfahrung, die sich weder im Manöver noch in einer Computersimulation vollständig nachbilden lässt. Das beginnt schon auf dem Gefechtsfeld. Die Ukraine entwickelte den Einsatz von Drohnen, künstlicher Intelligenz, elektronischer Kampfführung und moderner Luftverteidigung mit einer Geschwindigkeit weiter, wie sie in Friedenszeiten kaum vorstellbar wäre. Entwicklungszyklen von Monaten werden auf Wochen oder sogar Tage verkürzt. Innovationen entstehen nicht im Labor, sondern unter unmittelbarem Einsatzdruck. Parallel dazu muss die Ukraine ein landesweites System des Bevölkerungsschutzes aufrechterhalten. Bei Luftalarm müssen Warnsysteme innerhalb weniger Sekunden funktionieren. Millionen Menschen suchen Schutzräume auf, während Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen ihren Betrieb – soweit möglich – unter der Bedrohung durch Bomben- und Raketenangriffe aufrechterhalten müssen. Auch Feuerwehr, Rettungsdienste und Katastrophenschutz arbeiten unter Bedingungen, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr erlebt hat. Gebäude werden unter der Gefahr weiterer Angriffe durchsucht, Blindgänger entschärft und kritische Infrastruktur oft innerhalb weniger Stunden wieder in Betrieb genommen. Evakuierungen werden organisiert und das öffentliche Leben wird trotz permanenter Angriffe funktionsfähig gehalten. Zu den Erfahrungen zählt aber auch die Kriegsmedizin. Frontnahe Verwundetenversorgung, Triage, Evakuierung, Rehabilitation und psychologische Betreuung müssen in einem Ausmaß organisiert werden, das welches der Westen seit Jahrzehnten nicht mehr bewältigen musste.
Gleichzeitig bleibt der Staat handlungsfähig. Energieversorgung, Bahnverkehr, Kommunikationsnetze, Verwaltung, Ordnung und Justiz, Versorgungssysteme und Cyberabwehr müssen auch dann funktionieren, wenn Raketen Kraftwerke zerstörten oder Cyberangriffe staatliche Systeme lahmzulegen versuchen. Gerade diese interdisziplinären Verknüpfungen machen die Ukraine heute so außergewöhnlich. Das Zusammenspiel militärischer, ziviler und staatlicher Fähigkeiten unter den Bedingungen eines andauernden Krieges ist beeindruckend. Das ist wohl der Grund, warum führende Vertreter der EU und der NATO heute davon sprechen, von der Ukraine lernen zu wollen, denn solche Erfahrungen kann man weder einkaufen noch in Friedenszeiten vollständig trainieren. Die Erkenntnis, dass Europa von der Ukraine lernen muss, schlägt sich auch bereits in konkreten politischen Entscheidungen, neuen Institutionen und gemeinsamen Projekten nieder. Ein sichtbares Beispiel ist das schon erwähnte Verteidigungs-Innovationsbüro der Europäischen Union in Kiew. Seine Aufgabe besteht nicht darin, fertige Waffensysteme einzukaufen. Es soll jene Erfahrungen aufnehmen, die ukrainische Soldaten, Ingenieure und Unternehmen unter den Bedingungen eines modernen Krieges sammeln, und sie mit der europäischen Verteidigungsindustrie vernetzen. Die EU schafft damit erstmals eine institutionelle Brücke zwischen den Erfahrungen des Gefechtsfeldes und der europäischen Innovationslandschaft. Auch die NATO geht diesen Weg. Beim NATO-Ukraine Defence Innovators Forum treffen sich Militärs, Wissenschaftler, Entwickler und Industrievertreter, um genau jene Erfahrungen auszuwerten, die in der Ukraine täglich entstehen. Dabei geht es um neue Technologien, Einsatzverfahren, Entscheidungsprozesse, Führungsmethoden und die Fähigkeit, Innovationen innerhalb kürzester Zeit in die Truppe zu bringen. Ein weiterer Schritt ist die Zusammenarbeit im Bereich unbemannter Systeme. Mit gemeinsamen Programmen und der sogenannten EU-Ukraine Drone Alliance entsteht ein Netzwerk, in dem europäische Industrie und ukrainische Entwickler ihre Erfahrungen zusammenführen. Die Ukraine bringt ihre Erkenntnisse aus dem täglichen Einsatz ein. Europa steuert industrielle Kapazitäten, Forschung, Finanzierung und Skalierung bei.
Ähnliche Entwicklungen zeigen sich auch in gemeinsamen Forschungs- und Industrieprojekten. Europäische Unternehmen arbeiten zunehmend mit ukrainischen Partnern zusammen, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und Technologien schneller an neue Bedrohungen anzupassen. Damit verändert sich natürlich auch die Rolle der Ukraine. Sie ist nicht mehr nur Empfänger europäischer Unterstützung, sondern wird selbst zu einem wichtigen Impulsgeber für die Weiterentwicklung europäischer Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeiten. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Wandel: Aus einem Land, das lange vor allem militärische Hilfe erhielt, wird Schritt für Schritt ein Partner, dessen Erfahrungen auch die europäische Sicherheits- und Verteidigungsentwicklung zunehmend mitprägen.
Das führt uns zurück zu jenem Satz, der vielleicht weiter reicht als alle anderen.
Wenn der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius, erklärt, dass es schwer zu verstehen wäre, wenn Europa es nicht als sein ureigenes sicherheitspolitisches Interesse ansehen würde, die militärischen Fähigkeiten der Ukraine in die europäische Verteidigungsarchitektur zu integrieren. Da spricht er nicht von weiterer Militärhilfe, sondern von weit mehr. Kubilius erläutert in dieser Rede zwar nicht im Detail, wie weit eine solche Integration reichen soll. Er beschreibt weder institutionelle Modelle noch militärische Kommandostrukturen oder konkrete Bündnisformen.
Man kann aber bereits sehen, wie Europa die industrielle Zusammenarbeit ausbauen möchte und Erfahrungen aus Ausbildung, Einsatzführung und Technologieentwicklung übernimmt. Und genau an diesem Punkt beginnt eine strategische Frage, die weit über das bisher Bekannte hinausgeht: Wenn Europa die ukrainische Verteidigungsindustrie integrieren möchte, wenn es ukrainische Innovation übernimmt, ukrainische Einsatzverfahren studiert, ukrainische Doktrinen analysiert und die Erfahrungen ukrainischer Soldaten systematisch in seine eigene Verteidigungsplanung einfließen lässt, könnte Europa dann auch zur Erkenntnis gelangen, dass die kampferfahrensten Streitkräfte Europas selbst Teil seiner künftigen Verteidigungsarchitektur werden sollten? Diese Frage ist heute nicht entschieden, aber sie ist auch keine bloße Gedankenspielerei mehr. Für eine solche Entwicklung sprechen gewichtige strategische Argumente. Die Ukraine verfügt über eine Kampferfahrung, wie sie heute keine andere europäische Armee besitzt. Sie hat ihre Fähigkeiten in Drohnenkrieg, elektronischer Kampfführung, Luftverteidigung und operativer Anpassung unter realen Gefechtsbedingungen entwickelt. Hinzu kommt ihre geografische Lage an Europas östlicher Sicherheitslinie sowie ihre abschreckende Wirkung gegenüber Russland. All das macht die militärischen Fähigkeiten der Ukraine für Europa sicherheitspolitisch hoch relevant. Gleichzeitig bleiben aber auch erhebliche Fragen offen.
Eine solche Entwicklung würde natürlich politische Entscheidungen von historischer Tragweite voraussetzen. Sie berührt den künftigen Status der Ukraine gegenüber NATO und EU ebenso wie Fragen der demokratischen Legitimation, der Finanzierung, gemeinsamer Kommandostrukturen und der staatlichen Souveränität. Deshalb wäre es unseriös, heute von einer bevorstehenden militärischen Integration zu sprechen; ebenso unseriös wäre es allerdings, die strategische Tragweite der Entwicklung zu unterschätzen. Die NATO wird wohl auch künftig das Fundament der kollektiven Verteidigung Europas bleiben und ein im Krieg befindliches Land kann man nur schwer in den Schutz des Artikels 5 des Nordatlantikvertrags aufnehmen. Die Europäische Union wiederum versucht ihre Verteidigungsfähigkeit vor allem über Industrie, Innovation, Finanzierung und Resilienz zu stärken. Das baut zwar Fähigkeiten auf, ersetzt aber kein militärisches Bündnis. Deshalb richtet sich der Blick zunehmend auf die von Frankreich und Großbritannien geführte „Coalition of the Willing“, welche inzwischen 35 Staaten sowie die EU und die NATO vereint. Ziel ist es, der Ukraine auch über ein Kriegsende hinaus tragfähige Sicherheitsgarantien zu geben und Europas sicherheitspolitische Eigenverantwortung zu stärken. Bemerkenswert ist dabei weniger ihre heutige Struktur als ihre strategische Richtung. Erstmals wird ernsthaft darüber nachgedacht, wie Europa – gemeinsam mit der Ukraine – mehr Verantwortung für die Sicherheit des Kontinents übernehmen könnte, unabhängig davon, wie sich die Rolle der Vereinigten Staaten künftig entwickelt. Daneben nehmen auch die neutralen Staaten ihren Platz ein. Österreich und Irland beteiligen sich zwar nicht an militärischen Bündnislösungen, bringen sich aber im Rahmen der Europäischen Union in Bereichen wie Resilienz, Cybersicherheit, kritischer Infrastruktur, Zivilschutz, Katastrophenschutz oder humanitärer Unterstützung ein. Die europäischen Verträge tragen diese unterschiedlichen sicherheitspolitischen Traditionen ausdrücklich.
Die aktuelle Eskalation im Nahen Osten zeigt allerdings auch, wie schnell Europas Sicherheitsordnung zusätzlich unter Druck geraten kann. Die neuen US-Angriffe auf Ziele im Iran und die Spannungen um die Straße von Hormus machen deutlich, dass sich Europa nicht darauf verlassen kann, dass die eine Krise wartet, bis die andere gelöst ist. Und gerade deshalb gewinnt die Frage nach Europas Fähigkeit, sicherheitspolitisch auch über den eigenen Kontinent hinaus handlungsfähig zu bleiben zusätzlich an Bedeutung, auch unter Einbeziehung ukrainischer Kriegs- und Kampferfahrung.
Probieren wir wieder ein Fazit: Zwischen politischen Erklärungen und erkennbaren Absichten einerseits und operativer Realität andererseits liegen in Europa allerdings oft Jahre. Unterschiedliche nationale Interessen, Finanzierungsfragen, institutionelle Zuständigkeiten und innenpolitische Entwicklungen werden darüber entscheiden, welche dieser Ideen tatsächlich verwirklicht werden. Vielleicht erleben wir heute tatsächlich den Beginn einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur. Ob daraus eines Tages auch eine tiefere militärische Integration entsteht, wird sich entscheiden, wenn Europa den Willen aufbringt, seinen sicherheitspolitischen Erkenntnissen mit konkreten politischen, militärischen, industriellen und institutionellen Schritten umzusetzen. Bemerkenswert dazu auch Präsident Wolodymyr Selenskyj, der die Ukraine diese Woche am NATO-Gipfel in Ankara als strategischen Gewinn für die NATO bezeichnete. Er verwies dabei auf die Kampferfahrung seiner Streitkräfte, die Leistungsfähigkeit der ukrainischen Verteidigungsindustrie und die Fähigkeiten seines Landes, Europas Abschreckung nachhaltig zu stärken. Nun, wie schon gesagt, zwischen strategischer Erkenntnis und politischer Wirklichkeit liegt ein weiter Weg. Doch eines zeichnet sich bereits heute deutlich ab: Europa beginnt zu erkennen, dass seine eigene Sicherheit künftig ohne die militärischen Fähigkeiten der Ukraine kaum noch vorstellbar sein könnte. Vielleicht wird die entscheidende sicherheitspolitische Frage Europas deshalb künftig nicht mehr lauten: Wie schützt Europa die Ukraine? sondern: Wie schützt die Ukraine Europa?
Autor:in:Felix Keiser |
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