Stets Bereit
Die Vormacht der USA unter Druck
- hochgeladen von Felix Keiser
Was geschieht, wenn China den Druck auf Taiwan erhöht, während die Vereinigten Staaten ihre militärischen Kräfte gleichzeitig im Nahen Osten binden müssen und Russland gemeinsam mit China genau jene See- und Lufträume rund um Japan nutzt, die für eine amerikanische Unterstützung Taiwans entscheidend wären?
Herbert Bauer
Sie hören "Stets bereit", den Podcast über Militär- und Sicherheitspolitik. Mein Name ist Herbert Bauer, ich bin Generalmajor im Ruhestand und werde in meinem Podcast militärische und sicherheitspolitische Themen allgemein verständlich erläutern.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich mit Ihnen der Frage nachgehen, was geschieht, wenn China den Druck auf Taiwan erhöht, während die Vereinigten Staaten ihre militärischen Kräfte gleichzeitig im Nahen Osten binden müssen und Russland gemeinsam mit China genau jene See- und Luftträume rund um Japan nutzt, die für eine amerikanische Unterstützung Taiwans entscheidend wären.
Dazu wie immer eine kleine Geschichte zum Einstieg: Im Südchinesischen Meer läuft der amerikanische Flugzeugträger USS George Washington nach Westen, hoch über ihr könnten chinesische Aufklärungssatelliten ihre Position verfolgen, Seeaufklärer und Radaranlagen beobachten den Verband, und tief unter der Oberfläche könnten 2 oder 3 chinesische U-Boote versuchen, unentdeckt Fühlung zu halten mit dem Flugzeugträgerverband, vielleicht sogar einen simulierten Angriffsanlauf fahren. Ob das gerade genau so geschah, wissen wir nicht, aber all das gehört zu den Fähigkeiten, mit denen China einen amerikanischen Trägerverband beobachten kann. Spätestens in der Straße von Malakka wird die Fahrt noch klarer: ein enger Seeweg, dichter Schiffsverkehr, wenige Ausweichmöglichkeiten. Für Aufklärung ein idealer Raum. Und während dieser amerikanische Flugzeugträger mit seinen Begleitschiffen den westlichen Pazifik verlässt - was er tatsächlich getan hat - und Richtung Indischer Ozean fährt, bleibt hinter ihm eine Frage zurück: Was bedeutet das für die Vormachtstellung der USA im Pazifik?
Starten wir einmal bei Taiwan, einem möglichen Brennpunkt im westpazifischen Raum. Wenn von einem möglichen Krieg um Taiwan die Rede ist, entsteht meist sofort dasselbe Bild: chinesische Landungsschiffe vor der Küste, Raketenangriffe, Fallschirmjäger, ein gewaltiger Angriff auf die Insel. Doch möglicherweise würde ein Konflikt ganz anders beginnen: China müsste Taiwan nicht sofort erobern, es könnte zunächst versuchen, die Insel abzuriegeln. Und genau hier liegt eine der größten strategischen Verwundbarkeiten Taiwans: Die Insel mit ihren rund 23 Millionen Einwohnern ist wirtschaftlich hochentwickelt, verfügt aber nur über sehr begrenzte eigene Rohstoff- und Energiereserven. Rohöl, Kohle und Flüssiggas gelangen zum überwiegenden Teil über den Seeweg nach Taiwan.
Damit sind offene Seewege für Taiwan eine vitale wirtschaftliche Frage. Sie gehören zu den Voraussetzungen dafür, dass das Land überhaupt funktionieren kann. Das betrifft die Energieversorgung, die Industrie und den internationalen Handel, und damit selbstverständlich auch jene Halbleiterindustrie, deren Produkte für die Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung sind. Hinzu kommt eine zweite Verwundbarkeit: die Kommunikation. Taiwan ist über Unterseekabel mit der Außenwelt verbunden. Solche Kabel sind schwer vollständig zu schützen. In einem Konflikt könnten physische Beschädigungen, Cyberangriffe, elektronische Kampfführung und gezielte Desinformation miteinander kombiniert werden.
Die Vorstellung einer chinesischen Blockade ist deshalb längst kein theoretisches Planspiel mehr. Bei dem taiwanischen Regierungsmanöver im Juni des heurigen Jahres wurde ein Szenario durchgespielt, bei dem China zunächst verlangt, dass Schiffe vor dem Einlaufen in taiwanische Häfen eine Genehmigung Pekings einholen. Chinesische Küstenwachschiffe beginnen anschließend mit Kontrollen, Durchsuchungen und schließlich sogar mit der Beschlagnahme von Schiffen. Die Besonderheit daran: China könnte versuchen, eine solche Maßnahme zunächst nicht als Kriegshandlung, sondern als angebliche Durchsetzung eigener Hoheitsrechte darzustellen. Das wäre strategisch höchst geschickt, denn damit entstünde für Taiwan und seine möglichen Unterstützer sofort ein schwieriges Problem: Wann wird aus einer sogenannten Küstenwachoperation eine Blockade? Wann wird aus einer Blockade ein Krieg? Und wer wäre bereit, als erster militärische Gewalt einzusetzen, um die Blockade zu durchbrechen?
Dass Taipeh dieses Szenario ernst nimmt, zeigen auch die diesjährigen Han-Kuang-Manöver. Zehn Tage lang übten die taiwanischen Streitkräfte im August unterschiedliche Kriegsszenarien. Dazu gehörten ausdrücklich die Frage, wie eine chinesische Seeblockade durchbrochen werden könnte. Erstmals wurde außerdem unter Bedingungen geübt, bei denen der mobile Internetverkehr massiv eingeschränkt war. Als Hintergrund muss man wissen, dass Taiwan im Juni 2026 circa 55 chinesische Regierungs- und Küstenwachschiffe rund um die Insel registrierte, mehr als doppelt so viele wie im Juni des Vorjahres. China sammelt dabei wohl Erfahrungen für eine mögliche spätere Unterbrechung der Versorgungslinien. Besonders wichtig ist dabei Taiwans Ostküste: Sie liegt zwar vom chinesischen Festland abgewandt und öffnet sich zum Pazifik, und wird aber damit in einem Krieg die entscheidende Verbindung nach außen. Gleichzeitig operiert aber inzwischen die chinesische Küstenwache verstärkt auch genau dort.
Auch Chinas eigene Manöver zeigen, wohin die Entwicklung geht: Bei der bislang größten Übung 2025 wurden nicht nur Angriffe auf Taiwan simuliert, nein, chinesische Kräfte übten ausdrücklich die Einkreisung der Insel und die Blockade wichtiger Häfen. Dabei wurden Seegebiete auf mehreren Seiten Taiwans gleichzeitig für Übungen und Schießvorhaben genutzt. Scharfe Raketen wurden über die Insel abgefeuert. Das verändert die zentrale Frage eines möglichen Taiwan-Konflikts. Vielleicht lautet sie am Anfang gar nicht "Kann China Taiwan erobern?", sondern zunächst "Kann China Taiwan von der Außenwelt abschneiden?". Und aus taiwanischer Sicht: Kann die Insel einer solchen Blockade lang genug widerstehen, bis Hilfe von außen eintrifft?
Das ist aber eine Frage. Taiwan kann seine Widerstandsfähigkeit erhöhen, es kann Vorräte anlegen, seine Streitkräfte modernisieren, Häfen schützen, Kommunikationssysteme härten und alternative Versorgungswege vorbereiten. Aber eines kann eine Insel nicht selbst erzeugen: einen offenen Seeweg durch eine feindliche Flotte. Und damit kommen wir zur entscheidenden nächsten Frage: Wenn Taiwan abgeschnitten wird, wer öffnet diesen Seeweg wieder, und um welchen Preis?
Nun, Taiwans Sicherheitskalkül beruht seit Jahrzehnten wesentlich darauf, dass hinter der Insel letztlich die militärische Macht der Vereinigten Staaten von Amerika steht. Die USA verfügen weiterhin über die leistungsfähigste Marine der Welt. Doch genau hier zeigt sich derzeit doch ein grundlegendes Problem: Globale Stärke bedeutet nicht automatisch lokale Verfügbarkeit. Die USA besitzen 11 Flugzeugträger. Wartung, Ausbildung, Reparaturen und lange Einsatzzyklen begrenzen aber die Zahl jener Trägerkampfgruppen, die kurzfristig verfügbar sind. Der Iran-Krieg verschärft diese Situation nachhaltig.
Die in Japan stationierte USS George Washington, die wir beim Eingang erwähnt haben, wurde soeben aus dem westlichen Pazifik abgezogen, um die seit außergewöhnlich langer Zeit im Nahen Osten eingesetzte USS Abraham Lincoln abzulösen. Damit entsteht zumindest vorübergehend eine bemerkenswerte Lücke. Im westlichen Pazifik fehlt ausgerechnet jetzt jenes sichtbarste Instrument amerikanischer Machtprojektion, das im Fall einer Krise um Taiwan besonders wichtig wäre. Dahinter steht ein strukturelles Problem: Die USA müssen gleichzeitig Kräfte im Nahen Osten, in Europa, im Mittelmeer und im Indopazifik bereithalten, und dazu kommen die schon erwähnten Wartungszyklen, personelle Belastungen und eine begrenzte Zahl tatsächlich verfügbarer Trägerkampfgruppen. Globale Verpflichtungen treffen auf begrenzte militärische Ressourcen. Das Problem Amerikas ist nicht mangelnde Macht, das Problem ist die Physik und die Geografie. Denn dieselbe Flotte kann nicht gleichzeitig überall sein.
Und genau jetzt tritt in diesem entscheidenden Raum ein weiterer Akteur auf, nämlich Russland. Russlands militärische Aktivitäten rund um Japan sind in diesem Zusammenhang mehr als eine Randerscheinung. Anfang August führte die russische Pazifikflotte ihr wichtigstes Großmanöver des Jahres durch: Rund 13.000 Soldaten, etwa 60 Schiffe, U-Boote und Hilfseinheiten sowie rund 30 Luftfahrzeuge und unbemannte Systeme operierten im Japanischen Meer, im Okhotskischen Meer und im nordwestlichen Pazifik.
Japan überwachte dabei unter anderem einen russischen Verband und dem Kreuzer Warjag beim Durchqueren der Seestraße zwischen Hokkaido und Sachalin. Auch danach registrierte Japan eine ganze Serie russischer Schiffsbewegungen rund um seine Inseln, durch die Sojastraße im Norden, aber auch durch die Gewässer zwischen Inseln ganz im Südwesten Japans. Russland operiert nördlich und ostwärts Japans und bindet dadurch japanische und amerikanische Kräfte. Russische Verbände operieren aber auch südlich Japans, bis in jene Seegebiete hinein, die zwischen den japanischen Stützpunkten und Taiwan liegen.
Japan ist in einem möglichen Taiwan-Konflikt keineswegs nur politischer Unterstützer der USA. Es ist einer der wichtigsten amerikanischen Aufmarsch- und Operationsräume im westlichen Pazifik. In Yokosuka befinden sich zentrale Elemente der 7. US-Flotte und zahlreiche vorverlegte amerikanische Kriegsschiffe. Auch Sasebo ist ein wichtiger Stützpunkt für diese vorwärts stationierten Kräfte. Von Japan aus würden im Krisenfall Marine, Luftoperationen, Aufklärung, Führung, Logistik und mögliche Verstärkungen in Richtung Taiwan unterstützt werden.
Und daraus ergibt sich eine bemerkenswerte strategische Konsequenz: Russland könnte den Verlauf eines Krieges um Taiwan beeinflussen, ohne sich unmittelbar am Krieg zu beteiligen. Denn schon die intensive russische Marine und Luftaktivitäten dieses Jahres rund um Japan zwingen Tokio und Washington, diese Räume zu überwachen und im Krisenfall Kräfte für ihre Sicherung bereitzuhalten. Kräfte, die aber dort gebunden sind, stehen weiter südlich, also zum Beispiel in Taiwan, entweder gar nicht, nur eingeschränkt oder erst später zur Verfügung. Das ist kein Problem, das nur durch die derzeitige amerikanische Trägerlücke entsteht. Selbst wenn morgen wieder ein amerikanischer Flugzeugträger im westlichen Pazifik steht, bleibt Japan zwischen zwei strategischen Räumen eingespannt: China im Süden und Russland im Norden.
Jetzt wollen wir diese bisher getrennt betrachteten Entwicklungen miteinander verbinden: Russische und chinesische Streitkräfte operieren zunehmend gemeinsam in genau jenem Raum, der für die amerikanische Machtprojektion im westlichen Pazifik und damit auch für Taiwan von zentraler Bedeutung ist. Dazu gehören gemeinsame Flottenaktivitäten, Fahrten durch strategisch wichtige Meerengen, Operationen zwischen den japanischen Inseln, Bewegungen entlang der japanischen Pazifikküste sowie gemeinsame Bomberpatrouillen mit chinesischen H-6 und russischen Tu-95, beides strategische Langstreckenbomber. Auffällig ist also, dass Russland und China zunehmend jene See- und Lufträume gemeinsam nutzen, über die amerikanische und japanische Kräfte in einem Taiwan-Konflikt operieren müssten.
Dafür braucht es keinen formalen Bündniskrieg und auch keine nachweisbare gemeinsame Operationsplanung für Taiwan. Der strategische Effekt entsteht bereits dadurch, dass beide Mächte gleichzeitig Druck auf denselben amerikanischen und japanischen Operationsraum ausüben. China kann amerikanische und japanische Kräfte im Süden binden. Russland erhöht den militärischen Druck im Norden und Osten. Japan muss beide Richtungen beobachten und absichern. Für Washington entsteht damit ein Problem, das über Taiwan weit hinausgeht: Die Vereinigten Staaten müssen ihre militärische Macht über immer mehr Räume verteilen, während China und Russland ihre Kräfte dort konzentrieren können, wo ihre unmittelbaren strategischen Interessen liegen.
Es reicht, wenn China im eigenen Vorfeld eine Lage schaffen kann, in der amerikanische Verstärkungen verspätet eintreffen, stärker gefährdet sind oder nur unter erheblich höherem Risiko eingesetzt werden können. Dabei kommt China die Geografie entgegen: Taiwan liegt unmittelbar vor der chinesischen Küste. Chinesische Marine, Luftstreitkräfte, Raketenkräfte, Aufklärung und elektronische Kampfführung könnten gemeinsam aus einem eng verzahnten Operationsraum, ja sogar vom Festland aus, wirken. Die USA dagegen müssten Kräfte über große Entfernungen heranführen, Stützpunkte in Japan sichern, mögliche russische Aktivitäten mitberücksichtigen und zugleich andere globale Verpflichtungen erfüllen.
Damit ergibt sich eine entscheidende militärische Frage: Kann China im westlichen Pazifik für einen begrenzten Zeitraum genügend lokale Überlegenheit herstellen, um eine amerikanische Intervention erheblich zu erschweren? Dann nämlich wird aus militärischer Stärke auch ein strategischer Druck. Denn wenn amerikanische Überlegenheit nicht mehr automatisch dort verfügbar ist, wo sie gebraucht wird, verändert sich auch die politische Wirkung amerikanischer Macht. Amerikas Vormacht steht dann also deshalb unter Druck, weil ihr Gegner oder ihre Gegner zunehmend in der Lage sind, ihre Stärke regional zu begrenzen und ihre Reaktionsmöglichkeiten gleichzeitig zu belasten. Das ist die eigentliche Herausforderung, nicht nur im westlichen Pazifik.
Sehen wir also hier die Grenzen einer Weltmacht? Die Vereinigten Staaten haben China selbst zum langfristig wichtigsten strategischen Konkurrenten erklärt. Der Indopazifik sollte deshalb zum zentralen Schwerpunkt amerikanischer Sicherheitspolitik werden, sogar auch zum Nachteil von der Ukraine. Es zeigt sich jedoch der Widerspruch zwischen Ambition und verfügbaren Mitteln. Der Krieg gegen den Iran bindet erhebliche amerikanische Marine- und Luftstreitkräfte. Die USS George Washington, wie wir schon gehört haben, wurde aus dem westlichen Pazifik abgezogen, um die außergewöhnlich lange eingesetzte USS Abraham Lincoln im Nahen Osten abzulösen und hinterlässt aber damit den westlichen Pazifik vorübergehend ohne amerikanische Flugzeugträger.
Aber Iran ist nur ein Teil des Problems. Auch der Krieg in der Ukraine beansprucht weiterhin amerikanische Ressourcen. Europa hat zwar einen immer größeren Anteil der finanziellen und militärischen Unterstützung übernommen, bleibt aber bei wichtigen Waffensystemen weiterhin auf amerikanische Produktion angewiesen. Besonders deutlich wird das bei der Luftverteidigung: Rund 95 Prozent der gelieferten Patriot-Abfangraketen für die Ukraine stammen aus amerikanischer Produktion. Gleichzeitig leidet die Ukraine derzeit jedoch trotzdem unter einem akuten Mangel an solchen Abfangraketen. Damit konkurrieren unterschiedliche Kriegsschauplätze zunehmend um dieselben knappen Fähigkeiten.
Auch im Nahen Osten werden diese Raketen dringend benötigt. Luftverteidigung, Präzisionsmunition, Aufklärung, Logistik und industrielle Produktionskapazität stehen in Konkurrenz. Und nun: Ein weiterer Raum kommt noch hinzu, die Arktis. Russland verfügt dort über eine starke militärische Präsenz und betrachtete die Nordostpassage zunehmend auch als strategische und wirtschaftliche Verbindung nach Asien. Gleichzeitig baut auch China seine Präsenz im hohen Norden weiter aus. Parallel wächst auch der russisch-chinesische Verkehr über die Nordostpassage deutlich an. Damit spannt sich für Washington inzwischen ein gewaltiger strategischer Bogen von der Ukraine über die Arktis und den Nahen Osten bis in den westlichen Pazifik. Und in all diesen Räumen sind amerikanische Kräfte, amerikanische Waffen, amerikanische Aufklärung oder amerikanische politische Aufmerksamkeit gefragt. Das sind dann wohl die Grenzen einer Weltmacht.
Der Krieg gegen Iran mag aus amerikanischer Sicht militärische, politische oder wirtschaftliche Ziele verfolgen. Weltmachtpolitik darf aber nicht nur danach fragen, ob ein einzelner Konflikt gewonnen werden kann. Sie muss ebenso fragen: Welchen strategischen Preis bezahlt man dafür an einer anderen Stelle? Denn eine Weltmacht wird nicht nur daran gemessen, ob sie einen einzelnen Krieg gewinnen kann. Sie muss auch verhindern, dass ihre Konzentration auf einen Krieg ihren Konkurrenten in einem anderen Raum neue Möglichkeiten eröffnet. Gerade darin liegt das Risiko der gegenwärtigen amerikanischen Politik.
Trump betrachtet Außenpolitik stark unter den Gesichtspunkten von Kosten, Deals, Lastenteilung, wirtschaftlichem Nutzen und unmittelbar erreichbaren Ergebnissen. Doch strategische Macht lässt sich nicht allein in Dollar oder kurzfristigen Erfolgen messen. Wer den unmittelbaren Gewinn maximiert, kann gleichzeitig langfristigen strategischen Handlungsspielraum verlieren. China und Russland müssen die Vereinigten Staaten dafür gar nicht militärisch besiegen. Es reicht, wenn sie Washington immer häufiger vor die Entscheidung stellen, nämlich wo Amerika seine Macht konzentrieren soll und welchen Raum es dafür an anderer Stelle schwächer absichern muss. In dieser Entscheidung liegt heute eine der wesentlichen Grenzen amerikanischer Vormacht.
Probieren wir wieder ein Fazit zur Feststellung, dass die Vormacht der USA unter Druck gerät. Vielleicht liegt die nicht neue, aber wichtigste Erkenntnis unserer heutigen Betrachtungen darin, dass Kriege und Spannungen eben nicht isoliert betrachtet werden dürfen. Ukraine, Iran, Arktis, Taiwan, russische Flottenbewegungen rund um Japan - das sind keine voneinander unabhängigen Nachrichtenereignisse. Ein Blick auf den Globus zeigt, dass sie strategisch miteinander verbunden sind. Die Vereinigten Staaten bleiben zwar die stärkste Militärmacht der Welt, aber ihre Vormacht beruht auf einer Voraussetzung, dass sie ihre Stärke dort konzentrieren können, wo sie im entscheidenden Moment gebraucht wird.
Eine Weltmacht verliert ihre Vormachtstellung nämlich dann, wenn ihre Gegner erkennen, dass sie nicht mehr überall gleichzeitig überlegen sein können. Taiwan ist deshalb mehr als ein regionaler Konfliktpunkt. Schaffen es die USA, Taiwan zu schützen, wenn sie gleichzeitig in Europa, im Nahen Osten, in der Arktis und an anderen Punkten des Globus gefordert sind? Amerikas Vormacht ist noch vorhanden, aber sie steht unter Druck.
Sie hörten "Stets bereit", den Podcast über Militär und Sicherheitspolitik. Sollten Sie Fragen zu Militär oder zu sicherheitspolitischen Themen haben, schreiben Sie mir bitte eine E-Mail an stetsbereit@missing-link.media.
Vielen Dank fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal, Ihr Herbert Bauer.
Autor:in:Livio Koppe |
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