Ist das wichtig?
Gewesslers Grüne drängen auf eine Erbschaftssteuer
- hochgeladen von Georg Renner
Die Grünen fordern eine Erbschaftssteuer für Österreich. Aber wer würde die überhaupt zahlen? Was ist das grüne Modell, wie viel würde es bringen – und warum kommt die Forderung ausgerechnet jetzt? Wir schauen uns an, was dahintersteckt und warum die SPÖ das Ganze ziemlich unangenehm finden dürfte.
Wollt ihr mehr wissen?
- Das grüne Modell der Erbschaftsteuer gibt es auf ihrer Website:
https://gruene.at/superreichebesteuern/ - Das einstige Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs zur Erbschaftssteuer findet sich hier:
https://www.vfgh.gv.at/downloads/VfGH_G_54-06_ua_-_erbschaftssteuer.pdf - Christian Nusser hat auf Newsflix analysiert, "Warum die Grünen plötzlich die neue SPÖ sind":
https://www.newsflix.at/s/alarmstufe-rot-warum-die-gruenen-ploetzlich-die-neue-spoe-sind-120163875
Transkript:
Hi, grüß euch, herzlich willkommen bei „Ist das wichtig?" vom 23. Februar. Die Grünen drängen auf eine Erbschaftssteuer in Österreich. Erbschaften, also wenn man von einem verstorbenen Verwandten oder Bekannten Geld vererbt bekommt, Erbschaften werden in Österreich in aller Regel nicht besteuert. Genauso wenig Schenkungen, also wenn man Geld oder Grundstücke, Immobilien, was auch immer, geschenkt bekommt.
Und die Grünen und andere linke Parteien in Österreich, die würden das gerne ändern und würden jedes Mal, wenn so eine Erbschaft stattfindet, einen Teil davon abzwacken und dem Staat zukommen lassen, der dann alles Mögliche damit finanzieren kann. Um wie viel Geld es da geht, wie das grüne Modell ausschaut, wie viel sie Erben und Erbinnen wegnehmen wollen und was das Ganze insgesamt bringen würde, das werden wir uns in den nächsten paar Minuten anschauen. Mein Name ist Georg Renner, ich bin seit 18 Jahren politischer Journalist, und das hier ist „Ist das wichtig?" – Politik für Einsteiger. Ein Podcast, in dem wir aktuelle politische Entwicklungen so besprechen, dass man sie auch nebenbei gut verstehen kann.
Also Georg, was ist passiert?
Die Grünen, eine Partei im österreichischen Parlament, haben unter dem Titel „Superreiche fair besteuern" – das trommeln die seit einigen Wochen, eine wichtige Abgeordnete, ein wichtiges Mitglied der Grünen ist zum Beispiel beim Opernball mit einem „Reiche besteuern"-Kleid aufgetreten – und jetzt haben die Grünen eine Petition gestartet und setzen mit einem dringlichen Antrag im Parlament nach.
Ein dringlicher Antrag, das ist ein Instrument, eine Methode, mit der eine Partei erzwingen kann, dass ein Thema debattiert wird, auch wenn die regierenden Parteien das eigentlich nicht auf der Tagesordnung haben wollen. Eine wichtige Einordnung gleich vorneweg: Die Grünen sitzen derzeit in Opposition, das heißt, sie sind nicht Teil der Regierungsmehrheit in Österreich, das heißt, sie können keine Gesetze beschließen, sie können nur Vorschläge machen und vor allem über die Öffentlichkeit Druck aufbauen.
Und genau das tun sie jetzt mit dieser Petition, mit diesem Kleid, mit Social-Media-Einträgen, wo sie sich eben für eine Erbschaftssteuer aussprechen, und vor allem eben auch mit einem recht konkreten Vorschlag, wie eine solche Erbschaftssteuer ausschauen würde. Was ist eine Erbschaftssteuer grundsätzlich? Wenn jemand stirbt und Vermögen hinterlässt, erben das in aller Regel die Kinder oder die Partnerin, der Partner. Und in sehr vielen Ländern auf der Welt muss man auf dieses Erbe Steuern zahlen, so wie auf Einkommen aus Arbeit.
Österreich gehört da zu den Ausnahmen: Seit August 2008 gibt es bei uns keine Erbschaftssteuer mehr. Damals hat der Verfassungsgerichtshof, unser oberstes Gericht in Grundrechtsfragen, das alte Gesetz über die Erbschaftssteuer aufgehoben, weil es Immobilien und Geldvermögen ungleich behandelt hat. Das war eine sehr technische Frage, nicht grundsätzlich eine Entscheidung: „Erbschaftssteuer geht in Österreich nicht", sondern eine technische Frage, wie man das Ganze berechnet.
Das Parlament, also die Abgeordneten, die Politikerinnen und Politiker, die wir Bürgerinnen und Bürger gewählt haben, hätte damals schon dieses Gesetz einfach reparieren können, diese technische Frage über die Gleichbehandlung von Immobilien und Vermögen sehr einfach klären können, hat sich aber entschieden, die Steuer einfach ersatzlos auslaufen zu lassen. Seit damals gibt es eben keine Erbschaftssteuer in Österreich mehr. Seither kann man in Österreich beliebig viel erben, ohne Steuern darauf zahlen zu müssen.
Abgesehen von – eben deswegen habe ich gesagt – meistens, weil bei Immobilien gibt es die Grunderwerbsteuer, die ist aber sehr, sehr überschaubar. Aber okay, bei Immobilien muss man ein bisschen was zahlen, wenn man sie bekommt, zum Beispiel eben vererbt bekommt. Aber ansonsten gibt es derzeit keine Erbschaftssteuer in Österreich, und das würden die Grünen derzeit eben gerne ändern.
Und wer sind die alle?
Die Grünen sind eine Oppositionspartei. Es gibt im Wesentlichen zwei Kategorien von Parteien im österreichischen Parlament. Wir haben im Nationalrat, dem wichtigeren Teil unseres Parlaments, wo die Gesetze beschlossen werden, die in ganz Österreich gelten, derzeit fünf Parteien. Drei davon, ÖVP, SPÖ und NEOS, sitzen in der Bundesregierung. Die haben sich nach der Wahl im September 2024 zu einer Mehrheit im Nationalrat zusammengetan und beschließen jetzt in den nächsten Jahren gemeinsam Gesetze und arbeiten ein gewisses Programm ab, auch wie sie diese Gesetze ausführen wollen. Und durch diese Mehrheit haben diese drei Parteien, ÖVP, SPÖ und NEOS, die Möglichkeit, dass niemand anderer Gesetze beschließt. Weil wenn ihre Abgeordneten alle gemeinsam auf Linie sind und keiner irgendwie irrläuft und mit der Opposition mitstimmt, dann können sie alle Gesetze und alle Gesetzesvorhaben blockieren.
Die anderen beiden Parteien im Parlament, die FPÖ, eine sehr große Partei, und die Grünen, die kleinste Partei im österreichischen Parlament, die sind in der sogenannten Opposition. Also die kritisieren die Regierung und können vor allem über die Öffentlichkeit, vor allem indem sie eben Initiativen setzen und sagen: „Ja, wir wollen das machen und die Regierung handelt nicht", Druck aufbauen auf die Regierung, können aber mangels dieser Mehrheit im Parlament selber keine Gesetze beschließen. Die Grünen sind insofern eine interessante Partei, als sie in den letzten paar Jahren, 2019 bis 2024, eine Regierungspartei waren. Die waren damals in einer solchen Mehrheit, in einer Koalition mit der ÖVP, und haben damals viele Dinge beschlossen. Eine Erbschaftssteuer aber nicht. Und sie haben auch in den letzten Jahren eigentlich wenig Druck in die Richtung gemacht, weil man halt als Regierungspartei an das gemeinsame Regierungsprogramm gebunden ist und da nicht einfach sagen kann: „Und ich hätte jetzt gerne diese Steuer, die mir wichtig ist." Also während sie in der Regierung waren, in den fünf Jahren vor 2024, haben die Grünen eben nicht auf Erbschaftssteuern gedrängt.
Das hat damals aber eine andere Partei getan, und das ist wichtig für diesen Sachverhalt, dass jetzt die Grünen das fordern, nämlich die SPÖ, die Sozialdemokratische Partei Österreichs. Die war in diesen Jahren 2019 bis 2024 in Opposition, hat also nicht mitregieren können. Und diese SPÖ und ganz besonders ihr jetziger Chef, Andreas Babler – Reminder, der sitzt jetzt in der Bundesregierung mit ÖVP und NEOS – die haben damals ganz intensiv gesagt: „Wir brauchen eine Erbschaft- und Vermögenssteuer." Und Babler, jetzt Parteichef der SPÖ und Vizekanzler in der Bundesregierung, der hat damals gesagt: „Wenn wir in die Regierung gehen, dann geht das nur, wenn es dann eine Vermögens- und Erbschaftssteuer gibt." Was ist seither passiert? Die Grünen sind aus der Regierung rausgeflogen, die SPÖ ist in die Regierung hineingekommen, Pläne für eine Erbschafts- und Vermögenssteuer im Regierungsprogramm gibt es bis heute nicht. Und die Grünen, jetzt unter einer damaligen Ministerin, Leonore Gewessler, die ist jetzt Parteichefin der Grünen, die kommen jetzt drauf, nachdem sie nicht mehr in der Regierung sind: „Hoppla, eigentlich wäre so eine Erbschaftssteuer eine super Sache."
Und machen jetzt eben Druck mit dieser koordinierten Kommunikationsschiene auf Social Media, mit diesem Kleid von der grünen Abgeordneten Lena Schilling und vor allem mit dieser Petition und jetzt auch diesem dringlichen Antrag im Parlament: „Ja, beschließen wir doch endlich eine Erbschaftssteuer."
Und warum diskutieren die darüber?
Die Grünen argumentieren, Österreich muss sparen. Die Regierung kürzt Leistungen, die viele Menschen betreffen. Der Klimabonus ist gestrichen worden, ganz viele Förderungen zurückgefahren. Beim nächsten Budget, das in ein paar Wochen ausgearbeitet werden soll, drohen weitere Sparmaßnahmen, Einschnitte an staatlichen Leistungen, weil der Staat aus ganz unterschiedlichen Gründen – haben wir hier schon mehrfach besprochen – sparen muss. Und die Grünen meinen jetzt, es wäre ja durchaus fair, wenn dann nicht nur bei den Normalverdienern gespart wird und irgendwie Abgaben erhöht werden, Gebühren, Steuern erhöht werden, sondern wenn auch besonders die Reichsten unserer Gesellschaft einen Beitrag leisten.
Österreich hat Gewessler als ein gallisches Dorf für die Superreichen bezeichnet, weil wir eins der wenigen Länder ohne Erbschaftssteuer sind. In 20 von 27 EU-Staaten gibt es eine Erbschaftssteuer, auch in den USA, in Japan, Südkorea, ganz vielen anderen Staaten gibt es so eine Steuer. Und die Grünen sagen: „Hey, okay, da sollten wir keine Ausnahme sein, sollten uns von den Reichen auch etwas holen, um unser Budget zu sanieren und die staatlichen Leistungen zumindest beibehalten oder sogar weiter ausbauen zu können."
Die Gegenseite sagt, das sind Wirtschaftsliberale und Konservative, also zum Beispiel die ÖVP, die Industriellenvereinigung, die Agenda Austria, ein liberaler Thinktank. Die sagen, vor allem auch in Vertretung großer Unternehmen: „Österreich hat kein Einnahmenproblem, dass wir zu wenig Steuereinnahmen hätten, weil die sind auf einem Rekordhoch, sondern ein Ausgabenproblem. Österreich nimmt als Ganzes ganz, ganz viele Steuern ein und vor allem auf Einkommen aus Arbeitsleistung." Und erst einmal sollte der Staat schauen: „Hey, wie kriegen wir die Ausgaben, die Jahr für Jahr steigen, unter Kontrolle, bevor er lieber wieder neue Steuern erfindet?"
Und die konservative Argumentation gegen eine Erbschaftssteuer, die lautet: „Na ja, wenn Familien, wenn ein Mensch für seine Kinder sein Leben lang Vermögen aufbaut, dann soll er das auch unbesteuert weitergeben können, wenn er ableibt und das eben seinen Kindern hinterlassen will." Und dann gibt es noch eine ganze Ladung an kleineren Fragen, vor allem technischen Fragen: Wie man so eine Steuer gestaltet, wie man Immobilien bewertet, was man mit Familienunternehmen macht, die vererbt werden, weil da eine Abgabe darauf einzuführen, wäre wahrscheinlich für viele mittelständische Unternehmen ruinös. Also da sind viele, viele Fragen offen. Und das sind im Wesentlichen diese zwei Gegenpositionen. Einerseits: „Na ja, eine solche Steuer wäre gerecht und es verliert eigentlich niemand was, weil ein Erbe ist ja immer ein Vermögen, das man mehr bekommt und gar nicht erwartet hätte, das man vielleicht auch gar nicht selber verdient hat." Und auf der anderen Seite eben die Argumentation: „Na ja, okay, der Staat hat eh schon so viele Einnahmen, warum braucht er noch eine zusätzliche Steuer?" Und das sind diese beiden Positionen, die sich in Varianten gegenüberstehen.
Okay, und wie betrifft das uns?
Reden wir einmal darüber, wie das Modell der Grünen ausschauen würde. Ihr könnt das auch auf ihrer Website nachlesen. Die Idee ist: Die erste Million Euro jeder Erbschaft wäre komplett steuerfrei. Also bis zu einer Million Euro – das kann ein Haus sein und ein bisschen Bargeld dazu, Schmuck, was auch immer, alles zusammen. Wenn das unter einer Million Euro wert ist, dann gibt es auch weiterhin keine Erbschaftssteuer.
Für ein geerbtes Eigenheim, wo man entweder eh schon wohnt oder ein paar Monate nach der Erbschaft als Hauptwohnsitz einzieht, da gilt sogar ein zusätzlicher Freibetrag von 1,5 Millionen Euro. Auch ausgenommen sollen Bauernhöfe und kleine Familienbetriebe sein. Die soll man ebenfalls steuerfrei übergeben können.
Besteuert werden soll erst, was über dieser Schwelle liegt, über einer Million Euro wert, und zwar gestaffelt. Auf den Anteil zwischen einer Million Euro und fünf Millionen Euro Wert der Erbschaft werden dann 25 Prozent Steuern fällig. Also Hausnummer: Wenn man fünf Millionen Euro erbt, da ist einmal die erste Million steuerfrei, bleiben vier Millionen Euro, und auf die wird eine Steuer von 25 Prozent fällig. Das heißt, der Erbe muss eine Million Euro dem Staat abgeben und ihm bleiben drei Millionen Euro Gegenwert.
Dann auf die nächste Schwelle zwischen fünf und zehn Millionen Euro werden 30 Prozent fällig und ab zehn Millionen Euro 35 Prozent. Wer also 1,1 Millionen Euro erbt, zahlt auf die 100.000 Euro über dem Freibetrag 25.000 Euro Steuer.
Das klingt alles fürchtbar unkompliziert, wird aber natürlich dann, wenn zum Beispiel eine Villa vererbt wird, schwierig. Wenn die jemand bekommt, der selber kein Barvermögen hat, muss er schauen: „Okay, wo bekomme ich das Geld her? Verkaufe ich die Villa? Nehme ich mir einen Kredit?" Alles sehr, sehr technische Fragen, die dann aber im Einzelfall natürlich schlagend werden, gerade wenn ein lieber Verwandter oder eine Verwandte gestorben ist.
Diesen Freibetrag von einer Million Euro, den soll man aber nur einmal im Leben geltend machen können, damit nicht jemand, der mehrfach große Summen erbt, immer wieder von vorne anfängt. Die Frage ist: Betrifft das wirklich nur Superreiche? Eine Million Euro klingt einmal nach viel und ist auch nicht wenig, aber wenn man ein Haus in Wien oder Salzburg erbt, das vor 30 Jahren noch relativ günstig gebaut worden ist und heute halt deutlich mehr wert ist durch Wertsteigerung und die Inflation, dann kann man relativ schnell in die Nähe dieser Grenze kommen. Die Grünen verweisen darauf, dass der erhöhte Freibetrag von 1,5 Millionen Euro für das Eigenheim auch solche Fälle abdecken sollte. Aber ob das in der Praxis dann reicht, ist ein Streitpunkt.
Und eine große offene Frage ist natürlich: Wie bewertet man überhaupt Gebäude, die seit Jahrhunderten vielleicht teilweise schon in der Familie weitergegeben werden? Für die muss dann einmal ein Verkehrswert errechnet werden, also um wie viel Geld man dieses Haus verkaufen könnte. Und das ist halt in vielen Fällen ein fiktiver Wert. Aber es soll nicht wie früher ein Einheitswert genommen werden, ein sehr, sehr theoretischer, meistens zu niedriger Wert – wegen dem ist damals, 2008, die ursprüngliche Erbschaftssteuer in Österreich aufgehoben worden –, sondern eben dieser Verkehrswert herangezogen werden. Und da kann es natürlich bei den Preisen durchaus nach oben gehen. Gerade wenn, wie derzeit, wenig gebaut wird, werden die Häuser, die es schon gibt, tendenziell immer mehr wert. Und da wird man irgendwann relativ schnell einmal über diese Wertgrenzen kommen.
Aber gut, die Grünen schätzen, dass diese neue Steuer jährlich etwa 1,5 Milliarden Euro bringen würde. Zum Vergleich: Die alte Erbschaftssteuer vor 2008, die hat nur rund 150 Millionen Euro im Jahr gebracht, also etwa ein Zehntel. Und die Grünen stellen sich vor, das Geld soll in die Senkung der Einkommenssteuer für Geringverdiener und in die Schulen und Kindergärten fließen.
Man muss aber auch dazu sagen: 1,5 Milliarden Euro ist in der Gesamtsicht des Staates eigentlich nicht viel Geld. Ist natürlich nicht wenig, 1.500 Millionen Euro, 1,5 Milliarden. Aber allein das Bundesbudget, also der Ausgabenplan jedes Jahr, sieht Ausgaben von 120 Milliarden Euro vor, also signifikant mehr. Die Erbschaftssteuer wäre natürlich ein Nice-to-have für den Finanzminister, aber es wird jetzt das Kraut allein sicher nicht fett machen, sodass man fast gar keine anderen Steuern mehr bräuchte. Es wäre ein kleiner Tropfen in dieser Staatsfinanzierung, nicht ein kräftiger Wasserstrahl.
Und ist das schon fix?
Überhaupt nicht. Und ich traue mich auch zu wetten: Wir werden in dieser Legislaturperiode, also bis zur nächsten Nationalratswahl, planmäßig 2029, definitiv keine Erbschaftssteuer und auch keine Schenkungssteuer mehr bekommen. Warum?
Die Grünen sind eine Oppositionspartei und die Regierungsparteien, ÖVP, SPÖ und NEOS, haben eine solche Steuer einfach nicht in ihrem Programm. Die Regierungsparteien, die gemeinsam Gesetze beschließen können, da sind zwei der drei, nämlich ÖVP und NEOS, grundsätzlich gegen solche Erbschafts- und Schenkungssteuern, weil sie sagen: „Okay, Familien sollen sich Vermögen aufbauen können und außerdem sind die Steuern in Österreich eh schon so hoch."
Aber die dritte Partei, und das ist der Grund, warum die Grünen das jetzt strategisch so groß spielen, die SPÖ, die hätte sehr, sehr gerne eine Erbschaftssteuer. Aber immer, wenn eine Regierungspartei Kompromisse machen muss, um überhaupt einmal an der Regierung teilzunehmen und Teile ihres Programms durchzubringen, dafür muss sie halt andere Schwerpunkte aufgeben.
Immer, wenn so etwas passiert, findet sich meistens eine Oppositionspartei und sagt: „Aha, ihr habt eure Werte verraten und eure Ideen, eure Wahlversprechen vor der Wahl gebrochen. Wir würden ja sofort so eine Erbschaftssteuer einführen, aber ihr, SPÖ, macht das nicht." Und Grüne und SPÖ, das sind im österreichischen Parteienspektrum die sogenannten linken Parteien, die tendenziell auf mehr Steuern setzen, um einen größeren Sozialstaat zu finanzieren, also mehr staatliche Leistungen und dafür mehr Steuern.
Und zwischen diesen Parteien, SPÖ und Grünen, gibt es auch von Wahl zu Wahl immer einen relativ regen Wählertausch. Also manchmal, wenn die Grünen unbeliebter sind, wandern deren Wählerinnen und Wähler zur SPÖ und umgekehrt. Und die Grünen sehen da jetzt natürlich einen kleinen Lichtspalt quasi durch die Tür, wo sie sagen: „Okay, da können wir ansetzen und SPÖ-Wählerinnen und -Wähler, denen die Erbschaftssteuer ein Anliegen war und die vielleicht bei der letzten Nationalratswahl die SPÖ gewählt haben, wieder zu uns holen, weil die SPÖ dieses Versprechen offensichtlich nicht liefern kann in der Regierung."
Wir würden das zu einem Schwerpunkt machen und wir prügeln jetzt die SPÖ da vor uns her, dass sie das seit Langem fordert und nicht bekommt. Und wir würden das ganz anders machen in der Regierung. Natürlich, auch wenn es eine neue Regierung geben sollte, wahrscheinlich erst nach der nächsten Nationalratswahl, müssten die Grünen genauso eine Mehrheit dafür finden im Nationalrat unter den Parteien, die dann eine Mehrheit haben.
Derzeit, nach aktuellem Umfragestand, ist die nicht in Sicht. Selbst wenn SPÖ und Grüne sich zusammentäten, hätten die irgendwo um die 27, 28 Prozent der Stimmen bei einer Nationalratswahl, das reicht nicht einmal ansatzweise für eine Mehrheit, wenn sich diese Parteien zusammentäten, die grundsätzlich eine Erbschaftssteuer fordern. Aber es ist ein politisches Manöver und wir wissen nicht, was bei der nächsten Regierungsbildung herauskommt.
Und natürlich ist es für die SPÖ eine sehr, sehr unangenehme Angelegenheit, wenn ihr da von der Opposition vorgeworfen wird, eines ihrer grundsätzlichen Wahlversprechen gebrochen zu haben.
Und woher weißt du das eigentlich?
Die Grünen haben ihr Modell in den letzten Tagen mehrfach thematisiert. Wir haben schon dieses Opernballkleid angesprochen. Es gibt eine Website, gruene.at, überraschenderweise, wo ihr das alles nachlesen könnt. Ich habe auch mit dem Budget- und Finanzsprecher der Grünen, Jakob Schwarz, telefoniert und mir dieses Modell noch einmal erklären lassen. Nachlesen könnt ihr das Ganze auf gruene.at.
Also, ist das wichtig?
Na ja, ich finde diese politische Konstellation zwischen Opposition und Regierung immer spannend, weil die Opposition, die tut sich natürlich leicht. Die kann keine Gesetze beschließen, muss aber dafür auch keine Wünsche erfüllen. Und sich so hinzustellen und zu sagen: „Wir fordern jetzt das", auch wenn man schon weiß, es wird sicher nicht passieren, weil es dafür keine Mehrheit gibt, ist eine der Methoden, wie man in Österreich natürlich Politik macht und Politik inszenieren kann, dass man sagt: „Okay, wir stellen uns als Grüne hin und fordern das und das wäre eine gute Lösung, aber die Regierung macht es nicht." Immer ein spannender Prozess, zuzuschauen.
Und es wird natürlich auch interessant, welche Dynamiken sich da innerhalb der SPÖ auslösen, die in den nächsten Wochen Parteitag hat, also wo sich ihre wichtigen Vertreterinnen und Vertreter treffen und öffentlich diskutieren. Natürlich kann eine solche Initiative der Grünen dort auch Dynamiken auslösen, mit denen man noch nicht gerechnet hat. Aber insgesamt ist es eher nicht wichtig. Es wird jetzt keine Erbschaftssteuer kommen, weil es derzeit einfach keine Mehrheit dafür gibt. Aber es ist eine spannende politische Hin-und-her-Initiative, die es sich zu beobachten lohnt.
Und das war's mit dieser Folge „Ist das wichtig? Politik für Einsteiger". Die Idee dieses Podcasts ist, ein Einsteigerprogramm für Menschen zu bieten, die sich zwar für Politik interessieren, aber sich nicht jeden Tag damit beschäftigen. Ich freue mich über euer Feedback an podcast@istdaswichtig.at oder per Sprachnachricht an die WhatsApp-Nummer in den Shownotes. Und falls ihr in diesem Umfeld Werbung machen wollt, wendet euch bitte an office@missing-link.media.
Wenn ihr euch für Formate für Fortgeschrittene interessiert, möchte ich euch noch meine beiden E-Mail-Newsletter ans Herz legen: den Leitfaden, in dem ich immer dienstags aktuelle politische Themen für das Magazin Datum kommentiere, und „Einfach Politik", eine sachpolitische Analyse für die WZ, die jeden Donnerstag erscheint. Die Links zur kostenlosen Anmeldung für beide stelle ich euch in die Shownotes.
Und falls ihr mehr hören wollt: Ich gehöre auch zum Team von „Ganz offen gesagt", Österreichs bestem Gesprächspodcast für Politikinteressierte. „Ist das wichtig?" ist ein Podcast von mir, Georg Renner, in Kooperation mit Missing Link. Produziert hat uns Konstantin Kaltenegger. Die zusätzliche Audiostimme ist von Maria Renner, Logo und Design von Lilly Panholzer. Danke für Titel und Idee an Andreas Sator, Host des Podcasts „Erklär mir die Welt". Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Adieu.
Autor:in:Georg Renner |