Die Dunkelkammer
History. Die Epstein-Files: Elitendämmerung

Die Epstein-Akten haben die Kraft, demokratische Werte und Vertrauen in unseren Gesellschaften weiter zu zerstören.. Stattdessen wird der Glaube an einen Deep State befördert. Werden nun die Verschwörer von QAnon triumphieren?

Christa Zöchling

Guten Tag, hier ist Christa Zöchling mit einer neuen Dunkelkammer aus der Reihe "History". Heute wird es sehr zeitgeschichtlich. Damit wir verstehen, was auf uns zukommt: Unter dieser Überschrift hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann in der Wochenzeitung "Die Zeit" über ein neues Buch von Ece Temelkoran geschrieben.

Die Autorin stammt aus der Türkei, und wenn sie in ihre Heimat zurückginge, würde sie wohl sofort verhaftet werden. Das hat biografisch zwar nichts mit mir zu tun, aber irgendwie vielleicht doch, und vielleicht auch mit Ihnen. Temelkoran hat—das habe ich von Kehlmann erfahren—in einem älteren Text beschrieben, was passiert, wenn ein Staat den Übergang von der Demokratie zur Diktatur erlebt, wenn die Freiheit verloren geht, wenn die Institutionen unter Kontrolle autoritärer Machthaber geraten, wenn Funktionsträger Schritt für Schritt immer größere Kompromisse eingehen und die Rechtsstaatlichkeit verschwindet. In ihrem neuen Buch mit dem Titel "Nation of Strangers" geht es um das, was danach kommt: das Exil.

Und derart unbehaust müsse man nun lernen, schreibt sie, die verlorene Heimat durch eine Gemeinschaft der Gleichgesinnten zu ersetzen. Aber wer sind diese Gleichgesinnten? Die Epstein-Files sind in dieser Hinsicht sehr irritierend. Jacques Lang ist mir in Erinnerung als legendärer französischer Kulturminister der Ära Mitterrand. In den 80er und 90er Jahren hat er Tage der offenen Tür in Museen und Kulturstätten eingeführt, Kulturhäuser in der Provinz initiiert, dem Louvre eine gläserne Kuppel aufgesetzt und das europäische Kino stark gemacht. Er hat auch für die Rechte homosexueller Menschen gestritten. Und er unterschrieb einen Aufruf zur Entkriminalisierung der Pädophilie. Das habe ich allerdings erst jetzt, im Zusammenhang mit Langs Freundschaft zu Epstein entdeckt und der dazugehörigen Recherche.

Alle Intellektuellen, die ich bewundert habe, haben in den 1970er Jahren diesen Aufruf auch unterschrieben: Jean-Paul-Sartre, Simone de Beauvoir, Louis Aragon, Roland Barthes und so weiter. Tja. Angeblich wird der große Jacques Lang 800-mal in den Epstein-Files erwähnt. Es war wohl mehr als eine lose Bekanntschaft. Er ließ sich zum Beispiel von Epstein in finanziellen Dingen beraten. Seine Tochter hat sogar gemeinsam mit Epstein eine Offshore-Firma auf den Jungferninseln gegründet, in Nachbarschaft zu jenen beiden Inseln, die Epstein privat erworben hat und wo Mädchen und junge Frauen für sexuelle Dienstleistungen missbraucht worden sind. Langs Tochter wurde in Epsteins Testament mit 5 Millionen Dollar bedacht. Wofür? Jetzt wird in Frankreich gegen Vater und Tochter wegen Steuerbetrug und Geldwäsche ermittelt.

Auch der nächste Fall: eine herbe Enttäuschung. Noam Chomsky, der berühmte linke Philosoph und Linguist, immer für die Unterdrückten, gegen die Herrschenden. Sein Lebensthema: Kritik an Intellektuellen und Medien, die häufig dazu beitrügen, die Herrschaft der Eliten zu rechtfertigen. Chomsky ließ sich von Epstein in finanziellen Dingen beraten, zuletzt wegen seines Erbes. Ich nehme an, es ging um steuerschonende Weitergabe seines Vermögens. Als Anfang der 2000er Jahre Gerüchte die Runde machten über Epsteins Vorliebe für junge Mädchen, die vor Highschools von anderen jungen Mädchen angesprochen und rekrutiert wurden, passierte erst einmal gar nichts. Es hatte zwar schon Ende der 90er Jahre Anzeigen gegeben, doch die waren im Sand verlaufen.

Weit mehr als ein Jahrzehnt später - Epstein war schon einmal verurteilt worden - wagten sich immer mehr Frauen in die Öffentlichkeit. Chomsky gab damals - das war 2019 - seinem Freund den Rat, sich nicht hysterisch machen zu lassen. "Am besten ignoriert man das einfach, insbesondere jetzt, wo eine Hysterie um den Missbrauch von Frauen entstanden ist." Das Zitat stammt aus seinem E-Mail-Verkehr aus den Epstein-Files 2019.

Oder Stephen Pinker, laut "Time Magazine" einer der bedeutendsten Wissenschaftler unserer Zeit, Experimentalpsychologe, Bestsellerautor, Professuren am MIT, in Stanford und in Harvard, seiner Stammuniversität. Es gab private Einladungen, Flüge in Epsteins Boeing, genannt "Lolita Express", TED Talks, Konferenzen. Pinker revanchierte sich, er war Epsteins Verteidiger 2007 mit einem rechtlichen Gutachten behilflich.

In einem seiner Bücher schrieb Pinker zum Thema Vergewaltigung: "Das sei zwar nicht gerade ein normaler Bestandteil männlicher Sexualität, doch die Annahme, Vergewaltigung habe nichts mit Sex zu tun, sei nur für den plausibel ..." Ich zitiere weiter: "für den der Wunsch nach unpersönlichem Sex mit einem unwilligen Fremden zu bizarr ist, um ihn überhaupt in Betracht zu ziehen." Für einen langweiligen Spießer also. Hm. Pinker lässt in seinen Büchern eine Schlagseite zum Biologismus erkennen: Genetisch seien Frauen für Naturwissenschaften nicht besonders geeignet, dafür seien sie friedfertiger. Ich könnte jetzt, um den historischen Anteil dieses Podcasts zu erhöhen, solches Denken von der Antike über das Mittelalter bis heute Revue passieren lassen, aber das erspare ich mir und Ihnen. Pinker definiert sich als individueller Feminist und nimmt für sich in Anspruch, ein streitbarer Intellektueller zu sein, der das Mainstream-Denken im universitären Bereich ablehnt.

So wie auch Lawrence Summers, ehemals Harvard-Präsident und Finanzminister unter Bill Clinton. Auch Summers hält genetische Faktoren verantwortlich für das Hintertreffen der Frauen in MINT-Fächern. Nicht Diskriminierung, nein, nein, Natur. Als bekannt wurde, dass Summers mit Epstein in Chats über Frauen gelästert hat und über ihre mangelnde Intelligenz und wie man sie herumkriegt geredet hat, hat er seine Harvard-Funktionen stillgelegt, notgedrungen. Er sagte vor seinen Studenten, er schäme sich. Immerhin.

Lawrence Kraus, ein theoretischer Physiker, nahm Epstein nach dessen Verurteilung in Schutz. Kraus war selbst beleidigender Kommentare über Studentinnen, Grabschereien und Übergriffe bezichtigt worden. Diese älteren Herren, alle so zwischen 70 und 80 Jahren, hatten also etwas gemeinsam: Sie waren genervt von der MeToo-Bewegung.

Aber es kommt noch verstörender: In den Epstein-Files wird auch über Chips geredet, die in Körper von Menschen implantiert werden und Daten übertragen können, drahtlos. Dafür käme der Mittlere Osten infrage, weil es dort keine legalen Beschränkungen gibt. Der Name des Absenders dieser Geschichte ist allerdings geschwärzt. Epstein selbst soll öfter gesagt haben, er wolle den Genpool stärken, indem er auf seiner Ranch in Mexiko möglichst viele Frauen schwängert.

Der deutsche KI-Forscher Joscha Bach, ein Millennial, also wesentlich jünger als die anderen, von denen ich gesprochen habe, ließ sich seine Forschungen am MIT von Epstein mit einer Million Dollar sponsern. Schon relativ viel Geld. In einem Interview mit "Der Zeit" sagt er, er habe mitbekommen, dass Epstein ein etwas krasses Menschenbild hätte. Obdachlose und weniger intelligente Menschen hielt Epstein nämlich für minderwertig. Nach einem Bericht des Boston Globe im vergangenen Herbst hat Bach allerdings in diesem E-Mail-Verkehr mit Epstein selbst ziemlich problematische Ansichten vertreten. Und er war auch mit Epstein auf dessen Karibikinsel gewesen.

Neben dem Geld dürfte es also doch ein gewisses Einverständnis mit Epstein gegeben haben für die, die mit ihm Partys gefeiert, seinen Einladungen gefolgt sind und mit ihm gereist sind. Bei den älteren Semestern war es offenbar mehr die Frauensache, bei den jüngeren ein libertäres Weltbild, wie es auch Peter Thiel und Elon Musk vertreten. Ex-US-Präsident Bill Clinton, der mindestens 16-mal in Epsteins Privatmaschine mitgeflogen sein soll, sagte, diese Flüge hätte er wegen eines guten Zwecks angetreten, eine Art Entwicklungshilfeprojekt. Jetzt frage ich mich: Betraf dieses Entwicklungshilfeprojekt dann auch die gemeinsamen Flüge nach Russland?

Ja, und dann drängt sich eine ganz prinzipielle Frage auf: Warum muss Bill Clinton, der höchstbezahlte Vortragsgast, in seinen besten Zeiten hat er für einen Auftritt 500.000 Dollar bekommen, sich einladen lassen? Kann er Reisen, Luxushotels und so weiter nicht aus eigenen Bezahlen?

Im Jahr 2008 wurde Epstein das erste Mal verurteilt wegen Anstiftung zur Prostitution und der Zuhälterei von Minderjährigen. Das Gerichtsurteil ging auf einen beschämenden Deal zwischen Epsteins Verteidigern und dem Bundesstaatsanwalt aus Miami zurück. Die Abmachung war: Epstein akzeptiert die Verurteilung in einem Fall, und dafür werden alle weiteren Ermittlungen eingestellt. Es gibt keine Ausweitung auf Mittäter, Mitwisser oder Profiteure. Die Epstein-Opfer wurden nicht gefragt. Sämtliches Ermittlungsmaterial, Zeugeneinvernahmen und Opferberichte wurden ad acta gelegt. Epstein kam damals mit einer lächerlichen Haftstrafe davon, von der er 13 Monate wirklich abbüßen musste, selbst diese aber mit Freigang. Das heißt, im Grunde musste er nur zum Übernachten in die Zelle zurück.

Der Staatsanwalt, der den Deal geschlossen hatte, Alexander Acosta, stieg später unter Trump zum Arbeitsminister auf. Doch in Trumps Magabewegung begann es zu kochen, als Details dieses Deals und einzelne Auftritte von Epstein-Opfern in den Medien Aufmerksamkeit erregten. Der faule Deal empörte die Leute.

In dieser Zeit - das war 2017 - taucht auf der rechtsradikalen Plattform 4Chain ein Post von einem anonymen User auf, einem angeblichen Regierungsinsider, der unter QAnon postet. Q behauptet, eine weltweit agierende, einflussreiche Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Diese Geschichte wird dann bald vermischt mit dem sogenannten Pizzagate, das schon ein Jahr zuvor, im Wahlkampf 2016, seine Kreise gezogen hat und Hillary Clinton schaden sollte. Demnach hätten hochrangige Politiker der Demokratischen Partei im Keller einer Pizzeria in Washington DC, einen internationalen Kinderhändlerring etabliert, um damit die Prostitution Minderjähriger zu betreiben. Tja, diese Verschwörungstheorien wurden sehr gern und sehr schnell aufgenommen, die QAnon-Bewegung formierte sich und zählte bald Millionen Anhänger.

Ich frage mich jetzt: Ist aus kleinen Versatzstücken der Epstein-Ermittlungen die kaum verhüllte antisemitische Gräuelsgeschichte in die Welt gesetzt worden, angereichert mit allem, womit man seit Jahrhunderten zu Pogromen gegen Juden aufstachelt? Ich bin erschrocken, als ich dann auch noch sah, dass die Jungferninseln in der Karibik, wo Epstein zwei private Inseln erworben hat, für ihre Kliniken bekannt ist, die sogenannte Vampirtheorie anbieten. Das ist eine Verjüngungskur für Leute mit Geld, allerdings nicht mit Fremdblut, sondern mit Eigenblut. Aber die Geschichte zeigt ja auch, dass man schon aus Kleinem das große Böse spinnen kann.

Ich frage mich weiter: War der harte Kern der Trumpschen Magabewegung deshalb so leidenschaftlich hinterher, alle Files zu veröffentlichen, weil sie geglaubt haben, damit die liberale Elite in die Luft sprengen zu können? Nun, das wäre eine Verschwörungstheorie der anderen Seite. Lassen wir das also. Was aber lehren uns die Epstein-Files? Nützen oder schaden sie der Demokratie? Ich glaube, das ist noch nicht ganz klar.

In Norwegen, Frankreich, England, der Slowakei und Polen kam es bereits zu prominenten Rücktritten, Verhaftungen oder zumindest Ermittlungen. Im Zentrum steht nicht mehr nur allein die Frage, ob jemand an sexuellem Missbrauch beteiligt war, sondern ob sensible Staatsgeheimnisse und Informationen weitergegeben wurden. Davon lebte nämlich der Investorenvermögensverwalter Epstein, dass er Tipps bekam, wo und wann es hinauf und hinuntergeht, wo er selbst investieren und was er seinen Kunden raten sollte.

Epstein war zweifellos eine Art Menschenfänger: intelligent, scharfsinnig, gebildet, ein begnadeter Manipulator und wenn nötig auch sehr, sehr erpresserisch und autoritär. Mehr als 1.000 Minderjährige bzw. junge Frauen soll er missbraucht und bisweilen an andere weitergereicht haben. Die politische, ökonomische und akademische Elite hat nichts, rein gar nichts, zur Aufklärung des Systems Epstein beigetragen. Die Opfer schon. Sie tragen die ganze Last. Sie schämen sich wirklich.

Für manche, wie Virginia Giuffre, die sich kurz bevor ihr Buch "Nobody´s Girl" erschien, das Leben nahm, waren Epstein und seine langjährige Partnerin Ghislaine Maxwell eine Art Elternersatz. Maxwell ist übrigens der einzige Mensch, der derzeit für das System Epstein eine Haftstrafe verbüßt. Epstein selbst hatte sich ja kurz vor seinem Prozess im Jahr 2019 in seiner Zelle erhängt.

Giuffre - und ich sage jetzt ganz ausdrücklich, dieses Buch ist wirklich lesenswert - Giuffre erzählt, dass viele der Missbrauchsopfer aus prekären Verhältnissen stammten: unsicher, drogenabhängig, arm, leicht zu manipulieren und zu überreden, froh über jede kleinste Anerkennung. Und so hielten sie auch das System am Laufen. Sie waren immer Opfer und manchmal ein bisschen Täter.

Nach seiner ersten Verurteilung und seiner verbüßten Strafe im Jahr 2008 wurde Epstein eine Spur vorsichtiger. Er lockte nun vorzugsweise russische Mädchen in den Westen, indem er ihnen Visa, Praktikumsjobs und Ausbildungen versprach. Die Mädchen zahlten mit ihrer Jugend und mit sexuellen Dienstleistungen. Und währenddessen flogen Politiker, Professoren und Prominente auf Epsteins Insel, ließen sich einladen, gingen in Restaurants mit ihm, ließen sich in Luxushotels einquartieren, ließen sich einladen in seine Stadthäuser oder Apartments in Paris und New York und so weiter. Und sie wollten nichts gemerkt haben. Und das finde ich erbärmlich. Und damit verabschiedet sich heute von Ihnen Ihre Christa Zöchling. Danke schön, Wiederhören.

Autor:in:

Redaktion Die Dunkelkammer

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