Stets Bereit
Der geheime Krieg im Schatten: Von Sabotage bis nuklearer Einschüchterung

Nukleare Einschüchterung, Sabotage, Unterseekabel, Jamming und Spoofing: Diese Folge zeigt, wie Russland offensichtlich unterhalb der offenen Kriegsschwelle Druck auf Europa ausübt und warum Attribution, Resilienz und glaubwürdige Reaktionsfähigkeit dabei entscheidend sind.

Herbert Bauer
Sie hören "Stets bereit", den Podcast über Militär- und Sicherheitspolitik. Mein Name ist Herbert Bauer, ich bin Generalmajor im Ruhestand und werde in meinem Podcast militärische und sicherheitspolitische Themen allgemein verständlich erläutern.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich mit Ihnen über den "geheimen Krieg im Schatten" sprechen, also über Dinge, die Sie jeden Tag in irgendeiner Form in den Nachrichten hören und die es einzuordnen gilt. Wie immer eine Geschichte zur Einführung, in diesem Fall allerdings ein Tatsachenbericht.
Dienstag, 4. August 2026, kurz vor Mitternacht am Flughafen Leipzig-Halle. Auf der Südpiste wird eine Drohne mit einem etwa faustgroßen Sprengsatz und einem Zünder am Boden entdeckt. In unmittelbarer Nähe stehen ukrainische Antonow-Frachtflugzeuge. Später kommen die Ermittler zu dem Schluss, dass offenbar eine dieser Maschinen angegriffen werden sollte. Wie genau der Anschlag geplant war und warum die Sprengstoffdrohne schließlich auf der Piste lag und der Sprengsatz nicht detonierte, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Die Ermittler fanden später weitere Spuren, darunter eine Antenne, die möglicherweise dazu dienen sollte, das Steuersignal der Drohne zu verstärken. Diese Unklarheit macht den Fall bemerkenswert: Eine mit militärisch nutzbarem Sprengstoff präparierte Drohne gelangt auf das Gelände eines der wichtigsten europäischen Frachtflughäfen in Deutschland, unmittelbar in die Nähe ukrainischer Schwertransportflugzeuge. Gerade diese Maschinen sind kein zufälliges Ziel: Die Antonow An-124 gehört zu den größten Frachtflugzeugen der Welt und kann Lasten transportieren, die normale Transportmaschinen nicht übernehmen können. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs ist Leipzig-Halle ein wichtiger europäischer Stützpunkt von Antonow Airlines und zugleich ein bedeutender logistischer Knotenpunkt für Transporte in Richtung Ukraine. Wer eine solche Maschine treffen würde, trifft daher weit mehr als ein Flugzeug: Er trifft ein Glied einer strategisch wichtigen europäischen Transportkette.
Wenig später verdichten sich die Hinweise auf einen gezielten Anschlagsversuch. Ermittler stoßen auf weitere Spuren, technische Komponenten und Hinweise auf zusätzliche Drohnen. Aus einem zunächst rätselhaften "Sicherheitsvorfall" wird der Verdacht einer professionell vorbereiteten Sabotageoperation. Am 1. September 2026 nun zieht die deutsche Bundesregierung schließlich eine weitreichende Schlussfolgerung: Russland stecke hinter dem versuchten Anschlag, Moskau weist die Vorwürfe zurück. Aus dem Vorfall auf einem deutschen Flughafen wird eine Frage von erheblicher sicherheitspolitischer Tragweite.
Russland argumentiert seit Langem, dass die militärische Unterstützung der Ukraine Konsequenzen haben könne und Unterstützerstaaten beziehungsweise deren militärische Infrastruktur zu Zielen werden könnten. Aber wohin führt diese Logik, wenn Moskau aus der militärischen Unterstützung der Ukraine die Berechtigung ableitet, auch militärische Ziele eines Unterstützerstaates anzugreifen? Müsste dieselbe Logik dann nicht auch für Nordkorea gelten, das Russland mit Waffen, Munition und sogar Soldaten unterstützt? In Leipzig geht es nicht nur um eine Drohne und nicht nur um ein ukrainisches Frachtflugzeug. Es geht um die Frage, ob militärische Unterstützung inzwischen genügt, um Infrastruktur tief im Hinterland eines Unterstützerstaates zum Ziel zu erklären. Und es geht um die noch wichtigere Frage: Wie weit lässt sich diese Logik treiben, bevor aus verdeckter Sabotage offene militärische Konfrontation wird?
Von sabotierten Transportwegen über beschädigte Unterseekabel und gestörte Navigationssignale bis hin zu nuklearen Drohgebärden reicht inzwischen ein Spektrum von Maßnahmen, mit denen Russland versucht, politischen und militärischen Handlungsspielraum im Westen zu beeinflussen. Darum geht es heute im Podcast: um den geheimen Krieg im Schatten, von Sabotage bis zu nuklearer Einschüchterung.
Wo liegt das Problem? Das eigentliche Problem solcher, auch "hybrid" genannter, Operationen liegt nicht nur im Schaden, den sie anrichten. Es liegt in der Unsicherheit, in der Unklarheit, die sie bewusst erzeugen. Ein Kabel fällt aus, ein Lager brennt, ein Computersystem wird angegriffen, eine Bahnverbindung wird gestört, eine Drohne taucht an einem sensiblen Ort auf. Vielleicht steckt ein Staat dahinter, vielleicht ein Geheimdienst, vielleicht ein angeworbener Mittelsmann, vielleicht nur organisierte Kriminalität, vielleicht war es tatsächlich auch nur ein technischer Defekt. Diese Unsicherheit ist Teil des Kalküls.
Denn auf einen offenen militärischen Angriff kann ein Staat vergleichsweise eindeutig reagieren. Schwieriger wird es, wenn zunächst geklärt werden muss, was überhaupt passiert ist, wer dafür verantwortlich ist und ob hinter einem einzelnen Täter tatsächlich staatliche Steuerung steht. Das ist die Frage der Attribution, also der belastbaren Zuordnung eines Angriffs zu seinem Urheber. Diese Zuordnung wird bei hybriden Operationen häufig bewusst erschwert. Aufträge können über Mittelsmänner laufen, Täter wissen möglicherweise selbst nicht, für wen sie letztlich arbeiten. Cyberangriffe werden über fremde Server verschleiert, Sabotage kann wie gewöhnliche Kriminalität aussehen, und technische Störungen können so angelegt sein, dass zunächst nicht einmal klar ist, ob überhaupt ein Angriff vorliegt.
Für den Angreifer entsteht daraus ein erheblicher Vorteil: Er kann Wirkung erzielen, ohne sofort die volle politische und militärische Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Der Angegriffene dagegen verliert Zeit. Behörden ermitteln, Nachrichtendienste bewerten, Kompetenzstreitigkeiten ergeben sich, Regierungen müssen Hinweise abwägen, Verbündete müssen überzeugt werden. Während noch darüber diskutiert wird, ob es Sabotage, Spionage, Kriminalität oder Zufall war, ist die Wirkung längst eingetreten. Das betrifft Sabotage an Infrastruktur ebenso wie Brandanschläge, Cyberoperationen, Einflusskampagnen, Störungen logistischer Systeme oder den Einsatz von Stellvertretern.
Die eigentliche strategische Leistung besteht daher nicht darin, völlig unsichtbar zu bleiben. Sie besteht darin, lange genug Unsicherheit zu erzeugen, um eine klare und schnelle Reaktion zu erschweren. Damit wird die Attribution selbst zu einem Teil des Konflikts. Nicht nur der Angriff zählt; entscheidend ist auch, wer bestimmen kann, wie lange es dauert, bis aus einem Verdacht politische Gewissheit wird.
Besonders verletzlich ist dabei etwas, das die meisten von uns nie sehen werden: den Meeresboden. Dort verlaufen Daten, Strom und Energieleitungen, von denen Europas Alltag abhängt. Ein beschädigtes Unterseekabel erzeugt zunächst genau jene Unklarheit, von der wir gesprochen haben: technischer Defekt, Schiffsanker, Fahrlässigkeit oder Sabotage. Die NATO reagiert darauf inzwischen mit verstärkter Überwachung und eigener militärischer Präsenz. Die kritische Infrastruktur Europas endet eben nicht an der Küste; ein wesentlicher Teil davon liegt unsichtbar auf dem Meeresgrund.
Schauen wir dann einmal zu: Jamming and Spoofing, Europas unsichtbare Verwundbarkeit. Also noch subtiler als klassische Sabotage sind nämlich Eingriffe in jene Signale, auf die moderne Gesellschaften ständig angewiesen sind. Jamming bedeutet, dass ein Signal gestört oder überlagert wird, also zum Beispiel, dass das Navigationsgerät nichts Verlässliches mehr empfängt. Spoofing geht einen Schritt weiter, denn dem Empfänger wird ein "falsches" Signal vorgespielt. Er bekommt also nicht keine Information, sondern eine falsche Information, also zum Beispiel eine falsche Position, eine falsche Richtung oder sogar eine falsche Zeit.
Das klingt zunächst nach einem Problem für Schiffe, Flugzeuge oder Navigationsgeräte. Tatsächlich reicht die Abhängigkeit von GPS und anderen globalen Satellitennavigationssystemen wesentlich weiter. Luftfahrt und Schifffahrt nutzen sie für Navigation und Anflugverfahren, aber Logistiksysteme verfolgen damit Fahrzeuge und Warenströme. Telekommunikationsnetze benötigen hochpräzise Zeitsignale zur Synchronisierung. Auch Energieversorgung und Finanzsysteme greifen auf satellitengestützte Zeitreferenzen zurück. Militärisch sind diese Daten für Führung, Navigation und Präzisionswaffen von zentraler Bedeutung.
All das macht diese Systeme zu einem attraktiven Angriffspunkt. Beim Jamming weiß der Betroffene zwar zumindest relativ rasch, dass das Signal gestört ist. Beim Spoofing kann es allerdings viel gefährlicher sein, weil ein System zunächst weiterarbeitet, nur eben mit falschen Daten. Ein Schiff kann auf seinem Bildschirm an einer anderen Stelle erscheinen, als es tatsächlich fährt. Ein Flugzeug erhält unzuverlässige Positionsinformationen. Automatisierte Systeme treffen Entscheidungen auf einer Grundlage, von der sie annehmen, sie sei korrekt.
Die Wirkung muss dabei nicht spektakulär aussehen: Kein Gebäude explodiert, keine Leitung wird sichtbar durchtrennt, aber Navigation wird unsicher, Abläufe werden langsamer, Systeme müssen auf Ersatzverfahren umgestellt werden, und das Vertrauen in technische Infrastruktur geht verloren. Besonders problematisch ist, dass solche Störungen räumlich begrenzt, zeitlich dosiert und wieder beendet werden können. Das erschwert nicht nur die technische Abwehr, sondern erneut die Frage der Attribution: War es eine militärische Operation, ein technischer Fehler oder eine gezielte Störung von außerhalb? Es zeigt sich eine neue Form von Verwundbarkeit: Man muss keine Brücke sprengen, wenn man dafür sorgen kann, dass die Systeme, die unsere Infrastruktur steuern, nicht mehr zuverlässig wissen, wo oder wann sie sind.
Schauen wir uns nun die gerade wieder aktuellen nuklearen Drohgebärden auch noch an. Am anderen Ende derselben Druckstrategie steht eine Form der Einflussnahme, die gerade nicht verborgen bleiben soll: die nukleare Drohung. Russland setzt seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine immer wieder auf nukleare Rhetorik, Übungen, Hinweise auf mögliche Eskalation und die demonstrative Betonung seiner Nuklearfähigkeiten. Die NATO spricht inzwischen ausdrücklich von coercive nuclear signaling, also nuklearer Signalisierung mit Zwangscharakter. Und von strategischer Einschüchterung.
Denn das ist es. Das hat eine andere Qualität als Sabotage, Cyberangriffe oder Jamming. Nukleare Drohgebärden sind keine hybride Kriegsführung im engeren Sinn. Sie können aber Teil einer umfassenden Strategie sein, mit der politisches Verhalten beeinflusst werden soll. Die Botschaft lautet nicht unbedingt: "Wir werden Atomwaffen einsetzen." Nein, die Botschaft lautet vielmehr: "Denkt bei jeder Entscheidung darüber nach, wohin eine weitere Eskalation führen könnte."
Damit entsteht politischer Druck: Soll eine bestimmte Waffe an die Ukraine geliefert werden, darf sie gegen Ziele auf russischem Territorium eingesetzt werden, werden westliche Soldaten oder Ausbilder entsandt? Jede dieser Entscheidungen kann mit der Frage verbunden werden: Wie wird Moskau reagieren, und könnte daraus eine nukleare Eskalation entstehen? Die Drohung wirkt also möglicherweise schon dann, wenn die Waffe niemals eingesetzt wird. Ihre strategische Funktion besteht darin, Unsicherheit zu erzeugen, Angst vor Eskalation zu verstärken und damit den politischen Handlungsspielraum des Gegners einzuengen.
Hier schließt sich ein bemerkenswerter Bogen: Bei einer Sabotageoperation soll möglichst lange unklar bleiben, wer dahintersteht. Bei einer nuklearen Drohung soll dagegen jeder wissen, wer sie ausspricht und wozu dieser Staat grundsätzlich fähig wäre. Die Mittel könnten unterschiedlicher kaum sein. Die politische Wirkung kann dennoch in dieselbe Richtung zielen: das Verhalten des Gegners verändern, ohne den offenen Krieg mit ihm führen zu müssen.
Sun Tzu, der chinesische Militärstratege und Verfasser des klassischen Werkes "Die Kunst des Krieges", formulierte es vor mehr als 2000 Jahren sinngemäß radikal: Die höchste Kunst bestehe darin, den Widerstand des Gegners ohne Kampf zu brechen. Genau darin liegt auch die Logik nuklearer Einschüchterung: nicht unbedingt, die Waffe einzusetzen, sondern durch die Möglichkeit ihres Einsatzes politische Entscheidungen zu beeinflussen. Gerade deshalb ist nukleare Einschüchterung mehr als martialische Rhetorik. Sie ist ein Instrument politischer Zwangsausübung und damit Teil jener strategischen Druckkulisse, die Europa inzwischen von verdeckter Sabotage bis an die äußerste Eskalationsgrenze begleitet.
Ist Europa mit einem Abschreckungsparadoxon konfrontiert? Hier liegt wahrscheinlich das schwierigste Problem des gesamten Konflikts: ein durchtrenntes Kabel, ein Cyberangriff, GPS-Störungen, ein Brandanschlag, ein verdächtiger Drohnenfund. Jeder einzelne Vorfall bleibt für sich genommen, möglicherweise unter jener Schwelle, auf die Staaten mit großer Härte reagieren würden. Aber was passiert, wenn aus vielen kleinen Nadelstichen ein dauerhaftes strategisches Muster wird? Genau dort beginnt das Abschreckungsparadoxon: Reagiert Europa auf jeden einzelnen Vorfall maximal, kann es selbst zur Eskalation beitragen. Reagiert es zu vorsichtig, entsteht beim Gegner der Eindruck, dass sich die graue Zone gefahrlos immer weiter ausdehnen lässt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Welcher Angriff löst welche automatische Antwort aus? Weil eine solche Logik wäre sogar gefährlich. Sie würde dem Gegner eine Art Gebrauchsanweisung liefern, wie weitergehen kann, ohne eine bestimmte Reaktion auszulösen. Europa muss vielmehr glaubwürdig vermitteln, dass hybride Angriffe auch in ihrer kumulativen Wirkung Konsequenzen haben können, ohne feste Schwellen und automatische Reaktionsmuster offenzulegen. Ich komme dazu auch noch einmal am Ende.
Das verlangt mehr als militärische Stärke. Es verlangt zunächst Systeme, die auch unter Störung weiter funktionieren. Wenn GPS ausfällt, müssen alternative Navigations- und Zeitquellen verfügbar sein. Wenn ein Datenkabel beschädigt wird, dürfen Kommunikationswege nicht an einem einzigen Knoten hängen. Wenn ein Stromnetz oder ein Logistiksystem angegriffen wird, braucht es Redundanzen, Notbetriebsverfahren und die Fähigkeit, rasch auf Ersatzlösungen umzuschalten.
Ebenso entscheidend ist die Attribution: Je länger unklar bleibt, wer hinter einem Angriff steht, desto größer ist der politische Handlungsspielraum des Angreifers. Europa braucht deshalb bessere technische Forensik, engere Zusammenarbeit von Nachrichtendiensten, Polizei und Militär und privaten Betreibern sowie schnellere gemeinsame Lagebilder. Dabei geht es nicht um vorschnelle Schuldzuweisungen, sondern darum, belastbare Verantwortlichkeit früher herstellen zu können.
Hinzu kommt der Schutz kritischer Infrastruktur selbst: Unterseekabel, Häfen, Flughäfen, Energieanlagen, Rechenzentren, Umspannwerke, Satellitenverbindungen und zentrale Logistikknoten müssen stärker überwacht und gegen Sabotage abgesichert werden. Das umfasst physische Sicherung ebenso wie Cyberabwehr, Sensorik, Zugangskontrollen und die Fähigkeit, ungewöhnliche Aktivitäten frühzeitig zu erkennen. Der entscheidende Punkt ist Resilienz. Und Resilienz bedeutet nicht, jeden Angriff verhindern zu können. Sie bedeutet, dem Angreifer die Aussicht zu nehmen, mit einem einzigen Eingriff große Wirkung zu erzielen.
Über Technik und Schutz hinaus braucht es aber auch politische Entschlossenheit, auf wiederholte Angriffe nicht jedes Mal so zu reagieren, als handle es sich um voneinander unabhängige Einzelfälle. Denn davon profitiert die Strategie der grauen Zone ja: Jeder Vorfall wird isoliert betrachtet, jeder bleibt ein wenig zu klein, ein wenig zu unklar, ein wenig zu riskant für eine harte Antwort. In Summe kann daraus dennoch erheblicher strategischer Druck entstehen.
Die Kunst der Abschreckung liegt deshalb darin, Entschlossenheit zu zeigen, ohne Berechenbarkeit zu erzeugen. Oder anders gesagt: Reaktionsfähigkeit ja, aber keine vorhersehbaren Eskalationsmatrixen, an denen sich ein Gegner entlangarbeiten kann. Es geht also nicht nur darum, eine rote Linie zu ziehen. Es geht darum, dem Gegner die Sicherheit zu nehmen, dass er selbst bestimmen kann, wo diese Linie verläuft.
Probieren wir wieder ein Fazit. Vielleicht liegt die wichtigste Erkenntnis dieses Podcasts darin, dass wir unseren Begriff von Sicherheit neu justieren müssen. Sicherheit bedeutet lange vor allem Grenzen schützen, Streitkräfte bereithalten, Angriffe abwehren. Heute reicht das nicht mehr. Verwundbar ist nicht nur ein Staatsgebiet, verwundbar sind Verkehrsströme, Datenverbindungen, Satellitensignale, politische Entscheidungsprozesse, wirtschaftliche Abhängigkeiten und letztlich auch das Vertrauen einer Gesellschaft in die Funktionsfähigkeit ihres Staates.
Damit verschiebt sich auch die strategische Frage: Nicht mehr nur "Kann Europa einen Angriff abwehren?", sondern "Kann Europa verhindern, dass ein Gegner mit begrenztem Einsatz überproportional große politische Wirkung erzielt?" Das ist ein anderer Mast. Denn wer mit wenig Aufwand Unsicherheit, wirtschaftliche Kosten, politische Spannungen und gesellschaftliche Nervosität erzeugen kann, braucht nicht zwingend den großen militärischen Erfolg. Es genügt möglicherweise, den Gegner dauerhaft zu beschäftigen, seine Ressourcen zu binden und seine Aufmerksamkeit zu zerstreuen.
Deshalb wird die Widerstandsfähigkeit Europas nicht allein in Kasernen, Kommandozentralen oder Verteidigungshaushalten entschieden. Sie entscheidet sich ebenso in Häfen, Rechenzentren, Stromnetzen, Flughäfen, Nachrichtendiensten, Unternehmen und politischen Institutionen. Und vielleicht noch stärker in einer Fähigkeit, die schwer zu messen ist: nämlich einfach Ruhe zu bewahren, ohne passiv zu werden. Das ist die eigentliche Herausforderung im Schattenkrieg: Gefahren ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen treiben zu lassen. Risiken zu erkennen, ohne in permanente Alarmbereitschaft zu verfallen. Und auf Druck zu reagieren, ohne dem Gegner damit zusätzliche Wirkung zu schenken.
Der strategische Vorteil liegt am Ende bei dem, der nicht nur widerstandsfähig ist, sondern auch schwer manipulierbar: dem Gegner zeigen, dass Druck Wirkung haben kann, aber nicht die Wirkung, die er beabsichtigt.
Nun ein kleiner Nachspann: Während der Arbeit an diesem Podcast wurden weitere sicherheitsrelevante Vorfälle bekannt. Nach den Sabotageakten gegen die Strominfrastruktur in Bergheim und Brandenburg sowie dem mutmaßlich staatlich gesteuerten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle verdichten sich die Hinweise auf eine neue Qualität hybrider Bedrohung.
Medien berichten zudem, dass die deutsche Bundesregierung als mögliche Reaktion prüft, die Geheimdienstunterstützung für die Ukraine auszuweiten, bis hin zur Bereitstellung russischer Ziele. Schon die Debatte zeigt: Hybride Angriffe könnten künftig Antworten auslösen, die für den Angreifer weder spiegelbildlich noch vorhersehbar sind. Er soll die rote Linie nicht bestimmen können.

Autor:in:

Livio Koppe

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