Die Dunkelkammer History
Raubtiere und Bücher

Fotocredit: Missing Link

Von Christa Zöchling. Die erste Bibliothek des Weltwissens stand einst in Alexandria. Warum war sie irgendwann einmal verschwunden? Und was tut ein Hundertjähriger bei einer Konferenz über Künstliche Intelligenz?

Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße sie zur ersten Dunkelkammer History im Jahr 2026 und entschuldige mich gleich einmal für die etwas längere Pause, die ich gemacht habe. Ich lag mit einer schweren Grippe danieder, doch dabei wirklich glücklich überrascht über meine Wahl zur Podcasterin des Jahres, gefolgt von Edith Meinhart, die weltweit mit den Nonnen von Goldenstein zitiert wurde, und Michael Nikbakhsh für seine Investigativrecherchen und die Gründung der Dunkelkammer.

Mein erster Gang, als ich wieder aufkam, war in die Wiener Hauptbücherei am Gürtel, wie immer umtost vom Dröhnen der Schwerlaster auf dem vibrierenden Asphalt, brüllenden Motoren und schreienden Hupen. Und drinnen stille Bücherregale, soweit das Auge reicht, auf zwei Etagen, junge und alte Menschen in Futons kauernd, lesend, an Tischen sitzend, leise über Laptops und Handys gebeugt. Ja, man redet leise hier miteinander. Und da winkt auch schon Lisl Ponger, eine schon sehr, sehr lang nicht mehr gesehene Freundin, durch eine offene Tür, die einer Gruppe von Jugendlichen beim Deutschlernen hilft.

Drei Mädchen mit streng gebundenen Kopftüchern kichern und schubsen sich zwischen den Regalen, suchen und fragen zufällig mich, weil ich da herumstehe, wo sie etwas über Rosa Luxemburg erfahren können. Ein betagter Herr nähert sich zögernd einer Mitarbeiterin. Vor langer Zeit habe er einen Roman gelesen, in dem ein alter Mann in einer Straßenbahn in Triest ein Mädchen kennenlernt. An die Beschreibung ihres zarten, flatternden Sommerkleids erinnere er sich ganz, ganz lebhaft. Aber wie heißt bloß der Autor? Flehend sieht er die Mitarbeiterin an.

Es ist natürlich Italo Suevo, und die Mitarbeiterin weiß das auch. Ja, hier wird geträumt und geflirtet wie in dem Film, in dem der junge Dustin Hoffman in der New York Library eine junge Frau über mehrere Reihen hinweg im Lesesaal anstarrt und sie den Blick irgendwann einmal spürt und erwidert. Es gibt einen Dokumentarfilm über die New York Library von Stephen Wiseman, ein Dreieinhalb Stunden Epos und keine Sekunde zu lang. Die New York Library ist die Königin der öffentlichen Bibliotheken, ein Ort der Menschlichkeit und der Demokratie. Aber auch sie könnte irgendwann einmal verschwinden. Jeweils zur Hälfte ist sie von der Stadtverwaltung und privaten Spendern abhängig. Sollte sich der Wind nun drehen und die Spender plötzlich kapriziöse Ideen entwickeln über das, was gefördert werden soll oder darf, kann es schnell finster werden.

Die Dokumentation aus dem Jahr 2017 zeigt, wie der Vorstand um seine Unabhängigkeit kämpft, die ärmeren Schichten ermutigt zu lernen und dranzubleiben und wie er debattiert. Wie soll man mit Obdachlosen umgehen, die in der Bibliothek ihren Rausch ausschlafen? Wie umgehen mit einem der größten amerikanischen Schulbuchverlage, in dessen Unterrichtsmaterialien noch im Jahr 2015 zu lesen ist, dass die Schwarzen einst als Arbeitsmigranten in die Vereinigten Staaten kamen? Hallo, Arbeitsmigranten? Waren Schwarze nicht gefangen genommen worden, verschifft und als Sklaven verkauft?

In einer Szene der Dokumentation steht ein Kind am Schalter und fragt nach einem Bibliotheksausweis. Die Mitarbeiterin Hast du einen Schülerausweis oder ein Heft dabei, in das deine Lehrerin etwas hineingeschrieben hat, ein Zeugnis oder irgendetwas mit einem Stempel der Schule drauf. Sie bemüht sich unglaublich, das Kind nicht wegschicken zu müssen. In der New York Library treten Schriftsteller, Musiker, Tänzer auf und sprechen über ihre Kunst und wie sie dazu kamen. Blinde lernen hier die Brailleschrift, Taube die Gebärdensprache.

Viele kommen einfach hierher, um Netflix-Serien zu schauen, Zeitungen zu lesen oder ihre Familiengeschichte zu recherchieren. Schon die allererste Szene in der Dokumentation rührt ans Herz. Eine Mitarbeiterin wird gefilmt bei ihrer Telefonauskunft. Hm, sie können derzeit also nichts ausborgen. Klick, klick. Sie gibt am Computer etwas ein. Ja, das wird daran liegen, dass sie bereits 50 Bücher zu Hause haben. Das ist unser Limit. Oder ein anderer Mitarbeiter: Oi, oi, das Einhorn. Ja, das Einhorn ist ein mythisches Tier. Das gibt es nicht in der Wirklichkeit und hat es nie gegeben, so viel wir heute wissen. Der Mitarbeiter wundert sich gar nicht über diese Frage. Glitzernde Einhörner sind überall zu sehen, auf Rucksäcken, Täschchen und T-Shirts. Das ist ein Mädchenhype. Und er kramt in seinem historischen Wissen.

Aus dem Jahr 1225 nach unserer Zeitrechnung stammt das Zitat eines Mönchs, der einen Mann so beschrieben hat: außen ein Wolf, innen ein Einhorn. Das Einhorn galt im christlichen Lager als Symbol der Reinheit und Unschuld. Schon in der Bibel, die in der Bibliothek von Alexandria auf Papyrus geschrieben war, ist von einem Einhorn die Rede, aber das geht auf einen Übersetzungsfehler vom Hebräischen ins Griechische zurück.

Die Bibliothek von Alexandria. Ist sie auch ein Mythos? Eines der Bücher über die verschwundene Bibliothek von Alexandria wurde von einem italienischen Altphilologen, Bücherliebhaber und Kommunisten Luciano Canforo. Es ist fast ein Bestseller geworden. In Alexandria stand einst die erste globale Weltbibliothek, Zentrum des Weltwissens, geboren aus dem Krieg und irgendwann, wie vom Erdboden verschluckt. Niemals bisher wurde eine Schriftrolle von dort gefunden. Die einzigen Spuren sind Berichte von Zeitzeugen und Chronisten, aber wir wissen etwas von dem Geist, der dort geherrscht haben muss.

Bibliotheken waren Orte der Seelenpflege, wie eine Inschrift aus der ehemaligen Königsstadt Theben beweist. Als Alexander der Große in seinen Eroberungsfeldzügen bis nach Indien kam und auf dem Rückweg im jungen Alter von 32 Jahren unter hohen Fieberschüben im Jahr 323 vor unserer Zeitrechnung in Babylon starb. übernahm einer seiner Generäle die Herrschaft in Ägypten und begründete die Ptolemäer-Dynastie, die drei Jahrhunderte lang herrschte. Wo der Nil in das Mittelmeer mündet, errichtete Ptolemäus I. die Stadt Alexandria, und in einem geometrisch vollkommenen Rechteck am Ufer entstand der Palastbezirk, und mittendrin war das Museon, der Tempel der Musen.

Ein Zeitzeuge, Hekataios, beschreibt, wie er das erste Mal das Museon betrat, überwältigt von der Ramses-Statue im Saal des besternten Himmels, den überdachten Säulengalerien und dem prachtvollen Speisesaal, in dem die klügsten Gelehrten der damaligen Zeit gemeinsam das Essen einnahmen und durch königliche Apanagen abgesichert, ihren Forschungen und Theorien nachgingen, sicher auch ihren Eifersüchteleien und Intrigen. Von einem Lesesaal berichtet Hekataios aus nichts. Die Bücher, das waren damals Schriftrollen, wurden in Regalen entlang der Galerien aufbewahrt, das heißt eigentlich in dem ganzen Museon-Komplex.

Von Hand geschriebene Texte auf Papyrus. Beim Lesen wurde die Rolle auf ein Brett gelegt, nach rechts ausgebreitet, nach links wieder eingerollt. Es soll in Alexandria 500.000 bis 700.000 Schriftrollen gegeben haben. Manche Bücher brauchten mehrere Rollen. Die Ptolemäer-Könige hatten den Ehrgeiz, das gesamte Wissen der damaligen Welt in Alexandria zu versammeln. Kundschafter wurden mit Bittbriefen an Könige und Herrscher ausgesandt, sie mögen ihre Schriften zur Verfügung stellen. Auf allen Schiffen, die angelegt sind. Im Hafen von Alexandria wurden die Schriftrollen konfisziert und in Kopierwerkstätten gebracht.

Die Originale kamen in die Bibliothek mit Vermerk "von den Schiffen". Die Kopien wurden zurückgegeben. Auch aus Athen geliehene Originale von Sophokles, Euripides, Aristophanes gingen nur als Kopien wieder nach Athen zurück. Das hohe Pfand, das sie zahlten, ließen die Könige großzügig verfallen. Man verstand sich dort wirklich als Weltbibliothek. Aus allerlei Sprachen wurde übersetzt, so auch die hebräische Bibel ins Griechische. 72 Rabbiner aus Jerusalem, die Griechisch beherrschten, wurden dafür nach Alexandria eingeladen, und da soll auch der Fehler mit dem Einhorn passiert sein.

Die jeweiligen Leiter der Bibliothek, einer trug den schönen Titel "Bevollmächtigter aller Bücher aller Völker" waren angesehene Gelehrte. Einige stammten aus der Schule des Aristoteles. Das Wissen der Welt trug Früchte. Man war damals in der Lage, den Durchmesser der Erde verblüffend genau zu berechnen. Mit Hilfe der Mathematik und Beobachtung der Himmelskörper kam man damals schon zum Schluss, dass die Erde um die Sonne kreist. Galileo Galilei wurde knapp 2000 Jahre später dafür in den Kerker geworfen. Man brach damals auch ein Tabu und sezierte Leichen und wusste somit, wo die Organe liegen. Und man erfand dampfgetriebene Maschinen.

Über das Ende der Bibliothek gibt es Spekulationen. Als der römische Diktator Julius Cäsar im Jahr 48 vor unserer Zeitrechnung nach Alexandria kam, schlug er sich im Machtkampf zwischen der blutjungen Kleopatra und ihrem noch jüngeren Bruder, einem elfjährigen Knaben, auf die Seite Kleopatras. Allgemein bekannt ist die Geschichte, dass sich Kleopatra in einer Teppichrolle versteckt in den Königspalast von Alexandria schmuggeln ließ und und Cäsar von ihrer Kühnheit und Jugend überwältigt war. Cäsar ließ daraufhin die Schiffe von Kleopatras Gegnern im Hafen von Alexandria in Brand setzen. Ein Speicher mit Schriftrollen soll Opfer der Flammen geworden sein, aber das Museum selbst blieb unversehrt.

In den darauffolgenden Jahrzehnten des Bürgerkriegs wurde in Alexandria mehrmals geplündert. Im 4. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Die Ptolemäer waren ja da schon abgetreten, sollen fanatische Christen den ihrer Ansicht nach heidnischen Wissenschaftsbetrieb verwüstet haben. Und dann gibt es noch Berichte über die arabischen Eroberer im 7. Jahrhundert, die die Papyrusrollen zum Heizen der öffentlichen Bäder verwendet haben sollen. Wenn sich die Bücher mit dem Koran decken, sind sie überflüssig, wenn sie ihm widersprechen gefährlich. So in etwa habe der Kalif Omar die Order zur Vernichtung gegeben.
Heute weiß man, seine typische Fake-Geschichte, die im Rahmen der christlichen Kreuzzugspropaganda im 13. Jahrhundert aufgetaucht ist. Die Forschung geht heute davon aus, dass die Bibliothek einen langsamen Tod starb. Die Römer investierten immer weniger Geld in neue Kopien. Das Wissen verblasste, die Gelehrten verloren an Autorität, die religiöse Intoleranz nahm zu. Das erinnert fast ein bisschen an die Gegenwart.

Im Jahr 2002 wurde die neue Bibliothek von Alexandria eröffnet, in modernster Architektur auf sieben Ebenen ein riesiger Lesesaal, der Licht, Luft und Freiheit atmet. Bei seiner Einweihung wurde das Gebäude als Stern des Wissens bezeichnet, das die Welt erleuchtet. Doch ein Buch des ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Naguib Mahfouz suchte man dort vergeblich. Stockkonservative muslimische Geistliche hatten kurzzeitig ein Verbot durchgesetzt.

In diesen Tagen erobert der ehemalige italienische Politikberater und Schriftsteller Giuliano da Empoli gerade mit seinem Essay über die Politik der Raubtiere die Bestsellerlisten. Er analysiert darin die neue Regellosigkeit der Mächtigen der Welt, und er beschreibt eine sehr berührende Szene. Ein alter Mann, der sich schwer tut, bei jedem Schritt sich kaum noch erheben kann, wenn er sich einmal hingesetzt hat, nimmt an einer internationalen Konferenz über künstliche Intelligenz teil, in einem Grand Hotel in Lissabon. Bald wird er seinen 100. Geburtstag feiern. Was tut dieser alte Mann hier? Die Blüte der KI wird er nicht mehr erleben.

Der alte Mann ist Henry Kissinger, Historiker, ehemaliger Sicherheitsberater von US-Präsidenten, ehemaliger Außenminister. Zuvor hat er einen Essay über das Ende der Aufklärung veröffentlicht. Darin schreibt er: Bislang war die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert der bedeutendste technologische Fortschritt für den Lauf der modernen Geschichte. Sie ermöglichte es, dass die Suche nach empirischen Erkenntnissen die liturgische Lehre ablöste und das Zeitalter der Aufklärung allmählich das Zeitalter der Religion verdrängte. Individuelle Einsicht und wissenschaftliches Wissen traten an die Stelle des Glaubens als Hauptkriterium menschlichen Bewusstseins. Informationen wurden in wachsenden Bibliotheken gespeichert und systematisiert. Das Zeitalter der Aufklärung brachte jene Gedanken und Handlungen hervor, die die heutige Weltordnung prägten. Zitat Ende.

Aber es geht weiter. Das Internet hingegen diene der Bestätigung von Wissen durch die Anhäufung und Manipulation stetig wachsender Datenmengen. Die menschliche Erkenntnis verliere ihren individuellen Charakter. Die Selbstreflexion, die sich nur auf einsamem Weg verwirklichen lasse, habe ausgedient und damit auch das Wesen unserer Kreativität. Unsere Zeit, so Kissinger weiter, bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung der Aufklärung. Sie hat eine Technologie hervorgebracht, die quasi nach einer leitenden Philosophie sucht.

Ist das die Disruption? Das Brechen jeder Regel in einer Gesellschaft und auch zwischen den Staaten? Oder wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagt: schnell handeln und Dinge kaputt machen. Das ist Fortschritt? Verstehen sich deshalb Tech-Giganten und Donald Trump so gut? Sind Bücher und Bibliotheken ein Gegengewicht? Vielleicht. Ja, ich glaube schon. Wenn wir den Mut haben, uns durch das Lesen von Büchern auch verstören zu lassen.

Ich bin in Graz aufgewachsen. Zu meiner Zeit durfte ein Kind in der Stadtbücherei nicht selbst in den Regalen stöbern. Ein Kind musste an der Theke sagen, was es gern hätte. Etwas mit Abenteuern, mit Tieren oder mit Zauberern. Ja, was sagt man da als Kind? Ich war etwa elf Jahre alt, da legte man mir den Räuber Hotzenplotz vor. Ich war zutiefst gekränkt und verlangte ein paar Wochen später das Kalkwerk von Thomas Bernhard. Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt, wahrscheinlich weil es damals einen Skandal um das Buch gab und eine Beschlagnahmedebatte. Ich war sehr hartnäckig. Ich log, ich würde das Buch für meine Mama holen. Ich las es und verstand nichts, gar nichts. Aber ich spürte den Rhythmus und die Musik der Sprache. Von heute aus betrachtet war es vielleicht das wichtigste Buch meines Lebens.

Öffentliche Bibliotheken sind Inseln der Menschlichkeit. Das sind die Stadtbüchereien in Wien, die Nationalbibliothek, die Arbeiterkammerbibliothek, die Universitätsbibliotheken und viele andere Bibliotheken, die mir jetzt gar nicht einfallen. Und ihre Mitarbeiter sind Menschen, die Bücher lieben. Und dafür bin ich Ihnen zutiefst dankbar und verabschiede mich von Ihnen bis zum nächsten Mal in 14 Tagen ihre Christa Zöchling.

Autor:in:

Christa Zöchling

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