Das Orakel
Nationalfeiertag: Sind wir national, neutral oder radikal?
- hochgeladen von Michael Stebegg
Die 56. Folge von ‚Das Orakel‘ ist – passend zum Nationalfeiertag – eine Bestandsaufnahme, wie sich Österreich als Nation begreift und welche Rolle die immerwährende Neutralität dabei spielt. Wir besprechen, welche Verteidigungsformen oder -bündnisse die Bevölkerung präferiert. Und gehen der Frage nach, ob sich unser Nationalverständnis ausschließlich aus Sportereignissen speist.
Peter Hajek
Was ist das Identifikationsmerkmal der österreichischen Nation?
Michael Stebeg
Die Mozartkugel, ich sag‘s.
Peter Hajek
Bitte?
Michael Stebegg
Die Mozartkugel …
Peter Hajek
… die Lipizzaner. Ganz wichtig: Patscherkofel-Fahrt Franz Klammer im Kanarien-gelben Anzug.
Michael Stebegg
Und noch paar Jahre davor: Karl Schranz wird seine Olympia-Medaille aberkannt.
Peter Hajek
Richtig, genau. Dann kommt sicher irgendwann Cordoba. Interessanterweise machen wir das immer fest am Sportiven, sind ja eine Sportler-Nation.
Willkommen zum demoskopischen Podcast 'Das Orakel'. Mein Name ist Peter Hajek. Ich bin Meinungsforscher und Politikwissenschafter und schaue mit Ihnen in die politische Gegenwart, immer wieder in die Vergangenheit und ab und zu auch in die Zukunft, die ja bekanntermaßen schwer zu prognostizieren ist.
Michael Stebegg
Hallo und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur 56. Folge von ‚Das Orakel‘. Mein Name ist Michael Stebegg und mir gegenüber sitzt wie immer Meinungsforscher Peter Hajek. Hallo Peter.
Peter Hajek
Hallo Michael.
Michael Stebegg
Anfang dieser Woche war ja am 26. Oktober der Nationalfeiertag. Ich finde, das ist ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme der Nation, des Staates, et cetera. Und darum geht die erste Frage mal gleich nicht an den Meinungsforscher, sondern den Politikwissenschafter. Was ist eigentlich eine Nation?
Peter Hajek
Na ja, das ist ja nicht so ganz geklärt. Und jeder denkt natürlich ein bisschen anders darüber. Es gibt also so im Prinzip drei Definitionen. Das eine ist die Kulturnation, das andere ist die Staatsnation und dann gibt es die Willensnation. Die meisten Menschen denken an die Kulturnation. Und das heißt jetzt nicht in Österreich Neujahrskonzert et cetera. Sondern Kulturnation ist die Definition, das darf ich jetzt auch vorlesen: eine Gemeinschaft, die sich durch gemeinsame Sprache, Kultur, Tradition und Geschichte verbunden fühlt. Ja, da würden viele, viele Menschen zustimmen.
Was heute wieder dazu kommt, ist – siehe insbesondere in Deutschland bei der AfD – ein sehr völkisches Gedankengut. Das heißt, man ist oder man geht von einer sehr, sehr homogenen Bevölkerungsgruppe aus. Grundsätzlich ist es ja so, dass das in Österreich ein großes Thema war, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, weil man hat sich ja nicht als Nation gesehen. Also, Nation war ja gebunden, eben das, was ich vorher vorher gesagt haben, an Sprache, an Tradition und Kultur. Also die Franzosen, das ist eine Nation und das Deutsche, whatever it is, ist auch eine Nation. Und die Träger dieses Nationsgedanken, also dass Österreich keine Nation ist, aber Deutschland eine Nation ist, waren ja insbesondere die Burschenschaften, die das ganz, ganz stark auf ihre Fahnen geheftet haben. Das hat sich lustigerweise bei denen auch mit der Zeit geändert. Die haben dann immer gesagt: ‚Na, wir sind Österreicher. Aber wir sind natürlich Deutsche.‘ So Deutsch-Österreicher, wie es in der Zwischenkriegszeit ja auch geheißen hat.
Michael Stebegg
Wie es sogar 1918 festgeschrieben war: Deutsch-Österreich. Weil sich niemand hat vorstellen können, auch der Staatskanzler Renner nicht, dass Österreich in dieser neuen Form überlebensfähig ist.
Peter Hajek
Richtig, genau. Und natürlich war man noch in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verhaftet. Das zwar schon 184 quasi aufgelöst worden ist, nämlich von Kaiser Franz dem Ersten. Aber das ist so diese Debatte, die naja, bis in die Hausnummer 70er 80er dahin gewabert ist. Und dann gab es mit der Zeit aber dann einen Bruch und man hat die Menschen immer wieder gefragt: Ist denn Österreich eine Nation? Und da gibt es ein paar Zahlen dazu. Die Zahl der Woche.
Michael Stebegg
Die Zahl der Woche ist 73. 73% der Befragten gaben in der jüngsten Studie von 2019 an, dass Österreich eine eigene Nation ist. Das ist das letzte Mal, wo das gemessen wurde. Ist jetzt vielleicht ein paar Jahre her, aber doch durchaus aktuell. Ist 73% ein beruhigender Wert?
Peter Hajek
Ich würde in dem Fall gar nicht von beruhigend sprechen, weil man kann Österreich als Nation sehen oder nicht. Ich meine, daran werden sich die Geister nicht scheiden, weil 73% sind eine klare Mehrheit. Wir haben 2007 übrigens 82% auch gehabt, als Höchstwert. Viel, viel interessanter für die Hörerinnen und Hörer ist ja, wie hat das denn früher ausgeschaut. Und zum Beispiel die Ausgangslage war 1956 – da gab es diese Frage auch schon – und da haben nur 49% zugestimmt. Das heißt also, es gab einen Nationswerdungsprozess aus Sicht der Bevölkerung, man versteht sich als Nation. Die Frage ist immer nur: Was ist das Identifikationsmerkmal der österreichischen Nation?
Michael Stebeg
Die Mozartkugel, ich sag‘s.
Peter Hajek
Bitte?
Michael Stebegg
Die Mozartkugel …
Peter Hajek
… die Lipizzaner. Ganz wichtig: Patscherkofel-Fahrt Franz Klammer im Kanarien-gelben Anzug.
Michael Stebegg
Und noch paar Jahre davor: Karl Schranz wird seine Olympia-Medaille aberkannt.
Peter Hajek
Richtig, genau. Dann kommt sicher irgendwann Cordoba. Interessanterweise machen wir das immer fest am Sportiven, sind ja eine Sportler-Nation. Aber ich glaube, das Identifikationsmerkmal der – insbesondere – zweiten Republik und der österreichischen Nation ist eigentlich das Thema Arbeit und wirtschaftlicher Aufschwung. Man hat sich, wie ich glaube, wir haben das schon mal in einem früheren Podcast gesagt, wir haben uns irgendwann einmal darauf geeinigt in Österreich, dass wir die Vergangenheit, also insbesondere natürlich den Nationalsozialismus und den Holocaust und alles Furchtbare, was damit verbunden war, dass man da nicht drüber spricht und dass man sich quasi um den wirtschaftlichen Aufstieg in Österreich kümmert. Und man den Minderbelasteten und Belasteten gesagt hat, reiht euch ein in diesem Wiederaufbau, dann wird das alles gut werden. Und dieses Thema Arbeit und auch dieses Thema Fleiß, das ist schon sehr, sehr tief in die Bevölkerung eingedrungen.
Wenn wir zum Beispiel nehmen, bei Frankreich ist es natürlich immer ein Replizieren auf die Französische Revolution. Sogar dieser Tage, wo es diese Krawalle und diese Aufstände und Demonstrationen whatsoever – auch da nimmt man immer noch Anleihen und sagt: Naja, das ist ja typisch Frankreich, nicht, das ist ja das Revolutionäre. Und viele Länder haben so ein Identifikationsmerkmal und das gibt es bei Österreich nicht. Es ist ein bisschen der Nationalfeiertag, nämlich mit dem Verabschieden der immerwährenden Neutralität.
Michael Stebegg
Der Leistungsschau des Bundesheeres.
Peter Hajek,
Ja, ich glaub, das ist weniger Identifikationsmerkmal. Aber für uns war das schon – ich kann mich erinnern, wir Kinder der 70er Jahre sind schon in der Volksschule damit aufgewachsen, dass Österreich ist neutral. Und das war ein ganz wichtiger Wert, der eben den Menschen vermittelt worden ist, der heute ein bisschen ins Rutschen kommt.
Michael Stebegg
Dazu gibt es eine interessante Umfrage, die der Standard bei Market in Auftrag gegeben hat. Und da sagen nur mehr 36%, dass der Nationalfeiertag bei ihnen patriotische Gefühle erweckt. Da musst du dann gegenüber der 70er Jahre …
Peter Hajek
Haben wir eine Vergleichszahl dazu?
Michael Stebegg
Nein.
Peter Hajek
Dann darfst du eigentlich nicht sagen ‚nur mehr‘.
Michael Stebegg
Gut. ‚Nur.‘
Peter Hajek
Ja, kann man ganz sagen: ‚nur‘. Was ist ein patriotisches Gefühl? Das ist ja sehr, sehr interessant, auch dass war ja natürlich, insbesondere natürlich, nach dem Naziregime, war auch der Patriotismus natürlich unglaublich verpönt. Man hat gesagt: ,Na Patrioten, das waren die anderen, das sind wir nicht.‘ Das kommt jetzt wieder seit geraumer Zeit retour, dass man stolz ist auf sein Land. Nur der 26. Oktober hat nie in Wirklichkeit dazu beigetragen. Also es ist jetzt nicht so wie andere Länder, die so einen Tag haben.
Michael Stebegg
Genau. Wir haben es jetzt schon ein bisschen gestreift, die Umfrage ist dann noch ein bisschen in die Tiefe gegangen. Und hat nämlich gefragt, worauf denn die Österreicher stolz sind in Bezug auf das Land, die Natur, die Landschaft et cetera. Und da kam eben wirklich ganz, ganz weit oben die österreichische Küche mit: 84% sind stolz oder eben 82% sind stolz auf die Sehenswürdigkeiten. Dazu fallen eben Lipizzaner, Mozartkugeln et cetera. Aber nur 25% sind stolz auf unsere Rolle in der EU. Das heißt, wir machen schon das Ganze an so klassischen Werten fest. Und auf einen Wert, auf den ich nun kommen möchte und damit zum nächsten Thema ist, der immer sehr hoch angesiedelt ist. Also worauf wir schon stolz sind, ist unsere Neutralität. Und die Neutralität ist ja, wie du selbst sagst, mit dem Nationalfeiertag verbunden. Und wir haben eine … innerhalb dieser Umfrage sagen innerhalb der Gesamtbevölkerung 73% Österreich soll an dieser Neutralität festhalten. Warum hängt Österreich so stark an dieser Neutralität? Ist das eine Sicherheitsüberlegung eben oder ist es nur ein Selbstbildnis oder ein starkes Bekenntnis zu unserer Nation?
Peter Hajek
Na ja, beides. Wie ich ja schon vorher gesagt habe, uns wurde das schon sehr, sehr stark vermittelt, dass wir neutral sind. Und dieses neutral sein hat erstens mal einen einen positiven Aspekt, nämlich – und das hat Bruno Kreisky ganz ganz stark bis zum gewissen Grad geprägt, diese Funktion des Brückenbauers und dass Österreich immer ein bisschen zwischen den Fronten steht, dass man vermittelnd wirkt. Ich erinnere an das Treffen Kennedy Chruschtschow in Wien. Und davon ausgehend war es natürlich auch ein gewisser Sicherheitsaspekt, so nach dem Motto uns als Neutralen, der sich noch dazu mit allen gut versteht, nämlich mit den – erstens mal mit den vier ehemals Alliierten Mächten und wir wiegeln uns dadurch in in Sicherheit. Das hat dann noch dazu auf der anderen Seite dazu geführt, dass wir das Bundesheer ein bisschen vernachlässigt haben. Und dann kam noch dazu der große Wechsel mit 1989, wo wir gedacht haben, wir gehen in ein güldenes Zeitalter, wir brauchen das überhaupt alles nimmer, weil wir haben uns jetzt alle gern und alle lieb. Und deswegen kommt die Frage heute wieder auf, nämlich mit: sollen wir neutral bleiben? Und das Spannende ist, wir haben das schon mal bei, glaub ich, bei einem anderen Podcast mal gemacht, Wie du jetzt vorher richtig gesagt hast, also es ist meistens so, Dreiviertel der Bevölkerung sind für die Neutralität. Wenn wir aber dann tiefer fragen, kommen wir drauf, wir sind zwar für die Neutralität, aber schützt sie uns auch?
Michael Stebegg
Genau, da habt ihr für ATV eine Umfrage gemacht. Die konkrete Frage war: ‚Angenommen, Österreich würde militärisch angegriffen, welchem der folgenden Verteidigungsmodelle würden sie am ersten zutrauen, Österreich wirksam zu schützen? Und da sagen 42% aller Befragten eine Kombination aus Neutralität und Bundesheer, 17% sagen, sie würden einer künftigen EU-Armee vertrauen, 22% der NATO und 19% – ist in dem Fall auch nicht unheblich, wissen das nicht oder haben keine Angabe gemacht.
Peter Hajek
Genau so und das ist ja … also, auf die Frage bin ich ein bisschen stolz, ehrlich gesagt. Weil sie zeigt, wie differenziert mittlerweile das Bild ist. Also, warum haben wir mal gefragt, Neutralität und Bundesheer, weil ja eine künftige EU-Armee und die NATO Militärbündnisse oder Militärorganisationen sind. Dementsprechend können wir eigentlich nicht die Neutralität dagegen setzen, sondern müssen sagen müssen: Kann uns das österreichische Bundesheer schützen? Jetzt haben wir das aber in Kombination mit der Neutralität gesetzt, weil das eine bedingt das andere. So. Und die 42% sind – also dafür, dass 73% die Neutralität wollen, aber nur 42% sind davon überzeugt, dass sie uns schützt – muss ich sagen, puh, das ist eine maue Geschichte.
Michael Stebegg
Das ist sehr wenig.
Peter Hajek
So, jetzt kann man sagen: Na gut, der künftige EU-Armee, also obs die überhaupt geben wird, aber wir haben es halt als Option einmal eingebracht, weil es auch immer wieder diskutiert wird. Das Vertrauen in die NATO ist hier höher als in eine künftige EU-Armee, ist auch klar, weil eher hypothetisch. So. Spannend sind die 19%, die uns keine Angabe machen. Das sind insbesondere auch Menschen, die die Neutralität gerne behalten würden, aber sie einfach nicht sicher sind, ob sie uns wirklich schützt. Und das ist natürlich ein Irrsinns Dilemma, in dem wir gerade in der politischen Diskussion stecken. Weil wir wollen eigentlich nicht wirklich eine Veränderung. Wir merken aber, die Welt verändert sich …
Michael Stebegg
… und finden das ganz furchtbar.
Peter Hajek
Das ist das aller Furchtbarste, was dem Österreicher passieren kann.
Michael Stebegg
‚Wirklich? Muss ich mich ändern?‘
Peter Hajek
Ja. Und es gibt jetzt aber den alten Spruch: ‚Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.‘ Und wir müssen uns natürlich dieser Diskussion stellen. Man kann ja, wie gesagt, hab ich auch schon des Öfteren gesagt, man kann ja ,na wir, bitte, wir bleiben weiterhin neutral. Wir stärken vielleicht wieder diese Brückenbau-Funktion, die ist tatsächlich etwas verloren gegangen.
Michael Stebegg
Aber da müssen wir auch das Bundesheer stärken.
Peter Hajek
Richtig genau. Wir müssen unsere eigene Verteidigungsfähigkeit stärken und wir brauchen es natürlich nicht stärken – ich bin jetzt kein Militärexperte, weiß aber nicht, ob heute noch Panzer oder sowas Sinn machen und wir sagen, wir werden die Drohnen-Experten hier in dem Land. Also whatsoever, aber wir sollten einfach in die Verteidigungsfähigkeit des Landes investieren und das ist aber interessant, das wissen wir auch aus einer einer alten Umfrage. Wenn man sagt: ‚Soll das Bundesheer ordentlich ausgestattet werden?‘ So: ‚Naja, wir haben leider Gottes wichtigere Ausgaben zu tätigen.‘ Und dann wird es halt ein bisschen unlustig.
Michael Stebegg
Jetzt haben wir ja nicht nur Neutralität gesehen, sondern es gibt viele Bereiche, worauf die Österreicher:innen stolz sind. Es gibt aber auch viele Bereiche, wo die Meinung nicht ganz so positiv ausfällt. Zum Beispiel :nur 11% sagen, dass Österreich heute besser dasteht als andere EU Staaten. Das ist, wenn man sich die Zahlen anschaut, nicht wirklich real. Warum glauben wir dauernd, dass es uns schlechter geht, wenn es uns, zu mindestens vielen, immer noch gleich gut geht?
Peter Hajek
Das ist furchtbar, weil ich glaube, ich wiederhol mich jetzt zum wiederholten Male. Der Österreicher schaut hoffnungsvoll in die Vergangenheit. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass das ein Mentalitätsfacette von uns ist. Aber es hat sich diese negative Stimmung einfach so festgesetzt. Nur ein Beispiel: Ein Freund von mir hat sich letztes Mal irrsinnig drüber aufgeregt, über die Wiener Linien, dass er da 15 oder 30 Minuten warten muss. Es war aber Samstag um halb 3 in der Früh. Und man muss sagen, in welcher Großstadt fährt die U-Bahn an den Wochenenden durch, in in relativ wenigen, also zumindest in Europa. Aber das ist so ein ein Zeichen dafür, wie verfestigt diese Negativstimmung ist. Also sogar über etwas, das sehr positiv ist, wird negativ gesprochen. Und das ist sehr spannend, erstens zu beobachten und zweitens wird sehr oft die Frage an mich herangetragen: Wie kommt man da wieder raus? Und ich muss sagen, ich hab keine Antwort darauf. Wahrscheinlich wird sich nur etwas ändern, wenn internationale Krisen sich wieder abschwächen, wenn es wirtschaftlich signifikant nach oben geht, wenn die Menschen dann auch tatsächlich merken, dass es ihnen wieder besser geht. Das ist immer ganz heikel, weil ‚Gefühl das Gefühl‘.
Michael Stebegg
Darf ich da kurz einhaken – auch eine Umfrage, die du gemacht hast: Nämlich, wenn man dann eben, weil du gerade gesagt hast, so dass sie persönlich merken, dass es ihnen besser geht. Ihr habt eine Umfrage gemacht zum Gerechtigkeitsempfinden der eigenen Lebenssituation. Und die Frage: ‚Wenn Sie einmal an ihr gegenwärtiges Leben denken, haben sie da alles in allem gesehen, eher mehr, als ihnen gerechterweise zusteht, ungefähr das, was ihnen gerechterweise zusteht oder eher weniger, als ihnen gerechterweise zusteht. Und da kommt raus, dass also 60% sagen ‚Ich kriege das, was mir zusteht‘. Also eigentlich ist es ja ein Wert, wo man sagt, es müsste eigentlich alles passen für die meisten Leute.
Peter Hajek
Ja, aber wir haben ja weitere 7 oder 8%, die sagen …
Michael Stebegg
… dass ich mehr habe, als mir zusteht und 25%, die sagen, ich kriege eher weniger als mir zustünde.
Peter Hajek
Das ist eine sehr, sehr interessante Fragestellung, die wir, glaube ich, auch im vorletzten Podcast hatten, bin mir jetzt nicht ganz sicher. Wir haben uns die abgeschaut von den Kollegen in Deutschland. Diese Umfrage wurde gemacht, glaube ich, in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern. Und es ging darum, dass man sich anschaut, wie ticken die einzelnen Wählerschaften. Wo ist das ein besonderer Trigger, nämlich, dass man besonders benachteiligt ist.
Michael Stebegg
Also sich ungerecht behandelt fühlt.
Peter Hajek
Genau und das sehen wir, ist auch in diesem Fall bei der freiheitlichen Wählerschaft ganz stark ausgeprägt. Nämlich dort sagen 42% sie bekommen eigentlich weniger als in ein gerechter Weise zusteht. Ich find diese Fragestellung deshalb auch so interessant, weil: Was heißt das eigentlich? ‚Ich bekomm weniger, als mir gerechterweise zu steht.‘ Also die Fragestellung ist großartig. Aber wenn man so drüber nachdenkt, was bedeutet das eigentlich, was heißt das eigentlich? Was müsste man eigentlich haben, dass man gerecht … oder was einem gerechterweise zusteht?
Michael Stebegg
Aber reden wir da von quantifizierbaren Werten? Wie ich krieg 500€ mehr Lohn oder sind das immaterielle Werte? Wie die große Liebe?
Peter Hajek
Wissen wir nicht. Aber die Fragestellung zeigt trotzdem sehr gut, dass es ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gibt, die sich ungerecht behandelt fühlen. Also in Deutschland, diesen Bundesländern ist es insbesondere der AfD Wähler und die Wähler der Linken. Und in Österreich ist es halt eigentlich nur die die FPÖ Wählerschaft, weil alle anderen sind unter Schnitt. Aber es zeigt die Kraft, die freiheitliche Wählerschaft entwickelt aufgrund dieses Gefühls. Und das ist ganz, ganz schwer für die anderen auszuhebeln und diese Menschen abzuholen. Weil eben die Fragestellung ist: ‚OK, was können wir tun, damit ihr nicht mehr dieses Gefühl habt?‘ Und ich hab immer gesagt, die Debatte zum Beispiel um die Sozialhilfe, die jetzt reformiert wird und auch die Unterstützung, die Menschen, die seit 2015 nach Österreich gekommen sind, die sie bekommen haben. Das ist – ohne dass wir diese Umfrage hatten – hab ich immer gesagt, das ist ein Gerechtigkeitsthema. Und dann wurde mir aber oft erwidert: Naja, aber das macht ja in … finanziell macht es ja gar nicht so viel aus. Also da gibt es ganz, ganz andere finanzielle Themenfelder, die wir beim Budget haben. Aber ich habe gesagt: Es ist nicht die Größe der Ausgabe, es ist ganz grundsätzlich, dass manche das Gefühl haben, das ist nicht gerecht, das ist nicht fair. Und das ist der Trigger, der bei der Freiheitlichen Wählerschaft unglaublich anschlägt.
Michael Stebegg
Da gibt es dann – damit sind wir schon beim letzten Themenblock – eine weitere Umfrage von dir, die eigentlich genau zeigt, dass diese Unzufriedenheit sich auch in der Unzufriedenheit mit der Bundesregierung niederschlägt. Ihr wolltet wissen, wie sehr die Bundesregierung die Interessen der Bevölkerung vertritt. Also man konnte sagen: ‚Sie vertritt die Interessen gut.‘ ‚Sie bemüht sich zwar darum, hat aber wenig Erfolg damit.‘ ‚Sie bemüht sich darum und hat teilweise Erfolg damit.‘ Oder: ‚Sie vertritt die Interessen der Bevölkerung überhaupt nicht.‘ Und wenn man jetzt mit dem ‚Sie vertritt die Interessen der Bevölkerung überhaupt nicht‘ anfangen, das sagen über alle Befragten 42% – aber unter den FPÖ. Wählerinnen 75%. Also, genau dieses so ‚Ich fühl mich ungerecht behandelt, mir stünde eigentlich mehr zu.‘ Also überlagere ich das auf die Bundesregierung und sag dort …
Peter Hajek
Ja, na klar. Und das ist die logische Schlussfolgerung, nicht. Und das kommt … ist deshalb so, weil die Bevölkerung (eigtl. die Bundesregierung, Anm. im Zuge des Transkripts) nicht meine Interessen vertritt. Sehr spannend ist aber wiederum bei dieser Fragestellung, die ich auch gut finde, nicht nur weil sie von uns ist, ja. Wir haben … hätten wir nur gefragt: Vertritt die Bundesregierung die Interessen der Bevölkerung sehr gut, eher gut, eher schlecht, sehr schlecht – dann wäre möglicherweise ein nicht so differenziertes Ergebnis herausgekommen wie bei der Fragestellung bemüht sich, hat damit teilweise Erfolg oder bemüht sich und hat damit wenig Erfolg. Und das zusammengenommen, glaube ich, sind ja?
Michael Stebegg
Das sind 46%. Entschuldigung 48%.
Peter Hajek
Egal, die Hälfte. Also, 48%, also jeder zweite sagt: ‚Naja, sie bemühen sich eh.‘ Ich mein …
Michael Stebegg
Das ist wieder Österreich at its best. Irgendwie … es geht sich schon aus.
Peter Hajek
Genau, aber das heißt: Wir haben eine fifty-fifty Positionierung, lassen wir mal die 5% Hanseln weg, die sagen, sie vertritt die Interessen gut, ja. Aber wir haben so einen Teil, der sagt, na ja, sie, sie bemühen sich wirklich, es geht mal mehr, mal weniger weiter. Währenddessen auf der anderen Seite haben diese eben diese 42%, die sagen, na die, die tun gar nichts für uns. Und das ist. Tatsächlich eine Auffälligkeit. Und jetzt bin ich wieder – jetzt machen wir ganz kurz vorm Schluss den Bogen zurück zur Nation: Man könnte auch eine Nation begreifen, als eine Gruppe, die ein Wir-Gefühl hat. Und dieses Wir-Gefühl ist aber bis zu einem gewissen Grad abhanden gekommen. Ich möchte nicht sprechen von der Spaltung der Gesellschaft, weil das haben auch schon ein paar mehr erläutert, das ist nicht so. Aber dieses Wir-Gefühl, dieser Blick aufs gemeinsame Ganze, was macht Österreich aus, was macht unser Land aus – der ist uns in den letzten Jahren, wahrscheinlich kann man sagen, beginnend mit 2015, aber insbesondere mit der Pandemie, abhanden gekommen.
Und es wäre eigentlich im Sinne des Landes, wenn es jemand geben würde, der diesen einigenden Charakter wieder stärker betonen würde und damit auch größere Gruppen wieder einsammeln könnte. Es gab – und das war ja die große Leistung in der zweiten Republik von Christdemokraten und Sozialdemokraten – dass sie gesagt haben, auch wenn wir sehr unterschiedlich sind, so haben wir doch einen einen gemeinsamen großen Blick auf das Ganze und das ist uns halt leider Gottes – jetzt einmal zwischenzeitlich – abhanden gekommen. Ich hoffe sehr, dass wir das wieder reaktivieren können.
Michael Stebegg
Wir werden das in einer der nächsten Folgen ausführen. Wir sind damit am Ende der 56. Folge angelangt. Wenn Sie, liebe Hörerinnen oder Hörer, eine Frage haben oder sich zu den Themen in dieser Folge äußern wollen, schreiben Sie bitte sehr gerne an frag@dasorakel.at. Die nächste Folge erscheint am Donnerstag, 12.11. Bis dahin sagen wir vielen Dank fürs Zuhören. Wir freuen uns aufs nächste Mal.
Peter Hajek
Das Orakel.
Autor:in:Michael Stebegg |