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Wenn die Abschreckung versagt – der erste Kriegstag in Europa
- hochgeladen von Felix Keiser
Wie könnte ein erster Kriegstag in Europa ablaufen, wenn Abschreckung versagt hat, sei es, weil sie nicht glaubwürdig oder weil sie nicht ausreichend war. Es wird hier kein Zukunftsszenario entworfen und keine Vorhersage getroffen, vielmehr werden jene möglichen Entwicklungen aufgezeigt, die nach heutigem Kenntnisstand im Falle eines bewaffneten Angriffs auf Europa oder Teile Europas wahrscheinlich wären.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich mit Ihnen darüber sprechen, wie ein erster Kriegstag in Europa ablaufen könnte, dann also wenn die Abschreckung versagt hat, sei es, weil sie nicht glaubwürdig oder weil sie nicht ausreichend war. Ich male kein Zukunftsszenario und auch keine Vorhersage, vielmehr werden jene möglichen Entwicklungen aufgezeigt, die nach heutigem Kenntnisstand im Falle eines bewaffneten Angriffs auf Europa oder Teile Europas wahrscheinlich wären. Grundlage sind öffentlich zugängliche Doktrinen, Planungen und militärische Verfahren, Erkenntnisse aus aktuellen Konflikten sowie veröffentlichte Analysen militärischer Fachinstitutionen. Kriege lassen sich nicht mit Sicherheit vorhersagen, wohl aber lassen sich Mechanismen sowie mögliche Abläufe und Entwicklungen beschreiben.
Steigen wir wieder mit einer fiktiven Geschichte ein: Seit Tagen haben sich die Spannungen verschärft. Nachrichtendienste berichten schon seit langem über ungewöhnliche russische Truppenbewegungen, politische und diplomatische Kontakte laufen auf Hochtouren und die Streitkräfte mehrerer europäischer Staaten befinden sich in erhöhter Alarmbereitschaft und halten, wie auch ihr Gegenüber, große Manöver zu Lande, zu Wasser und in der Luft ab. Zusätzliche Kräfte werden verlegt, Krisenstäbe arbeiten rund um die Uhr. Europa ist vorbereitet und doch scheint die Abschreckung zu versagen. War sie zu wenig robust? War sie nicht glaubwürdig? Dann ist es 05:00 Uhr. GPS-Signale fallen aus, nicht nur regional, sondern breitflächig. Cyberangriffe treffen Kommunikationsnetze und Teile der kritischen Infrastruktur. Im Stromnetz kommt es zu massiven Störungen. In den Hauptstädten gehen bei den Sicherheitsbehörden Hinweise auf Sabotageanschläge gegen kritische Infrastruktur ein und es werden auch Zwischenfälle gemeldet, die den Verdacht nähren, dass ausländische Geheimdienstkräfte und militärische Spezialkräfte versuchen Schlüsselpersonen aus Politik und Militär auszuschalten. Militärische Flugplätze, Luftverteidigungsstellungen, Munitionslager, Führungszentren und einsatzbereite Verbände werden aus der Luft angegriffen. Eigene Kampfflugzeuge befinden sich bereits im Abwehr-Einsatz und Luftverteidigungssysteme nehmen den Gefechtseinsatz auf. Ziel des Angreifers ist es, die Verteidigungsfähigkeit Europas bereits in den ersten Minuten entscheidend zu schwächen. In den sozialen Medien verbreiten sich Falschmeldungen und täuschend echte Deepfake-Videos in rasanter Geschwindigkeit. Innerhalb weniger Minuten vermischen sich gesicherte Informationen, Gerüchte und gezielte Desinformation zu einem unübersichtlichen Lagebild. Wie dieser Angriff räumlich ausfällt, wird hier bewusst nicht definiert. Er könnte sich gegen einen einzelnen NATO- oder EU-Mitgliedstaat, gegen mehrere Staaten gleichzeitig oder gegen militärische Schlüsselstrukturen in weiten Teilen Europas richten. Gemeinsam ist aber allen Szenarien, dass sie einen koordinierten militärischen Angriff darstellen und damit die Bündnisverteidigung auslösen würden. Dabei bleibt die NATO für ihre Mitglieder das zentrale Instrument der kollektiven Verteidigung und auch das Sicherheits- und Verteidigungskonzept der Europäischen Union baut ausdrücklich darauf auf und ergänzt die militärische Bündnisverteidigung der NATO vor allem durch politische, wirtschaftliche und zivile Maßnahmen. Nicht behandelt werden hier Angriffe auf neutrale und bündnisfreie Staaten, die wohl damit leben müssen, dass es ohne Bündnis auch keine kollektive Bündnisverteidigung gibt.
05:20 Uhr. Spätestens jetzt besteht Gewissheit: Europa ist Ziel eines koordinierten militärischen Angriffs. Die Abschreckung hat versagt, die Bündnisverteidigung beginnt. Aufgrund der zunehmenden Spannungen waren Streitkräfte bereits vor Wochen in erhöhte Bereitschaft versetzt worden, die Luftverteidigung verstärkt, Flugzeuge auf Ausweichflugplätze verteilt, Munitionsdepots geöffnet und einsatzbereite Verbände näher an die bedrohten Regionen verlegt. Der Angriff trifft Europa also nicht unerwartet, aber er zwingt die Allianz nun, ihre Verteidigungspläne in die Praxis umzusetzen. Die integrierte NATO-Kommandostruktur übernimmt zeitgleich mit den nationalen Hauptquartieren die operative Führung. Das gemeinsame Lagebild wird laufend aktualisiert: Welche Angriffe dauern an? Welche Fähigkeiten des Gegners sind erkennbar? Welche eigenen Kräfte sind bereits im Gefecht, welche noch verfügbar? Wo müssen sofort Verstärkungen eingesetzt werden? Der Schwerpunkt der ersten Stunde liegt zunächst auf dem Luftkrieg. AWACS-Flugzeuge, bodengebundene Radare, Satelliten und weitere Aufklärungssysteme führen ihre Daten zu einem gemeinsamen Lagebild zusammen. Mit der Abwehr am Boden beginnen gleichzeitig defensive Luftoperationen, d.h. Jagdflugzeuge und bodengebundene Luftverteidigung schützen den Luftraum, wehren weitere Angriffe ab und sichern den Einsatz eigener Streitkräfte. Doch moderne Luftkriegsführung bleibt nicht defensiv. Parallel dazu beginnen, soweit politisch bereits freigegeben, auch offensive Luft -Operationen, den vorbereiteten Einsatzplänen entsprechend. Ziele sind nicht Städte oder zivile Infrastruktur, sondern militärische Einrichtungen, von denen die gegnerischen Angriffe ausgehen: Flugplätze, Luftverteidigungsstellungen, Radar- und Führungszentren sowie Raketenstellungen. Jeder erfolgreiche Angriff auf diese Ziele verringert die Fähigkeit des Gegners, weitere Schläge gegen Europa zu führen. Auch zur See beginnt der Kampf unmittelbar. Sofern nicht schon erfolgt, verlassen die Seestreitkräfte der NATO ihre Bereitschaftsstellung und gehen in vorbereitete Einsatzräume über. Ihr erstes Ziel ist es, die Kontrolle über die wichtigsten Seewege zu behaupten und den Nachschub sowie die Verstärkung Europas aus Nordamerika sicherzustellen. Gleichzeitig werden gegnerische Überwasserschiffe und U-Boote aufgeklärt und, soweit sie eine unmittelbare Bedrohung darstellen, bekämpft. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Nordsee, der Ostsee und dem Nordatlantik, aber auch dem Mittelmeer, denn über diese Seewege verlaufen Verstärkungen, Versorgung und ein erheblicher Teil der militärischen Logistik. Parallel dazu sichern Marine- und Spezialkräfte kritische Unterwasserinfrastruktur wie Datenkabel, Stromverbindungen und Pipelines. Anders als im Kalten Krieg geht es heute nicht nur um den Schutz von Konvois, sondern ebenso um den Schutz von Daten- und Energieverbindungen auf dem Meeresboden, inzwischen als eigenständige militärische Aufgabe. Während der militärische Abwehrkampf also bereits läuft, werden auf politischer Ebene die nächsten Entscheidungen getroffen. Der Nordatlantikrat bewertet gemeinsam mit der militärischen Führung die Lage und entscheidet über Umfang und weitere Entwicklung der Bündnisreaktion. Die militärischen Operationen beginnen innerhalb der vorbereiteten Einsatzpläne sofort. Über Umfang, Eskalationsgrenzen und weitere Schritte entscheidet jedoch weiterhin die politische Führung der Allianz. Gerade diese enge Verzahnung militärischer Operationsführung und politischer Kontrolle gehört zu den Grundprinzipien der NATO – hoffentlich ist sie schnell genug!
Die Verteidigung Europas beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Streitkräfte. Moderne Landes- und Bündnisverteidigung ist heute ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Staat, Wirtschaft, Betreiber kritischer Infrastruktur und Bevölkerung sind gleichermaßen Teil der Verteidigung. Die NATO spricht dabei vom sogenannten Whole-of-Society-Approach, einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Kurzer Exkurs: Auch Österreich kennt diesen Gedanken seit den 1980er-Jahren mit der in der Bundesverfassung verankerten Umfassenden Landesverteidigung, die militärische, zivile, wirtschaftliche und geistige Landesverteidigung beinhaltet. Hinter all solchen Überlegungen steht also die Erkenntnis, dass sich moderne Kriege nicht nur gegen militärische Ziele richten, sondern die Funktionsfähigkeit einer gesamten Gesellschaft beeinträchtigen. Jetzt steht etwas auf den Prüfstand, dass nicht von heute auf morgen geschaffen werden kann: Resilienz. Energieversorger trennen beschädigte Netzbereiche vom europäischen Verbundnetz und versuchen, die Stromversorgung so stabil wie möglich aufrechtzuerhalten. Telekommunikationsunternehmen schalten auf gesicherte Ausweichsysteme um, Rechenzentren aktivieren ihre Notfallkonzepte und Betreiber kritischer Infrastruktur arbeiten eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen, um weitere Angriffe möglichst rasch zu erkennen und ihre Auswirkungen zu begrenzen. Auch der Cyberraum wird nun noch mehr zu einem dauerhaften Operationsgebiet. Computer-Notfallteams isolieren kompromittierte Systeme, stellen gesicherte Verbindungen her und unterstützen bei der Wiederherstellung der benötigten Dienste. Cyberangriffe erfordern außerdem ein länderübergreifendes Zusammenwirken der europäischen Staaten. Gleichzeitig beginnt der Kampf um die Glaubwürdigkeit von Informationen. Vom Gegner eingesetzte Fake-News sollen Unsicherheit erzeugen, Vertrauen erschüttern und politische Entscheidungen beeinflussen. Die wirksamste Gegenmaßnahme besteht dann wohl darin, dass staatliche Stellen rasch, transparent und regelmäßig belastbare Informationen bereitstellen und dadurch Vertrauen schaffen. Das Gesundheitswesen aktiviert Notfallpläne für Krankenhäuser, planbare Eingriffe werden verschoben und zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen. Rettungsdienste, Feuerwehr und Zivilschutz arbeiten eng zusammen, Blutkonserven, Medikamente und medizinisches Material werden nach festgelegten Prioritäten verteilt. Wasser- und Lebensmittelversorgung, öffentlicher Verkehr und Treibstoffversorgung müssen so weit wie möglich aufrechterhalten werden. Auch zahlreiche Industriebetriebe, Logistikunternehmen, Energieversorger, Bahnunternehmen, Telekommunikationsanbieter sind nun Teil der gesamtstaatlichen Verteidigung. Produktionsabläufe werden angepasst, Lieferketten neu organisiert und knappe Ressourcen nach Prioritäten verteilt. Wirtschaftlichkeit tritt in den Hintergrund, es müssen Aufgaben erfüllt werden, die unmittelbar für die Versorgung der Bevölkerung oder die Unterstützung der Streitkräfte notwendig sind. Damit rückt schließlich auch die Bevölkerung selbst in den Mittelpunkt unserer Betrachtung. Resilienz bedeutet nicht, den Krieg führen zu können. Resilienz bedeutet für die Gesellschaft, trotz Angst, Unsicherheit und Einschränkungen handlungsfähig zu bleiben. Warnungen ernst zu nehmen, behördlichen Anweisungen zu befolgen, Desinformation zu erkennen und nicht weiterzuverbreiten, Nachbarn zu unterstützen und dort weiterzuarbeiten, wo dies möglich und sinnvoll ist, um einen eigenen Beitrag dazu zu leisten, dass das öffentliche Leben möglichst funktionsfähig bleibt. Gerade in modernen Konflikten wird die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft zu einem strategischen Faktor. Resilienz entsteht allerdings nicht erst am ersten Kriegstag. Sie muss lange davor aufgebaut werden. Es braucht funktionierende Institutionen, belastbare Infrastruktur, regelmäßige Übungen, eine widerstandsfähige Wirtschaft und nicht zuletzt eine Bevölkerung, die Vertrauen in staatliche Strukturen besitzt, Verantwortung übernimmt und auch in Krisen besonnen handelt. Damit stellt sich hier eine vielleicht unbequeme Frage: Sind wir auf diesem Weg tatsächlich gut unterwegs? In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung, sinkenden Vertrauens in staatliche Institutionen, gezielter Desinformation, wachsender Abhängigkeit von digitalen Plattformen, einer oft verkürzten öffentlichen Debattenkultur und einer schwindenden Bereitschaft, persönliche Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen? Haben wir uns vielleicht zu sehr daran gewöhnt, Sicherheit, Stabilität und Freiheit als Selbstverständlichkeit zu betrachten, in der Hoffnung, dass im Ernstfall schon irgendjemand anderer die Probleme lösen wird?
Schauen wir bei der Wirtschaft noch etwas tiefer: Ist sie in der Lage, eine Friedenswirtschaft innerhalb kurzer Zeit auf die Anforderungen einer Landes- und Bündnisverteidigung auszurichten. Mit Kriegswirtschaft ist dabei heute vorallem eine grundlegende Verschiebung der Prioritäten gemeint. Produktion, Energieversorgung, Logistik und staatliche Beschaffung orientieren sich zunehmend daran, was für die Verteidigung benötigt wird. Dafür können gesetzliche Rahmenbedingungen angepasst, Genehmigungsverfahren beschleunigt und auch Regelungen des Arbeits- und Wirtschaftsrechts vorübergehend verändert werden. Doch genau hier zeigt sich auch eine der größten strategischen Herausforderungen. Eine Munitions- oder Medikamentenfabrik lässt sich nicht innerhalb weniger Wochen errichten. Hochqualifizierte Fachkräfte stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Auch die Herstellung moderner Flugkörper, Luftverteidigungssysteme, Panzer oder Drohnen hängt von komplexen internationalen Lieferketten, Spezialmaschinen, seltenen Rohstoffen und hochentwickelten elektronischen Bauteilen ab. Was sich im Frieden nur an Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung orientiert hat, muss nun möglichst rasch auf Versorgungssicherheit und Produktionskapazität umgestellt werden. Der tägliche Verbrauch an schwerer Munition, Flugkörpern, Drohnen, Ersatzteilen und Treibstoff übersteigt in modernen Hochintensitätskonflikten häufig das, was viele Staaten in Friedenszeiten über Monate oder sogar Jahre produzieren konnten. Die Lagerbestände bilden eine unzulängliche Reserve. Entscheidend wird, wie schnell Industrie und Beschaffung den Materialabfluss ersetzen können. Diese Ausgangslage wird außerdem dadurch beeinflusst, welche Reserven bereits vor Beginn des Bündnisfalls vorhanden verbraucht wurden. Haben Staaten über längere Zeit umfangreiche Bestände an Munition, Luftverteidigungssystemen oder anderem Wehrmaterial zur Unterstützung bewaffneter Konflikte außerhalb des Bündnisgebietes, also zB an die Ukraine, abgegeben, müssen diese Lücken zunächst wieder geschlossen werden. Die Industrie steht damit gleichzeitig vor zwei Aufgaben: den laufenden Bedarf der eigenen Verteidigung zu decken und bereits zuvor entstandene Bestandsdefizite auszugleichen. Von dieser Entwicklung sind längst nicht mehr nur klassische Rüstungsunternehmen betroffen. Stahlwerke liefern Panzerstahl, Chemiebetriebe produzieren Treibladungen und Sprengstoffe, Elektronik- und Halbleiterhersteller fertigen Sensoren und Steuerungssysteme, Maschinenbauunternehmen stellen Produktionsanlagen bereit und Softwareunternehmen entwickeln Anwendungen für Aufklärung, Führung und unbemannte Systeme. Eine moderne Verteidigungsindustrie umfasst damit einen erheblichen Teil der gesamten Hochtechnologie- und Industriebasis Europas. Gleichzeitig werden Energieversorgung und Logistik selbst zu strategischen Faktoren. Kraftwerke, Stromnetze, Raffinerien, Gasspeicher und Treibstofflager müssen geschützt und ihre Leistungen priorisiert werden. Bahnunternehmen, Häfen, Flughäfen, Speditionen und Logistikzentren werden zu unverzichtbaren Bestandteilen der militärischen Versorgung. Der Ukrainekrieg hat diese Zusammenhänge in bisher kaum gekannter Deutlichkeit sichtbar gemacht. Er zeigt, dass sich die Kampfkraft moderner Streitkräfte nicht allein an der Zahl ihrer Soldaten oder Waffensysteme bemisst, sondern natürlich auch an der Fähigkeit, Verluste rasch zu ersetzen, beschädigtes Gerät instand zu setzen, neue Technologien in kurzer Zeit einzuführen und die Produktion dauerhaft auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten.
Damit wird deutlich, dass die industrielle Durchhaltefähigkeit eines Landes oder eines Bündnisses nicht am ersten Kriegstag beginnen kann. Sie muss Jahre zuvor durch Investitionen in die industrielle Basis, strategische Reserven, belastbare Lieferketten, Forschung, Fachkräfte und politische Entscheidungen entstehen. Der Krieg macht diese Fähigkeiten nicht erst erforderlich, er legt lediglich schonungslos offen, ob sie rechtzeitig aufgebaut wurden.
Probieren wir wieder ein Fazit: Hoffen wir, dass der erste Kriegstag in unserer fiktiven Einleitung gut überstanden wurde, dass nicht die vor Jahren nicht getroffenen politische Entscheidungen, eine geschwächte Industrie, mangelnde strategische Reserven, eine nicht-resiliente Gesellschaft und der mangelnde Willen zur Selbstbehauptung zur Katastrophe geführt haben. Über viele Jahre herrschte in Europa ja die Auffassung vor, dass ein großflächiger konventioneller Krieg auf dem Kontinent dauerhaft unwahrscheinlich geworden sei. Diese Annahme beeinflusste politische Entscheidungen, Verteidigungsbudgets, industrielle Kapazitäten und die Bevorratung militärischer Ausrüstung. Sie war ein fataler Irrtum, denn diese Annahme stand im Widerspruch zu der historischen Erfahrung, dass Frieden kein Dauerzustand ist, sondern durch politische, wirtschaftliche und militärische Handlungsfähigkeit gesichert werden muss. Es gab wohl Stimmen aus Politik, Militär und Wissenschaft, die davor warnten, die Grundprinzipien der Abschreckung sowie der Landesverteidigung und der Bündnisverteidigung vorschnell für überholt zu erklären. Solche Warnungen wurden jedoch meist als rückwärtsgewandt, übertrieben oder als Ausdruck eines überholten Denkens abgetan. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben aber deutlich gezeigt, dass die Warnungen nicht auf Kriegsbegeisterung beruhten, sondern auf einer nüchternen historischen und sicherheitspolitischen Erkenntnis, die da lautet: Solange es Staaten mit widerstreitenden Interessen und der Bereitschaft zur Anwendung militärischer Gewalt gibt, bleibt glaubwürdige Abschreckung die entscheidende Voraussetzung für die Bewahrung des Friedens. Der Preis von Sicherheit wird immer bezahlt: In Friedenszeiten durch Vorsorge, Resilienz, industrielle Leistungsfähigkeit und glaubwürdige Abschreckung oder im Krieg durch Zerstörung, Leid und den Verlust von Freiheit. Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen, was uns Sicherheit kostet. Wir sollten uns vielmehr fragen, was es kostet, auf sie zu verzichten. Denn eines lehrt uns die Geschichte immer wieder: Frieden wird nicht durch gute Absichten bewahrt, sondern durch die Fähigkeit und den Willen, ihn glaubwürdig zu schützen.
Autor:in:Felix Keiser |
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