Ist das wichtig?
Aufstand am Küniglberg: ORF-Journalisten wollen Stiftungsräte stürzen
- hochgeladen von Georg Renner
Aufstand am Küniglberg: Der ORF-Redaktionsrat hat einstimmig vier Stiftungsräten das Misstrauen ausgesprochen und ihren Rücktritt gefordert – ein beispielloser Vorgang. Im Zentrum stehen Heinz Lederer, Gregor Schütze, Peter Westenthaler und Thomas Brandner. Es geht um PR-Nebentätigkeiten, Interventionsversuche und öffentliche Angriffe auf ORF-Journalist:innen. Georg Renner erklärt, was hinter der Resolution steckt – und warum die Konstruktion des Stiftungsrats grundsätzlich reformbedürftig ist.
Wollt ihr mehr wissen?
- Hier die Resolution des ORF-Redaktionsausschusses:
https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20260415_OTS0131/orf-journalisten-erstmals-misstrauens-votum-gegen-stiftungsraete - Hier die profil-Recherche zum Einflussversuch der Ärztekammer:
https://www.profil.at/dasfruehstueck/die-wiener-aerztekammer-und-ihre-umstrittenen-polit-berater/403145093
Transkript
Hi, grüß euch, herzlich willkommen bei „Ist das wichtig?" vom 15. April. Heute gibt es eigentlich eine ganze Menge spannender sachpolitischer Themen, bei denen wir darüber reden könnten, ob sie wichtig sind oder nicht. Der Fiskalrat diagnostiziert einen größeren Sparbedarf als erwartet. Die Regierung hat sich im Ministerrat auf eine mittelgroße Pensionsreform geeinigt. Alles spannende Sachen, denen wir uns wahrscheinlich in den nächsten paar Tagen durchaus noch widmen werden. Aber heute möchte ich wieder mal über den ORF reden.
Warum? Weil oben am Küniglberg, dem Sitz unseres öffentlich-rechtlichen Senders, heute ein kleiner Aufstand über die Bühne gegangen ist. Ein beispielloser Vorgang: Der Redakteursrat, das ist die Vertretung aller ORF-Journalistinnen und Journalisten, hat sich einstimmig für den Rücktritt von vier Stiftungsräten ausgesprochen. Also, die fordern den Rücktritt von vier ihrer Aufseher. Und das ist eine kernpolitische Angelegenheit, die ich persönlich für sehr, sehr spannend halte und andererseits auch für wichtig.
Denn der ORF, klingt fraßig, aber ist halt so, gehört uns allen. Das ist unser öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, das größte Medienunternehmen des Landes. Und Medienunternehmen sind halt in einer öffentlichen Demokratie ein ganz zentraler Ansatzpunkt. Also sprechen wir in den nächsten paar Minuten über diesen Aufstand der ORF-Journalisten gegen ihre Aufseher.
Mein Name ist Georg Renner, ich bin seit 18 Jahren politischer Journalist, war nie beim ORF übrigens. Und das hier ist „Ist das wichtig?" – Politik für Einsteiger. Ein Podcast, in dem wir über aktuelle politische Entwicklungen so sprechen, dass man sie auch nebenbei gut verstehen kann.
Und wie immer: Mich interessiert einerseits eure Meinung und andererseits euer Feedback zu „Ist das wichtig?". Passt das? Ist es gut? Ist es schlecht? Fehlen euch manche Themen? Findet ihr es gut, dass ich so viel über den ORF rede, oder soll ich mich lieber den anderen spannenden Vorgängen in unserer wunderschönen Republik widmen? Schreibt es mir unter podcast@istdaswichtig.at oder auch gerne über die WhatsApp-Nummer in den Shownotes. Und jetzt zurück auf den Küniglberg.
Also, Georg, was ist passiert?
Heute Mittag, Mittwochmittag, hat der ORF-Redaktionsausschuss in seiner Frühjahrstagung eine Resolution beschlossen, und zwar einstimmig. Die Redaktionssprecherinnen und -sprecher aus allen Bereichen des ORF, also Radio, Fernsehen, Online, Teletext, den Landesstudios, sprechen vier namentlich genannten Stiftungsräten das Misstrauen aus: Stiftungsratsvorsitzendem Heinz Lederer, seinem Stellvertreter Gregor Schütze sowie den beiden FPÖ-nahen Stiftungsräten Peter Westenthaler und Thomas Brandner. Und das hat es vorher noch nie gegeben.
Allgemeine Resolutionen und Aussendungen zu strukturellen Fragen im ORF, ja, das wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, sowas haben die Journalistenvertreterinnen und -vertreter schon öfter gemacht. Aber ein namentliches Misstrauensvotum quasi gegen einzelne Stiftungsräte mit der Forderung nach deren Rückzug, das ist was komplett Neues.
Es geht darum, Unvereinbarkeiten zwischen der Aufsichtsratsfunktion als Stiftungsrat und PR-Beratungsaktivitäten einzelner dieser vier Genannten aufzuzeigen. Es geht aber auch um Interventionsversuche bei der Geschäftsführung, also den Versuch seitens der Stiftungsräte, die Berichterstattung des ORF zu beeinflussen, und um öffentliche Angriffe von Stiftungsräten auf die Leute, die sie eigentlich beaufsichtigen sollten, nämlich auf ORF-Journalistinnen und Journalisten. Und ganz grundsätzlich geht es um die Frage, ob ein Aufsichtsgremium, das großteils aus Lobbyistinnen und PR-Leuten und der Mischung dazwischen besteht, überhaupt geeignet ist, einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu kontrollieren und zu beaufsichtigen.
Und wer sind die alle?
Auf der einen Seite haben wir den ORF-Redaktionsausschuss. Das ist eine gewählte Vertretung jener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ORF, die journalistisch tätig sind, also quasi die Vertretung der Redakteurinnen und Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in allen Sparten: Landesstudios, Online, TV, Radio, alle Sparten des ORF sind dort vertreten.
Und auf der anderen Seite steht der Stiftungsrat. Das ist jenes Gremium, das den ORF und seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag beaufsichtigt. Eigentlich ist der ORF ja dem Einfluss der Politik, der gewählten Politik, der Parteien, der Bundesregierung und so weiter entzogen. Es ist kein Regierungssender, der zum Beispiel direkt unter Aufsicht des Bundeskanzlers oder des Medienministers steht, sondern eine unabhängige, öffentlich-rechtlich eingerichtete Anstalt, die nur sehr, sehr indirekt kontrolliert wird, nämlich eben durch einen Stiftungsrat, der in großen Teilen von der Politik bestellt wird, von den Parlamentsparteien, von den Bundesländern und zu einem relativ dominanten Ausmaß von der Bundesregierung beziehungsweise Vertreterinnen und Vertretern der Bundesregierung.
Tendenziell ist es aufgrund des Bestellungsmodus dieses Stiftungsrats so, dass die Stiftungsräte von den Regierungsparteien bestellt werden und die Regierungsparteien tendenziell eine Mehrheit im Stiftungsrat haben und damit zum Beispiel den nächsten ORF-Chef bestimmen werden. Der wäre ja sowieso neu ausgeschrieben gewesen ab 1.1.2027, da muss ein neuer Generaldirektor oder eine neue Generaldirektorin übernehmen, und den oder diejenige bestellt eben der Stiftungsrat mit einem Mehrheitsbeschluss.
Und der Stiftungsrat hat eben die Funktionen, die in einem großen Unternehmen, einer Aktiengesellschaft zum Beispiel, der Aufsichtsrat hat, also auch die Gebarung zu kontrollieren, also wofür der ORF wie viel Geld ausgibt etc. Die Politik sollte da keinen direkten Einfluss haben. Aber aufgrund der Konstruktion dieses Stiftungsrats ist es halt so, dass die Politik doch wieder Einfluss hat.
Und im Stiftungsrat gibt es keine Fraktionen wie im Parlament, wo halt alle Abgeordneten einer Partei einer Fraktion angehören, sondern halt Freundeskreise. Das klingt sympathischer, läuft aber de facto auf dasselbe hinaus. In der Regel stimmen diese Freundeskreise entlang der Parteigrenzen ab. Also jene Stiftungsräte, die auf Vorschlag der ÖVP bestimmt worden sind, zum Beispiel seitens der Bundesregierung, seitens der Bundesländer etc., die schließen sich zu einem ÖVP-Freundeskreis zusammen. Dasselbe gibt es in Rot, Blau und so weiter.
Und in diesem Stiftungsrat sitzen eben vier dieser Leute, denen der Redakteursrat jetzt das Misstrauen ausgesprochen hat. Heinz Lederer zum Beispiel, der ist seit Juni 2025, also seit letztem Jahr, Vorsitzender des Stiftungsrates. Er ist von der Bundesregierung entsandt worden, und zwar auf Vorschlag der SPÖ, und führt dort den sogenannten SPÖ-Freundeskreis. Dann Gregor Schütze, sein Stellvertreter, ist aus dem ÖVP-Freundeskreis, und beide besitzen PR-Agenturen, die für unterschiedlichste Leute arbeiten, zum Beispiel, wie die letzten Tage etliche Male Thema war, für die Ärztekammer. Und da gibt es auch schon Vorwürfe der Intervention zugunsten der Ärztekammer beim ORF durch die beiden Stiftungsräte.
Dann gibt es Peter Westenthaler, den kennt mancher von uns noch aus seiner Zeit früher. Da war er Politiker für die FPÖ und später deren Abspaltung des BZÖ. Er sitzt jetzt auf einem FPÖ-Ticket im Stiftungsrat, tritt aber regelmäßig in Konkurrenzsendern, Privatsendern, zum Beispiel bei oe24 auf, wo er jetzt eben aus Sicht des Redaktionsrats die Arbeit von ORF-Journalistinnen und Journalisten schlechtredet oder diffamiert.
Dann gibt es noch Thomas Brandner, der war früher selbst lange im ORF als Manager tätig, zwar laut dem Redakteursrat in einer Funktion, die eigens für ihn erfunden worden sei. Heute sitzt er vom FPÖ-dominierten Land Steiermark auf dem Sitz, der der Steiermark im ORF-Stiftungsrat zusteht, und ist damit de facto von der FPÖ entsandt worden. Er hat seit seinem Ausscheiden aus dem ORF einen gut dotierten Beratungsvertrag mit der APA, einer Nachrichtenagentur, bei der wiederum der ORF der größte Genossenschafter ist.
Und warum diskutieren die da darüber?
Hintergrund des Ganzen ist diese ORF-Krise, die uns hier ja auch schon seit etlichen Wochen beschäftigt: der Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann, Compliance-Untersuchungen ohne rechtliche Bestätigung der Vorwürfe gegen Weißmann, Kündigung Weißmanns durch den ORF, die der jetzt wieder anficht, und so weiter.
Im Zuge dieser ganzen Abrechnung, weil da auf einmal sehr viele Leute sehr viele offene Rechnungen begleichen wollen, sind aber eine ganze Reihe anderer Sachverhalte ans Licht gekommen, die jetzt mit dieser Belästigungsaffäre rund um Weißmann nichts zu tun haben, sondern eben mit der Rolle der Stiftungsrätinnen und -räte selbst. Konkretestes Beispiel, hauptsächlich von den Kolleginnen und Kollegen beim Profil recherchiert, ist die Wiener Ärztekammer. Lederer und Schütze, wir erinnern uns, die beiden Vorsitzenden des Stiftungsrats, beraten beide hauptberuflich die Ärztekammer mit ihren PR-Agenturen.
Die haben einfach einen ganz großzügigen Vertrag mit der Ärztekammer, die eben in öffentlich-rechtlichen Belangen zu vertreten ist. Und Ende Juni hat sich der Präsident der Ärztekammer in einer Mail bei den beiden über einen Beitrag auf Ö1 beschwert und gebeten, die mögen eben ihren Einfluss im ORF geltend machen, berichtet Profil. Schütze hat dieses Mail dann, wie besprochen, an Generaldirektor Roland Weißmann weitergeleitet, und der hat es der Chefredaktion weitergeleitet. Die hat die Vorwürfe, die da drin enthalten waren, zurückgewiesen, und damit wäre die Angelegenheit erledigt gewesen.
Aber schon die Konstruktion ist natürlich anrüchig, sage ich jetzt mal. Wenn Stiftungsräte als PR-Berater für ihre privaten Kunden beim Generaldirektor des ORF intervenieren, dessen Job vom Stiftungsrat abhängig ist, dem sie nicht nur angehören, sondern dem sie sogar vorsitzen, dann ist das halt hoch, hoch, hoch problematisch. Dazu kommen noch weitere Vorwürfe.
Lederer zum Beispiel hätte Beratungsverträge mit dem ORF-Funkhauskäufer gehabt, also einem Unternehmer, der dem ORF eine sehr, sehr große, sehr, sehr zentral gelegene, prominente Immobilie abgekauft hat. Profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer, ehemalige Kollegin von mir, hat öffentlich gemacht, Lederer habe sich bei der Kurier-Geschäftsführung über ihre ORF-Berichterstattung beschwert und mit Konsequenzen für ihre Auftritte auf ORF III, wo sie als Chefredakteurin immer wieder in Runden der Chefredakteure eingeladen wird, gedroht.
Ganz anders ist die Sachlage bei Peter Westenthaler. Bei dem stört die Redaktion die öffentliche Diffamierung von ORF-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, was nach dem Corporate Governance Codex, also sehr vereinfacht gesagt, den Verhaltensregeln für Stiftungsräte unzulässig wäre. Und bei Brandner wiederum geht es um andere Vorwürfe, eine andere Vorgeschichte und diesen nahtlosen APA-Vertrag nach seiner Zeit beim ORF und in seiner Zeit als Stiftungsrat.
Und die Redaktion sagt bei all diesen unterschiedlichen Vorwürfen: „Wir als Redakteurinnen und Redakteure müssen uns an ganz strenge Compliance-Regeln halten." Für Journalistinnen und Journalisten in großen Unternehmen gelten in der Regel solche Regeln, welche Geschenke man annehmen darf, welche Aufträge man machen darf oder welche man nicht machen darf, damit da nicht eine Verzerrung in der Berichterstattung reinkommt.
Also die sagen: „Wir müssen uns an strenge Compliance-Regeln halten und riskieren persönliche Konsequenzen, Kündigung, Schadenersatz, was auch immer, wenn wir das nicht tun. Und dasselbe erwarten wir von unserem Management und auch von unseren Aufsichtsorganen, die hier im ORF eigentlich das Wohl des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Auge haben sollten."
Die Redakteure verbinden dieses Misstrauensvotum auch noch mit strukturellen Forderungen, zum Beispiel einer Neuaufstellung des gesamten Stiftungsrats mit echten Expertinnen und Experten ohne politische Schlagseite, zum Beispiel mit internationalen Medienexpertinnen und -experten, Medienmanagerinnen und Medienmanagern und so weiter, wie es etwa bei der Schweizer SRG ist oder auch bei den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF. Außerdem sollte eine Vertretung der Redakteurinnen und Redakteure selbst im Stiftungsrat sitzen.
Okay, und wie betrifft das uns?
Hier geht es um was ganz, ganz Grundsätzliches: Wer kontrolliert das größte und, ich sage einmal, wichtigste Medienhaus dieses Landes, und wem dient es? Wir alle zahlen ORF-Gebühr, 15,30 Euro pro Haushalt im Monat, und bekommen dafür einen aus meiner Sicht wirklich exzellenten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich finde die Arbeit der ORF-Kolleginnen und Kollegen über große Strecken ausgezeichnet. Aber es geht halt hier um den Ruf, um die Stellung des ORF und darum, wie man so ein öffentlich-rechtliches Medienhaus, das natürlich auch mit Macht verknüpft ist in einer öffentlichkeitswirksamen Demokratie, so aufstellt, dass es möglichst große Distanz zu den Regierungspolitikerinnen und -politikern hat, damit es nicht zu einem Propagandasender von Regierungsparteien wird oder auch nur werden kann. Und wenn Aufsichtsräte, also Stiftungsräte in diesem Fall, gleichzeitig PR-Berater sind für Unternehmen, über die der ORF berichtet, ist das natürlich ein Interessenskonflikt. Natürlich sagen die: „Naja, wir trennen diese Sphären natürlich total, und es gilt natürlich die Unschuldsvermutung für alle Beteiligten." Aber allein der Anschein, wenn ich höre: „Okay, ein Ärztekammerpräsident kann seinem bezahlten PR-Berater sagen: ‚Hey bitte, du bist ja auch ORF-Stiftungsrat, sag denen doch bitte Bescheid, das geht nicht.'" Das geht sich einfach nicht aus in meinen Augen.
Selbst wenn es da keine unmittelbare Einwirkung auf die Berichterstattung gegeben hat – und offenbar ist das zwischen Generaldirektion und Chefredaktion, also der Geschäftsführung einerseits und den Chefredakteuren, die für die Berichterstattung verantwortlich sind, eh klar gewesen, dass es einen Einfluss natürlich nicht geben kann –, aber allein, dass dieser Eindruck entstehen kann und dass es diese Abkürzung gibt, das ist ein Problem. Es kann schon sein, dass, ich weiß nicht, in einem ORF-Bericht jemand unfair dargestellt wird. Jeder von uns, jeder Journalist macht mal Fehler, und dann muss man entweder Gegendarstellung machen und so weiter. Aber genau dafür gibt es Wege. Die Ärztekammer hat zum Beispiel auch Pressesprecherinnen und Pressesprecher, die in der Regel die Telefonnummern von uns Journalistinnen und Journalisten alle haben und können dort auf dem direkten Weg sich bei den Journalistinnen und Journalisten beschweren, wenn sie sagen: „Hey, ihr habt unsere Position falsch dargestellt" oder was auch immer.
Falls das nicht funktioniert, gibt es immer noch die Beschwerdemöglichkeit über die Rundfunkbehörde RTR, wenn man sagt: „Hey, okay, wir haben da falsche Berichterstattung." Oder es gäbe auch die Möglichkeit, das medienrechtlich, sogar rechtlich, also vor Gericht geltend zu machen. Aber was halt nicht geht, ist, dass man hinterrücks rumgeht und sagt: „Hey, okay, ich kenne da den Aufsichtsrat, weil der arbeitet für mich, und bei dem beschwere ich mich jetzt, und der soll das intern regeln." Das geht nicht, das reduziert das Vertrauen ins ORF und hat natürlich auch die Gefahr in Sicht, dass die Berichterstattung schlechter wird. Und darum geht es bei dieser ganzen Diskussion.
Wir als ORF-Zahlerinnen und -zahler einerseits und als Konsumentinnen und Konsumenten andererseits – mehr als neun von zehn Österreichern konsumieren täglich irgendwelche ORF-Angebote – haben einfach ein Recht darauf, dass der ORF unabhängig und frei arbeiten kann, weil das ist sein Job. Und wenn er den Job nicht gut macht, dann ist es natürlich Aufgabe der einschlägigen Behörden, RTR oder auch des Stiftungsrats, dafür zu sorgen, auf den ordentlichen Amtswegen, die es dafür gibt, das zu berichtigen. Aber die redaktionelle Arbeit liegt beim ORF, und da hat kein Stiftungsrat, kein Generaldirektor irgendwie darauf Einfluss zu nehmen, was da berichtet wird. Die haben die Strukturen zu schaffen, dass gut gearbeitet werden kann, aber nicht zu sagen, was berichtet werden soll, wie berichtet werden soll und vor allem nicht im Auftrag der privaten Kunden eines Stiftungsrats selbst.
Und ist das schon fix?
Fix ist hier noch nicht allzu viel. Es gibt eben diese Aussendung des Stiftungsrats, da steht einerseits dieses Misstrauensvotum gegen die vier genannten Stiftungsräte drinnen, andererseits auch Wünsche für die nächste ORF-Reform. Und da ist noch vieles offen.
Was dadurch entsteht, ist halt öffentlicher Druck, vor allem auf ÖVP und SPÖ, die beiden Regierungsparteien, Kanzlerpartei und die Partei des Medienministers, die halt diese beiden Stiftungsratsvorsitzenden, Lederer und Schütze, ausgesucht haben. Spannend wird, ob sich da jetzt irgendwas ändert. Einerseits, ob irgendeine dieser beiden Parteien bei diesem öffentlichen Druck und Protest der Redakteurinnen und Redakteure jetzt reagiert und sagt: „Okay, wir berufen die jetzt ab", was rechtlich gar nicht so simpel ist. Es ist eigentlich nicht vorgesehen, Stiftungsräte wieder abberufen zu können.
Und andererseits: Wie stellt man den ORF in Zukunft so auf, dass da nicht mehr nur PR-Menschen drinsitzen im Stiftungsrat, die halt immer so eine Gefahr haben, weil sie mit Öffentlichkeit arbeiten und ihren Kunden natürlich versprechen können und müssen: „Wir wollen, dass du in der Öffentlichkeit gut dastehst." Da ist natürlich die Versuchung immer nahe, diese ORF-Position auch auszunutzen. Unabhängig davon, ob das jetzt geschehen ist oder nicht, das ist einfach keine gute Optik.
Und da könnte man die Bestimmungen für den Stiftungsrat im ORF-Gesetz zum Beispiel so aufstellen, sage ich jetzt als jemand, der nicht im ORF ist und für ein anderes Medium arbeitet beziehungsweise selbst ein eigenes Medium besitzt: Man könnte ja auch Profis aus anderen Medienunternehmen in den Stiftungsrat gehen lassen oder entsenden können. Das ist derzeit zum Beispiel ausgeschlossen.
Und ein weiteres großes Problem, das immer wieder kritisiert wird, ist zum Beispiel, dass Stiftungsräte praktisch nicht bezahlt werden. Also, es gibt ein kleines Sitzungsgeld von 100 Euro pro Sitzung. Das macht es gerade nicht fett. Das sind quasi gerade mal die Anfahrtskosten. Und das ist natürlich auch kein Zustand, weil im Gegensatz zum Aufsichtsrat eines großen Unternehmens, das einen Milliardenumsatz hat – ORF hat ein Budget von über einer Milliarde Euro jedes Jahr –, die werden halt gut bezahlt in anderen Unternehmen. Im Stiftungsrat bekommt man praktisch nichts für diese Tätigkeit.
Und das ist natürlich für wirkliche Profis unattraktiv, wenn man nicht irgendeine Umwegrentabilität hat, wie man diesen Stiftungsratsposten dann doch wieder monetarisieren kann. Und das ist schon mal allein von der Konstruktion nicht gescheit, wäre meine persönliche Meinung.
All das könnte man reformieren. Der Ball liegt jetzt bei der klassischen Politik. Es bräuchte dazu einen Nationalratsbeschluss. Dort gibt es bekannte Mehrheiten: ÖVP, SPÖ und NEOS als Regierungsparteien hätten zum Beispiel eine, mit der sie auch das ORF-Gesetz reformieren könnten.
Und woher weißt du das eigentlich?
Die Resolution des Redaktionsausschusses ist heute Mittag über den Aussendungskanal APA-OTS versendet worden. Verlinke ich euch natürlich in den Shownotes. Und zu den Hintergründen verlinke ich euch auch noch die einschlägigen Profil-Artikel. Die haben da in den letzten Tagen und Wochen viel recherchiert und spannende, ein bisschen interessenskonfliktbehaftete Sachverhalte aufgedeckt. Stelle euch auch ein, zwei Links in die Shownotes.
Also ist das wichtig?
Man kann schon sagen, jetzt Renner, jetzt redest du schon wieder über den ORF. Aber ja, ich finde das wichtig, denn ich finde, die ORF-Kolleginnen und Kollegen haben da einen sehr, sehr guten Punkt. Dieser ganze Stiftungsrat ist einfach eine Konstruktion, die, ich möchte nicht sagen, zum Missbrauch einlädt, aber sie nicht aktiv verhindert. Einerseits diese Besetzungskultur, dass die Regierungsparteien da einen sehr, sehr starken Einfluss haben und quasi eine garantierte automatische Mehrheit haben bei der Besetzung des Stiftungsrats. Das lädt natürlich dazu ein, dass man sagt: „Okay, unsere Partei bekommt so viele Sitze, eure Partei bekommt so viele Sitze, und wir teilen uns quasi die Macht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf." Und andererseits, ich habe es eh schon angesprochen, diese Tatsache, dass der Stiftungsrat praktisch eine kostenlose ehrenamtliche Funktion ist, abgesehen von diesem lächerlichen Sitzungsgeld. Das lädt halt auch wieder dazu ein, dass sich vor allem Leute reinsetzen, die dieses Amt des Stiftungsrats irgendwie anderweitig nutzen können.
Und das ist nicht optimal. Das könnte man besser aufstellen. Und ich halte das für ein wichtiges Thema, weil die Rolle eines öffentlich-rechtlichen Medienhauses in einer generellen Medienkrise und Zeiten, wo die Welt unsicherer wird und wir von Informationen dubioser Qualität von allen Seiten geflutet werden, einfach eine ganz, ganz zentrale ist in einer Demokratie und ganz besonders hier in Österreich, in den Bundesländern und überall sonst. Und da sollte man was machen. Da gibt es Handlungsbedarf. Und ich verstehe, dass die ORF-Kolleginnen und Kollegen sich da auf die Füße stellen und Vorschläge machen.
Und das war es mit dieser Folge. „Ist das wichtig? – Politik für Einsteiger." Die Idee dieses Podcasts ist, ein Einsteigerprogramm für Menschen zu bieten, die sich zwar für Politik interessieren, aber sich nicht jeden Tag damit beschäftigen. Ich freue mich über euer Feedback an podcast@istdaswichtig.at oder per Sprachnachricht an die WhatsApp-Nummer in den Shownotes. Und falls ihr in diesem Umfeld Werbung machen wollt, wendet euch bitte an office@missing-link.media.
Wenn ihr euch für Formate für Fortgeschrittene interessiert, möchte ich euch noch meine beiden E-Mail-Newsletter ans Herz legen: den Leitfaden, in dem ich immer dienstags aktuelle politische Themen für das Magazin Datum kommentiere, und „Einfach Politik", eine sachpolitische Analyse für die WZ, die jeden Donnerstag erscheint. Die Links zur kostenlosen Anmeldung für beide stelle ich euch in die Shownotes.
Und falls ihr mehr hören wollt: Ich gehöre auch zum Team von „Ganz offen gesagt", Österreichs bestem Gesprächspodcast für Politikinteressierte. „Ist das wichtig?" ist ein Podcast von mir, Georg Renner, in Kooperation mit Missing Link. Produziert hat uns Konstantin Kaltenegger. Die zusätzliche Audiostimme ist von Maria Renner, Logo und Design von Lilly Panholzer. Danke für Titel und Idee an Andreas Sator, Host des Podcasts „Erklär mir die Welt".
Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Adieu.
Autor:in:Georg Renner |