Die Dunkelkammer
ORF. Was wurde aus dem Fall Peter Schöber? Eine Spurensuche
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Von Michael Nikbakhsh. Dunkelkammer #307 ist wieder eine gemeinsamen Recherche mit Fabian Schmid vom „STANDARD". Wir haben uns auf die Spuren einer Causa begeben, die den ORF 2024 zunächst sehr und dann irgendwann gar nicht mehr beschäftigt hat: Der Fall des Peter Schöber, einer der Geschäftsführer von ORF III. Was hat eine Untersuchungskommission damals herausgefunden und was ist mit dem Bericht der Kommission geschehen?
Michael Nikbakhsh
Herzlich willkommen zur 307. Ausgabe der Dunkelkammer. Mein Name ist Michael Nikbakhsh, und heute geht es um den ORF und darum eine Geschichte, an der ich seit einiger Zeit gemeinsam mit Fabian Schmid vom STANDARD arbeite. Diese Ausgabe erscheint am 4. April, und da erscheint auch Fabians Bericht im STANDARD, dazu gleich die Leseempfehlung.
Worum geht es? Nun, im Zentrum dieser Geschichte steht ein ORF-Manager namens Peter Schöber. Peter Schöber ist einer von zwei Geschäftsführern von ORF III, den Kanal gibt es seit 2011. Schöber hat diesen mit aufgebaut, und das sei ihm auch gar nicht streitig gemacht. Wenn Peter Schöber auf seinen Gehaltszettel blickt, dann tut er das in der Gewissheit, die Nummer 5 im Ranking der ORF-Spitzenverdiener zu sein. Laut dem jüngsten Transparenzbericht des ORF bezog Schöber 2025 ein Jahresgehalt von 311.964 Euro brutto, dazu kam noch ein nicht näher bezeichneter Nebenverdienst von 917 Euro im Monat.
Damit war Schöber, wie gesagt, die Nummer 5 unter den ORF-Spitzenverdienern, einen Rang vor seiner Co-Geschäftsführerin Katrin Zierhut-Kunz, die auf 283.000 Euro kam. Gage, wem Gage, gebührt. Wobei, wenn man es genau nimmt, ist ORF III mit circa 70 Leuten ja mehr so ein KMU, aber gut, um Betriebsgrößen soll es heute gar nicht gehen. Es geht vielmehr um Führungsverhalten und um Transparenz, und es geht um Fragen, die Peter Schöber nicht beantworten will.
Es ist so: 2024 musste der damalige Generaldirektor des ORF, Roland Weißmann, eine Untersuchungskommission einrichten, und das, nachdem teils schwere Vorwürfe gegen Peter Schöber bekannt geworden waren. Ich verweise da auf die umfangreiche Berichterstattung im STANDARD von Ende 2024, Anfang 2025. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ORF III hatten sich über Peter Schöber beschwert, und die Liste der Vorwürfe war lang. Da ging es um autoritäres Führungsverhalten, es ging um Bossing, um Mobbing, um Diskriminierung, um herabwürdigende Äußerungen, um unsachliche redaktionelle Einflussnahmen und generell um ein Klima der Angst bei ORF III. Soweit bekannt bestreitet Peter Schöber die Vorwürfe, und sowieso gilt die Unschuldsvermutung. Wie gesagt, die Fragen, die wir an Schöber hatten, die hat er selbst nicht beantwortet.
Roland Weißmann hat also im Herbst 2024 eine Untersuchungskommission eingerichtet. Diese hat dann vertrauliche Gespräche mit mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt, und daraus entstand dann schlussendlich ein Bericht, den der ORF bis heute unter Verschluss hält, Datenschutz und so. Nur so viel: Peter Schöber wurde damals ein teilweise problematisches Führungsverhalten bescheinigt. Was genau damit gemeint war, das blieb immer offen. Für Schöber änderte sich jedenfalls nicht allzu viel. Er musste seine bisherige Programmverantwortung im Bereich Kultur an den Kollegen Peter Fässlacher abgeben. Daneben wurde die Geschäftsordnung so geändert, dass Personalfragen nur noch im Konsens beider Geschäftsführer entschieden werden können. Entscheidend aber: Peter Schöber durfte Geschäftsführer bleiben, und sein Vertrag läuft noch bis 2027. Abgesehen davon hat er offenbar auf eigene Rechnung auch Coachings besucht. Für den damaligen Generaldirektor Weißmann war der Fall Schöber damit jedenfalls erledigt, Deckel drauf.
Roland Weißmann ist jetzt aber Geschichte. Die Nachfolgerin heißt Ingrid Thurnher. Sie war zwischen 2017 und 2021 Chefredakteurin von ORF III, und sie spricht neuerdings viel von Transparenz. Also haben wir uns gedacht: Machen wir die Causa Schöber nochmal auf und stellen ein paar Fragen. Was genau hat die Untersuchungskommission damals herausgefunden? Welches Fehlverhalten wurde im Bericht dokumentiert? Was ist mit dem Bericht der Kommission geschehen, und wer hat diesen überhaupt zu sehen bekommen? Wie hat der ORF Schöbers teilweise problematisches Führungsverhalten entproblematisiert? Stimmt das, Peter Schöber noch Ende des Vorjahres ORF-intern damit gedroht hat, er werde sich die Namen aller Leute beschaffen, die vor der Kommission gegen ihn ausgesagt hatten, um diese anschließend zu verklagen? Und ist Peter Schöber nicht bloß ein Freimaurer, sondern vielmehr der Freimaurer-Koordinator im ORF?
Diese und andere Fragen haben wir schriftlich via E-Mail gestellt. Wir haben sie an Peter Schöber gerichtet. Unabhängig davon hatten wir auch Fragen an das Büro von Generaldirektorin Ingrid Thurnher geschickt und an weitere Personen. Peter Schöber hat in drei Etappen insgesamt gut zwei Dutzend Fragen von uns erhalten, und um es vorwegzunehmen: Er hat keine einzige davon beantwortet. Er hat aber offenbar unsere Fragen an ihn, an das Büro von Generaldirektorin Thurnher, weitergeleitet, und von da kamen dann teilweise Antworten in Schöbers Namen zurück. Er war da wiederum in CC gesetzt. Wobei: Die Antworten waren erstens selektiv und zweitens nicht rechtergiebig. Dazu gleich mehr.
Also, was wollten wir wissen von Peter Schöber? Ich lese mal ausdrucksweise aus unseren Fragen an ihn vor: "Wurde Ihnen der Bericht der Untersuchungskommission je zugänglich gemacht?" Schöbers Antwort: "Keine." "Kennen Sie die gegen Sie gerichteten Vorwürfe en Détail, beziehungsweise wurden Sie von der Kommission damit konfrontiert?" Peter Schöbers Antwort: "Keine." "Wie bewerten Sie selbst Ihr Führungsverhalten?" Peter Schöbers Antwort: "Keine."
An dieser Stelle möchte ich ergänzen, dass Fabian Schmid und mir eine umfangreiche ORF-interne Dokumentation vorliegt, und die wird uns in Zukunft auch noch über den Fall Schöber hinaus beschäftigen. Das sind unter anderem E-Mails, es sind Verträge, Memos, Protokolle, insgesamt mehr als 1.000 Dateien. In der Datensammlung findet sich unter anderem ein E-Mail, das eine Betriebsrätin von ORF III am 28. November des Vorjahres an mehrere Leute geschrieben hat, darunter an den Generaldirektor Roland Weißmann, an den Personalchef des ORF, Werner Dujmovits, und an die Leiterin der Rechtsabteilung. In diesem E-Mail berichtet die Betriebsrätin Folgendes, ich zitiere ausdrucksweise: "Sehr geehrter Herr Generaldirektor, Folgendes darf ich Ihnen zur Kenntnis bringen, verbunden mit der Bitte um künftige Einhaltung der Fürsorgepflicht. In den letzten Wochen und Monaten haben sich Mitarbeiter:innen von ORF III an mich gewandt, mit Hinweisen darauf, dass Peter Schöber Klagedrohungen ausspreche. Angeblich behauptete er, er werde alle klagen, die bei der Untersuchungskommission des letzten Jahres gegen ihn ausgesagt hätten. Da er sich bedauerlicherweise erst kürzlich darüber geäußert haben soll, dass er sich bereits an Herrn Dujmovits gewandt und die Herausgabe aller Namen und Aussagen gefordert habe, halte ich es für notwendig, Sie darüber zu informieren. Selbst wenn wir nicht wissen, wie sich die Gesamtsituation im kommenden Jahr entwickeln wird, bitte ich Sie, dafür Sorge zu tragen, dass die Mitarbeiter:innen von ORF III auch zukünftig geschützt bleiben." Zitat Ende.
Die Leute von ORF III, die 2024 gegen Schöber ausgesagt hatten, die taten das in der Annahme, dass ihre Identitäten streng vertraulich behandelt werden, und das dauerhaft. Wenn nun ein belasteter Betroffener tatsächlich Zugang zu Namen und Aussagen bekäme und diese Leute dann womöglich auch noch rechtlich verfolgt, zum Beispiel wegen Rufschädigung, dann hätte es sich mit dem Aufzeigen von Missständen schnell erledigt. Dann kannst du dir jede Hinweisgeberkultur aufmalen. So etwas geht natürlich gar nicht. Also haben wir Peter Schöber gefragt, was er zum E-Mail der ORF III-Betriebsrätin sagt. Hat er tatsächlich beim Personalchef des ORF Namen und Aussagen von Beschäftigten eingefordert, die 2024 gegen ihn ausgesagt hatten? Die es in der Absicht, diese Leute zu klagen? Peter Schöbers Antwort: "Keine."
Die Betriebsrätin haben wir auch angefragt. Sie teilte nur mit, dass sie nicht befugt sei, über firmeninterne Abläufe Auskunft zu geben. Und wir wollten auch wissen, was eigentlich Roland Weißmann damals unternommen hat, nachdem ihn die Betriebsrätin über die angeblichen Klagsdrohungen von Peter Schöber informiert hatte. Dazu liegt uns eine Antwort aus der ORF-Generaldirektion vor. Ich zitiere daraus: "Herr Schöber wurde darauf hingewiesen, dass es ihm in einem Rechtsstaat freistehe, sich gegen die aus seiner Sicht kreditschädigenden Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Zugleich wurde er um Reflexion ersucht und darauf hingewiesen, dass Äußerungen zu Klagen von Mitarbeitenden missverstanden beziehungsweise bedrohlich empfunden werden könnten." Zitat Ende. Seitens der Generaldirektion heißt es weiters, dass die Compliance-Stelle des ORF zum Schutz der Hinweisgeber und Hinweisgeberinnen in ihren Berichten darauf achte, dass eine Rückverfolgbarkeit einzelner Personen nicht möglich sei.
Wir wollten vom ORF zudem wissen, wer nun eigentlich Zugang zum Schöber-Bericht hatte, abgesehen von Generaldirektor Roland Weißmann. Soweit für uns erkennbar, war der Kreis der Empfänger sehr klein. Die Stiftungsräte zum Beispiel, die haben den Bericht nicht einsehen können, jedenfalls nicht offiziell. Fragen an die Generaldirektion: Trifft es zu, dass Generaldirektor Weißmann den Bericht nach Einlangen unter Verschluss genommen hat, beziehungsweise hatten andere Personen Zugang dazu? Wenn ja, wer? Hatten Mitglieder des Stiftungsrats Zugang zum Bericht? Wenn ja, wer? Wenn nein, warum nicht? Die knappe Antwort vom Küniglberg, ich zitiere: "Wem ORF-Generaldirektor Roland Weißmann außer Dienst allenfalls Zugang zum Unternehmensbericht gewährt hat, ist nicht bekannt." Zitat Ende. So viel zur Transparenz. Die Antwort ist zudem irreführend, denn natürlich ist in der Generaldirektion des ORF bekannt, dass der Bericht von Leuten aus der Compliance und aus der Rechtsabteilung erstellt wurde. Roland Weißmann hatte sich den Bericht ja nicht selbst geschrieben.
Nächster Halt: ORF III-Dokumentationen. Diese gelten ja als ein Markenzeichen des Spartenkanals. Aber wie hält man es bei ORF III mit der redaktionellen Unabhängigkeit? Am Beispiel einer zweiteiligen Dokumentation, die am 7. November 2023 erstmalig auf ORF III ausgestrahlt wurde. Titel: "Die österreichische Arbeiterbewegung". Uns liegt ein sehr umfangreicher Mailverkehr zu dieser Dokumentation vor, die damals von einer externen Wiener Produktionsfirma hergestellt wurde.
Laut dem E-Mail-Verkehr war die Dokumentation im Spätsommer 2023 faktisch fertig, als sich ein Sendungsverantwortlicher von ORF III bei der Filmproduktion meldete, um nachträglich ein Interview mit Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig in den Film hinein zu reklamieren. Das war bis dahin nicht nur nie geplant. Ludwig wäre zudem auch der einzige interviewte Politiker in der Doku gewesen. Nicht nur das: Der Sendungsverantwortliche hatte die Filmproduktion offenbar kontaktiert, ohne den eigentlich zuständigen Redakteur bei ORF III, also den eigenen Kollegen, darüber zu informieren. Laut der vorliegenden Korrespondenz hatte der Sendungsverantwortliche von ORF III damals Druck von oben gehabt. Demnach hätte ein angebliches ORF III-Gremium, bestehend aus Geschäftsführung und Sendungsverantwortlichen, das Ludwig-Interview damals vehement gefordert.
Der Filmproduzent wiederum fühlte sich dadurch selbst unter Druck gesetzt. Er blieb aber standhaft. Er wollte kein Interview einfach so machen, weil er keine Parteienwerbung für die Wiener SPÖ machen wollte. Ende 2023 schrieb der Filmproduzent dann an den Sendungsverantwortlichen von ORF III, dass ungeachtet von Michael Ludwigs Relevanz als Wiener Bürgermeister und seinem historischen Wissen bei vielen Zuschauern der Eindruck entstehen werde, diese Doku sei durch beziehungsweise mithilfe der SPÖ entstanden. Zitat: "Dies schadet der Glaubwürdigkeit der Filme und im Endeffekt auch uns als Produktionsfirma. Die Aufforderung, Michael Ludwig zur Wohnungsnot als ehemaligen Wohnungsstadtrat zu befragen, lässt mich sehr daran zweifeln, dass es hier nicht doch vordergründig um die Platzierung seiner Person geht und somit Parteienwerbung ist." Zitat Ende.
Irgendwann bekam dann der eigentlich zuständige ORF III-Redakteur Wind von der Sache und beschwerte sich bei Peter Schöber und dem Sendungsverantwortlichen. Ich zitiere aus dem Mail des ORF-Redakteurs an seine Vorgesetzten: "Ich habe über den Umweg der Produktionsfirma erfahren, dass es mutmaßlich einen Interventionsversuch gegeben haben soll, in dem im Grunde abgenommen und fertigen Film zur österreichischen Arbeiterbewegung Michael Ludwig als einzigen Politiker zu interviewen und hineinzuschneiden. Ich bin für diesen Zweiteiler der inhaltlich verantwortliche Redakteur. Ich möchte festhalten, dass ich von dieser Angelegenheit nichts gewusst habe. Ich hätte einem Interview mit dem Bürgermeister in diesem Film nicht zugestimmt, weil es inhaltlich in keiner Weise passend ist. Ich distanziere mich von diesem inhaltlichen Wunsch und auch von der Vorgehensweise, wie er hätte umgesetzt werden sollen. Ich möchte, dass das dokumentiert ist und dass ich damit auch nicht in Verbindung gebracht werde." Dass Michael Ludwig für diesen Zweiteiler interviewt werden soll, ist keine redaktionelle Entscheidung. Alleine die Kontaktaufnahme mit dem Regisseur und der Produktionsfirma stellt einen Bruch des Redaktionsstatuts dar, auf das ich mich hiermit berufe. Zitat Ende.
Dazu liegt auch eine Antwort, eine damalige Antwort des Sendungsverantwortlichen vor. Er schrieb an seine Kollegen unter anderem: "Wir geben, wie du weißt, bei vielen Produktionen redaktionelle Anregungen und diskutieren darüber auch mit Produzenten und Gestaltern. Im gegenständlichen Fall gab es keine Intervention, von wem auch immer, und es wurde auch kein Druck ausgeübt, weder auf mich noch von mir. Auch wenn du den Film betreut hast, bleibt es mein Recht als Sendungsverantwortlicher der betreffenden Sendeleiste, mich mit Produzenten und Gestaltern zu inhaltlichen und gestalterischen Themen auszutauschen. Ein Bruch des Redakteursstatuts, wie du schreibst, liegt deswegen nicht vor." Zitat Ende.
So oder so landete der Fall schließlich auch beim Redakteursrat des ORF, und in der Letztfassung des Films gab es dann kein Interview mit Michael Ludwig. Bei der Präsentation des Films war der Wiener Bürgermeister dennoch persönlich anwesend. Der ORF III-Redakteur, der damals protestierte, der arbeitet heute übrigens nicht mehr für den Sender. Er war auch Betriebsrat und wurde nach einer harten Auseinandersetzung um eine nicht genehmigte Nebenbeschäftigung entlassen.
Von Peter Schöber wollten wir wissen, ob er es war, der das Interview mit Michael Ludwig so vehement gefordert hatte und ob es öfter einmal externe Filmproduzenten braucht, um den ORF an sein Unabhängigkeitsgebot zu erinnern. Peter Schöbers Antwort: "Keine." Diese Frage hat er für die ORF-Generaldirektion beantwortet. Ich zitiere: "Für die ORF-Programme gelten sehr genau definierte redaktionelle Regulative. Der ORF geht davon aus, dass diese auch bei der angesprochenen Produktion eingehalten wurden." Zitat Ende.
Offenbar gab es aber doch Handlungsbedarf. Denn der ORF schreibt auch, dass seit einer Organisationsänderung nunmehr alle Redaktionen bei ORF III unter einer unabhängigen und weisungsfreien redaktionellen Leitung stehen und dass es damit auch keinen direkten Durchgriff der ORF III-Geschäftsführung mehr in Programmfragen gäbe. Das heißt im Umkehrschluss, dass es diesen direkten Durchgriff der Geschäftsführung in Programmfragen zuvor schon gegeben hat.
Ein weiteres Beispiel wieder geht es um eine ORF III-Doku, wieder um eine externe Filmproduktion, dieses Mal eine andere. Aber die Geschichte, die ist ähnlich. Und in dieser anderen Doku, in der kommt Michael Ludwig auch tatsächlich vor. Am 3. Dezember 2023 lief auf ORF III erstmals der Film "Ganz Wien - 40 Jahre Donauinselfest". Auch diese Doku war extern hergestellt worden. Der ORF hatte sich an der Produktion laut einem vorliegenden Koproduktionsvertrag mit 60.000 € beteiligt. Das gesamte Budget war mit 200.000 € veranschlagt worden. Als weitere große Finanziers in dem Projekt werden in dem Vertrag die staatliche RTR über den Fernsehfonds Austria mit 60.000 € genannt und eine Tochterfirma des ECHO Medienhauses mit 72.000 €. Das ECHO Medienhaus hat seinerseits gute und gewachsene Beziehungen zur Wiener SPÖ. Auf Seiten des ORF hatten diesen Koproduktionsvertrag im Mai 2023 jedenfalls Peter Schöber und seine Geschäftsführerkollegin Katrin Zierhut-Kunz unterschrieben.
Das Wiener Donauinselfest ist ja eine Erfindung der Wiener SPÖ. Fair enough. An dem Hinweis kommt man in einer Dokumentation natürlich nicht vorbei. Aber wenn es nach den Worten des damals zuständigen ORF III-Redakteurs geht, dann wäre der Film eigentlich nicht sendbar gewesen. Auch und gerade deshalb, weil er, ich zitiere, übertrieben SPÖ-lastig sei. Ich habe mir den 53-minütigen Film in der Vorbereitung dieser Episode angeschaut. Sagen wir so: Die Präsenz, die Michael Ludwig im Film zur Arbeiterbewegung nicht hatte, die hat er dafür im Film "40 Jahre Donauinselfest" durchaus. Und er ist nicht der einzige Wiener SPÖ-Politiker, der in Wort und Bild vorkommt. Ja, auch dieser Film, der sorgte vor der Ausstrahlung ORF-intern für Diskussionen. Und wie schon zuvor bei der Doku zur Arbeiterbewegung landete auch diese Sache irgendwann beim Redakteursrat des ORF.
Uns liegt auch dazu E-Mail-Korrespondenz vor, und daraus geht hervor, dass die Doku über das Donauinselfest ohne Einbindung der ORF III-Redaktion entstanden war. Das zumindest schrieb eine ORF III-Redakteurin am 7. November an den Redakteursrat. Ich zitiere wieder: "Es gab weder eine Treatment-Abnahme noch eine Rohschnitt-Abnahme seitens unserer Redaktion. Die bereits fertige Sendung wurde an den zuständigen Redakteur zwecks Endabnahme am 5. Oktober übergeben. Dieser war von der Produktion wenig beeindruckt und befand diese als nicht sendbar, was er der Produktionsfirma auch mitteilte. Einerseits, weil die Text-Bild-Share ständig auseinanderklafft, andererseits, weil übertrieben SPÖ-lastig." Zitat Ende. Präsentiert wurde der Film zum Donauinselfest am 21. November 2023 in der Wiener Ottakringer Brauerei, und als Gastgeber trat ein gewisser Michael Ludwig in Erscheinung.
Was sagt Peter Schöber dazu? Wer hat die Ausstrahlung einer Dokumentation genehmigt, die der zuständige Redakteur als nicht sendbar, weil übertrieben SPÖ-lastig eingestuft hatte? Peter Schöbers Antwort: "Keine." Dafür hat sich die ORF-Generaldirektion dazu geäußert, wobei die Antwort dieselbe ist wie schon bei der Doku zur Arbeiterbewegung. Für die ORF-Programme gelten sehr genau definierte redaktionelle Regulative. Der ORF geht davon aus, dass diese auch bei der angesprochenen Produktion eingehalten wurden.
Wir haben uns übrigens auch im Büro des Wiener Bürgermeisters erkundigt, eine Anfrage geschickt und wollten unter anderem wissen, wie Michael Ludwig zu Peter Schöber steht. Antwort des Wiener Bürgermeisters: "Keine." Was auch immer Peter Schöber und Michael Ludwig verbindet: Die Freimaurerei sei hier jedenfalls erwähnt, denn beide sind sie Freimaurer. Zum Wirken und zum Selbstverständnis dieses Männerbundes habe ich zwei Podcasts mit meinem Cousin Peter Gneiger gemacht, einem ehemaligen Freimaurer, nachzuhören in den Dunkelkammer-Episoden 170 und 182.
Ganz unabhängig davon ist vor mehr als einem Jahr ein Blog entstanden, dessen Urheber bis heute anonym sind. Auf diesem Blog werden wiederkehrend Beiträge zu Freimaurerbrüdern veröffentlicht, und einer der bisher Abgehandelten ist eben auch Peter Schöber. In einem am 12. September 2025 veröffentlichten Beitrag heißt es unter anderem, Schöber sei Mitglied der Loge zu den drei Rosen und zudem der Freimaurerkoordinator im ORF. Im Beitrag werden darüber hinaus unbelegte und teils ehrenröhrige Behauptungen aufgestellt, die medienrechtlich sehr problematisch sind. Ich werde die deshalb nicht wiedergeben.
Aber was sagt Peter Schöber dazu? Ist er ein Mitglied der Loge zu den drei Rosen? Ist er Freimaurerkoordinator im ORF? Hat er mit den Betreibern der Seite Kontakt aufgenommen? Diesen eine Aufforderung zur Unterlassung oder zur Richtigstellung oder Gegendarstellung übermittelt beziehungsweise andere rechtliche Schritte ergriffen? Und gab es dazu eine Reaktion seitens der Betreiber? Peter Schöbers Antwort auf alle diese Fragen: Erraten. Keine.
Dafür hat die Generaldirektion darauf eine Antwort in Schöbers Namen geschickt, und die lautet wie folgt: "Die unbelegten und anonymen Behauptungen auf der von Ihnen angeführten Website kann der ORF nicht überprüfen und kommentiert sie daher auch nicht. Peter Schöber weist sie zurück und behält sich rechtliche Schritte dagegen und gegen deren mediale Verbreitung vor." Ich lese hier heraus, dass Schöber keine rechtlichen Schritte ergriffen hat, jedenfalls bisher nicht. An diesem Punkt mache ich Schluss für heute. Ich darf aber ankündigen, dass der ORF hier in Zukunft öfter mal ein Thema sein wird. Vielen Dank fürs Zuhören.
Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr unser Medium mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt: Die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.
Autor:in:Felix Keiser |
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