Bühneneingang
Zwischen Bezirkspolitik und Hoffest: Was Kulturjournalismus im Grätzl leisten kann - mit Elisabeth Hundstorfer
Kulturjournalismus im Grätzl: In Folge 83 erzählt Elisabeth Hundstorfer, Gründerin der Josefstädter Zeitung „derAchte“, wie Lokaljournalismus, Kulturberichterstattung und Stadtteilarbeit in Wien zusammenwirken. Im Gespräch geht es um die Rolle von Kulturjournalismus im Kleinen, um die Konkurrenz zu großen Bezirkszeitungen, um Medienförderung und Finanzierungsmodelle für Lokalmedien sowie um die Frage, wie nah Kulturjournalismus an der eigenen Nachbarschaft sein kann, ohne seine kritische Distanz zu verlieren.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Elisabeth Hundstorfer, Gründerin der lokalen Grätzel-Zeitung "Der Achte" in der Josefstadt. "Der Achte" erzählt seit 2020 Geschichten aus Wiens kleinstem Bezirk, holt Kulturschaffende, Bewohner:innen und Unternehmen vor den Vorhang und bindet sie über eine Bürger:innen-Redaktion aktiv in den journalistischen Prozess ein.
In unserem Gespräch geht es darum, wie Stadtteilarbeit, Kultur und Journalismus ineinandergreifen, welche Rolle kleinteiliger Lokaljournalismus neben großen Playern wie den kostenlosen Bezirkszeitungen spielt und was für Finanzierungsmodelle diese Medienlandschaft langfristig tragen können. Außerdem steht die Frage im Zentrum, wie sich ein Grätzel-Medium von den großen Strängen des Investigativjournalismus unterscheidet und warum die Nähe zum Bezirk dabei sowohl Chance als auch Herausforderung ist. Liebe Elisabeth, danke, dass du heute mit mir eine Podcast-Folge bestreitest.
Elisabeth Hundstorfer
Ich sage danke für die Einladung.
Fabian Burstein
Zunächst mal eine ganz banale Frage: Wenn ich jetzt nicht im achten Bezirk wohnen würde, was ich tue, und auch diese Zeitung nicht kennen würde, wer ist Elisabeth Hundstorfer? Wie würdest du dich vorstellen, abgesehen davon, dass du halt die Gründerin von "Der Achte" bist?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, Elisabeth Hundstorfer ist eine gebürtige Oberösterreicherin, die zum Studieren nach Wien gekommen ist und ganz schnell im achten Bezirk, wie viele Studenten im achten Bezirk ihre ersten Anknüpfungspunkte haben, gelandet ist und seit 1987 fix in der Josefstadt lebt, ihre beiden Kinder hier aufgezogen hat und ja, schlussendlich auch über 20 Jahre bei einem Verlag in der Josefstadt gearbeitet hat und Magazine gemacht hat, Bücher gemacht hat. Und ja.
Fabian Burstein
Das heißt, du bist so richtig 360 Grad sozialisiert in einem Grätzel, wie man in Wien sagt, in einem Quartier, würde man in Deutschland sagen, in einer deutschen Großstadt. Wie ist aus dieser Identität heraus "Der Acht" entstanden? Gab es da einen konkreten Moment, wo du gesagt hast: Jetzt möchte ich in den kleinstteiligen Lokaljournalismus gehen? Gab es irgendein Defizit in der Berichterstattung über die Josefstadt vielleicht?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, das war schon eigentlich ein Ausschlag, dieses Defizit, was du angesprochen hast. Es war so, es hat in der Bezirksvorstehung ein Dialogforum, sage ich jetzt einmal, gegeben von Kulturschaffenden. Und da ich ja im Spitznamen Lilly genannt werde und ein kleines Label habe, nämlich Lilly Records, wurde ich dazu auch eingeladen. Und es waren da sicher über 100 Kulturschaffende, die dann einfach ist zutage getreten an dem Nachmittag, der doch relativ lang und intensiv in den Diskussionen war: Alle haben dasselbe Problem.
Das ist eine, also vor allem die Vernetzung und die Kommunikation. Dass ganz viele, zum Beispiel bildende Künstler gibt, Ateliers, die Vernissagen zum Beispiel machen, und dann würden sie, sagen wir mal, 20 Sessel brauchen, und der Nachbar hätte diese 20 Sessel, aber sie wissen voneinander gar nicht. Und das war dann eigentlich so ein bisschen die Initialzündung, wo ich mir gedacht habe: Ja, da müsste ein bisschen eine Drehscheibenfunktion, wie könnte man das machen? Und durch das, dass ich natürlich vom Journalismus komme, war das relativ naheliegend, dass man da vielleicht irgendein Medium macht.
Und durch das, dass ich eben so lange in der Josefstadt lebe und auch alle meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich viele Jahre oder teilweise Jahrzehnte zusammengearbeitet habe, so wie eben auch die Grafikerin, in der Josefstadt lebt und wir immer wieder so uns Konzepte gemacht haben von schönen Magazinen, also keine 0815 Wien-Magazine, sondern einfach, ja, wir haben immer wieder an schönen Produkten gearbeitet, die dann auch natürlich, da wir auch Kinder gehabt haben, immer wieder in der Schublade gelandet sind. Und jetzt war dann einfach der Zeitpunkt, wo ich gesagt habe: So, ich bin zu ihr, Clara, machen wir was.
Und auch natürlich aufgrund dessen, dass wir beide schon über 50 damals waren, also heuer 60, waren nicht jetzt, wann dann? Und wir haben dann wirklich sehr intensiv an einem Konzept gearbeitet, haben das auch mit verschiedenen, ich sage einmal, Expertinnen und Experten besprochen. Und eigentlich ist da rausgekommen: Wir wollen kein Magazin machen, aber es soll einen Magazincharakter haben. Wir wollen keine kleinformatige Bezirkszeitung sein, sondern wir möchten uns abheben. Und die Clara hat einfach, sage ich einmal, internationales Format von einer Grafikerin, also wo man wirklich aus dem Vollen schöpfen kann, was kreatives Layout, betrifft. Und bei uns hat sicher auch die Optik so viel Stellenwert wie auch der Text. Und wir haben dann eine ganz, ganz tolle Nullnummer, sage ich einmal, gemacht und haben die auch dann dem Bezirk und so weiter vorgestellt und haben sehr ein positives Echo bekommen.
Fabian Burstein
Das heißt, das ist ja auch die wichtige Erkenntnis daraus: Die Initialzündung war jetzt nicht irgend, sage ich einmal, ein Bezirksskandal rund um eine Gasse, die nicht gut bewirtschaftet ist, wo Parkplätze wegfallen und Ähnliches, sondern es war wirklich das Thema Kunst und Kultur, das Inspirationsquelle war, um ein neues Medium zu gründen. Habe ich das richtig verstanden?
Elisabeth Hundstorfer
Genau, ja. Es war natürlich auch, ich sage einmal, ein bisschen die Not heraus, da wir ja viele Jahre gemeinsam bei einem Verlag im achten Bezirk gearbeitet haben, der dann geschlossen wurde, weil eben mein damaliger Chef damals schon 85 war. Und ich habe dann als Chefredakteurin für ein Kommunalmagazin gearbeitet und da war ich eigentlich eher unglücklich, sage ich einmal, und habe mir gedacht: Na ja, das sind noch mindestens zehn Jahre bis zu meiner Pension, ob ich die da absitzen möchte, bezweifle ich. Und war natürlich auch immer ein bisschen auf der Suche nach Neuem oder neuen Herausforderungen. Und das Schöne an unserem Beruf ist ja auch, dass man täglich dazulernt. Und ja, das hat mir alles ein bisschen gefehlt und das war dann auch ein zusätzlicher Antrieb, sagen wir so.
Aber das heißt, du hast das auch von Anfang an nicht so konzipiert, dass du sagst: Boah, jetzt mache ich da was ehrenamtlich als Zusatzhobby, weil mir Kunst und Kultur so wichtig ist und ich mich außerdem mit Medien auskenne, sondern du warst wirklich Gründerin. Das heißt, du hast diesem erstens diesem kleinteiligen Journalismus und zweitens dem Themenschwerpunkt Kunst und Kultur zugetraut, dass man davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, oder?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, also von dem, sage ich einmal, sind wir optimistisch ausgegangen. Bei der Gründung, muss ich ganz ehrlich sagen, wurden wir natürlich sehr belächelt. Da kommen zwei Frauen, 50 plus, mit einem Medium, was eigentlich auch schon in die Tage gekommen ist, nämlich einer Zeitung. Also das kann nur schiefgehen.
Und das war auch dann der Grund. Wir haben ja im März 2020 die erste Ausgabe veröffentlicht und das Ganze war mit dem ersten Lockdown. Und da war natürlich die Frage: Veröffentlichen wir, lassen wir die Zeitung drucken? Und da habe ich dann ganz bewusst gesagt: Ja, wir brauchen einmal ein Exemplar, damit die Menschen wissen, was es ist und was es kann. Und das war eigentlich die richtige Entscheidung, weil natürlich dann das Feedback so positiv war. Also ich bin sicher, ohne Untertreibung, und ich habe das selber noch nie erlebt, dass man nicht böse Leserbriefe kriegt, sondern sehr nette und ganz viele Anrufe und E-Mails, weil die Josefstädterinnen und Josefstädter so begeistert waren.
Fabian Burstein
Gut, das heißt, du hast gegründet, erstens in einem krisengebeutelten Feld, nämlich dem Printjournalismus, zweitens in einem Themenfeld, nicht nur natürlich, aber schwerpunktmäßig, nämlich Kunst und Kultur, dem man jetzt innerhalb dieser Buchlogik auch nicht so viel zutraut, muss man ganz ehrlich sagen. Mit welchem Businessplan bist du da losgestartet? Hast du von Anfang an gesagt, das ist fördergetriebenes Medium, das ist ein werbegetriebenes Medium, wir werden irgendwann einmal genug Spenden und vielleicht sogar Abonnent:innen haben? Was war das rationale Konzept hinter dem journalistisch-kulturellen Konzept?
Elisabeth Hundstorfer
Na ja, prinzipiell war schon, dass man sich über Inserenten finanzieren kann. Die Aboschiene, die wir ja über Steady haben, war also die hatte ich vorher nicht erprobt und habe auch nicht gewusst, was mich erwartet. Und eigentlich war schon auch die Idee, dass die Josefstädterinnen und Josefstädter, wenn sie so begeistert sind, dann Abos abschließen. Da sage ich, da sind wir noch immer sehr mau unterwegs, leider. Es ist natürlich auch oft so eine Schwierigkeit, den Menschen zu vermitteln: Wir sind ein privates Unternehmen. Weil man wird dann doch immer wieder mit dem Bezirk in Verbindung gebracht und der Bezirk ist mit einem Editorial und einem Inserat drinnen, aber es ist trotzdem nicht vom Bezirk finanziert.
Fabian Burstein
Jetzt hast du ja auch eine gewisse Arbeitshypothese da automatisch mitgeliefert, nämlich dass die Josefstadt erstens journalistisch interessant ist und zweitens, dass sie das gerade in Hinblick auf Kunst und Kultur ist. Warum nimmt das ausgerechnet hier in dem Bezirk so eine zentrale Rolle ein, diese Kulturberichterstattung?
Elisabeth Hundstorfer
Na ja, also ich glaube so ein Medium, es gibt nicht sehr viele Bezirke in Wien, wo man so ein Medium machen kann. Also es ist ganz eine homogene Bevölkerung. Wir gehen ja, also wir haben eine Auflage von 25.000 Stück, 15.000 Stück gehen alleine in die Haushalte, in jedes Postfach, im Gegensatz zum Beispiel zu anderen Bezirkszeitungen, die hier eine wesentlich geringere Auflage im Bezirk haben, die sind so um die 6.000. Wir gehen wirklich in jedes Postfach, wir. Und liegen auch in den Museen oder Kaffeehäusern oder Hotels auf. Und es kommt auch immer wieder die Nachfrage nach der Zeitung. Also wir könnten mehr drucken, als wir jetzt Auflage haben. Das ist dann wieder eine finanzielle Frage.
Aber durch das, dass die Bevölkerung so homogen ist und es doch auch wesentliche Kultureinrichtungen gibt, ich sage jetzt auch fußläufig erreichbar, ob das jetzt das Burgtheater ist oder die Oper ist. Also es ist hier einfach eine Atmosphäre, die es in diverseren Bezirken nicht so gibt. Also wir brauchen ja nur bei uns über die Grenze schauen nach Otterkring, wo man einfach die Communities hat, dann den Bobo-Anteil um den Yppenplatz beziehungsweise Grundsteingasse und so weiter. Dann hat man beim Wilhelmminenberg das Villenviertel. Also es ist einfach keine homogene Bevölkerung, so wie bei uns. Und da tut man sich dann natürlich schon schwerer.
Fabian Burstein
Ich meine, im Bezirk gibt es ja auch große Einrichtungen, wie zum Beispiel das Theater in der Josefstadt. Auch das Volkskundemuseum hat eine nicht unbeträchtliche Stätte dort, die an einen Park angeschlossen ist. Frage, inwiefern existiert da so etwas wie eine gewisse Solidarität? Füttern die euch mit Geschichten, mit Inseraten, mit Kooperationen? Weil immerhin, ich meine, ihr berichtet ja über Kultur.
Elisabeth Hundstorfer
Das Josefstadt-Theater hat bei uns noch nie ein Inserat geschalten. Und also da gibt es keine Solidarität, sage ich einmal. Aber ja, vielleicht wird sich das ändern mit der neuen Direktorin. Wir schauen einmal. Es würde natürlich Anknüpfungspunkte geben. Es gibt natürlich auch immer wieder Geschichten, weil es einfach interessante Persönlichkeiten gibt, wie jetzt eben da in der aktuellen Ausgabe, wo wir eine Kostümbildnerin haben, die einfach eine Größe in ihrem Metier ist, die gerade Hamlet ausgestattet hat.
Fabian Burstein
Den Hamlet an der Josefstadt?
Elisabeth Hundstorfer
Genau, genau. Diese, also die Persönlichkeiten, es gibt auch ganz viele, die im Bezirk wohnen. Und aber da gibt es überhaupt keine Synergien, muss ich sagen. Bis jetzt, ja. Beim Volkskundemuseum gibt es sehr wohl Synergien, weil das Volkskundemuseum so ähnlich wie wir tickt, sage ich einmal, nämlich schon niederschwellig versuchen, die Bevölkerung und die Künstler auf einer Ebene mitzunehmen, dass es nicht abgehoben ist und dass auch da einfach eine Verschränkung zwischen Bevölkerung oder Besucherinnen und Künstlern beziehungsweise auch dem Leben in der Stadt stattfinden kann.
Fabian Burstein
Ich möchte noch ein bisschen, auch was diese Frage der Solidarität betrifft, noch auf deine Gründungsgeschichte zurückgehen. Ich war ja früher Leiter eines Kulturbüros in Deutschland. Da hat man auch sehr viel mit der freien Szene zu tun, mit kleineren Kunst- und Kultureinrichtungen. Und man muss schon sagen, in der Forderung sind sich meistens alle einig. Und wenn es dann an die Umsetzung geht, kochen dann doch wieder viele ihr eigenes Süppchen und nehmen es mit der Solidarität dann auch gar nicht mehr so genau.
Wie ist das bei dir? Du hast ja explizit gesagt, du hast für diese Klientel gegründet. Du hast gesehen, da gibt es ein Sichtbarkeitsproblem, da gibt es ein Kommunikationsproblem. Hat sich diese Community gedankt, indem sie die Geschichten liefert, dich propagiert, dich mitleben lässt? Hat das auf der Ebene funktioniert?
Elisabeth Hundstorfer
Auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Also dass diese Solidarität, auch diese emotionale Solidarität, ist ganz ein großer und ist sowohl bei den Künstlerinnen und Künstlern, also unsere Redaktion ist in einem der schönsten Gemeindebauten Wiens mit tollen Säulen und einem kleinen Garten davor. Und wir haben da immer Sessel und Tischchen stehen, wo man sich niederlassen kann, die Zeitung lesen kann. Und die Künstler kommen einfach und bringen ihre Programme, ihre Einladungen zu den Vernissagen. Also und es findet immer ein reger Austausch statt. Und sie propagieren, legen in ihre Ateliers oder wo sie ausstellen, unsere Zeitung auf. Wir machen so Newsletter, gegenseitige Bewerbungen und solche Sachen. Also da funktioniert, auf dieser Ebene funktioniert das sehr gut.
Und es ist auch so, dass halt auch die Bevölkerung, also es hat ja nicht aufgehört, dass sie diese guten Rückmeldungen auch von der Bevölkerung bekommen. Und wir sind ja nicht nur eine Zeitung. Wir machen ja ganz viel. Wir machen einen Videopodcast. Wir haben einmal in der Woche einen Newsletter, wo vor allem Termine, was stattfindet in der Josefstadt, transportiert werden.
Es gibt ganz tolle Veranstaltungen, die wir machen. Zum Beispiel machen wir ein Adventkonzert im Bezirksmuseum, immer am 8. Dezember, im 8. Das ist so aus dem musikalischen Adventskalender damals entstanden. Wir machen Bezirksspaziergänge themenbezogen zu unseren Themen, also Johann Strauß-Jahr zum Beispiel. Der Strauß hat ja eigentlich seine Weltkarriere aus der Josefstadt heraus gestartet. Und diese Dinge, und da haben wir einfach wahnsinnig viel Zuspruch in diesem Gesamtpaket auch.
Fabian Burstein
Jetzt Zuspruch hin oder her? Wir haben ja über das geschäftliche Modell gesprochen.
Elisabeth Hundstorfer
Finanziell meinst du das? Also finanzielle Solidarität in dem Sinn gibt es nicht.
Fabian Burstein
Gibt es nicht. Und was bedeutet das? Wie finanzierst du jetzt diesen Betrieb? Das finde ich also bemerkenswert an dir. Wir haben hier immer wieder schon am Bühneneingang präsentiert neue Kulturmedien. Weil ich das wichtig finde, dass man merkt, das ist auch ein Bereich, wo sich was tut, wo auch eine Generation nachrückt, neue Konzepte sich entwickeln. Es fällt aber wirklich auf, dass da das Ehrenamt eine ganz große Rolle spielt. Und das ist ja das Faszinierende an dir. Du sagst, nein, ich mache das nicht auf so einer Ehrenamtsschiene, sondern für mich ist das ein professionelles Medium, von dem Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ich habe jetzt in meinem Publizistikstudium gelernt seinerzeit. Da lachen sich immer alle tot, weil das hat sich.
Elisabeth Hundstorfer
Ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel.
Fabian Burstein
Ah ja, genau. Ja, genau. Also ein Drittel Werbung, ein Drittel Abos, ein Drittel wird gekauft. Wie finanziert sich jetzt so ein Kultur-Bezirksmedium wie "Der Achter" ganz konkret in diesem Kuchen?
Elisabeth Hundstorfer
In diesem Kuchen sage ich einmal zu 90 Prozent aus Inseraten.
Fabian Burstein
Ah ja. Das heißt, dieser und die restlichen 10 Prozent sind Steady-Abos, Spezialkooperationen, wie auch immer.
Elisabeth Hundstorfer
Genau, genau.
Fabian Burstein
Aber ich nehme schon mit, dass du interessant bist für diese Abonnenten. Hat damit zu tun, dass du eben eine Art Mischkonzern sein musst. Also das heißt, es reicht nicht, einfach das Printprodukt zu haben, sondern du musst so etwas wie eine Integrationsplattform für den Bezirk sein, damit die Leute mehrere Dinge mit dir erleben und dann halt auch im Rahmen dessen "Der Achte" vorkommt.
Elisabeth Hundstorfer
Ja, ich glaube, also die Rückmeldungen häufen sich. Also das hat sich jetzt wirklich, wir sind ja, also ich habe in der Krise gegründet, sage ich einmal, und die Krise hat nie aufgehört. Es sind halt unterschiedliche Krisen, aber prinzipiell das Problem ist dasselbe. Wie überleben wir in Zeiten wie diesen, gerade als Medium? Und ich muss ganz ehrlich sagen, so schwierig wie es 2026 gestartet hat, war es noch nie. Also das. Weiß ich nicht, an was es jetzt wirklich liegt, dass das so abgewartet wird oder ist wirklich an den Kürzungen, wo jeder so zu seinem späten Zeitpunkt, auch gerade im Kulturbereich, also ich war bei der Pressekonferenz von der neuen Oper, die, weiß ich nicht, am 29. Dezember erfährt, dass 2026 weiter tun können, zwar auch noch für ein Jahr. Also das denke ich mir, das ist ein Wahnsinn, also von der Kurzfristigkeit her. Und vielleicht wird da wirklich auch abgewartet dann und beim Marketing wird natürlich auch als Erstes gespart.
Was aber eben jetzt sehr interessant ist, ich habe das jetzt schon innerhalb kürzester Zeit zum dritten Mal gehört, wenn wir bei euch schalten, haben wir ein Feedback, schreiben wir, aber in einer großen U-Bahn-Zeitung kommt gar nichts zurück. Und da muss ich ganz ehrlich sagen, das ist einfach das, dass die Zeitung erstens ein Vertrauen hat, dass es länger im Haushalt verweilt, weil wir ja ein umfangreiches Programm haben, wo die Leute dann immer wieder reinschauen, was spielt es heute oder morgen. Und dass dieses Vertrauen natürlich dann auch eine andere Bindung oder beziehungsweise auch, was Werbesektor oder einfach positiv beeinflusst.
Und was auch zum Beispiel in der Josefstadt ist, bei den letzten Gemeinderatswahlen hat es nur in der Josefstadt eine Steigerung der Wahlbeteiligung gegeben und in allen anderen Wiener Bezirken ist diese gesunken. Und das ist natürlich auch auf verschiedene Bausteine, nämlich Initiativen wie auch unsere Zeitung, aber es gibt andere wie den "Achtsamen Achten" und so weiter im Bezirk. Diese Mosaiksteinchen einfach die Bevölkerung, wie soll ich sagen, motiviert, mehr Verantwortung auch für ihren Bezirk oder ihr Grätzel zu übernehmen und darum sich dann aktiv an Wahlen oder verschiedenen Initiativen zu beteiligen. Das sieht man zum Beispiel bei uns auch bei der Bürger:innenredaktion, die wir immer wieder, ja, was mich immer wieder überrascht, was da für großes Interesse ist. Und das ist einfach auch diese direkte Beteiligung. Und ja, das.
Fabian Burstein
Lass uns diese soziodemografische Spur noch ein bisschen vertiefen. Du hast ja wirklich mit erfrischender Ehrlichkeit gesagt, "Der Achte", das ist einfach eine homogene Bevölkerungsgruppe. Lass uns Tacheles reden, es ist eine Insel der Seligen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Also viel Brennpunkt und viel soziale Spannung erlebt man da nicht. Das ist ein gut situierter Bezirk. Bildungsbürgertum, würde man sagen, mit leichten Bobo-Einschlägen, wenn es ins Studentische geht. Ich meine, ist "Der Achte" nicht auch ein bisschen, der Achte an sich und diese Zeitung auch ein bisschen ein Blasenphänomen?
Elisabeth Hundstorfer
Ich sage mal, der Achte ist auf jeden Fall, also der Bezirk der Achte ein Blasenphänomen. Keine Frage. Es gibt da Themen, wo einfach die Wogen hochgehen, wo ich sage, ja, das sind solche Luxusprobleme, die es gibt.
Fabian Burstein
Zum Beispiel?
Elisabeth Hundstorfer
Zum Beispiel, ob man die Schmidtgasse bemalt oder nicht. Also eine Wohnstraße zu bemalen oder nicht, sage ich, ja, aber gerade in, also finde ich eine gute Idee, dass man sichtbar macht. Auf der anderen Seite, denke ich, gibt es im Moment einfach viel wichtigere Dinge. Ja, da gibt es verschiedene Brennpunkte. Und da unsere Redaktion im Gemeindebau ist, also bei uns ist manchmal schon ein Brennpunkt, der einfach vom Rest nicht gesehen wird. Unser Gemeindebau ist 1925 eröffnet worden für Spitzenbeamte. Für Beamte, die im Rathaus gearbeitet haben und hat dadurch viel größere Wohnungen als normaler Gemeindebau, nämlich mit vier Zimmern.
Fabian Burstein
Aber das erzählt ja auch schon sehr viel über Wien, muss man ganz ehrlich sagen, oder?
Elisabeth Hundstorfer
Ja.
Fabian Burstein
Dass es einen Gemeindebau gibt, der gleicher ist als andere.
Elisabeth Hundstorfer
Genau. Und mittlerweile werden die Wohnungen ganz normal nach den Regeln von Wiener Wohnen vergeben und dadurch haben wir einfach kinderreiche Familien. Also das heißt, bei uns wohnen wahnsinnig viele Kinder, die es so in der Struktur eigentlich im Bezirk nicht gibt. Ich wohne in einem privaten Wohnhaus und meine Kinder sind jetzt beide über 30 und die waren so lange, nachdem die erwachsen waren, waren da keine Kinder, weil das einfach, und heute ist ja auch in Wahrheit schon in der Josefstadt unleistbar zu wohnen.
Fabian Burstein
Das heißt, konkret bei euch im Gemeindebau, da kommt gerade so ein bisschen ein Crossover auf ehemaliger Beamtenadel und nunmehr große, kinderreiche Familien, die traditionellerweise in Wien eher migrantische Familien sind.
Elisabeth Hundstorfer
Genau. Ja, Beamtenadel, sage ich mal, 1925 ist schon lange aus.
Fabian Burstein
Stimmt ja.
Elisabeth Hundstorfer
Es gibt natürlich schon einen Mix und es leben wahnsinnig viele Nationen unterschiedliche bei uns, was auch oft nicht so konfliktfrei ist. Und wir haben zum Beispiel 15 Hochbeete mittlerweile und ich sage immer vom Bassenatratsch zum Hochbetratsch. Das hilft oft schon so ein bisschen in lockerer Atmosphäre über, ja, meine Tomaten wachsen auch nicht, weil es so schattig ist, dass das dann einen gewissen Ausgleich auch schafft.
Fabian Burstein
Aber gehört das zu deinem Job als Chefin so einer Zeitung, dass du einfach auch Teil dieses sozialen, soziokulturellen Lebens bist, dass du verstehst, wie diese kleinteiligen Beziehungsgeflechte funktionieren?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, unbedingt. Unbedingt, eben um damit die Zeitung keine Blase ist. Also wir machen auch mindestens einmal, wenn nicht zweimal im Jahr ein Hoffest. Das organisieren wir als Zeitung. Da gibt es dann verschiedene Aktivitäten, ob man jetzt, weiß ich nicht, die schirche Miskübelwand in einem Graffiti-Shop-Workshop mit Senioren und Kindern besprühen oder die Hochbeete, die Kinder bemalen. Wir nehmen immer die Institutionen, die im Bezirk sind, auch dazu. Also das heißt, Wien Extra zum Beispiel, also die Spielebox kommt zu uns. Dann gibt es ja auch im achten Bezirk ganz tolle Initiativen wie StoP gegen Partnergewalt, die dann mit am Infotisch bei uns beim Hofest sind oder frühe Hilfen, die sich eben um junge Familien also unterstützend kümmern. Also das ist ganz, also ich finde das ganz wichtig und gehört auch zu unserer Kultur.
Fabian Burstein
Das heißt, das ist nicht nur ein Journalismusprojekt, das ist nicht nur ein Kulturprojekt, sondern es ist bis zu einem gewissen Grad auch ein insgesamt soziales Vernetzungsprojekt, dass das in der Form funktionieren kann.
Elisabeth Hundstorfer
Ja.
Fabian Burstein
Du hast das auch angedeutet, wir folgen der Spur weiter. Du hast so etwas wie eine Bürger:innenredaktion, du hast auch eine Jugendredaktion aufgebaut. Das kennen wir alles sehr, sehr gut, auch aus dem Kunst- und Kulturbetrieb. Dieser Versuch, Menschen aus dem Alltag einzubinden. Die Wahrheit ist, dass es oft bei dem Versuch bleibt, beziehungsweise dass man merkt, dass dann erst wieder Leute dort reindrängen, die einen erhöhten Profilierungstrang haben, auch traditionellerweise aus gebildeteren Schichten kommen und da einfach ihre Agenda verfolgen wollen. Welche Erfahrungen hast du mit deiner Bürger:innenredaktion gemacht? Ist das wirklich ein Diversitätsgewinn oder ist das mehr so, dass man sagt, okay, macht man halt mit?
Elisabeth Hundstorfer
Nein, es ist auf jeden Fall ein Gewinn einfach aus. Also vielleicht hat es uns auch geholfen, dass wir in Corona gestartet sind. Also meine Angst war auch am Anfang, ich sage es einmal ganz salopp, es kommen nur Senioren und Lehrer. Dem war nicht so der Fall, sondern es sind ganz viele junge Frauen gekommen, weil sie halt neben Homeoffice und nur, wie soll ich sagen, ja, einfach sich anders orientiert haben, weil sie halt vielen Dingen, die sie sonst nachgehen, nicht nachgehen haben können.
Und auch es sind ganz schöne Sachen auch entstanden, also wie eh am Anfang erwähnt, ich komme aus Oberösterreich, also ich bin auch nicht in dem Bezirk groß geworden. Also es gibt einfach Geschichten, sage ich einmal, von Inuit-Josefstädter, die einfach Dinge wissen, die ich gar nicht wissen kann. Sagen wir, wo der Tigerbark heute ist, war früher eine Volksschule. Und solche Dinge und Geschichten wissen und Persönlichkeiten kennen, von denen ich überhaupt keine Ahnung hätte. Oder es gibt einfach auch ganz schöne Begegnungen, wo man, sage ich einmal, in der Regelredaktion gar nicht auf die Idee käme. Oder es hat zum Beispiel ein Bürgerredakteur gesagt, ich würde so gerne einmal mit dem Heinz Fischer.
Fabian Burstein
Der auch im Achten wohnt?
Elisabeth Hundstorfer
Der auch im Achten wohnt, ein Gespräch führen, weil ich wohne seit 40 Jahren gegenüber von ihm. Und wir haben das dann ermöglicht, haben dann eben auch begleitet in der Ausarbeitung der Interviewfragen, dass sie halt auch zu unserem Medium passen. Und der Altpräsident hat super mitgespielt, hat sie dann noch extra fotografieren lassen beim Theater. Und das war dann wirklich eine Erfolgsgeschichte für beide Seiten, weil man natürlich vom Heinz Fischer viele Interviews kennt auf politischer Ebene, aber nicht, was ist seine Beziehung zum Bezirk, was schätzt er an der Josefstadt und so weiter. Und da gibt es einige ganz schöne Erlebnisse.
Oder wir hatten eine WU-Studentin, die gesagt hat, sie schreibt so gerne, sie würde es ja mal ausprobieren. Und da ist wirklich das Talent offen dargelegen, sage ich einmal. Und ich habe dann halt einige Dinge mit ihr im Speziellen gemacht und habe auch gesagt, geh mal mit zu einer Pressekonferenz, dass du siehst, wie das abläuft und so weiter. Und heute arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.
Fabian Burstein
Du beschreibst ja da wirklich faszinierende Mechanismen, die in so einem Grätzel ineinandergreifen. Ich kann das so gut nachvollziehen. Ich bin aufgewachsen auf der Oberen Wieden, die auch funktioniert, wie ein Dorf rund um den Elisabethplatz. Bin jetzt im achten, der auch so dörflich funktioniert. Du hast gerade den Bundespräsidenten angesprochen. Man trifft ja zum Beispiel seine Frau irrsinnig oft im nahegelegenen Supermarkt, wo sie an der Fleischtheke einkauft und so. Das ist ja wirklich alles sehr, sehr überschaubar.
Nun bringt das aber gerade im Journalismus natürlich auch Probleme mit sich. Natürlich ist die Nähe ein Asset, weil du weißt, du hast dein Ohr überall drinnen, du weißt, was Sache ist, etc. Aber Nähe kann ja auch ein Problem sein, nämlich dahingehend, dass du ja auch manchmal Dinge ansprechen musst und willst, die unbequem sind und wo du dann aber den Personen, die es betrifft, eben im Supermarkt jeden Tag begegnest oder auf der anderen Straßenseite. Wie gehst du damit um? Bist du da mit angezogener Handbremse oder wie handelst du das?
Elisabeth Hundstorfer
Naja, also es gibt natürlich manchmal schon weniger, dass ich die jetzt wirklich so treffe, sondern meistens stehen die Leute dann in der Redaktion und sagen, was haben Sie da wieder für einen Blödsinn geschrieben. Also das kommt natürlich vor. Ich sehe die Nähe eher als Positives, muss ich ehrlich sagen, weil natürlich wir überhaupt nie in Verdacht kommen können, Fake News zu machen, weil natürlich sofort jemand da ist und sagt, nein, das stimmt so nicht. Also das wäre ja viel unangenehmer, wenn ich jetzt etwas schreiben würde, was nicht stimmt, und dann begegne ich dieser Person. Wenn ich was schreibe, was stimmt, und der ist das unangenehm, dann ist das halt wieder eine andere Geschichte. Aber dem kann man dann schon begegnen.
Fabian Burstein
Das heißt, aber es ist schon Teil deines Anspruchs, dass du auch den Finger an der einen oder anderen Stelle in eine Wunde drückst. Also es ist nicht nur so, dass du sagst, okay, ich bilde das Leben ab im Grätzel, sondern ich möchte auch zeigen, da gibt es ein Problem, da ist Handlungsbedarf, etc.
Elisabeth Hundstorfer
Ja, also wir sind jetzt nicht irgendwie so große Aufdecker-Journalisten. Und ein Thema, was ich in der Josefstadt gerne ausspare, einfach weil es mich nicht betrifft, ist Parkplätze, weil ich habe kein Auto. Und das ist zum Beispiel ein Thema, wo die Wogen wirklich hochgehen. Aber wir, wie soll ich sagen, wir sind sicher nicht unpolitisch. Es ist oft vielleicht nicht ganz so augenscheinlich.
Das ist zum Beispiel, wenn ich über, wir haben zwei große Flüchtlingshäuser in der Josefstadt, also das Tralalobe-Haus und das Caravanhaus von der Caritas, wo wir immer wieder Geschichten machen und immer wieder Probleme ansprechen und die so transportieren. Und es ist natürlich, die Josefstadt ist zwar der kleinste Bezirk, hat aber zum Beispiel das größte Gefängnis Österreichs, hat auch das größte Anhaltezentrum Österreichs. Das sind lauter Themen, die man sehr wohl thematisieren kann und wie eben auch schon angesprochen, zum Beispiel StoP gegen Partnergewalt. Das sind einfach Themen, die auch in einem gutbürgerlichen Bezirk ja passieren und Platz haben müssen.
Fabian Burstein
Du hast ein bisschen das Politische jetzt angesprochen. Es ist ja nicht so, dass du alleinig das Konzept der Bezirkszeitung vertrittst. Im Gegenteil, Wien hat relativ flächendeckend Bezirkszeitungen, die auch in sehr große Medienkonzernstrukturen eingebettet sind, zum Beispiel die Wiener Bezirkszeitung oder das Wiener Bezirksblatt. Diese Medien sind sehr stark politisch beeinflusst, hängen über Umwege teilweise auch sehr stark an durchaus auch parteipolitisch geprägten Strukturen. Empfindest du das als ungerechten Wettbewerb, weil diese Zeitungen, könnte man meinen, kommen vielleicht leichter an Anzeigen ran und auch leichter an Geschichten?
Elisabeth Hundstorfer
Sie kommen sicher leichter an Anzeigen ran. Davon bin ich überzeugt, weil die einfach da einen anderen Apparat haben und das Problem noch immer ist, dass man glaubt, wenn man besonders große Reichweite hat, dass die Werbung umso besser funktioniert. Also da werden die Werbemenschen bald umdenken müssen, weil es sich wirklich bei uns auch zeigt, einfach der Rücklauf ist ein anderer bei einem Medium, was ernst genommen wird. Und wir sehen das auch zum Beispiel, wie viel landet im Altpapier oder neben dem Postkastel von unserer Zeitung und von den anderen. Also das ist wirklich bei uns mittlerweile überschaubar. Meistens legen das Menschen weg, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Aber also wir wissen, es wird gelesen. Also es gibt. Und unser Vorteil ist einfach, erstens haben wir wirklich, ich sage einmal, Qualitätsjournalismus, auch wenn dieses Wort schon nicht mehr zum Hören ist, sage ich einmal. Wir. Und also wir kommen, glaube ich, leicht an Geschichten und setzen sie besser um. Das ist das eine. Das andere ist, wir sind einfach auch viel flexibler, weil wir einfach nicht so ein Riesenkonzern sind, wo einfach viele Wege einzuhalten sind, sondern wir haben die kurzen Wege. Wir wissen, was der andere tut, und das ermöglicht uns einfach, ganz anders zu agieren. Und ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass es mittlerweile nicht nur Bezirkszeitungen gibt, auch Wiener Tageszeitungen, die sehr gern unsere Themen aufgreifen.
Fabian Burstein
Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, die Medienförderungen an sich stehen ja gerade zur Disposition. Man muss aber ehrlich sagen, dass sich die Diskussion um ganz andere Sphären dreht. Also da geht es eigentlich um die großen Tageszeitungen, um reichweitenstarke Print- und Rundfunkprodukte. Würdest du dir manchmal wünschen, dass man diese Thematik, wie das die Kultur ja schon auch macht, dass man diese Thematik der Medienförderung auch etwas kleinteiliger denkt, sich mehr Gedanken darüber macht, wie kann zum Beispiel ein Medium wie deines eben in diesem Wettbewerb mit den übermächtigen Bezirkszeitungen besser bestehen, mit Qualität nämlich?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, also das auf jeden Fall. Ich sehe, ich weiß nicht, wir reden immer über Bildung und Deutschkenntnisse und große Auflagen, Gratiszeitungen haben dann, werden dann nicht einmal lektoriert und da stehen ganz furchtbare Fehler in der Zeitung und die werden an die Massen vergeben. Dann sage ich ja, also Bildungsauftrag unter Anführungszeichen, aber eigentlich sind wir mit unserer Presseförderung teilweise selber schuld, dass die Menschen nicht einmal mehr in ihrer Freizeit oder auf ihrem Arbeitsweg in der U-Bahn oder wo auch immer ja ein gutes Deutsch lesen können. Und früher hat es einfach keine Zeitungen gegeben mit so massiven Fehlern, wie es sie es im Moment gibt. Und das finde ich wirklich furchtbar. Und ich glaube nicht, man sollte was fördern, was eigentlich die Menschen verbildet.
Fabian Burstein
Und du würdest behaupten, dass das auch eine kleinteilige Zeitung leisten kann, deinen Beitrag zum Bildungssystem zu leisten?
Elisabeth Hundstorfer
Auf jeden Fall, auf jeden Fall. Also erstens wird unsere Zeitung lektoriert. Das ist, glaube ich, ganz was Wichtiges. Und natürlich auch die Aktivitäten, die wir rundherum setzen. Also unsere Kinderredaktion zum Beispiel. Das sind einfach Dinge, die muss man nicht auf eine große Glocke hängen, muss ich auch dazu sagen. Sondern die das. Also ich glaube einfach, ein gewisser Bildungsauftrag sollte bei einer Presseförderung schon auch inkludiert sein.
Fabian Burstein
Entbindet euch eigentlich diese Kleinteiligkeit und dieses wirklich Special-Interest-Ding ein bisschen davon, euch vor diesen ganz großen technischen Disruptionen wie KI, Radikaldigitalisierung und so weiter, entbindet euch das davon, euch davor zu fürchten, weil ihr sagt, das ist in unserer Nische spielt das keine Rolle?
Elisabeth Hundstorfer
Spielt in unserer Nische auch eine Rolle.
Fabian Burstein
Inwiefern?
Elisabeth Hundstorfer
Ja, also weil es einfach viele Dinge gibt, wo es einfach die KI schon abnimmt. Also wir haben zuerst gesprochen, wir machen auch einen Videopodcast, dass es Schneideprogramme gibt von der KI, die einfach die Reels dann rausschneidet. Das sind einfach Dinge, die einem das Leben erleichtern. Nur dazu sorgt eine kleine Mannschaft wie wir sind. Und ich sage immer, wir dann so, es war mal ein Riesenmedienimperium, weil wir haben einen Videopodcast und einen Newsletter und eine Zeitung und Events und, und, und. Also wir versuchen schon auch, uns Dinge anzueignen, die uns das Leben erleichtern. Aber deswegen muss die Qualität nicht darunter leiden.
Fabian Burstein
Aber ihr fürchtet euch jetzt nicht vor einem KI-Agenten, der, wenn ich ihn frage, was gibt es gerade Neues im Achten, insbesondere mit dem Schwerpunkt Kunst und Kultur, dass der euch mit seinen Antworten ersetzen könnte?
Elisabeth Hundstorfer
Nein.
Fabian Burstein
Noch eine abschließende Frage, Elisabeth. Könnte so etwas wie "Der Achte" auch in einer Art Franchise-Logik funktionieren? Könnte es sein, dass es bald der Sechste gibt, der Siebte gibt, vielleicht auch in Hinblick auf, wir haben ja über die soziale Durchmischung gesprochen, der 22. oder der 21. oder der 11.? Hältst du so etwas für möglich?
Elisabeth Hundstorfer
Ich halte so etwas für möglich, weil ich immer wieder Anfragen habe. Also ich habe morgen zum Beispiel wieder einen Termin, wo es eine konkrete Anfrage aus einem Bezirk gibt. Es gibt da ganz viel Interesse. Also es waren zum Beispiel bei mir 20 Bürgermeister aus Deutschland, die sich genau darum erkundigt haben. Und wie kann das funktionieren, auch umgesetzt auf verschiedene Stadtteile, auf verschiedene Problematiken? Und ich kann mir das sehr gut vorstellen.
Fabian Burstein
Liebe Elisabeth, vielen Dank, dass du dir in die Karten hast schauen lassen, was das Medien- und Kulturmedienmachen betrifft. Das war für mich eine sehr erkenntnisreiche Folge. Danke dir.
Elisabeth Hundstorfer
Ich sage danke. War ein sehr nettes Gespräch, weil natürlich für mich dann auch ein bisschen wieder die Reflexion kommt.
Fabian Burstein
Und ich freue mich auf die nächste Nummer. Apropos, das müssen wir noch sagen.
Elisabeth Hundstorfer
Nächste Woche wird sie verteilt.
Fabian Burstein
Nächste Woche bedeutet, wir zeichnen am 26.02. auf. Das heißt, in der Woche ab 2. März 2026 gibt es die neue Nummer von "Der Achte". Liebe Elisabeth, vielen Dank, dass du da warst.
Elisabeth Hundstorfer
Danke.
Autor:in:Fabian Burstein |