Ist das wichtig?
Impfen in der Apotheke kommt

Die Bundesregierung hat diese Woche zehn Schwerpunkte für das erste Halbjahr 2026 vorgestellt – und einer davon ist überraschend konkret: Impfen soll künftig auch in Apotheken erlaubt werden. Klingt harmlos, ist aber ziemlich brisant, denn damit stellt sich die Regierung offen gegen die Ärztekammer. Warum Österreich bei Durchimpfungsraten international hinterherhinkt, wie das Apothekenimpfen in anderen Ländern funktioniert und wer da wem Konkurrenz machen will – darum geht's in dieser Folge.

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Transkript

Hi, grüß euch, herzlich willkommen bei „Ist das wichtig?" vom 27. Februar. Ihr habt es ja schon gehört in der gestrigen Folge: Die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS hat gestern, am Donnerstagabend, einige Schwerpunkte vorgestellt und wie sie sich im nächsten halben Jahr kümmern will.

„Ist das wichtig?" war der Regierung leider nicht, haha, wichtig genug, um eingeladen zu werden bei dem Hintergrundgespräch, bei dem das vorgestellt worden ist, aber ich habe immerhin eine kurze, eher dürre Aussendung mit diesen wichtigsten Punkten bekommen.

Und einer davon, oder einen davon, finde ich tatsächlich relativ konkret und spannend: Impfen soll nämlich in Zukunft auch in Apotheken erlaubt werden, bisher dürfen das ja nur Ärztinnen und Ärzte machen.

Wann das kommen soll, wie diese Maßnahme sich genau auswirken könnte und wer – surprise, surprise – dagegen ist, das werden wir jetzt in den nächsten paar Minuten besprechen. Mein Name ist Georg Renner, ich bin seit 18 Jahren politischer Journalist, und das hier ist „Ist das wichtig?" – Politik für Einsteiger. Ein Podcast, in dem wir aktuelle politische Entwicklungen so besprechen, dass man sie auch nebenbei noch gut verstehen kann.

Also Georg, was ist passiert?

Die Bundesregierung, also die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS, hat diese Woche zehn Schwerpunkte vorgestellt, in denen sie im ersten Halbjahr 2026 noch arbeiten möchte. Da steht alles Mögliche drin, vom Doppelbudget für die nächsten zwei Jahre – 2027/28, haben wir schon drüber geredet – über die Wehrdienstreform bis hin zur, auch sehr spannend, Social-Media-Altersgrenze.

Eins dieser Schwerpunktthemen ist aber deswegen besonders interessant, weil es, finde ich, der einzige konkrete Punkt in dieser Liste von zehn Schwerpunkten ist, nämlich: Unter dem Übertitel „Entbürokratisierung im Gesundheitsbereich" steht ein konkretes Vorhaben, nämlich Impfen in der Apotheke.

Das klingt jetzt nicht besonders dramatisch oder nach einer großen Reform, ist aber ein total interessantes und auch ein bisschen brisantes Vorhaben. Denn damit stellt sich die Regierung offen gegen die Ärztekammer, die gesetzliche Standesvertretung aller Ärztinnen und Ärzte in Österreich, und die stehen Impfungen in der Apotheke naheliegenderweise sehr, sehr ablehnend gegenüber, die wollen das nicht. Und die Regierung sagt jetzt: „Okay, wir machen es trotzdem."

Und wer sind die alle?

Im Zentrum stehen da drei Gruppen. Auf der einen Seite, wie gesagt, die Bundesregierung. Zuständig für Gesundheit ist Ministerin Corinna Schumann von der SPÖ, der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Ich sage es gleich: Die Regierung kann allein keine Gesetze beschließen, weil dazu braucht es natürlich den Nationalrat, den wichtigeren Teil unseres Parlaments.

Dorthin haben wir im September 2024 unterschiedliche Parteien gewählt, insgesamt fünf Parteien, der Größe nach geordnet FPÖ, ÖVP, SPÖ, NEOS und Grüne. Und nur dieses Parlament, dieser Nationalrat, kann Gesetze beschließen, unter anderem auch so eins, das das Impfen in Apotheken ermöglichen würde.

Im Nationalrat haben sich aber drei Parteien, die drei mittelgroßen Parteien ÖVP, SPÖ und NEOS, zu einer Koalition zusammengefunden und sich darauf geeinigt, ein bestimmtes Programm abzuarbeiten in den nächsten paar Jahren bis 2029. Und sie haben entschieden, gemeinsam eben auch eine Regierung zu bilden, die diese Gesetze dann umsetzt. Und deswegen können die drei Parteien sagen: „Okay, wir haben vor, jetzt das Impfen in der Apotheke zu ermöglichen", und können damit auch mit ihrer Mehrheit, die sie im Parlament gemeinsam haben, ein entsprechendes Gesetz beschließen.

Ihnen gegenüber stehen zwei Kammern. Kammern sind gesetzliche Standesvertretungen, da müssen alle Angehörigen einer bestimmten Berufsgruppe Mitglied sein, zwangsweise. Auf der einen Seite die Ärztekammer, die naheliegenderweise die Ärztinnen und Ärzte Österreichs vertritt, und auf der anderen Seite die Apothekerkammer, wo – ihr habt es schon erraten – Apothekerinnen und Apotheker Mitglied sein müssen.

Und die beiden Kammern stehen sich da in diesem Bereich gegenüber, die wollen völlig unterschiedliche Sachen. Ärztinnen und Ärzte sagen: „Na ja, Impfen können nur wir, die die medizinische Ausbildung haben, wissen, wie der Körper funktioniert und so weiter." Auf der anderen Seite stehen Apothekerinnen und Apotheker und sagen: „Hallo, wir können das auch, wir wissen genau, wie sich welche Stoffe auf den Körper auswirken und so weiter, und wir haben vor allem viel mehr Niederlassungen in ganz Österreich und könnten damit das Impfpotenzial viel besser ausschöpfen, weil die Leute einfach nur in die Apotheke gehen müssten und sich gleich dort impfen lassen, statt dass sie zuerst in die Apotheke kommen, Impfstoff kaufen, zum Arzt gehen und, und, und."

Und ja, diese beiden Standesvertretungen – Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr von der Apothekerkammer und Johannes Steinhart von der Ärztekammer – die haben das in den vergangenen Jahren auch immer wieder betont: „Entweder nur wir Ärzte können impfen" oder „Apothekerinnen und Apotheker, na, wir könnten es locker auch."

Und warum diskutieren die da darüber?

Zum einen ist es ein Kompetenzstreit zwischen zwei Berufsgruppen, hat aber einen sehr, sehr realen und ich würde sagen, sehr, sehr wichtigen Hintergrund. Österreich hat mittlerweile bei mehreren Krankheiten, bei mehreren Seuchen ein riesiges Problem mit der Durchimpfungsrate. Zum Beispiel bei der Dreifachimpfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten: Da liegt Österreich in einem Ranking der WHO nur auf Platz 130 von 190 Ländern. Bei der Grippeimpfung ist die Durchimpfungsrate Ende November 2025 noch unter 9 % gewesen, empfohlen war zumindest bei älteren Menschen 75 %. Bei der Masernimpfung – die Masern galten in Österreich schon als ausgerottet – da sind wir jetzt vor Kurzem wegen einer Epidemie 2024 wieder zurückgereiht worden im WHO-Ranking. Warum? Auch wieder, weil wir die Durchimpfungsraten nicht zusammenbringen und sich die Leute einfach nicht in ausreichendem Maß impfen lassen.

Die Apothekerkammer und ihre Unterstützer, zum Beispiel die Österreichische Gesundheitskasse und der Seniorenrat, die sagen: „Das liegt unter anderem auch daran, dass der Zugang zu Impfungen zu kompliziert ist. In den rund 1.500 Apotheken in Österreich, wo täglich, Zahlen der Apothekerkammer, rund 500.000 Menschen ein- und ausgehen, da wäre der Zugang viel niederschwelliger – einfach reingehen und während man, weiß nicht, einen Reflex für die Kinder kauft, gleich die Impfung mit erledigen lassen." So ist es auch schon in zig anderen Ländern, allein in 15 europäischen Ländern funktioniert das problemlos, dass man sich in Apotheken impfen lässt: Frankreich, der Schweiz, Deutschland und so weiter.

Anders sieht das die Ärztekammer. Die sagen: „Impfen ist halt weit mehr als nur ein Stich, es braucht eine Anamnese, also ein genaues Abfragen der Krankengeschichte, Aufklärungsgespräche, Nachbeobachtung, damit man auch im Fall einer schweren allergischen Reaktion, die es bei Impfungen ausnahmsweise ganz, ganz selten auch geben kann, sofort reagieren könnte." Dafür bräuchte man eben ein Medizinstudium und nicht, wie die Ärztekammer das formuliert, einen „Schnellsiedekurs".

Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sagen: Es steckt auch ein beträchtliches wirtschaftliches Interesse dahinter. Impfungen bekommen Ärztinnen und Ärzte von den Krankenkassen in der Regel abgegolten, oder man muss sie selber zahlen. Und natürlich verdienen die Geld damit, und niemand ist erpicht darauf, auf einmal neue Konkurrenz zu bekommen. Momentan ist das eben ein Monopol der Ärztinnen und Ärzte aus diesen historischen Gründen, dass man sagt: „Na okay, man braucht eine medizinische Ausbildung." Aber man sieht halt in anderen Ländern: Geht auch ohne.

Okay, und wie betrifft das uns?

Ganz direkt. Stellt euch vor, ihr wollt euch hausnummer gegen die Grippe impfen lassen. Im Moment braucht es einen Arzttermin, der Arzt muss den Impfstoff lagernd haben oder ihr müsst ihn überhaupt erst aus der Apotheke holen und mitbringen, und ihr müsst euch möglicherweise auch den halben Vormittag freischaufeln, weil der Arzt in eurem Ort nur am Vormittag ordiniert.

Wenn Impfungen in den Apotheken erlaubt werden, könnte das halt viel flexibler ausschauen. Ihr geht in die Apotheke, weil ihr vielleicht dort sowieso irgendwas zu tun habt, irgendeinen Tee kauft oder ein Medikament braucht, und lasst euch dort gleich impfen.

In Deutschland, wo Apotheken seit ein paar Jahren gegen Grippe und Covid impfen dürfen, hat eine Studie ergeben, dass 17 % der Geimpften sich ohne das Apothekenangebot gar nicht hätten impfen lassen. Und wichtig ist natürlich auch: Es geht nur um ein zusätzliches Angebot, eine Ausweitung dieses Angebots, nicht um einen Ersatz.

Die Apothekerkammer betont natürlich, dass es vor allem um Auffrischungsimpfungen bei Erwachsenen geht, also Grippe, FSME, Covid. Kinderimpfungen sollten ohnehin ausschließlich in Ordinationen bleiben, weil man da eben wirklich genau hinschauen möchte. Es kämen also neue Möglichkeiten dazu für diese Impfungen, aber es fiele nichts weg. Wer sich beim Arzt sicherer fühlt, kann und soll nach wie vor zum Arzt gehen.

Und ist das schon fix?

Nein, wir haben eigentlich nur diese Zehn-Punkte-Liste, die die Bundesregierung ausgeschickt hat an einzelne Journalistinnen und Journalisten. Ich habe da auch einige Fragen nachgeschickt, unter anderem, wann das umgesetzt werden soll, was die Ärztekammer dazu sagt und so weiter. Darauf hat mir der Sprecher des Bundeskanzlers, der diese Liste ausgeschickt hat, noch nicht geantwortet.

Ich reiche das in den nächsten Tagen natürlich gerne nach, weil mich auch interessiert, wie konkret das ist, wann das kommen soll, ab wann es gelten soll, für welche Impfungen. Ganz, ganz viele Fragen noch offen, aber wie gesagt, einen konkreten Gesetzesentwurf gibt es noch keinen. Aber sehr wahrscheinlich wird es so sein, dass es die Mehrheit dafür gibt.

Die Grünen, eine der anderen Parteien im Nationalrat, derzeit in Opposition, also nicht Teil der Regierung, die haben schon 2025 einen entsprechenden Antrag im Parlament eingebracht, den haben die Regierungsparteien damals aber noch vertagt. Aber jetzt schaut es so aus, mit dieser Ankündigung, dass das wirklich kommen könnte. Die Details sind aber, wie gesagt, noch offen; mehr als diese eine Zeile im ankündigenden Dokument gibt es nicht.

Und woher weißt du das eigentlich?

Wie gesagt, gestern Abend gab es eine Informationsveranstaltung des Bundeskanzleramts. „Ist das wichtig?" war nicht eingeladen, so wie etliche andere Medien auch. Das Bundeskanzleramt hat sich da halt einige Medien ausgesucht, die es einlädt, die haben dann auch Nachfragen stellen können. Ich war leider nicht dabei, aber ich bleibe am Ball. Ich habe aber diese Medieninformation bekommen, die stelle ich euch gerne auch in die Shownotes.

Und es gibt schon etliche Reaktionen drauf. Ich habe unter anderem mit der Ärztekammer schon Kontakt gehabt, die haben mich auf eine Aussendung von vor ein paar Tagen verwiesen, die ich euch ebenfalls verlinke, wo Ärztekammerpräsident Steinhart sich natürlich dafür ausspricht, dass das bei den Ärztinnen und Ärzten bleiben sollte. Ich verlinke euch auch noch einen sehr gescheiten Artikel meines Kollegen Göksal Baltaşi von der Presse, der recherchiert immer exzellent zu Gesundheitsthemen, verlinke ich euch ebenfalls in den Shownotes.

Also, ist das wichtig?

Ich finde es schon wichtig. Ich fände das persönlich eine gute Sache, wenn man die Impfmöglichkeiten ausweiten könnte, und ich halte es vor allem für essenziell, die Impfquoten bei Krankheiten wie den Masern in Österreich zu steigern, damit wir diese depperten Krankheiten, die im Ernstfall sogar tödlich enden können oder mit schwersten Behinderungen fürs ganze Leben, damit wir die endlich loswerden. Wir haben wissenschaftlich die Möglichkeiten dafür, und da soll es wirklich nicht an der Zugänglichkeit scheitern. Aber die Gesundheit muss immer gewährleistet sein, und ich bin sehr gespannt, wie der Gesetzesentwurf in den nächsten Wochen ausschauen wird, der da auf uns zukommen soll, und wie darauf eingegangen wird. Ich bleibe jedenfalls am Ball, ihr hört es von mir.

Und das war es mit dieser Folge. „Ist das wichtig? Politik für Einsteiger." Die Idee dieses Podcasts ist, ein Einsteigerprogramm für Menschen zu bieten, die sich zwar für Politik interessieren, aber sich nicht jeden Tag damit beschäftigen. Ich freue mich über euer Feedback an podcast@istdaswichtig.at oder per Sprachnachricht an die WhatsApp-Nummer in den Shownotes. Und falls ihr in diesem Umfeld Werbung machen wollt, wendet euch bitte an office@missing-link.media.

Wenn ihr euch für Formate für Fortgeschrittene interessiert, möchte ich euch noch meine beiden E-Mail-Newsletter ans Herz legen: den Leitfaden, in dem ich immer dienstags aktuelle politische Themen für das Magazin Datum kommentiere, und „Einfach Politik", eine sachpolitische Analyse für die WZ, die jeden Donnerstag erscheint. Die Links zur kostenlosen Anmeldung für beide stelle ich euch in die Shownotes. Und falls ihr mehr hören wollt: Ich gehöre auch zum Team von „Ganz offen gesagt", Österreichs bestem Gesprächspodcast für Politikinteressierte.

„Ist das wichtig?" ist ein Podcast von mir, Georg Renner, in Kooperation mit Missing Link. Produziert hat uns Konstantin Kaltenegger. Die zusätzliche Audiostimme ist von Maria Renner, Logo und Design von Lilly Panholzer. Danke für Titel und Idee an Andreas Sator, Host des Podcasts „Erklär mir die Welt". Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Adieu.

Autor:in:

Georg Renner

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