Bühneneingang
Ein Jahr Schwarz-Rot-Pink: eine kulturpolitische Bilanz - mit Anke Schad-Spindler

Seit einem Jahr ist die Koalitionsregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS im Amt - seit einem Jahr zeichnet SPÖ-Vizekanzler Andreas Babler für die kulturpolitischen Agenden verantwortlich: Ein guter Zeitpunkt, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wie ernst nimmt das Kulturressort sein Versprechen, auch in schwierigen Zeiten "verlässliche Rahmenbedingungen" zu schaffen? Welche Projekte sind gelungen und wo besteht akuter Handlungsbedarf? Und was kann eine Ressortspitze bewirken, die ständig in innerparteiliche Machtkämpfe verwickelt ist? In Folge 81 analysiert wieder Anke Schad-Spindler, wissenschaftliche Leiterin des Instituts Educult.

Fabian Burstein

Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstern, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.

Meinen heutigen Gast muss ich Bühneneingang-Hörer:innen gar nicht mehr vorstellen, denn Anke Schad-Spindler hat mich bereits zweimal im Studio besucht, konkret für Folge 12 und 32. Beide Male ging es um eine Analyse des aktuellen kulturpolitischen Geschehens. Beide Male hat Anke Schad-Spindler mit ihrem sachlichen Blick auf die großen und kleinen Zusammenhänge von Kunst, Macht und Gesellschaft für viel positives Feedback gesorgt.

Und deshalb wollte ich die wissenschaftliche Leiterin des Instituts EduKult wieder einladen, um mit mir Resümee zu ziehen, Resümee zu einem Jahr Schwarz-Rot-Pink, natürlich in Bühneneingang-Manier, also aus einer kulturpolitischen Perspektive. Wo konnte das Kulturressort realisieren und wo gab es Schwierigkeiten? Wie gut sind die Verantwortlichen für den allerorts omnipräsenten Kulturkampf gewappnet? Und was dürfen wir noch von einem Vizekanzler und Kulturminister erwarten, der permanent in parteiinterne Machtkämpfe verstrickt ist?

Liebe Anke, danke, dass du wieder deinen Stammplatz hier im Missing Link Studio eingenommen hast.

Anke Schad-Spindler

Dankeschön, lieber Fabian, und schön, wieder Bühneneingang mit dir zu stehen.

Fabian Burstein

Lass uns gleich reinspringen. Du hast in der Folge 32, und das ist jetzt rund ein Jahr her, das war ja damals zum Antritt der Regierung, auf der wir haben damals analysiert das Regierungsprogramm. Du hast ja da schon auch einen durchaus kritischen Blick auf die kulturpolitische Landschaft geworfen, hast auch immer wieder so ein bisschen eine strukturelle Trägheit attestiert beziehungsweise in deinen Analysen durchklingen lassen.

Jetzt haben wir seit einem Jahr eine Dreierkoalition mit Andreas Babler als Vizekanzler, Christian Stocker als Kanzler. Hat sich die Dynamik verändert oder erleben wir nur, wie soll ich sagen, Nostalgieverwaltung?

Anke Schad-Spindler

Spannende Frage. Und ich hatte jetzt in den letzten Tagen, weil ich ein bisschen krank im Bett lag, die Gelegenheit, dass ich einige Folgen von deinem Podcast aufgeholt habe. Und da habe ich mir dann gedacht: Was ist eigentlich Kulturpolitik? Es ist doch auch viel mehr als das, was die von dir angesprochenen Menschen in Regierungsverantwortung tun. Es gibt viele Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Positionen mit kulturpolitischen Themen befassen. Das heißt, Kulturpolitik ist ja im Wesentlichen auch zivilgesellschaftlich getragen. Und gerade das finde ich so aus demokratiepolitischer Sicht ganz wichtig. Aber klar, heute soll es um auch diejenigen gehen, die in Regierungsverantwortung momentan sind.

Und du sprichst es an, strukturelle Trägheit. Die Frage ist so: Was kann man machen, wenn das Budget knapp ist? Ich glaube, das war das letzte Jahr immer die große Unsicherheit und auch das, was eben so stark nach außen gedrungen ist, wenn es um Kulturpolitik geht, also der Sparstift. Und das war im letzten Jahr noch nicht so massiv, wie es im heurigen Jahr 2026 sein wird, mit 40 Millionen weniger im Kulturbudget. Und da ist dann eben auch die Frage: Wen treffen diese Kürzungen? Da können wir vielleicht gleich noch dazukommen.

Fabian Burstein

Im Programm 25, das wir ja so ausführlich besprochen haben, da gibt es schon ein ziemlich großes Versprechen, nämlich die sogenannten verlässlichen Rahmenbedingungen. Ist das nicht ein bisschen ein paradoxes Versprechen angesichts einer Situation, wie du sie beschrieben hast? Hätte man da nicht von Anfang an reinschreiben müssen: Im Rahmen von unverlässlichen Rahmenbedingungen werden wir das Beste rausholen?

Anke Schad-Spindler

Ja, das ist so die Frage, was ist realistisch und was ist sozusagen politische Programmatik, um eben dann auch zu überzeugen, dass man doch die Macht hat, etwas zu tun. Und wenn man eben das auch anschaut, wie Vizekanzler Babler auch argumentiert im Parlament, dann sind das die Argumente von: Ja, wir müssen sparen, aber wir schauen, dass das diejenigen, die die breitesten Schultern haben, am meisten tragen. Und das ist die Rhetorik auf der einen Seite.

Und Yvonne Gimpel, die Geschäftsführerin von der IG Kultur Österreich, also dem Dachverband der Freien Kunst- und Kulturinitiativen, hat da auch in ihrem Resümee letztes Jahr sehr gut zusammengetragen, wen werden diese Kürzungen treffen. Und sie kommt zu dem Schluss, dass ein Großteil, nämlich von diesen 40 Millionen Kürzungen, 11 Millionen doch die freie Kunst- und Kulturszene treffen werden. Und was sind das? Das sind Vereine, die für die Nahversorgung auch im ländlichen Raum sorgen. Das sind Vereine, die stark ehrenamtlich getragen sind, die sich von Projekt zu Projekt hangeln mit kleinen Basisfinanzierungen, wo vielleicht so ein, zwei Menschen dort die Dinge zusammenhalten. Und da geht es auch um die kulturelle Vielfalt.

Und wenn das ein Argument ist, was ja auch im Regierungsprogramm und rhetorisch vorgetragen wird, und dann sieht man aber, dass hier doch stark gekürzt wird, wo eigentlich nichts zu holen ist, da muss man eben schon fragen: Wo ist der Gap zwischen guter Absicht und realpolitischer Handlung?

Fabian Burstein

Würdest du so weit gehen, von einem gebrochenen Versprechen zu reden oder wäre das zu hart?

Anke Schad-Spindler

Ich weiß gar nicht, ob es als Versprechen wahrgenommen wurde. Also das ist so die Frage: Vertraut man überhaupt jemandem noch? Und das ist eine ganz wichtige Frage, glaube ich, überhaupt, wenn wir über Politik reden.

Fabian Burstein

Das ist eine dramatische Frage.

Anke Schad-Spindler

Ganz dramatisch, genau. Also ich glaube, es war von vornherein klar, dass also man schaut sich ja auch die weltpolitische Lage an, man sieht die Kosten, die ständig steigende Inflation, dass es eher um Kürzungen gehen wird, als um Dinge zu halten.

Aber es ist eben schon die Frage, wenn man gerade auch diese Problematiken sieht, also Vertrauensverlust in Politik, Erosion von Demokratie, Aufstieg von autoritären Strukturen, warum man dann nicht mutiger und auch relevanter diese Themen bespielt, auch in der Kulturpolitik, weil da ist es sehr notwendig für die Zukunft.

Und da gibt es zum Beispiel in Deutschland schon Programme, die interessanterweise auch vom Landwirtschaftsministerium mitfinanziert werden, um demokratische Beteiligung in den ländlichen Raum zu bringen. Ich rede da über das Programm Allerland zum Beispiel, was wir mit EduKult auch bis 2030 übrigens begleiten dürfen.

Und so was vielleicht in Österreich auch mal auszurollen, ganz bewusst zu sagen: Wir gehen dorthin, wo die Menschen keine Mobilität haben, wo sie vereinsamen, und versuchen, die wieder zusammenzubringen über Kultur, auch wenn es vielleicht politisch unterschiedliche Positionen gibt. So was wäre mal ein mutiger Move, denke ich.

Fabian Burstein

Das ist etwas sehr Konkretes und das ist ein Punkt, den ich gerne mit dir besprechen würde. In anderen Ressorts merke ich eine gewisse Wertschätzung gegenüber den Akteurinnen und Akteuren. Ich spreche da zum Beispiel vom Justizressort, aber auch vom Finanzressort, weil da sehr konkret Themen angepackt werden, dann mit wirklich greifbaren Strategien hinterlegt.

Denn diese Strategien sind dann natürlich unter Umständen auch hochkontrovers, aber sie müssen durchgestritten werden und dann kommt da das eine oder andere auf die Schiene, während man, und das ist die Kritik, die ich oft höre, eben in den Kunst- und Kulturfragen immer in allgemein rhetorischen, durchaus auch richtigen allgemeinen Plätzen bleibt und es nie quasi an den Kern geht, an das Programm. Würdest du diesen Eindruck teilen oder ist das ungerecht?

Anke Schad-Spindler

Man muss vielleicht schon noch mal differenzieren. Also es gibt ja auch jetzt einige Maßnahmen, die angestoßen wurden, zum Beispiel die Musikstandortstrategie oder so, wo ich doch sehe, da ist ein programmatisches Bemühen, dass man hier mitten im Beteiligungsprozess der Musikszene, die ja per se total vielfältig ist, auch versucht, konkrete Probleme zu adressieren. Also ich würde es schon noch mal differenzieren, aber ich vermisse so ein bisschen dieses den gesamtgesellschaftlichen Blick, den ja die Kulturpolitik, wenn wir jetzt an die Wurzeln gehen, so 80er-Jahre, denke ich, dieses demokratiepolitische Moment, was in der Kultur auch drin ist oder erzeugt werden kann, dass man das noch offensiver adressiert. Kanzler Babler, Vizekanzler Babler hat ja auch gesagt, er sieht sich auch als Demokratieministerium. Und das ist doch ein tolles Schlagwort, was man auch aufnehmen kann und das programmatisch unterlegen.

Fabian Burstein

Jetzt bin ich an einem Punkt nur hängengeblieben in deinen Ausführungen, wo du ja zitiert hast. Du hast gesagt, wir sprechen von einem Volumen von 40 Millionen Euro, das nicht mehr zur Verfügung steht.

Wir sprechen von Einsparungen in der Höhe von rund 11 Millionen, die dann doch wieder die freien Einrichtungen oder die dezentrale Freiheitsszene trifft. Dann sind ja aber doch immerhin fast 75 Prozent oder ein bisschen weniger als 75 Prozent, die woanders eingespart werden. Wo ist denn dieses andere?

Anke Schad-Spindler

22 Millionen beim Film, Filmförderung. Das war ja letztes Jahr auch ein Thema, was auch öffentlich sehr kontrovers auch diskutiert wurde, also mit dem ÖFI-Plus-Fonds, der gestoppt wurde, der jetzt, glaube ich, wieder anläuft.

Und der Filmbereich ist ja per se sehr komplex auch. Da geht es um internationale, nationale Koproduktionen. Und wenn da ein Puzzlestein mit dieser Förderung fehlt und diese Produktionen ja per se schon mit ganz vielen Risiken verbunden sind, dann sorgt das natürlich für große Planungsunsicherheit.

Und das war ja auch paradox, weil ja der österreichische Film international sehr viele Erfolge feiert. Und warum er dann auch mit dem Argument, da geht so viel Geld an internationale Produktionsfirmen, diesen Fond gestoppt hat, das war für viele unverständlich. Aber auch da wurde ja wieder auch ein Prozess gestartet, die Leute doch wieder an den Tisch zu holen, die davon betroffen sind. Und soweit ich jetzt herauslesen konnte, gibt es da schon auch interessante Ideen, zum Beispiel Streamingabgabe oder so, dass man Geld von anderer Seite reinholt wieder.

Fabian Burstein

Es gab ja da ein Zitat, das viele verärgert hat, nämlich, dass die Förderung aus dem Ruder gelaufen sei. Was könnte damit gemeint sein?

Anke Schad-Spindler

Also soweit ich das verstanden habe, war die Förderung nicht gedeckelt. Also es war nicht klar, wie viel Geld zur Verfügung stand, und deswegen wurde da sozusagen zu viel Geld verteilt. Und das ist natürlich wichtig, dass man sagt, wir haben so viel zur Verfügung, wir sortieren nach den Kriterien, wem wir diese Förderung geben. Und diese Kriterien wurden jetzt, glaube ich, auch nachgeschärft, dass man sagt, vor allem eben kleinere, unabhängigere Filmfirmen zu unterstützen und Newcomer zu unterstützen, was ja auch für Förderung total sinnvoll ist. Also genau eben die kleineren, schwächeren mit öffentlichen Geldern zu unterstützen.

Fabian Burstein

Ich habe ja letzte Woche mit dem ehemaligen Vizekanzler und aber auch damaligen Kunst- und Kulturminister Werner Kogler gesprochen, der sich darüber beklagt hat, dass die Arbeit im Ausschuss sehr beschwerlich ist, vor dem Hintergrund, dass es offenbar an banalen Dingen hapert wie Terminkoordination, was man ja eigentlich nicht glauben kann. Und dann habe ich begonnen, mich dafür das Thema wiederum stärker zu interessieren.

Ich habe normalerweise immer eher den Wiener Kulturausschuss lustigerweise auf dem Schirm und habe in der Parlamentskorrespondenz einen Bericht über einen Ausschuss, ich glaube, im Oktober gefunden. Und da findet sich, genau, Parlamentskorrespondenz Nummer 957 vom 23.10., und da findet sich einer dieser Sätze, der ein bisschen schon Themen zusammenfasst, die wir hatten, Konkretheit, Tonalitäten, Umgang mit Szenen, Förderfragen.

Da dürfte nämlich es um die Strategie der Förderpolitik gegangen sein. Und da steht drinnen, was die Filmförderung betreffe, verwies Babler Abgeordnete Karin Auer auf eine technische Arbeitsgruppe seines Ressorts mit dem Finanzministerium und Branchenvertretern. Konkrete Ergebnisse erwartet Babler aufgrund der Komplexität der Frage erst für die zweite Jahreshälfte 2026, eine Investment Obligation sei damit erst mit Beginn 2027 zu erwarten. Also das kann ja wohl nicht wahr sein, oder?

Anke Schad-Spindler

Ja, also konkret geht es ja genau um diese Abgabe von den großen amerikanischen Streamingkonzernen, dass die ein Reinvest machen in den Ländern, wo sie einfach auch ja vorkommend tätig sind, Gewinn machen. In Deutschland hat man das jetzt schon konkreter auf den Weg gebracht, so wie ich es verstanden habe, also mit dem über den Herrn Weimar vor allem, dass man da 8 Prozent als Mindestsatz angesetzt hat oder ansetzen möchte. Es ist, glaube ich, noch nicht entschieden. Und aber auch ein Anreizsystem bis zu 12 Prozent, also für die, die mehr bereit sind zu investieren, dass die dann wiederum auch wieder Zugänge zu anderen Förderungen und so weiter bekommen. Und also ich glaube, an solchen Modellen kann man sich sicher orientieren.

Ich glaube, eines der Probleme ist mit diesen Zeithorizonten, dass das ja alles sehr komplexe Entscheidungswege sind. Also da muss sich erst einmal die Koalition einig werden, welches Modell ist sinnvoll. Dann muss man vielleicht auch mit den Konzernen und mit Leuten aus der Branche noch mal zusammensitzen, dass man da einen guten Kompromiss findet. Dann muss das Ganze eben durch den Weg des Parlaments gehen. Und ich glaube, von daher ist es so, dass man eigentlich unruhig ist, wann passiert es endlich. Aber ich glaube, die Fristen im Politischen sind einfach so lang.

Und wenn du sagst, gerade in so Ausschüssen werden dann auch Termine verschoben, nicht wahrgenommen, weil vielleicht andere Dinge prioritärer sind. Ja, und zusätzlich zu der ganzen Unsicherheit hält die Regierung, hält sie nicht.

Fabian Burstein 

Aber das heißt, es gibt hier, und da war jetzt deine Antwort wichtig, es gibt hier zwei Wahrheiten. Ja, da gibt es einen, du hast ja von der strukturellen Trägheit letztes Mal gesprochen, da gibt es eine strukturelle Trägheit, die offenbar nicht mehr konform geht mit den Herausforderungen, die sich einfach durch die Tech-Konzerne ergeben und die auch die Filmförderung natürlich betreffen.

Andererseits muss man auch ehrlich sagen, der Vizekanzler hat diese Strukturen nicht erfunden, per se jetzt mal in seiner Legislaturperiode. Das heißt, das, was er da sagt, hat schon Hand und Fuß vor dem Hintergrund, so ist es jetzt nun einmal und deshalb ist der Weg so.

Anke Schad-Spindler

Ich denke schon, die Frage ist, kann man bestimmte Handlungsspielräume vielleicht doch noch mal effizienter gestalten, beschleunigen, indem man zum Beispiel ja auch in der Verwaltung Leute hat, die sich da ganz spezifisch dahinterklemmen und das voranbringen? Hat man da die Kapazitäten? Hat man genügend Rückhalt aus den anderen Fraktionen, die da mitpushen, dass das Thema voranzubringen? Also ich glaube, man kann schon innerhalb von diesen Trägensystemen Dinge pushen, wenn sie eben von verschiedenen Leuten als wichtig erachtet werden.

Fabian Burstein

Im Regierungsprogramm steht auch viel zum Thema Personalpolitik und hier auch viel über das Thema Transparenzregeln, weil wahrscheinlich ein unmittelbares Resultat aus der Vorgänger- beziehungsweise Vorvorgängerregierung, die ja an solchen Themen zerschellt ist, an der einen oder anderen Stelle. Also das betrifft jetzt nicht per se die Kunst und Kultur, sondern insgesamt, aber auch die Kunst und Kultur.

Es gab eine absolute Schlüsselpersonalie, die in diese Ära reingefallen ist. Das war die Geschäftsführung der Bundestheater Holding. Es geht derzeit das Gerücht um, dass es eine Anzeige bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gäbe wegen einer nicht gut bewältigten Besetzung, die da vonstattengegangen ist. Wie würdest du das einordnen? War das ein glücklicher Zug, jemanden, der ganz offensichtlich nicht aus der Branche kommt, damit zu betrauen, so nach dem Motto ein Blick von außen? Oder glaubst du, war das ein großer strategischer Fehler, weil es ein falsches Signal ausgesendet hat?

Anke Schad-Spindler

Also du weißt sicher mehr als ich jetzt, was so diese konkreten Hintergründe angeht zu der Besetzung. Mir ist nur aufgefallen, auch immer im Hören von deinen Podcasts mit dem Rudolf Scholten und auch mit dem Werner Kogler, dass immer wieder, wenn es um Besetzungen geht, genannt wird, ja, die Person ist mit Leidenschaft an der Kunst dran, mit Leidenschaft.

Auch wenn sie nicht aus der Kunst kommt, ist diese Person einfach leidenschaftlich gegenüber der Kunst. Und ich finde, das ist was, wo ich wirklich Bauchschmerzen kriege, wo ich mir denke, wie kann man in heutigen Zeiten, wo wir, also es gibt seit 50 Jahren das IKM, das Institut für Kulturmanagement an der Universität für Musik und Darstellende Kunst, der älteste Studiengang im deutschsprachigen Raum. Das heißt, da gibt es Kohorten von ausgebildeten KulturmanagerInnen, die genau diese Kompetenzen haben, die es braucht an solchen Positionen, also nämlich zu koordinieren zwischen rechtlichen Fragen, künstlerischen Vermittlungsfragen etc. etc.

Und warum wird dann so ein antiprofessionelles Momentum von Leidenschaft, was man, glaube ich, in keiner anderen Branche als Begründung heranziehen würde?

Fabian Burstein

Im Marketing noch manchmal, ja.

Anke Schad-Spindler

Möglicherweise, ja, aber das ist ja auch ein kulturnaher Berufszweig vielleicht. Aber du hast ja auch viel mit dem Thema Machtmissbrauch in deinem Podcast immer wieder zu tun. Und ich glaube, Leidenschaft muss man unter ganz großen Fragezeichen sehen. Und dass wir in Österreich abseits davon auch jetzt auch Prozesse haben, wo es um Freundalwirtschaft etc. geht, dass ja das vielleicht auch Teil dieser Misskultur im Politischen ist.

Fabian Burstein

Ist es vielleicht auch ein bisschen eine Generationenfrage, dass man sich, dass jetzt eben eine Generation nachrückt, die sich das verbittert, ständig auf so eine emotionale Argumentationsebene gezogen zu werden?

Ich muss ja ganz ehrlich sagen, man sagt ja auch nicht zu einem Finanzvorstand, man gibt ihm den Job, weil er so eine große Leidenschaft für Finanzen hat, sondern weil er im Idealfall seine Zahlen im Griff hat.

Und ich begegne das immer öfters bei jüngeren Akteurinnen, dass sie sich das verbitten, zu sagen, wir sind quasi eine begeisterte junge Truppe, die gerne Kunst und Kultur macht, sondern die darauf besteht, zu sagen, nein, wir haben gewisse Schlüsselkompetenzen rund um das Thema erworben und erwarten uns auch, dass die ausspielbar sind.

Anke Schad-Spindler

Absolut. Also es ist einfach ein ganz professionelles Arbeiten und die Ausbildungen sind auch längst nicht mehr so informell, wie sie vielleicht noch vor einigen Jahrzehnten waren.

Das hat sicher auch Nachteile, diese ganze Formalisierung, Qualifizierung, weil Leute nicht mehr so leicht vielleicht an die Jobs kommen. Also es ist vielleicht nicht mehr so durchlässig. Aber ich glaube, gerade wenn es um Fragen von Compliance geht, auch wie sehe ich vielleicht bestimmte Red Flags, wo es um Diskriminierung geht, da ist die nachfolgende Generation hoffentlich, hoffentlich, ich weiß es nicht, doch sensibilisierter als vorhergehende.

Fabian Burstein

Wir hatten hier im Podcast noch ein anderes heikles Thema, das den Herbst 25 bewegt hat, den Kulturherbst 25, nämlich das Thema Currenzis und Kunstkurie. Kurz zusammengefasst, die Kunstkurie hat Currenzis offenbar schon in der Ära Kogler für einen Ehrenpreis und damit auch für die Aufnahme, die aneinander gekoppelt sind, vorgeschlagen.

Der Akt ist aus diversen Gründen nicht an den Bundespräsidenten gegangen, an Andreas Babler beziehungsweise an seine Behörde übergeben worden, der das jetzt dann mehr oder weniger nachgeholt hat. Also das Bummerl darf man ihm jetzt nicht unmittelbar, glaube ich, zuschreiben, sondern da waren nur der Überbringer der Botschaft.

Was hat uns das gelehrt? Sind solche Gremien wie eine Kunstkurie, die sich ja selbst wählt, also wenn einer ausscheidet, wählt sie sich selbst einen Nachfolger. Ist das noch zeitgemäß und sollten solche Gremien Zugriff auf die Entscheidungen zu so hohen Auszeichnungen haben?

Anke Schad-Spindler

Also ich glaube, kurz gesagt, es ist nicht mehr zeitgemäß. Also es braucht da ein transparentes Verfahren, wie diese Menschen bestellt werden, von wem sie vorgeschlagen werden, wie kompetent sie sind in der Entscheidung, wo sie vielleicht befangen sind. Das würde ich jetzt als Bürgerin einfach verlangen.

Und das ist ja dann auch das Tragische für die Kulturpolitik, für den Diskurs, dass es dann immer wieder zu solchen Skandalen kommt, wo man dann auch immer wieder irritiert ist, wenn man so etwas hört, weil man denkt, was ist denn eigentlich da los? Also das beschädigt einfach auch das Gemeinwesen insgesamt, finde ich.

Wobei ja der Vorsitzende der Kunstkurie argumentiert hat, genau diese Art von Zuschnitt, er garantiert eben Unabhängigkeit von tagespolitischen Entwicklungen. Dieses Argument möchte ich schon auch schnell vertretend hier auf den Tisch legen, weil ich im Nachgang mitbekommen habe, das hat schon bei einigen resoniert, so nach dem Motto, ja, wenn man das zu sehr koppelt an politische Prozesse, ist das halt so ein tagespolitischer, so ein Zankapfel halt ein ständiger.

Anke Schad-Spindler

Ich glaube, dass die Alternative gar nicht ist, das an politische Prozesse zu koppeln, sondern einfach ein sauberes Auswahlverfahren der Personen, die in solche Gremien bestellt werden. Und ob das dann die Parteien vorschlagen oder ob Vorschläge aus der Zivilgesellschaft, aus den Bundesländern, man kann ja da ganz verschiedene Stellen involvieren, um das breit und transparent und gut kriterienbegründet aufzustellen.

Fabian Burstein

Ich will zu einem anderen Punkt kommen, der ja so ein Grundversprechen der SPÖ-Politik in dieser Regierung war und ist, nämlich das Thema soziale Gerechtigkeit. Es gibt hier in verschiedenen Bereichen Maßnahmen, wo man sagt, okay, da hat man schon was gespürt davon, von diesem Ansatz, also da gibt es durchaus politische Erfolge. Diese politischen Erfolge sind auch ganz maßgeblich an, glaube ich, auch wird so eingeschätzt, an schlauen Personalentscheidungen in der Ministerregierung geknüpft. Also zum Beispiel die Personalie Marterbauer wird ja wirklich durch die Bank positiv bewertet. Dann gibt es gewisse Maßnahmen zur Dämpfung der Inflation. Es gibt auch gewisse Maßnahmen, um Wohnen günstiger zu machen etc.

Aber just beim Thema soziale Gerechtigkeit und Kunst ist ja was Riesiges passiert, nämlich dass man dieses Zuverdienstverbot in AMS, wenn man im AMS gemeldet ist, also im Arbeitslosensystem, dass das wegfällt. Und just genau das war eine Überlebensstrategie für viele Künstlerinnen und Künstler, dass sie so durch Durststrecken durchgetaucht sind. Was ist denn da verrutscht?

Anke Schad-Spindler

Also ich glaube, erstens war das, was die Lebensrealität von vielen Künstlerinnen, Kulturschaffenden, aber auch Technikerinnen und so weiter war, war ja nie als Modell gedacht. Das wurde so genutzt und es war offensichtlich praktikabel. Leute haben sich so arrangiert und zwischen Engagements oder verschiedenen längeren Jobs die Möglichkeit gehabt, mit kleineren Jobs im Kunstbereich dranzubleiben, also nicht rauszumüssen und Kellnern oder was weiß ich was zu machen und aber auch eine Basisabsicherung zu haben. Es war aber nie ein Modell, sondern es wurde so genutzt.

Das heißt, dass man da korrigieren muss. Das, finde ich, ist logisch, aber es muss einfach korrigiert werden. Es kann nicht sein, dass so etwas zu einem Netz komplett wegfällt. Und da zahlt sich sicher aus, auch wieder zu schauen, wie machen das andere europäische Länder? Da gibt es Beispiele, zum Beispiel Belgien, die so ein System etabliert haben. Das heißt, Kunstarbeitsbescheinigung, glaube ich, übersetzt, dass man einfach, wenn man ein künstlerisches Einkommen hat, regelmäßig kann man diese Kunstarbeitsbescheinigung beantragen und die erleichtert dann den Zugang zu bestimmten Sozialversicherungsunterstützungen, aber auch zu Arbeitslosenunterstützung, wenn eben genau diese Perioden zwischen verschiedenen Jobs Engagement auftreten. Und das ist ein Modell, was funktioniert.

Und so etwas, denke ich, müsste man für Österreich auch etablieren und dann aber auch darauf schauen, dass das eine bestimmte Branche, da darf es natürlich auch nicht wieder Vorteile geben, die vielleicht dann andere Branchen nicht haben. Also vielleicht muss man in anderen Branchen, ob das jetzt Gastro oder wie, wo halt auch saisonbezogene Jobs sind, auch noch nachschärfen.

Fabian Burstein

Ja, das ist ja immer das Interessante. Am Reden mit dir, du hast ja auch immer so ein bisschen den forschenden Blick, den in die Struktur reingehen. Das heißt, ich habe dich richtig verstanden. Die Erkenntnis, dass da quasi etwas zum Perpetuum Mobile geworden ist, zum Absicherungssystem, das nicht dafür gedacht war, das zu erkennen und zu reparieren, war schon richtig. Nur man darf nicht die Leute bestrafen, die das halt genutzt haben oder nutzen mussten und dementsprechend für die es auch neue Systeme zu bauen gilt, wenn man die alten innen unter den Füßen wegzieht.

Anke Schad-Spindler

Ja, absolut. Vor allem auch wieder auch da wieder das Stichwort Erhalt von Vielfalt. Also wenn es dann dazu führt, dass Menschen sagen, ich kann einfach nicht mehr als Künstlerin oder auch als Lichttechnikerin etc. überleben, weil mir dieses Modell nicht mehr zur Verfügung steht. Ich schaue, dass ich jetzt, keine Ahnung, in einen anderen Beruf gehe, dann geht uns da ja auch was an Substanz, an Menschen, an Kreativität verloren, an Unterstützung. Und deswegen, also das sozusagen nochmal volkswirtschaftlicher auch anzuschauen.

Fabian Burstein

Aber was sagen wir körperlich hart arbeitenden Menschen, die auch in diesem System ihr Auskommen gefunden haben, und zwar nicht, weil das so lustig ist, sondern weil es nicht anders ging? Was sagen wir diesen Menschen, dass just um die Künstlerinnen und Künstler auf Wienerisch so ein Geschiss gemacht wird und um sie nicht?

Anke Schad-Spindler

Das ist natürlich eine schwierige Frage, weil es da auch um Gerechtigkeit geht. Also ich kann nicht eine vielleicht schon privilegierte Gruppe noch mehr privilegieren.

Das heißt, ich glaube auch, dass es in anderen Branchen, ob das jetzt die Tourismusbranche oder die Baubranche ist, wahrscheinlich auch noch Nachschärfungen braucht im Sinne der ArbeitnehmerInnen, weil das Problem war ja auch, dass das von Arbeitgebern ausgenutzt wurde, um dann Leute eben geringfügig zu halten, aber das Geld eigentlich für diese, ja, da gab es ja auch dann viel Schwarzarbeit etc.

Fabian Burstein

Wie siehst du das Thema Fairpay? Das begleitet uns jetzt seit vielen Jahren, war auch ein Steckenpferd der vorherigen Staatssekretärin Andrea Meier, die unter Werner Kogler Staatssekretärin war, schon davor auch in der Sektion, viele Jahre Sektionschefin, also wirklich eine absolute routinierte Verwaltungsfachfrau, was Kunst und Kultur betrifft. Sind wir da weitergekommen oder sind wir da nach wie vor im Worthülsenstatus?

Anke Schad-Spindler

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, weil da fehlen uns auch wieder Ergebnisse, Evaluationen, Forschung dazu. Was bringt dieses Modell jetzt, wo es implementiert ist, auf der einen Seite und wo wir auf der anderen Seite eben gerade durch die Schwierigkeiten jetzt mit dem AMS-Bereich oder auch durch die Kürzungen, die anstehen, große Schwierigkeiten haben in dem Bereich für individuelle Menschen, die da tätig sind?

Also kann das über Fairpay kompensiert werden? Weil um Fairpay zu erhalten, brauche ich ja erst mal einen Kulturverein oder so, der sagt, wir haben ein Projekt, wo wir dich anstellen. Das heißt, das müsste man einfach noch mal gut evaluieren. Ich kann es so einfach nicht sagen, ohne dass ich da Daten dazu habe.

Fabian Burstein

Ist das insgesamt ein Problem, dass wir viel zu viel im Blindflug herumdoktern?

Anke Schad-Spindler

Absolut. Und es gibt auch Bemühungen, ich muss jetzt da auch wieder die IG Kultur nennen, die gerade auch mit unserer Hilfe von Edukult eine Basisdatenerhebung konzipieren, die an die Szene dann gehen soll, um zu erheben, wer arbeitet überhaupt bei euch, in welchem Umfang, was zahlt ihr an Miete, an Räumen, welche Ausgaben habt ihr fürs Personal, damit man da einfach mal schauen kann, was ist es eigentlich, wie wird da gewirtschaftet und wie groß ist denn vielleicht auch die Wertschöpfung oder der Bedarf, da unterstützt zu werden? Ohne diese Daten ist es wirklich Blindflug.

Anke Schad-Spindler

Und du hast diesen Ausschuss ja angesprochen vom Oktober, also dann wieder Parlamentarischer Kulturausschuss. Da wurde das ja auch diskutiert auf der Ebene vom Bund. Ich glaube, es war auch wieder die Katrin Auer, die das reingebracht hat. Wie kann man denn da auch Daten vereinheitlichen, zusammenführen, um ein genaueres Bild zu haben, was Förderungen betrifft, und zwar möglichst nicht nur im Nachhinein, sondern um darauf wieder auch steuern zu können, um zu schauen, wo ist es vielleicht zu wenig, wo ist es zu viel?

Problem dabei ist dann auch der Föderalismus. Also solange das föderalistisch organisiert ist und die Länder da einfach eigene Interessen haben, ihre eigenen Suppen kochen, selber massiv kürzen, also in Steiermark natürlich, in Kärnten, in Wien und politisch anders ausgerichtet sind als die Koalition im Bund. Ich sehe das leider momentan jetzt nicht so realisierbar, aber notwendig wäre es.

Fabian Burstein

Aber das ist ein Thema, muss ich ehrlich sagen, da kann man schon noch ein bisschen Puls kriegen. Weil der Deutsche Bühnenverein, zu dem man stehen kann, wie man will, schafft es jetzt schon über einen langen Zeitraum in einem 80-Millionen-Land, das auch föderal geprägt ist, eine Theaterstatistik auf den Weg zu bringen und mühsam auch auszuwerten und einmal im Jahr das zu liefern als Datengrundlage. Und der Treppenwitz an der Sache ist, die machen das sogar für Österreich mit.

Und das kann doch nicht sein, dass wir in einem wesentlich kleineren Land, auch mit wesentlich weniger Kunst- und Kultureinrichtungen, das nicht hinbekommen. Wir bekommen es ja nicht einmal hin, die Statistik des Deutschen Bühnenvereins zu lesen. Die findet ja auch nicht einmal medial statt. Es gibt ja keinen Kulturjournalisten, der sich die ernsthaft anschaut. Würde man sich die nämlich anschauen, hätte man zum Beispiel in der ersten Post-Covid-Saison durchaus beunruhigende Rückschlüsse ziehen können, was die Bühnen betrifft. Wie kommen wir da voran? Es kann ja nicht sein, dass wir ständig uns also auf politischer Ebene erklären, wie unfassbar kompliziert das ist, Daten zu sammeln.

Anke Schad-Spindler

Ja, ich denke auch. Also vor allem die Technologie ist ja da. Also ich muss ja nur mal die Ressourcen schaffen, dass da Menschen dahinter sind, die sich dieser Sache annehmen. Also es wäre alles möglich.

Ich glaube, es geht um vielleicht auch die Frage von Konkurrenz und öffentlicher Sichtbarmachung von, wer bekommt wie viel und damit vielleicht auch verbunden die Angst, dass, wenn es jetzt auch wieder zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen sehr große Ausgaben gibt, dass da zu viel Kritik kommt. Aber das ist wichtig. Das brauchen wir in einer Demokratie.

Wir brauchen diese Transparenz. Also wenn das dann immer über die Medien vielleicht dann nach außen getragen wird, dann ist das ja viel schädigender, wie wenn man als Politik das Heft in der, also das Ruder in der Hand hat und sagen kann, ganz bewusst fördern wir hier, weil wir uns das und das an Wertschöpfung versprechen und so haben wir, begründen wir die Entscheidung, weil wir haben die Datengrundlage evidenzbasiert, so entscheiden wir.

Fabian Burstein

Viele spekulieren auch, dass es darum geht, dieses Thema mit der berühmten Auslastung zu umschiffen. Auslastung bezeichnen die immer nur verkauf versus in den Verkauf gegeben. Nur wenn Theater nur die Hälfte ihrer Tickets in den Verkauf geben, ist eine 100-Prozent-Auslastung halt nicht das, was sie leisten könnten.

Ich will aber jetzt schon noch eine andere Perspektive einnehmen, eine Perspektive auch aus jemand, der oft Daten melden musste aus Kultureinrichtungen, Festivals, die er gemeldet hat. Wir haben auch insgesamt eine sehr problematische Fehler- und Scheiterkultur natürlich.

Also dass unser Geschäft der Kunst und Kultur viel mit Experimenten zu tun hat, mit Weiterentwicklungen, wo wir dann oft die Zeche bezahlen, kurzfristig, und dass man das auch erklären muss. Ich meine, der Raum wird dann auch gar nicht mehr gegeben. Man ist ja genötigt, sozusagen die permanente Erfolgsgeschichte zu erzählen, weil das Ringen und der Kampf um Zukunftstauglichkeit einfach nicht wertgeschätzt wird, auch mit allem Scheitern und Zerschellen einfach an den Umständen. Müssen wir da auch was ändern?

Anke Schad-Spindler

Sicher. Also auch die Frage, was messen wir überhaupt und ist das der richtige Indikator für das, was passieren soll im Kunstbereich, so wie du es jetzt angesprochen hast? Also die Auslastung und die Zahlen können ja nicht das Argument alleine sein, weil da geht es ja auch um Minderheiten, die auch sichtbar sein wollen. Da geht es eben auch um kleine Dinge, experimentelle Dinge, die passieren dürfen, sollen. Und das ist kulturpolitisch wichtig. Das ist so die Grundlage, auch wenn wir über Vielfalt sprechen. Und das heißt, wir müssen eigentlich genauer schauen, an was kann man das klug messen? Und da gibt es sicher auch gute Studien, wo man sich orientieren kann, damit das dann nicht das ist, auf das man reduziert wird, weil das ist einfach, das passt nicht zusammen, dass das die Legitimation ist.

Fabian Burstein

Ja, also ich habe bei mir beim Beispiel, gerade beim Beispiel Diversität, möchte ich gar nicht zählen, wie oft ich da schon nicht das erreicht habe, was ich mir eigentlich gewünscht hätte und wirklich gewünscht hätte. Und es ist aber schwierig, das zu erzählen, weil einem nicht mehr der Raum dafür gegeben wird. Also da gibt es schon auch, das muss man auch sehen, einen großen Erfolgsdruck für Managerinnen und Manager, die diese Einrichtungen leiten.

Anke Schad-Spindler

Ja.

Fabian Burstein

Lass uns kurz auch einen Brückenschlag zum Thema Medien wagen, weil der zuständige Kunst- und Kulturminister auch Medien, die Medienzuständigkeiten hat. Das ist tatsächlich etwas Neues. Da ist mir bei meiner letzten Folge ein kurzer Fehler tatsächlich unterlaufen. Ich habe fälschlicherweise dem Werner Kogler auch die Medien zugeschlagen und hätte gesagt, Moment mal, das war eigentlich bei der Kollegin Raab. Schon mutig, dass sich der Babler das in dieser Regierung geschnappt hat, oder?

Anke Schad-Spindler

Ich weiß nicht, ob es mutig ist. Also ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, aber es ist sicher was, wo jetzt auch, also Stichwort dieses Social-Media-Verbot, wo man auch was weiterbringen kann.

Also wenn ich vielleicht bei dem Social-Media-Verbot mal bleiben darf, denke ich, weil das auch die Brücke schlägt für mich zum Bildungsministerium. Auch da war ja im Regierungsprogramm der Wunsch, kulturelle Bildung sowohl als Kultur als auch als Bildungsthema zu sehen. Und die Medienbildung, denke ich, ist auch so ein Thema.

Also Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige steht ja im Raum. Und natürlich die Frage, wo kann ich da auch als Regierung regulieren, wenn ich die Plattformen selber nicht knacke, dann sozusagen auf der Userseite, auf der Seite von Kindern? Das ist ja ein Weg vermutlich. Und auch da die Forschung spricht ja dafür, weil eben Mental Health etc., Körperbilder, dass da großer Schaden auch angerichtet wird.

Aber auch da stellt sich für mich halt die Frage, wenn wir das jetzt verbieten und die Leute sind dann 14 und kriegen dann den Zugang zu dieser teilweise sehr verstörenden Welt, wo kriegen sie die Kompetenzen her, das zu navigieren und sich auch selber zu steuern und zu sagen, das möchte ich nicht sehen, hier ist Schluss, ich verbreite keinen Hass und Hetze, ich mache das nicht.

Also da muss ja die Grundlage in der Bildung gelegt werden, dass ich diese Medienkompetenz habe. Das finde ich eigentlich ein sehr spannendes Thema, wo das jetzt herkommt aus dem neuen Fach Demokratiebildung oder aus dem neuen KI-Schwerpunkt, das der Bildungsminister ja in Aussicht gestellt hat und wer das unterrichten soll. Wir werden sehen.

Fabian Burstein

Es gibt ja auch durchaus Stimmen, die sagen, eigentlich gehört Kultur und Bildungsministerium zusammen, Wissenschaft unter Umständen auch. Würdest du das auch für einen sinnvollen Ressortzuschnitt halten?

Anke Schad-Spindler

In der Vergangenheit war das tatsächlich für den Bereich kulturelle Bildung total voranbringend. Da wurden so Dinge wie freier Eintritt in Museen bis heute, unter 19 kann man frei in Museen gehen, erreicht, also nachhaltig wirksam, auch im Sinne von Teilhabe, denke ich.

Also für den Bereich ist es sicher total sinnvoll, weil so wie es jetzt gestrickt ist, habe ich schon das Gefühl, dass die Zusammenhänge nicht ganz gesehen werden oder es auch nicht die, es gibt so eine interministerielle Arbeitsgruppe, habe ich gehört, aber man weiß nicht genau, was dort diskutiert wird, wie oft die sich sehen.

Also gerade dieser Bereich Demokratiebildung, Medienbildung, kulturelle Bildung, das schreit ja danach. Das ist so relevant, dass man da mehr zusammenarbeitet.

Fabian Burstein

Gutes Stichwort, die Museen. Steckt da nicht auch ein bisschen ein systemischer Hund drinnen? Weil tatsächlich gab es ja das Postulat, dass die breiten Schultern stärker belastet werden. Das sind traditionellerweise die Bundeseinrichtungen, also diese riesigen Tanker, die auch sehr große Budgets und hohe Personalstände haben und damit operieren können.

Nun wird es aber auch da teurer und komplizierter, reinzukommen. Ist das nicht eine Mogelpackung, wenn man ihnen quasi auf der Sparschiene was wegnimmt und sie holen sich es dann bei den Eintritten wieder zurück, was wiederum dazu führt, dass nur besser situierte Menschen da reinkönnen?

Anke Schad-Spindler

Also ich denke, das ist gerade für eine sozialdemokratisch geschriebene Kulturpolitik, wenn das passiert, ist das ein ganz schlechtes Signal. Also das gilt es wirklich zu verhindern, weil wenn wir auch in Museen gehen, wer ist denn da? Da sind vormittags total viele Schulklassen. Warum sind die da? Weil sie da gratis reinkommen.

Also wenn man so eine Maßnahme abdreht über, wenn es die Museen selber machen, denke ich, da müssen erst mal sie sich noch mal ins Gewissen reden, ob das vertretbar ist in heutigen Zeiten, wo ganz viele Familien einfach weniger Geld haben, entsprechend ganz genau Entscheidungen treffen müssen. Aber wenn es sozusagen politisch jetzt nicht verhindert werden kann, fände ich das wirklich ganz verheerend.

Fabian Burstein

Hast du deinen aktuellen Stand? Ich nehme mich nicht. Wie ist denn da der kulturpolitische Stand bei den Museen? Wird es da Erhöhungen geben bei den Ticketpreisen? Wissen wir das?

Anke Schad-Spindler

Also es wurde, glaube ich, öffentlich jetzt schon geäußert von einzelnen Museumsleitungen, dass sie das überlegen, gerade auch diesen freien Eintritt für unter 19-Jährige, dass sie da was verändern wollen. Ich weiß nicht, ob das so als Argument jetzt so ein bisschen reingeworfen wird, um den Druck zu erhöhen in der Verhandlung oder ob sie das tatsächlich überlegen.

Fabian Burstein

Wir haben ja auch nach wie vor keine Anstalten, dass es in diesem Bereich einen Kollektivvertrag gibt. Ist das nicht auch ein bisschen ein problematischer Punkt, weil du gesagt hast, eine sozialdemokratisch geprägte Kunst- und Kulturpolitik müsste nicht das Thema der Arbeitnehmerinnenrechte in den Bundeseinrichtungen, die mit Kultur zu tun haben, besonders ernst genommen werden?

Anke Schad-Spindler

Sicher, ja. Also da weiß ich auch zu wenig, was da vielleicht hinter den Kulissen schon passiert an Verhandlungen, gerade bei den Bundestheatern oder auch bei den Museen, weil das ja auch, also das sind ja auch privatrechtliche Unternehmen, die mit dem Bund natürlich in einer engen Beziehung stehen. Und was die verhandeln miteinander als Gesellschaften, das ist, ja, da gibt es auch wenig Transparenz.

Fabian Burstein

Transparenz war ja übrigens auch ein Thema in dem Regierungsprogramm an vielen Stellen, auch natürlich im Rahmen der umfassenden Umsetzung der Informationsfreiheit. Ich habe es, glaube ich, auf Seite 124 gefunden. Also ich habe es mal anlässlich unseres Gespräches noch mal durchgelesen. Ich glaube, 124 war es. Merkt man von dieser Informationsfreiheit im Kulturbereich schon etwas oder ist das noch etwas, wo man abwarten und hoffen muss?

Anke Schad-Spindler

Also es gibt ja das Transparenzportal, wo man auch reinschauen kann und bestimmte Institutionen suchen kann und dann sieht, was haben die an Förderungen bekommen. Also wenn ich interessiert bin, finde ich da schon Daten auch. Aber auch da sind wir wieder bei der Frage, wird das irgendwie stärker auch genutzt für zum Beispiel Steuerungsfragen oder ist es einfach Ex-Post, dass ich nachschauen kann, was hat jemand vor zwei Jahren bekommen? Wie schnell werden diese Daten auch eingespeist? Ich traue es mir noch nicht zu sagen, ob sich da viel bewegt hat, aber dass es das gibt, ist natürlich schon wichtig, grundsätzlich.

Fabian Burstein

Lass uns kurz, weil du es ein paar Mal anklingen hast lassen, auch den Deutschlandvergleich wagen. In Deutschland ist ja Wolfram Weimer seit Mai 2025 Kulturstaatsminister. Offiziell heißt das Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Ist durchaus vergleichbar, würde ich jetzt einmal sagen, der Kulturstaatsminister mit einem Staatssekretär. Also es ist kein vollwertiges Ministerium, sondern quasi eine Ebene drunter. Und Wolfram Weimer war schon sehr kulturkampfaffin in seinen ersten Ansagen, hat sich dann wieder ein bisschen gemäßigt. Wie siehst du das? Haben wir das auch bei uns in der kulturpolitischen Debatte stark drinnen, diese Kulturkampfaspekte?

Anke Schad-Spindler

Also momentan sehe ich es natürlich, wenn wir jetzt schauen, was machen diese ganzen rechten Kräfte und Parteien, was passiert in der Steiermark zum Beispiel auch, wo wird da ganz gezielt eben auch im zivilgesellschaftlich organisierten, kritischen, widerständigen Kultursektor gekürzt, gebitzelt, angegriffen auf ganz verschiedenen Ebenen? Da lässt sich das schon sehr beobachten auch.

Fabian Burstein

Wie siehst du das, sage ich jetzt einmal, wie geht das Ressort von Andreas Babler mit dem Thema um? Souverän zu defensiv? Wie würdest du das einordnen?

Anke Schad-Spindler

Also ich sehe jetzt da abseits von Rhetorik, also in Richtung, wir sind Demokratieministerium, wenig ganz Konkretes in der Programmatik, wie ich am Anfang gesagt habe, aber warum man nicht eben Gegenprogramme auflegt Richtung, wir wollen das im ländlichen Raum, gerade dort, wo Menschen eher dazu tendieren, rechts zu wählen, aus bestimmten Gründen auch, weil sie vereinsamt sind, weil sie die ganze Zeit verschwörungstheoretische Dinge konsumieren und so weiter.

Warum man da nicht versucht, Gegenprogramme zu entwickeln, also von der Rhetorik auf wirkliche Maßnahmen zu kommen?

Fabian Burstein

Es gibt ja da auch Ansätze, auch wiederum in anderen Ländern, wo gewisse zentralen für politische Bildung einfach etabliert wurden, bundesweite zentralen für politische Bildung, die genau diesen Auftrag haben, an der Schnittstelle von Kultur als, wie gehen wir miteinander um, an der Schnittstelle Kultur, Politik, Medien da zu arbeiten.

Ist das insgesamt so, dass wir einfach viel zu wenig in andere Modelle reinschauen und zu wenig Wille haben, da einfach zu lernen, einfach zu sagen, okay, wir bekennen uns zum Modell lernen, wir werden das Rad jetzt nicht neu erfinden, aber wir nehmen einfach, wir bedienen uns an funktionierenden Konzepten und bringen die nach Österreich?

Anke Schad-Spindler

Absolut und eben auch die Dringlichkeit zu erkennen, also nicht irgendwie zu beklagen, es ist alles Schwieriges, erodiert. Wir sind irgendwie nur mehr defensiv unterwegs, sondern ganz bewusst zu sagen, wir wollen was machen, wir können was machen im Sinne der Zukunftsfähigkeit als Gesellschaft, als Demokratie nehmen wir Geld in die Hand, wir bauen Strukturen, die auch dezentral aufgestellt sind und wirksam sind. Ja, das braucht es.

Fabian Burstein

Zum Abschluss unseres Gesprächs, Anker, stellen wir uns vor, der Vizekanzler besucht morgen Edukult. Macht er immer wieder? Er besucht Institutionen oder gerade so dezentrale Institutionen und steht vor deinem Schreibtisch und sagt: "Liebe Chefin, welches eine Projekt muss ich jetzt in den nächsten 100 Tagen umsetzen, damit mein kulturelles Vermächtnis jetzt mehr ist als eine gut gehaltene Rede oder eine ganz nett gemachte Einzelmaßnahme? Was muss ich tun? Was würdest du ihm mitgeben?"

Anke Schad-Spindler

Schwierig, aber ich würde sagen, es sollte auf jeden Fall was ganz Konkretes sein für diejenigen, die für die kulturelle Nahversorgung in dezentralen Räumen sorgen, die nah dran sind an den Menschen, die dafür sorgen, dass Menschen zusammenkommen, sozial, kulturell gestaltend tätig sind miteinander, also in diese Richtung, ganz, ganz konkret im Alltagsleben von Menschen vorkommen, also da hinzugehen.

Fabian Burstein

Liebe Anke, vielen lieben Dank für deine Zeit, für deine abermalige Analyse. Ich freue mich auf das nächste Mal. In diesen wilden Zeiten weiß man nicht, was der Aufhänger ist.

Anke Schad-Spindler

Und wann?

Fabian Burstein

Ja, wann Neuwahlen oder eine neue Koalition. Wir werden es sehen oder.

Anke Schad-Spindler

Oder kulturpolitische Erfolge, die wir feiern können.

Fabian Burstein

Die wir feiern können oder personelle Veränderungen an der einen oder anderen Stelle. Also wir werden eine Gelegenheit finden, dass du zum vierten Mal hierherkommst. Vielen Dank.

Anke Schad-Spindler

Super, ich freue mich drauf. Danke dir.

Fabian Burstein

Danke.

Autor:in:

Fabian Burstein

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