Stets Bereit
Alarm in der Arktis

Alarm in der Arktis bedeutet nicht, dass dort unmittelbar ein Krieg bevorsteht. Er bedeutet, dass ein seit Langem strategisch wichtiger Raum leichter zugänglich, wirtschaftlich begehrter und militärisch dichter besetzt wird.

Herbert Bauer
Sie hören "Stets bereit", den Podcast über Militär- und Sicherheitspolitik. Mein Name ist Herbert Bauer, ich bin Generalmajor im Ruhestand und werde in meinem Podcast militärische und sicherheitspolitische Themen allgemein verständlich erläutern.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich mit Ihnen, auch angesichts der heißen Tage, darüber sprechen, wie sich die sicherheitspolitische Lage im hohen, kühlen Norden entwickelt und warum ich vom "Alarm in der Arktis" spreche.
Wie immer eine szenische Beschreibung zur Einleitung: Wir befinden uns an Bord eines Atom-U-Bootes unter dem Eis des Arktischen Ozeans. Eine Positionsbestimmung mit GPS ist unter Wasser nicht möglich, weil die Satellitensignale das Salzwasser nicht bis zum getauchten U-Boot durchdringen. Die Eisdecke verhindert außerdem, dass das Boot einfach eine Antenne an die Oberfläche bringen kann. Das U-Boot navigiert daher mit einem Trägheitsnavigationssystem; Kreisel und Beschleunigungsmesser berechnen hierbei fortlaufend seine Bewegungen seit der letzt exakt bestimmten Position. In der Nähe des Nordpols wird die Navigation zusätzlich erschwert, weil dort alle Längengrade zusammenlaufen und ein gewöhnlicher Magnetkompass kaum brauchbar ist.
Im Kontrollraum richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die Eisdecke über dem Boot. Nach oben gerichtete Sonargeräte vermessen ihre Unterseite: Sie zeigen den Abstand zum Eis, weit nach unten reichende Eispressungen und dazwischen flachere, möglichst dünne Bereiche. Die Besatzung sucht eine Stelle, die groß und eben genug ist, damit das U-Boot sicher durch das Eis auftauchen kann. Dann beginnt der langsame, nahezu senkrechte Aufstieg.
Schließlich berührt der verstärkte Turm des U-Bootes die Eisdecke von unten. Pressluft verdrängt Wasser aus den Ballasttanks, dadurch nimmt das Gewicht des Bootes ab, während es weiterhin dieselbe Wassermenge verdrängt. Der daraus entstehende positive Auftrieb presst das U-Boot gegen das Eis. Oberhalb der Eisdecke ist zunächst nichts zu erkennen. Dann hebt sich die geschlossene Fläche, erste Risse entstehen, laufen auseinander und teilen das Eis in einzelne Platten. Sie kippen auf, brechen an ihren Kanten und werden zur Seite gedrückt. Schließlich durchstößt der Turm des Atom-U-Bootes die Eisdecke.
Ganz in der Nähe liegt ein vorübergehend errichtetes Lager. Wissenschaftler, Techniker und militärisches Personal beobachten das Auftauchen und nehmen Verbindung mit dem Boot auf. Flugzeuge haben Menschen, Messgeräte, Treibstoff und Versorgungsgüter mitten auf das arktische Eis gebracht. Unter ihnen operieren mehrere U-Boote, die trotz Eisdecke ihre zugewiesenen Bereiche finden und dort koordiniert auftauchen - eine außergewöhnliche navigatorische und seemännische Leistung.
Das Auftauchen ist allerdings nur der sichtbare Teil des Manövers. Unter dem Eis werden Navigationsverfahren, Sonarsysteme, die Ortung anderer U-Boote und simulierte Angriffe erprobt. Zugleich untersuchen die Beteiligten, wie sich Schall unter einer unregelmäßig, ständig bewegten Eisdecke ausbreitet. Die Besatzungen trainieren damit die Fähigkeit, in einem der schwierigsten Operationsräume der Erde zu navigieren, einen Gegner aufzuspüren und selbst möglichst unentdeckt zu bleiben.
Solche Bilder sind keineswegs neu: Bereits 1959 durchbrach erstmals ein US-Atom-U-Boot am Nordpol die Eisdecke. Seither gibt es immer wieder Berichte und Aufnahmen von amerikanischen und sowjetischen, beziehungsweise russischen und auch britischen U-Booten, die unter dem arktischen Eis operieren und durch die Eisdecke auftauchen.
Die Arktis ist einer der wichtigsten militärischen Räume der Erde. Das war sie allerdings nicht erst seit gestern: Bereits während des Kalten Krieges verliefen über den Nordpol die kürzesten Flug- und Raketenbahnen zwischen Nordamerika und Russland. Unter dem arktischen Eis patrouillierten auch damals strategische Atom-U-Boote beider Seiten. Sie galten und gelten bis heute als wichtigster Bestandteil der nuklearen Zweitschlagsfähigkeit, also jener Fähigkeit, selbst nach einem gegnerischen Atomangriff noch verheerend zurückschlagen zu können. Ergänzt wird diese strategische Bedeutung durch Frühwarnradare und Satellitensysteme, die den hohen Norden seit Jahrzehnten zu einem zentralen Baustein der nuklearen Abschreckung machen.
Neu ist jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändern: Der Klimawandel lässt das Meereis zurückgehen und macht Seewege zeitweise besser befahrbar. Damit gewinnen die Nordost- und Nordwestpassage wirtschaftlich und militärisch an Bedeutung. Zugleich rücken gewaltige Vorkommen an Erdöl, Erdgas, seltenen Erden und anderen Rohstoffen stärker in den Fokus.
Hinzu kommt auch eine neue geopolitische Dynamik: China bezeichnet sich selbst inzwischen als "Arktis-Nahen-Staat" und investiert in Forschung, Infrastruktur und Schifffahrt. Die Vereinigten Staaten haben das strategische Gewicht Grönlands wiederentdeckt, Russland baut seine militärische Präsenz im hohen Norden seit Jahren konsequent aus, und die NATO hat mit Finnland und Schweden ihre Nordflanke grundlegend verändert.
Nun, die Arktis ist nicht deshalb wichtiger geworden, weil sie plötzlich entdeckt wurde; sie war immer ein militärischer Schlüsselraum. Allerdings: Dass heute strategische, wirtschaftliche und geopolitische Interessen gleichzeitig aufeinandertreffen, ist neu, und dass sich dadurch das Risiko von Spannungen und Konflikten deutlich erhöht.
Schauen wir nach Russland, mit dem längsten Küstenanteil am Arktischen Meer. Russland betrachtet die Arktis seit Jahren als strategischen Kernraum seiner nationalen Sicherheit. Nirgendwo wird das deutlicher als auf der Kola-Halbinsel. Dort ist die Nordflotte stationiert, welche der wichtigste Flottenverband Russlands und Heimat eines großen Teils seiner strategischen Atom-U-Boote ist. Von hier aus erreichen die Boote innerhalb kurzer Zeit das schützende Polareis, unter dem sie sich nahezu unbemerkt bewegen und im Ernstfall nach dem Auftauchen einen nuklearen Gegenschlag führen könnten.
Um diesen Raum zu sichern, hat Russland in den vergangenen Jahren seine militärische Infrastruktur konsequent ausgebaut. Zahlreiche Stützpunkte aus der Zeit der Sowjetunion wurden modernisiert oder vollständig neu errichtet. Neue Flugplätze ermöglichen den ganzjährigen Einsatz von Kampfflugzeugen und Langstreckenbombern. Moderne Radaranlagen überwachen weite Teile des arktischen Luftraums. Flugabwehrsysteme und mobile Küstenverteidigungssysteme sollen den Zugang zur russischen Arktisküste kontrollieren und gegnerische Luft- und Seestreitkräfte den Einsatz erheblich erschweren.
Parallel dazu wurden eigene Arktisbrigaden aufgestellt, deren Soldatinnen und Soldaten speziell für Operationen unter extremen klimatischen Bedingungen ausgebildet und ausgerüstet sind. Regelmäßige Großübungen verbinden Marine, Luftwaffe, Bodentruppe und strategische Raketenkräfte zu einem gemeinsamen Operationsraum. Die Botschaft ist eindeutig: Russland will in der Arktis jederzeit handlungsfähig sein.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei auch die weltweit größte Flotte nuklear angetriebener Eisbrecher. Während andere Staaten Eisbrecher vor allem für Forschung oder Versorgung einsetzen, dienen sie Russland zugleich als strategisches Instrument: Sie halten die Nordostpassage offen, ermöglichen die Versorgung entlegener Militärbasen und sichern den Zugang zu arktischen Häfen und Operationsgebieten.
Doch die russische Strategie endet nicht an der eigenen Küste. Auf der Jamal-Halbinsel entstand mit chinesischer Beteiligung eines der weltweit größten Flüssig-Erdgasprojekte. Der Hafen Sabeta ist heute ein zentraler Umschlagplatz für Export von LNG nach Europa und Asien und zeigt, dass wirtschaftliche und geopolitische Interessen in der Arktis immer enger miteinander verflochten sind.
Auch symbolisch erhebt Russland seinen Anspruch auf den hohen Norden. 2007 setzte eine russische Forschungsexpedition in rund 4.200 Metern Tiefe eine russische Titanflagge auf den Meeresboden unter dem Nordpol. Völkerrechtlich hatte dies keinerlei Bedeutung, politisch war die Botschaft jedoch unmissverständlich: Russland versteht die Arktis als strategischen Raum von hervorragender nationaler Bedeutung.
Hinzu kommt: Mit Novaja Semlya, eines der wichtigsten Nukleartestgelände der ehemaligen Sowjetunion. Dort wurde 1961 mit der "Zar-Bombe" die stärkste jemals gezündete Kernwaffe getestet. Bis heute besitzt diese Inselgruppe erhebliche militärische Bedeutung und unterstreicht, wie eng die russische Arktis mit der nuklearen Abschreckung verbunden ist.
Russlands militärischer Ausbau im hohen Norden ist der NATO selbstverständlich nicht verborgen geblieben. Die Allianz hat in den vergangenen Jahren ihre Nordflanke grundlegend neu ausgerichtet. Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens gehören heute praktisch alle westlichen Anrainerstaaten der Arktis - Norwegen, Dänemark, über Grönland, Island, Kanada, die Vereinigten Staaten, Finnland und Schweden - demselben Verteidigungsbündnis an. Die strategische Ausgangslage hat sich dadurch grundlegend verändert.
Norwegen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Das Land grenzt unmittelbar an Russland und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im militärischen Einsatz unter arktischen Bedingungen. Finnland bringt eine mehr als 1.300 Kilometer lange Grenze zu Russland in die Allianz ein. Schweden stärkt mit seiner Luftwaffe, Marine und seiner Lage zwischen Nordatlantik und Ostsee die Verteidigung des gesamten Nordraums. Kanada sichert den nordamerikanischen Teil der Arktis und arbeitet dabei eng mit den Vereinigten Staaten zusammen.
Eine besondere Rolle spielen jedoch die USA. Für Washington war die Arktis nie nur eine regionale Frage, sondern seit dem Kalten Krieg Teil der strategischen Nuklearabschreckung. Von besonderer Bedeutung ist dabei Grönland. Auf der dortigen US-Militärbasis Pituffik, früher unter dem Namen Thule Air Base bekannt, betreiben die Vereinigten Staaten leistungsfähige Frühwarnradare und Weltraumüberwachungssysteme. Sie dienen der Erkennung ballistischer Raketen, der Überwachung des Weltraums und bilden einen wichtigen Bestandteil der nordamerikanischen Luft- und Raketenverteidigung. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb die Vereinigten Staaten dem strategischen Wert Grönlands in den vergangenen Jahren wieder deutlich größere Aufmerksamkeit schenken.
Parallel dazu verstärkt die NATO die militärische Präsenz im hohen Norden kontinuierlich: Infrastruktur wird ausgebaut, Material vorpositioniert, Se- und Luftstreitkräfte operieren häufiger in arktischen Gewässern, und neue Einsatz- und Führungsstrukturen verbessern die Fähigkeit, Verstärkungen rasch in den Norden Europas zu verlegen. Ziel ist es, Russland unmissverständlich zu signalisieren, dass die Nordflanke des Bündnisses verteidigungsfähig ist.
Ein besonderes, sichtbares Zeichen dieser neuen Ausrichtung ist die britische Flugzeugträgerkampfgruppe rund um die HMS Prince of Wales. Der Verband operiert gemeinsam mit Begleitschiffen, U-Booten und F-35-Kampfflugzeugen im Nordatlantik und im hohen Norden. Seine Aufgabe besteht nicht nur darin, maritime Präsenz zu zeigen. Er soll Seewege sichern, kritische Unterwasserinfrastruktur schützen, die U-Boot-Abwehr stärken und im Bedarfsfall Luftstreitkräfte weit entfernt von landgestützten Flugplätzen einsetzen können. Damit unterstreicht Großbritannien den Anspruch, gemeinsam mit seinen NATO-Partnern Verantwortung für die Sicherheit der arktischen Nordflanke zu übernehmen.
Die HMS Prince of Wales ist dabei nämlich nicht nur ein britischer Flugzeugträger, sondern das Flaggschiff eines multinationalen NATO-Einsatzverbandes. Seine Präsenz im hohen Norden ist Ausdruck einer umfassenderen strategischen Neuausrichtung des Bündnisses. Diese Entwicklung zeigt sich auch besonders deutlich in den großen NATO-Manövern der vergangenen Jahre: Übungen wie Cold Response, Nordic Response, Joint Viking, Steadfast Defender oder Formidable Shield umfassen längst nicht mehr nur einzelne Teilstreitkräfte. Sie verbinden Luft, Land, See, Cyber- und Weltraumoperationen zu einem gemeinsamen Gesamtbild.
Zehntausende Soldatinnen und Soldaten trainieren dabei unter extremen klimatischen Bedingungen die Verlegung von Verstärkungskräften, den Schutz der Seewege im Nordatlantik, die Luft- und Raketenabwehr sowie die Zusammenarbeit der Bündnispartner im gesamten arktischen Raum. Der eigentliche Zweck dieser Übungen liegt jedoch nicht in der Ausbildung allein; sie sind sichtbarer Ausdruck militärischer Abschreckung. Die NATO demonstriert damit ihre Fähigkeit, auch unter den extremen Bedingungen der Arktis schnell, gemeinsam und glaubwürdig auf jede Bedrohung reagieren zu können.
Wo aber liegen nun die gefährlichsten Brennpunkte dieser Entwicklung? Beginnen wir an der Beringstraße. Hier trennen Russland und die Vereinigten Staaten an ihrer engsten Stelle weniger als 4 Kilometer. Zugleich verbindet diese Meerenge den Pazifik mit dem Arktischen Ozean. Wer sie kontrolliert, beeinflusst den Zugang zur Arktis und damit auch die künftigen Schifffahrtsrouten. Gleichzeitig wächst das Interesse Chinas, das sich, wie schon erwähnt, als arktisnahe Staat versteht und seine wirtschaftliche und wissenschaftliche Präsenz im hohen Norden kontinuierlich ausbaut.
Der zweite Brennpunkt ist Grönland. Die größte Insel der Erde bildet gemeinsam mit Island und Großbritannien die sogenannte Giug-Lücke. Der Begriff bildet sich aus den Anfangsbuchstaben der genannten Länder und ist einer der strategisch wichtigsten Zugänge zwischen Nordatlantik und Arktis. Von der US-Militärbasis Pituffik aus überwachen leistungsfähige Radarsysteme den Luftraum und den Weltraum. Zugleich spielt Grönland eine zentrale Rolle bei der Raketenfrühwarnung und der Sicherung der transatlantischen Verstärkungsrouten zwischen Nordamerika und Europa.
Der dritte Brennpunkt ist Spitsbergen. Die norwegische Inselgruppe besitzt einen einzigartigen völkerrechtlichen Sonderstatus und liegt unmittelbar am Zugang zu Bangensee. Russland hat seine Aktivitäten dort in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt. Neben einer immer schärferen politischen Rhetorik nutzt Moskau seine Präsenz in der Bergbausiedlung Barentsburg, auf der zu Norwegen und damit zu einem NATO-Staat gehörenden Insel zunehmend auch für symbolische Machtdemonstrationen stellt.
So finden dort seit einigen Jahren immer aufwendigere Siegesparaden zum 9. Mai statt, begleitet von sowjetischer und russischer Symbolik. Die Paraden bestehen aus einem Konvoi ziviler Geländewagen, LKW und Schneemobile, der von Menschen in militärischer Kleidung geschwenkten Flaggen und einem überfliegenden Hubschrauber der Bergbaugesellschaft begleitet wird. Hinzu kommen immer lautere Vorwürfe: Norwegen verletze den Spitsbergen-Vertrag und militarisiere die Inselgruppe. Westliche Sicherheitsexperten sehen, dass in Spitsbergen einen möglichen Ansatzpunkt für hybride Operationen oder einen begrenzten militärischen Handstreich, mit dem Russland die Entschlossenheit der NATO testen könnte.
Auf das mögliche Szenario eines begrenzten russischen Handstreichs gegen Spitsbergen bin ich bereits in meiner Podcast-Folge "Episode 80: Ein russischer Angriff auf Spitsbergen" ausführlich eingegangen. Ich möchte es deshalb heute bei diesem Hinweis belassen und den Blick wieder auf die Arktis als militärischen Gesamtraum richten.
Probieren wir wieder ein Fazit: Wenn heute ein Atom-U-Boot die arktische Eisdecke durchbricht, ist das zunächst der sichtbare Abschluss eines anspruchsvollen militärischen Manövers. Zugleich zeigt es eine Fähigkeit, die für die strategische Bedeutung der Arktis seit Jahrzehnten wesentlich ist: Atom-U-Boote können unter dem Backeis operieren, sich dort der gegnerischen Aufklärung teilweise entziehen und zur nuklearen Zweitschlagsfähigkeit beitragen. Die Arktis war daher bereits im Kalten Krieg ein militärischer Schlüsselraum. Und über den hohen Norden verlaufen besonders kurze Flug- und Raketenwege zwischen Russland und Nordamerika. Dort befinden sich daher auch wichtige Frühwarnanlagen, und dort liegen die Ausgangsräume für einen wesentlichen Teil der russischen strategischen U-Boot-Flotte.
Neu ist nicht diese grundsätzliche Bedeutung. Neu ist, dass weitere Interessen und Konfliktfelder hinzukommen. Das zurückgehende Meereis erleichtert zeitweise die Schifffahrt, erhöht das Interesse an Rohstoffen und verbessert den Zugang zu bislang schwer erreichbaren Gebieten. China sucht eine stärkere wirtschaftliche und politische Rolle. Die Vereinigten Staaten betonen erneut die Bedeutung Grönlands. Russland baut seine militärische Infrastruktur aus, während die NATO ihre Nordflanke stärkt und den Einsatz im hohen Norden immer umfangreicher übt. Europa wiederum - und hier vor allem die Europäische Union - wird sich der Frage stellen müssen, welche eigenen Sicherheits-, Wirtschafts- und ruhrpolitischen Interessen in der Arktis künftig in welchem Ausmaß wahrgenommen werden sollen.
In der Arktis nimmt aber nicht nur die militärische Präsenz zu, sondern damit auch die Zahl möglicher Berührungspunkte. U-Boote, Flugzeuge und Kriegsschiffe operieren häufiger in demselben Raum. Hinzu kommen GPS-Störungen, Sabotageverdacht, gefährdete Unterseekabel und die Möglichkeit begrenzter Provokationen. Das erhöht das Risiko von Fehleinschätzungen und einer Eskalation, die möglicherweise von keiner Seite ursprünglich beabsichtigt war.
Der Alarm in der Arktis bedeutet deshalb nicht, dass dort unmittelbar ein Krieg bevorsteht. Er bedeutet, dass ein seit Langem strategisch wichtiger Raum leichter zugänglich, wirtschaftlich begehrter und militärisch dichter besetzt wird. Die Aufgabe besteht darin, glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit mit klaren politischen Signalen und verlässlichen Regeln für militärische Begegnungen zu verbinden. Denn gerade dort, wo die nukleare Zweitschlagsfähigkeit der Großmächte berührt wird, können selbst begrenzte Zwischenfälle in der Arktis weitreichende strategische Folgen haben.
Sie hörten "Stets bereit", den Podcast über Militär und Sicherheitspolitik. Sollten Sie Fragen zu Militär oder zu sicherheitspolitischen Themen haben, schreiben Sie mir bitte eine E-Mail an stetsbereit@missing-link.media. Vielen Dank fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal, Ihr Herbert Bauer.

Autor:in:

Livio Koppe

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