Bühneneingang
"Das Hirn aufreißen": Über die politische Rolle der Auslandskultur - mit Sepp Schellhorn

Sepp Schellhorn, Staatssekretär im Außenministerium für Deregulierung, Entbürokratisierung und Auslandskultur, spricht über Kulturdiplomatie als Brücke – und als Schutzraum für Kunstfreiheit. Im Mittelpunkt stehen Österreichs Kulturforen, internationale Konflikte, die Forderung nach einem eigenständigen Kunst- und Kulturministerium sowie die Salzburger Festspiele zwischen Exzellenz, öffentlicher Förderung und Intendantenstreit. Außerdem gibt Sepp Schellhorn seltene Einblicke in die Mechanismen des Regierens, spricht offen über seine Bewerbung als Präsident der Salzburger Festspiele 2021 und bringt die Stefan-Zweig-Villa inmitten des Tauziehen um eine neue Nutzung als europäischen Diskursort ins Spiel. Episode 111 ist ein streitbares Gespräch über politische Verantwortung, transparente Kulturförderung, die Freiheit der Kunst und die Frage, wie Österreich seine kulturelle Stärke nach innen wie nach außen verteidigt.

Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein; ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Sepp Schellhorn, als Gastronom Neos Urgestein, ehemaliger Nationalratsabgeordneter und nunmehriger Staatssekretär im Außenministerium, verkörpert er einen Karriereweg zwischen Unternehmertum und Politik.
Neben den Aufgabenbereichen Deregulierung, Entbürokratisierung und Unternehmensservice kümmert sich Sepp Schellhorn auch um die sogenannte Auslandskultur; damit verantwortet er ein politisches Portfolio, das Kultur nicht primär im Inland fördert, sondern als internationales Sprache-Netzwerk und diplomatisches Instrument versteht.
Wir sprechen über die Herausforderungen der Kunst in Zeiten globaler Konflikte, über die kulturpolitische Arbeit der Bundesregierung und auch über ganz praktische Dinge wie die Salzburger Festspiele zwischen künstlerischem Anspruch, öffentlichen Debatten und einem bevorstehenden Führungswechsel.
Außerdem geht es um Schellhorns eigenes Kulturengagement, von der Thomas-Bernard-Gesellschaft bis zum Sepp-Schellhorn-Stipendium, und um die Frage, welchen Stellenwert kulturelle Bildung für eine liberale Politik haben sollte.
Sehr geehrter Herr Staatssekretär, vielen lieben Dank, dass Sie mir einen Besuch am Bühneneingang abstatten.
Sepp Schellhorn
Es freut mich ganz besonders. Es ist für mich immer der schönste Eingang, wenn man sozusagen von der Seite kommen kann, vor allem wenn es um Kunst und Kultur geht.
Fabian Burstein
Mhm. Der Bühneneingang steht ja auch immer dafür, dass am Anfang durchaus auch nur scheinbar banale Fragen geklärt werden, wie zum Beispiel Strukturen, wie funktioniert was. Sie sind Staatssekretär im Außenministerium; Ihr Portfolio reicht eben von klassischen, sage ich mal, politisch-liberalen Themen wie Deregulierung und Entbürokratisierung eben bis zur Auslandskultur. Was bedeutet diese Auslandskultur konkret für jemanden, der noch nie von dieser Koppelung gehört hat, dass ein Außenministerium eben auch mit Kunst und Kultur zu tun hat?
Sepp Schellhorn
Na ja, ich möchte sagen, es ist ganz wichtig, auch im Außenministerium, dass es diese Sektion 5, so heißt sie, auch gibt, weil Kunst und Kultur ist der niederschwelligste Weg oder die Brücke, Diplomatie aufzubauen. Über Kunst und Kultur schaffen wir Verständigung.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Initiative oder unser Engagement von Österreich am Westbalkan basiert auch darauf, dass wir vor allem im Kunst- und Kulturbereich hier zuerst versuchen, Engagement zu zeigen, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich die Nationen untereinander besser verstehen und besser miteinander kommunizieren. Und ich glaube, das ist ein Beispiel dafür, was Kunst und Kultur tun kann.
Wir setzen uns vor allem auch dafür ein, in all diesen 30, über 30 Kulturforen, wo wir, dass wir hier vor allem die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Kunst fördern und gleichzeitig auch mit unseren Kulturforen sogenannte Safe Houses bilden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eins der bekanntesten Kulturforen war in der Vergangenheit während der Orbán-Zeit auch Budapest, wo wir mit unserem Kulturforum auch die Freiheit der Debatte, die Freiheit der Kunst auch fördern konnten, eben in diesem geschützten Bereich eines diplomatisch abgegrenzten Hauses.
Also, das ist uns ganz wichtig, dass hier Demokratie gefördert wird, dass hier vor allem Kunst und Kultur gefördert wird und dass wir auch eines bieten, nämlich das Fenster zur Welt und die Tür für die Welt zu sein für Kunstschaffenden, nämlich durch den kulturellen Austausch entsteht Diskurs. Und gerade im Bereich der Kunst und Kultur ist Diskurs wahnsinnig wichtig.
Also, es sind auch Konflikte wahnsinnig wichtig. Und das Schöne ist dabei: Wir reißen keine Gräben auf, sondern wir diskutieren miteinander. Die Beobachtung, der Betrachter empfindet das Kunstwerk oder das Buch schön, gut oder lesenswert, aber es entzweit uns nie in der Diskussion, sondern es bringt uns im Diskurs zueinander. Und das ist Kunst und Kultur, und das ist Kunst und Kultur in der Völkerverständigung.
Fabian Burstein
Jetzt gibt es ja einen Aspekt, der auch sehr wenigen Menschen bewusst ist, nämlich dass das Außenministerium ja auch wirklich ganz haptisch eine gigantische Infrastruktur betreibt rund um Kunst und Kultur im Ausland. Das sind die Kulturforen, die Sie angesprochen haben, das sind aber auch Bibliotheken. Ich glaube, das sind über 60 sogar, die da betrieben werden. Das sind auch diese sogenannten Österreich-Institute.
Sie haben es jetzt schon angedeutet, aber woran lässt sich denn der Erfolg einer so großen Infrastruktur denn wirklich messen, jenseits von Dingen wie Eröffnungen, Empfängern, schönen Fotos etc.?
Sepp Schellhorn
Ich glaube, es wäre absurd, wenn wir Kunst und Kultur an irgendwas messen würden. Bei aller Liberalität, die ich lebe, denke ich dennoch, dass es nicht nach Zahlen messbar ist.
Aber dennoch gebe ich Ihnen gerne ein paar Zahlen. Auslandskunst und Kultur hat im letzten Jahr 2025 über 5.600 Veranstaltungen organisiert, an 2.400 Orten circa, mit über 10.000 Künstlerinnen und Künstlern und Wissenschaftlerinnen wurden sie dabei unterstützt. Und ich glaube, das ist auch mit einem Frauenanteil von knapp 50 Prozent, das muss man auch sagen.
Es ist ein enormes Zeichen, was wir dafür tun, dass wir in eine Diskussion kommen. Wenn wir uns mit anderen Kulturen beschäftigen wollen, mit anderen Kontinenten, dann, wie gesagt, schaffen wir es nur über Kunst und Kultur und eben über ein Zeichen der Verständigung, der Akzeptanz.
Und ich sage immer: Wenn du ins Ausland gehst, wenn du dich mit Kunst und Kultur beschäftigst, dann reißt es einem das Hirn auf. Und das Hirn aufreißen ist ganz was Wichtiges, auch in der Verständigung, wie wir beide uns unterhalten.
Fabian Burstein
Bei mir rennen Sie da offene Türen ein, und Sie werden wahrscheinlich auch offene Türen einrennen, beispielsweise bei Leitungen von Kunst- und Kulturhäusern, weil das ein Teil unserer Sozialisation ist, wie man so schön sagt.
Ich habe aber auch gelernt, dass uns die Leute mit diesen Dingen nicht mehr so ganz durchkommen lassen, mit diesen weichen Herleitungsmechanismen, und dass sie immer mehr einfordern, dass für sie greifbar wird, was ist der Nutzen, gerade in so Zeiten, wenn gespart wird.
Haben Sie auch ein bisschen eine, ich sage es jetzt bewusst provokant, populistischere Herleitung, was uns das Thema nutzt?
Sepp Schellhorn
Also, ich verabscheuere den populistischen Ansatz, der ja auf nationaler Ebene auch geführt wird, nämlich die Einschränkung der Freiheit der Kunst. Wir definieren uns ja jetzt offensichtlich in Österreich nur mehr zwischen Volks- und Leitkultur. Und ich habe gerade vor kurzem ein spannendes Buch gelesen, und da bin ich so auf den Gedanken gekommen: Was ist bei uns eigentlich Leitkultur? Und Leitkultur ist, glaube ich, bei uns die Spange zwischen Volkskultur und McDonald's.
Nicht nur, weil ich aus dem Tourismus komme, weil ich den Vorhof oder die Vorbühne, wie nennt man das bei einem musikalischen Hauptakt, die Vorband, oder der Vorakt für Kunst und Kultur, ist das Wirtshaus. Und ich glaube, wenn das ausstirbt, dann stirbt das andere auch aus. Und dann werden so Begriffe wie Heimat, Tradition missbraucht für Kunst und Kultur, und das ist, glaube ich, ganz was anderes.
Ich habe nichts gegen Blasmusikkapellen, überhaupt nicht. Ich schätze auch sehr deren Arbeit für die musikalische Schulung. Aber wenn ich das so hochstilisiere, dass das unsere Kultur wäre, dann habe ich damit ein Problem, weil es wahnsinnig viel ausgrenzt und einschränkt. Ich denke, wir müssen hier open-minded werden und vor allem für die Freiheit der Kunst und der Kultur und für die Entpolitisierung dessen arbeiten.
Und wenn wir dann ins Ausland gehen und meine Arbeit betrachten, so ist es nicht messbar. Die messbare Grenze sind eben über 5.600 Veranstaltungen, wo wir österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller präsentieren, deren Gedanken präsentieren, den Diskurs damit eröffnen, wo wir von Fotokünstlern bis bildende, bis Performance-Künstlerinnen und Künstlern auch dementsprechend fördern, damit sie sichtbar werden, damit für die Welt, und das ist die Tür für uns oder das Fenster zu uns, auch sichtbar werden, dass wir für Freiheit der Kunst eintreten und ein gutes Beispiel dafür sind.
Fabian Burstein
Messbar. Was ist messbar? Ist messbar ein Bild, das so und so viel kostet? Das Messbarste für mich, und das ist widersprüchlich zu meinem liberalen Gedanken, ist jenes, dass es eine Buchpreisbindung gibt, nämlich das ist so was Elementares, weil ansonsten würde es nur mehr nach marktwirtschaftlichen Prinzipien ablaufen, und wir lernen nicht die großartigen Gedanken von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich aufbauen, sondern hätten dann nur mehr Dan Browns dieser Welt.
Sie haben trotzdem jetzt in Ihrer Herleitung, in Ihren Gedanken, so ein paar Wörter genannt, wo ich hängen geblieben bin, die ich sehr spannend finde, nämlich sehr bekannte Stadt- und Regionalforscher, auch die sich mit Stadtentwicklung befassen, sprechen mittlerweile sehr häufig in so Metaphern wie das Wirtshaus, das Lagerfeuer, der Dorfplatz, und koppeln das mit Kunst und Kultur.
Also sprich, dass diese Kultureinrichtungen wiederum mehr so werden sollten wie diese Institutionen, also zugänglich, gut und sehr stark, auf Austausch basierend und so weiter. Bedauern Sie es manchmal, dass Sie wirklich das große Ganze betrachten müssen in der Auslandskultur, nicht zum Beispiel auf die Regionalkultur gut einwirken können in Ihrem Amt jetzt?
Sepp Schellhorn
Ich habe keinen Zugang. Ich kann nur als Bürger, der einen Beitrag dazu leisten will, dass es besser wird und nicht, dass es schlechter wird. Und was heißt besser werden? Aus meinem Gesichtspunkt heraus, dass wir wieder miteinander reden, dass wir entgegen der Spaltung der Gesellschaft arbeiten, und das heißt nicht entgegen, sondern für das Zuschütten von Gräben, damit wir wieder miteinander reden müssen.
Was ist da derzeitige meine Analyse, meine persönliche Analyse ist, dass das vor allem in der Fläche am Land nicht mehr möglich ist. Ich erlebe es immer wieder in politischen Meldungen, dass das Ehrenamt so hochgeschrieben wird und dass die Vereinskultur auch dementsprechend so exzessiv ausgelebt wird, dass kleine, diverse Kulturvereine, Kulturinstitutionen hier keinen Platz mehr haben und Tradition, gedeckt mit Heimat, mit dem Begriff Heimat, die Zukunft wegdrückt. Sondern wir beschäftigen uns mit Tradition und Heimat nur mit der Vergangenheit und der Erhaltung dessen. Und wir schauen nicht, was kommen wird, was wir tun müssen dafür. Und das meine ich mit dem Monopolitischen.
Ja, das Wirtshaus ist ein gutes Beispiel dafür. Im Wirtshaus schafft der Wirt an und nicht der Gast. Im Vereinsheim schafft der Bürgermeister an und nicht das Mitglied. Und das ist der riesige Unterschied. Und dann wird es politisch. Und ich glaube, das ist eine große Gefahr für unsere Gesellschaft. Und es hat in der Vergangenheit oder im vergangenen Jahr auch in meinem Bundesland erschütternde Beispiele gegeben, wenn sich die Politik in die Hochkultur einmischt und wenn die Volkskultur gegen die Hochkultur ausgespielt wird. Und ich glaube, dagegen muss man sich wehren.
Aber das ist nur mein Beitrag als, ich würde jetzt nicht sagen, verantwortungsvoller. Ich will einfach einen Beitrag dazu leisten als Bürger von Österreich, dass es besser wird. Darum mein politisches Engagement. Das kann man für gut oder schlecht halten. Aber ich glaube, dass man es nicht für schlecht halten kann, wenn ich für den Diskurs, für den Dialog und für die Auseinandersetzung bin.
Und das bieten zum Beispiel in meinem Heimatdorf, gibt es einen Kulturverein in Aptenau, gibt es einen großartigen Kulturverein, wo man nicht Sesselkreise bildet, sondern die Auseinandersetzung mit der Kunst, mit der bildenden Kunst, mit dem Theater, mit der Performance, mit auch einem Buch, war ja auch jahrelang Veranstalter eines Thomas-Bernhard-Festivals, wo zeitgenössische Literatur auch dementsprechend auch dann diskutiert, gelesen, diskutiert und wieder abgehandelt wurde. Und abgehandelt ist nicht beiseite gewischt, sondern weiter diskutiert wurde.
Ich war diesen Sommer bei den großartigen Salzburger Festspielen und habe auch Frosardasis gesehen, und das beschäftigt mich heute noch, was Castellucci für Bilder auf die Bühne gebracht hat. Und es gibt nichts Schöneres, wenn man dann am Ende der Festspiele hinausgeht und es wird kontrovers diskutiert. Es wäre das Schlimmste, wenn jeder sagt, na super, so schön und alles so klasse, sondern wenn es auch kritische Stimmen gibt. Und das hat uns über Tische hinweg im Wirtshaus wieder in den Diskurs gebracht. Und das ist ein Zeichen für, was Kunst und Kultur ist. Weil ich glaube nicht, dass es im Politischen uns dazu bringt, dass wir über Tische hinweg darüber diskutieren, ob was schön oder schier ist und welche Bilder man transportieren wollte.
Fabian Burstein
Also, Sie sprechen da ja Punkte an, die uns auch hier schon am Bühneneingang beschäftigt haben. Diese Binnenscheidung zwischen Volkskultur und unter Anführungsstrichen der normalen Kultur ist ja in der Steiermark Realität. Also, das Ressort Kunasek kümmert sich um diese sogenannte Volkskultur und das Ressort des ÖVP-Kulturlandesrates um den Rest. Also, wir haben da keine Dystopie, sondern da gibt es konkrete Anhaltspunkte. Bevor wir ins Kleinteiligere kommen, noch eine Frage.
Sepp Schellhorn
Aber unsere Glaubwürdigkeit nach außen beginnt mit unserer Freiheit nach innen. Und wenn wir das nicht garantieren, dann haben wir keine Glaubwürdigkeit mehr nach außen. Und der Spiegel, der uns vorgehalten wurde, ist die Orbán-Regierung, die keine Freiheit nach innen garantierte und damit nach außen keine Glaubwürdigkeit garantieren konnte.
Fabian Burstein
Aber glauben Sie, oder ist das Ihre Einschätzung, glauben Sie, dass es zum Beispiel in der Steiermark nicht mehr ausreichend Freiheit nach innen gibt?
Sepp Schellhorn
Also, ich habe vor kurzem mit einer. Mit zwei sehr bekannten Persönlichkeiten aus der Steiermark, die früher mal in der Steiermark sehr aktiv waren, oder meine Freundin, die auch in der Steiermark einen Kulturverein geleitet hat, auch den, habe mich jetzt unterhalten.
Ich kann nur wiedergeben, sie waren auch in dem Kulturbeirat, und der war sehr offen und divers, der jetzt sehr eingeschränkt und sehr ideologisch ist, nach Parteilinien auch besetzt wurde. Und ich glaube, das ist eine Gefahr.
Und ich bin genauso wie in Salzburg, in der Steiermark oder in allen anderen Bundesländern dafür, dass man vor allem Kunst und Kultur entpolitisiert.
Fabian Burstein
Okay. Noch eine Erklärungsfrage, damit die Leute das strukturell verstehen.
Ihr Amt liegt, oder Ihre Funktion liegt im Außenministerium, und es gibt ja natürlich auch den Vizekanzler Babler, der für Kunst und Kultur insgesamt zuständig ist. Wo endet da Ihre Verantwortung, beziehungsweise wo beginnt Ihre Verantwortung?
Wo gibt es unter Anführungsstrichen Doppelgleisigkeiten, das meine ich jetzt nicht nur negativ, sondern Doppelgleisigkeiten im Sinne von, dass man sich abstimmen muss?
Gibt es überhaupt einen Abstimmungsprozess, oder macht da jeder sein Ding? Können Sie da ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern? Hört ja fast keiner zu.
Sepp Schellhorn
Naja, also noch einmal mein Anknüpfungspunkt. Erstens einmal muss ich ganz ehrlich sagen, brenne ich für Kunst und Kultur. Ich liebe das, und ich glaube, dass das gerade Kunst und Kultur auch in Krisenzeiten, wie wir sie jetzt wirtschaftlich erleben, ein Anker sein kann, beziehungsweise ein Seil, an dem wir uns hochziehen, weil nicht nur Kunst und Kultur Auseinandersetzung bringt, sondern vielleicht auch manchmal oder Ablenkung und damit verbunden Spaß oder uns auf andere Gedanken. Also Kunst und Kultur hat in den Krisenzeiten meistens dafür gesorgt, dass wir uns wieder herausgezogen haben, und darin liegt meine Hoffnung.
Kunst und Kultur im Außenministerium ist, wie gesagt, für das Sprungbrett oder das Trampolin oder die Brücke für diplomatische Beziehungen. Ist ganz wichtig. Kunst und Kultur im Außenministerium ist auch dafür zuständig, für Künstlerinnen und Künstler ein Biotop zu schaffen, die in ihrem eigenen Land unter Repressalien, unter Unterdrückung leiden, wie das NASAM-Projekt im Außenministerium von der großartigen Präsidentin Rabelstaatler auch damals initiiert, für Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine zum Beispiel oder aus Weißrussland, damit wir hier auch den musischen Prozess für sie gewährleisten können. Also das heißt auch Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler, ihrer Entfaltung auch möglichst nachgehen zu können.
Ich bin auch dafür zuständig, und das läuft in enger Abstimmung mit dem Herrn Vizekanzler, was UNESCO betrifft, weil UNESCO ist ja mehr, viel mehr als nur die Rote Liste und das Heumarktprojekt. Also UNESCO ist ein Themenbereich, der natürlich das Weltkulturerbe beherrscht, aber gleichzeitig auch für Bildung, Wissenschaft und andere Bereiche zuständig ist. Und darum kümmere ich mich. Überschneidungen gibt es keine.
Ich setze mich, weil ich so für Kunst und Kultur und für Literatur, weil ich fast süchtig bin danach, auch sehr dafür ein, dass es hier vor allem für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, da gibt es einige Modelle, wie zum Beispiel auch die mögliche Mehrwertsteuersenkung für Verlage, auch dementsprechend einsetzen werde. Also dafür brenne ich.
Ich gehe wahnsinnig gern in Ausstellungen, ich gehe wahnsinnig gern zu Kulturveranstaltungen. Ich war kürzlich im Burgtheater, habe mir im Vorfeld die Ganzlesung unter Tieren angeschaut, angehört und Jellinek, weil ich auch eine enge Verbindung zu diesem Ensemble habe und war eben bei den Salzburger Festspielen. Also ich bin auf nationaler Ebene Konsument, kein Künstler, auf nationaler Ebene aber auch Unterstützer in meiner politischen Arbeit, meiner politischen Partei für die Freiheit der Kunst und für die Unterstützung der Kunst. Differenzen gibt es überhaupt keine.
Fabian Burstein
Sie haben ein Beispiel genannt, die UNESCO. Das finde ich ist ein sehr gutes Beispiel. Ich habe einen großen Teil meiner Berufslaufbahn in Deutschland verbracht und da war das wahnsinnig wichtig, zum Beispiel das Creative Cities Network, wo sich unterschiedliche Städte unter Themendächern vernetzt haben, ausgetauscht haben, auch die Sustainable Goals, die ja auch immer in enger Abstimmung mit der UNESCO sind.
Ich kann berichten, dass tatsächlich die österreichische UNESCO-Kommission vor nicht allzu langer Zeit Jubiläum gefeiert hat und man insgesamt sehr verstört war über die Nichtpräsenz der österreichischen Bundesregierung dahingehend, dass niemand aus der Kultur da war, sondern dass nur die Staatssekretärin mit Sportschwerpunkt vertreten war.
Können Sie das erklären, warum österreichische Politik dann am Ende des Tages doch immer wieder mit diesen internationalen Themen wie UNESCO fremdelt?
Sepp Schellhorn
Nein, weil ich kann es nicht erklären, weil ich nicht mit dem Thema UNESCO fremdle und es auch per se oder schon in der Vergangenheit nicht nur auf das Heumarktprojekt minimieren wollte, sondern es ist viel mehr. Es ist eine Verantwortung. Es ist genauso ein Beitrag für das Klima. Hat es nicht mit Temperaturen zu tun, sondern mit seelischen Schwingungen. Und ich glaube, das ist Verantwortung und ein verantwortungsbewusstes Agieren auch im Sinne der Nachhaltigkeit und des Austausches.
Ich kann nur sagen, dass ich da nicht eingeladen wurde und dass der Herr Vizekanzler selbstverständlich auch die Staatssekretärin als Staatssekretärin und Stellvertreterin da hingeschickt hat. Das ist jetzt nichts Negatives. Ich kann nur von mir sprechen und von meinem Engagement, für was ich zuständig bin, aber auch verantwortlich bin. Und ich kann nur für mich sprechen in meinem Engagement für Kunst und Kultur, wie wichtig es ist.
Und ich glaube, das muss ich schon sagen, Kunst und Kultur, das ist ein abstrakter Begriff, aber die kulturellen Belange auf das, was Österreich fußt und selbst wenn wir unsere touristischen Erfolge, dann ist es nicht mit Berge und Seen, sondern dann ist es einfach das, was wir an Kulturkompetenz haben, nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in die Welt tragen. Das macht Österreich so stark und so groß. Und das sollte viel mehr, viel höher gehoben werden.
Fabian Burstein
Aber das heißt.
Sepp Schellhorn
Entschuldigung, darf ich nochmal erwähnen, was ich jetzt fast vergessen habe? Den Film. Nicht nur das Theater, nicht nur die Literatur, nicht nur die bildende Kunst, nicht nur die Performance von und auch von Florentina Holzinger, Entschuldigung, ist besonders wichtig, dass wir darauf nicht nur stolz sind, sondern dass wir das mehr fördern.
Fabian Burstein
Aber das heißt, wenn Sie, wenn das Außenministerium zum Beispiel einen internationalen Auftritt für kulturpolitisch wichtig hält und das Kulturressort andere Prioritäten hat, fragen Sie nicht um Erlaubnis, sondern machen das einfach.
Sepp Schellhorn
Wir unterstützen, wenn wir können, was wir für richtig und gut halten im Ausland. Wir waren gestern zum Beispiel bei einem Künstler in einer Galerie, der ein großartiges Projekt, der Marco Zink, der in Südafrika eine Ausstellung macht oder drei Ausstellungen macht, auch zum Thema Mauthausen, zu unserer Geschichte. Solche Dinge zum Beispiel unterstützen wir, die in Verbindung sind mit Kulturforen, mit Galerien, wo wir sie fördern können.
Wir unterstützen Lesungen von Literatinnen und Literaten, wie der großartigen Valerie Fritsch oder anderen. Wir unterstützen zum Beispiel auch den Thomas Maurer, der, hoffentlich unterstützen wir ihn, ein großartiger Kabarettist ist, sondern auch wahnsinnig gut Kafka komisch lesen kann und das vielleicht in Prag.
Also solche Dinge, die auch darauf aufmerksam machen. Wir versuchen hier eine Plattform zu bilden, damit Österreich sichtbarer wird, auch für Kunst und Kultur.
Fabian Burstein
Das ist natürlich auch eine interessante Doppelrolle, sowohl als liberaler Politiker als auch aufgrund Ihrer Zuständigkeit mit Entbürokratisierung und Deregulierung. Sie verantworten ja auch Fördertöpfe. Wie bürokratisch ist denn die österreichische Auslandskultur eigentlich?
Sepp Schellhorn
Die ist am wenigsten bürokratisch, weil es relativ einfach geht in der Sektion 5, weil ich dafür zuständig bin. Der Karl Kraus hat schon mal früher gesagt, für Bürokratie braucht man ein paar Beamte. Also ähnlich, um es also nicht ganz wortgenau, aber so ähnlich hat er einfach und ich will das nicht so klassisch zitieren. Es ist relativ einfach und es geht relativ schnell.
Damit ist nicht Bürokratie verbunden, sondern ich glaube, das, was die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land beschäftigt, ist, wie können sie es ein bisschen weniger haben. Also und da meine ich die Entlastung. Und in diesem Transformationsprozess befinden wir uns auch, nämlich Entbürokratisierung kann nicht ohne Digitalisierung stattfinden.
Und bevor man fünf Anträge macht als Kultur- und Kunstschaffender, um auch hier Unterstützung zu erfahren, wenn es um Südafrika oder andere Kontinente geht, dann wird es leichter gemacht. Das fällt mir jetzt ein. Aber beide Sachen sind Herzensprojekte von mir. Das eine ist Entbürokratisieren, das ist die unternehmerische Seite und Kunst und Kultur ist die geistige Seite.
Fabian Burstein
Ich finde, was dieses Thema Entbürokratisierung und Förderungen betrifft, da gibt es bei mir zumindest eine unglaubliche Ambivalenz. Zum einen verstehe ich Künstlerinnen und Künstler, die sagen, ich möchte mich auf die Kunst fokussieren.
Auf der anderen Seite müssen wir schon festhalten, es geht natürlich hier um öffentliches Geld, das gut und richtig verwaltet werden sollte und auch transparent verwaltet werden sollte. Und wo es eben nicht nur eine Lex Kunst geben kann, wo quasi die anderen Unternehmerinnen und Unternehmer sich an Regeln halten müssen und nur die Herrenkünstler dürfen tun, was sie wollen, begegnet Ihnen das Spannungsfeld auch hier und da nach dem Motto: "Siren da über Entbürokratisierung, ich muss da aber einen Antrag schreiben, dann die Kalkulation ausfüllen und dann auch noch Rechenschaft ablegen?"
Sepp Schellhorn
Ja, das gehört zur Transparenz dazu. Das ist auch eine Nachvollziehbarkeit, muss gegeben sein, weil man auch verantwortlich ist für Steuergeld. Das andere ist schon auch, das eint uns auch, dass man nicht mit der Gießkanne von sich zu behaupten, also jetzt alle, die von sich zu behaupten, sie sind Künstler, dass sie dann irgendeine Unterstützung erfahren, geht auch nicht. Und was es mir früher immer schon politisch gegangen ist, zu ermöglichen.
Fabian Burstein
Entschuldigung, Sie waren auch Kultursprecher, muss man sagen. Sie waren der Kultursprecher der Neos. Das habe ich vergessen im Intro.
Sepp Schellhorn
Ist kein Problem. Da bin ich darauf sehr erpicht, aber Freiräume zu schaffen. Also das heißt auch für bildende Künstler, Ateliers zur Verfügung zu stellen. Es gibt in Wien einige Ateliers, die der Bund zur Verfügung stellt.
Und ich glaube, wenn man nicht mit der Gießkanne durchs Land fährt, sondern auch dementsprechend auch fokussiert darauf ist, was wollen wir oder wie wollen wir uns präsentieren, dann muss man hier ermöglichen.
Ich bin ein Gegner von Gießkanne, ganz einfach. Aber ich bin ein Befürworter dessen, dass es transparent gemacht wird, was wir dafür tun.
Fabian Burstein
Ich meine, Sie vertreten ja gerade im Moment, muss man sagen, ein Feld, das vielleicht seit langem nicht mehr so politisch war wie jetzt, weil.
Sepp Schellhorn
Welches Feld meinen Sie?
Fabian Burstein
Gerade die Auslandskultur?
Sepp Schellhorn
Ich glaube, weil Sie das zuerst erwähnt haben. Ich war Kunst- und Kultursprecher einer Oppositionspartei und in der Zeit habe ich schon immer wieder, habe ich auch zum Beispiel Dinge gesagt, die ich heute nicht gewährleisten kann. Nämlich damals habe ich gesagt, Fokussierung von Kunst und Kultur und nicht Auslandskunst und Kultur und nationale.
Ich trete nach wie vor dafür ein, dass wir ein Kunst- und Kulturministerium brauchen, das nur für Kunst und Kultur zuständig ist. Das hat sich in der Koalition, in dieser Regierungsbildung nicht abbilden lassen, war nicht möglich. Aber für die Zukunft ist es essentiell.
Ich erwähne nur noch mal, was Kunst und Kultur am Beispiel Jacques Lang in Frankreich bewirkt hat. Die waren damals auch in einer Krise und die haben daraus ein ganz anderes, und das meine ich jetzt nicht mit Nationalbewusstsein, aber ein ganz anderes Verständnis für Kunst und Kultur geschaffen. Und ich glaube, dass diese Kunst- und Kulturleiter uns aus der Grube in die Sonne bringen kann.
Fabian Burstein
Sie waren ja bei den Regierungsverhandlungen für den Neos ja wirklich eine zentrale Figur, haben auch, ich erinnere mich da an eine Situation in der Zeit im Bild, glaube ich, wo Sie ungewöhnlich klar gesagt haben, erstens, Sie wollen, dass das so ist und zweitens, Sie wollen noch Teil dieser Bundesregierung sein. Warum war Ihnen das gerade zum Beispiel in Hinblick auf Kultur so wichtig, dass jetzt einmal der Moment der Regierungsverantwortung gekommen ist?
Sepp Schellhorn
Da spielen wir jetzt als Partei keine große Rolle bei Kunst und Kultur im Ausland, aber es ist mir ein großes Bedürfnis, auch. Vielleicht war ich in diesem Statement zu egoistisch, dass ich oder aus meinem Dafürhalten heraus einen Beitrag dazu leisten, dass es besser wird. Und ich glaube, diese Koalition ist nicht angetreten, um gegen was zu sein, sondern ist angetreten auch, um hier ein klares Bild abzugeben, konstruktiv auch für eine positivere Zukunft zu arbeiten.
Und natürlich hatten wir einige Probleme zu lösen, aber das Probleme lösen liegt hinter uns, beziehungsweise das für die Zukunft. Probleme aufzuzeigen und die richtige Richtung, auch was mit KI in der Kunst und Kultur passiert oder in anderen Bereichen betrifft, dass wir hier die richtigen Schritte setzen, damit auch der Künstler, der Mensch und nicht nur die Technik auch für Kunst und Kultur zuständig ist und damit die ein Leben haben. Das ist nur ein Beispiel.
Also zurück zu Ihrer Frage. Ja, ich habe mich bereit erklärt. Ich muss Sie leider korrigieren. Bis zum Scheitern der ersten Verhandlungen war ich dabei. Bei dem Intermezzo naturgemäß nicht, weil da waren ja die FPÖ, da hatte die FPÖ verhandelt und wir haben das von vornherein ja nicht gut geheißen.
Und dann kam die Anfrage, beziehungsweise die, auch wenn man früher immer recht goschert war, wenn man früher immer eine klare Meinung hat, dass man dann auch die Verantwortung übernimmt. Und das war mir schon im Vorfeld bewusst, dass man diese Verantwortung auch annehmen muss.
Fabian Burstein
Ich will Sie da kurz, das passiert ja ganz selten in solchen Gesprächen, in Schutz nehmen. Für mich persönlich ist es ehrlich gesprochen mal erfrischend, wenn jemand nicht sagt, es geht nicht um ein Amt, sondern es geht um die Sache und so weiter. Das finde ich total bigott. Es geht natürlich um ein Amt, weil nur aus dem Amt.
Sepp Schellhorn
Da kannst du gestalten. Es ist ja lächerlich. Ich meine, ich muss ja nicht alles wissen. Ich habe wahnsinnig da viel dazugelernt.
Ich habe wahnsinnig da viel dazugelernt, was es mit einer Person macht, wenn man vorher schon in den sozialen Medien sehr bekannt war und wenn einem dann der Boulevard niederduscht. Aber ich bin nach wie vor bereit, meinen Beitrag dazu leisten, weil ich auch es immer abgegrenzt habe, für eine Legislaturperiode meinen Beitrag dazu leisten, weil ich es wollte.
Weil ich dann natürlich auch mein Herzensprojekt, Kunst und Kultur in einer Art und Weise dazubekommen habe.
Fabian Burstein
Ja, ich habe da mal ein wirklich erhellendes Gespräch gehabt mit einem deutschen Kultur, mit einem deutschen Politikberater, der gesagt hat: "Wisst ihr, was euer Problem in der Kunst und Kultur ist? Ihr glaubt es ständig. Ihr braucht es gute Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker und ihr beschäftigt euch nie mit dem Thema der Macht und der Steuerungspolitik.
Und es müssen viel mehr daherkommen und sagen: 'Pass auf, Macht ist nichts Verwerfliches. Sie wird dann verwerflich, wenn man sie missbraucht oder nicht gut nutzt.' Aber letztendlich ist Macht genau das, was Gestaltungsansprüche realisieren lässt.
Meine ganz konkrete Frage: Haben die Neos, Stichwort Macht und das, was Sie davor gesagt haben, eigentlich ein eigenständiges Kunst- und Kulturministerium befürwortet in den Regierungsverhandlungen?
Sepp Schellhorn
Das war immer mein, wir haben dafür gekämpft, wir kämpfen nach wie vor, glaube ich, auch wenn diese Legislaturperiode vorbei ist und wenn neu verhandelt werden sollte oder als Oppositionspartei, das meinte ich vorher seit 2014, ist es ein klares Statement, dass es auch machbar ist, dass wir dargelegt haben, dass es das braucht.
Ich gebe Ihnen jetzt ein Beispiel, wo man nicht Macht, sondern Verantwortung auch in der Politik spielen könnte oder kann. Sie kennen ja das Thema Stefan Zweig und die Stefan Zweig-Wille in Salzburg und ich bin im Außenministerium und ich tue alles dafür, dass diese unsägliche Diskussion, ob man das jetzt erwerben soll oder nicht erwerben soll von einem Privatier, der es verkauft, dass man diese Chance nutzen sollte.
Und jetzt haben wir auf nationaler Ebene diese politische Diskussion, das will man sich nicht leisten, obwohl man zum Beispiel eine Million hinausschmeißt für ein Fußballspiel, das überhaupt keine österreichische Beteiligung hat, nämlich das letzte oder Mitte August, am 12. August gab es dieses Supercup.
Ja, ja, sind Sie ja auch fußballnarrischer. Ich bin fußballnarrisch, aber ich hasse es, wenn das so missbraucht wird.
Fabian Burstein
Ich war viele Jahre, habe ich ein Abo bei Rapid gehabt, jetzt schaffe ich es nicht mehr jede Woche, aber ich hoffe, das belastet unsere Beziehung jetzt nicht wieder.
Sepp Schellhorn
Nein, nein, nein, nein, das ist auch so ein Thema. Wir sind keine Hooligans, wir schauen einfach ein gutes Fußballspiel, genauso wie wir gute Kunst wahrscheinlich anschauen. Aber der Punkt, den ich machen möchte, es wird so viel Geld rausgeschmissen und dann wird gleich sofort abgeblockt, wenn man eine einmalige Chance hat für ein Stefan-Zweig-Zentrum, für eine Stefan-Zweig-Villa, für diesen großen Europäer, für diesen großen Literaten, der so auch für Europa und gegen den Krieg und für den Frieden gekämpft hat.
Wenn wir das nicht europäisch denken und wenn wir hier keine Initiativen haben und ich möchte hier vorausbrechen, dass der Bund, das Land, die Stadt und Brüssel, also Europa, das ganz leicht bewerkstelligen könnten, hier einen Diskursraum zu schaffen, nicht darüber, wie großartig und wie gut Europa ist, sondern wie großartig und gut Europa werden muss in der Zukunft, um den Frieden zu gewährleisten, um einen gemeinsamen Kontinent auch wieder nach vorne zu richten.
Ich war bei einer Lesung vor drei Wochen von dem Christoph Luser, auch ein großartiger Schauspieler, für mich auch ein Freund, der den Briefwechsel von Stefan Zweig und Freud gelesen hat und wo es um dieses Friedensprojekt geht. Und das hat mir so die Augen geöffnet, dass ich mir denke, wie schade ist es, dass eine Landeshauptfrau nicht die Initiative ergreift und sagt, das machen wir jetzt gemeinsam. Wie schade ist es, dass ein andersfarbiger Bürgermeister sagt, dafür nehmen wir auch Geld, wir suchen Allianzen, damit wir dieses Projekt auch schaffen.
Und es darf nicht so sein, dass wir dieses Friedensprojekt ideologisch als Kunst- und Kulturprojekt, als Diskursprogramm gegen einen sozialen Wohnbau spielen, weil wir den sozialen Wohnbau nicht zweckgebunden haben. Also solche Dinge beschäftigen mich und dafür kämpfe ich und dafür gebe ich mein ganzes Herz. Und das ist diese politische Verantwortung, für die man eigentlich auch bei Gegenwind gerade stehen muss. Und ich mag überhaupt nicht Kolleginnen und Kollegen, die sagen, ich habe schon Widerstände gehabt. Für das sind wir da, um Widerstände zu überwinden in einem Konflikt.
Das Gegenteil von Konflikt ist Gleichgültigkeit. Es ist mir nicht gleichgültig, was mit dem Paschingerschlössel passiert. Es ist mir nicht gleichgültig, wenn die Politik in die Salzburger Festspiele eingreift. Es ist mir nicht gleichgültig, wenn wir Diskussionen haben, wie auch zusammen mit dem Staatsminister Weimar, was macht die KI mit der Filmindustrie? Was macht die KI mit Synchronströmen? Was macht ein Unternehmen wie OpenAI, das dann sagt, die Filmindustrie wird ganz anders aufgestellt sein und die Nachfrage ist dann, Filmindustrie ist Industrie oder sind das Menschen? Und in der Kunst und Kultur und die Kunst und Kultur wird beherrscht von Menschen, von Seelen, von Körpern, von Schweiß, Blut und Tränen und nicht nur.
Fabian Burstein
Churchill diesmal.
Sepp Schellhorn
Nein, nein, so weit sind wir nicht. Aber wissen Sie, was ich meine? Das ist Verantwortung. Verantwortung ist Auseinandersetzung. Verantwortung ist, dafür zu kämpfen, dass das. Das ist vielleicht für mich verbunden mit Tradition und Heimat.
Meine künstlerische Heimat, meine Kunst- und Kulturbegriffe fußen auf Bernhard, auf Jelinek, auf Handkai und jetzt zum Beispiel auch auf großartige Schriftstellerinnen wie die Birgit Birnbacher, die Wia Kaiser, die Valerie Fritsch. Was haben wir für Schätze und sind nicht so stolz, dass wir das noch mehr fördern von unten nach oben.
Fabian Burstein
Am Handelsherz wären Sie gerne Kunst- und Kulturminister geworden?
Sepp Schellhorn
Es hat kein Ministerium für Kunst und Kultur gegeben.
Fabian Burstein
Gesetz und Fall, es hätte eins gegeben.
Sepp Schellhorn
Hypothetisch.
Fabian Burstein
Aber hätten Sie Lust auf sowas? Das kann man ja sagen.
Sepp Schellhorn
Ich brenne dafür.
Fabian Burstein
Freilich.
Sepp Schellhorn
Ja.
Fabian Burstein
Endlich mal jemand, der sagt, ich hätte Lust, auch Kunst- und Kulturminister zu sein. Weil das ist ja keine Schande.
Sepp Schellhorn
Nein, das ist überhaupt keine Schande. Und ich das meine ich ja jetzt schon mittlerweile über 40 Minuten auch zu sagen, dass ich für die Sache brenne. Dass ich glaube, dass man Kunst und Kultur nicht beiseite schieben kann. Dass ich fest der Überzeugung bin, dass wie in der Wirtschaft ist ja die Hälfte ist Rechnen, 50 Prozent, und die andere ist Psychologie.
Und Kunst und Kultur kann in dieser Psychologie eine ganz große Rolle spielen. In unserem Seelenleben, in unserem Herz, in unserem Tun, in unserer Ablenkung, in all diesen Bereichen kann sie auch uns auf andere Gedanken bringen. Und darum ist es so wichtig, dass wir das fördern, dass wir dafür Menschen haben, die dafür brennen und eintreten.
Fabian Burstein
Sie haben es jetzt schon ein paar Mal, ich habe es im Intro angeteasert, Sie haben es jetzt ein paar Mal auch schon von sich aufs Tapet gebracht.
Sepp Schellhorn
Ich weiß, was jetzt kommt, weil es mich nicht loslässt.
Fabian Burstein
Ja, die Salzburger Festspiele, das ist auch naheliegend, das ist eher ein Heimatbundesland. Sie haben auch dieses Thema, dass das natürlich ein globales Kultur- und Markenprojekt ist. Also da sind schon viele Dinge zusammengekommen, die auch mit den Salzburger Festspielen zusammenhängen. Wie nah sind Sie diesem Betrieb denn persönlich und wie viel kritische Distanz ist da noch möglich?
Sepp Schellhorn
Ich bin dem sehr nahe. Aus einem einfachen Punkt, ich bin ja jetzt karenzierter Unternehmer und ich kann nur sagen, weil ich das seit 2004 miterlebt habe, welche wirtschaftliche Kraft die Salzburger Festspiele haben. Es war auch immer mein täglich Brot.
Die Salzburger Festspiele und der Transparenz wegen muss man es erwähnen, meine Familie führt ja nach wie vor das Mönchsberg 32 im Museum der Moderne. Die Salzburger Festspiele sind der Hauptmotor für die Wirtschaftlichkeit dieses Betriebes. In diesen sechs Wochen tragen die Salzburger Festspiele knapp 30 Prozent des Jahresumsatzes bei. Also nicht nur bei mir, sondern bei vielen anderen.
Der Transparenz wegen muss ich auch sagen, dass ich mich ja 2021 für die Präsidentschaft beworben habe, der Salzburger Festspiele. Und der Transparenz wegen sage ich auch, dass ich einfach grenzenlos begeistert bin, auch das kann man dieses Jahr noch sagen, von der künstlerischen Arbeit von Markus Hinterhäuser.
Also ja, es gibt eine gewisse Verbundenheit, aber es gibt auch eine klare Distanz zu dem Betrieb und eine klare Meinung, was mit den Salzburger Festspielen im Bezug auf die Investitionen betrifft. Und die ist nicht nur von politischer Natur, von wirtschaftlicher Natur, sondern auch von persönlicher Natur.
Fabian Burstein
Weil wir jetzt so im Plaudern sind, Sie haben sich 2021 für die Präsidentschaft ja beworben. Was war damals Ihre Idee für das Amt?
Ich bin immer total traurig, dass das viel zu wenig diskutiert wird, was da für unterschiedliche Konzepte eingebracht wurden, dass diese Konzepte diskutiert werden. Also ich finde diese Blackboxen wirklich traurig und es ist ein Schaden für den Kunst- und Kulturbetrieb, dass das wie ein Geheimnis behandelt wird und nicht als toller, spannender, hyperdiskursiver Raum, wo man die Zukunft diskutiert.
Was war Ihr Konzept? Sie haben sich ja für die Präsidentschaft beworben.
Sepp Schellhorn
Ja. Man muss sagen, man ist nie, man hätte nie die Möglichkeit gehabt, in die gleichen Fußstapfen dieser großartigen Präsidentin, Dr. Helga Rabl-Stadler, zu treten. Man musste andere Wege gehen. Mein Konzept war auch in Hinblick der Transformation der Salzburger Festspiele, sprich Umbau, sprich auch der nächsten Generation des Publikums, der Künstlerinnen und Künstler, ein Brückenbauer zu sein.
Das war mein Konzept, das ich zugegebenermaßen auch in intensiven Gesprächen, nach intensiven Gesprächen mit Theatermachern, Olafur Arnason, Martin Kuschai, die zählen alle natürlich, Simon Stone, die zählen alle zu meinem Freundeskreis, ich beschäftige mich wahnsinnig gerne mit ihnen. Wir haben ein Konzept oder ich habe ein Konzept dann abgegeben, wie ich mir das vorstellen würde. Also das heißt, die Salzburger Festspiele, das war Corona-Zeit, standen damals schon vor einer enormen Herausforderung in der Vorarbeit für den Umbau, für die Transformation der Salzburger Festspiele.
Also für die Absicherung dessen, nicht nur als künstlerischer Ort, als Arbeitsplatz, als Wirtschaftsraum, auch als Seele der Salzburger Festspiele Brücken zu bauen und diese Transformation auch hinzukriegen. Das Brückenbauen dahingehend, auch als Salzburger, als Integrationsfigur dafür zu sein, weil man hier sehr viele Gegebenheiten wissen muss. Wie geht man mit der Politik um? Wie geht man mit der Bevölkerung um? Vor allem, wenn es um den hochsensibleren Teil des Mönchsbergs geht. Wie geht man damit um, dass die Salzburger Festspiele naturgemäß auch sich dem Publikum öffnen muss?
Und ich orte hier schon eine große Spaltung auch dessen oder habe es damals in meiner Analyse auch geortet. Man kann es so sagen, die Salzburger Festspiele sind für die Bevölkerung, ist es der Jedermann, für die Salzburger Bevölkerung und für die Fläche in Salzburg. Und da tritt man in Tracht aufs Neuerdings. Kann schon so sein, aber das ist die Identifikationsfigur. Man hat relativ wenig mit dem Theater und relativ wenig auch mit der Oper. Also das ist dann die sogenannte Hochkultur.
Und das habe ich, da war mein Ansatz als Brückenbauer für die nächste Generation, wie schaffen wir es, das Publikum zu verjüngen, wie schaffen wir es auch darauf für das Theater und nicht nur für die Oper. Das war so mein Konzept, also in dreifacher Hinsicht Brückenbauer zu sein. Es war ziemlich interessant. Ich durfte ja in der Endausschaltung dabei sein im Hearing.
Fabian Burstein
Sie waren im Hearing dann drinnen.
Sepp Schellhorn
Ich war im Hearing drinnen und es war die Zeit, wo Rabl-Stadler nicht mehr antrat, leider Gottes, und Hinterhäuser und Krepperts künstlerische und kaufmännische besetzt haben. Und ich glaube, in diesem Triumpherat hat vor allem die Präsidentin Rabl-Stadler eine ganz essentielle Rolle gespielt, nämlich, wie soll man sagen, sie hat die künstlerischen Freiheiten gelassen und dennoch das Haus im Griff gehabt.
Fabian Burstein
Sie haben das ja auch von sich aus angesprochen, dieses Thema der politischen Einflussnahme. Und da bin ich immer total erstaunt, warum der Umstand, dass ein demokratisch legitimiertes Gremium oder das aus der Politik besetzt wird, weil es ja auch um viel öffentliches Geld geht, dass diesen Gremien der Zugriff auf gewisse organisatorische Entscheidungen da abgesprochen wird. Warum sehen Sie das just bei den Salzburger Festspielen als unzulässige Einmischung, wenn Sie ja richtigerweise sagen, Politik muss auch Verantwortung übernehmen?
Sepp Schellhorn
Zum einen muss man sagen, dass die Salzburger Festspiele den höchsten Eigendeckungsgrad haben. Es gibt den geringsten politischen Zufluss, wenn es jetzt um Geld geht. Die Salzburger Festspiele sind auch der Wirtschaftsmotor. Sie liefern 95 Millionen jährlich an Steuern ab. Natürlich gehört es auch dazu, diese Zukunftsinvestitionen zu tätigen.
Auf Ihre Frage hin, das beschränkt ja gerade die Kunst und die Kultur, wenn sich die Politik nach ihrem Gutdünken einmischt. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele. Der öffentliche Diskurs, wenn es um Kunst und Kultur geht, wird jetzt geführt, wird auf einem Schlachtfeld auf der Fläche ausgetragen. Da geht es um Volks- und Leitkultur. Und die Hochkultur wird als elitäres, superreiches Thema stigmatisiert, was völlig falsch ist.
Das Beispiel der Inzucht, des Wortes Inzuchtpartie, des Kickels, das vor drei Jahren oder zwei Jahren, drei Jahren geprägt hat, das hat mir schon immer aufgestoßen, dem hechelt dann eine Landeshauptfrau nach, in dem das sie glaubt, richtig zu sein, in dem sie sagt, feisternaher Jedermann ist genauso gut wie der Jedermann auf dem Domplatz. Ohne das jetzt entwerten zu wollen, was in Feisternaher aufgeführt wird, aber ich entwerte damit die Künstlerinnen und Künstler auf dem Domplatz. Und das muss mir bewusst sein. Und das ist auch ein Thema dessen von Exzellenz, was ich denen abspreche.
Ich glaube, man darf sich hier einmal nicht auseinanderdiskutieren lassen. Es diskutiert keiner, kein einziger über die Förderungen, die übers Jahr an die Volkskultur ausgeschüttet werden. Man diskutiert nur über die Förderungen oder über die Salzburger Festspiele von 600, 500, 400 Millionen. Es ist ja täglich eine Castingshow der Untalentierten, wo sie aufgeführt wird, weil man mit Zahlen herumwirft und glaubt, es wird heute oder morgen ausgegeben. Und selbst wenn es 600 Millionen ausgibt, dann ist das verteilt auf neun Jahre, glaube ich.
Also hier werden einfach populistisch viele Unwahrheiten gesagt und ich bin schon der Meinung, dass es eine Exzellenz braucht. Florentina Holzinger auf der Biennale, auf der das ganze Österreich stolz ist, eine Exzellenz braucht. In der Oper mit dem zum Beispiel François d'Assise, Staatsopernchor, der Wiener Philharmoniker. Die sind wir alle wahnsinnig stolz und dann gleichzeitig treten wir sie mit Füßen in den, dass wir ihnen über die Politik ausrichten, wer soll jetzt künstlerischer oder Intendant sein bei den Salzburger Festspielen, bei dem man nachweislich, ich meine, der Karajan war auch kein weißer Knabe, das liegt zwar lang zurück, aber mir ist nicht bekannt, dass hier ganz großartige oder ganz schreckliche Verfehlungen waren, wenn man...
Fabian Burstein
Sie meinen jetzt von Intendanten?
Sepp Schellhorn
Die Vorwürfe an den Hinterhäuser mit dieser sogenannten Volo-Verhaltensklausel, wenn in dieser ganzen Amtszeit des Herrn Hinterhäuser nur zwei Meldungen beim Betriebsrat bei immerhin 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingegangen sind, dass man dann sagen kann, er hat sich nicht wohl verhalten.
Natürlich sind Menschen, die vor allem im künstlerischen Bereich sind, auch nicht geboren worden als Moderatoren, sondern für künstlerische Exzellenz. Aber das ist meine persönliche Meinung.
Aber dennoch halte ich es für ganz schrecklich, wenn man Dinge vorschiebt, wenn man wendlos werden will. Und das kostet ja auch immerhin Steuergeld.
Fabian Burstein
Ja, ich will aber, das sind so viele Kumulationspunkte.
Sepp Schellhorn
Das wäre ein eigener Podcast.
Fabian Burstein
Ja, ja. Also ich glaube, es wäre zu kurz gegriffen.
Sepp Schellhorn
Aber Sie kennen jetzt oder Sie erkennen jetzt schon, dass ich auch Partei ergreife, nämlich Partei ergreife für die Freiheit der Kunst und nicht für Personen.
Fabian Burstein
Ja, wobei man sagen muss, natürlich, ich glaube, dass die Salzburg-Debatte, und das ist jetzt eine Einschätzung von mir, eine Hypothese, sich nicht auf die Förderdebatte verengt.
Sepp Schellhorn
In Salzburg aber schon. Das ist ja auch das Problem. Im öffentlichen Diskurs haben Sie völlig recht. Von Wien aus betrachtet ist hier nicht das Problem der Investitionstätigkeit der Salzburger Festspiele. Von Wien aus betrachtet ist das Problem eines dysfunktionalen oder einer dysfunktionalen Dreier-Situation zwischen der Präsidentin Hammer und Hinterhäuser.
Fabian Burstein
Also ich glaube tatsächlich, der Kardinalfehler der Politik war nicht zu erklären, warum man diesen Schritt gegangen ist. Das würde vieles wahrscheinlich leichter machen. So müssen wir spekulieren.
Wir müssen auch ehrlich sein. Ich zumindest muss sehr vorsichtig sein, zum Beispiel, was ich spekuliere rund um das Thema Markus Hinterhäuser oder was ich jetzt erzählen würde aus dem, was man aus dem Inneren des Kunst- und Kulturbetriebs erzählt, weil das sehr klagsfreudig ist.
Aber ich glaube, wir müssen schon festhalten oder sollten festhalten, dass das, was Sie beschrieben haben, diese Exzellenz, das spricht man natürlich künstlerischen Leitungen zu, dass dieses Geniale eben auch mit Abgründen zu tun hat. Es gibt aber auch die, meiner Meinung nach, berechtigte Hypothese, dass das zunehmend Leute abstößt.
Sepp Schellhorn
Ja, zu Recht. Ja, natürlich. Die Gesellschaft ist eine andere geworden. Aber wir müssen auch die Möglichkeit bieten, dass sich diese in die andere Gesellschaft auch transformieren. Das ist selbstverständlich.
Fabian Burstein
Aber da wäre doch Politik wichtig. Da wäre doch die politische Einmischung wichtig.
Sepp Schellhorn
Aber nicht die, also wenn jetzt die Politik, Sie haben das zuerst gerade kritisiert, was die Steirer machen beim Konsens, wenn sich die Politik ständig beim steirischen Herbst einmischt, also die Freiheitlichen, hält man es nicht für gut. Wenn sich aber die Politik jetzt einer anderen Partei in, würden Sie es gut heißen, wenn die Politik sich immer bei den Wiener Festwochen einmischen würde oder bei den Salzburger Festspielen. Nein, die künstlerische Freiheit muss die Diskursmöglichkeit bieten.
Und sie wird getrieben, und das ist das Verwerfliche, sie wird getrieben vom Boulevard. Also ich erwähne nur, und da nehme ich den Vizekanzler in Schutz, eine Entscheidung, die sein Vorgänger getroffen hat mit der Biennale-Bestellung, die nicht einmal der politische Akteur geschaffen hat, sondern auch das Großartige, das Büro für zeitgenössisches Filet aus Unter Jesper Schapp, damals in diesem Kreis, die Kuratoren, die Fachwissen gezeigt haben. Die haben die Florentina Holzinger den Auftrag gegeben, die Biennale auszurichten, und er wurde dafür geschunden vom Boulevard, weil der Boulevard eins zu eins, eins zu eins, da brauche ich nicht einmal eine KI, sondern da brauche ich nur Copy und Paste, die Presseaussendung der FPÖ übernommen hat.
Ist das künstlerische Freiheit? Nein. Aber das ist ja genau das Dilemma. Und das ist genau die Aufgabe von Kunst und Kultur. Nicht zu unterscheiden, oder zu unterscheiden, besser, zu unterscheiden, ob es die FPÖ ist, die SPÖ, die ÖVP oder sonst, sondern dafür einzutreten, dass es frei ist.
Dass wir uns dann ein Bild machen, was will uns Florentina Holzinger sagen, was will uns der Buda dann sagen, was will uns das sagen. Für die Freiheit der Kunst einzutreten heißt auch, dass wir im Diskurs sind. Und dass es uns nicht gleichgültig ist. Entschuldigen Sie meine emotionale.
Fabian Burstein
Ich liebe das. Das sind die schönsten Momente am Bühneneingang. Dafür ist er im Übrigen auch gemacht worden. Und es gibt leider Gottes auch tatsächlich viel zu wenige aktive Kulturpolitikerinnen und Politiker, die Lust haben, sich auf diese Debatten einzulassen.
Sepp Schellhorn
Warum eigentlich?
Fabian Burstein
Ja, das frage ich mich auch. Und es ist, was Sie da ansprechen, ist, glaube ich, eine wichtige Differenzierung, die notwendig ist. Nämlich die Kunst als Inhalt und die Kultur als organisierender Rahmen. Und Sie haben völlig recht. Es darf niemals passieren, dass sich Politik, ein Aufsichtsrat, whatsoever, welches Gremium auch immer, ein Beirat, in ein Programm einmischt.
Sepp Schellhorn
Richtig.
Fabian Burstein
Was aber aus meiner Sicht immer wichtiger wird, ist, dass sich Kunst und Kulturpolitik wieder die Verantwortung übernimmt, auch Institutionen zu positionieren, eine Vision für sie zu entwickeln. Zu sagen, was wollen.
Sepp Schellhorn
Dafür gibt es ein Kuratorium. Dafür gibt es Hearings. Das wird jetzt, ich glaube, der Hearing-Leiter für die Salzburger Festspiele, wenn es um die Intendanz und um die Präsidentschaft geht, ist der Christian Kircher, der die Bundestheater Holding, das ist ein Professionist, der kennt sich aus. Ich glaube, da braucht man professionelle Menschen. Und die Politik soll sich gefälligst da raushalten und dann dem folgen, für was es ist.
Naturgemäß hat jeder dann seine Verantwortung dabei. Der künstlerische Leiter hat seine Verantwortung, auch hier nicht zu spalten. Der kaufmännische hat seine Verantwortung, hier alles im Rahmen zu halten. Und das Kuratorium hat die Verantwortung, das im Wohlwollen der Gesellschaft zu tun.
Fabian Burstein
Herr Schellhorn, ich habe Ihnen versprochen, wir reden 45 Minuten. Ich habe brutal überzogen. Ich hätte noch Zeit, aber ich befürchte, Sie müssen zu weiteren Terminen.
Sepp Schellhorn
Nein, ich gehe jetzt nicht. Sie müssen mich jetzt noch sehen.
Fabian Burstein
Sehr gut. Das wollte ich hören.
Sepp Schellhorn
Nein, weil es mich so fasziniert, weil ich das liebe auch.
Fabian Burstein
Ja. Nämlich ein wichtiger Punkt. Wir haben natürlich dieses Thema der Kommissionen, die auch bei Bundesbesetzungen eine immer kontroversere Rolle spielen. Auch vor dem Hintergrund, dass ja bei den meisten Besetzungen de facto und auch per Gesetz dann sehr wohl die zuständigen Fachminister dafür zuständig sind, dass bestellt wird.
Sie, der sich ja auch immer wieder mit diesem Thema Endpolitisierung, Endbürokratisierung und so weiter befassen. Wir haben da doch irgendwo eine Blackbox geschaffen, mit der wir Transparenz erzeugen wollten und genau das Gegenteil erreicht hat.
Was denken Sie, wie lösen wir das auf, dass wir dieses Misstrauens-Thema der Personalbestellungen endlich in den Griff kriegen und objektive Hochkaräter nach Österreich kommen?
Sepp Schellhorn
Ich glaube, gerade im Kunst- und Kulturbereich ist es nicht nur eine Gratwanderung, sondern auch eine Ambivalenz im Diskurs. Wir wissen, oder all die, die sich mit dem Kunst- und Kulturbereich befassen, wissen, dass vor allem die Exzellenten und Guten gerade in einem Job sind. Die Exzellenten und Guten leiten das Resi in München, die Schaubühne oder sonst irgendwas, vielleicht auch die Volksbühne. Die leiten das Städele in Stuttgart, nein, das Städele in Frankfurt, Verzeihung. Die wollen gefragt werden oder die müssen gefragt werden, ob sie sich dafür interessieren. Wenn wir Exzellenz wollen, brauchen wir einen ehrlichen Diskurs.
Es gab jetzt in der Vergangenheit eine exzellente Besetzung mit der neuen Besetzung im Belvedere. Es gab andere Besetzungen, wo man dachte, okay, das ist eher politisch gedacht. Und ich glaube, wenn man jetzt Kulturminister ist und hier eine Verantwortung hat, dann braucht es auch den Mut zu sagen, wir machen das transparent und wir möchten die Exzellenz hier haben. Und da beißt sich die Kotze in den Schwanz. Weil da kann man den ganzen Ausschreibungsscheiß irgendwie ein bisschen vergessen. Also zu warten, wer mödet sich jetzt da hin und her, sondern da müssen wir vorfühlen.
Und das fußt jetzt wieder darin, dass der Fehler, den man dem Hinterhäuser angekreidet hat, dass die Stelle des Theaterverantwortlichen, des Schauspielverantwortlichen ja nicht öffentlich ausgeschrieben werden kann, sondern in der Geschäftsordnung darin steht, dass der Hinterhäuser, also der künstlerische Intendant, dafür zuständig ist, diese Position zu besetzen, dass er dadurch natürlich Menschen fragen muss, die zu ihm passen, die in den Kreis, in diesen wirtschaftlichen Kreislauf oder in den künstlerischen Kreislauf eines Salzburger Festspiele, Burgtheater, was weiß ich, was nennen Sie, einer Oper auch hineinpassen müssen. Also ich finde das zeitweise eine Farce. Ich glaube, es ist aber auch ein kleines Regulativ, weil man es nie ideologisch machen darf. Also wenn man es ideologisch macht, dann braucht man sich jetzt nur anschauen, was jetzt in der Zukunft in der Steiermark passiert. Und das ist eine Ambivalenz.
Wir brauchen einen anderen Bestellungsmechanismus, wenn wir Exzellenz haben wollen. Aber es gibt auch Exzellenz im Land und es gibt auch Kultur, österreichische Kultur, Kunst und Kulturschaffende, die im Ausland sind und die wieder gerne zurückgeholt werden wollen. Nur, das ist unehrlich, was wir machen. Es ist unehrlich zu glauben, also wenn ich einen Küchenchef suche, dann inseriere ich. Dann kriege ich zehn, heute nicht mehr, aber ein paar Bewerbungen. Es ist nämlich auch schon so, dass ich einen Küchenchef suche, der zu meinem Haus passen muss. Weil ich kann mir, es gibt ja vielfältig, es gibt ja nicht nur Wiener Schnitzel. Es gibt ja vielleicht Ednofood oder sonst irgendwas. Und genauso ist der künstlerische Bereich. Ich muss wen suchen, der zu meinem Haus passt und der eine weitere Entwicklung zu meinem Museum, zu meinem Haus auch dementsprechend garantiert. Das ist Punkt. Also habe ich mich jetzt verloren oder nicht?
Fabian Burstein
Nein.
Sepp Schellhorn
Ich weiß jetzt nicht.
Fabian Burstein
Nein, Sie sprechen genau diese Dialektik an, die ich, ich befasse mich ja kritisch mit Kulturpolitik und kritisiere, dass sie eben nicht Farbe bekennt.
Sepp Schellhorn
Ja, genau.
Fabian Burstein
Und nicht auch einmal sagt, ich habe als zuständiger, zum Beispiel Fachminister, eine Vision für ein Haus.
Sepp Schellhorn
Richtig.
Fabian Burstein
Die ist politisch demokratisch legitimiert, weil ich bin schließlich gewählt worden.
Sepp Schellhorn
Trage auch eine Verantwortung.
Fabian Burstein
Und will, jetzt habe ich gesehen, bei dem und dem Haus ist was Tolles passiert. Das Haus ist vergleichbar mit dem, was ich besetzen will und deshalb möchte ich jemanden ansprechen können.
Wo gegen ich mich wehre, ist tatsächlich die Bigotterie der gesteuerten Findungskommissionen. Und da muss man halt auch einfach sagen, da braucht es halt Leute, die sich eben in diese Richtung positionieren und dieses berühmte Bundesgesetz, das transparent in den Stellenbesetzungen im öffentlichen Bereich regeln soll, auch sagt, das muss reformiert werden. Das ist nämlich nur auf den.
Sepp Schellhorn
Für Kunst und Kultur auf alle Fälle.
Fabian Burstein
Ja. Weil das ist nur auf den ersten Blick ein gutes Gesetz, aber auf den zweiten Blick hat es uns viele Schwierigkeiten und Verantwortungs-von-sich-Schiebereien mit sich gebracht.
Sepp Schellhorn
Richtig, völlig richtig. Das ist die Analyse auch der letzten 20 Jahre. Und wir müssen jetzt, und das meine ich, mit einer Stärkung des Selbstbewusstseins, mit einer Eigenständigkeit für ein Kunst- und Kulturministerium für die Zukunft. Das ist besonders wichtig. Also ich glaube, dass man daran denken muss, wie macht man das?
Fabian Burstein
Und ich glaube noch einen zweiten Punkt, um replizieren, und da interessiert mich Ihre Meinung. Ich glaube, es liegt in der Natur der Sache, oder es ist ein Phänomen, dass Sie oder ich oder andere Menschen, die nicht in Abhängigkeitsverhältnissen zu Kulturhausleitungen stehen, nicht die problematischen Seiten, und da rede ich nicht nur von Hinterhäusern, um das jetzt mal klar zu machen, sondern von unterschiedlichen Fällen, nicht mitbekommen, sondern die Brillanten, die Besonderen, die Liebenswürdigen, die zugewandten Seiten erleben.
Und ich persönlich würde mir von Politik schon erwarten, dass man den Anspruch hat, dass Leute insgesamt im Kulturbetrieb anständig behandelt werden, dass nicht nur der Maßstab ist, dass man große, gut gemachte Kunst macht, weil ich denke, das hat Auswirkungen auf das, was Sie in Bezug auf Ihr Programm gesagt haben bei den Salzburger Festspielen, bei Ihrer Präsidentschaftsbewerbung. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das junge Publikum, das keinen Bock mehr hat auf solche Charaktere.
Sepp Schellhorn
Ja, nimmt die nächste Generation des Publikums zuerst die künstlerische Leitung wahr oder das Stück? Und ich glaube, wenn es um eine Transformation geht, dann ist es natürlich so, dass wir, wenn wir uns die Medea anschauen von vor 30 Jahren und jetzt die Medea anschauen, wie es kürzlich war bei den Salzburger Festspielen von Simon Stone, dann hat es einen anderen Bezug und dann ist es eine Brücke dazu, nämlich auch aufgrund unserer, wie nennt man das, sozialen Aktivitäten, es kürzer und komprimierter mitzuerleben, als wie in fünf Stunden, sondern in zweieinhalb Stunden und vielleicht auch multimedial, dann schaffe ich einen Punkt. Ich schaffe nicht den Punkt, und das obliegt der künstlerischen Leitung.
Es gehört dazu, aber das ist ja auch wieder ein Katze in den Schwanz beißen, wenn wir gleichzeitig uns dafür einsetzen, dass Absicherung, dass wirtschaftliche Absicherung, also was das Lohnsystem auch betrifft, keine prekären Arbeitsverhältnisse, die da rausbringen und in gute Verhältnisse bringen, in korrekte Verhältnisse bringen und gleichzeitig auch das Bundesbudget für die Bundestheater oder für die Bundesmuseen nicht valorisieren.
Also das endet ja dann nur in Abbau von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und wird wahrscheinlich dann daraus hin auch enden, dass wir die Exzellenz verlieren und dass wir uns nach unten nivellieren. Das ist die Befürchtung. Also über das muss man halt auch diskutieren.
Fabian Burstein
Ich will mit Ihnen noch einen abschließenden Punkt unbedingt diskutieren als Vertreter der Auslandskultur. Die extremen Kontroversen, die sich rund zum Beispiel internationale Konflikte wie den Nahostkonflikt konstituiert haben.
Welche Haltung sollte Österreich vertreten, wenn es so heiß hergeht, wenn Kulturschaffende zum Beispiel so weit gehen, dass sie die Zusammenarbeit mit israelischen Institutionen ablehnen, dass Künstlerinnen aus Israel ausgeladen werden und umgekehrt, das ist ja davor auf der anderen Seite, dass Kritik an der israelischen Regierung dann pauschal als antisemitisch markiert wird.
Das ist doch ein unglaublich komplexes Feld. Wie positionieren Sie sich da als politisch Verantwortlicher?
Sepp Schellhorn
Ich halte es da mit Eva-Mina Söcklin, die vor rund einem Jahr gesagt hat, und das war im Zusammenhang, glaube ich, auch mit dem angesprochenen Boykott von Israel für den Eurovision Song Contest, das Kulturthemen spezifisch sind. Jede Art von Boykott ist abzulehnen. Und gerade das ist die Aufgabe von Kunst und Kultur, auch von unserer Sektion hier für den Dialog zu sorgen und nicht für Ausgrenzung.
Also es ist eine Form, es gibt verschiedene Künstlerinnen und Künstler. Wir erleben das gerade aktuell auch mit der Noir S, also mit dieser Popsängerin oder Rapperin, die vonseiten, weil sie sich auch für einen Dialog zwischen den Nationalitäten und zwischen den Palästinensern und den Israelis einsetzt, von Israel angefeindet wird und gleichzeitig im Ausland auch, weil sie Israelin ist, de facto boykottiert wird. Genau das ist das Falsche.
Kunst und Kultur, und das ist, glaube ich, ein schöner Schlusssatz. Kunst und Kultur bringt uns weiter, lässt uns den anderen vielleicht besser verstehen. Über die Kunst- und Kulturbrücke erreichen wir mehr Verständnis, und das ist eigentlich das, was Zäune oft niederreißt.
Fabian Burstein
Herr Staatssekretär, vielen lieben Dank für Ihren Besuch im Studio. Ich hoffe, bald mal wieder.
Sepp Schellhorn
Jederzeit, ich habe es geliebt. Danke.
Fabian Burstein
Danke.
Danke, dass Sie beim Bühneneingang vorbeigeschaut habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, in eurem Netzwerk teilt und auf der Plattform eures Vertrauens mit fünf Sternen bewertet.
Feedback und Geschichten aus dem Inneren des Kulturbetriebs sind natürlich herzlich willkommen. Schreibt mir am besten eine E-Mail. Die Adresse findet ihr auf www.buehneneingang.at, Buehneneingang mit ue. Alle Nachrichten werden natürlich streng vertraulich behandelt.
Dort, auf www.buehneneingang.at, gibt es auch einen Link zu Steady. Mit einer Steady-Mitgliedschaft könnt ihr diesen Podcast unterstützen und habt ein garantiert werbefreies Hörerlebnis. Außerdem lasse ich mir immer wieder neue Packages für Mitglieder einfallen.
In diesem Sinne, bis hoffentlich bald am Bühneneingang.

Autor:in:

Livio Koppe

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