Die Dunkelkammer
Der Terrorprozess gegen Beran A. Tag 1

Am 28. April hat am Landesgericht Wiener Neustadt der Terror-Prozess gegen Beran A. und Arda K. begonnen. Stefan Kaltenbrunner war als Prozessbeobachter dabei. Ein Bericht.

Michael Nikbakhsh
Herzlich willkommen zur Dunkelkammer Nummer 316. Mein Name ist Michael Nikbakhsh, und heute blicken wir auf den ersten Tag im Terrorprozess gegen Beran A. und Arda K. Schauplatz ist das Landesgericht Wiener Neustadt, und da war Stefan Kaltenbrunner, wie angekündigt, für uns dabei. Jetzt sitzt er mir gegenüber, eben aus Wiener Neustadt im Studio eingetroffen. Hallo Stefan.

Stefan Kaltenbrunner
Servus Michael.

Michael Nikbakhsh
Stefan, erster Prozesstag. Und wenn ich die Berichterstattung dazu richtig lese, dann herrschte an diesem ersten Prozesstag im Gerichtssaal immer wieder mal Konfusion. Und das hatte unter anderem mit den Aussagen von Beran A. zu tun, aber nicht nur und der Reihe nach. Also ganz wichtig: An jedem ersten Prozesstag ist ja dreierlei. Erstens der Anklagevortrag durch die Staatsanwaltschaft, dann das Plädoyer der Verteidigung und drittens die Verantwortung eines jeden Angeklagten, also schuldig im Sinne der Anklage, teilweise schuldig oder nicht schuldig. Gehen wir es durch, wobei richtigerweise muss man jetzt einmal mit einer Verzögerung beginnen. Der Prozess hat ja nicht wie geplant um 9:00 begonnen, weil.

Stefan Kaltenbrunner
Genau, der Prozess war im Landesgericht Wiener Neustadt, was schon ein bisschen eine Anreise war, Medieninteresse relativ groß, nicht so groß, wie ich erwartet habe, aber trotzdem voller Gerichtssaal. Die Angeklagten sind ja reingebracht worden, wie man das kennt, mit vermummten Cobra-Beamten und gefesselt und haben natürlich eine Mappe vor Gesicht gehabt. Und dann hätte es eigentlich losgehen sollen, und dann hätte die Anklageschrift verlesen werden sollen vom Gericht, aber dazu ist es nicht gekommen, weil der Fernseher nicht gegangen ist. Also man wollte das auf einen Fernseher übertragen, und das hat leider nicht funktioniert, dass man also mitlesen kann, die einzelnen Punkte. Deswegen hat es eine kurze Verzögerung gegeben. Die Angeklagten sind da gesessen, man hat einen Techniker geholt oder eine Technikerin, die hat es aber auch nicht bewerkstelligt, mit dem Resultat, die Angeklagten sind wieder in die Zelle zurückgebracht worden, und die Verhandlung wurde unterbrochen, bevor sie noch angefangen hat. Ist ein bisschen peinlich. Also ich glaube, dass man sich für einen Terrorprozess technisch doch etwas besser vorbereiten hätte können, aber so ist es halt so.

Michael Nikbakhsh
Ja, ich habe das bei anderen Prozessen auch schon erlebt, dass die Technik anfangs immer wieder mal streikt. Also wir, die wir ja mit Audio machen und manchmal auch mit Video, wir machen ja so einen Check vorneweg, ob die Technik eh passt. Das passiert aber nie. Da kommen die Staatsanwälte, die kommen ins.

Stefan Kaltenbrunner
Ja, ich habe gehört, der Staatsanwalt hätte das getestet vor ein, zwei Wochen, aber offenbar war dazwischen nicht irgendwas passiert. Aber ist natürlich ein bisschen unangenehm für alle Beteiligten, natürlich, wenn die Angeklagten wieder zurückgebracht werden. Aber es hat schon ein Bild für die Pressefotografen draußen gegeben.

Michael Nikbakhsh
Na gut, Anklagevortrag. Was haben die Geschworenen an diesem Tag zum Staat zu hören bekommen von der Staatsanwaltschaft?

Stefan Kaltenbrunner
Vom Staat haben sie zu hören bekommen, die Anklageschrift, die sich in zwei Teile teilt. Es hat ja zwei Angeklagte gegeben, nicht nur Beran A., der verhinderte Attentäter an das Taylor Swift-Konzert. Es gibt noch einen zweiten, Ardan K., einen gebürtigen Slowaken, der in dieser Terrorzelle war. Die drei haben, ich habe das letztes Mal ausgeführt, ja bekanntlich einen Dreieranschlag im Nahen Osten geplant, in Dubai, in Istanbul und in Mekka. Der in Mekka hat es tatsächlich getan, dann. Der sitzt in Mekka in einer Zelle. Und heute angeklagt waren Beran A. und eben dieser Ardan K. Die Anklageschrift bei Beran umfasste das Taylor Swift-Konzert, den Anschlagplan. Da ist er geständigt, das hat er auch gestanden. Also von dem her wird es in der Verhandlung keine großen Überraschungen geben. Es wird oder heute ist nicht verhandelt worden, Taylor Swift, soweit ist es gar nicht gekommen, aber da wird nur die Genese besprochen werden. Also da hat er sich auch schuldig bekannt in faktisch allen Punkten. Das Zweite, was ein bisschen problematischer für ihn ist, ist dieser Mekka-Anschlag. Da wird ihm eben vorgeworfen, dass er beteiligt war Laut österreichischem Recht, du hast das letzte Mal sehr gut ausgeführt, reicht es, wenn man nicht aktiv an der Tat beteiligt ist, sondern wenn man nur beteiligt ist an der Planung, ist derselbe Strafrahmen. Und das wird ihm auch vorgeworfen, dass er eben bei diesem Mekka-Attentat dabei gewesen ist. Dabei kennt er sich nicht schuldig. Beim zweiten Angeklagten gilt dasselbe, nur diese Mekka-Geschichte. Der hätte in Istanbul den Anschlag durchführen sollen, hat auch nicht gemacht, ist wieder nach Österreich zurückgefahren, und da ist derselbe Anklagepunkt. Und der bekennt sich schuldig, dass er in Istanbul diesen Anschlag hätte machen wollen, aber bezüglich Mekka hat er sich für unschuldig bezeichnet.

Michael Nikbakhsh
Wenn ich es richtig verstanden habe, wären also zwei isolierte geplante Anschläge zugegeben, aber dass es da eine größere Kette von zusammenhängenden Anschlägen hätte geben sollen, das wird in der Form abgestritten.

Stefan Kaltenbrunner
Sie streiten es ab, wobei natürlich die Beweislage so dicht ist, das hat die Befragung auch dann ergeben, dass sie das natürlich gemeinsam geplant haben, diese drei Anschläge. Sie sind bewusst nach Istanbul, Mekka und Dubai gefahren, wollten am selben Tag und dann zur selben Uhrzeit diese Anschläge durchführen. Es hat auch Telefonate gegeben, und Beran hat genau geschildert, wie das damals in Dubai gewesen ist, warum er es dann nicht gemacht hat. Also im Prinzip geht es nur um dieses Mekka, dass sie auch beschuldigt werden, dass sie quasi diesen Mekka-Anschlag mitzuverantworten haben. Und das ist ein Knackpunkt. Warum ist das ein Knackpunkt? Weil die Strafe natürlich dementsprechend höher ausfallen wird. Und wenn man sich jetzt die Beweislast anschaut, wird das relativ knapp.

Michael Nikbakhsh
Die zentrale Person, die in diesem Mekka-Strang, die fehlt zwangsläufig, weil sie sitzt in Saudi-Arabien.

Stefan Kaltenbrunner
Genau. Das ist das Spannende heute gewesen, natürlich dieser Hassan E., der in Mekka in einer Zelle sitzt, und der Staatsanwalt hat gemeint, es gibt schon eine Anklage. Mir ist davon nichts bekannt, dem Außenministerium ist auch nichts bekannt. Das ist der große Unbekannte und eigentlich der große Schuldige. Die Verteidigungslinie der Anwältin von Beran A., Anna Meier, geht ja daraus, dass er im Prinzip sehr beeinflusst von diesem Hassan E. war. Das war so ein Admenter von Schulzeit an und der ihn immer mehr in diese islamistische Sphäre gedrängt hat. Sie hat das auch versucht, mit Chats zu beweisen. Und dieser Hassan E. ist über diesen Prozess halt geschwebt, ist quasi der große Spiritus-Rektor, der das alles geplant hat und der im Hintergrund die Fäden gezogen hat, mit dem kleinen Schönheitsfehler, man kann ihn nicht befragen.

Michael Nikbakhsh
Das würde es jetzt richtig sortieren. Die Staatsanwaltschaft Wien lastet den Angeklagten an, dass sie Hassan E. quasi mitmotiviert hätten, diesen Anschlag in Mekka zu verüben. Die Verteidigung sagt jetzt aber, es sei vielmehr umgekehrt gewesen, Hassan E. sei der eigentliche Strippenzieher gewesen und habe die anderen angeleitet.

Stefan Kaltenbrunner
Genau, so ist es.

Michael Nikbakhsh
Das konnte jetzt natürlich heute noch nicht annähernd aufgelöst werden.

Stefan Kaltenbrunner
Es konnte zum Teil aufgelöst werden, weil es sehr viele Chats gibt, wo die in der Planung waren, wo sie sich auch getroffen haben, wo sie das gemeinsam beschlossen haben. Und das ist ja vielleicht, kann ich das ein bisschen ausführen, den Hintergrund, warum sie das machen wollten, was sehr entscheidend ist, auch für seinen Anschlagsplan auf das Taylor Swift-Konzert. In ihrer kruden islamistischen Gedankenwelt sind sie ja der Meinung, dass islamisch geprägte Länder so wie Saudi-Arabien, Dubai oder auch die Türkei nicht mehr islamisch sind, weil die jeweiligen Regierungen mit Ungläubigen, mit Kufas zusammenarbeiten. Also Saudi-Arabien wird vorgeworfen oder dem saudischen Königshaus, dass sie amerikanische Truppen stationiert haben, und da berufen sie sich auf irgendeinen salafistischen Prediger, der dann sagt, sie wären dann auch im Prinzip mögliches Anschlagsziel, weil sie den wahren Islam verraten. Und deswegen haben sie geglaubt, dass sie in diesen drei Ländern diese Anschläge durchführen können. Und noch dazu, ihr habt das heute gesagt, der Beran, sie waren der Meinung, dann würde es Aufstände innerhalb der muslimischen Bevölkerungsgruppierungen weltweit geben. Das war ihr Ziel, weil sie ein Signal geben, schaut sehr, wacht auf, wir haben jetzt diesen Stein ins Rollen gebracht und diese Unrechtsregime irgendwie angegriffen. Und in ihrer Fantasie haben sie dann eben gemeint, dass dann hier eine Bewegung entsteht. Das war so irgendwie das Ziel.

Stefan Kaltenbrunner
Joa eh.

Michael Nikbakhsh
Ja eh, du hast mich jetzt permanent Kopfschütteln gesehen. Beran A. wollte ursprünglich in Dubai ein Attentat verüben, habe ich das richtig gelesen? Im Prozessverlauf heute war mehrfach davon die Rede, dass er sich verschiedene Ziele ausgesucht habe und dann aber immer wieder Panikattacken hatte.

Stefan Kaltenbrunner
Genau. Also Beran A. ist nach Dubai geflogen und laut seinen Aussagen hat ihn Hassan E. angeleitet, was er machen sollte, der ursprüngliche Plan, dass er, laut Beran, Hassan habe ihm gesagt, er soll in den Gurj Al Arab, diesen großen Turm in Dubai, den kennt man ja alle, dort eindringen mit meinem Messer und dann irgendeinen Götzendiener, also einen Angestellten dort, der dort arbeitet, das sind ja alles Götzendiener, weil sie mit Ausländern arbeiten, weil dort Alkohol ausgeschenkt wird, soll er in Geißelhaft nehmen und dann warten, bis die Polizei kommt. Und wenn die Polizei dann kommt, soll er sich so hinstellen beim Burj, irgendwo an ein Geländer, wenn sie ihn erschießen, dass er dann runterfällt, weil das hätte bildlich den meisten Impact. Da hat aber der Beran gesagt, das ist irgendwie keine gute Idee, weil er wird durch die Sicherheitskontrollen nicht mit einem Messer kommen, also er wird das anders machen. Und die haben offenbar dann auch sehr viel telefoniert, das ist auch dokumentiert. Und er hat sich dann einige Messer gekauft in einem Supermarkt in Dubai und wollte dann entweder einen Polizisten oder einen Touristen niederstechen. Und sie wollten das alles machen, am Ende des Ramadan zum Fastenbrechen, wenn viele Leute draußen sind in ihrer Fantasie, sind die Leute daheim und auf einmal über die Fernsehschirme Breaking News, drei Anschläge in muslimischen Ländern. Das war so ihre Idee, wo sie groß rauskommen in dieser Islamistenszene. Und der Beran hat sich dann so einen E-Scooter ausgeborgt, das klingt alles extrem kurios und skurril, und ist mit diesem E-Scooter da beim Gurj Al Arab durch die Gegend gefahren, und es waren aber keine Leute dort, bis er dann irgendwie auf einen Touristen getroffen ist. Und da ist er hinter dem gegangen, also mit dem Messer schon in der Tasche und hat so eine Schutzweste hat er irgendwie angehabt und hat dann aber auch Panik, laut eigenen Angaben, eine Panikattacke kriegt und hat gesagt, ich kann den jetzt irgendwie nicht angreifen und war so im Widerspruch mit ihm, so hat er das erzählt. Der Hassan hat gesagt, es ist völlig okay, wenn du das machst. Also wir sind jetzt diese Dschihad, also diese Gotteskrieger, und wir haben das Recht, und die Beweise liegen ja da, und alle islamischen Gelehrten sagen, dass wir das tun sollten. Aber er hat sich trotzdem nicht getraut, und weil er ja, wie wir dann später wissen, auch Angst vor Schmerzen gehabt hat, sollte die Polizei kommen und ihn anschießen. Den hat er einmal in Ruhe gelassen, aber dann ist er weiter mit dem Scooter gefahren, hat dann einen nächsten Touristen gesehen, und auch da hat er sich nicht getraut, und er hat das Ganze abgebrochen, zurück ins Hotel und dann nach Österreich zurückgefahren. Und jetzt könnte man meinen, okay, dann hat er gesagt, okay, ich kann das nicht, also das ist nichts für mich. Aber nichtsdestotrotz hat er dann begonnen, dieses Attentat auf die Taylor Swift-Konzerte zu planen.

Michael Nikbakhsh
Dieses Taylor Swift-Konzert, das Ziel seines Anschlags sein sollte, war heute nicht verhandlungsgegenständlich.

Stefan Kaltenbrunner
Das war heute nicht, da war die Zeit auch nicht.

Michael Nikbakhsh
Die Zeit hat unter anderem auch deshalb nicht möglicherweise nicht gereicht, um hier mehr zu vertiefen, weil abgesehen von den technischen Problemen am Anfang, habe ich nachgelesen, gab es auch Kommunikationsprobleme zwischen der Richterin und dem Angeklagten?

Stefan Kaltenbrunner
Also ich muss dazu sagen, um es vorsichtig auszudrücken, also ich finde die Vorsitzführung der Richterin suboptimal, um es freundlich auszudrücken. Erstens, also ich habe sie nicht sehr gut vorbereitet empfunden. Sie hat dann in Chats gesucht und vorgelesen, und das Bemerkenswerte, was uns alle da drinnen gestört hat, also nicht nur mich, sie hat im Dialekt mit ihm gesprochen. Ich weiß nicht, was das für ein Dialekt so niederösterreichisch wie ein neustädterisch. Und wir haben alle das Gefühl gehabt, er versteht sie nicht, wenn er mit ihr redet, und er hat dann mehrmals nachfragen müssen. Also es war ein bisschen sehr ein seltsamer Befragungsmodus. Und ich habe ein bisschen dann die Geschworenen beobachtet, die haben sich wirklich schwergetan, die kennen ja den Akt nicht oder kennen den Fall nur aus den Medien, wenn dann einzelne Chats vorgelesen werden und irgendwelche Zusammenhänge versucht wird zusammenzustellen, die auch nicht besonders logisch waren, dass die da wirklich Schwierigkeiten gehabt haben, dem Ganzen zu folgen. Also ich habe das wirklich nicht sehr, ich würde sagen, nicht sehr professionell gefunden.

Michael Nikbakhsh
Weil wir jetzt in den Tickern nachgelesen hatten, teilweise die Kollegen, Kolleginnen im Publikum dann wiederum Schwierigkeiten, dem Angeklagten, also insbesondere Beran A., zu folgen. Also manches seiner Aussagen, es hat dann am Ende, habe ich herausgelesen, es sei nicht ganz klar gewesen, hat er sein Eingangsgeständnis jetzt im Verfahrensverlauf am ersten Tag relativiert, ja, nein?

Stefan Kaltenbrunner
Nein, hat er nicht. Also er hat sich für schuldig bekannt. Es war aber ein bisschen komisch, auch befragt von der Richterin. Also wie gesagt, dieser Taylor Swift-Komplex, der ist durch, da ist die Beweislast auch so groß, da kann er nicht mehr raus, da kann er sich nur dadurch retten, indem er sagt, ich bin schuldig, ich habe das gemacht, es tut mir wahnsinnig leid, und der Strafrahmen wird dann ein bisschen runtergehen oder auch nicht, je nachdem. Er war, es war sehr interessant, wie er reingebracht wird. Also man schaut ihn an, man kennt ihn ja nicht. Also man kennt ja nur diese Fotos von ihm, wo er mit diesem Messer und mit diesem Vollbart so posiert wie der Wiener Attentäter, der in Wien dieses Attentat hat. Und da kommt einer rein, er ist nicht mehr so trainiert, hat jetzt einen Vollbart, nicht diesen Islamistenbart, wo die Lippe abrasiert wird und nur unten der Bart ist, die Haare ein bisschen länger. Und interessanterweise hat er so ins Publikum permanent geschaut, ein bisschen gelächelt und nicht gegrinst, würde ich nicht sagen, aber er war sehr interessiert und sehr durchgeschaut, wie wenn er das genießen würde. Es war ein seltsamer Anblick eigentlich. Also ich habe jetzt nicht empfunden, dass da einer kommt, der die große Reue zeigt. Interessanterweise ist es nicht nur mir so gegangen, sondern allen Beteiligten, die gesagt haben, es ist wirklich komisch, dieser Auftritt im Gegensatz zum zweiten Angeklagten, der offenbar wirklich getroffen ist und der weiß, was auf ihn zukommt. Und auch die beisitzende Richterin, die sehr gut war und auch in der Befragung sehr gut war, auch die hatte den Eindruck und ihn gefragt haben, ist das jetzt so ein bisschen eine Bühne für sie? Weil sie haben ja auch in der Einvernahme gesagt, dass so dieser Wiener Attentäter ihr großes Vorbild war, der ja weltweit bekannt war, dem sie nachgeeifert haben. Und dann hat er gesagt, nein, er wollte ein freundliches Gesicht aufsetzen, er ist sehr nervös, weil die Leute kennen ihn nur als bösen und er will da irgendwie vor Gericht nicht der Gefährliche sein, sondern einen guten Eindruck hinterlassen. Aber ich habe ein bisschen das Gefühl gehabt, er ist ein Narzisst und er genießt das Ganze nicht. Also er weiß schon, was da passiert, aber irgendwie war ein bisschen ein seltsamer Auftritt.

Michael Nikbakhsh
Inwieweit passt das zur Verteidigungslinie bisher? Soweit vernehmbar haben die Verteidigerin von Beran A., Anna Meier, und der Verteidiger von Arda K., David Odlbauer, versucht, die Geschichten zweier junger Männer zu zeichnen, die Außenseiter waren und Anerkennung suchten.

Stefan Kaltenbrunner
Genau. Also die Verteidigungslinie geht bei Beran relativ klar. Er ist in die Schule gegangen, ist dann gewechselt, ist dort gemobbt worden. Seiner Ansicht nach, er hat da ganz komische Sachen gesagt, er ist dann in eine Klasse gekommen mit Mädchen und die haben ihn irgendwie geärgert und er war dann irgendwie schwach. Und dieser Hassan, sein Freund, hat ihn dann immer angeleitet und ihm gesagt, was er sagen soll. So ein bisschen wie, wie heißt das, diese Typen, die auf der Straße diesen jungen Burschen erklären, wie sie aufreißen und wie sie Frauen ansprechen. Und das hat ihm offenbar der Hassan ein bisschen gelernt.

Michael Nikbakhsh
So was gibt es auf der Straße?

Stefan Kaltenbrunner
So was gibt es, ja.

Michael Nikbakhsh
Das habe ich noch nie gehört.

Stefan Kaltenbrunner
ich muss überlegen, wie das heißt. Da gibt es auch auf TikTok und Instagram so Leute, die dir erklären, wie du auf der Straße Frauen ansprichst mit einer sehr hohen Erfolgsquote.

Michael Nikbakhsh
Ich dachte, du wirst, okay, vergiss es, ich habe das jetzt ein bisschen falsch verstanden. Ich dachte, du wirst auf der Straße von Leuten angesprochen, die dir zeigen, wie man andere Leute anspricht, sondern das ergibt überhaupt keinen Sinn.

Stefan Kaltenbrunner
Nein, nein, nein. Du wirst nur angeleitet, wie du auf der Straße Frauen aufreißt, quasi. Und dieser Hassan soll ihm geholfen haben, das sagt er selber jetzt auch im Prozess, und er hat sich dann ein bisschen mehr gefühlt, und dann sind sie irgendwann in diese Religion reingekippt. Und er fühlt sich, er hat sich als großes Mobbingopfer gefühlt, und das war sehr unangenehm für ihn, und er hat ein bisschen eine Identität gesucht, und er hat niemanden gehabt, mit dem er reden kann. Er hat sehr viele Drogen genommen, das ist heute nicht so rausgekommen, aber er sagt auch, dass er Ecstasy genommen hat, wie er, bevor er den islamischen Treueschwur genommen hat, was überhaupt nicht zusammenpasst. Alkohol, Drogen, Islamisten.

Michael Nikbakhsh
Ja, aber da geht es nicht um Verwerfliche an unsicheren. Das ist eigentlich ein No-Go. Alkoholkonsum drin.

Stefan Kaltenbrunner
Genau, das war für ihn nicht so genau. Die Verteidigungslinie geht eben, dass dieser Hassan, der große Unbekannte, der in Saudi-Arabien im Gefängnis sitzt, quasi sein Mentor war, den er immer angeleitet hat und er ihm sehr viel geholfen hat. Und das war sein bester Freund, und es war so ein bisschen eine Hassliebe, sagt er selbst. Also wir müssen immer sagen, was er sagt, und der sukzessive in diese islamistische Parallelwelt hineinmanövriert hat, aber er trotzdem nicht von ihm losgelassen hat, weil er ihm so viel geholfen hat in der Schule und weil er sein bester Freund war und seine erste Ansprechperson.

Michael Nikbakhsh
Wir sind ja im Strafverfahren. An dem Punkt, wo der Prozess eröffnet wurde, müssen wir sehr vorsichtig sein mit der Wertung von Beweismitteln, geschweige denn mit einem vorweggenommenen Prozessausgang. Aber wenn du diese Verantwortung bisher verschneidest mit dem, was du aus dem Akt kennst, also was jetzt Ermittlungsstand ist, ist jetzt die zentrale Frage, wer hat wen angeleitet und angestiftet? Also wer ist da quasi, wer hat Einfluss auf wen gehabt? Wer wäre jetzt der gewesen, der die Strippen gezogen hat? Eher Beran A. oder Hassan E.?

Stefan Kaltenbrunner
Nein, ich habe schon, dass es Hassan war, dass der ein Treiber war. Das geht aus unseren Chats heraus. Also man muss schon sagen, also er versucht immer zu relativieren. Also den IS hat er am Anfang ein bisschen abgelehnt, und der Hassan hat ihm dann einige Prediger genannt, die irgendwie dafür waren. Also er hat ihn schon in eine Richtung gedrängt oder manövriert, aber das hat er auch zugelassen. Also er hat sich auch selber verändert, hat zum Trainieren angefangen, hat irgendwie sich von der Umwelt abgekoppelt etc. Und ich glaube aber, der große Knackpunkt wird sein in den nächsten Verhandlungen. Bis zu dem Anschlagsversuch in Dubai mag sein, dass er unter der Knute vom Hassan gestanden ist, dass er das alles gemacht hat, was der gemacht hat. Wie er aber wieder zurück war, war der Hassan im Gefängnis. Mit dem hat er keinen Kontakt gehabt, er hat kein Handy, kein Internet, kein gar nichts mehr gehabt. Er sitzt in Saudi-Arabien. Da hätte er jederzeit die Möglichkeit gehabt, abzubrechen. Er hat es aber nicht gemacht, sondern hat sich noch mehr radikalisiert und hat dann angefangen, diese Pläne für das Attentat auf Taylor Swift zu wälzen. Das heißt, es ist ein bisschen unglaubwürdig, wenn er vorher sagt, der hat alles gemacht. Er hätte ja zurückkommen können und sagen: "Wahnsinnig furchtbar, liebe Eltern oder liebe Polizei, wir haben da einen dummen Fehler gemacht." Und das wird noch spannend, die nächsten Verhandlungstage, wie er da argumentiert. Aber wie du vorher gesagt hast, es ist sehr schwierig, ihm zum Teil auch zu folgen. Also es, zeitweiles, was er sagt, ist nicht ganz schlüssig. Er kann sich nicht gut artikulieren manchmal, dann spricht er wieder sehr gut. Und war ein sehr holpriger Start, sagen wir es einmal so.

Michael Nikbakhsh
Es wurde eingehend darüber diskutiert, wann genau er sich radikalisiert hätte. Da wurde, glaube ich, jetzt kein Konsens gefunden. Jetzt kann man das wahrscheinlich auch nicht auf einen einzelnen Tag festlegen. Aber warum war das überhaupt so wichtig?

Stefan Kaltenbrunner
Nein, es ist schon spannend, weil er behauptet, er hat sich aus dem Jänner 2024 radikalisiert, also wenige Monate bevor dieses Attentat war. Jetzt wissen wir aber aus Chats, und das hat auch der Staatsanwalt vorgebracht, es ist nicht ganz schlüssig, weil es gibt Chats, wo er ganz andere Dinge schreibt oder ankündigt. Das heißt, das muss er noch beweisen, ob er wirklich aus dem Jänner, ich glaube, er meint so diese Turbo-Radikalisierung, also vor Dubai und dann vor Taylor Swift, dass das im Jänner begonnen hat. Er hat auch Bekennervideos aufgenommen, da ist eins abgespielt worden, an seine Eltern, wo er argumentiert, warum er das jetzt alles macht, und weil die Palästinenser unterdrückt werden, die Uiguren und was weiß ich, welche muslimischen Ethnien noch dabei waren. Und er hat seinen Eltern erklärt hat, warum er das macht und warum er gerade auserwählt ist und das für Gott tut und ziemlich böse sein sollen. Das hat so im Jänner schon angefangen, aber ich glaube, dass davor schon sehr viel gewesen ist.

Michael Nikbakhsh
Du hast es ausgeführt, also er hat in Dubai mehr oder weniger wahllos versucht, jemanden umzubringen.

Stefan Kaltenbrunner
Wahllos nicht, er hat zwei, drei Leute versucht, irgendwie dort und ist knapp daneben gewesen. Also es hätte sein können, du gehst in Dubai spazieren vom Burj Al Arab und der Beran kommt mit dem E-Scooter, mit dem Messer und sticht dich ab. Das hätte, wäre eine Wahrscheinlichkeit gewesen, aber er hat es nicht gemacht.

Michael Nikbakhsh
Und dann kehrt aber nach Wien zurück, lernt nichts daraus und weiß aber zunächst nicht, das ist, glaube ich, jetzt am ersten Tag hervorgekommen, was er genau tun will. Also er will noch irgendwas tun, aber er ist so quasi in einem Findungsprozess und erkundigt sich dann bei Leuten, was er anstellen könnte.

Stefan Kaltenbrunner
Also er war ja sehr kommunikativ, was mich ja wundert, dass die Polizei nie draufgekommen ist. Also er hat ja auf Instagram, auf Telegram, überall war er in Gruppen drinnen, hat auch Leute in Moscheen irgendwie informiert und in einer Moschee ist er rausgeflogen, weil er den Wiener Attentäter als Märtyrer bezeichnet hat und hat sich permanent bei Leuten erkundigt, was er machen soll. Also er hat IS-Leute kontaktiert, er hat gefragt.

Michael Nikbakhsh
Entschuldige, er hat sich Anschlagsinspiration gesucht.

Stefan Kaltenbrunner
Ja, ja, ja. Es gibt einen jungen Deutschen, der da später verhaftet worden ist, damals, glaube ich, 15, 16 Jahre, den hat er gefragt, wie, also wen muss ich fragen beim IS oder wo muss ich mir die Genehmigung holen, dass das überhaupt dann als IS-Anschlag anerkannt wird, zum Beispiel. Also wo muss ich anrufen und sagen: "Hey, Moment, ich habe ein." Das Zweite, wie man auch dieses IS-Bekenntnis richtig ablegt, dass es auch wirklich eine Gültigkeit hat. Dann hat er sich bei Leuten erkundigt, wie es am besten funktioniert, also angefangen von Gas über Bomben über Autos über Messerattentate etc. und hat dann wirklich sukzessive angefangen, auch sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Also er hat versucht, Pistolen zu kaufen, er war in Wiener Neustadt am Schießplatz, hat dort geübt. Er hat sich ein Blaulicht gekauft, weil er vielleicht sogar geplant hat, mit einem Auto durch die Menschenmenge vorm Ernst-Hapl-Stadion zu fahren. Das hat er sogar geübt. Also er ist ins Burgenland gefahren, zu einem Feuerwehrfest, und da haben sie das Blaulicht draufgetan, das kann man sich im Internet bestellen, und hat einmal geübt, durch eine Menschenmenge durchzufahren. Interessanterweise ist er damals schon von der Cobra überwacht worden, also die haben das live mitgekriegt. Die haben sich das angesehen, was macht er überhaupt, und dann nach Wien gefunkt, was du machst. Der fährt da mit dem Blaulicht im Burgenland beim Feuerwehrstation vorbei. Also es wird alles noch irgendwie besprochen werden, aber das ist auch bekannt. Also er hat das wirklich akribisch vorbereitet und hat sich permanent erkundigt, wie, was, wo. Und dann am Ende des Tages gibt es auch Chat, wo er mit diesen deutschen Komplizen gechattet hat und wo er gesagt hat, er muss jetzt zuschlagen und weißt du schon was, Taylor Swift, ich muss das jetzt bald machen, weil meine Eltern sind auf Urlaub und hat das auch gegoogelt, wann die Beginnzeiten sind und hat das auch im Kalender eingetragen. Und aber wie gesagt, da ist er geständig und da bekennt er sich auch schuldig.

Michael Nikbakhsh
Das klingt jetzt alles vollkommen verrückt, wenn man dir so zuhört, weil es also.

Stefan Kaltenbrunner
Das ist völlig verrückt. Das ist es auch, ja.

Michael Nikbakhsh
Ich plane irgendwas, ich will irgendwo Schaden anrichten, vielleicht ist es eine Bombe, vielleicht mache ich mit einem Auto Leute. Also es ist so, man muss aber dazu sagen, dass, so verrückt das klingt, so sehr war dann doch quasi Commitment da, wenn ich es richtig verstanden habe. Er hat sich ja auch bei einer Security-Firma, die das Taylor-Swift-Konzert bewacht hat, schon im April, glaube ich, beworben. Das Konzert wäre dann im August gewesen. Also das lässt schon auf, also er hatte Vorlaufzeit.

Stefan Kaltenbrunner
Erstens ist, er hatte Vorlaufzeit. Das Zweite ist, er kannte auch Leute, die in dieser Security-Firma drinnen waren. Also der eine Angeklagte, der auch jetzt eingesperrt ist, Luca K., der drinnen gearbeitet hat. Also der hat beim Bühnenaufbau, ist ein Bekannter von ihm gewesen, die haben gemeinsam Zeit verbracht. Also es gibt, glaube ich, doch noch einige Dinge, für die vielleicht noch aufgeklärt werden müssen oder vielleicht noch im Zuge des Prozesses aufkommen. Genau. Und wenn man ihm auch zuhört, das ist eine total krude Gedankenwelt und denkst, das kann ja alles nicht sein. In welcher Welt lebt er da? Das hat alles keinen Zusammenhang. Und auch diese islamistische Agenda, die sie sich ausdenken und wie sie agieren und wie sie interagieren. Aber am Ende des Tages ist es so, dass trotzdem einer von diesen dreien tatsächlich einen Anschlag gemacht hat, die anderen zwei bereit waren, im Ausland einen zu tun. Und der Dritte, der Beran, tatsächlich wahrscheinlich, wir können es jetzt nicht sagen, ob er es dann wirklich getan hätte, aber die Vorbereitungen sind gelaufen und in Wien hätte zuschlagen wollen.

Michael Nikbakhsh
Damit wir es nicht vergessen, es gibt zwei Angeklagte. Wir reden überhaupt nicht über Arda K.

Stefan Kaltenbrunner
Können wir nicht, der ist heute auch nicht einvernommen worden, aber das machen wir vielleicht nächstes Mal.

Michael Nikbakhsh
Ja, also das heißt, der hatte heute faktisch.

Stefan Kaltenbrunner
Der hatte frei, dass er geschickt war, in die Zelle geschickt worden, weil das Ganze auch so lange gedauert hat. Das wird auch noch spannend, also dieses Verhältnis zwischen den dreien und was der dann wirklich in Istanbul gemacht hat und wie der agiert hat, wie er dann zurück war in Wien, bis er verhaftet worden ist, das wird schon ganz, ganz spannend.

Michael Nikbakhsh
Habe ich es richtig verstanden, die Richterin hat bereits einen weiteren Prozesstag ausgelotst?

Stefan Kaltenbrunner
Genau, es wird jetzt einige, ich glaube, bis 28. Mai. Ich glaube, es wird noch zusätzlich was kommen. Also ich nehme an, dass das Urteil im Juni, Anfang Juni verkündet werden wird, aber es wird noch sicher vier, fünf Prozesstage kommen. Es kommt auch darauf an, welche Zeugen geladen werden. Aber es lässt vom ersten Prozesstag, wenn es, es ist, man lässt sehr tief blicken in ein Milieu, das uns völlig unbekannt ist. Also es ist ein migrantisches, junges Milieu, die völlig außerhalb der Gesellschaft agieren, wo du null Einblick hast. Und das ist heute ziemlich gut rausgekommen.

Michael Nikbakhsh
Du wirst den Prozess weiter für uns begleiten. Nächster Verhandlungstag ist am 12. Mai, dass ich jetzt keinen Blödsinn sage. Das heißt, du hast jetzt ein bisschen Luft bis dahin.

Stefan Kaltenbrunner
Genau, entweder ich oder ein Kollege oder eine Kollegin.

Michael Nikbakhsh
Lieber Stefan Kaltenbrunner, vielen Dank.

Stefan Kaltenbrunner
Dankeschön.

Autor:in:

Felix Keiser

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