Das Orakel
Christian Kern zurück an SPÖ-Spitze: Echt jetzt?
- hochgeladen von Michael Stebegg
In der 35. Folge von ‚Das Orakel‘ schauen wir uns an, mit welchen Sorgen, Erwartungen, aber auch Wünschen die Menschen ins neue Jahr 2026 blicken. Und gehen der Frage nach, ob – angesichts der schlechten Umfragewerte der SPÖ und Andreas Babler – Christian Kern wieder Partei-Chef werden könnte.
Peter Hajek
Wenn ich die Sozialdemokratie wäre, muss es, wenn es denn tatsächlich zu einem zweiten Kandidaten kommt, muss die Partei so geeint sein, dass man sagt, ist OK, schauen wir uns das an. Aber das muss auf einer gemeinsamen Basis, sonst wird das wirklich, wirklich, wirklich problematisch. Jetzt kommt der nächste Punkt: Jetzt sagen wir mal der Christian Kern tritt an. Was hat er dann für eine Funktion, außer dass er Parteichef ist?
Michael Stebegg
Auch das haben wir schon mal beleuchtet.
Peter Hajek
Ich weiß, haben wir auch schon mal gehabt.
Michael Stebegg
Keine. Also außer Parteichef.
Peter Hajek
So. Wird Andreas Babler deshalb um seine Entlassung bitten? Als Vizekanzler und Minister? Nein, wird er nicht.
Willkommen zum demoskopischen Podcast 'Das Orakel'. Mein Name ist Peter Hajek. Ich bin Meinungsforscher und Politikwissenschaftler und schaue mit Ihnen in die politische Gegenwart, immer wieder in die Vergangenheit und ab und zu auch in die Zukunft, die ja bekanntermaßen schwer zu prognostizieren ist.
Michael Stebegg
Hallo und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, im neuen Jahr und zur 35. Folge von 'Das Orakel'. Mein Name ist Michael Stebegg und mir gegenüber sitzt wie immer und auch 2026 Meinungsforscher Peter Hajek. Hallo Peter und Prosit.
Peter Hajek
Hallo Michi, Prosit – glaub ich – darf man nur am 1. Jänner sagen. Deshalb ein frohes neues Jahr.
Michael Stebegg
Gut, ein wunderschönes frohes neues Jahr. Liest du eigentlich als Meinungsforscher auch Horoskope?
Peter Hajek
Nein, aber Peter Klien hat mir damals bei – welche Wahl war das, war es die Wienwahl oder eine andere Wahl, weiß nicht – ist er zu mir gekommen und da kannte man ihn noch nicht. Und da hat er dann gesagt: ‚Warum werden sie nicht Horoskop-Schreiber? Wäre das nicht gescheiter?‘ Und ich hab mir dann im Nachhinein gedacht, ich hätte antworten sollen: ‚Nein, weil da verdient man nicht so gut.‘
Michael Stebegg
Mit dem Orakel ist es ja quasi ein Mittelweg zwischen Meinungsforschung und Horoskop. In unserer Neujahrsfolge wollen wir uns, weil es kalendarisch passt, wollen wir analysieren, welche Erwartungen die Menschen an 2026 haben, mit welchen Sorgen, aber auch Wünschen sie auf das kommende Jahr blicken. Und dazu haben wir uns eine Studie von IMAS und eine vom Market Institut genauer angeschaut. Und beginnen möchte ich mit der IMAS Studie und die zeigt eins: Die Stimmung im Land ist alles andere als gut.
Peter Hajek
Überraschung.
Michael Stebegg
Spitzenreiter sind, auch das ist keine Überraschung, die Teuerung und die steigenden Lebenshaltungskosten. Für circa 60% ist das die größte Sorge, gefolgt von der Zuwanderung mit 45% und der wirtschaftlichen Lage mit 44%. Jetzt ist ja im letzten Jahr, ich sag mal, gegen Ende hin die Inflation doch wieder gesunken. Es sind einige Maßnahmen ergriffen worden, wie das ‚Billige-Strompreis-Gesetz‘. Warum dominiert die Teuerung immer noch diese Sorgenliste?
Peter Hajek
Tja, das ist eine tatsächlich gute Frage. Vielleicht weil es auch oft falsch verstanden wird, weil …
Michael Stebegg
Die Frage jetzt?
Peter Hajek
Nein, die Teuerung. Ich erinnere mich an eine Headline von ‚Österreich‘ und Wolfgang Fellner, die gesagt haben, weil die Inflation geht zurück ‚Jetzt purzeln die Preise‘. Man muss sagen, nein, sie purzeln nicht die Preise. Sondern die jährliche Inflation hat halt nicht mehr diese Steigerung wie in den letzten Jahren, sondern sie fällt halt geringer aus. Was die Menschen immer vergessen, dass wir zum Beispiel in den Zehner-Jahren eine ganz, ganz stabile Inflation hatten, die glaube ich immer zwischen 1,5 und 2% war und das ist auch die gewünschte Inflation. Es soll ja nämlich nicht keine Inflation geben. Das sollen dann die Wirtschaftsforscher erklären, warum das so besser ist.
Jetzt gehen diese Preise halt nicht zurück. Das Interessante an der Sache ist aber, dass ja im vergangenen Jahr, im vergangenen Herbst nicht, aber die Jahre davor gab es ordentliche Gehaltsabschlüsse, die an oder sogar über der Inflationsrate gelegen sind. Das heißt, man hat versucht, über die gestiegenen Löhne einen Kaufkraftverlust zu verhindern. Und wenn man jetzt den Wirtschaftsforschung glauben schenkt, ist das auch gelungen. Problem war auf der anderen Seite, wir haben uns in manchen Sektoren wie der Industrie aus den Märkten gepreist oder zumindest die Konkurrenzsituation für unsere Unternehmen nicht erleichtert dadurch. Das ist eine andere Geschichte.
Trotzdem, gefühltermaßen, haben die Menschen das Gefühl, es ist alles wahnsinnig teuer geworden. Es stimmt ja auch, es ist ja auch teurer geworden. Aber es gibt auch die Löhne, die mitgezogen haben. Jetzt gibt es aber Erhebungen, die sagen, naja – es gibt ja den Warenkorb zur Inflation. Da sind dann halt auch die Laptops und so Sachen drin. Und da ist immer der Hinweis ‚Naja, aber ich kauf mir halt nicht jede Woche einen Laptop.‘
Michael Stebegg
Ah nicht?
Peter Hajek
Nein. Sondern man sollte einen kleineren Warenkorb machen, wo das alltägliche Leben einfach nur abgebildet ist. Und dort sagen uns die Wirtschaftsforscher, kann es schon sein, dass es Haushalten mit geringeren Einkommen, wo auch möglicherweise die Löhne nicht so mitgezogen sind, dass es dort natürlich zu nicht nur einer gefühlten Teuerung kommt, sondern die haben eine echte Teuerung. Weil eben das nicht Schritt gehalten hat mit der Lohnentwicklung. Dementsprechend hat es schon eine Berechtigung. Das Thema wird uns durchwegs längere Zeit begleiten. Auch wenn, glaube ich, für das nächste Jahr ist eine knapp über zweiprozentige Inflation prognostiziert. Wobei wir wissen ja, wie das so ist mit den Prognosen, gell!?
Michael Stebegg
Ja, deswegen sitzen wir ja auch da. Was interessant ist und jetzt kommen wir damit zur Market-Umfrage. Also auf deiner Seite haben wir diese vielen Sorgen, es gibt natürlich auch Wünsche, um das noch kurz einzuschieben. Also der größte Wunsch für 2026 ist weiterhin Gesundheit, aber …
Peter Hajek
Das ist aber echt … Hauptsache g‘sund samma. Ich mein …
Michael Stebegg
Ja, ist ja auch … gut, Zwischenfrage: Was sagt das über eine Gesellschaft aus, wenn Gesundheit der größte Wunsch ist? Dass, wir sehr alt sind?
Peter Hajek
Nein, dass sie sehr krank ist. Nein, aber das ist verständlich. Weil Gesundheit natürlich so unmittelbar gespürt wird. Jetzt muss man aber sagen, wenn man sich die Gesundheitsdaten der österreichischen Bevölkerung anschaut, dann ist der Wunsch …
Michael Stebegg
… Vater des Gedankens …
Peter Hajek
… ist der Wunsch nach einer Gesundheit immer größer als das Zutun, damit wir gesund leben.
Michael Stebegg
Obwohl auch in dieser Studie ja wiederum … was sind die größten Ankündigungen für das nächste Jahr: Gesund leben, Sport betreiben.
Peter Hajek
Ja klar. Das ist der Neujahrsvorsatz. Genauso wie jetzt der Dry January ja so wahnsinnig in ist.
Michael Stebegg
Wie der Veganuary – und Dry January, genau.
Peter Hajek
Wos is?
Michael Stebegg
Der vegane Jänner.
Peter Hajek
Ahhh … aso … der vegane Jänner. Jössas, der auch noch. Naja, das wird ganz furchtbar viel. Ja, also wie gesagt, dieser Wunsch ist immer ausgeprägt und dieser Wunsch war natürlich immer da. Spannend ist das deshalb, um jetzt wieder auf die ernsthafte Ebene zu kommen, weil ja die Menschen, sich, glaub ich, aktuell mehr Sorgen um das Gesundheitssystem machen.
Michael Stebegg
Also, das spielt da mehr rein?
Peter Hajek
Genau. Das spielt da mittlerweile sehr, sehr stark rein. Die Pandemie hat wahrscheinlich auch noch ihren Teil dazu beigetragen. Aber was die Menschen halt schon in Österreich erleben, dass das System, das Gesundheitssystem, nicht mehr so aus ihrer Sicht funktioniert, wie sie es gerne hätten. Was heißt das? Früher war es so, du bist zu einem Wahlarzt gegangen, von denen es gar nicht viele gab, oder zum Privatarzt, wie man früher gesagt hat. Wenn du halt einen ganz schnellen Termin wolltest oder halt dich besser und wohler dabei gefühlt hast oder du vielleicht eine Zusatzversicherung hattest. Aber der ganz, ganz große Teil ist natürlich zum Kassenarzt gegangen. Und das hat sich natürlich sehr, sehr, sehr gedreht. Man wartet auch längere Zeit auf Operationen, die keine Akutfälle sind, das muss man auch dazu sagen. Akut wirst du in Österreich natürlich as soon as operiert. Und das spielt dann natürlich hinein.
Also wir wissen, dass es ja fünf Themen gibt, die sich auch hier schon abgebildet haben. Aber die fünf Hauptthemen sind nach wie vor eben das Thema Migration, das Thema Teuerung, das Thema Gesundheit, das Thema leistbares Wohnen und – auch wenn das jetzt diese beiden Umfragen so nicht abbilden und auch unsere Umfrage, die wir für den Integrationsbarometer oder das Integrationsbarometer, das wir gemacht haben, nicht abbildet – das Thema Klimawandel und Umweltschutz ist nach wie vor unter den Top-Themen. Insbesondere dann, wenn man die Bevölkerung nicht gestützt fragt, wie es hier in den meisten Fällen gemacht worden ist, sondern wenn man eine offene Fragestellung hat, welche Themen brennen dir und deiner Familie unter den Nägeln, dann ist das Thema auch immer dabei.
Michael Stebegg
Einen Punkt, der vor allem in der Market-Umfrage zum Tragen kommt, ist, dass wir trotz dieser großen Sorgenlast es so ist, dass viele Menschen sagen, dass es ihnen persönlich eigentlich gut geht. Also wir haben schon wieder diese Schere zwischen allgemeinem Pessimismus und persönlich Optimismus. Hast du eine Erklärung für dieses Auseinanderklaffen zwischen Eigenwahrnehmung und Gesellschaftsbild?
Peter Hajek
Ja. Also erstens, that's not new. Wir hatten das immer, nur war der Abstand nicht so groß zwischen der eigenen Einschätzung und der Einschätzung des Wirtschaftsstandort oder des österreichischen Staates. Ist auch bis zu einem gewissen Grad verständlich, weil wir hören ja eigentlich immer nur Negativ-Botschaften. Ja, jetzt die wirtschaftliche Stimmung hellt sich ein bisschen auf. Aber wie Christoph Badelt wieder, vom Fiskalrat, schon wieder gesagt hat: wir werden für 27/28 … werden wir einige Einspannungen nötig sein.
Michael Stebegg
Das gibt es eine Zahl dazu aus dieser IMAS-Studie, nämlich: Also es sagen schon 41%, dass bis Ende 2027 es wirtschaftlich sich erholen wird. Aber es gibt 14%, die sagen, es wird nie wieder so gut werden oder nie wieder so werden wie früher.
Peter Hajek
Es wird nie … es wird nie wieder.
Michael Stebegg
Jetzt müsstest du deinen berühmten Satz sagen: Früher war …
Peter Hajek:
… alles besser.
Michael Stebegg
Danke.
Peter Hajek
Naja. Aber das ist ja … ich möcht nicht schon wieder erwähnen, wie wir in die Vergangenheit blicken.
Michael Stebegg
Das kommt dann ein bisschen später, liebe Hörerinnen und Hörer.
Peter Hajek
Aber wie gesagt, also das kennen wir, das hatten wir schon immer. Das Interessante ist, dass es so auseinanderfällt. Weil ich müsste mir ja eigentlich denken: Naja, wenn es mir und meiner Familie und dem Haushaltsbudget gar nicht so schlecht geht, warum soll es denn dem Land schlecht gehen? Weil wir sind … also wir sind ja nicht bei Ludwig dem 14. … 16. … wurscht, der gesagt hat: ‚Der Staat bin ich.‘, sondern der Staat sind halt wir alle. Und wenn wir uns als gemeinsames Ganzes verstehen, dann müsste uns eigentlich klar sein: Na gut, wenn es uns nicht so schlecht geht, dann kann es dem Land eigentlich auch nicht so schlecht gehen.
Was wir wissen – haben wir auch schon des Öfteren erwähnt in diesem Podcast: 10% der Haushalte die stehen finanziell wirklich unter Wasser. Und das sind ja nicht wenige Haushalte, das sind über 400.000 Haushalte in Österreich. Und um die muss man sich kümmern. Dem Rest geht es mal mehr, mal weniger. Aber die stehen auf finanziellen, nennen wir es mal so, diese Haushalte stehen auf finanziell soliden Beinen.
Michael Stebegg
Vielleicht kurz dazu die Zahlen: nämlich eine große Mehrheit sagt, dass es, dass sie selbst ein gutes Leben führen, davon 28% sagen ‚ja, auf jeden Fall‘ und 55% sagen ‚alles in allem eher schon‘. Also das ist eine riesengroße Mehrheit.
Peter Hajek
Und das ist das österreichische Understatement.
Michael Stebegg
Genau und dem gegenüber stehen, dass in dieser Market Umfrage nur 21% sagen, dass sie mit Optimismus ins neue Jahr blicken Und das ist einer der geringsten Werte, die jemals gemessen wurden.
Peter Hajek
Genau. Das haben wir im Längsschnittverlauf bei der IMAS-Studie ja auch. Da sieht man ja, ganz spannend, dass wir zwischen den Mitte der 80er bis Lehman fast durchgehend eine optimistische Sichtweise hatten. Dann kam 2008 die Lehman-Krise, dann ist es runtergegangen. Dann ging es aber schon wieder rauf. Auch die Zehner-Jahre waren eigentlich eine sehr optimistische Zeit. Da gab es den Hacker 2015 mit der Syrienkrise. Aber auch davon haben sich die Menschen wenig beeinflussen lassen. Und jetzt ist so, mit Beginn der Pandemie …
Michael Stebegg
… und den vielen anderen Krisen, also der Multikrise.
Peter Hajek
Richtig, genau … ist das runtergefallen. Und seitdem haben wir eigentlich keine optimistische Sichtweise mehr. Also, man könnte eigentlich sagen, seit 2020/21. Und das tut mit uns allen schon etwas.
Michael Stebegg
Besonders stark – und auch das ist nichts Neues – ist der Pessimismus unter den FPÖ-Wähler:innen. Ist es jetzt so, dass es diesem Bevölkerungsanteil wirklich so viel schlechter geht oder ist das einfach der Ausdruck von Unzufriedenheit? Also sind unter den FPÖ-Wähler:innen besonders viele von diesen 10%, die sich das Leben wirklich nicht leisten können?
Peter Hajek
Ja. Also wir haben unter der Freiheitlichen Wählerschaft einen signifikant höheren Anteil an Menschen, die sagen, ich kann mir, wie soll ich sagen, es geht sich finanziell einfach nicht, manchmal nicht aus. Der ist höher als – Überraschung, Überraschung – bei NEOS, in der NEOS Wählergruppe. Aber auch signifikant höher als unter den sozialdemokratischen Wählerinnen und Wählern. Aber die Freiheitliche Partei hat ja in den Umfragen mittlerweile so einen hohen Anteil – also jetzt machen wir es ganz konservativ und sagen ein Drittel der Wähler, sie liegen wahrscheinlich ein bisschen höher, aber ein Drittel der Wähler wählt freiheitlich.
Michael Stebegg
Da kommen wir bei der Sonntagsfrage noch dazu.
Peter Hajek
Genau, wir kommen wir eh noch zur Sonntagsfrage. Und nein, denen steht nicht allen das Wasser bis zum Hals. Also natürlich hat die freiheitliche Wählerschaft auch Menschen, die in Haushalten leben, die auf total soliden Beinen stehen. Aber die Freiheitliche Partei wird wie jede andere Partei ja auch aus unterschiedlichen Gründen gewählt. Also die einen sagen: ‚Mir geht es nicht gut und Herbert Kickl wird dafür sorgen, dass es mir wieder besser geht.‘ Sagen wir ja. Die anderen sagen: ‚Ich wähle die Freiheitlichen wegen der Migrationspolitik.‘ Die nächsten sagen, weil in diesem Land keine Wirtschaftsreformen vorangehen. Es gibt unterschiedlichste Gründe. Die nächsten sagen wieder, weil mir der Babler und der Stocker unsympathischer sind als der Kickl. Und so weiter und so fort. Aber nein, nicht allen oder nicht dem Großteil der freiheitlichen Wählerschaft steht das Wasser finanziell bis zum Hals.
Michael Stebegg
Diese allgemeine schlechte Stimmung in der Bevölkerung hat natürlich auch politische Konsequenzen. Jetzt sind wir bei der Sonntagsfrage und der Kanzler:innenfrage. Du hast gesagt ein Drittel – laut der Market-Umfrage, der letzten, steht die FPÖ bei 37%, also ja, das ist ein bisschen über ein Drittel, wenn man jetzt die Schwankungsbreite und so mitnimmt. Die ÖVP kommt auf nur mehr 19%, also das ist fast 7% weniger als bei der Nationalratswahl. Die SPÖ liegt bei 18%, die Grünen bei 11% und die NEOS bei 10%. Jetzt liegt die FPÖ ja schon seit über einem Jahr oder eigentlich seit der Wahl deutlich vorne …
Peter Hajek
Also auch vor der Wahl schon.
Michael Stebegg
Stimmt. Aber sie hat’s dann noch ausgebaut. Und die ÖVP erlebt aktuell mit 19% wirklich ein historisches Tief und wenn man da jetzt noch weiter reingeht und sich die Kanzlerfrage anschaut, dann ist Christian Stocker nur mehr bei 10% Was ist da los?
Peter Hajek
Er überzeugt nicht. Punkt. Ende. Aber was ist da los? Es ist relativ simpel. Herbert Kickl, der ja in der Kanzlerfrage bei über 30% auch liegt, hat für seine Wählergruppe ein ganz klares Profil – glaube ich, haben wir auch schon hundertmal gesagt. Und das ist bei Christian Stocker und bei Babler, der ja, glaube ich, bei 6% liegt, nicht der Fall. Das ist mal die verkürzte Variante. Abgesehen davon hat es natürlich ein Oppositionspolitiker, wenn er noch dazu, wie Kickl, das Geschäft beherrscht, viel, viel leichter, als wenn du in einer Regierung bist und aus einer Dreierkoalition mit unterschiedlichsten Positionen und den Staat auch noch sanieren sollst. Bei Stocker kann man wenigstens sagen, er war schon vorher dabei. Babler und Meinl-Reisinger kommen ja quasi in dem Fall wie die Jungfrau zum Kind.
So. Das Interessante ist bei der Market-Umfrage aber ein anderer Wert, nämlich dass ein Drittel der Befragten sagt, keiner von denen. Und das zeigt wieder, dass die Stärke Kickls – das wird zwar die freiheitlichen Zuhörer und Zuhörerinnen nicht so freuen – aber die Stärke von Kickl ist eigentlich die Schwäche der anderen. Also würden da möglicherweise andere Kandidaten dabei sein, wäre zumindest der Vorsprung von Herbert Kickl nicht so stark. Aktuell ist es für Kickl a g‘mahde Wiesn. Er ist halt in der Kommunikation sehr gut, sehr zugespitzt. Er kann das politische Geschäft einfach. Was nicht heißt, dass er dann in einer Bundesregierung auch reüssieren würde. Aber das Geschäft der Opposition, das das kann er, das ist überhaupt kein Thema. Und die anderen haben dem aktuell wenig entgegenzusetzen.
Und die Erfolge der Bundesregierung werden sich möglicherweise erst zeigen, weil sie noch sehr, sehr diesem Klein-Klein verhaftet sind. Und wir brauchen halt bei gewissen Dingen größere Reformschritte. Badelt fordert die auch immer wieder ein. Aber es ist natürlich wahnsinnig unpopulär, den Menschen zu sagen, ihr müsst halt jetzt länger arbeiten. Wobei lustigerweise das wäre ja ein Langfrist-Projekt. Ich mein, wir führen jetzt nicht ab morgen mit 67 das Pensionsalter ein, sondern das wird erst in den 40er Jahren greifen. Ja, also man könnte sich da schon ein bisschen was trauen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Michael Stebegg
Du hast es gerade schon en passant erwähnt, nämlich die Stärke der FPÖ ist die Schwäche der anderen Parteien. Und da möchte ich eine weitere Umfrage jetzt noch aufs Tableau bringen, nämlich nicht nur der Standard hat eine Sonntags- … Sonntagsfrage-Umfrage veröffentlicht, sondern auch die Kronen Zeitung. Die kommt zu einem ähnlichen Ergebnis, hat aber noch eine Zusatzfrage gestellt und damit kommen wir zu unserer beliebten Rubrik …
Peter Hajek
Die Zahl der Woche.
Michael Stebegg
Die Zahl der Woche ist 24 Die Kronen Zeitung hat nämlich auch abtesten lassen, auf wie viel Prozent die SPÖ käme, wenn Christian Kern der Parteichef wäre. Und mit Kern käme die SPÖ auf 24% im Gegensatz zu 18% mit Andreas Babler. Das ist einmal ein ziemlicher Unterschied und zeigt auch ungefähr das, was du gerade gesagt hast, dass es um die Schwäche geht. Das haben wir sie schon wieder – die Parteichef-Diskussion. Möchtest du noch etwas Neues dazu sagen?
Peter Hajek
Na ja, na ja, na ja … da gibt es viel zu sagen. Das Interessante ist an dieser Umfrage – also ich hab den einen oder anderen Kritikpunkt – aber das Interessante ist, man hat ÖVP mit Kurz abgetestet, der da auf 22% kommt. So, das ist deshalb wichtig, weil die SPÖ …
Michael Stebegg
… dass die SPÖ damit wieder auf Platz 2 läge. Also,+ sie würde auf 24% kommen und die ÖVP – mit Kurz bitte – käme auf 22%.
Peter Hajek
So. Und das ist jetzt, wo ich sag, da bekomme ich jetzt ein Problem. Also grundsätzlich kann man das schon machen. Wir haben das auch im Jahr 2017 – kann sich schon fast keiner mehr erinnern – für ATV damals gemacht. Und wir haben damals Mitterlehner rausgenommen und statt ihm Kurz eingesetzt. Und das Interessante war, das haben wir gemacht damals im Februar 2017, da war eigentlich noch gar keine Wahl absehbar, die wurde erst später ausgerufen vor dem Sommer. Aber die Umfrage war wirklich exakt das Wahlergebnis dann von der Nationalwahl 2017.
Michael Stebegg
Chapeau.
Peter Hajek
Das war, das ist natürlich reiner Zufall gewesen. Aber, was ich sagen möchte, ist, man kann das schon machen, um mal Potenziale abzutesten. Also das ist in Ordnung. Die Interpretation ist nicht mehr in Ordnung, weil diese 2 Punkte Unterschied sind erstens kein signifikanter Unterschied. Also zu sagen, die SPÖ läge mit dem Kern vor Kurz – na das schauen wir uns einmal an. Das ist der erste Punkt. Und zweite Punkt ist, es ist wieder einmal eine reine Onlinebefragung. Und wir wissen, dass insbesondere bei Online-Befragungen es einen Negativ-Bias für die ÖVP gibt. Warum? Weil die älteren Wähler … also weil die ÖVP ist sehr stark gealterte Partei ist – unsere Hörerinnen und Hörer wissen es eh schon, weil wir das fast jedes Mal erwähnen. Und dementsprechend gehe ich davon aus, dass die ÖVP den Tick höher liegen könnte. Also, dass jetzt die SPÖ mit Kern Platz 2 hätte, das würde ich mal in den Bereich des Gerüchts geben.
Michael Stebegg
Die SPÖ mit Kern ist ja aber auch ein Gerücht.
Peter Hajek
Na ja, genau. Das ist mal die nächste Geschichte. Weil wie wird jemand beim … wird Kern beim Parteitag im März antreten? Jetzt gibt es nämlich die erste Hürde, dass er nämlich antreten kann, da muss der Parteivorstand dem zustimmen. Und der Parteivorstand der SPÖ, glaub ich, hat 51 Personen. Das heißt, er muss 26 Stimmen dafür haben. Und jetzt wissen wir – nämlich aus der Debatte damals Rendi-Wagner versus Doskozil, wo dann Babler herausgekommen ist – wie sinnvoll das manchmal ist, dass man es auf einem Parteitag so in Richtung Kampfabstimmung ankommen lässt. Insbesondere dann, wenn man … und jetzt Kronen Zeitung hat es in Auftrag gegeben, kann aber durchaus sein, dass der ein oder andere in der SPÖ durchaus Interesse auch daran hatte, dass es so eine Umfrage in den in in Medien gibt und nicht ganz unglücklich darüber ist.
Aber wenn ich nicht die Wiener SPÖ und die Gewerkschaft, also Katzian und Co, zumindest so auf der Seite habe, dass sie sagen, na gut, schauen wir es uns an, dann kann das in dem ähnlichem Fiasko enden wie der letzte Parteitag, wo man sich dann am Schluss dann noch dazu verzählt hat.
Michael Stebegg
Ich wollt grad sagen: Da brauchst nicht einmal eine Excel-Tabelle.
Peter Hajek
Ich wäre … und ich hab das in einem Kurierinterview zum Jahreswechsel – können wir dann auch verlinken, kann man dann auch nachhören – mit Martin Gebhart, dem Chefredakteur, hab ich das schon gesagt. Ich bin da sehr vorsichtig. Also wenn ich die Sozialdemokratie wäre, muss es, wenn es denn tatsächlich zu einem zweiten Kandidaten kommt, muss die Partei so geeint sein, dass man sagt, ist OK, schauen wir uns das an. Aber das muss auf einer gemeinsamen Basis, sonst wird das wirklich, wirklich, wirklich problematisch. Aber das muss auf einer gemeinsamen Basis, sonst wird das wirklich, wirklich, wirklich problematisch. Jetzt kommt der nächste Punkt: Jetzt sagen wir mal der Christian Kern tritt an. Was hat er dann für eine Funktion, außer dass er Parteichef ist?
Michael Stebegg
Auch das haben wir schon mal beleuchtet.
Peter Hajek
Ich weiß, haben wir auch schon mal gehabt.
Michael Stebegg
Keine. Also außer Parteichef.
Peter Hajek
So. Wird Andreas Babler deshalb um seine Entlassung bitten? Als Vizekanzler und Minister? Nein, wird er nicht. Also es ist vieles so unausgegoren, dass ich sag: Puh, also wenn ich da nicht einen zumindest klaren Fahrplan habe, hinter dem große Teile des Parteivorstandes und der Partei stehen und wenn sie es auch schon nicht unterstützen und sagen, ist OK, schauen wir es uns einmal an. Dann ist die Geschichte heikel und das ist einfach so.
Michael Stebegg
Du hast gerade gesagt, dass es möglicherweise Leute gibt innerhalb der Partei, die sich das wünschen und deswegen solche Themen immer wieder aufbringen. Etwas, was ich jetzt nicht unerwähnt lassen möchte, beziehungsweise dich fragen: Im Artikel wird auch der Geschäftsführer des Instituts, die die Umfrage gemacht haben, nämlich das ist das Institut für Demoskopie und Datenanalyse zitiert, das ist der Herr Christoph Haselmayer. Und er wird zum Beispiel damit zitiert, dass er sagt: ‚In der SPÖ versammeln sich immer mehr hinter dem Motto BMW, also Babler muss weg. Und die Gruppe muss Christian Kern zum Antrieb bewegen, seine Werte sind positiv und stabil.‘ Ist es noch eine Analyse oder ist das schon politische Agitation?
Peter Hajek
Also ich kommentiere die Kollegen ungern. Und am besten ist, man erspart sich das. Aber ja, in diesem Zusammenhang muss ich sagen, also da sind wir von der Analyse durchaus entfernt. Also insofern das mit dem BMW … aber lassen wir das einfach.
Michael Stebegg
Gut. Dann agitier ich jetzt auch mal, nämlich in Richtung Ende der Sendung. Das war unsere erste Folge im neuen Jahr, die 35. Folge. Auch 2026 gibt es an dieser Stelle unsere traditionellen Hinweise. Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, eine Frage haben oder sich zu einem Thema in dieser Folge äußern wollen, schreiben Sie bitte sehr gern an frag@dasorakel.at. Diese Folge und alle anderen auch gibt es zum Nach-und-Immer-wieder-Hören auf www.dasorakel.simplecast.com und überall dort, wo es gute Podcasts gibt. Die nächste Folge erscheint am Donnerstag, 22.1. 2026. Bis dahin sagen wir vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
Peter Hajek
Das Orakel.
Autor:in:Michael Stebegg |