Ganz Offen Gesagt
Über Tradwives und die neue Lust am alten Rollenbild - mit Barbara Haas
- hochgeladen von Felix Keiser
Der Tradwife-Trend begeistert Millionen Menschen auf TikTok und Instagram mit Bildern von perfektem Familienleben, traditionellen Rollenbildern und einer scheinbar entschleunigten Welt. Doch hinter der ästhetischen Inszenierung und dem selbstgebackenen Brot steckt mehr als bloße Nostalgie. Gemeinsam mit Barbara Haas spricht Anna-Lisa Bier über alte Rollenbilder im neuen Gewand, die Sehnsucht nach Orientierung in unsicheren Zeiten und darüber, warum gerade konservative Bewegungen solche Bilder gezielt für sich nutzen.
Barbara Haas
Die Entscheidung, man besinnt sich nur auf eine Rolle, ist heute und übrigens auch bei den Tradwives, die so viele Follower haben, immer eine Frage von Reichtum. Eine normale Frau kann sich in diese Sehnsucht hineinwünschen, aber real ist das nicht machbar, weil die Tradwives haben alle viel Geld im Rücken und Treppenwitz verdienen auch Geld damit über Social Media, indem sie anderen Frauen erklären, dass Zuhausebleiben und kein Geldverdienen eigentlich der Sinn des Lebens ist.
Anna-Lisa Bier
Hallo und herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt", dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Anna-Lisa Bier und ich freue mich, dass ihr eingeschalten habt. Heute geht es um das Phänomen der Tradwives, das junge Frauen auf Social Media in ihren Rollen als traditionelle Ehefrauen zeigt. In ihrem Buch "Bullshit mit Blümchenkleid" nimmt die Journalistin und Autorin Barbara Haas den Tradwife-Trend genauer unter die Lupe. Dabei geht es nicht nur um die Rückkehr eines traditionellen Frauenbildes und die damit verbundenen Fragen von Gleichstellung und Gleichberechtigung, sondern auch darum, wie jene Rollenbilder von Parteien, konservativen Bewegungen und anderen Institutionen für ihre eigenen Narrative genutzt werden. Liebe Barbara, willkommen bei "Ganz offen gesagt". Schön, dass du da bist.
Barbara Haas
Danke für die Einladung, freut mich sehr.
Anna-Lisa Bier
Das Grundprinzip unseres Podcasts lautet: Transparency ist the new objectivity. Deshalb starten wir jede Folge mit zwei Fragen. Die erste ist gleich mal, woher wir beide uns kennen.
Barbara Haas
Ja, wir kennen uns über das Missing-Link-Netzwerk eigentlich, weil unsere Podcasts von der Kleinen Zeitung da schon relativ lange dabei sind und über diesen Weg kennen wir uns seit, würde ich sagen, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre. Ja, ein paar Jahre.
Anna-Lisa Bier
Ja, genau. Also umso besser, dass wir uns jetzt auch mal gegenübersitzen. Ich habe dich nämlich auch schon mal für meine Masterarbeit quasi zu einem Podcast-Interview eingeladen, aber ich glaube, heute ist einmal das richtige Debüt.
Barbara Haas
Das richtige Debüt, ja. Ich bin, soll ich aufgeregt sein? Vielleicht ein bisschen.
Anna-Lisa Bier
Nein, ich glaube, du bist Expertin. Also ich glaube, da musst du nicht aufgeregt sein. Kommen wir zur zweiten Frage. Bist oder warst du jemals für Parteien oder irgendwelche Vorfeldorganisationen tätig?
Barbara Haas
Nein, nie.
Anna-Lisa Bier
Passt.
Barbara Haas
Also mehr kann ich dazu gar nicht sagen.
Anna-Lisa Bier
Ja, nehme ich als Antwort auf eine Welle. Gut, dann können wir auch schon ins Gespräch einsteigen. Wir sprechen über dein Buch "Bullshit mit Blümchenkleid", in dem du dich intensiv mit dem Phänomen der sogenannten Tradwives auseinandersetzt. Wenn man auf TikTok oder Instagram den Begriff Tradwife eingibt, dann werden einem perfekt gedeckte Frühstückstische, selbstgebackenes Brot und hingebungsvolle Frauen präsentiert. Wie definierst du denn den Begriff Tradwife?
Barbara Haas
Also dem Phänomen folgend, definiere ich ihn natürlich so, wie ihn auch das Internet definiert, nämlich einerseits ist er zu einer Bewegung geworden, vor allem, wenn man in die USA sieht, und zum anderen ist er zu einer Sehnsucht geworden, wenn man sich die ganze Welt anschaut. Unter dem Hashtag Tradwife findet man jetzt mittlerweile, glaube ich, schon 150 Millionen Einträge. Die großen Accounts haben wirklich Millionen von Followern. Und da ist er so definiert, dass er, glaube ich, ein bisschen eine Ausflucht aus der Realität bietet, mit einem Lasso versehen, das eine sehr rückschrittliche Zeit als Frau, als emanzipierte Frau, als Frau mit eigenen Vorstellungen bringt.
Anna-Lisa Bier
Das heißt, eine Tradwife ist kurz gesagt eine traditionelle Ehefrau.
Barbara Haas
Genau.
Anna-Lisa Bier
Und warum hat dich das Thema dann so bewegt, dass du dem ein ganzes Buch gewidmet hast?
Barbara Haas
Naja, weil ich von dem schon auch selber ein bisschen fasziniert war, vor allem während Covid, als wir alle zu Hause waren, ich auch. Ich hatte damals kleine Kinder, also jetzt sind sie ein bisschen größer, aber sie waren gerade in der Zeit, wo man Homeschooling hatte, wo man viel zu Hause war und wo ich mir schon gedacht habe, ich will mich einerseits ablenken oder inspirieren über Social Media, wie wir das ja alle machen. Und andererseits bin ich dann auf diese Accounts gestoßen und da klafft es so eine Lücke zwischen dem, wie schaut mein Leben aus und meine Organisation von Familie und Haushalt und Essen und was sehe ich da. Und Social Media animiert vor allem uns Frauen ja immer dazu, uns zu vergleichen. Da können wir auch darüber reden, warum das so ist, aber jedenfalls habe ich auch gespürt, okay, da gibt es ein Ziel, da könnte ich ja hinkommen. Also ich könnte auch mehr selbst machen, mehr von Grund auf mir selber anschauen, nicht so ungesunde Lebensmittel einfach nur einkaufen, alles in 100 Mal verpacktem Plastik, sondern selber, selber, selber. Und bin da schon auch ein bisschen, habe ich mich in so einen Hustle hineingelebt, bis ich irgendwann, Gott sei Dank habe ich noch drei Synapsen, die funktionieren in meinem Hirn, bis ich irgendwann draufgekommen bin, okay, Stop, diese Art von Leben kann ich guten Gewissens nicht nacheifern, weil es mit einem normalen Leben, ich habe ja trotzdem gearbeitet, nicht vereinbar ist. Und dann erst ist sozusagen die Journalistin langsam wach geworden. Und dann habe ich begonnen, mir anzusehen, okay, was ist die Systematik hinter diesen Accounts und genau, und da bin ich dann schon auf ein, zwei Sachen draufgekommen, wo ich mir dachte, oh wow, das ist schon ein Verrat am Feminismus, der ist so schön eingewickelt, dass ich drauf reingefallen bin und ich glaube auch viele von diesen Millionen Follower-Frauen glauben es am Ende nicht ganz, was ihnen da verkauft wird, wenn man eben einmal hinter die Kulissen schaut und deswegen gibt es das Buch am Ende.
Anna-Lisa Bier
Also du hast es eh schon gesagt, es ist alles sehr schön, es wirkt so wie so eine heile Welt, möchte ich fast sagen. Warum funktioniert das gerade auf TikTok oder Instagram so gut?
Barbara Haas
Also seit es Social Media gibt und vor allem, also ich will jetzt X mal ausnehmen, sowieso aus mehreren Gründen, aber diese bildgebenden Formate, also Instagram, Pinterest, aber auch TikTok natürlich, dort kommt es darauf an, dass du in kurzer Zeit ein Video produzierst, das entweder catcht, das empört oder das eben wahnsinnig schön gemacht ist. Die Ästhetik ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt bei der ganzen Tradwife-Community, weil es eben nicht so ist wie im echten Leben, sondern weil die teilweise ja auch ganze Heerscharen an Teams haben, mit dem richtigen Licht, mit der richtigen Schnittfolge, mit dem richtigen Outfit für diese Tradwife, mit dem richtigen Glow. Also da ist so viel Inszenierung dabei, da hätte man früher wahrscheinlich ein ganzes Shooting dafür gebraucht und am Ende wären es ein paar Seiten in einem Magazin gewesen und das wird halt hier jeden Tag sehr, sehr professionell produziert, vermarktet und deswegen funktioniert es so gut. Und an der Stelle kann ich auch niemandem einen Vorwurf machen, wir alle suchen Ästhetik, wir alle suchen ja auch die Schönheit im Leben. Die Dinge rundherum sind oft kompliziert und hässlich genug, also was Schönes zu suchen und in Social Media was Schönes zu suchen, ist an sich, glaube ich, etwas, was wir zu Recht auch suchen wollen und finden wollen, aber da kommen genau die Tradwives rein und verkaufen dir das eine und wollen vielleicht das andere.
Anna-Lisa Bier
Genau auf das wollte ich jetzt zu sprechen kommen. Warum sehnen sich denn die Menschen oder eigentlich auch dann die Frauen, die ja die Zielgruppe dann auch sind, genau nach solchen Rollenbildern, wie es eigentlich die Tradwives dann präsentieren?
Barbara Haas
Ich glaube, es hat mehrere Gründe. Einerseits ist es, glaube ich, kein Zufall, dass das Ganze während Covid so in die Höhe geschossen ist. Also Tradwives gibt es schon länger, aber nicht in dieser Dimension. Also es hatte schon was mit einer Ausnahmesituation, mit einer Krise zu tun, mit einer Unsicherheit zu tun, dass da die Nachfrage einfach so groß geworden ist. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir schon seit einigen Jahren erleben, dass wir ein bisschen so Geschlechterkrisen erleben. Also wir haben es bei den Männern, die sich nicht mehr richtig finden können, was ist jetzt ein Mann, und da gibt es dann eben auch so Auswirkungen über die Männosphäre, also über so Männer, die auch Frauen ablehnen, die Feminismus ablehnen und sagen, okay, Andrew Tate und so weiter, der starke Mann hat Muskeln, Lamborghini und alle Frauen, die er sich wünscht, so. Und das Pendant dazu ist auch, dass Frauen in einer gewissen Weiblichkeitskrise, hat es die Julia Ebner bei mir auch im Buch beschrieben, dass man nicht mehr recht weiß, was ist eigentlich, was bin ich jetzt eigentlich als Frau? Bin ich die, die alles schaffen soll? Bin ich die, die so hart arbeitet wie ein Mann und dann ähnliche Positionen kriegt? Darf ich mir überhaupt erlauben, dass ich so was wie einen Wunsch nach Familie und Kindern habe? Und wenn ja, wie formuliere ich das? Wie finde ich einen Partner und so weiter? Also das sind eben die Gesetze, die bei unseren Eltern vielleicht noch ganz klar waren, das ist eine Frau, das ist ein Mann, wir haben miteinander sozusagen Reibereien, aber das gehört zum Spiel dazu. Das haben wir über weite Strecken auch wegdiskutiert, zu Recht, finde ich. Also alles, was wir unter Übergriffen aller Art verstehen, ist eben nicht mehr so selbstverständlich, aber daraus erwächst sich auch eine gewisse Unsicherheit im Rollenverständnis. Und wenn alles so kompliziert ist, also ich glaube, es hat mit der Außenlage von unserer Zeit auch zu tun und mit dieser ständigen Konnektivität, also dass wir eben auch alles wissen. Es gab früher auch Kriege auf der Welt und es gab, keine Ahnung, die Bedrohung des Kalten Krieges und den Eisernen Vorhang und was weiß ich, man muss nicht so lang zurückgehen. Da gab es auch für Menschen in Österreich schon reale Bedrohungen, aber die wurden nicht die ganze Zeit, man saß halt nicht am Handy, insofern waren sie nicht so groß oder sowas wie die Klimakatastrophe. Also das alles sind Bedrohungen, die Menschen und vor allem Frauen nachdenken lassen und dass man dann sagt, okay, da gibt es Vorbilder, die mir in sehr schöner Art und Weise auch zeigen, wie es anders sein könnte und wie ich mich vielleicht konzentrieren könnte auf eine Rolle und da meine Bestimmung, meinen Frieden, meine Zufriedenheit einfach finden könnte. Das ist sehr verlockend und das ist auch komplett verständlich.
Anna-Lisa Bier
Auf das Problem von dem Ganzen kommen wir sowieso noch zu sprechen. Ich muss persönlich auch sagen, wenn man sich diese Videos ansieht, denkt man sich, boah, ein einfaches Leben, auf die Grunddinge, man kann selber backen, man kümmert sich um die Kinder und eben, man ist abgeschottet von diesen ganzen Problemen, die es quasi in unserer ganzen Welt eben gibt, die du auch schon angesprochen hast. Also es wird ja eigentlich so dieses Bild von zurück in die guten alten Zeiten versprochen. Du arbeitest in deinem Buch auch heraus, dass es ja eben dieses Bild ja eigentlich trotzdem nie gegeben hat, oder?
Barbara Haas
Es gibt es auch jetzt nicht. Also wenn man in Familien reinschaut in Österreich, dann wird man zwei arbeitende Elternteile finden und man wird viel Organisationsaufwand finden, man wird Genervtheit, Erschöpfung, Überlastung finden, aber die Entscheidung, man besinnt sich nur auf eine Rolle, ist heute und übrigens auch bei den Tradwives, die so viele Follower haben, immer eine Frage von Reichtum. Eine normale Frau kann sich in diese Sehnsucht hineinwünschen, aber real ist das nicht machbar, weil die Tradwives haben alle viel Geld im Rücken und Treppenwitz verdienen auch Geld damit über Social Media, indem sie anderen Frauen erklären, dass zu Hause bleiben und kein Geld verdienen eigentlich der Sinn des Lebens ist.
Anna-Lisa Bier
Eben, also wenn wir jetzt auf diesen Tradwife-Trend schauen, dann muss man wirklich genauer hinschauen, weil sie präsentieren eben diesen Lifestyle, von dem wir gerade gesprochen haben. Im Endeffekt sind sie aber selbstständige Geschäftsfrauen, die ein ganzes Business dahinter haben. Wer sind denn aus deiner Sicht die Personen, die diesen Trend oder dieses Bild prägen? Die kommen ja eigentlich alle aus Amerika, oder?
Barbara Haas
Die kommen alle aus den USA, wobei man sagen muss, es gibt schon in Deutschland auch mittlerweile welche, aber die Accounts, über die man so drüber stolpert, weil sie eben wahnsinnig gut gemacht sind und auch ein sehr irres Bild vermitteln. Also es ist ja natürlich auch eine kuriose Note dabei. Kommen sicher aus den USA. Die Königin der Tradwives ist Hannah Neelman unter dem Handle Ballerina Farm, kommt aus Utah, hat mittlerweile neun Kinder. Im Buch habe ich noch acht geschrieben, aber es geht voran in der Produktion und lebt dort mit ihrem Mann Daniel Neelman, der wiederum aus einer sehr vermögenden Familie kommt in einer Farm auf Utah. Diese Kinder sind alle komplett medienfrei erzogen. Sie dürfen einmal in der Woche eine Folge "Meine kleine Farm", wer sich noch erinnern kann, schauen, was auch sehr skurril ist, weil sie ja ständig in der Inszenierung ihrer Mutter vorkommen. Und wir diskutieren sehr oft auch bei uns, was ist okay, wie kann man Kinder inszenieren auf den sozialen Medien, dass ist das alles ausgeräumt. Und sie hat sich als Kulisse ein Leben quasi vor der industriellen Revolution genommen. Dort ist alles in Schürzen, die Kinder haben auch alles so Leinensachen an, es ist auch das Licht immer sehr gedämpft und dann sieht man halt die Farm und draußen und die Kühe und so, das ist das. Und dann gibt es mehr oder weniger das komplette Gegenteil von der Ansprache her. Das ist Nara Smith, das ist eine gebürtige Deutsche, die in Südafrika aufgewachsen ist und Model ist und mittlerweile, glaube ich, auch vier Kinder hat, bin ich mir jetzt ganz sicher. Und die ist so die High-Fashion-Tradwife, die steht in Kleidern, in der Küche, die wirklich vom Red Carpet kommen könnten. Ich habe, glaube ich, im Buch so eine Zwischenzeile gemacht mit "Kochlöffel trifft Red Carpet".
Anna-Lisa Bier
Exakt, das war ein Favorite von mir, aber es trifft genau auf den Punkt.
Barbara Haas
Ja, und das ist, als ich mich mit der beschäftigt habe, also ich bin über Ballerina Farm da reingekommen und dann, wie ich recherchiert habe, bin ich auf Nara Smith gestoßen und dann habe ich mir wirklich gedacht, okay, da kommt jetzt irgendwann der Comedy-Twist. Das gibt es nicht, dass das ernsthaft so gemeint ist. Die hat auch eine ganz arge laszive Stimme oder diese ASMR-Geschichten, wo ich mir denke, das ist so konstruiert, das kann ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich jemand für bare Münze nimmt, aber turns out, ihre Community ist total, wirklich total Fan. Die macht natürlich auch alles from scratch und alles, also von Kaugummi angefangen über Hustenzuckerl, über was auch immer, wird da zubereitet und alles ist eben, die patzt sich auch nie an übrigens, die braucht keine Schürze, die ist komplett clean. Also das sind zwei ganz große. Und dann gibt es noch, also ich habe schon gesagt, in Deutschland gibt es auch welche, wobei das ist ein bisschen eine Untergruppe. Die berühmteste oder die größte ist X-Malischka. Carolin Dolstik ist eine ehemalige Lehrerin, also die ist wohl auch gut ausgebildet, die sich eine Stay-at-home-girlfriend nennt. Das ist noch, bevor man dann endgültig, bitte danke, geheiratet wurde, ist man eben noch dieses Girlfriend und die das auch sehr zelebriert im Sinne von auch diese Unterwürfigkeit. Im Deutschen klingt es für uns ein bisschen härter als das Englische, weil es so direkt reinfährt. Ich mache für meinen Partner, ich koche für ihn, das hat er gern, damit er gesund ist und so. Also das sind so ein paar von den Accounts, die auch sehr gut ankommen und die in Wahrheit auch ein bisschen die Debatte prägen.
Anna-Lisa Bier
Also gerade bei der Ballerina Farm beschreibst du im Buch ja auch, dass sie eben ein Business im Hintergrund laufen hat, von eigenen Kochschürzen bis zum Mehl, bis zu den Tischdecken. Kann man sehr viel von ihr kaufen. Was bei ihr auch mit einspielt, ist die Religion. Sie sind Mormonen. Was für einen Einfluss hat das dann auf dieses Bild?
Barbara Haas
Also das passt wahnsinnig gut zusammen. Bei Ballerina Farm muss man sagen, ihre Familie, wo sie herkommt, ihre Kernfamilie und die Kernfamilie ihres Mannes waren beides schon Mormonen. Also die beiden kommen auch schon aus einer Familie mit wahnsinnig vielen Kindern. Und das Mormonentum ist, wie soll man sagen, eigentlich eine liberale Gesellschaftsform, wenn es ums Geldverdienen geht. Also die sind alle in Businesses ziemlich gut vernetzt und machen auch, also es ist nicht verboten, Geld zu machen, aber in dem Moment, wo es um Familienstrukturen geht, ist es ganz klar, dass es ein Oberhaupt in einer Familie gibt, das ist der Mann und die Frau ist ganz klar darunter. Also es gibt keine auf Augenhöhe, sondern darunter und dann mit den Kindern, mit den, dafür auch mit den Rollen, die nur ihr gehören. Das kann man jetzt sagen, ist vielleicht keine so wahnsinnig gute Idee. Andererseits sind das Rollen, die sie aber auch nicht teilen muss. Und das ist bei den Mormonen ganz stark und bei den Evangelikalen, die auch Tradwives hervorbringen, ist es im Prinzip genau das Gleiche. Die Evangelikalen sind quasi eine Untergruppe, eine protestantische Untergruppe. Also das ist alles, alles miteinander ist unter dem christlichen Glauben vereint. Also es ist nicht irgendwie anders und haben eben eine Hierarchie, die in Abschwächungen immer dasselbe erzählt. Es gibt eben Gott, dann gibt es einen Mann, dann gibt es die Kinder, dann gibt es die Frau, dann gibt es die Kinder. Und wenn du an diese Gesellschaftsform glaubst und die für toll hältst, dann ist auch ganz klar, dass du keine gleichberechtigte Beziehung, so wie wir das interpretieren und verstehen und uns erkämpft haben, übrigens auch im Feminismus seit 100 Jahren, das ist dann abgeschrieben. Ich habe mir zwei Tradwives angeschaut, die quasi geflüchtet sind, die aus diesem System rausgekämpft sich haben, die sehr lange gebraucht haben, um überhaupt zu verstehen, dass sie in einem System sind. Und als sie dann raus sind, vor dem Nichts standen.
Anna-Lisa Bier
Okay. Ein Punkt, der ja da bei den Mormonen auch dabei ist, ist, dass Verhütung eher nur so als Theorie gesehen wird. Sie sagen, dass sie hören auf Gott. Quasi Gott sagt ihnen, wenn es mit der Familienplanung zu Ende ist. Ich glaube, die Ballerina Farm hat, wie du gesagt hast, jetzt schon neun Kinder. Da frage ich mich dann schon, wie das dann alles zu vereinbaren ist. Und ich denke mir halt auch, dass diese Hinwendung zu Gott und diese klar definierte Rolle das Ganze ja dann nur noch beflügelt. Und es gibt ja dann auch andere Influencerinnen, die zeigen, oder Tradwives muss ich ja in dem Fall sagen, die zeigen nicht nur ihren Alltag, sondern die geben auch Tipps. Da habe ich zum Beispiel ein Video gesehen, "Three Ways to Improve Your Marriage", quasi wie man die Ehe verbessern kann. Und das ist quasi, du sollst viel Sex haben, viel gemeinsam beten und dich deinem Mann unterordnen. Da muss es ja dann so viele geben, die das wirklich wortwörtlich glauben, oder?
Barbara Haas
Ja, das ist ja das Schöne am Glauben, dass man ja dafür keine Beweise braucht. Und ich will, das soll nicht blasphemisch klingen, aber de facto ist es so, dass man hier fast jedes Lifehack funktioniert oder funktioniert nicht. Das weiß man, ob es geht oder ob es nicht geht. Beim Thema Beten und beim Thema Glauben muss sich eine gewisse innere Einstellung an diese idealisierte Form der Weltordnung mitbringen. Und wie soll man sagen, der gemeine Trick bei dieser ganzen Glaubensgeschichte ist, in dieser Gesellschaftskonstellation ist, wenn irgendwas schief läuft, also wenn mir irgendwas zu viel wird, wenn ich irgendwie überlastet bin, wenn ich nicht mehr kann, dann sagt mir im Mormonentum, aber auch bei den Evangelikalen, auch diese Tradwives, die ausgestiegen sind, erzählen davon, dann ist das Einzige, was ich machen kann, ist Beten. Das Beten wird mir helfen, Gott wird mir schon sagen, wo es hingeht. Es war also, wie hieß jetzt, Tia Levings, ja, Tia Levings hat erzählt, dass sie sich nicht mal getraut hat, ihre Zweifel an ihrem Leben in ein Tagebuch zu schreiben, weil wenn Gott das liest, dann weiß er ja, dass es ihr nicht gut geht. Und dass es ihr nicht gut geht, ist aber alleine ihre Schuld, weil sie einfach mehr beten hätte sollen. Also das ist eine Form von Indoktrinierung, die muss man erst mal zusammenbringen. Und andererseits ist sie natürlich total fein, weil du hast Frauen, die sind damit einverstanden, zu einem Gefäß für Geburten zu werden. Die sind damit einverstanden, dir als Mann ihr Leben lang untertan zu sein. Und die sind eben mit allen anderen Dingen, die dir so einfallen als Haushaltsvorstand, auch einverstanden.
Anna-Lisa Bier
Glaubst du, dass das dann so ist, dass die Frauen eben, wie du vorhin schon gesagt hast, wir werden mit so viel konfrontiert, will man überhaupt Familie, will man Haushalt, wie vereinbart man das? Ist das dann auch eine Art von Ausweg, oder dass man auch diese ganzen Gedanken ein bisschen dann einfach ausblendet und sagt, man lebt einfach nach dem und das ist es?
Barbara Haas
Ich glaube, es ist eine Simplifizierung des Lebens und ich kann total verstehen, dass man sich das wünscht. Ich kann total verstehen, dass die Vorstellung auch so zu 100 Prozent gebraucht zu werden und zu 100 Prozent Wert zu erfahren, dadurch, dass nur Frauen Kinder gebären können, dadurch, dass Frauen, gerade wenn ein Kind frisch auf die Welt kommt, alle, die welche haben, werden das vielleicht noch nachvollziehen können, diese Art von Symbiose, diese Art von Verbundenheit zum Leben, das kann ich zu 100 Prozent nachvollziehen, dass man damit auch seinen eigenen Wert definiert. Und dass man damit auch sagt, okay, das ist ein Leben, das es mir auch ermöglicht, das auszuleben. Denn was passiert denn, wenn Frauen beides oder alles verbinden wollen, dann kommt diese Überforderung und diese Überlastung und dieser Gedanke, ich kann mich auf nichts konzentrieren und mache alles falsch, weil es in Klammer eben alles an den Frauen hängt, Klammer zu. Aber diese Überforderung erspare ich mir, wenn ich mir diese Rolle vornehme, zu leben. Und auch wir in Österreich haben ja lange diese Rollen so gesehen, von unseren Großeltern, Eltern vielleicht auch noch. Und wir hatten sozusagen eine gute Kindheit. Also so schlecht kann es nicht gewesen sein, sagt dann das eigene innere Kind und möchte das dann auch. Also das alles ist sehr nachvollziehbar, aber es ist halt mit großen Abstrichen verbunden, was deine eigenen Rechte und deine Unabhängigkeit finanzieller Natur, aber auch emotionaler betrifft, mitbringt. Und es gab unlängst eine Studie, die ist jetzt im Buch nicht drinnen, weil sie nachher erst veröffentlicht worden ist, dass Männer, Tradwives oder Frauen, die Tradwives sind, auch ihre eigenen überhaupt nicht wertschätzen, überhaupt nicht feiern, sondern im Gegenteil noch mehr abwerten. Also so die Idee, ich mache dann was und dann werde ich als Frau gesehen in all meiner Schönheit und Wertigkeit. Das passiert halt leider trotzdem nicht.
Anna-Lisa Bier
Auf die Männer wollte ich eh noch zu sprechen kommen. Gibt es, also es gibt genug Erwartungen an die Frauen, wie wir jetzt wissen. Gibt es da bei diesem Tradwife-Lifestyle auch Erwartungen an die Männer?
Barbara Haas
Ja, natürlich. Also es gibt die Erwartungen wie im Patriarchat. Also der Ernährer muss der Ernährer sein. Also das ist schon etwas, was bei all dem, die Frau dient mir und macht alles, was ich sage, aber ich bin auch zuständig dafür, dass ich das ganze Ding am Laufen halte. Also diese Erwartungen gibt es ganz klar. Und deswegen ist es ja auch, die Tradwives sind eigentlich nicht nur ein Thema, das für Frauen interessant ist im Sinne von, dass man darüber nachdenkt und das reflektiert und vielleicht auch in Frage stellt, diese Rollenerwartung. Weil das, was auch wir oft diskutieren, warum gehen so wenige Männer in längere Karenz und warum ist das alles immer noch so sehr Frauenthema, sobald Kinder sind, das ist eigentlich auch ein Männerthema, weil keine Art von Verantwortung, die so viel Druck ausmacht, wie ich muss schauen, dass das Geld da ist, ich muss die Jobs dementsprechend ausfüllen und ich darf mir keine Schwäche erlauben, weil sonst bin ich ja kein richtiger Mann, das schwächt natürlich auch Männer und es überfordert auch Männer, auch wenn sie es nicht sagen dürfen. Und wenn man sich Tradwife-Familien anschaut, dann wird schon auch klar, dass das von keiner Seite aus ein tolles Konzept ist.
Anna-Lisa Bier
Also eigentlich ist es dann ein gesamtgesellschaftliches Problem, können wir eigentlich so sagen, oder?
Barbara Haas
Es ist, zugespitzt formuliert ist, würden wir keine Kinder brauchen, dann wäre alles gut. Dann könnte man sich alles ausmachen, wie man will und dann leben Menschen, bis sie sterben und aus fertig. Aber solange wir auch Familien in unserer Gesellschaft mitdenken, haben wir natürlich das Thema, dass wir diese Arbeit, die halt Kinder auch machen, ob man sie lieb hat oder nicht. Also es gibt eine gewisse Zeit, wenn Kinder klein sind, da sind sie auch nicht zu organisieren. Da muss man eben da sein oder Frau muss da sein. Und solange das so ist, ist es quasi ein gesamtgesellschaftliches Problem, das aber lustigerweise gerade politisch überhaupt nie so gesehen wird. Also ich glaube, der Schlüssel liegt in dem Wort unbezahlte Arbeit. Ich glaube, das ist deswegen so egal, weil unbezahlte Arbeit ist, die passiert einfach. Also das wird ja auch nicht eingerechnet in Wirtschaftssysteme, weil die passiert, ob wir politisch was tun oder nicht. Weil die Liebe und die Verantwortung von Frauen, ich sage jetzt extra Frauen, ist so immens, dass wir uns über das Thema werden Kinder verhungern, vernachlässigt, sterben unter der Hand, das können wir uns abschminken. Frauen werden immer dafür sorgen, dass das nicht passiert.
Anna-Lisa Bier
Und das ist ja auch der Grundbaustein für Erwerbstätigkeit im Prinzip. Also dadurch, dass Frauen diese ganze Care-Arbeit unbezahlt machen, kann der Mann oder früher war es halt so, dass dann der Mann im Prinzip zum Beispiel im industriellen Zeitalter in die Fabrik gegangen ist. Das ist ja eigentlich dann der Grundbaustein, dass es überhaupt geht.
Barbara Haas
Genau, das ist der Grundbaustein. Und heute ist es immer noch der Grundbaustein mit dem Zusatzreiz oder mit der Zusatzattraktion, dass wenn Frauen dann doch Kinder wollen oder Familien, vielleicht auch Paare, sage ich mal Paare, wenn Paare doch Kinder wollen, dass diese unbezahlte Arbeit einfach zu einem Großteil an Frauen hängen bleibt und extra Bonus Frauen auch über viele Jahre in ihrem Job und in ihren Verdienstmöglichkeiten und demnach in ihren Karrieremöglichkeiten. Und ich spreche nicht von CEO-Level, sondern ganz normale Arbeit zu machen, die einen erfüllt und das Leben finanziert, weit zurückfallen. Gibt es kilometerweise Studien dazu, dass das so ist. Aber es ist eben auch ein wahnsinnig praktisches System, dass es so ist, weil die Entscheidung Kind oder nicht Kind eigentlich immer noch nur bei Frauen geparkt ist.
Anna-Lisa Bier
Ich möchte nochmal auf diese Tradwives zu sprechen kommen, die man im Internet sieht. Ich habe auch eine Doku gesehen von Turning Point USA, das ist eine rechtspopulistische Organisation, die Events in Amerika veranstaltet für junge Frauen. Da ist zum Beispiel auch Charlie Kirk ein Mitgründer und bei diesem Event war Lara Trump, also die Schwiegertochter von Donald Trump, auf der Bühne. Und die lehnen halt den Feminismus ab, lehnen Abtreibung ab und sehen es als Verbrechen und so weiter. Und für mich ist es halt so lustig zu sehen, dass da eigentlich dann diese Tradwives quasi, also Lara Trump zum Beispiel, auf der Bühne steht, sich dafür ausspricht, aber sie ist eigentlich komplett das Gegenteil davon, weil sie steht auf der Bühne und sagt aber allen Frauen, man muss da ansetzen, quasi wo das Problem liegt, nämlich zu Hause. Und es soll jede von ihnen schauen, dass sie starke Männer hervorbringt aus der Gesellschaft. Wie kommt es dann zu diesem Paradox, dass dann eigentlich die Frauen vorne auf der Bühne stehen und aber allen anderen eigentlich einreden, du musst dich jetzt so quasi unterordnen? Das Patriarchat braucht auch Role Models. Also es würde nichts bewirken, wenn nur Männer dort stehen würden und Frauen erklären würden, dass sie zu Hause bleiben sollen. Das würde jede Frau auf der ganzen Welt kapieren, dass da ein Haken ist. Also du brauchst Frauen in einem patriarchalen System, damit es am Laufen bleibt. Das ist auch keine ganz neue Entdeckung, sondern das war eigentlich immer schon so. Und warum Frauen das machen, ist eigentlich auch relativ nachvollziehbar. Du hast als Frau in so einer Rolle die Möglichkeit, an Status zu gewinnen. Also du stehst dann auf der Treppe des Patriarchats ein bisschen weiter oben, bist halt nur du diejenige, die da oben steht, aber es hilft dir natürlich trotzdem in deinem Leben. Und weil du Charlie Kirk, den 2025 ermordeten Mitgründer von Turning Point America angesprochen hast, seine Frau Erica Kirk hat ja die, die jetzt die Witwe ist, nicht mehr Frau, hat diese Organisation übernommen, ist Unternehmerin, hat auch sowas wie einen Bibelclub, also ist in dieser Community drinnen und sagt genau das Gleiche. Also sie ist auch eine jener Frauen, die auch sehr gut mit JD Vance zum Beispiel ist, sie sind sehr gut befreundet. Sie ist auch eine jener Frauen, die eine große Wirksamkeit hat, weil sie riesige Bühnen hat und sehr große Reichweiten hat. Und mit ihrer Rolle, dass sie jetzt Witwe ist und ihre Kinder alleine unter Anführungszeichen aufziehen muss, hat sie auch eine hohe Glaubwürdigkeit. Und die lässt keine Gelegenheit aus, genau das Gleiche zu sagen wie Lara Trump und andere. Liebe Frauen, wir müssen unsere Christian Nation aufbauen, retten. Wir müssen schauen, dass wir diese Kinder auch in die Welt setzen, weil wir sie brauchen für unsere Gemeinschaft und für unsere Gesellschaft. Und die macht eben genau dasselbe. Und wenn man sich überlegt, ja, aber hey, aber du bist ja eigentlich erfolgreiche Unternehmerin, du bist nicht abhängig von irgendjemandem, warst auch vorher nicht abhängig, sondern du stellst dich zur Verfügung und tust so, als würdest du dieses Leben leben, aber in Wahrheit gibst du Ratschläge an Frauen, sich in die komplette Unterwerfung zu begeben. Und dasselbe machen ja Tradwives auch. Also genau das Gleiche, die verdienen, wie du gesagt hast, auch selber Geld damit und machen irgendwie Merch und verkaufen Produkte und machen genau dasselbe. Und das ist das Tückische an der ganzen Bewegung. Es ist einfach total schwer zu erkennen.
Anna-Lisa Bier
Das stimmt. Das ist wahr. Und es war, ich muss ehrlich sagen, ich habe mir auch meine Gedanken davor gemacht, weil es wirkt eben wie dieses heile Bild und ich will niemandem absprechen, dass man sich für Familie und Kinder entscheiden soll und darf. Aber für mich eben ist dieses Problem, dass diese Tradwives, die verstecken diese Abhängigkeit, die eben, weil du hast es da vorhin schon gesagt, es ist ja eigentlich ein Privileg, dass sie Tradwives sein können, weil die Männer wohlhabend sind. Und ich glaube, wenn man das so vorlebt, ist das eben für sehr viele Frauen dann das große Ideal, was man sein möchte, aber diese Frauen haben dieses Privileg nicht. Und das heißt, man stürzt sich in eine Abhängigkeit, die vielen, glaube ich, gar nicht bewusst ist. Und das ist, glaube ich, so mein Problem mit dem Ganzen.
Barbara Haas
Und ich glaube, wenn man es weiterdenkt, dann stürzen sich Frauen womöglich in eine Abhängigkeit und machen trotzdem alle Jobs. Also ich gehe nochmal zurück zu der Familie in Österreich, die zwei Einkommen braucht, damit sich das Leben ausgeht, die aber gerne Kinder haben. Wenn diese Frau jetzt so inspiriert ist, so wie ich vielleicht auch, und sich denkt, okay, ich kriege es aber trotzdem zustande. Ich kriege dieses Leben mit dieser Idealisierung, mit diesem Cooking from Scratch und mit all dieser Liebe, die ich da in diese Familie hineinbuttere, zustande, dann habe ich plötzlich drei Jobs. Also ich habe nicht mehr nur die normale Vereinbarkeit, sondern ich habe dann auch noch einen glorifizierten Status, den ich gerne für mich selber erreichen würde. Und das fängt schon an mit der ständig geputzten Wohnung oder dem ständig geputzten Haus. Das alles ist nicht möglich. Man kann nicht immer alles perfekt haben. Und es ist auch überhaupt nicht notwendig, sage ich nur so nebenbei, weil auch Frauen dürfen Prioritäten setzen in ihrem Leben. Und wenn du, keine Ahnung, ich sage jetzt nicht 40 Stunden, aber wenn du 30 Stunden arbeitest, dann gibt es eben nicht unendlich viel Zeit, um das dann noch alles so ideal zu machen. Und das sehe ich ja als eigentliche Gefahr. Ich glaube nicht, dass jetzt bei uns reihenweise Menschen und Frauen Tradwives werden und sich denken, okay, ich höre auf mit Arbeit, weil, wie du richtig gesagt hast, es einen gewissen finanziellen Background dafür braucht. Aber was ich mir schon vorstellen kann, ist, dass diese Idealisierung von, was tue ich alles mit meiner Familie, was tue ich mit den Kindern, wie sehr fördere ich die noch und wie viel Zeit verbringe ich noch mit denen. Und ich bin dann auch noch die liebe Ehefrau, die nicht murrt, die keinen Wickel am Abendbrottisch anzettelt, weil ich möchte diesem Bild entsprechen. Das kann ich mir schon vorstellen, weil das Tückische an idealisierten Bildern ist halt, für den Moment fühlt es sich gut an.
Anna-Lisa Bier
Und auch diese Bilder greift halt auch die Politik auf, auch in Österreich, Stichwort Herdprämie von der FPÖ. Möchtest du da vielleicht ein bisschen genauer darauf eingehen?
Barbara Haas
Ja, die Herdprämie, die FPÖ will das ja nie so gesagt haben, aber wir Medien sind an der Stelle präzise und bezeichnen es schon als das, was es ist. Es gibt diese sogenannte Nicht-Herdprämie in Oberösterreich seit 2006, wenn ich mich nicht täusche. Und die FPÖ verkauft es halt so als Wertschätzung für Arbeit zu Hause. Und man könnte sagen, das ist ja nett. Und genau so meint es die FPÖ auch. Aber wenn man in die Parteiprogramme reinschaut, dann ist das, was wir vorhin von Charlie und Erica Kirk gehört haben, dieses Bild der Familie und diese Produktion unter Anführungszeichen von weißen Babys, das ist ja etwas, was sehr gut in die Erzählung auch von der FPÖ und von anderen rechtspopulistischen und rechtsnationalen Parteien hineinwirkt. Was tun wir gegen die Migration? Können wir nicht viel tun? Was tun wir gegen zu viele Ausländerkinder? Können wir schon was tun, nämlich eigene entgegenzusetzen. Und deswegen sind, es gibt von der AfD so ein Posting, das ist mittlerweile gelöscht worden, von der AfD Sachsen, die das wirklich gegenübergestellt haben. Da gibt es eine traditionelle Frau, die ist auch total schön, die ist gesund, die ist glücklich und hat viele Kinder. Und dann gibt es sozusagen die abgeranzte Gender Studies Studentin, die viele Abtreibungen hatte und noch stolz darauf ist und so. Und das kann man, wenn man von draußen draufschaut, natürlich immer auch ein bisschen skurril finden. Man kann sagen, das ist sehr durchschaubar. Aber die Sache ist die, wenn du eine Message immer wieder hörst und wenn du das garnierst, eben, also das kommt durch das Einflugstor, schöne Ästhetik, es kommt durch das Einflugstor vielleicht ein bisschen mehr Ruhe im Leben, es kommt durch das Einflugstor, willst du das nicht für deine Familie, genau das Beste, und irgendwann fangen die Dinge an zu greifen. Und deswegen ist sowas wie eine Herdprämie an sich als politische Maßnahme noch nicht brandgefährlich. Es ist nur im Gesamtkontext brandgefährlich, weil die rechtspopulistischen Parteien auf der ganzen Welt ungefähr dieselben Ideen haben. Und so wie diese Christian Nation in den USA, die wollen ja auch weiße Babys, so ist es halt bei den rechten Parteien in Europa im Prinzip genau dasselbe. Und all over, wenn man es jetzt so möchte, steht Social Media, was eine wahnsinnige Verknüpfung von all diesen Strömungen bewirkt. Und das heißt, und das macht, finde ich, auch die Gefahr aus, weil es relativ viel Kraft entwickelt.
Anna-Lisa Bier
Dieser Punkt mit dem Politischen und mit der Herdprämie und so weiter, das greift ja dann auch mit den Netzwerken, die sich dann wiederum auch bei Männern bilden. Also du hast es vorhin schon angesprochen mit der Manosphere. Das unterstützt das ja dann eigentlich auch nochmal, oder?
Barbara Haas
Naja, es bietet halt die Lösung an, nach der alle suchen. Also wie tun wir jetzt als Männer und wie tun wir jetzt als Frauen, wie vorher schon kurz angesprochen, das bietet halt einen wirklich idealen Outcome. Und wenn man, es läuft jetzt gerade eine sehr interessante Doku auf Netflix, Inside Manosphere, sehr empfehlenswert, weil sie sehr objektiv, finde ich, gemacht ist und einfach mal zeigt, wie es jungen Männern geht, die, das kann man auch nachvollziehen, die abgehängt sind, die sich wenig ausgebildet sind, vielleicht deswegen auch keinen guten Job haben, nicht in der Versuchung stehen, reich und berühmt zu werden, sondern so ein Durchschnitt sind. Und Manosphere-Influencer bieten ihnen ein Biotop an, wo sie sich trotzdem wohlfühlen. Wenn sie eben darauf schauen, dass sie an sich arbeiten, an ihrem Körper arbeiten und so weiter und so weiter. Und die Frauenverachtung, die geht quasi parallel damit. Da ist noch die Mutter die einzige Ausnahme, aber die Bitches sind natürlich alle anderen Frauen und diese Abwertung hat halt den schönen Effekt, dass sie gleichzeitig die Aufwertung von einem selbst ist oder von dem Mann selbst ist. Und wenn es jetzt in dieser Tradwife-Community sagt, okay, wir Frauen haben erkannt, dass wir unter dem Mann stehen, dann ist das natürlich Gold für alle Männer, die verunsichert sind, weil dann haben sie plötzlich die richtige Frau gefunden und das richtige Konzept gefunden.
Anna-Lisa Bier
Also wenn man das dann eigentlich so zusammenfassen kann, gibt es dann für beide, für Männer und für Frauen in diesem Sinne jetzt eigentlich so aktuell die Krisen. Wie kommt man da jetzt irgendwie raus? Hast du da irgendeinen Ansatz, dass man das, jeder sucht quasi nach seiner Rolle, es gibt die unterschiedlichen Rollenbilder, die eben jetzt, wie man sieht, mit Tradwives, Manosphere und so weiter, die jetzt vorherrschen. Wie kommen wir dann irgendwie wieder dazu, dass man sagt, dass man einfach gemeinsam lebt und nicht irgendwie dann schaut, dass man Feminismus niederredet oder dass man sagt, Tradwives mit den alten Rollenbildern sind schlecht. Wie kommen wir da wieder auf einen gemeinsamen Nenner?
Barbara Haas
Also ich glaube, man muss einerseits ein bisschen die Kirche im Dorf lassen, würde ich jetzt mal sagen. Für die allermeisten Frauen auf dieser Welt stellt sich überhaupt nicht die Frage, ob sie irgendeine Tradwife sein wollen oder nicht. Die sind sie, weil die allermeisten Frauen auf dieser Welt sind eben nicht in der privilegierten Situation, sich überlegen zu können, wie das eigene Lebenskonzept aussieht. Und das muss man, finde ich, einfach immer ein bisschen mitdenken. Diese Debatte, die wir hier führen, ist eine, die mit Privilegien gesegnet ist, weil wir in Österreich, in Europa einfach mittlerweile als Frauen die Möglichkeit einer guten Ausbildung haben und dementsprechend auch andere Chancen am Arbeitsmarkt haben, andere Möglichkeiten, eine finanzielle Unabhängigkeit überhaupt zu erreichen haben. Und aus dem heraus entsteht auch ein gewisser Machtfaktor in der Gesellschaft. Dieser Machtfaktor ist ja genau das, was uns ein bisschen Reibung verursacht mit Männern. Aber das ist ein feministisches Thema. Und zu deiner Frage, wie kommen wir da wieder raus, glaube ich, dass wir uns als Gesellschaft schon fragen müssen, wollen wir Kinder? Wir müssen nämlich keine Kinder kriegen, tatsächlich. Es ist nicht so, dass die Welt noch mehr Menschen braucht. Aber wenn man diesem Bedürfnis, das viele Menschen, viele Frauen haben, nachkommen möchte und in Beziehungen sich irgendwann diese Frage stellt, werden wir ein Kind bekommen, dann, das glaube ich, muss der Staat, der ja auch Systeme gebaut hat, wo immer wieder Menschen reinzahlen, damit andere Menschen rausnehmen können, muss der Staat Rahmenbedingungen schaffen, dass das möglich ist, ohne dass es nur auf die Kosten von Frauen geht. Und ich weiß, das ist manchmal ein bisschen langweilig, weil ich das öfter mal sage, aber ich finde, eine verpflichtende, lange Elternkarenz, die insofern verpflichtend ist, als sie aufgeteilt werden muss, und dass man sonst eben keine finanzielle Unterstützung kriegt vom Staat, wäre so ein Faktor, wo man diese Arbeit, die es nun mal ist, aber sie ist nicht nur individuelle Arbeit, sie ist Arbeit an der Gesellschaft und sie ist Arbeit für unsere aller Sozialsysteme. Und wenn man als Politik sagt, uns ist das wichtig, dass das nicht komplett wegkommt, dann muss man diese Rahmenbedingungen schaffen. Und ich glaube, wenn es keine individuelle Aushandlungssache mehr wäre, dann wäre auch diese Reibung zwischen den Geschlechtern vielleicht nicht mehr so eklatant, weil dann wäre es plötzlich ein Thema für beide. Von Haus aus für beide. Es wäre plötzlich ein Thema für die Unternehmen, für beide. Es würde keinen Sinn mehr machen, einen Unterschied zwischen einer 28-jährigen Frau und einem 28-jährigen Mann in der Beförderung zu machen. Und jetzt macht es aber schon einen Unterschied, weil zwischen 26 und 36 bist du brandgefährlich in jeder Firma, weil man kann ja nicht wissen, wann du ausfällst. Und das wird natürlich nie offiziell so gesagt, aber ich bin lange genug in vielen Unternehmen tätig gewesen und ich war auch lange genug in diesem Alter, um zu wissen, it's real, es ist so, du wirst anders bewertet. Und wenn man es politisch möchte, dass man einerseits doch Kinder hat, von mir aus auch weiße Kinder, um es jetzt ein bisschen provokant zu sagen, dann muss man sich überlegen, wie baue ich die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Und dann reicht es halt echt nicht, dass die Familienministerin sagt, macht euch nicht so große Sorgen beim Kinderkriegen, kriegt es einfach. Das finde ich eine wirkliche zynische Aussage, weil das hat nichts mit echter Realität zu tun. Und man kann von Frauen nicht verlangen, nur weil sie Frauen sind, dass sie vergessen, was sie studiert haben, dass sie vergessen, dass sie in der Lage sind, ihre Perspektiven auszurechnen und sich dann halt gegen Kinder entscheiden. Das kann man niemandem vorwerfen, aber man kann der Politik vorwerfen, wenn sie ständig irgendwie sagen, okay, hu, Geburtenrate, leider schwierig, und überhaupt Pensionssystem, leider schwierig, und überhaupt alles irgendwie eher schwierig, dass man dann, und das ist kein wahnsinnig großer Stein, so eine verpflichtende Väterkarenz, das ist, glaube ich, da haut es noch nicht die Republik zusammen. Aber irgendwas auch wirklich aktiv zu machen und nicht immer zu sagen, Wahlfreiheit über alles, weil das ist ja der Spruch, der immer kommt, aber es ist eben keine Wahlfreiheit, wenn du dich für Kinder entscheidest und damit automatisch eine finanzielle Schlechterstellung für viele Jahre willst.
Anna-Lisa Bier
Ich will dem fast gar nichts mehr hinzufügen. Ich finde nur, dass genau dieser Tradwife-Trend uns ja eigentlich zeigt, dass das alles eben nicht nur eine reine Privatsache ist. Und das hast jetzt du eh auch perfekt auf den Punkt gebracht. Das heißt, dieser Trend kann ja dann eigentlich auch dazu führen, dass wir gewisse Sachen weiterbringen, oder? Siehst du jetzt diesen Trend dann eigentlich nur als Gefahr, oder ist das dann eher jetzt so vielleicht, dass sich dadurch auch was ändert, wenn man es vor sich aufzeigen lässt, quasi?
Barbara Haas
Ich glaube schon, dass es eine Veränderung mit sich bringen kann. Ich glaube, es fängt wie bei vielen Diskussionen damit an, mal das Feld aufzuspannen. Mal zu sagen, es gibt es, es gibt auch Bedürfnisse von jungen Frauen, ich kenne einige, die sich durchaus vorstellen können, mit so einem Rollenbild zu liebäugeln. Also es ist nicht nur Social Media und deswegen egal. Und natürlich, ich bin ein zwangsoptimistischer Mensch, natürlich glaube ich, dass wir uns entwickeln können, dass wir andere neue Möglichkeiten finden und dass ein Miteinander aushandeln wohl nur funktionieren wird, wenn Frauen und Männer in dieselbe Richtung schauen. Ich bin schon lange keine Befürworterin mehr zu sagen, man muss immer bashen und man muss immer sagen, Männer, gebt eure Macht ab. Das ist jetzt, wir haben es auch mittlerweile mit anderen Generationen zu tun, die hier eh viel Wissen und auch patriarchales Wissen haben darüber, was alles nicht so gut läuft. Nur ohne Männer werden wir es nicht schaffen. Und das sollte man auch nicht, also das glaube ich nicht, dass es auch so viel Spaß machen würde. Ich glaube schon, solange wir denken, wir können voneinander was lernen und miteinander was gestalten, eine Zukunft zu gestalten, in der Frauen und Männer und Kinder vorkommen und alte Leute vorkommen, geht es nur gemeinsam. Insofern hoffe ich, dass die Auseinandersetzung damit vielleicht am Küchentisch und am Elterntisch und in der Uni-Gruppe auch ein paar positive Effekte hervorbringt.
Anna-Lisa Bier
Ja, und ich hoffe auch, dass dieses Gespräch vielleicht etwas bewirkt. Also mir hat das auf alle Fälle sehr geholfen und ich danke dir, Barbara, sehr, sehr herzlich für die Einblicke.
Barbara Haas
Ja, vielen Dank. Ich bedanke mich, dass ich da sein durfte.
Anna-Lisa Bier
Das war die heutige Folge von "Ganz offen gesagt". Vielen Dank fürs Zuhören. Ihr findet alle weiterführenden Informationen wie immer in den Shownotes. Wenn ihr "Bullshit mit Blümchenkleid" von Barbara Haas selbst lesen möchtet, das Buch ist online und in eurer Buchhandlung erhältlich. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann empfehlt diese gerne weiter, bewertet uns positiv auf der Podcast-Plattform eures Vertrauens und abonniert "Ganz offen gesagt", um auch zukünftig keine Folgen zu verpassen. Folgt uns gerne auf BlueSky und Instagram. Wir freuen uns natürlich auch über Feedback, am besten an redaktion@ganzoffengesagt.at. Vielen Dank fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Ciao.
Autor:in:Felix Keiser |
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