Die Dunkelkammer
Spital in Not: In Klagenfurt wirft eine Koryphäe das Handtuch. Und mit ihm sein ganzes Team.

Von Edith Meinhart. Interventionelle Radiologen sind international gesucht. Wenn verengte Arterien minimal-invasiv geweitet, Beckenblutungen gestillt, Gerinnsel im Gehirn entfernt, durch Tumore verschlossene Gallengänge freigelegt oder Metastasen in der Leber herausgeschnitten werden müssen, sind sie gefragt. Der gebürtige Italiener Luca De Paoli hat viel dazu beigetragen, dass das Klinikum Klagenfurt auf diesem Gebiet einen herausragenden Ruf genießt. Nun wirft der 44jährige Leiter der Interventionellen Radiologie das Handtuch. Wegen Arbeitsüberlastung. Mit ihm hat das gesamte Team gekündigt. In dieser Folge gibt De Paoli Einblick in eine Welt ständiger Rufbereitschaft, lebensbedrohlicher Notfälle und stundenlanger OPs in schweren Bleischürzen.

Edith Meinhart
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Dunkelkammer. Mein Name ist Edith Meinhart. Im Spitalswesen gehen die Wogen hoch: Ein ganzes Department des Klinikums Klagenfurt steht vor der Auflösung, aber nicht, weil es nicht mehr gebraucht würde. Das Gegenteil ist der Fall.
Es handelt sich um die interventionelle Radiologie, ein Teilgebiet der Radiologie. Hier werden verengte Arterien minimal invasiv geweitet, lebensbedrohliche Beckenblutungen gestillt, Gerinnsel im Gehirn entfernt, durch Tumore verschlossene Gallengänge freigelegt oder Metastasen in der Leber herausgeschnitten. Wenn akute Organ- oder Gewebeschäden drohen, zählt dabei jede Minute.
Bei Schlaganfällen gilt die Formel: Time is brain. Je länger es dauert, bis medizinische Hilfe da ist, desto größer ist das Risiko von bleibenden Schäden, etwa Lähmungen, und die Gefahr, zu sterben. Es ist also in einem buchstäblichen Sinn über Leben und Tod entscheidende Frage, ob es interventionellen Radiologen und Radiologinnen vor Ort gelingt, sich in Rufbereitschaft zu halten. Ein Aneurysma im Bauch kann jederzeit platzen, ein Motorradunfall jederzeit passieren.
In Kärnten droht diese Rufbereitschaft in naher Zukunft zu enden, weil das gesamte Department gekündigt hat. Begründung: Die Arbeitsbedingungen erlaubten die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr, so Dr. Luca De Paoli. Im Hintergrund spielt also Menschliches mit: politische Vernetzung, Gründe, Sonderklassegelder für Primarärzte, Konkurrenz zwischen Fächern, Hahnenkämpfe, die auf dem Rücken von Patienten ausgetragen werden.
Wir reden heute über den Fall in Kärnten, aber die Geschichte geht eigentlich über das Bundesland hinaus. Der gerade noch und bald nicht mehr Chef der interventionellen Radiologie in Klagenfurt ist heute mein Gesprächspartner. Wir sind über Videocall miteinander verbunden. Vielen Dank, Herr Dr. Paoli, dass Sie sich Zeit nehmen.
Luca De Paoli
Danke, Frau Meinhart. Auch von meiner Seite guten Tag.
Edith Meinhart
Warum sind Sie eigentlich Arzt geworden? Wollten Sie das schon als Kind? Wie ist dieser Berufswunsch entstanden?
Luca De Paoli
Als Kind, das ist übertrieben, nicht wirklich. Aber als Jugend habe ich immer fasziniert empfunden, wie Forschung, Technik und so weiter den Personen helfen könnte, wie die Bioingenieurwissenschaft, sagen wir so.
Und demzufolge habe ich durch Freunde und andere Personen erfahren, dass überhaupt dieser Bereich interventionelle Radiologie existierte. Und ich habe in 2001, als junger Student für Medizin, einen ersten Ersatz von der Hauptschlagader, nicht mit einer offenen Operation, sondern mit Sonden, gesehen, mit kleinen Schnitten in der Leiste.
Und ich habe gedacht: Okay, das ist faszinierend, das ist genau, was ich tun würde.
Edith Meinhart
Wo haben Sie das gesehen?
Luca De Paoli
In meiner damaligen Universität in Triest, in Italien.
Edith Meinhart
Das heißt, so sind Sie zur interventionellen Radiologie gekommen.
Luca De Paoli
Genau. Es war ein langer Weg. Ich habe erfahren, damals, so war es damals, ich hätte zuerst ein Medizinstudium selbstverständlich absolvieren müssen, dann als Fachrichtung die Radiologie absolvieren müssen, und dann eben quasi als Zusatzqualifikation, Zusatzausbildung, eben die interventionelle Radiologie. Und so habe ich tatsächlich gemacht.
Edith Meinhart
Ich habe Ihr Spezialgebiet schon kurz skizziert. Wann und wie ist denn das zu einem Standbein der Gesundheitsversorgung geworden? Wie hat sich das entwickelt, dieses Fach?
Luca De Paoli
Also, ich würde sagen, unsere Pioniere kamen schon vor 40 Jahren, würde ich sagen.
Also zwischen den 80er und 90er Jahren hat sich das Ganze rasant entwickelt. Am Anfang waren es eher so einfache Prozeduren, zum Beispiel die Aufdehnung von einem Gefäß mit weniger Materialien. Und auch die Schritte von einer Prozedur, was wir Intervention nennen, waren im Vergleich zu heutigen Prozeduren relativ einfach.
Dann, in den 20 Jahren danach, auch durch die Forschung von Firmen, von Ingenieuren und so weiter, hat sich das Ganze noch weiterentwickelt, mit Versorgungsoptionen vom Kopf bis zum Fuß. Und in den letzten 10 Jahren, ich sage immer, das ist wie ungefähr mit unseren Smartphones, mit PCs und so weiter, hat sich unser Bereich explodiert, würde ich sagen.
Also es ist wie ein Universum auseinandergegangen, in jeder Richtung, und mit einer sehr, sehr starken Weiterentwicklung.
Edith Meinhart
Was machen Sie eigentlich da genau? Sie haben kleine Kameras und fahren dann mit denen in die Venen oder in die Arterien?
Luca De Paoli
Genau. Also wir verwenden, sagen wir so, radiologische Geräte, meistens mit Strahlen, um durch unseren Körper zu sehen und unsere Materialien jede Sekunde zu sehen. Und dadurch navigieren wir durch unseren Körper, meistens die Blutgefäße entlang, bis zu Organen, die wir behandeln würden.
Und dann, je nach Erkrankung, je nach Problematik, versuchen wir mit unterschiedlichen Materialien die Therapie für den jeweiligen Fall durchzuführen. Also eigentlich verwenden wir wohl die radiologischen Geräte, um eben sehen zu können, was wir machen, aber wir führen tatsächlich Therapien durch.
Edith Meinhart
Das heißt, Sie nähen etwas oder Sie schneiden etwas heraus?
Luca De Paoli
Wir könnten es so nennen. Es ist aber im Gegensatz zu einer klassischen offenen Chirurgie ein minimal invasives Verfahren. Man kann, sagen wir so, für unseren Körper relativ schonende Behandlungen schon, große Eingriffe durchführen und auch tatsächlich entscheidende Therapien durchführen.
Edith Meinhart
Und meistens geht es auch um dramatische Fälle. Ich habe es schon vorhin anklingen lassen. Also Fälle, wo Menschen nicht viel Zeit haben, weil sie innere Blutungen haben oder, ja.
Luca De Paoli
Auf jeden Fall, auf jeden Fall. Also als Beispiel: Bei einem schweren Verkehrsunfall können die Patientinnen und Patienten so schwere Verletzungen haben, bis zu einer Amputation von den Extremitäten, die die unmittelbare Versorgung von verschiedenen Disziplinen benötigen.
Anästhesie, erstens, Unfallchirurgie, Allgemeinchirurgie. Und teilweise ist es so schwer, diese Personen zu stabilisieren, dass auch unsere Aufgabe wird, eben so gut wie möglich und so schnell wie möglich die Blutungen zu stillen und die Situation so gut wie möglich zu unterstützen mit unseren Eingriffen, damit einfach gemeinsam mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen, damit der Patient einfach weiterleben kann und hoffentlich sich erholen kann dann zum Schluss.
Edith Meinhart
Das Department für interventionelle Radiologie in Klagenfurt gibt es erst seit Jänner 2024. Wie ist denn die Geschichte der Entstehung?
Luca De Paoli
Ja, also unsere, wir technisch so als Einheit genannt, wurde eben Anfang 2024 etabliert. Eigentlich, also und steht, sagen wir so, innerhalb der diagnostischen und interventionellen Radiologie als Institut.
Also in den Jahrzehnten davor hat sich unser Fachbereich, würde ich sagen, sehr stark weiterentwickelt. Das war in Klagenfurt immer, würde ich sagen, europaweit und teilweise weltweit bekannt und hat sich eben über die vorigen Jahrzehnte weiterhin sehr stark entwickelt.
Und aufgrund auch der heutigen Notfallversorgung und generell auch Grundversorgung von Patientinnen und Patienten, da eben unser Fach sich entwickelt hat, nicht nur in Klagenfurt, sondern so generell in der ganzen Welt, ist de facto praktisch wie eine alleinständige Arbeit geworden über die Jahre. Also es kam ursprünglich aus der Radiologie, aber hat heutzutage mit der diagnostischen Radiologie, was die Organisation anbelangt, was Ablauf des Arbeitstages anbelangt und so weiter, hat nicht wirklich mehr zu tun in diesem Sinn.
Und demzufolge hat man schon damals anerkannt, man braucht eine Struktur, die, sagen wir so, anders organisiert ist oder anders organisiert wird, damit die Versorgung weiter aufrechterhalten werden kann. Und demzufolge wurde eben mit unserem Dienstgeber damals diese Einheit instituiert.
Edith Meinhart
Sie haben jetzt vorhin gesagt, Einheit. Eine Abteilung ist nicht das Gleiche wie ein Department und ist nicht das Gleiche wie ein Institut und eine Einheit. Wenn ich das richtig verstanden habe, steht an der Spitze der Radiologie, also an der diagnostischen und interventionellen, mit Bernhard Petrisch ein Primar in Kärnten, so darf man sich nennen, wenn man eine bestimmte Anzahl an Spitalbetten unter sich hat, wenn ich richtig informiert bin. Was sind da die Unterschiede?
Luca De Paoli
Ja, also Betten, das sind wahrscheinlich mehr technische Sachen. Also ein Institut, also die Radiologie als Institut hat keine Betten, also ist keine bettführende Station in dem Sinne, ist aber, sagen wir so, wie eine abteilungsähnliche Struktur ohne Betten, selbstverständlich. Wir sind keine Abteilung oder kein Institut. Also wir sind Teil von diesem Institut, aber eben mit einer gewissen Alleinständigkeit, sagen wir so.
Edith Meinhart
Das heißt, der richtige Begriff für Ihre Abteilung ist Einheit.
Luca De Paoli
Richtig, richtig. Es ist aber sehr schwierig, auch zu erklären, was das tatsächlich praktisch bedeutet. Also es ist, ja.
Edith Meinhart
Eine interne Sache.
Luca De Paoli
Ja, genau. Sehr komplex zu beschreiben, sagen wir so.
Edith Meinhart
Ich habe mit Ärztinnen und Ärzten in Kärnten gesprochen, die nicht genannt werden wollen, aber in ihrer Causa für Hintergrundinformationen und Einschätzungen zur Verfügung gestanden sind. Und das Bild, das sich für mich daraus ergibt, das sieht so aus: Ihr früherer Chef, Professor Hausecker, galt als fachlich unbestritten, im persönlichen Umgang nicht ganz einfach, und er soll es verabsäumt haben, die Abteilung für die Zeit nach Ihnen aufzustellen. Das hat sich gerächt, als er sich Ende 2023 zur Ruhe gesetzt hat.
Es wurde dann ein neuer Chef gefunden für die gesamte Radiologie. Er heißt, wie erwähnt schon, Bernhard Petrisch, ist Professor, zweifacher Doktor, und will dem Vernehmen nach nicht, dass der interventionelle Teil der Radiologie eigenständig agiert. Und das teilt er auch mit seinen großteils männlichen Primariatskollegen.
Sie haben nach Professor Hauseckers Pensionierung die interventionelle Radiologie geschubst, wollten das auch honoriert haben und sich Ihr Team selbst aussuchen. Sie wären nämlich sonst Ende 2023 schon weggegangen. Aber offenbar ist man mit Ihnen einig geworden, Sie sind geblieben, und die interventionelle Radiologie wurde als Einheit ausgegliedert.
Das ist im Hintergrund ein bisschen der Konflikt, wie er mir geschildert wurde. Können Sie das so stehen lassen?
Luca De Paoli
Ja, also ich würde es, sagen wir so, diplomatisch ein bisschen formulieren. Und erstens, also ich bin nicht mit allen Aussagen einverstanden.
Also der Professor Hausecker war und ist nicht nur ein Koryphäe, aber er hat zum Beispiel meine Person einfach unglaublich gut eingeschult. Er ist mein Mentor, und er hat nicht nur meine Person, sondern viele andere ausgebildet. Und deswegen ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wenn über seine Person zumindest gewisse Sachen gesagt werden.
Noch einmal, wie gesagt, also die Einheit, also es ist kein Spielkind oder irgendwas. Also für eine gewisse Versorgung braucht man auch eine gewisse Organisation. Das hat unser Dienstgeber eben damals schon anerkannt, und deswegen ist diese Einheit entstanden.
Ich würde mich nicht äußern jetzt. Ich weiß es nicht jetzt, was die anderen genau meinen. Auf jeden Fall, über die Meinungen von anderen Personen will ich jetzt nicht viel diskutieren.
Tatsache ist, unsere Arbeit benötigt eine ganz klare Struktur und Organisation, und deswegen wollten wir damals einfach so weiterarbeiten. Und über so Diskussionen, die entstanden sind und so weiter, würde ich jetzt nicht viel sagen, sagen wir so.
Edith Meinhart
Sie gelten als extrem fleißig und umgänglich. Mir ist es nicht gelungen, jemanden zu finden, der ein böses Wort über Sie verliert. Ein Gesprächspartner hat wörtlich gesagt: "Fachlich unangreifbar, menschlich ein Traum."
Es gibt eine Petition an die Spitalsholding Karbegg, die Klinikleitung und die Landespolitik, die bis dato 2.700 Menschen unterschrieben haben, darunter viele aus der Ärzteschaft, mit dem Ziel, dass Sie und Ihr Team bleiben. Die Ärztekammer stärkt Ihnen den Rücken.
Was haben der Dienstgeber Karbegg und Ihr Vorgesetzter, der Chef der Radiologie, eigentlich an Ihnen auszusetzen?
Luca De Paoli
Also ich weiß, es kamen auch in den Wochen davor gewisse Mitteilungen auf Zeitungen und so weiter. Also ich kann nicht viel kommentieren. Ich sage nur, viele Sachen sind für mich einfach nicht nachvollziehbar.
Ich weiß nicht, ob gewisse Aussagen einfach, also ob ein Missverständnis war. Ich kann es wirklich nicht sagen.
Ich glaube, also das war unsere Schule, ist und wird immer unsere Schule sein. Wir versuchen, alle unsere Kolleginnen und Kollegen Tag nach Tag einzuschulen. Wir sind immer erreichbar. Wir stehen am Tisch mit diesen Personen. Sie werden von uns ständig eingeschult.
Es passiert nie, dass eine Person allein sei, wenn diese Person sich nicht auskennt oder wenn dieser Kollege und Kollege gewisse technisch, gewisse Fälle nicht in Autonomie und allein durchführen kann. Deswegen ist für mich wirklich nicht nachvollziehbar, was gesagt wurde.
Vor allem ich, aber nicht nur meine Person. Also wenn nötig, wenn es um die Versorgung geht, also bin ich aus Berlin weggeflogen, bin ich durch mehrere Länder gefahren, um einfach meinen Kolleginnen und Kollegen am Tisch zu helfen, auch wenn ich nicht unmittelbar präsent war. Deswegen ist wirklich, also was die Ausbildung anbelangt und so weiter, jede Kritik ist für mich sehr, sehr schwierig nachvollziehbar, ja.
Edith Meinhart
Ihr Abgang schlägt medial wirklich hohe Wellen. Ist Ihre Kündigung eigentlich, ist das definitiv? Ist das in Stein gemeißelt?
Luca De Paoli
Ja, auf jeden Fall. Ja.
Edith Meinhart
Und was können Sie dazu sagen?
Luca De Paoli
Also ich glaube, es gibt verschiedene Gründe. Ich glaube, wenn eine Person einfach sich entscheidet, irgendwie wegzugehen oder die eigene Arbeit zu ändern, sagen wir so, anzupassen, sagen wir so,
ist, also es gibt, jeder hat die eigenen privaten und persönlichen Gründe dafür.
Edith Meinhart
Aber bei Ihnen waren es die Arbeitsbedingungen.
Luca De Paoli
Also ich würde es so zusammenfassen: Es ist einfach unsere Arbeitslast oder was uns gefragt wird, was von uns erwartet wird und wie ist das Ganze organisiert.
Also wenn körperlich, mental und so weiter, wenn man am Limit kommt, dann geht einfach nicht mehr weiter. Also dann muss man irgendwie die Situation ändern.
Also nicht nur in unserer Disziplin, in jeder Arbeit, um arbeitsfähig sein zu können, dann muss man ein Arbeitsumfeld haben, das das erlaubt. Also ansonsten muss man entweder irgendwie die Arbeit reduzieren oder einfach generell die Arbeitsbedingungen anpassen.
Edith Meinhart
Ich habe bei der Karbegg-Pressestelle nachgehakt, wie es zum Bruch gekommen ist. Die Holding-Sprecherin hat dazu schriftlich Stellung genommen.
Sie schreibt: "Aus unserer Sicht ist die derzeitige Situation vor allem das Ergebnis einer Verkettung unglücklicher Umstände, die wir bedauern. Letztendlich kam es durch ungeplante Abgänge zu einer überhöhten Arbeitsbelastung für das bestehende Team." Zitat Ende.
Es geht allerdings nicht nur der Leiter der interventionellen Radiologie, sondern mit ihm auch gleich alle Mitarbeiter. Die Sprecherin erklärt dazu: "Durch die hohe Belastung dürfte sich eine Gruppendynamik entwickelt haben."
Als möglichen Grund führt sie an, dass das mit dem Leiter der interventionellen Radiologie, also Dr. De Paoli, abgestimmte Ausbildungskonzept nicht wie geplant die erforderlichen Personalressourcen hervorgebracht habe, beziehungsweise der natürlichen Fluktuation zu wenig Augenmerk geschenkt worden sei.
Mit Ihnen geht ja das gesamte Team. So was kommt wirklich nicht alle Tage vor. Von außen kann man das nur so deuten, dass Sie nicht der Grund für die Abgänge sind. Wie gesucht sind denn interventionelle Radiologen?
Luca De Paoli
Also eigentlich, so interventionelle Radiologen ist eine Mangelware, würde ich so sagen. Also es gibt einen Personalmangel überall, nicht nur in Österreich. Es ist eine Situation, die mittlerweile fast in jedem Land der Welt auftritt.
Gründe dafür sind wieder unterschiedlich, aber ich würde es so zusammenfassen: Also die Ausbildung bis zu dem Punkt, dass eine Person wirklich vollautonom arbeiten kann, dauert sehr lange. Er ist wahnsinnig erfordernd. Und demzufolge ist für viele, viele Zentren sehr schwierig, ausgebildete Fachpersonen zu finden oder zu erreichen, irgendwie.
Und dazu kommt noch ein Punkt, was sich in den Jahrzehnten entwickelt hat und was noch weitergehen wird, meiner Meinung nach, und zwar von den relativ einfachen Prozeduren vor 20, 30 Jahren hat sich unser Fach vollkommen entwickelt. Und heutzutage ist es wahnsinnig schwierig, für eine Person wirklich von Neuroprozeduren, also was mit Gehirn zu tun hat, bis zur Peripherie, ich weiß nicht, mit einem diabetischen Fuß zum Beispiel oder mit einem eben Verkehrsunfall und so weiter, in diesem sehr breiten Spektrum Großteil der Prozeduren autonom bedienen zu können.
Und also das ist wirklich sehr, sehr schwierig, Fachpersonal bis auf diesem Niveau einzuschulen. Und demzufolge ist logischerweise sehr schwierig, diese Personen zu finden dann auf dem Markt.
Edith Meinhart
Und das ist in Kärnten auch über die Jahrzehnte gelungen.
Luca De Paoli
Auf jeden Fall. Also Kärnten, ich habe vorher kurz erwähnt, Kärnten unter der Führung von Professor Hausecker war deswegen in unserem Fachbereich berühmt und bekannt.
Und über die Jahre hatten wir allein als Gäste Leute, die zu uns kamen, wirklich aus der ganzen Welt, von Australien, also nicht nur Europa, meine ich, also von Australien, Asien, einfach um sehen zu können, wie wir arbeiten, für gewisse Monate von uns eingeschult zu werden als Gastkollegen.
Und auch, es ist kein Geheimnis, auch in meinem aktuellen Team, die Player, die wir haben, kamen aus unterschiedlichen Ländern von Europa, wie Tschechischen Republik, Italien bis Malaysien, weil eben unser Team, unser Zentrum für unsere Disziplin sehr bekannt war und ist nach wie vor.
Edith Meinhart
Der stellvertretende medizinische Direktor Jörg Weber hat gegenüber Medien gesagt, es seien nahezu alle Forderungen von Ihnen erfüllt worden. Dazu gehörten ein Blaulicht fürs Auto, Parkplätze in der Tiefgarage, besserer Arbeitsschutz und Homeoffice. Ich muss gestehen, mir fällt schwer, mir darauf einen Reim zu machen. War das der Anlass für den Konflikt? Können Sie da etwas zur Klärung beitragen?
Luca De Paoli
Also ich würde sagen, noch einmal, also Konflikt, sagen wir so, also die Kündigungen kamen aufgrund des hohen Arbeitslastes.
Diese Punkte, die erwähnt wurden, wurden von uns als Team quasi als unmittelbare Hilfe zitiert, um in dieser Notsituation irgendwie weiterkommen zu können. Und ich muss auch fairerweise sagen, vor allem seitens von unserem medizinischen Direktor wurde es versucht, so gut wie möglich, diese Punkte umzusetzen.
Ich würde sagen, es ist trotzdem ein Work in Progress. Also ich würde nicht sagen, dass alles schon umgesetzt wurde. Es ist auf jeden Fall ein Work in Progress, aber das war überhaupt nicht Grund der Kündigung.
Und auch diese Maßnahmen, die können sich ständig ändern, weil es hängt davon ab, wie die Arbeit sich weiterentwickelt, was die Versorgung von uns oder welche Versorgungsaufgaben haben wir. Man muss das System als sehr elastisch sehen, sagen wir so, weil man muss sich wirklich ständig adaptieren, je nachdem, was passiert, was für Patientenströme gibt es, was für Fälle müssen tatsächlich behandelt werden.
Also man kann nicht als starres Modell sehen. Auf jeden Fall.
Edith Meinhart
Aber es hat ein bisschen so geklungen, als wäre alles, was Sie gebraucht hätten, um gut arbeiten zu können, ohne dies bereitgestellt worden. Sie sagen, das ist nicht der Fall. Also das ist noch nicht das ganze Problem.
Luca De Paoli
Ich würde zusammenfassen, genau, ich würde sagen, es ist ein Work in Progress. Und man arbeitet, man hat da im Hintergrund viel dafür gearbeitet, auf jeden Fall. Aber ich würde so beschreiben als Work in Progress, ja.
Edith Meinhart
Aus der erwähnten Karbegg-Stellungnahme ist zu den genannten Forderungen der interventionellen Radiologie so viel zu erfahren. Zitat: "Sowohl das betroffene Team als auch die Unternehmensführung arbeiten in enger Abstimmung mit der Kärntner Ärztekammer und dem Betriebsrat in konstruktiven Gesprächen an einer nachhaltigen Verbesserung der Rahmenbedingungen, insbesondere an einer Verbesserung der personellen Ausstattung." Zitat Ende.
Das Blaulicht, die Parkplätze, der Arbeitsschutz seien nicht die großen Themen, sondern eher Nebenschauplätze, heißt es weiter. Zitat: "Tiefgaragenplätze wurden bereits zugeordnet, Blaulichtanträge werden an die Behörde gestellt und das sogenannte Zero Gravity wurde bestellt und wird zeitnahe installiert." Dabei handelt es sich um ein Schutzsystem statt der schweren Bleiwesten.
Und weiter im Vordergrund stehen jedoch die Bereitschaft aller Beteiligten für konstruktive Gespräche, um klare Abläufe, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu definieren und eine weitere unnötige Verunsicherung der Patienten zu vermeiden. Zitat: "Zur Personalhoheit wird es klare Schnittstellenvereinbarungen geben. Bei der Bezahlung besteht bereits jetzt eine Sonderstellung, die den hohen Einsatz des Teams und die besondere Verantwortung dieses spezialisierten Tätigkeitsbereiches abbildet. Das Unternehmen wird gegebenenfalls mit dem Team die Angemessenheit der Bezahlung nochmals evaluieren." Zitat Ende.
Herr Dr. De Paoli, Sie haben vorhin von Work in Progress gesprochen. Es geht hier teils um Interna, die Sie nicht öffentlich auspacken können.
Edith Meinhart
Werfen wir einen Blick in Ihren ärztlichen Alltag. Wie sieht denn ein Arbeitstag bei Ihnen aus?
Luca De Paoli
Also ein typischer Tag fängt mit, sagen wir so, geplanten Fällen an. Also wir behandeln nicht nur unmittelbare Notfälle, wir behandeln auch Patientinnen und Patienten, die wir Tag nach Tag einfach einplanen. Und die Mehrheit von den Prozeduren, von den Eingriffen, von den Prozeduren, die wir durchführen, betreffen Situationen, die sowieso eine zeitnahe Versorgung benötigen.
Das heißt, wir fangen meistens um 7 an, bis 14:30, 15 Uhr haben wir unser Standardprogramm. Selbstverständlich, inzwischen können immer zusätzliche Notfälle kommen, die das ganze Programm, würde ich sagen, revolutionieren teilweise. Und das ist, was als Kerndienstzeit geplant wird.
Und darüber hinaus dann muss man mehr oder weniger immer bereit sein, weitere Notfälle zu versorgen. Und das geht rund um die Uhr. Es kann sein, dass gewisse Tage relativ ruhig bleiben. In anderen Tagen kann man nicht einmal das Krankenhaus verlassen, weil die Notfälle hintereinander kommen, ständig.
Es gibt selbstverständlich Fluktuationen, also ein bisschen wellenartig, hängt von vielen Faktoren ab. Aber letztendlich, was ganz wichtig ist, also die Intensität der Arbeit ist zumindest, wenn man wöchentlich rechnet, ist schon sehr, sehr groß.
Also man kann schon einen Tag oder einen Nachmittag oder eine Nacht haben, wo relativ ruhig das Ganze verläuft, aber die nächsten Tage können hektisch werden und letztendlich dann Woche nach Woche ist die Arbeitsbelastung meistens schon sehr stark.
Edith Meinhart
Sie stehen da mit der Bleischürze am Operationstisch. Können Sie das mal schildern? Die ist ja sehr schwer. Da gibt es, glaube ich, auch modernere Systeme, die noch nicht im Einsatz sind. Was ist das für eine Arbeit?
Luca De Paoli
Ja, also da wir praktisch ständig mit Röntgenstrahlen arbeiten, müssen wir als Operateure ständig geschützt sein davon. Wir haben diese sogenannten Bleischürzen. Die sind je nach Personengröße, können zwischen 10 und 20 Kilo schwer sein. Und das ist Blei praktisch.
Also man kann sich vorstellen, was das bedeutet. Das ist wie, ich sage immer, wie ein Marathon quasi. Wenn man rechnet, wie viele Stunden dauern die Interventionen und so weiter. Und dazu muss man auch steril bleiben. Das heißt, darüber haben wir auch den sterilen Anzug.
Es ist körperlich schon eine anstrengende Situation. Man schwitzt, also für unseren Körper, für die Muskelgelenke ist schon eine Belastung, die nicht nur Minuten oder Stunden dauert, sondern wird teilweise für mehrere Stunden getragen und nach kurzen Pausen wiederholt jeden Tag. Also es ist nicht nur mental eine Herausforderung, nicht nur technisch, aber auch körperlich hat schon klare Auswirkungen.
Und es gibt selbstverständlich Systeme, die uns helfen können. Und wir arbeiten alle dafür, dass wir immer Neuigkeiten integrieren können, was unsere Arbeit erleichtern können. Wie gesagt, es ist immer ein Work in Progress.
Edith Meinhart
Aber es gibt zum Beispiel Operationen, die dauern, ich weiß nicht, 8 Stunden oder 10 Stunden. Das heißt, Sie stehen dann im Stück mit dieser Bleischürze 10 Stunden am Operationstisch.
Luca De Paoli
Ja, es kann sein, also ja, ja. Also es kann sein, also zehnstündige Interventionen werden auch aufgrund unserer Expertise vor allem immer seltener. Also ich kann mich ganz gut erinnern, als wir komplexe Prozeduren für die großen Gefäße begonnen haben, mussten wir doch halben Tag am Tisch stehen.
Mittlerweile haben wir das Ganze beschleunigt. Nicht nur wir als Ärzte, aber unser ganzes Team. Und das finde ich auch ganz wichtig zu betonen.
Unsere Arbeit, ich sage immer, es kann one man show. Ich sage immer, es ist mehr wie ein Pit Stop der Formel 1, wo viele Personen involviert sind, jeder weiß, was tun muss. Und wenn wir uns üben und wenn wir gewohnt sind, dann kann man Pit Stop in zwei Sekunden machen und nicht in einer Minute. Aber das dauert einfach. Und das war auch bei uns und ist nach wie vor bei uns.
Aber trotzdem, also wirklich, vier bis sechsstündige Interventionen sind noch häufig. Einfach, weil egal, wie schnell man arbeitet, da gibt es teilweise so viele Schritte, die einfach, es ginge nicht schneller.
Das ist nicht jetzt so, dass alle Interventionen unbedingt vier oder sechs Stunden dauern. Die meisten können wir in zwei, drei Stunden erledigen, teilweise auch kürzere Zeit. Aber nach einer gewissen Pause, teilweise oder sehr oft, muss man schon mit der zweiten Intervention dann weiterarbeiten.
Edith Meinhart
Das heißt, im Prinzip stehen Sie dann einen ganzen Tag in der Bleischürze am Operationstisch.
Luca De Paoli
Also vor allem, wenn man Dienst hat und wenn man auch für die Notfälle zuständig ist. Und wenn viele Notfälle kommen, auf jeden Fall, ja.
Edith Meinhart
Die medizinische Direktion hat öffentlich durchklingen lassen, Sie würden sich nicht ausreichend um den Nachwuchs kümmern. Wollen Sie darauf antworten?
Luca De Paoli
Das habe ich vorher auch zitiert. Also das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar als Aussage. Ich würde nicht kommentieren, weil ich weiß nicht, wie genau das entstanden ist.
Also ich kann nur sagen, wie unsere Schule ist. Also das ist meine Aussage, das weiß ich, aber man könnte meine Kolleginnen und Kollegen sowieso auch fragen. Also ich persönlich, ich habe alle unterstützt. Ich unterstütze alle, egal, ob sie schon sehr erfahrene Oberärzte sein oder junge Assistenzärzte.
Wenn ich sehe, die Person braucht meine Hilfe, weil einfach in dem bestimmten Fall einfach nicht ausreichende Expertise hat oder kommt nicht weiter, wird ständig von mir unterstützt. Und ich betone, das ist nicht nur, das war immer unsere Schule, ist und wird immer unsere Schule sein. Und das gilt nicht nur für meine Person, sondern für alle meinen Kollegen im Team.
Also egal in welche Richtung, egal Ärzte, RTs und so weiter. Also wenn jemand um eine Hilfe benötigt, wird unterstützt. Und keiner bleibt allein, solange nicht die fachliche Kompetenz hat, um alleinständig einen Eingriff durchführen zu können.
Edith Meinhart
Sie haben ja ein Ärzteteam um sich. Wie viele Leute sind das aktuell? Und wo haben die alle interventionelle Radiologie gelernt?
Luca De Paoli
Also mit mir aktuell sind wir vier. Zwei davon hatten schon in anderen Zentren, sogar außerhalb Österreichs, die erste Expertise und sogar eine gute Expertise aufgebaut. Sie kamen zu uns, um eben aufgrund unseres Rufes, würde ich sagen, um die eigene Expertise weiterhin zu entwickeln.
Anna kam aus Malaysien, war aber auch in Großbritannien. Der andere kam aus, also gebürtiger Italiener, aber trotzdem war er jahrelang in Deutschland, dann in verschiedenen Kliniken in Österreich. Und beide hatten eine sehr große Expertise schon in gewissen Bereichen, aber nicht für das Gesamtspektrum, was wir heutzutage anbieten.
Und deswegen, obwohl schon Experten sozusagen, mussten sie trotzdem weiter ausgebildet werden. Und der vierte Kollege kam zu uns sogar als Student noch, weil er sich dafür interessiert hat, hat dann die ganze Ausbildung bei uns gemacht und wurde dann als Facharzt weiterhin unterstützt und hat sich dann wirklich auch er von Kopf bis zum Fuß mit uns weiter ausgebildet und wurde von mir und von meinen Kollegen einfach ständig unterstützt.
Und mittlerweile, und das finde ich inhaltlich auch sehr interessant zu verstehen, es ist wirklich ein Teamwork und jede Person im Team bildet sich weiterhin aus, gemeinsam mit den Kollegen. Es ist eine gemeinsame Arbeit, weil, wie gesagt, unsere Disziplin entwickelt sich wirklich wie ein Universum.
Und demzufolge, kein Mensch kann alles wissen, alles können. Und wir entwickeln uns weiter und wir lernen voneinander weiter auch.
Edith Meinhart
Sie gelten in Ihrer Disziplin ja als Kapazität. Wie wird man sowas und wer hat Ihnen viel beigebracht?
Luca De Paoli
Also mein erster Mentor war der Dr. Pozzi in meiner Universität in Italien. Und ich hatte mit ihm schon viel gelernt und ich konnte mich auch viel üben.
Und dann, als ich nach Klagenfurt kam, hatten der Dr. Iljaš ein Pionier für interventionelle Radiologie in Kärnten und der Professor Hausegger, wirklich ein, ich sage immer, ein Koryphäe von dieser Disziplin. Sie waren meine großen Mentoren und sie haben mich wirklich völlig unterstützt, eingeschult und dafür bin ich dankbar.
Und es war wirklich ein sehr langer Prozess. Und diese Art und Weise von Einschulungsprozess finde ich als erforderlich, wahrscheinlich nicht nur in unserer Disziplin.
Und deswegen war für mich klar und ist für mich nach wie vor klar, so sollte es sein und so versuche ich immer auch weiter zu betreiben mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen.
Edith Meinhart
Das heißt, Sie sind jetzt quasi der Professor Hausegger und der Dr. Iljaš für die jüngeren oder anderen Kolleginnen.
Luca De Paoli
Genau, sagen wir so. Und meine Kolleginnen auch, weil sie, wie gesagt, also die Expertise im Team ist groß und jeder kümmert sich um die Ausbildung von den anderen.
Edith Meinhart
Ja. Gibt es eigentlich Frauen auch in der interventionellen Radiologie?
Luca De Paoli
Generell ja. Es gibt sehr, sehr berühmte und sehr erfahrene Kolleginnen, also nicht bei uns im Moment. Aber es ist, sagen wir so, für die Organisation des privaten Lebens ist schon ein sehr schwieriger Bereich. Und das ist sicher für, also was dann die Gestaltung auch von einer Familie anbelangt und so weiter, ist sicher nicht einfach. Vor allem in gewissen Phasen des Lebens.
Edith Meinhart
Durch Nachtdienste und Rufbereitschaft.
Luca De Paoli
Und Intensität auch. Weil auch wenn jemand nach Hause gehen kann nach der Arbeit, aber fühlt sich wie nach einem Ironman-Rennen, dann kann man von der Person auch im privaten Leben nicht viel erwarten. Sorry, falls ich es so formuliere.
Edith Meinhart
Ich habe zu dem Vorwurf, Sie hätten den Nachwuchs vernachlässigt, ebenfalls bei der KWEG-Pressestelle nachgefragt, wie das zu verstehen sei. Die Antwort lautet wie folgt: Naturgemäß wäre mit einem größeren Pool an Ärzt*innen die aktuelle hohe Belastung nicht derart entstanden.
In der aktuellen Situation ist jedoch nicht zielführend, etwaige Schuldige zu suchen. Der Fokus liegt derzeit auf einer möglichst raschen Bereinigung der Engpasssituation. Zitat Ende.
Ja, wie der drohende Engpass aus KWEG-Sicht entstanden ist, bleibt offen. Es stellt sich hier noch eine strukturelle Frage.
Die Radiologie kommt ja ursprünglich aus der Diagnostik. Wie blicken denn Primarärzte, Primarärztinnen auf den jetzt auch nicht mehr ganz jungen Zweig der interventionellen Radiologie?
Luca De Paoli
Also ich glaube jetzt nicht, überhaupt nicht kerntend bezogen. Also generell in der Welt, ich glaube mittlerweile jeder weiß, dass er ein erforderlicher Bereich der modernen Medizin ist. Es ist unverzichtbar mehr oder weniger jetzt. Besonders würden wir wieder in einer Medizin vor 20, 30 Jahren wiederkommen.
Es ist in der Welt ganz unterschiedlich. Also es gibt Länder, wo mittlerweile quasi eine eigene Fachrichtung auch als Ausbildung geworden ist. Es gibt andere Länder wie in Österreich oder in Italien, wo ich komme, wo nach wie vor innerhalb der Radiologie bleibt, zumindest was die Ausbildung anbelangt.
Es gibt dann Länder, wo quasi hybride Situationen gibt. Und zwar die Ausbildung bleibt grundsätzlich nach wie vor als Radiologie, aber dann als Struktur für die Arbeit etabliert sich quasi wie ein alleinständiges Institut oder eine eigene Abteilung. Es gibt Zentren, wo die Kollegen die eigenen Betten haben auch. Also es ist in der Welt ganz, ganz unterschiedlich.
Es gibt auch mittlerweile Branchen von dieser interventionellen Radiologie, die mittlerweile auch von anderen Fachrichtungen
betrieben werden oder sogar übernommen werden zum Teil. Beispielsweise, es gibt viele gefäßchirurgische Zentren, die Teil der Interventionen durchführen. Es gibt neurochirurgische Zentren, die als Abteilungen, die Teil der Interventionen durchführen, aber immer in den eigenen Bereichen. Also als Gesamtspektrum, also wenn man, egal in welchem Land der Welt, also wenn man als Gesamtspektrum rechnet, dann die, die wirklich eventuell von Kopf bis zum Fuß arbeiten würden, sind letztendlich interventionelle Radiologen.
Edith Meinhart
Also würden Sie das befürworten, dass das ein eigenes Fach ist? Sie haben vorhin gesagt, dass die Unterschiede zwischen Radiologie und interventioneller Radiologie sehr groß sind, was die Organisation betrifft, die Patientenversorgung betrifft. Kann man das noch ein bisschen fassbar machen? Wie groß ist der Unterschied und sollte es ein eigenes Fach sein?
Luca De Paoli
Also das ist eine sehr schwierige Frage, jetzt vor allem innerhalb Minuten zu beantworten und zusammenzufassen. Ich würde so formulieren: Also die radiologischen Kenntnisse sind erforderlich.
Also das ist meine, alles, was ich sage, ist meine rein persönliche Meinung, okay? Aber die radiologischen Kenntnisse sind erforderlich. Ohne kann man nicht einmal richtig verstehen, wie sehen wir tatsächlich während unserer Prozedur, wie können wir auch optimieren.
Also man muss nicht vergessen, also die Patienten sind auch unter Strahlen belastet und so weiter. Also man muss die Bilder richtig interpretieren, also das ist erforderlich.
Auf der anderen Seite aber, ich sage noch einmal, wir reden von Therapien, also von Betreuung der Patientinnen und Patienten aufgrund der Erkrankungen und der Therapien, die wir anbieten. Das heißt, er reicht nicht nur verstehen, was ich auf dem Bild sehe, aber man muss auch sich mit der Klinik auseinandersetzen und als klinischer Partner sehr aktiv und präsent sein.
Und das ist schon was, wenn man als interventioneller Radiologe tätig ist, viel intenser gelebt wird, würde ich sagen. Und deswegen verstehe ich auch, warum in gewissen Staaten als eigene Disziplin sich weiterentwickelt hat dann.
Edith Meinhart
Sie haben in Kärnten eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft aufgebaut. Was heißt denn das praktisch?
Luca De Paoli
Praktisch heißt das, dass jeden Tag des Jahres waren wir, also einer von uns war immer erreichbar und wir innerhalb 30 Minuten konnten wir aktiv in unserer OP sein, um den Notfall behandeln zu können. Das heißt, wir waren nicht physisch im Klinikum, wir waren aber in einer Umgebung, damit wir innerhalb 30 Minuten eben reinfahren konnten und arbeitsbereit sein konnten.
Diese 30 Minuten, man muss nicht so als klare fixe Regel sehen. Es gibt Notfälle, wo man auch mehr Zeit hat, wo könnte man auch später kommen und man könnte teilweise auch sagen, es ist, weiß ich nicht, Mitternacht, machen wir lieber morgen in der Früh, damit das Team frisch sei, sagen wir so. In anderen Situationen sind teilweise 30 Minuten schon zu spät.
Also alle, Sie haben vorher am Anfang auch erwähnt, Time is brain. Also wenn ich einen schweren Schlaganfall habe, wenn meine ganze Halsschlager dazu ist, jede Sekunde zählt, jede Minute zählt, weil je schneller, desto besser. Also wenn man zu viel Zeit wartet, dann können die Folgen für die Patientinnen und Patienten sehr schwer sein.
Auf der anderen Seite, ich sage immer, life is blood, Leben ist Blut. Also es gibt schwere Unfälle, wo die Patienten wirklich verbluten und wo auch unsere Leistung lebensrettend sein kann. Und in dem Fall sind teilweise 30 Minuten schon zu spät.
Dann am besten wären, wenn die Person, wenn wir als Operateure schon vor Ort wären. Das heißt, das ist aber nicht praktikabel, logischerweise. Also man müsste so viele Leute haben für einen Dienstradl, was eigentlich nicht machbar ist. Und demzufolge, also diese Rufbereitschaft und so weiter war die beste Lösung, die wir anbieten können.
Wie gesagt, es ist schwierig, Leute auszubilden, die autonom arbeiten können. Und demzufolge kann man nicht zaubern, teilweise.
Edith Meinhart
Ist die Rufbereitschaft jetzt schon zu Ende? Gibt es die noch?
Luca De Paoli
Nein, zu Ende ist das nicht. Aber im aktuellen Stand, wir können nicht mehr alle Tage des Monats abdecken. Also wir haben jeden Tag, also sagen wir so, wir haben alles angeboten, was ginge für unsere aktuellen Ressourcen.
Organisatorisch kann ich jetzt Ihnen nicht sagen, aber wir haben nicht, wir können im Moment als Team nicht alle Tage abdecken.
Edith Meinhart
Wie oft müssen Sie, wenn Sie Rufbereitschaft haben, dann tatsächlich ausrücken und was kommt Ihnen da als Kollegen alles so unter an Fällen?
Luca De Paoli
Also sagen wir so, vor allem in den letzten Jahren kann man durchschnittlich sagen, wir hatten pro Rufbereitschaftstage mehr oder weniger einen Eingriff. Immer wellenartig. Es gab Tage, wo wir gar nichts hatten und Tage, wo wir auch viermal außerhalb der Kerndienstzeit wieder reinfahren mussten.
Und es gibt Fälle, also es kann wirklich von dem Schlaganfall oder ein Hirnaneurisma, also eine Ausdehnung von dem Blutgefäß im Gehirn, was platzte und was nicht unmittelbar chirurgisch versorgbar sei, kann sowas passieren. Schwere Unfälle, Verkehrsunfälle, schwere Unfälle mit den E-Bikes oder mit dem Ski oder vom Paraglider, bis weiter zu anderen Erkrankungen, die zum Beispiel eben ein Bauchhortenaneurisma, was in der Bevölkerung auch sehr bekannt ist und wenn es platzt, kann der Patient sehr rasch verbluten. Und nicht alle diese Fälle sind mit klassischen offenen chirurgischen Operationen versorgbar, vor allem nicht im Notfall.
Und dann, und das finde ich auch interessant, die ganze Medizin hat sich entwickelt in jeder Fachrichtung. Also auch die, es gibt so Operationen, die heutzutage mit dem Roboter durchgeführt werden und so weiter. Und das heißt, auch die anderen Fachrichtungen haben sich super spezialisiert.
Und das hat auch mögliche Komplikationen oder Situationen generiert, die wir vor 20 Jahren nicht gekannt haben und die wir auch heutzutage nicht bekämpfen, aber wie kann ich sagen, mit dem wir uns beschäftigen, genau, dass wir handeln müssen. Und die Fälle können auch passieren.
Und logischerweise versucht man auch, diese Fälle zu beherrschen, damit der Patient keine Folgeoperation benötigt oder eben, damit der Patient nicht weiter gefährdet sei.
Edith Meinhart
Was ist das zum Beispiel für ein Fall?
Luca De Paoli
Also unsere Chirurgen, egal jetzt in welche Richtung, sie versuchen immer, immer mehr Operationen durchzuführen, die für die Patienten minimal invasiv seien.
Minimal invasiv bedeutet auch, dass, wenn wir im Rahmen von dieser Operation oder nach dieser Operation eine Komplikation wie eine Blutung zum Beispiel erlitten, teilweise auch aufgrund der Medikamenten, die wegen anderer Erkrankungen, was die Patienten unbedingt nehmen müssen, es kann passieren, dass die Blutstillung zum Beispiel entweder mit einer sehr aufwendigen und gefährlichen Operation, offenen chirurgischen Operation durchgeführt werden sollte oder mit einer Intervention von uns.
Und demzufolge, das kann nicht nur weitere Schaden für den Patienten verhindern, aber teilweise geht es sich wirklich um Lebens- und Tod. Weil eigentlich, also teilweise in der heutigen Medizin muss man minimal invasive Prozeduren durchführen, weil sonst würden die Patienten aufgrund Nebenerkrankungen und so weiter, würden die klassischen Operationen nicht überstehen.
Edith Meinhart
Was heißt das eigentlich, wenn die Rufbereitschaft nicht mehr aufrecht zu erhalten ist? Also im Moment ist sie noch so halb aufrecht zu erhalten, aber wenn sie weggegangen sind, dann wird sie gar nicht mehr bestehen. Dann müssten andere Spitäler übernehmen. Das heißt konkret, dass ein Patient, eine Patientin vom Schockraum in einen Hubschrauber verfrachtet werden müsste oder wie darf man sich das vorstellen?
Luca De Paoli
Ja, also für mein Verständnis wäre sowas denkbar. Gewisse Fälle könnten primär gleich zu anderen Zentren überstellt werden, ohne dass zu uns zuerst transportiert werden.
Also von meiner fachlichen Expertise, das Einzige, was ich so als schwierig sehe, ist, dass teilweise haben die, je nach Erkrankung selbstverständlich, je nach Situation, haben die Patienten nicht so viel Zeit. Das heißt, auch unter den besten Bedingungen, auch wenn ich den Patienten überstellen könnte, es kann sein, dass sowieso zu viel Zeit vergeht und dass dann eben eine schwere Lähmung oder eine schwere Konsequenz trotzdem entstehen kann. Also auch unter den besten Bedingungen als Überstellung und so weiter.
Das kann ich jetzt Ihnen nicht so in einer Minute erklären oder sagen. Das ist, wie gesagt, das ist meine persönliche Abschätzung aufgrund meiner Expertise.
Also theoretisch könnte man alles organisieren, ob das dann praktisch wirklich funktionieren würde, bin ich persönlich ein bisschen skeptisch, aber es ist eben sehr schwierig, jetzt zusammenzufassen in einer Minute.
Edith Meinhart
Zumal die interventionelle Radiologie ja nirgendwo unterausgelastet ist, wie Sie schon gesagt haben. Das heißt, man muss einmal ein Spital finden, das den Patienten nimmt. Das könnte ja auch schwer sein in der Praxis.
Luca De Paoli
Ja, auf jeden Fall. Es geht, also für mein Verständnis, wie gesagt, aufgrund meiner eigenen Expertise, es geht nicht nur um die reine interventionelle Versorgung.
Noch einmal, wir sind wirklich, wir sind ein großes Team. Also man muss nicht vergessen, man braucht unbedingt die Versorgung der Anästhesie von anderen Disziplinen auch. Das heißt, man muss es meiner Meinung nach so als ein bisschen so breiteres Problem sehen.
Also es hat nicht nur mit einem Interventionalist zu tun. Also die Person könnte auch in dem Moment frei sein, sagen wir so, aber das Ganze unterrum muss auch passen. Sonst wird die Betreuung trotzdem schwierig.
Also wir sind nur Teil der Versorgung, würde ich sagen. Erforderlich, wie erforderlich auch die anderen sind. Also die Versorgung funktioniert nur, wenn das Gesamtkonstrukt funktioniert. Sonst würde es nicht gehen.
Edith Meinhart
Der Hubschrauber muss auch angefordert werden. Der kann vielleicht nicht immer fliegen bei Nacht oder bei Nebel. Der Transport kostet Zeit. Das kann kritisch sein, wie Sie schon gesagt haben. In welchen Fällen könnte das überhaupt lebensgefährlich sein?
Luca De Paoli
Also lebensgefährlich auf jeden Fall bei Blutungen, vor allem nach Unfällen oder nach gewissen Operationen. Dann müsste man wirklich sehr, sehr schnell agieren.
Und nicht alle Patienten können so gut stabilisiert werden, dass sie eine ganze Überstellung schaffen. Also auf jeden Fall.
Und in anderen Fällen, also es muss nicht unbedingt lebensbedrohlich sein, aber es kann leider passieren, dass die Schaden oder, wie kann ich sagen, dass, wie bei einem Schlaganfall zum Beispiel, wenn zu viel Zeit vergeht, dann ist das Risiko für eine permanente Lähmung immer größer.
Edith Meinhart
Wie gedenkt die Spitalsholding Karbeck, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden? Das habe ich ebenfalls nachgefragt.
Die Sprecherin führt dazu aus, man pflege generell eine intensive Zusammenarbeit. Sie dazu hat auch das Team aus Klagenfurt bereits mehrfach bei Engpässen an anderen Standorten ausgeholfen. Diese Hilfe benötigen wir in der aktuellen Situation eben von den umliegenden Versorgungsträgern. Zitat Ende.
Außerdem versuche man, das bestehende Team soweit möglich vor Ort zu halten. Weitere Besetzungen würden angestrebt. Intensive Recruiting-Maßnahmen seien im Laufen, auch die Leitungsstelle sei ausgeschrieben.
Und das alles mit dem Ziel, so rasch wie möglich wieder eine Vollversorgung im Klinikum Klagenfurt für die Kärntner Bevölkerung sicherzustellen. Soweit die Stellungnahme.
Herr Dr. Paoli, wissen Sie, ob es einen Nachfolger, eine Nachfolgerin für Sie gibt? Ist da schon jemand im Gespräch?
Luca De Paoli
Nein, also mir ist nicht bekannt, nicht bewusst, dass, nicht, dass, ich weiß davon nichts, nein.
Edith Meinhart
Sie bräuchte ja auch gute Arbeitsbedingungen, um dem Versorgungsauftrag gerecht zu werden. Wie sehen denn solche für die interventionelle Radiologie aus? Also wer immer Ihr Nachfolger wird, wird ja ein ähnliches Problem haben.
Luca De Paoli
Also grundsätzlich würde ich sagen, ja. Also es ist, wie gesagt, also dieser Personalmangel, diese Schwierigkeiten, die, wie gesagt, auch in anderen Staaten entstanden sind, entstehen und so weiter, es ist, würde ich sagen, ein Grundproblem, ein Strukturproblem sozusagen. Also ich könnte mich vorstellen, es könnte für jede Person schwierig sein, selbstverständlich. Auf jeden Fall, egal, wer käme, wer arbeiten würde. Also auf Dauer ist einfach, also die Belastung ist sehr hoch und auf Dauer wird es für jeden Menschen schwierig.
Edith Meinhart
Sie haben in Kärnten sehr viel aufgebaut. Mit welchem Gefühl gehen Sie denn da weg?
Luca De Paoli
Also ich bin nach wie vor stolz auf, was wir geschafft haben als Team. Und ich denke immer, das Leben geht weiter, egal, was passiert.
Also dieser Punkt, was wir erreicht haben, hat nicht nur, was meine Person anbelangt, aber hat unser Team viel Zeit und Energie gekostet. Ich glaube, mein ganzes Team ist stolz darauf, was wir geschafft haben in diesen Jahren.
Es war sehr, sehr anstrengend. Es war, wie ich sage, so als Beispiel, es ist wie ein Marathon, die über viele, viele Jahre, die viele Jahre gedauert hat.
Ich persönlich, ich brauche jetzt kurz eine mentale Pause, würde ich sagen.
Edith Meinhart
Das wollte ich Sie fragen, wie Ihre persönlichen Pläne aussehen.
Luca De Paoli
Das würde ich jetzt nicht viel, mich diesbezüglich äußern.
Edith Meinhart
Das heißt, Sie machen jetzt einmal eine Pause.
Luca De Paoli
Genau, sagen wir so.
Edith Meinhart
Es bleibt ein bisschen ungeklärt, warum das überhaupt passieren hat müssen. Ich verstehe, dass Sie da nicht mehr sagen können. Ich danke Ihnen, dass Sie für das Gespräch Zeit hatten und aus Ihrem Bereich erzählt haben.
Luca De Paoli
Bitte. Danke vielmals für Ihre Zeit und diese Möglichkeit. Und viele Grüße.
Edith Meinhart
Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, ich danke Ihnen fürs Zuhören und ich freue mich, wenn Sie das nächste Mal wieder dabei sind.

Autor:in:

Livio Koppe

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