Die Dunkelkammer
Undercover bei jungen Nazis - mit Angelique Geray
- hochgeladen von Felix Keiser
Stefan Lassnig spricht mit der deutschen Investigativ-Journalistin Angelique Geray über ihre gefährliche Undercover-Recherche in der neonazistischen Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“. Die Journalistin infiltrierte ein Netzwerk junger Rechtsextremer, dokumentierte konkrete Anschlagspläne auf ein Geflüchtetenheim und übergab ihre Erkenntnisse schließlich den Behörden, was zu mehreren Festnahmen führte.
Stefan Lassnig
Herzlich willkommen bei einer neuen Folge der Dunkelkammer. Mein Name ist Stefan Lassnig, und in dieser Episode ist eine sehr mutige Journalistin zu Gast. Also, eigentlich bin ich ja bei ihr zu Gast, weil wir treffen uns im RTL Podcast Studio in Berlin. Wer ist diese mutige Frau? Angelique Geray hat sich undercover in ein Netzwerk junger Neonazis eingeschlichen und darüber eine wirklich aufregende Podcast-Serie mit dem Namen "Braune Kinderzimmer" gestaltet. Den Link dazu findet ihr in den Shownotes. Angelique hat sich dafür in große Gefahr begeben, und letztendlich haben ihre Recherchen zu zahlreichen Festnahmen und Gerichtsprozessen geführt. Liebe Angelique, herzlich willkommen in der Dunkelkammer.
Angelique Geray
Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich sehr.
Stefan Lassnig
Vielleicht fangen wir unsere heutige Folge mal ganz vorne an. Begonnen hat deine Recherche ja eigentlich unter Anführungszeichen relativ harmlos, weil dich hat interessiert, warum sich in Deutschland plötzlich so viele junge Menschen für eindeutig nationalsozialistische Inhalte interessieren. War das so?
Angelique Geray
Genau. Also, ganz am Anfang der Recherche habe ich mich vor allem in den sozialen Medien umgesehen. Also auf Snapchat, auf Instagram, auf TikTok. Und dabei habe ich gesehen, dass vor allem sehr junge Menschen sehr extreme Inhalte teilen. Und vor allem rechtsextreme Inhalte. Also, ich habe Jugendliche und Kinder gesehen, die Bomberjacken tragen, die Springerstiefel tragen. Also eigentlich Outfits, die mich so ein bisschen an die 90er Jahre erinnert haben, also die sogenannten Baseballschlägerjahre. Und ich habe mich dann gefragt, warum Rechtsextremismus eigentlich wieder so etwas wie eine Art Jugendkultur ist. Und im Laufe der Online-Recherche habe ich dann gemerkt, relativ schnell, man wird zu privaten Gruppen eingeladen. Also, es endet nicht einfach nur im TikTok-Feed, sondern es geht weiter in private Gruppen. Und ich wollte herausfinden, wer sich da sammelt und worüber dort eigentlich gesprochen wird.
Stefan Lassnig
Wie kannst du denn diesen Prozess beschreiben? Wie kippen denn die jungen Menschen da rein? Du hast jetzt schon gesagt, es erfolgt in Stufen, also zuerst digital, aber es geht dann tatsächlich ins reale Leben über.
Angelique Geray
Ja, also ich glaube, um zu beschreiben, warum sich junge Menschen radikalisieren, dafür gibt es immer mehrere Faktoren. Aber was ich schon relativ schnell gemerkt habe während meiner Recherche, ist, dass viele, gerade junge Menschen, auf der Suche sind, vor allem nach Zugehörigkeit und nach einem sehr starken Gemeinschaftsgefühl. Und ich habe aber auch gemerkt, dass gerade junge Menschen auch in der Lage sind, sehr extreme Inhalte zu teilen oder selbst herzustellen. Und da fällt mir gerade ein, ich erinnere mich beispielsweise an ein Mädchen, vielleicht 11 oder 12 Jahre alt, die zu Weihnachten Plätzchen backt, aber nicht in der klassischen Form, wie wir uns das vorstellen, mit Tannenbäumen oder so etwas, sondern Hakenkreuze. Und das hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht, woher das kommt.
Stefan Lassnig
Du hast ja dann in diese Gruppen reingesehen, sozusagen, und teilgenommen. Und das war der erste Aha-Moment beim Hören deines Podcasts. Die Sprache, die dort verwendet wird, ist dermaßen verstörend, dass man zuerst, zumindest ist es mir so gegangen, fast gar nicht glauben kann, dass das echt ist. Ich würde jetzt gerne mal ein Beispiel aus deinem Podcast "Braune Kinderzimmer" abspielen und dann reden wir darüber.
OT1
Für uns Rechtsextreme, wir glauben ja an keine Lügen, wir glauben ja an die Wahrheit. Das beste Beispiel: Die 6 Millionen. Es waren keine 6 Millionen. Es gab keine zwei Gaskammern. Der schlimmste Mörder war der Ami. Deutschland hat alleine nie zwei Weltkriege entfacht. So etwas halt. Holocaust. Und für uns gibt es etwas. Das ist eine rechtsextreme Band, Erschießungskommando. Und für uns Neonazis gibt es Tag X, wo wir alle rausgehen, sei es mit Waffen, Schusswaffen, Messern, irgendwas, um dort jeden einzelnen K... einfach zu schlachten.
Angelique Geray
Das ist echt krass. Und vor allem stimmt das ja auch nicht. Das sind Verschwörungsmythen und Nazi-Sprech, der einfach nicht wahr ist. Und außerdem ist es strafbar, den Holocaust zu leugnen. Da spricht ein Jugendlicher, der mein kleiner Bruder sein könnte. Der erzählt ganz selbstverständlich davon, unschuldige Menschen abzuschlachten, als wäre das das Normalste der Welt. Was Jannik da erzählt, habe ich so ähnlich schon mal gelesen, aber noch nie hat mir das jemand so offen ins Ohr gesagt.
Stefan Lassnig
Und genau diese Offenheit, finde ich, ist extrem verstörend. Also diese Selbstverständlichkeit, mit der da gesprochen wird.
Angelique Geray
Ja, genau das fand ich auch wahnsinnig erschreckend. Ich meine, ich konnte mir schon vorstellen, was mich in diesen geschlossenen Gruppen erwartet. Also, ich habe schon öfter in der rechtsextremen Szene recherchiert, war auch schon mal Teil von solchen Gruppen. Aber dieses Maß an Radikalität, was wir gerade gehört haben, das hat mich auch sehr verwundert. Auch wie offen man das dann ausspricht, was man machen will, was man vorhat. Und ich habe mich dann daran erinnert, dass in der rechtsextremen Szene immer auch dieser Vernichtungsgedanke mitspielt, den wir auch gerade gehört haben. Also, mir wurde dann relativ schnell erzählt von dem sogenannten Tag X, also so einer Situation, die erzeugt werden soll, bürgerkriegsähnliche Zustände, die geschehen sollen, in denen man, wie er es sagt, dann unschuldige Menschen, vor allem aber Migrantinnen und Migranten, abschlachten will. Also, das war ein neues Level, was mich auch wieder neugierig gemacht hat, weil diese Gruppe, für die da Werbung gemacht wurde, die kannte ich noch nicht. Und das Level der Radikalität fand ich sehr erschreckend. Deswegen wollte ich mehr über diese Gruppe rausfinden, die sich eben "letzte Verteidigungswelle" nannte.
Stefan Lassnig
Und du sagst in deinem Podcast auch, dass es relativ leicht ist, in diese Gruppen reinzukommen oder überhaupt in diese Kreise reinzuschlittern. Was du ja dann selber auch gemacht hast, du hast es gerade gesagt, du bist dann eben Mitglied geworden in der Chatgruppe der letzten Verteidigungswelle. Kannst du unseren Hörerinnen und Hörern kurz erklären, was es mit dieser letzten Verteidigungswelle auf sich hat?
Angelique Geray
Ja, die Mitglieder der letzten Verteidigungswelle sind vor allem wahnsinnig jung. Also, wir sprechen von jungen Menschen zwischen 15 und 21 Jahre alt. Und mir ist sehr schnell aufgefallen, wie hierarchisch diese Gruppe auch aufgebaut ist. Also, es gibt feste Rollen innerhalb dieser Gruppe, und diese Rollen nennen sich beispielsweise Propagandaminister, es gibt einen Gauleiter oder mehrere Gauleiter, und es gibt auch jemanden, der sich tatsächlich als Führer sieht und der sich auch Führer nennt. Und innerhalb dieser Gruppe, also es ist eine WhatsApp-Gruppe, über die wir hier sprechen, wurde immer wieder auch dazu aufgefordert, sich weiter zu radikalisieren. Also, ich habe mir dann die Gruppenregeln dieser Chatgruppe angeschaut, und bereits dort wurde geschrieben, ihr sollt euch aufrüsten mit Messern, mit Schlagringen, mit Schreckschusspistolen etc., damit wir radikaler werden können. Also, das Ziel wurde ganz klar beschrieben. Und solche Gewalttaten oder Straftaten, über die immer wieder gesprochen und die auch gefordert wurden, die wurden als Aktionen bezeichnet. Und wie schon gesagt, die wurden regelrecht eingefordert. Also, am Anfang, als ich angefangen habe mitzulesen, ging es um Sachen wie Briefkästensprengen beispielsweise. Am Anfang ging es darum, Briefkästen zu sprengen oder Wahlplakate abzureißen. Und dann ging es beispielsweise auch darum, mutmaßlich pädophilen Männern aufzulauern und denen dann Gewalt anzutun. Später ging es auch um deutlich schwerere Straftaten, die man durchführen soll, etwa ein Kulturhaus anzuzünden oder eine Geflüchtetenunterkunft mit Böllern anzugreifen. Und wichtig war, dass die Menschen diese Straftaten festgehalten haben in Videos und Fotos, um daraus Propagandamaterial zu machen.
Stefan Lassnig
Das Erschreckende ist ja, und du schilderst ja jetzt bereits diesen Weg, wir gehen den dann leider noch weiter, dass es ja eben nicht bei irgendwelchen Postings unter Anführungszeichen bleibt und digitalen Fantasien oder auch ausgesprochenen Wörtern in der WhatsApp-Gruppe, sondern dass das weitergeht. Die Sprache, die in diesen Chatgruppen verwendet wird, ist unfassbar aus meiner Sicht. Und trotzdem, glaube ich, sollten wir noch einmal reinhören, wie es dort zugeht. Und dann kommen wir nämlich dazu, wie aus diesen Fantasien ja dann teilweise wirklich auch Umsetzungspläne entstanden sind.
OT2
Sieg Heil und Morgen. Heil Hitler und Morgen.
Ot3
Sieg Heil, Kameraden. Wie geht es euch?
OT4
Könnte nicht besser gehen. Meine Arbeitskollegen haben mich richtig vermisst. Als ich angekommen bin, haben mich alle schön begrüßt. Bei jedem war der Arm oben.
Angelique Geray
Das sind Nachrichten aus der Chatgruppe der letzten Verteidigungswelle. So begrüßen sie sich da. Wenn ich mein Handy in die Hand nehme, morgens so um 7, dann sind da meistens schon über 100 solcher Nachrichten auf dem Bildschirm. Es ist ziemlich anstrengend, von früh bis spät rechtsextremen Kram durchzulesen. Aber in den nächsten acht Monaten wird das mein Alltag sein. Und irgendwann übertragen sich die Gewaltfantasien aus den Chats ins echte Leben.
Stefan Lassnig
An diesem Punkt möchte ich erzählen, was du in deinem Podcast schilderst, nämlich, dass dann du ein Video erhalten hast von jemandem, den du im Podcast Elias nennst. Und dieses Video zeigt eben eine vermummte Person in einem Daunenzug, der eine Fensterscheibe einschlägt, einen Brandbeschleuniger hineinkriegt und dann davonrennt, während das Haus in Flammen steht. Und du hast dann diese Geschichte recherchiert und hast den Fall wirklich entdeckt.
Angelique Geray
Ja, das war für mich aber auch eine wahnsinnig schwierige Situation, weil du musst dir vorstellen, ich sitze nachts um 1 Uhr an meinem Schreibtisch, sehe dieses Video, das in der Chatgruppe gepostet wurde, und mache mich dann dran, weil ich das Gefühl hatte, kann das wirklich echt sein? Also, ich konnte es ehrlicherweise kaum glauben, was ich da gesehen habe, und habe dann tatsächlich herausgefunden, dass es sich um ein Kulturhaus in Brandenburg handelt. Und das Interessante für mich war, dass die Polizei zu dem Zeitpunkt von einem technischen Defekt ausgegangen war. Und als ich das Video gesehen habe, habe ich gedacht, nee, das passt irgendwie nicht zusammen, das kann nicht sein. Und das Erste, was ich dann gemacht habe, ist, mit dem Pächterpaar in Kontakt zu kommen und sie erst mal zu fragen, sag mal, kann das sein, dass es doch kein technischer Defekt war, sondern eventuell sogar Brandstiftung? Und das war für mich schwierig, weil ich grundsätzlich natürlich meine Rolle als Journalistin nicht als jemand sehe, der so ein verlängerter Arm von Staatsschutz oder von Polizei ist. Aber als ich gesehen habe, dass vielleicht ein 15-jähriger junger Mann ein Kulturhaus anzündet und das Pächterpaar, dessen Kulturhaus wahrscheinlich angezündet wurde, weiß davon nichts, da war für mich so eine Grenze auch erreicht, weil es so eine sicherheitsrelevante Situation oder Information war, die ich weitergeben musste.
Stefan Lassnig
Und du hast es dann ja auch bei der Polizei gemeldet. Ich habe auch jetzt beim Hören deines Podcasts das Gefühl gehabt, das war schon so ein erster kleiner Kipppunkt in deiner Recherche, weil es ja tatsächlich von dieser Digitalrecherche jetzt plötzlich um ein echtes Verbrechen gegangen ist. Allerdings war ja dein Besuch bei der Polizei, und wir kommen auf das Thema dann später noch einmal zurück, ja nicht unbedingt so, wie du dir das vorgestellt oder gewünscht hättest.
Angelique Geray
Ja, zunächst einmal hat es erst mal recht lang gedauert, bis jemand von der Polizei sich tatsächlich für diese Information interessiert hat. Also, so war zumindest mein Gefühl. Es hat eine ganz lange Weile gedauert, bis ich dann einen Anruf bekommen habe, damals vom Staatsschutz, wo man mit mir über dieses Video sprechen wollte. Und als ich mit dieser Beamtin im Gespräch war, hatte ich das Gefühl, ihr schon mal deutlich zu machen, ich recherchiere übrigens verdeckt in dieser Gruppe. Mein Gefühl war aber auch, diese Gruppe, die letzte Verteidigungswelle, ist den Behörden irgendwie noch gar nicht bekannt, was mich auch gewundert hat, weil ich ja gesehen habe, wie offen radikal da auch kommuniziert wird. Und schlussendlich lief es anders als gedacht, weil was ich nicht ahnen konnte, ist, dass diese privaten Informationen dann später, also private Informationen von mir später, tatsächlich dann in den Akten gelandet sind. Und wenn man in diesen Kreisen recherchiert, dann weiß man, dass diese Informationen nicht nur bei den Verteidigern landen, sondern auch über die Leute, über die man recherchiert, nämlich bei Rechtsextremen.
Stefan Lassnig
Und du hast ja in dieser Recherche eigentlich ganz einfache Mittel angewendet. Du hast das Video genommen und bist damit an den Originalschauplatz gefahren und hast dort überprüft, ob dieses Video mit diesem Originalschauplatz übereinstimmt und bist dann mit diesen Informationen zur Polizei gegangen. Du warst ja nicht wirklich privat dort, sondern du warst ja in deiner Funktion als Investigativ- und Undercover-Journalistin dort. Umso verstörender ist es dann, wenn dein Name und deine Aussagen in den Akten landen.
Angelique Geray
Ja, das war auch mein Gefühl. Aber ich meine, da habe ich natürlich auch daraus gelernt, das kann man verhindern. Aber ich habe wahrscheinlich vertraut, dass das vertraulich behandelt wird, dass die Informationen so diskret behandelt werden, dass ich eben nicht in diesen Akten lande.
Stefan Lassnig
Die Geschichte wird ja noch viel ärger, muss ich unsere Hörerinnen und Hörer an dieser Stelle schon vorwarnen, weil du hast dich dann ja mit einem Mitglied der LVW, wie sich die Gruppe auch nennt, aus der letzten Verteidigungswelle, wirklich auch persönlich getroffen. Und zwar mit Justin, einem 21-jährigen Neonazi und auch selbsternannten Gauleiter. Und zwar hast du dich mit ihm am Bahnhof in Dresden getroffen. Vielleicht müssen wir an der Stelle noch einmal erwähnen, dass du da ja für deine Undercover-Recherche eine neue Identität zugelegt hast. Du hast dir auch, das sieht man in der RTL-Doku, die auch gedreht worden ist, zu dieser Recherche, du hast dich auch entsprechend gekleidet, hast dir natürlich auch zurechtgelegt, was deine Vita ist, und hast dich dann wirklich mit ihm getroffen. Wie war das?
Angelique Geray
Ja, also ich kann mich noch ganz genau erinnern an den Moment, als ich am Dresdner Hauptbahnhof stand. Ich war da natürlich nicht alleine. Also, wir haben im Haus immer darauf geachtet, dass es Sicherheitsstrukturen für mich gibt. Und ich glaube, das ist auch ganz wichtig bei so einer heiklen, verdeckten Recherche, dass man sowas nicht allein macht. Das geht natürlich auch nur, wenn man, wie ich, in der privilegierten Situation ist, dass man ein großes Medienhaus hat, die einen da unterstützen. Jedenfalls stand ich am Dresdner Hauptbahnhof, Kollegen von mir auch, und ich habe auf Justin gewartet. Und ich habe ihn schon von weitem gesehen. Ich wusste noch nicht, wie er aussieht, aber von weitem habe ich einen relativ großen jungen Mann gesehen, mit Glatze, mit Bomberjacke und mit Springerstiefeln, der auf mich zukam. Und er hat gelächelt, weil er natürlich dachte, das ist die Kameradin Isabelle, mit der er jetzt nach Tschechien fahren will.
Stefan Lassnig
Wofür wolltet ihr nach Tschechien fahren?
Angelique Geray
Das ist ganz interessant. Als ich in die letzte Verteidigungswelle eingetreten bin, bin ich recht schnell aufmerksam geworden, weil ich das Gefühl hatte, dass sich Mitglieder verabreden. Und es war erst so ein bisschen lose. Also, keiner hat so richtig laut ausgesprochen, warum man denn jetzt nach Tschechien fahren will. Irgendwann kristallisierte sich dann heraus, es soll auf so einen sogenannten Grenzmarkt gehen. Also, solche Grenzmärkte, auf denen kann man eigentlich alles kaufen, was man vor allem in Deutschland nicht kaufen kann. Also, von Böllern über natürlich auch Waffen, alles Mögliche. Und es wurde dann so eine Art Einkaufsliste schon in den Chat geschickt. Und die hat mich tatsächlich aufhorchen lassen. Da schrieb dann ein junger Mann, er möchte gerne Böller besorgen, er möchte ein Messer besorgen, aber vor allem ein Wort hat mich aufhorchen lassen, und zwar das Wort Kugelbomben. Ich musste tatsächlich erst mal googeln, was das überhaupt ist, und hatte dann gesehen, aha, rund um Silvester sind die schon mal zum Einsatz gekommen, da gab es schwere Unfälle. Also, das sind Dinge, die nichts in den Händen von Privatpersonen zu tun hatten. Und ich wollte wissen, warum diese Kugelbomben gekauft werden. Also habe ich gesagt, ich möchte gerne mitfahren auf diese Fahrt nach Tschechien. Ich möchte diese Menschen kennenlernen, ich will wissen, ob die das ernst meinen, was sie da sagen, und wofür diese Kugelbomben gebraucht werden.
Stefan Lassnig
Diese Autofahrt, die du da jetzt ansprichst, die hat bei mir endgültig alle Alarmglocken läuten lassen beim Podcast hören. Also, mir ist ja beim Hören schon ganz anders geworden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es dir gegangen ist, in diesem Auto sitzend. Weil es sind in diesem Auto nämlich zwei Dinge passiert, die ich wahnsinnig irre finde. Und zwar erstens ist im Auto darüber spekuliert worden, warum die Razzia beim sogenannten Jannik stattgefunden hat, der nämlich eigentlich auch mitfahren wollte auf diese Autofahrt, aber dann eben nicht dabei sein hätte können, weil bei ihm zu Hause eine Razzia stattgefunden hat. Und der Justin hat mit dir im Auto darüber spekuliert, was der Grund für diese Razzia sein könnte. Ich meine, der Grund für die Razzia war in dem Fall deine Recherchen.
Angelique Geray
Richtig. Das wusste ich aber zu dem Zeitpunkt auch noch nicht. Also, ich war tatsächlich auch überrascht, warum.
Stefan Lassnig
Vielleicht war es eh besser.
Angelique Geray
Wahrscheinlich, ja. Aber tatsächlich war es natürlich auch eine schwierige Situation, weil ich am Ende die Einzige war, die aufgetaucht ist zu unserem Treffen. Also, Jannik kam nicht, Janniks Freundin kam nicht, Elias kam nicht, die neue Kameradin Isabelle ist die Einzige, die aufgetaucht ist.
Stefan Lassnig
Das war aber nur das Erste, was in dieser Autofahrt so verstörend war, das noch viel Wildere jetzt in dieser Situation, in der du dich befunden hast, war ja, dass dir Justin auch erzählt hat, er hätte schon einmal einen Menschen erschossen. Also, da war es dann für mich endgültig so, dass ich mir gedacht habe, gut zu wissen, dass du überhaupt da wieder gesund rausgekommen bist.
Angelique Geray
Ja, ehrlich gesagt, ich war in diesem Moment auch einfach fassungslos, als er mir das erzählt hat. Und ich hatte das Gefühl, er hat es mir im Vertrauen erzählt. Und ich habe dann in dem Moment weiter nachgefragt, weil ich es nicht glauben konnte. Ich habe nach Details gefragt. Und er hat auch einige Dinge erzählt, die mir das Gefühl gegeben haben, dass ich nicht zweifeln kann an der Geschichte. In dem Moment, in der ich im Auto sitze, habe ich ihn nicht angezweifelt, als er gesagt hat, er hat vor einigen Jahren mal jemand erschossen. Am Ende hat sich aber rausgestellt, dass an dieser Geschichte wahrscheinlich nichts dran ist. Aber mein Gedanke war auch während der ganzen Recherche, dass das auch ganz viel aussagt über einen Menschen, wenn er sich eben damit brüstet, jemand umgebracht zu haben.
Stefan Lassnig
Um die Dramatik der Situation greifbarer zu machen, würde ich gerne wieder einen Originalton aus deinem Podcast abspielen.
Angelique Geray
Aber da ist auch noch etwas anderes, das mich beschäftigt. Etwas, das mich wirklich beunruhigt. Es mag verrückt klingen, wenn ihr das jetzt hört, aber auf dieser Fahrt nach Tschechien erzählt mir Justin eine Geschichte. Eine, die mich noch lange verfolgen wird.
OT1
Vor zwei, drei Jahren war ich auch in einer Schießerei verwickelt. So ein paar meinten, Stress zu machen, und ein Kumpel hatte eine Schafe eingesteckt. Die habe ich dann genommen und habe einen erschossen.
Angelique Geray
Hör auf. Hör auf.
OT1
Doch.
Angelique Geray
Hörst du nicht?
OT1
Doch.
Angelique Geray
Krass.
Angelique Geray
Ihr hört es wahrscheinlich an meiner Stimme. Ich bin fassungslos. Justin erzählt mir, dass er jemanden erschossen habe. Und ich sitze neben ihm, in diesem Auto, irgendwo zwischen Sachsen und der tschechischen Grenze. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Justin vertraut mir. Ich glaube sogar, er mag mich. Vielleicht sieht er das hier auch wie eine Art Date. Vielleicht will er mich beeindrucken, denke ich mir. Aber wer prahlt damit, einen Menschen getötet zu haben? Doch die Geschichte hört hier nicht auf.
Stefan Lassnig
Ihr seid ja dann tatsächlich nach Tschechien gefahren und habt dort diese Kugelbomben, die du bereits beschrieben hast, gekauft. Und dann ist ja noch etwas passiert, nämlich du hast dann auch mit ihm darüber gesprochen, was mit diesen Kugelbomben passieren soll.
Angelique Geray
Genau, ich bin ja auch mitgefahren, um eben rauszufinden, was wollen die mit diesen Kugelbomben anstellen. Und was mich hellhörig gemacht hat, ist, dass in der Chatgruppe zuvor über eine ganz bestimmte Aktion gesprochen wurde, zwischen Justin, mit dem ich in Tschechien war, und seinem Freund Elias. Und da fielen Nachrichten, die gingen in die Richtung, fahren wir dann nochmal nach Senftenberg? Gern. Es muss mindestens einen Toten geben. So, und das hatte ich im Hintergrund oder im Hinterkopf. Und ich wollte rausfinden, was passiert hier jetzt eigentlich? Was auch noch interessant war, dass auch Justin erzählt hat, er möchte diese geplante Aktion möglichst zeitnah durchführen, solange es noch dunkel ist. Und dieser Plan stand also. Ich musste jetzt rausfinden, was aber genau geplant war. Das wusste ich nicht. Also laufe ich mit Justin durch Tschechien, wieder zurück zum Auto, und ich dachte, jetzt ist der günstige Moment, einmal nachzufragen, was habt ihr da eigentlich vor? Und er sagte dann zu mir, dass sie planen, diese beiden Kugelbomben, die da in diesem Schuhkarton liegen, in ein Geflüchtetenheim zu werfen. Er erzählte mir dann eben auch, man hätte schon gesehen, da ist ganz schweres Mobiliar drin, da gibt es schwere Vorhänge, die Feuer fangen würden und so weiter. Und ich habe dann im Gehen, habe ich dann zu ihm rübergeguckt und habe gesagt, also wenn ihr das macht, dann bleibt aber von diesem Geflüchtetenheim kaum noch was übrig. Dann stirbt doch da bestimmt jemand. Und er hat mich angeguckt und hat genickt und gelächelt. Das war also der Plan.
Stefan Lassnig
Also spätestens an der Stelle wären wahrscheinlich die meisten von uns dann ausgestiegen aus der Recherche. Du hast dich immer noch nicht einschüchtern lassen und bist dann sogar zu Justin in ein Gaudenhaus gefahren, wo du dann auch seinen Stiefvater getroffen hast. Es ist jetzt nicht lustig, aber ich habe es trotzdem irgendwie dann, das hat mir doch noch ein kleines Lächeln entlockt, wie die das Gaudenhausrennen von denen bezeichnet wird, nämlich als Führerbunker und Führerhauptquartier. Wie gesagt, ist nicht lustig, aber sagt auch einiges über diese Menschen aus.
Angelique Geray
Bezeichnend, ja.
Stefan Lassnig
Und du bist dort dann am Abend hingefahren, und da war aber klar, das ist jetzt wirklich gefährlich. Du hast sogar mit deinem Team, du hast ja immer, Gott sei Dank, ein Team im Hintergrund gehabt, du warst da immer verkabelt und du hast da immer, sie haben da eben immer zugehört. Aber ihr habt in dem Fall sogar einen Code vereinbart, der ausgelöst hätte, dass die eingreifen, nämlich ich will jetzt nach Hause, wäre der Code gewesen.
Angelique Geray
Genau.
Stefan Lassnig
Kannst du uns nochmal kurz diese Stunden schildern, in dieser Gartenlaube heißt es eigentlich auf Deutsch, glaube ich.
Angelique Geray
Also, ich habe in dieser Nacht davor furchtbar schlecht geschlafen. Und irgendwann in der Nacht habe ich einen Live-Standort geschickt bekommen von Justin. Der ist nämlich gerade aus dem Feierabend, der hat gerade Feierabend gemacht und hat mir den Standort von seiner Laube geschickt. Das war wichtig, weil diese Laube, in der er wohnt, anscheinend keine richtige Adresse hat. Also, es soll wohl recht abgeschieden sein. Und weil das auch alles so ein ungutes Gefühl natürlich in einem auslöst, haben wir auch entschieden im Haus, ich werde da nicht alleine hingehen. Und du hast es schon angesprochen, ich habe Sicherheitspersonen mitgenommen. Und uns war auch wichtig, dass die auch unser Gespräch mithören können, um im Zweifel eben diesen Code sagen zu können, dass ich jetzt gehen will und dass dann im Zweifel eingegriffen wird.
Stefan Lassnig
Weil die Kugelbomben waren nämlich genau in diesem Gartenhausrennen.
Angelique Geray
Genau, das war mein Ziel, herauszufinden, wo liegen eigentlich diese Kugelbomben, wo sind die deponiert. Weil im Zweifelsfall, so war eben mein Gedanke zu dem Zeitpunkt, hätte er die auch irgendwo vergraben oder verstecken können. Und dann hätte man die nicht gefunden. Genau, vor Ort hat mir dann Justin diese Lauben eben gezeigt, erstmal das eine Häuschen, der Führerbunker und das andere Häuschen, in dem sein Stiefvater gewohnt hat, das Führerhauptquartier. Und ich habe ihn dann auch relativ schnell darauf angesprochen, wo denn diese Kugelbomben sind, die er in Tschechien gekauft hat. Und er hat mir die dann auch gezeigt. Also, er hat dann eine Tür aufgemacht und hat dann das Bett gezeigt, ich habe mir die angeschaut und tatsächlich lagen sie da, wie sie in Tschechien noch verpackt waren, nämlich in diesem Schuhkarton. Ich habe ihn dann außerdem nochmal auf diesen Plan ganz konkret angesprochen. Und da hat er mir auch nochmal deutlich gemacht, dass er diesen Menschen in diesem Geflüchtetenheim nicht nur Angst machen will, sondern ihm wäre lieber, wenn dieses Heim abbrennen würde. Gut, und jetzt kann man sich natürlich denken, dann kannst du jetzt auch wieder gehen eigentlich, so als Reporterin. Aber so ist es natürlich nicht bei einer verdeckten Recherche. Man kann da nicht einfach abrupt beenden und sagen, tschüss, ich gehe jetzt, ich habe alles, was ich brauche. Das wäre natürlich zu auffällig gewesen. Also haben wir weiter Zeit miteinander verbracht an dem Abend. Wir haben so eine Art Training absolviert. Danach haben wir Rechtsrock gehört und später auch mit seinem Stiefvater an einer Feuertonne gestanden und Bier getrunken. Diese Situation mit dem Vater war für mich rückblickend auch wie so eine Art Schlüsselmoment. Weil der Stiefvater hat mir dann erzählt, dass er selbst in den 90er Jahren als Neonazi aktiv war.
Stefan Lassnig
In den Baseballjahren, die du bereits angesprochen hast.
Angelique Geray
Genau. Er erzählte mir dann auch, dass er eben nach Hoyerswerda fahren wollte, zusammen mit seinen Kameraden damals. Dann aber von dem Plan abgekommen ist und mit seinen Freunden zu einem anderen Geflüchtetenheim gefahren ist. Und besonders auffällig war für mich da die Dynamik zwischen Stiefvater und Sohn. Weil Justin sagte mehrfach, er möchte gerne wissen, wie sein Stiefvater das damals in den 90er Jahren gemacht hat. Und sein Stiefvater hat immer wieder gesagt, nein, ich sage es dir nicht. Und Justin meinte, er sagt mir das nicht, weil er will nicht, dass ich es nachmache. Also, das fand ich sehr bezeichnend, weil der Sohn wollte von seinem Stiefvater lernen, wie hat er es damals gemacht.
Stefan Lassnig
Und du bist Gott sei Dank aus dieser Situation dann heil rausgekommen. Es hätte ein Übernachtungsangebot gegeben, das du natürlich abgelehnt hast. Das hätte gerade noch gefehlt. Und du bist dann aus dieser Situation rausgekommen. Aber das war natürlich schon auch ein zweiter Kipppunkt in deiner Recherche, denke ich, oder? Weil du jetzt, jetzt warst du wirklich sehr nah dran. Du hast jetzt relativ genau schon die Pläne gekannt. Und dann ist noch was Weiteres passiert, nämlich es hat eine Festnahme stattgefunden von der Person, die du eben Podcast Elias nennst. Und dann haben auch andere Medien bereits begonnen, über diesen Fall zu berichten und über die letzte Verteidigungswelle zu berichten, während deiner Undercover-Recherche noch. Ich kann mir vorstellen, das war nochmal eine ganz speziell schwierige Situation.
Angelique Geray
Ja, natürlich war das schwierig. Man ärgert sich natürlich auch zum einen, aber das war nicht mal das Schlimme. Also, das hat die Dynamik in der Gruppe vor allem noch einmal verschärft, weil ich natürlich immer noch verdeckt in dieser Gruppe recherchiert habe. Und die Gruppe merkte aber, die Medien wissen Bescheid und die interessieren sich auch für die Gruppe. Das heißt, es war so eine ganz eigene Dynamik, so eine Mischung zwischen Panik und, ja, also im Prinzip war es eigentlich Panik, was das ausgelöst hat in der Gruppe. Und für mich oder für uns war diese Geschichte zu diesem Zeitpunkt nicht einfach mehr nur eine Story, die man macht, weil es auch irgendwann um Menschenleben ging, weil wir wussten, der Plan stand. Wir hatten die Chatnachrichten gehört. Es muss wenigstens einen Toten geben. Es wurden Kugelbomben gekauft. Das war für uns eine Grenze, die erreicht wurde. Und es war auch klar, wir müssen jetzt zu den Behörden gehen.
Stefan Lassnig
Und das habt ihr dann auch gemacht, woraufhin dann auch tatsächlich Hausdurchsuchungen und Festnahmen stattgefunden haben, unter anderem in dieser Gartenlaube. Kannst du dich noch erinnern an diesen Zeitpunkt, wo du da gedacht hast, das war es jetzt mit der Recherche und jetzt übergebe ich das wirklich den Behörden?
Angelique Geray
Also, ich erinnere mich noch gut an die Dynamik in der Gruppe zwischen der ersten Razzia und dem Treffen in der Laube. Justin hat in der Zwischenzeit, nämlich in dem Chat, auch eine Nachricht geschrieben, in der er meinte, er würde die geplante Aktion, also das Geflüchtetenheim in Senftenberg, auch alleine durchführen, wenn sich sein Freund Elias nicht mehr melden würde. Ich wusste natürlich, dass sich Elias nicht mehr melden würde, weil ich war die Einzige, die wusste, er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Und das war auf jeden Fall so ein Moment, wo ich wusste, ist eine Grenze überschritten. Und deshalb war es wichtig, eben auch mit Justin weiterhin in Kontakt zu bleiben und so auch irgendwie informiert zu bleiben über seine Pläne, die er vielleicht hat. Mein Ziel war da nie, irgendwie Einfluss zu nehmen oder ihn nochmal irgendwie anzustoßen. Ich wollte die Gefahr einschätzen in dem Moment. Weil mein Gedanke war, wenn Justin sich jetzt zurückzieht und eigenständig handelt, dann habe ich keine Kenntnis mehr über die konkreten Schritte, die er plant. Und ich hätte auch nicht mehr rechtzeitig reagieren können.
Stefan Lassnig
Jetzt finden die Festnahmen statt, es finden die Hausdurchsuchungen statt und es laufen jetzt Gerichtsverfahren. Justin sitzt in Untersuchungshaft. Und die wirklich willigste Stelle in deinem Podcast, die würde ich jetzt gerne abspielen. Da geht es darum, dass Justin in der Untersuchungshaft auf einen Zettel was geschrieben hat, der dann bei ihm in der Zelle gefunden ist. Hören wir da mal kurz rein in den Originalpodcast.
Angelique Geray
Und ein paar Wochen nach meinem Gespräch mit dem ehemaligen LVW-Mitglied Martin ruft plötzlich die Polizei bei mir an. Der Beamte am Telefon berichtet, dass sie bei einer routinemäßigen Durchsuchung von Justins Zelle in der JVA einen handgeschriebenen Zettel gefunden haben, eine Art Notiz. Die hat er versteckt und vielleicht wollte er sie weitergeben. Das ist aber nicht ganz klar. Darauf steht sinngemäß: "Meine Kameraden, ich bereue zutiefst, dass ich die Journalistin so tief in die LVW geholt habe. Ich gebe es ehrlich zu, ich habe mit dem Schwanz gedacht. Ich nehme die ganze Schuld daran auf mich, dass die LVW aufgeflogen ist. Hiermit schwöre ich Rache. Ich werde diese Journalistin töten."
Stefan Lassnig
Ja, mir bleiben ja da fast die Worte im Hals stecken. Was waren deine Empfindungen?
Angelique Geray
Also, ich war erstmal geschockt, als ich diesen Anruf bekommen habe. Ich habe diesen handgeschriebenen Brief nie gesehen, aber mir wurde vorgelesen, was darauf steht. Und ich war ehrlicherweise natürlich schockiert. Also, ich war auch verängstigt. Ich habe natürlich sowas in die Richtung erwartet, aber es ist nochmal ein ganz anderes Gefühl, wenn man es dann tatsächlich hört, dass jemand Rache schwört und dass jemand sagt, er möchte einen selbst umbringen. Also, das war sehr heftig für mich.
Stefan Lassnig
Wie geht es dir heute damit?
Angelique Geray
Mittlerweile versuche ich mit Anfeindungen generell, auch mit dieser Drohung so umzugehen, dass sie eben meinen Alltag, meinen beruflichen und meinen privaten Alltag nicht zu sehr einnehmen. Klar verändert es einen, wenn man Morddrohungen bekommt, das ist ganz klar. Also, ich gehe schon anders durchs Leben als vorher. Ich hatte zeitweise Phasen, da habe ich beispielsweise keine Pakete mehr angenommen, weil ich mir nicht mehr sicher war, habe ich das wirklich bestellt oder was ist da jetzt drin. Also, ich achte natürlich schon auf meine Sicherheit, aber ich schaue natürlich, dass es meinen Alltag nicht einnimmt und nicht bestimmt.
Stefan Lassnig
Ja, also große Bewunderung für deinen Mut und dein Durchhaltevermögen. Als wir versucht haben, einen Termin zu vereinbaren für dieses Interview, hat der erste Termin nicht geklappt und zwar aus einer sehr nachvollziehbaren Begründung heraus. Du hast mir nämlich geschrieben, du kannst leider nicht an diesem Tag, weil da ist gerade Gerichtsverhandlung in Hamburg. Das heißt, es laufen jetzt gerade die Verhandlungen rund um diese Vorgänge.
Angelique Geray
Genau. Ich habe mittlerweile jetzt, wo wir sprechen, schon zweimal beim BKA ausgesagt und einmal vor Gericht eben in Hamburg, als ich dir geschrieben habe. Und wenn du mich jetzt fragst, wie das war, das war nervenaufreibend. So viel kann ich auf jeden Fall sagen. Aber mein Gefühl war auch, es ist das Richtige, was ich mache, weil ich es auch so ein bisschen als meine Pflicht angesehen habe, jetzt diesen Schritt auch noch zu gehen. Ich will da auch gar nicht so viel drüber erzählen, weil wir noch an einer siebten Folge von "Braune Kinderzimmer" arbeiten, in der wir genau das thematisieren, wie war das vor Gericht und was ist bisher passiert. Also, alle, die es interessiert, es wird eine siebte Folge geben.
Stefan Lassnig
Ja, also alle, die den Podcast noch nicht kennen, ist sowieso eine völlig auf der Hand liegende Hörempfehlung, die sechs Folgen nachzuhören. In dem Fall freue ich mich dann auf die siebte Folge, wobei freuen sich jetzt weniger auf den Inhalt bezieht, nur darauf, dass ich ein Update von dir bekomme. Vielleicht zum Ende dieser Folge noch ein Aspekt, weil wir jetzt ja nicht so viel verraten wollen, was bei den Verhandlungen und so passiert ist, aber ein Aspekt ist in den letzten Tagen noch aufgetaucht. Und zwar, ich sage es jetzt, das ist jetzt meine Sichtweise, völlig absurderweise von anderen Medien, nämlich der Aspekt, dass dir vorgeworfen wird, indirekt oder sogar direkt, du hättest Menschen provoziert zu irgendwelchen Handlungen, du hättest eine Provokateurrolle gespielt in dieser ganzen Geschichte. Und das ist jetzt von anderen Medien aufgebracht worden. Wie geht es dir damit?
Angelique Geray
Also, mein Gefühl ist, dass immer der gesamte Kontext einer verdeckten Recherche entscheidend ist, um zu bewerten, ob sich derjenige, diejenige außerhalb von Grenzen bewegt hat. Mein Gefühl war, dass einzelne Chatnachrichten oder Situationen, die eben aus dem Kontext gerissen werden, nichts darüber aussagen, wie so eine komplexe investigative Recherche tatsächlich abgelaufen ist. Und in diesem Artikel geht es vor allem um einen Vermerk, also einen Vermerk, das das BKA geschrieben hat. Und nach meinem Kenntnisstand ist dieser Vermerk schon rund ein Jahr alt. Also, wir erinnern uns, ich habe mittlerweile zweimal beim BKA ausgesagt. Und dieser Vermerk wurde wohl verfasst, bevor ich das erste Mal überhaupt ausgesagt habe, bevor ich alles in den richtigen Kontext rücken konnte. Und dass ich diese Rolle, was mir vorgeworfen wird, als journalistische Beobachterin nicht verlassen habe, zeigt auch, dass beispielsweise die Bundesanwaltschaft und auch das Oberlandesgericht während des gesamten Verfahrens mich, also die Reporterin, ausschließlich als Zeugin führt, nicht als Angeklagte. Und ich finde, das ist ganz wichtig zu berücksichtigen.
Stefan Lassnig
Ja, es wäre ja völlig absurd, aus journalistischer und Mediensicht dir da jetzt eine andere Rolle umzuhängen. Du musstest ja in deiner Rolle bleiben, sonst wäre die ganze Undercover-Recherche völlig ad absurdum geführt worden.
Angelique Geray
Genau. Trotzdem fand ich natürlich die Diskussion allein schon spannend. Wie läuft so eine Undercover-Recherche ab? Wie läuft so eine verdeckte Recherche ab? Also, ich finde das schon, das ist eine Thematik, über die kann man gerne sprechen. Also, ich finde es auch wichtig, weil auch zu wenig drüber gesprochen wird. Aber ich finde nicht, dass ich da meine Rolle in diesem Fall verlassen habe.
Stefan Lassnig
Ja, es wird wahrscheinlich auch deswegen wenig darüber gesprochen, weil es wenige Menschen gibt, die so mutig sind, wie du und es auch wirklich machen. Also, in der Theorie ist es ja leicht zu besprechen, aber in der Praxis ist dann nochmal was anderes. Und ich finde, deswegen haben wir diese zwei Kipppunkte heute auch herausgegriffen. Du hast ja diese Punkte bewusst gesetzt. Du hast ja auch gewusst, wann du was machst. Und du hast dann auch gewusst, wann jetzt Schluss ist mit deiner Rolle als Reporterin und wann die Übergabe an die Strafbehörden erfolgt.
Angelique Geray
Genau. Und man muss ja auch wissen, so eine komplexe Recherche läuft ja nie in Eigenregie. Also, ich sitze nicht hier allein und überlege mir, welche Punkte ich jetzt ansteuere. Das läuft natürlich immer im Team. Da sind natürlich auch Juristen involviert. Da ist eine ganze Redaktion involviert. Da gibt es Ansprechpartner, die einen ganz eng betreuen. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass man eben ein Medienhaus im Rücken hat, die genau das alles zur Verfügung stellen. Sonst wäre das nicht möglich.
Stefan Lassnig
Medienhaus ist übrigens ein gutes Wort, weil wir sind ja auch kein Medienhaus mit der Dunkelheit, sondern wir sind höchstens eine Medienhütte. Aber der Claim unseres Podcasts lautet ja "Unerschrocken und investigativ". Wir nehmen das auch für uns in Anspruch und ich glaube, wir können das auch wirklich wöchentlich belegen. Aber das, was du an Unerschrockenheit und investigativ Journalismus gezeigt hast, ist schon nochmal eine ganz andere Liga. Also, großer Respekt dafür und danke, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast und an dieser Stelle noch einmal die ausdrückliche Empfehlung hört, auch diesen Podcast an. Den Link stelle ich auch in die Shownotes rein. Danke.
Angelique Geray
Vielen Dank.
Autor:in:Felix Keiser |
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