Bühneneingang
Zwischen Anbiederung und kritischer Kulturberichterstattung: Der intransparente Kampf um Pressetickets - mit Axel Brüggemann
Kulturkritiker und Musikvermittler Axel Brüggemann spricht über einen „neuen Kritiker‑Deal“: Folge 106 verhandelt Kulturjournalismus zwischen Paywall und Influencer‑Marketing, die Doppelrolle von Journalist:innen als Kritiker:innen und bezahlte Programmheft‑Autor:innen und die Intransparenz staatlich subventionierter Häuser, wenn es um Presseeinladungen und Öffentlichkeitsarbeit geht. Rechtzeitig zur Sommer-Festivalsaison dreht sich alles um Compliance und die Idee eines Transparenzportals für Pressekarten, um den Kulturbetrieb als entgrenzte Community mit undurchsichtigen Loyalitätsverhältnissen und um die Forderung, Kultur nicht als Wohlfühl‑Blase, sondern als Streitfeld mit echtem Veränderungspotenzial zu begreifen.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist. Mein heutiger Gast ist Axel Brüggemann. Als Journalist, Musikvermittler und nunmehr auch Regisseur lebt er eine ungewöhnliche, weil schwer schematisierbare Vita innerhalb des Kulturbetriebs. Dabei pendelt Axel Brüggemann laufend zwischen den Medienwelten, zwischen Print, Foto, Radio, Podcast, Serien, Fernsehen und seinem Online-Magazin "Backstage Classical", mit dem er sich einen unverwechselbaren Ruf als streitbarer und durchaus auch gefürchteter Beobachter des Klassikbetriebs erarbeitet hat. In einem unlängst erschienenen Text über den "Neuen Kritiker-Deal" fragt er, wie unabhängig Kulturkritik noch wirken kann, wenn sie sich selbst immer stärker von Einladungen, Pressekarten und Marketinglogiken der Institutionen abhängig macht, und was passieren muss, damit Kulturjournalismus wieder als ernstzunehmende Instanz wahrgenommen wird. Lieber Axel, vielen Dank, dass du wieder zu Besuch bist.
Axel Brüggemann
Ja, ich gewöhne mich dran und bin sehr froh, dass du mich wieder eingeladen hast. Hallo Fabian.
Fabian Burstein
Wo erreiche ich dich gerade? Wir nehmen ja hier remote auf. Wo bist du?
Axel Brüggemann
Ja, wie Lanz und Precht. Du erreichst mich gerade an meinem letzten Arbeitstag, aber ich bin schon an meinem Urlaubsort, also an einem meiner Urlaubsorte, in Bremen und pflanze gleich einen Feigenbaum. So, wenn wir fertig sind hier.
Fabian Burstein
Du bist ja auch Bremer Gebürtiger, oder?
Axel Brüggemann
Korrekt, genau. Die Nordsee ist nicht weit, Bremen ist das neue Mallorca. Also ich bin schon ready for holiday.
Fabian Burstein
Sehr gut. Na danke, dass du noch einmal eingecheckt hast, um dann in die wohlverdiente Pause zu gehen. Bevor wir so richtig in die inhaltliche Debatte gehen, möchte ich von dir gerne wissen: Wie funktioniert das eigentlich mit diesem Thema Pressekarten und Kulturkritiker*innen? Viele Menschen, die den Bühneneingang hören, sind ja jetzt nicht generisch aus der Kunst- und Kulturbubble. Das heißt, es lohnt sich immer zu fragen: Wie ist die Mechanik? Kriegt man das Angebot? Muss man das anfragen? Ist das ein Automatismus? Kannst du einfach mal kurz in den Arbeitsalltag eintauchen hier?
Axel Brüggemann
Ich glaube, das Lustigste ist: Es gibt gar keine Regel. Da fängt es ja schon an. Also ich glaube, man muss erstmal unterscheiden zwischen den Kulturinstitutionen. Es gibt ja zwei unterschiedliche Kulturinstitutionen. Einmal die staatlich Geförderten: also Museen, aber auch eben Theater, Opernhäuser, Schauspielhäuser, die Geld vom Land, vom Bund, von der Stadt, von was weiß ich was kriegen und damit sozusagen Allgemeingut sind. Und dann gibt es Kulturanbieter, die eben privat arbeiten. Das sind die großen Popkonzerte, das sind Musicalbetriebe zum großen Teil, aber auch private Opernkompanien gibt es natürlich auch. Und da gibt es schon, glaube ich, den ersten Unterschied. Ich glaube, dass bei staatlich geförderten Institutionen natürlich auch die Pflicht verbunden ist, also die eigentlich freiwillige Pflicht, auch wenn sie sich doof anhört, dass man natürlich die Öffentlichkeit teilhaben lassen will und muss an dem, was der Öffentlichkeit gehört. Und die Theater gehören ja uns allen, auch wenn wir nicht hingehen. Wir bezahlen sie ja alle mit unseren Steuern mit. Also von daher bleiben wir erstmal bei dieser Kategorie. Da ist es tatsächlich so, oder war es bis jetzt so: Kritikerinnen, Kritiker, alle, die sich dafür berufen fühlten, das zu sein, schreiben eine E-Mail: "Hallo liebes Opernhaus, hallo liebes Schauspielhaus, hallo liebes Theater, ich bin der und der, ich schreibe für das und das und ich würde gerne über eure Premiere berichten." So. Und in der Regel, wenn man zu einem der etablierten Medien gehört oder von einem der etablierten Medien geschickt wird, von der Presse, vom Standard, vom ORF, von der Süddeutschen, von der FAZ, dann ist das normalerweise kein Problem. Dann kommt eine Mail zurück: "Lieber Herr Brüggemann, toll, wir freuen uns auf Sie, Ihre Karte liegt kurz vor der Aufführung für Sie bereit." Dann kriegt man noch ein kostenloses Programmheft, hat meist relativ okaye Plätze und geht nach Hause. Und das Einzige, wozu man sich auch nicht wirklich verpflichtet, aber was man zusagt, ist, dass man dann halt auch über dieses Ereignis schreibt. Das ist bislang die Regel gewesen. Natürlich gibt es dann Aufführungen, wo die Pressekarten begrenzt sind, und da wird es dann schon schwierig. Da ist es eigentlich eine Blackbox, zu wissen, wer bekommt jetzt eigentlich eine Pressekarte und wer nicht. Und das ist, glaube ich, das große Problem. Das ist auch der Grund dieses Artikels gewesen, dass man das gar nicht mehr nachvollziehen kann und dass wir in einer Medienlandschaft leben, du hast es eben schon gesagt, wo man ja gar nicht mehr weiß, was ist denn eigentlich wichtiger: die Welt, die hinter einer Paywall ist, oder Backstage Classical, die vor der Paywall vielleicht genauso viele Leute erreichen? Also das ist natürlich auch für die Mitarbeitenden in der Presseabteilung eine große Frage: Wie generieren wir für die Tickets, die wir zur Verfügung haben, die größte Aufmerksamkeit für unser Haus? So.
Fabian Burstein
Du hast jetzt von dieser Verknappung gesprochen. Das heißt, wenn es nur ein gewisses Kontingent gibt, kann man dementsprechend auch nur dieses Kontingent an eine begrenzte Anzahl an Personen weitergeben. Wann passiert denn das in der Regel, wenn die Vorstellung ausverkauft ist oder wenn der Intendant, die Intendantin sagt: "Nein, wir wollen diesmal nur so und so viel freigeben"? Was ist da das Kriterium?
Axel Brüggemann
Ich glaube, das ist auch individuell von Theater zu Theater. Es gibt natürlich eine Deckelung, weil natürlich auch der Ticketverkauf und die Ticketvergabe unter Aufsicht stehen. Ich kann ja nicht als Intendantin, Intendant, Pressesprecherin, Pressesprecher sagen: "Oh, da kommen jetzt mal 300 Presseleute und dann laden wir noch 17 Leute von der SPÖ und 15 von der ÖVP ein", weil die sind ja auch als Politiker natürlich berechtigt, da reinzugehen in ihre Opernhäuser. Und dann habe ich nachher 70 Pressekarten oder Freikarten, die ich weggebe. Und das sind natürlich 70 Karten, die ich nicht verkaufen kann. Also von daher wird man immer ausbalancieren: so viele wie nötig, so wenig wie möglich. Ich glaube, das ist sozusagen die Regel. Und noch ganz anders, weil das habe ich eben schon gesagt, ist das natürlich, und da kam auch die große zweite Kritik auf jeden Fall in der deutschen Öffentlichkeit bei privaten Anbieterinnen und Anbietern. Also wie ist das zum Beispiel, ich glaube, hier gab es das Beispiel Olli Schulz, wenn da jemand zu einem Konzert will, das ist ja ein privat veranstaltetes Konzert, ist dann überhaupt der Veranstalter angehalten, Pressekarten zu geben? Muss man überhaupt darüber berichten können oder kann nicht auch ein privater Anbieter sagen: "Ey, das ist eine private Veranstaltung, wenn du darüber schreiben willst, Kohle her, Ticket kaufen und dann kannst du schreiben, was du willst"? Das ist ja sozusagen auch nicht verboten. Also man muss ja nicht jedem oder überhaupt jemandem Freikarten geben. Also von daher ist das eine individuelle Aushandlungssache. Und meine große Kritik setzt vor allen Dingen in den staatlich geförderten Häusern an, wo man gar nicht mehr weiß, wer diese Karten kriegt. Also ich kann ein Beispiel aus meiner Praxis sagen, weil du gesagt hast, gefürchtet, ich will gar nicht gefürchtet sein, aber vielleicht weiß man, es kommt ein kritischer Geist. Und ich habe einmal an der Staat, also ich war sehr kritisch mit der Wiener Staatsoper, auch mit dem Intendanten, Bogdan Rošić, ich bin nicht my cup of tea, was er da so anbietet und vor allen Dingen, wie er so das Haus in der Öffentlichkeit verkauft. Und ich wollte eine Karte haben und da hieß es: "Ja, also für die Premiere haben wir leider keine mehr, Sie können danach kommen", worauf ich gesagt habe: "Dann lassen wir das Ganze ganz sein." Und ich war jetzt drei Jahre lang nicht mehr in der Wiener Staatsoper, außer ich habe mir selber Karten gekauft. Das kommt natürlich auch vor. Also dann kommt man natürlich in die Frage: "Okay, warum hat der mir jetzt keine Karte gegeben? Entweder ist mein Medium nicht wichtig genug und es gibt andere, wichtigere Medien, oder?" Fragezeichen, Fragezeichen, Fragezeichen. Wollte er einfach nicht, dass ich wieder schreibe, ist aber deppert, was er da auf die Bühne bringt.
Fabian Burstein
Gibt es eigentlich, wenn dann die Pressekarte vergeben wird, so eine Art Deal oder eine unausgesprochene Übereinkunft, dass, wenn man die Karte in Anspruch genommen hat, das dann auch darüber berichtet werden muss? Ob gut oder schlecht, würde ich jetzt noch gar nicht mal mich festlegen, aber dass grundständig berichtet wird, oder ist das keine Carte blanche quasi für Berichterstattung?
Axel Brüggemann
Auch das ist wieder individuell. Also ich war jetzt gerade bei den Bayreuther Festspielen, da muss man sogar unterschreiben, dass man berichtet. Also das ist sozusagen tatsächlich, man geht einen Vertrag ein: "Du gibst mir Karte, ich schreibe." Bei anderen Opernhäusern wird das einfach so gemacht. Also ich bin auch schon mal in der Mitte gegangen und habe dann geschrieben, ich habe mir nur die erste Hälfte angeguckt bei Florentina Holzinger und den Rest halt nicht. Das ist natürlich auch ein Stilmittel. Nein, also manche Häuser machen tatsächlich einen Deal draus, andere nicht. Die Abhängigkeit entsteht ja auch noch ganz woanders, aber vielleicht kommen wir da gleich noch drauf. Also ich bekomme ja nicht nur den Gegenwert einer Karte, um darüber zu schreiben, sondern viele Kritikerinnen und Kritiker verdienen ja inzwischen so wenig mit ihren Kritiken. Also in Deutschland in einer Regionalzeitung kriegst du 60 bis 100 Euro maximal, indem du eine Kritik schreibst. Wer soll davon leben? Das heißt, diese Kritikerinnen und Kritiker schreiben ganz oft auch noch Booklet-Texte, geben Einführungsvorträge oder was weiß ich was und werden da mehr von den Häusern bezahlt, als dass sie eigentlich von ihren Medien bezahlt werden. Und das ist nochmal die zweite Abhängigkeitsfalle, in der wir stecken. Und um das dann noch aufzudröseln: Viele Opernhäuser leisten sich inzwischen Social-Media-Teams, auch da wieder Wiener Staatsoper, die sagen: "Hey, wir haben so und so viel tausend Follower, das ist wesentlich mehr, als ein Fachmagazin hat. Wir sind unser eigenes Medium. Wir brauchen diese Kritikerinnen und Kritiker vielleicht gar nicht mehr, weil wir können doch auf Instagram, auf X oder auf Bluesky oder wherever unseren Content so anbieten, wie wir wollen." Und dann gibt es noch, und das ist vielleicht auch ganz interessant, inzwischen ja vollkommen neue Medien, wie du gesagt hast. Es gibt ja eben nicht mehr nur den Standard, die Presse, die Süddeutsche, die FAZ und Backstage Classical, sondern es gibt ja auch noch diese ganzen sogenannten Influencer, die wiederum, und da wird es jetzt ganz spannend, müssen gar keine Pressekarte beantragen bei den Opernhäusern, sondern Opernhäuser laden die ein. Das heißt, die bezahlen eventuell deren Flug, deren Hotel. Die machen diese Influencer. Oprah Byrd ist so jemand, der berichtet hauptsächlich über Oper, die laden die Leute ein. Und dann ist natürlich die Frage: Wie kriege ich da jetzt noch kritischen Journalismus hin? Weil die verstehen sich eigentlich auch als Serviceangebot für Opernhäuser. Also die verkaufen gute Laune und Aufmerksamkeit im Netz. Und man weiß gar nicht mehr genau: Ist das jetzt eigentlich noch Kritik? Ist das jetzt PR? What the heck is that? Und da sind wir jetzt in einem Medienumfeld, wo es in der Kultur noch überhaupt gar keine Ordnung gibt.
Fabian Burstein
Du machst da so viele Fässer auf. Es ist ganz schwierig, jetzt sogar das alles strukturiert durchzugehen. Zum Beispiel zu einem Fass, das du aufgemacht hast, gibt es eine eigene Bühneneingang-Folge in Kooperation mit Coburg, wo ein Kollege just die Qualitätsmedien durchsucht hat nach diesen Doppelgleisigkeiten, die du beschrieben hast. Also Journalist plus Texte, zum Beispiel für die Salzburger Festspiele, oder Journalist plus Texte für oder Rollen innerhalb der Wiener Festwochen. Also diese Doppelrollen, ich glaube, das ist eine große Blackbox und auch eine große Vertrauensgefahr, was Kulturjournalismus betrifft, zumal wir bei den Stellungnahmen, die dann dazu eingeholt worden sind, nicht wirklich eine Art von Compliance wahrgenommen haben. Also es war nämlich just in diesen Qualitätsmedien eher so der Standpunkt: Die Kolleginnen und Kollegen, die wissen schon, was sie tun, und das ist jetzt nicht das größte Problem. Wie siehst du das eigentlich, diese Doppelrolle?
Axel Brüggemann
Ich halte das grundsätzlich für eine Entwicklung des Marktes. Ich habe es eben schon gesagt. Viele Kolleginnen und Kollegen können gar nicht mehr von den Kritiken leben, die sie schreiben. Also das ist ja das nächste Problem, dass der Kritiker, die Kritikerin gar kein Beruf mehr ist. Also in Deutschland sind das ganz oft irgendwelche Oberstudienräte im Ruhestand, die für ein Apfel und ein Ei und eben für eine Pressekarte und für die eigene Bedeutung kommen: "Elfriede, ich habe heute eine Pressekarte und wir gehen mal wieder in die Oper." In die Oper gehen und dann irgendwas darüber schreiben. Also der Berufsstand des Kritikers, der Kritikerin, den gibt es ja so gar nicht mehr, weil er einfach überhaupt gar kein Leben finanziert. So, nehmen wir das mal als gegeben an, dann ist es klar, dass viele sagen: "Ich muss meine Kohle halt woanders verdienen." Ist übrigens bei mir nicht anders. Also ich moderiere zum Beispiel das Open Air der Bayreuther Festspiele und schreibe trotzdem eine Kritik über die Bayreuther Festspiele. Bei uns gibt es eine Compliance bei Backstage Classical. Bei uns muss jede Einladung auch, also wenn jemand, wir können auch nicht, wir haben auch kein Geld, wenn Autorinnen und Autoren nach Norwegen zu schicken für eine Woche, Hotelkosten zu bezahlen, Tickets zu bezahlen für einen Artikel bei Backstage Classical. Das heißt, wir hätten Kosten von round about 1.300, 1.500 Euro, die spiele ich mit meiner Plattform never ever ein. Also von daher, wir lassen uns zum Teil sogar einladen bei solchen Sachen. Aber da ist unsere Compliance ganz klar: Wer Geld von einem Veranstalter entgegennimmt außerhalb der Kritik und eine Kritik darüber schreibt, da schreiben wir ganz einfach einen Transparenzhinweis drunter. Transparenzhinweis: Unsere Autorin, unser Autor haben die und die Verbindung zu diesem Festival. Und dann schließt es sich auch nicht aus, dass ich den KI-Ring in Bayreuth total beknackt fand und großen Mist und das dann auch schreiben kann und auch sehr kritisch mit Christian Thielemanns Dirigat bin, weil dann verstehen auch die Veranstalterinnen und Veranstalter, meine Erfahrung, die Spielregeln. Also nochmal, der Markt gibt es gerade nicht her, dass man unabhängigen Journalismus noch so pflegen kann, wie wir es gerne würden. Ich erinnere mich an die Welt am Sonntagszeiten. Ich war Redakteur bei der Welt am Sonntag. Daniel Barenbaum hat mich eingeladen, zu einem Gastspiel nach Japan mitzukommen. Da hat er einen Ring gemacht. Da habe ich gesagt: "Herr Barenbaum, das kann ich nicht machen. Ich frage jetzt in der Redaktion." Und dann bin ich auf Redaktionskosten anderthalb Wochen nach Japan geflogen und habe mir Daniel Barenbaums Ring angeguckt. Selbst die großen Zeitungen werden das heute nicht mehr tun. Also von daher, wir müssen einen Umgang finden mit der neuen Situation. Und dafür halte ich es für ganz wichtig, was du gesagt hast: Compliance-Regeln. Und ich verstehe nicht, warum große Zeitungen das nicht machen. Der und der Autor schreibt auch ein Programmheft für die Opern. Das wäre ja transparent, damit weiß jeder das einzuschätzen. Und ehrlich gesagt tut es keiner Leserin weh.
Fabian Burstein
Ja, da muss man ehrlicherweise sagen, auch das war eine Erkenntnis damals aus diesen Recherchen in Zusammenarbeit mit Coburg, die damals der Journalist Philipp Woldmann vorangetrieben hat, dass es schon eine sehr korrekte Trennung natürlich zwischen oder nicht natürlich, aber in diesen Fällen zwischen bezahlten Inhalten, also Corporate-Inhalten und journalistischen Parts gab, dass aber eben diese Doppelrollen für den durchschnittlichen Leser oder die Leserin, die nicht Stricherliste führen und das genau nachvollziehen, das war natürlich nicht klar sichtlich. Aber was ich wichtig finde.
Axel Brüggemann
Es findet ja immer eine Verbrüderung statt. Da kann mir jemand erzählen, was er will. Also wenn ich einen Einführungsvortrag in XY halte und dann den Intendant sehe: "Hallo Herr Intendant, hallo Herr Brüggermann, wollen wir mal reden? Trinken wir noch einen Kaffee? Gehen wir noch was essen?" Es findet immer eine Verbrüderung statt in diesen Momenten. Ganz klar.
Fabian Burstein
Ist auch, muss man sagen, ein Kunst- und Kulturspezifikum.
Axel Brüggemann
Absolut. Klar. Also Herr Feldenkirchen wird nicht mit Herrn Merz privat essen gehen. Das ist ja ganz loco.
Fabian Burstein
Aber ich bin da, also erstens finde ich es gut, dass du da nicht nur mit dem Zeigefinger hinpickst und sagst: "Boah, so geht das nicht", sondern dass du darauf hinweist, dass sich eine medienökonomische Logik entwickelt hat, die gewisse Dinge nicht anders möglich macht. Das muss man, glaube ich, auch sagen, um zu verstehen, warum viele Kolleginnen und Kollegen das so machen und gar nicht anders machen können. Aber du hast, finde ich, sehr pointiert, wie es deine Art ist, auch ein bisschen herausgestrichen, wie so die Kritikerinnen und Kritiker in den Second Cities oder bei den kleineren Zeitungen und so weiter gestrickt sind, nämlich dass das eben nicht Vollzeit-Kulturjournalistinnen sind, sondern eben so Leute, Fans, eigentlich Fans, sachkundige Fans, die für die Liebe zum Genre das machen. Und sind wir uns ehrlich, das ist aber keine professionelle Berufsbeschreibung für eine journalistische Rolle, oder?
Axel Brüggemann
Ja, das ist jetzt die Frage auch, und jetzt sind wir beim zweiten großen Fass, das ich, glaube ich, noch viel größer finde, der Wandel der Medienlandschaft. Wer sind eigentlich noch die Big Player und die kritischen Medien? Und jetzt gehen wir mal weg von der Kultur. Gehen wir mal nach Deutschland und gucken, wer hat denn die großen Skandale der letzten Jahre aufgedeckt? War das der Spiegel? War das die FAZ? War das die Süddeutsche? Oft nicht, sondern oft war es Netzwerkrecherche, oft waren es tatsächlich durch Crowdfunding, durch Spenden, was weiß ich was, finanzierte Korrektiv, was weiß ich was, Magazine, die die Rolle übernommen haben von Medien, die in den Anfang der 2000er Jahre noch die sogenannten Leitmedien waren. Also was ist denn heute eigentlich ein Leitmedium? Jetzt bleiben wir mal, ich kenne die Zahlen nicht genau, aber wie viele Leute kommen hinter die Bezahlschranke bei der Süddeutschen, bei der FAZ und bei der Welt gleichzeitig? Wie viele Leute im Gegensatz können bei Backstage Classical ohne Bezahlschranke einen Text lesen? Also ich habe als privates Medium, das gegen diese Medien anstänkern will, nur die Chance, sozusagen offen zu sein. Das ist mein großer Vorteil und mein großer Wert, auch gegenüber dann wieder Kulturveranstaltern. Und jetzt sind wir wieder bei der Frage: Wen wähle ich denn eigentlich aus? Ist mir jetzt der Rheinische Post-Redakteur oder der Salzburger Nachrichtenredakteur, der hinter einer Paywall für eine Lokalzeitung schreibt, meinetwegen eine große Lokalzeitung, wichtiger als der Autor von Backstage Classical, der ohne Paywall für ein Fachpublikum kostenlos schreibt? So, und da verrutscht jetzt alles. Dann gibt es noch sowas wie den Online-Märker oder den Opernfreund oder was weiß ich was. Also tausende von Online-Magazinen, wo ich dir zustimmen würde, wo ich nicht weiß, ob man das jetzt mit den Standards von Journalismus, das sind die, die verstehen sich als Kritikerinnen und Kritiker, glaube ich, hauptsächlich, sind in der Regel auch Fans, aber zum Beispiel manche von denen besser ausgebildet, also musikalisch ausgebildet, weil sie Musiklehrer sind oder was weiß ich was, als so mancher Redakteur, der gar keine Noten lesen kann. Dann gibt es auch noch diese ganzen Influencer inzwischen. Also da gibt es die Privat-Influencer, wie ich eben gesagt habe, Oprah Byrd, der sich sozusagen durch die europäische Musikszene einladen lässt und überall sagt: "Hey, Oprah is great. Today I'm in Salzburg and Salzburg is the best festival in the world." Und dann geht er nach Sankt Wolina, nach Finnland, und sagt: "Hey, hello, I'm in Sankt Wolina. Sankt Wolina is great. It's the best festival in the world." So, und dann geht er nach Verona und sagt: "Du weißt schon, was er sagt." Also, und ich habe in Bayreuth getroffen, und das ist lustig, gibt es ja inzwischen auch Influencer der ARD zum Beispiel. Da gibt es jemanden, Konrad, den kennt ihr vielleicht ARD Klassik, der hat so Locken, er ist blond und ist auch ein Influencer, ist auch vollkommen unkritisch und findet alles, was er promotet, gut. Und der sagt mir: "Ja, ich habe ein Problem. Ich empfinde mich nämlich als Journalist von der ARD und wie grenze ich mich jetzt gegen Oprah Byrd ab?" Dann sage ich: "Naja, indem du vielleicht kritisch wirst." Also, es verrutscht gerade so viel in den Medien. Und dann gibt es noch Influencer, zum Beispiel die beiden von der Wiener Staatsoper, die irgendwie das Pausenbuffet testen und dir erzählen, wie man einen Sekt vorbestellen kann für die Pause, also als wenn wir ganz behämmert wären. Und die sind aber auch Influencer, aber eigentlich sind sie nur zwei Werbegesichter der Wiener Staatsoper. So, und wie gehst du jetzt mit dem ganzen Zeugs um, wenn du verantwortlich bist für die Öffentlichkeitsarbeit eines Bühnenbetriebes? Wer ist für dich der Wichtigste? Schaffst du es, eine gute Mischung aus allen zu haben? Kannst du einen festen Stand noch immer bei der Süddeutschen haben? Schreiben die überhaupt noch über dich? Weil die Süddeutsche hat oder die FAZ oder was weiß ich was, über was schreiben die eigentlich noch in der Kultur? Brauchst du Backstage Classical, um die Szene zu kriegen? Willst du die Freaks haben, die auch wirklich dann ein Opernticket generieren? Willst du ein junges Publikum haben, die die Influencer wie Oprah Byrd angucken? So, wie verteilst du jetzt deine Karten? Großes Problem.
Fabian Burstein
Ja, das heißt, wir haben quasi einen alten Mechanismus, nämlich es gibt Vorstellungen, die auf die eine oder andere Art besprochen werden müssen, weil es nun mal ein Live-Erlebnis ist und die Leute kommen müssen. Aber wir haben jetzt nicht mehr dieses überschaubare Spektrum an Medien und den dazugehörigen Journalistinnen, die wir halt standardmäßig einladen, sondern es wird extrem diversifiziert, extrem unscharf in den eigentlichen medialen Funktionen, also ob Journalismus, ob Ankündigung, ob schlichtes Entertainment, ob Fantum zelebriertes und so weiter. Und in dieser Gemengelage, die ohnehin schon keine klaren Regeln hatte, müssen sich nun diese Öffentlichkeitsarbeiterinnen zurechtfinden. Nun, eine Sache, die ich da einbringen will. Nun ist es so, meiner Meinung nach, dass die Journalistinnen, deshalb hat mich dein Artikel so interessiert, weil nämlich dieses sich Beschweren, dass man keine Pressekarten mehr kriegt, das kommt mir extrem häufig unter in jüngerer Vergangenheit. Also insbesondere nämlich in den jüngeren Medien, die sagen: "Wir kriegen das nicht mehr, wir bekommen da gar nicht mehr kostenlos rein" und so weiter. Und die andere Seite ist aus meiner Sicht, dass sich da der Berufsstand auch über viele, viele Jahre sehr ungeschickt verhalten hat, nämlich dass dieses Thema der sogenannten Gästeliste oder der Pressekarten weniger ein Aufbereiten eines beruflichen Feldes war, sondern mehr so ein Lifestyle-Konzept. So, ich stehe da auf der Gästeliste, ich höre da dazu. Und im Übrigen, das ist ja auch ein Wesen des Bühneneingangs, da nehme ich mich, wie ich noch ein junger Journalist war, in meinen 20ern für die ersten Kulturmagazine geschrieben habe, nicht aus. Ich habe es gar nicht anders gelehrt gekriegt. Da kommt man sich wieder geilste vor, weil man halt in die Konzerte rein kann und sich das anschaut. Und erst heute muss ich für mich hinterfragen: "Entschuldigung, das ist aber eigentlich nichts hin und Zweck einer Pressekarte, dass ich mir wie ein supercooler junger Richter von Kunst- und Kulturinhalten mich da aufspielen kann." Ist da dieser Berufsstand nicht selber schuld, weil er sich über Jahre einfach gespielt hat mit diesem Instrument?
Axel Brüggemann
Naja, man nimmt, was man kriegt. Also das ist eigentlich ein ganz einfaches Prinzip. Ich glaube, es ist beides. Ich glaube, wir haben ja eben schon darüber geredet, wir reden jetzt ja in erster Linie über öffentlich finanzierte Häuser. Das heißt, das muss man sich immer vergegenwärtigen. Diese Theater, die sind ja genauso, Opernhäuser, Theater, Orchester, das ist ja alles das, werden in erster Linie von uns allen finanziert. Und zwar zum größten Teil nicht von den Leuten, die hingehen, sondern zum größten Teil von den Leuten, die nicht hingehen. Also der Steueranteil ist größer als der Kartenumsatzanteil an manchen Häusern. Und damit gibt es natürlich auch innerhalb der Häuser, das ist wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk oder sowas, natürlich erstmal einen Auftrag, die eigene Arbeit trotzdem in die Öffentlichkeit zu stellen. Und was ist denn die eigene Arbeit? Und da fängt es, glaube ich, an. Also Herr Rosschitz muss sich ja überlegen an der Staatsoper, wen will ich hier eigentlich? Will ich jetzt eigentlich nur Leute haben, die sagen, die Premiere war geil? Oder ist es meine Aufgabe an der Staatsoper, einen ästhetischen Diskurs innerhalb der Stadt, vielleicht des Landes, vielleicht innerhalb Europas sogar, wenn ich ein europäisches Opernhaus bin, aufrechtzuerhalten? Dann brauche ich natürlich kritische Stimmen, die diese Debatte innerhalb ihrer Medien lostreten. Das heißt, ich wäre ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich nicht kritische Journalisten einladen würde, weil die brauche ich ja, um meinen eigentlichen Auftrag, für den ich überhaupt, es sind keine Subventionen, aber Zuschüsse von uns allen kriege, aufrechtzuerhalten, nämlich ästhetische Debatten zu begründen. Und Journalismus ist in diesem Sinne natürlich die Öffentlichkeit, in der diese Debatten stattfinden. Wir sind ja nur Lautstärker, Verstärker des Pausengespräches. Da hast du das gesehen. Also ich finde, die kamen, so kann man das ja überhaupt nicht machen. Doch, ich finde es eigentlich ganz gut, weil das ist ein moderner Zugang. So, das ist das Pausengespräch. Und diese Differenz des Pausengesprächs muss ja eigentlich auch in den Medien transportiert werden. So, und das ist, glaube ich, wo wir anfangen müssen. Kritik ist der Sinn von Kultur. Es gab keine Kultur ohne Kritik. Also früher waren die Komponistinnen selber ihre schärfsten Kritiker. Wenn du liest, was Tschaikowski über Wagner geschrieben hat oder was weiß ich was. Berlioz, böse, böse, böse. Schumann hat ein eigenes Magazin gegründet. Ein kritisches Magazin. Also Kritik ist der Lautsprecher, nicht der Werbelautsprecher der Kultur, sondern der Lautsprecher des Diskurses der Kultur. So, und das muss sowohl bei den Kritikerinnen und Kritikern verkörpert und gelebt werden, als auch innerhalb der Kulturveranstalter. Die müssen wissen, gut, wenn die Leute über meine Sachen streiten, weil das ist der Sinn. Deshalb kriege ich staatliche Förderung. Und das haben wir verloren, glaube ich.
Fabian Burstein
Bevor wir uns in die Lösungsebene vorarbeiten, du hast ja jetzt so mehrere Definitionsprobleme klar gemacht, umrissen und erklärt, was die dazu beitragen, warum es da gerade ein bisschen knirscht. Kann es sein, dass es noch ein zweites Definitionsproblem gibt, nämlich, dass man auch ganz klar unterscheiden muss zwischen, sage ich jetzt mal, Kunstjournalismus, also Kunstkritik, die sich mit ästhetischen Fragen auseinandersetzt, wo eben der Redakteur, die Redakteurin im besten Fall Noten lesen kann, ein tiefes Repertoirewissen hat etc. Und dass es aber eine andere Ebene gibt, nämlich einen, sage ich mal, allgemeineren kulturpolitischen Journalismus, der sich mit Funktionsweisen, mit Macht, mit solchen Themen auseinandersetzt. Weil da, das haben wir auch nie im Tagesgeschäft des Kulturjournalismus mal gescheit aufgedröselt, wie diese zwei Bereiche eigentlich zusammengehen.
Axel Brüggemann
Ich glaube, darüber haben wir ja auch schon mal hier im Podcast geredet. Ich glaube, das ist eine Trennung, die im Kulturjournalismus tatsächlich einmalig ist. Und es gibt auch die Leute, die sich als Kritiker verstehen. Also oder Kritikerinnen, deren Beruf, und die sehen es als ihr Beruf, das, was auf der Bühne ist, ästhetisch zu bewerten. Wie das produziert wird, wie das gemacht wird, ob der Intendant nett oder doof ist, ob die Sängerinnen und Sänger vernünftig bezahlt werden oder nicht bezahlt werden. Das ist denen wurscht. Es geht dann nur um den ästhetischen Kanon. So, und dann gibt es Leute, also zum Beispiel Backstage Classical steht ja eigentlich, wir machen kaum Rezensionen. Wir suchen uns ein paar Provinzaufführungen raus und ein paar große Aufführungen, wo man sein muss. Wir machen pro Jahr 20, 30 Kritiken, mehr nicht. Der Rest ist bei uns Backstage Classical, Bühneneingang, also das, was hinter der Bühne passiert, und wir beschäftigen uns journalistisch damit. Warum muss eigentlich Markus Hinterhäuser die Salzburger Festspiele verlassen? Wie hoch ist eigentlich das Gehalt einer Soubrette an einem deutschen Stadttheater im Gegensatz zu einer Abendgage von Elina Garantscha? So, das sind die Fragen, die wir journalistisch stellen. Was ist da eigentlich passiert bei François Roth und blablabla? Das sind recherchierende Sachen, die wir mit dem Handwerkszeug des Journalismus machen. Manche Journalistinnen, Journalisten machen beides. Ich würde mich dazu zählen, weil ich eigentlich aus der Musikkritik komme, aber eben auch Journalismus gelernt habe. Andere interessiert das gar nicht. Also die interessiert es gar nicht. Und die sehen sich nur als kritische Instanz. Das ist ein Unikum, aber das ist ja auch okay so. Also das muss man jetzt ja gar nicht erstmal bewerten, solange es überhaupt noch Kulturjournalismus gibt. Was das aber für den Kartenverteilung und für den Mechanismus der Kulturbetriebe ausmacht, ist schon die Frage, und ich finde, wir gehen ja vor mit Transparenz. Also wir sagen, ich moderiere das Open Air und ich schreibe jetzt hier die Kritik. Warum muss ein staatlich betriebener Konzern, wie ein Theater, ein Orchester, ein Opernhaus, nicht eigentlich transparent machen, wer wollte Pressekarten und wer kriegt sie? Dass jeder nachvollziehen kann, die Süddeutsche kriegt welche, die Presse kriegt welche, der Kurier kriegt welche, die Krone kriegt welche. Aber warum kriegt jetzt eigentlich, weiß ich nicht, das Aachener Tageblatt keine, warum kriegt der Online-Märker keine, wie auch immer. Warum ist das eigentlich nicht transparent nachvollziehbar? Weil, und jetzt kommen wir zu dem eigentlichen Punkt, den du ja gesagt hast, so können Intendantinnen und Intendanten oder Pressesprecherinnen und Pressesprecher unliebsame Journalisten einfach, ja, also wir haben keine Karte mehr.
Fabian Burstein
Aber das heißt, ein neuer Kulturkritik-Deal könnte so aussehen, dass es so etwas gibt wie zum Beispiel eine Transparenzdatenbank für Pressekontingente in Vorstellungen, wo eine gewisse Zahl nach einem gewissen Schlüssel aufgedröselt ist, dass man sagt, zum Beispiel dreimal, also drei Plätze TV, drei Plätze online, wie auch immer. Oder wie darf man sich das dann ganz konkret vorstellen?
Axel Brüggemann
Also Transparenz ist für mich ja erst einfach mal transparent zu sein und nicht gleich wieder neue Regeln aufzustellen und die Bürokratie wachsen zu lassen. Also eben bei uns genügt es ja auch einfach zu schreiben, der ist da irgendwie mit verwandelt, Punkt fertig aus. Damit, finde ich, ist der Transparenz Genüge getan. Warum bestelle ich meine Pressekarten nicht einfach auf einem Portal, was jeder einsehen kann? www.staatsoper.at/presse/dingsbums Backstage Classical, möchte gerne eine Karte, ich sehe, der Standard möchte eine Karte, dings. Und irgendwann, Tag X, sehe ich, die haben welche gekriegt und die haben keine gekriegt. Ich brauche da erstmal gar keine Erklärung zu. Aber ich sehe es. Transparenz sorgt ja dafür, dass auch intern dann debattiert wird, oh, guck mal, die gucken das alles. Es ist öffentlich. Das heißt, wir müssen es notfalls auch legitimieren können. Ob das jetzt zwei Pressekarten für Fernsehen und fünf für Radio und sieben für Zeitung ist und zwei für Online, das ist mir erstmal wurscht. Das können die ja regeln, wie sie wollen. Es geht nur darum, transparent zu werden. Momentan ist das eine vollkommene Blackbox. Und wenn die Presseabteilung der Staatsoper mir sagt, Herr Brüggemann, wir haben jetzt keine Karte mehr für Sie, weil wir sind voll, kann ich ja nicht sagen. Dann kann ich ja nur sagen, ach schade, dann kaufe ich mir halt selber eine.
Fabian Burstein
Da finde ich ja übrigens eine Stelle, das hängt damit zusammen, eine Stelle in deinem Text, die mich irritiert und wo ich dir auch vehement widersprechen wollen würde.
Axel Brüggemann
Gerne.
Fabian Burstein
Du schreibst nämlich, der ehemalige Chefredakteur des Weser Kurier, der Weser Kurier war übrigens der Aufhänger für diesen Text.
Axel Brüggemann
Genau, in Bremen, ja.
Fabian Burstein
In Bremen, ja. Also weil man sich dort beschwert hat, dass das schwierig geworden ist mit den Pressekarten und das war der unmittelbare Anlass, vor allem, ich nehme an, neben unterschiedlichen anderen Wichtigkeiten, dass du gesagt hast, okay, jetzt ist der Moment, jetzt bringe ich das mal aufs Tapet. So, und du sagst eben, der ehemalige Chefredakteur Moritz Döbler ist eben heute Chefredakteur der Rheinischen Post, schreibt dort Kommentare, in denen er erklärt, warum seine Landeshauptstadt Düsseldorf in Wahrheit gar keine eigene Oper braucht. Und dann sagst du, ist das da ernsthaft verwunderlich, wenn die Opernhäuser oder Orchester inzwischen denken, dass sie auf derartige Medien auch verzichten können? Und ich denke mir, also ich meine, Entschuldigung, gerade dann, wenn ich sage, ich finde das obsolet. Muss die innere Größe sein, zu sagen, genau deshalb muss ich ermöglichen, dass sich der mit Oper auseinandersetzt.
Axel Brüggemann
Da ging es gar nicht in erster Linie um den Kommentar, ja natürlich, das habe ich ja eben schon gesagt, wer kritisch ist, muss kommen, sondern da ging es darum, dass Moritz Döbler sowohl beim Weser Kurier in Bremen vorher schon und dann auch bei der Rheinischen Post mehr oder weniger die Kultur als Sparte, das Feuilleton an sich abgeschafft hat. Das sehen wir in ganz vielen Zeitungen. Also früher gab es drei, vier Kulturredakteure in deutschen Lokalzeitungen, heute macht das noch irgendeiner mit. Und dieser Moritz Döbler ist kein kulturaffiner Mensch als Chefredakteur und der hat mehr oder weniger einen Großteil seines Feuilletons abgewickelt. So, und wenn diese Leute jetzt kommen und sagen, ah, wir kriegen keine Karte, spielt das eher, und diese Argumentation war gemeint, vielleicht war sie nicht klar ausgedrückt, aber war gemeint, naja, warum soll ich einer Zeitung eine Karte geben, die eigentlich sowieso schon die Kultur links liegen lässt, dann gebe ich diese Karte doch lieber eben einem Online-Magazin mit den Freaks, wo ich weiß, die haben eine Community und die erreichen auch Leute, die sozusagen meine Debatte ganz woanders führen. Also ich glaube, das große Problem, und das ist eher, also was ich hier versucht habe zu beschreiben, ist eher der Wandel der Medienlandschaft, also dass das Feuilleton, dass die Kulturrezension gar nicht mehr eine Hauptaufgabe von Zeitungen und vor allen Dingen von Chefredakteuren gesehen wird. Und was eben nicht funktioniert, ist, ich schaffe das Feuilleton mehr oder weniger ab und gleichzeitig habe ich aber den Anspruch, das bitte ich in jede Kulturveranstaltung will als Schmarotzer. So, das funktioniert dann halt nicht. Das war damit gemeint.
Fabian Burstein
Könnte eine Lösung sein und die ist mir mal so richtig bewusst geworden in einer Bühneneingang-Folge, die ich gemeinsam mit Michael Nikbakhsh bestritten habe, der mich auch gefragt hat zu dem Thema, du, vor allem, wie funktioniert das eigentlich mit diesen Pressekarten? Beziehungsweise auch die ganz klare Frage, naja, wäre es nicht das Eleganteste, wenn man einfach Karten kauft? Und diese Frage gebe ich an dich weiter. Wäre das nicht die Lösung?
Axel Brüggemann
Wäre die Lösung, müsste ich sagen, würde ich mir dann auch tatsächlich bei jeder Vorführung überlegen, ob ich da hingehe. Also wenn ich jetzt bei den Salzburger Festspielen für 320 Euro eine Karte kaufen soll, muss ich das ja erstmal refinanzieren. Also dann will noch der Autor 150 Euro haben, dann vielleicht noch eine Reise, eine Übernachtung. Dann bin ich bei einem Artikel für 700 Euro. Das kriege ich geschäftstechnisch never, ever, jedenfalls nicht mit meiner Seite, wieder rein. Zumal, und das kommt ja noch, nur um eine kleine Tür noch aufzumachen, um sie dann sofort wieder zuzumachen, es geht ja auch noch Werbung. Also bei uns zum Beispiel ist ganz klar, Werbung ist nicht an Redaktionen gebunden. Du kannst bei uns werben, aber du kriegst dafür kein einziges Wort im Blatt oder auf der Seite. Wir sehen, ganz viele Kulturmedien sind untergegangen, weil sie von Werbung für Text gelebt haben. Und ich sage das nur deshalb, weil viele Kulturinstitutionen inzwischen das gar nicht mehr brauchen, weil sie machen den Text, den sonst irgendwelche Magazine für sie gemacht haben, gegen eine Werbung, machen sie heute auf Instagram selbst. Die sind sozusagen, das Marketing können die selbst machen. Tür wieder zu. Was ich sagen will, ist, ich glaube, es wäre natürlich erstmal für jeden da draußen, und das ist eine sehr populäre wahrscheinlich, wenn ihr darüber schreibt, dann müsst ihr auch darüber bezahlen. Aber natürlich müssen dann auch die Leute, die es lesen, dafür bezahlen. Ich glaube tatsächlich, dass öffentlich getragene Kulturinstitutionen durchaus eine Verantwortung und ein Interesse daran haben sollten, dass über sie und über diesen Diskurs, den sie in die Stadt, in das Land, in die Welt stellen, diskutieren sollen. Es ist genauso wie diese Frage von Kritikerinnen und Kritikern, die noch gleichzeitig für Kulturinstitutionen arbeiten. Es ist momentan finanziell nicht darstellbar, dass Magazine wie wir diese Ticketpreise für jede Aufführung, die wir besprechen, auch übernehmen. Ich wünschte, es wäre so. Ich mache es tatsächlich auch oft so, dass ich einfach in irgendeine Vorstellung gehe, mir Tickets kaufe und eventuell darüber schreibe oder auch nicht. Also ich kaufe auch Operntickets. Aber ich glaube, das als Regel zu machen, jede Zeitung soll sehen, wo sie bleibt, ist schwierig, weil dann...
Fabian Burstein
Die kleinen, ne? Vor allem die kleinen schwierig, ja.
Axel Brüggemann
Dann auch für die großen. Also ich glaube nicht, dass die Süddeutsche Zeitung, wenn ich als Musikredakteur der Süddeutschen Zeitung, also das ist jetzt eine Vermutung, in meiner Redaktionskonferenz im Feuilleton sagen würde, ja, wir würden jetzt gerne nochmal aus so und so berichten, aber da kostet das Ticket so und so viel, dann würde der Chefredakteur oder der Finanzer sagen, Brüggemann, schön, aber ehrlich gesagt, dann lassen wir das lieber sein.
Fabian Burstein
Gut, da können wir uns, ich tue ja normalerweise dann immer als positives Beispiel die Politikjournalistinnen oder das Code Politikjournalistinnen ins Treffen, aber auch da muss man ja ehrlicherweise sagen, auch die kriegen ja zum Beispiel von Büchern, von politischen Büchern, von wirtschaftspolitischen Büchern zum Beispiel Rezensionsexemplare. Also ich verstehe, was du sagst.
Axel Brüggemann
Also auch als Privatmensch, ganz einfach, also ich bin ja auch Unternehmer. Also wir haben gerade ein Quartett rausgebracht, keine Angst, ist keine Werbung, ist schon ausverkauft. Aber dieses Quartett, natürlich verschicke ich das an Zeitungen und an Kolleginnen und Kollegen, damit die drüber schreiben und natürlich kriegen die das dann umsonst. Also ich als Privatmensch habe natürlich ein Interesse daran, Leuten dieses Ding zu geben, damit es im Gespräch ist. Es ist natürlich eine Werbemaßnahme, aber ich finde, bei staatlich finanzierten Häusern geht es noch darüber hinaus. Das ist nicht nur eine Werbemaßnahme, sondern es ist ein verdammter kultureller Auftrag, den Lautstärker für meinen Diskurs anzustellen und ihn auch zu bedienen. Und ich frage mich einfach nur, warum ist das nicht transparent, wie das vergeben wird?
Fabian Burstein
Wir haben da ja noch eine andere ganz große, einen anderen ganz großen Nebelbereich. Du hast jetzt schon ein bisschen auch von den öffentlichen Häusern gesprochen und dieser Nebel geht dann auf, wenn sich diese öffentlichen Häuser oder Festivals auch vermischen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da ist die Gemengelage nämlich wirklich kompliziert. Man kann das gut festmachen, der Art und Weise, wie der Kultursommer im ORF präsentiert wurde. Natürlich zum einen mit dem Argument, wir haben einen Kulturauftrag, also das heißt, diese kulturellen Großevents müssen gezeigt werden. Zum anderen, was ausgelassen wird, tatsächlich werden sie ja nicht nur einfach ganz kostenlos aufgrund des Auftrages gezeigt, sondern da gibt es häufig Kooperationsverhältnisse, wo sehr viel Geld fließt, also nämlich auch von den Institutionen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und dann kommt noch folgendes hinzu, wenn über den großen Politiksommer berichtet wird, dann wird natürlich gesagt, mit Hintergrundanalysen, mit harten Interviews, mit Blick hinter die politische Fassade, also mit investigativen Inhalten, was wiederum, wenn ich einen Kultursommer im ORF bewerbe, überhaupt keine Rolle spielt. Also der kritische Blick in die Produktionsbedingungen, das ist völlig irrelevant.
Axel Brüggemann
Das halte ich auch für einen gigantischen Fehler. Das ist auch, glaube ich, ein anderes Thema, haben wir, glaube ich, auch schon mal in einer vorigen Folge besprochen. Ich verstehe nicht, warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk, und das gilt für den ORF genauso wie für ARD und ZDF, für die ich beide arbeite, warum er nicht die Chance nutzt, Kultur als Streitmittel in die Gesellschaft zu stellen. Also warum in Herrgottsnamen muss da immer irgendjemand kommen und sagen, heute Abend haben wir wieder einen ganz besonderen Opernabend erlebt. Alles war großartig, die Leute applaudieren und hier ist die tolle Sängerin und hier ist der tolle Dirigent und alles war toll. Verdammte Hacke, wenn Rapid gegen Austria 0:0 spielt und das war ein lahmes Spiel, gucken wir es trotzdem an und gehen danach auch wieder beim nächsten Spiel hin. Kultur ist da, um drüber zu streiten. Ich verstehe nicht, warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf der einen Seite diesen ganzen Kram zeigt und keine Debatte darum inszeniert. Also wir haben damals den Bayerischen Fernsehpreis und den Filmpreis nominiert worden für Privatanbieter Sky, als wir die Bayreuther Festspiele, da gibt es immer eine Stunde Pause, da haben wir die Sänger ins Studio geholt und gesagt, hey, was war denn da jetzt los bei euch? Das war ja ganz fürchterlich. Und da gab es Emotionen wie nach einem Fußballspiel. Frag mal Naudovic nach dem Spiel, warum hast du jetzt daneben geschossen? Dann haut er dir fast einen in die Fresse, weil das Adrenalin so groß ist. Und das brauchen wir doch in der Oper auch, das brauchen wir im Konzert auch. Es ist eben nicht alles toll. Wir dürfen den Leuten auch nicht vormachen, dass jeder Abend, nur weil ich in so ein goldenes Haus gehe, automatisch toll ist. Nein, Kultur ist zum großen Teil auch ganz beknackt und es geht nicht auf und es funktioniert was nicht. Aber das ist das Tolle an Kultur. Kultur ist nicht toll, weil sie toll ist, sondern Kultur ist toll, weil sie auch scheitern kann. Kultur ist toll, weil wir darüber diskutieren können. Und diese Freiheit, die müssen wir als Journalistinnen und Journalisten verteidigen. Und da hast du vollkommen recht, wer das am leichtesten machen könnte, weil er eigentlich gar keinen finanziellen Druck hat, wie wir als Unternehmerinnen und Unternehmer, wäre natürlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk. I have no idea why they don't do it. Und ich schwöre, es würden auch mehr Leute einschalten.
Fabian Burstein
Lieber Axel, das ist ein tolles Schlusswort für unser Gespräch. Vielen Dank, dass du dich aus Bremen zugeschaltet hast. Klingt unglaublich glamourös. Von Bremen nach Wien zugeschaltet. Ich wünsche dir jetzt einen schönen Urlaub. Vielen Dank für deine klaren Worte und bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Axel Brüggemann
Vielen herzlichen Dank und wie wir auch zum Abschied in Bremen sagen, moin moin.
Fabian Burstein
Danke, dass ihr beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet. Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt. Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen. In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.
Autor:in:Livio Koppe |
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