Die Dunkelkammer
History. Karl Lueger: „The missing image“

Von Christa Zöchling. Schon die amerikanische Verfassung aus dem Jahr 1787 warnte vor der Gefallsucht unreifer Charakter in wichtigen Positionen. Karl Lueger, der berechnende Antisemit und Wiener Bürgermeister, war ein solcher Mann. Ein Denkmal verdient er nicht. Ein Mahnmal schon.

Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus Drei History. Und ich beginne mit Nestroy. Johann Nepomuk Nestroy, Dramatiker, Schauspieler und Philosoph. Ein paar Meter vom Wiener Nestroyplatz entfernt steht ein Denkmal, das Nestroy in einer Bühnenrolle zeigt, von schmal pickter Statur einen Zylinder unterm Arm. Nestroy war ein Tausendsasser.
Begonnen hat er seine Karriere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der Wiener Hofoper, als Sarastro in der Zauberflöte. Aber Erfolg hatte er mit seinem Volkstheater und seinen Possen. Nestroy schrieb an die 90 Stücke, die freilich nicht alle zur Aufführung kamen, denn es herrschte Metternich und die Zensur, und Nestroy war scharfzüngig und ein brillanter Beobachter der menschlichen Seele.
Zu meinem Glück habe ich Nestroy in der Schule schon sehr früh kennengelernt. In den Bänken sitzend lasen wir seine Stücke im Deutschunterricht mit verteilten Rollen. Und da war ich Lebenskünstler, Dummkopf oder Intrigantin, je nachdem, welche Rolle ich zugeteilt bekam. Und ich weiß wirklich, in diesem Moment: Einmal musste ich sagen: "Der Mensch ist ja gut, aber die Leut, boah, die Leut san schlecht."
Ich machte das so gut, dass es auffiel und ein geflügeltes Wort unter uns wurde. Ich glaube, wir Kinder haben das damals intuitiv verstanden. Erklären hätten wir es nicht können. Aber dass sich die beste Freundin allein anders verhielt als in der Gruppe? Und dass man dann selbst auch Dinge mitmachte, für die man sich hinterher vielleicht schämte? Das kannten wir alle.
In diesen Tagen fiel mir Nestroy wieder ein. Bei der blamablen Amtshandlung um die Lueger-Statue am Luegerplatz und den mindestens ebenso peinlichen 250-Jahr-Feiern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung unter Präsident Trump. Ich sage nur: Blutüberströmte Käfigboxer vor dem Weißen Haus. Aber immerhin haben wir aus diesem Anlass einiges über die Debatten beim Zustandekommen der amerikanischen Verfassung von 1787 erfahren.
Etwa die Erfindung des Wahlmännerkollegiums. Nach Ansicht der Gründerväter sollte der amerikanische Präsident zwar vom Volk gewählt werden, aber so ganz traute man dem Volk damals nicht, einen geeigneten Kandidaten zu wählen und nicht auf einen Blender und Demagogen hereinzufallen. Und so schuf man das Wahlmännerkollegium. Honorige Männer, die als Filter fungieren, um charakterlich problematische Politiker vom Weißen Haus fernzuhalten.
Alexander Hamilton, einer der Gründerväter und Staatstheoretiker, beharrte auf diesem Prüfverfahren. So hätte man, ich zitiere, "die moralische Gewissheit, dass das Amt des Präsidenten kaum jemals auf einen Mann entfällt, der nicht in hervorragendem Maß mit den erforderlichen Qualitäten ausgestattet ist". Männer mit einer Begabung für niederträchtige Intrigen und die kleinen Tricks, mit denen man Popularität gewinnt, würden durch das Wahlmännerkollegium ausgesiebt werden, so hoffte Hamilton.
Nach dem Geist der amerikanischen Verfassung hätte Donald Trump also schon im Jahr 2016 vom Wahlmännerkollegium nicht zum Präsidenten gewählt werden dürfen. Doch die Idee war kurzlebig und nicht umsetzbar. Die Verfassung sagte nämlich nichts darüber aus, wie unabhängige Wahlmänner zu bestellen sind. Als sich dann mit der Zeit das Parteiensystem auch in den USA etablierte, begannen die Bundesstaaten, treue Parteianhänger zu entsenden, und die Filterfunktion ging an die politischen Parteien über.
Seit damals gilt die ungeschriebene Regel, dass die Wahlmänner immer dem Mehrheitsvotum in ihrem Bundesstaat folgen. Und noch nie haben Wahlmänner bei einer Präsidentenwahl anders abgestimmt, auch wenn sie persönlich der Ansicht waren, der Sieger sei vielleicht eine Gefahr für die Demokratie. Das Volksvotum steht also über dem Bedenken. Und auch das gehört wohl zu einer liberalen Demokratie.
In "Atlantic", einem sehr angesehenen amerikanischen Magazin, wurde aus Anlass der Wahl von Donald Trump ein historischer Text abgedruckt, aus dem hervorgeht, wie man sich im 19. Jahrhundert eine ideale liberale Persönlichkeit vorgestellt hat. Ich zitiere: "Sie ist in ihren Auseinandersetzungen nie gemein oder kleinlich, nützt nie unfaire Vorteile, verwechselt nie scharfe Sprüche mit Argumenten oder unterstellt Böses, das sie nicht laut auszusprechen wagt. Sie hat viel zu gesunden Menschenverstand, um sich durch Beleidigungen gekränkt zu fühlen. Sie mag mit ihrer Meinung richtig oder falsch liegen, aber sie ist zu klar im Kopf, um ungerecht zu sein. Sie kennt die Schwäche der menschlichen Vernunft ebenso wie ihre Stärke, ihre Reichweite und ihre Grenzen."
Ja, so jemand wäre man wahrlich gern, aber so ist niemand. Am anderen Ende des Spektrums liegt kalt, berechnender Ehrgeiz und Niedertracht. Und das führt mich zu Karl Loeger, dem beliebtesten Wiener Politiker in den letzten Jahrzehnten der Donaumonarchie, dem Kandidaten mit den meisten Stimmen, der Bürgermeister von Wien. Kaiser Franz Josef war sozusagen der Ersatz damals für das amerikanische Wahlmännerkollegium.
Er hat Luegers Ernennung zum Wiener Bürgermeister dreimal abgelehnt. Seine Begründung: Lueger sei ein Radau-Antisemit, der die Gleichberechtigung der Bürger in der Monarchie nicht gewährleiste. Beim vierten Mal hat allerdings auch der Kaiser resigniert. Es gibt einen Tagebucheintrag der Kaisertochter Marie Valerie, den ich bei Brigitte Hamanns "Hitlers Wien" gefunden habe. Ich zitiere: "Man sprach vom Judenhass, da sagte Papa: Ja, ja, man tut natürlich alles, um die Juden zu schützen, aber wer ist eigentlich kein Antisemit?"
Und nun zum jüngsten Vorfall beim Lueger-Denkmal in Wien. Ganz offenbar von historischem Wissen unbeleckte Polizisten haben unlängst bei einer Protestaktion gegen das Lueger-Denkmal in Wien den israelischen Künstler Alon Ishai, der dort Aufkleber und Sprühsprüche angebracht hat, aufgefordert, das abzuschrubben. Vielleicht haben die Polizisten nicht gerade "abschrubben" gesagt, aber "entfernen". Doch das Bild pickt in den Köpfen.
Alte jüdische Männer mit Bärten wie Abraham und junge Frauen in Pelzmänteln, es war ja die kalte Jahreszeit, haben in den Wiener Straßen im Jahr 1938 die Parolen der Vorgängerregierung abschrubben müssen. Mit Lauge und Brüste, umringt von SS-Männern, Polizisten, feixenden Hitlerjungen und hohen lachenden Passanten. Die Filmemacherin Ruth Beckermann hat vor einigen Jahren im Archiv des Filmmuseums eine fünf Sekunden dauernde Aufnahme eines solchen Vorfalls im März 1938 gefunden. Eine Menge lachender Passanten sieht zu, wie zwei bürgerlich gekleidete junge Juden kniend das Pflaster reinigen. Ein SA-Mann hält den Besen in der Hand einer jungen jüdischen Frau in die Kamera. Lachend.
Beckermann hat diese Filmaufnahme im Loop dem Hrdlička-Denkmal zur Seite gestellt, unter dem Titel "The Missing Image". Erschrecken, verstummen, die Worte nie wieder nicht mehr so unbeschwert und leicht über die Lippen bringen. Das hätte man erwarten dürfen. Aber warum heißt der Luegerplatz dann immer noch Luegerplatz? Warum steht die Statue, die einen Politiker ehrt, der gegen Juden hetzte, um Wahlen zu gewinnen, immer noch auf seinem Sockel? Ja, die Statue wurde um 3,5 Grad geneigt, nur das fällt kaum jemandem auf. Warum ist aus dem Denkmal noch immer kein wirkliches Mahnmal geworden?
In der Donaumonarchie war Lueger der erfolgreichste antisemitische Politiker. Treibende Kraft und Sprachrohr eines Zeitgeists, vor dem kein politisches Lager gänzlich immun war. Mit seinem Antisemitismus hatte Lueger 1893 die Christlich-Soziale Partei aus der Taufe gehoben. Antisemitisch, antikapitalistisch, antiliberal, so hieß das Erfolgsprogramm. Seine Anhänger waren kleine Handwerker und Geschäftsleute, Pfarrer und christliche Frauen, die Ideen wie das Frauenwahlrecht strikt ablehnten.
Seine Gegner: jüdische Banker, Industrielle wie Rothschild und liberale Zeitungen, von Lueger meist die Judenpresse genannt. Das monströse Denkmal wurde zehn Jahre nach Luegers Tod mit privaten Spenden finanziert und mit einer Lobrede des sozialdemokratischen Wiener Bürgermeisters Karl Seitz im September 1926 eingeweiht. Eine halbe Million Wiener und Wienerinnen sollen dabei gewesen sein. Zu dieser Zeit war Adolf Hitlers "Mein Kampf" ein paar Monate schon am Markt. In Sachen Antisemitismus sei Lueger sein Lehrmeister gewesen, schreibt Hitler. In mehreren Kapiteln kommt Lueger vor. Ja, die Juden starben. Das Denkmal stand, es hat den Holocaust gut überstanden.
Luegers Antisemitismus sei nur historisch gewesen. Er habe doch nur gebellt und nicht gebissen. Und er habe Freunde unter den Juden gehabt, sagten seine Verteidiger. Luegers Verdienste bei der Modernisierung Wiens wurden herausgestrichen. Die Kommunalisierung städtischer Infrastruktur, die Straßenbahn und ihre Elektrifizierung, die Stadtbahn, das Gaswerk, das E-Werk, die zweite Hochquell-Wasserleitung, die Schonung des Wienerwalds, Schulen, Bäder, Spitäler, Altersheime, städtische Bestattung und Zentralfriedhof. Aber das eigentlich Wichtige wäre doch seine Niedertracht gewesen, mit der er die Wahlen gewonnen hat.
Als ich 1994 für das Nachrichtenmagazin "Profil" den neuen Bürgermeister Michael Häupl, er war Helmut Zilk gefolgt, in seinem Amtszimmer im Wiener Rathaus interviewte, war ich ziemlich beeindruckt von diesem Prunksaal. Wände mit Damastbestand, Kassettendecken aus Edelhölzern, Blick aufs Burgtheater und auf das Bundeskanzleramt. Stieß man die Eichentür energisch auf, brachte der Luftzug die Kristalllüster zum Klirren. Hier ist also Lueger gesessen.
Ja, und dann war da in einer Ecke ein Armsessel aus dunklem Ebenholz, mit Perlmutt verziert, lederbezogen. Dieser Sessel stand unter einem Glassturz. Häupl war es ziemlich peinlich, als ich fragte, was es denn mit diesem Möbel auf sich habe. Darauf habe einst der Bürgermeister Karl Lueger gethront, erklärte Häupl, und dass er diese Reliquie von seinem Vorgänger Helmut Zilk geerbt habe und vorhabe, sie schleunigst wieder dem Wien Museum zurückzugeben. Ich vermerkte das in meiner Reportage, und der Sessel ging dann auch wirklich sehr schnell zurück ins Museum. Viel später bei seiner Restaurierung stellte sich heraus, dass der Handwerker damals in der Bespannung eine bittere Botschaft versteckt hatte. Ich zitiere: "Hergestellt in einer Zeit, als Lueger die Sozialdemokratie Lumpen nannte."
Der schöne Karl, so wurde Lueger genannt, er war Agitator in Wirtshäusern und auf Marktplätzen, ein ziemlich moderner Politiker. Unverheiratet. Seine Gefährtin hielt er natürlich geheim. Und er war ehrgeizig. In so ziemlich allen Parteien hatte es Lueger eine Zeit lang probiert, außer bei den Sozialdemokraten. Im Deutsch-Demokratischen Verein, im Liberalen Bürgerklub, der Mittelpartei, der Vereinigten Linken, dem Reformverein, der Antisemitenliga, dort war er mit dem berühmten Rassenantisemiten Georg Schönerer aktiv, ehe er die Christlich-Soziale Partei gründete.
13 Jahre lang herrschte Lueger im Wiener Rathaus, hetzte gegen Wiener Juden, gegen zugewanderte Juden. Antisemitismus ist ein gutes Agitationsmittel, um in der Politik hochzukommen. Das waren seine Worte. Die Beseitigung des jüdischen Einflusses in allen Bereichen der Gesellschaft war sein Versprechen. Ich zitiere aus einer berühmten Lueger-Rede: "Ja, in Wien gibt es doch Juden wie Sand am Meere. Wohin man geht, nichts als Juden. Geht man ins Theater, nichts als Juden. Geht man auf die Ringstraße, nichts als Juden. Geht man in den Stadtpark, nichts als Juden. Geht man auf die Universität wieder, nichts als Juden. Und beinahe alle Journalisten Juden."
Lueger nannte Juden das Gottesmörder-Volk und Raubtiere in Menschengestalt. Auch die Ritualmord-Legende, die behauptet, Juden würden christliche Kinder morden, um an ihr Blut zu kommen, hatte Lueger im Repertoire. Ein Berliner Beobachter dieser Jahre nannte den Wiener Antisemitismus, ich zitiere: "eine Seeschlange von nationalpolitischen Sonderinteressen der verschiedenen Parteien, deren jeder in ihrem Antisemitismus das Alpha und Omega der Volksbeglückung zu besitzen glaubt."
Ja, und deshalb will ich das Denkmal nicht einfach verschwinden lassen. Es soll als Schandmal stehen bleiben. Aber wie? Nun, vielleicht in einer wirklich ordentlichen Schieflage. Oder ein Vorschlag, der schon einmal in einem Satireblatt der 20er Jahre aufgetaucht ist. Eine mobile Lueger-Statue, die jeden Tag durch jeden Bezirk von Wien gefahren wird, damit alle etwas davon haben.
Ja, und jetzt höre ich Nestroy sardonisch lachen. Und damit verabschiede ich mich für heute von Ihnen, Ihre Christa Zöchling.

Autor:in:

Livio Koppe

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