Die Dunkelkammer
Die Akte Asbest #1 – mit Greenpeace-Aufdecker Stefan Stadler

Von Edith Meinhart. Asbest ist krebserregend und schon lange verboten. Als das Investigativ-Team von Greenpeace vergangenen November einem ersten Hinweis nachging, dass burgenländische Steinbrüche asbesthaltiges Gestein in Umlauf bringen, stellte sich bald heraus: Es liegt weit verstreut herum. In Summe 35 Millionen Tonnen, schätzt Aufdecker Stefan Stadler. Auf Schotterstraßen und Feldwegen. Vor Kindergärten und Spitälern. Auf Parkplätzen und Hauseinfahrten. Im Burgenland. In Ungarn. In Niederösterreich. In der Steiermark. In Wien. Wie konnte das passieren? Wer ist dafür verantwortlich? Über einen Skandal, dessen wahre Größe vielleicht noch gar nicht abzusehen ist.

Edith Meinhart
Herzlich willkommen zur 356. Ausgabe der Dunkelkammer, mein Name ist Edith Meinhart. Heute geht es um Asbest, ein Stoff, der einstmals wegen seiner besonderen Eigenschaften sehr geschätzt wurde, der aber nachweislich krebserregend und deshalb heute vielerorts verboten ist.
Das Wort stammt aus dem Altgriechischen "asbestos" und bedeutet auf Deutsch "unvergänglich". Lange Zeit galten diese fasrigen, kristallisierten Silikatminerale nahezu als Wunder an Beständigkeit gegen Hitze, außerdem hervorragend dämmend. Kein Wunder war es deshalb, dass diese sehr feinen Fasern im Schiffsbau, aber auch in der Bauindustrie oder für Autoreifen beliebt waren, aber auch als Schutzanzüge für Feuerwehrleute, bis ihre gesundheitlichen Gefahren offenkundig wurden.
Das ist eine Weile her. Es kam zu einer Reihe von Asbestskandalen. In Australien wurde sogar eine ganze Stadt namens Willenum, die neben einer Asbestmine gelegen ist, zur Geisterzone. Rund 2000 Menschen sollen dort an den Spätfolgen des eingeatmeten Staubs gestorben sein. Ihr letzter Bewohner war übrigens ein Vorarlberger, er wurde 2019 für die deutsche TV-Sendung "Galileo" interviewt.
Heute ist Asbest, wie gesagt, in vielen Staaten aus dem Verkehr gezogen, aber bis es so weit kam, war die Asbestlobby bemerkenswert umtriebig, weshalb zwischen der Erkenntnis, wie gefährlich das Material ist, bis zu seinem gesetzlichen Verbot sehr viel Zeit verstrichen ist. In Österreich ist erst seit Anfang der 1990er-Jahre die Herstellung und Verwendung von Asbest untersagt.
Und nun sorgt der Stoff wieder für Schlagzeilen und erstaunlicherweise auch für Kontroversen. Der Grund: Im Jänner 2026 mussten vier Steinbrüche im Burgenland zusperren, die tonnenweise asbestbelastetes Material abgebaut haben. Es wurde vor allem in Ostösterreich und in Ungarn ausgebracht, Greenpeace hat an vielen Plätzen Proben genommen und hohe Konzentrationen aufgedeckt.
Ich sitze heute dem Sprecher des Investigativteams der Umwelt-NGO gegenüber, er heißt Stefan Stadler und wird uns gleich von seinen aufrüttelnden Recherchen und dem, was sie ausgelöst haben, beziehungsweise auch dem, was sie nicht ausgelöst haben, berichten. Stefan Stadler, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, schön, dass Sie da sind.
Stefan Stadler
Danke für die Einladung.
Edith Meinhart
Herr Stadler, ich muss zugeben, es hat mich überrascht, dass das Thema Asbest so hohe Wellen schlägt. Ich dachte, man hat das der Vergangenheit gelernt, was der Stoff im menschlichen Körper alles anrichtet und die Konsequenzen daraus gezogen. War das ein Irrtum?
Stefan Stadler
Ich war selber völlig überrascht, dass das nicht eindeutig ist, weil es ist so gut belegt, es ist das bestbelegte Umweltgift, das wir haben.
Der Kampf bis zum Verbot hat 100 Jahre gedauert. Vor 100 Jahren hat eine Betriebsrätin in England einen Bericht geschrieben über die Gefährlichkeit von diesen Asbestfasern, die hat gesehen, was es bei den Arbeiterinnen angerichtet hat, und ab dem Moment war klar, wie gefährlich dieser Stoff ist.
Und dann hat es 100 Jahre bis zum Verbot gedauert, und jetzt haben wir eine Situation, dass vier Steinbrüche mehr Material in Umlauf gebracht haben, mehr Asbestmaterial als die ganze Bauindustrie in Österreich bis zum Verbot.
Edith Meinhart
Sie sind gelernter Archäologe, da hat man mit Asbest eigentlich nicht viel zu tun, aber Sie haben sich in den vergangenen Monaten in das Thema eingearbeitet. Was genau hat Ihre Recherchen angestoßen?
Stefan Stadler
Ich bin auch Chemielabortechniker, also ich habe vor dem Studium eine Lehre gemacht und habe in vielen Chemielaboren gearbeitet, auch in Erdlaboren, habe viele Proben genommen, viele Analysen gemacht und habe dann Archäologie studiert und später dann Sozialökologie mit dem Schwerpunkt Umweltgeschichte. Also so Austausch zwischen Mensch und Natur war so mein Hauptziel.
Und unsere Recherchen haben, also wir haben vor zwei, drei Jahren bemerkt, es gibt einfach in Österreich ein großes Problem, weil viele Umweltskandale von den Institutionen, von den Umweltanwaltschaften einfach ignoriert werden. Und wir haben bemerkt, immer mehr Leute schreiben uns, und diese Briefe sind immer bei mir gelandet. Und dann haben wir gesagt, okay, wir bilden jetzt ein Investigativteam und haben eine Whistleblower-Plattform eingerichtet auf der Homepage.
Und da haben wir letztes Jahr eben einen Hinweis bekommen, dass im Burgenland in einem Steinbruch Asbest abgebaut wird. Und dann habe ich, es gibt so einen Moment, ich bekomme sehr viele Hinweise, und es gibt dann immer diesen Moment, wo man weiß, zwischen den Zeilen, da ist was dran. Und in einem ersten Schritt habe ich mir angeschaut, wie ist die Geologie, was sagt die geologische Literatur, und bin dann kurz verzweifelt, weil das so eindeutig ist.
Und in Österreich gibt es Lagerstättenkataloge, wo ganz genau beschrieben ist, wo welche Lagerstätten sind. Und in diesen Serpentinit-Zonen im Burgenland steht sinngemäß in der Literatur, die sind stark, dort sind die Asbestvorkommen. Und man hat dort auch Asbest abgebaut bis zum Zweiten Weltkrieg. Man hat auch überlegt, in den 60er-Jahren dort wieder einen Asbestabbau zu machen.
Und es ist, es war so eindrücklich, wie ich das gelesen habe, und ich habe gedacht, wie kann das sein, dass diese Minen dann nicht zugesperrt wurden, diese Steinbrüche.
Edith Meinhart
Das ist die große offene Frage. Ich bin selbst öfter im Südburgenland. Wenn dort die Sprache auf Asbest kommt, dann hört man oft beschwichtigende Aussagen. Tenor, so schlimm ist das nicht, und sehr oft auch Greenpeace übertreibt, man kann der NGO gar nicht trauen. Was antworten Sie darauf?
Stefan Stadler
Mit Fakten. Wir haben eindeutige Laborbelege, das Material ist mit freiem Auge erkennbar, es polarisiert extrem das Thema. Ich bekomme sehr viele Zuschriften von Menschen, die sagen, es liegt bei Ihnen überall herum, Sie haben es im Haus, Sie haben es vorm Haus, die Leute machen Labortests, Sie haben es in den Autos, Sie haben es in den Häusern, diese Fasern im Hausstaub. Es ist, es hat mich zu Beginn so fassungslos gemacht, dass dieses Material wirklich großflächig auf Schotterwegen, neben Kinderspielplätzen, neben Krankenhäusern offen liegt. Und die deutschen Labore, mit denen wir zu Beginn kooperiert haben, die haben zu uns gesagt, sie haben so ein Material, ist Bilderbuch-Asbest. Normalerweise kauft man das zu, weil das so eine schöne Reinheit hat, um die Elektronenmikroskope, die zur Untersuchung benötigt werden, sozusagen einzustellen und zu kalibrieren. Und das ist, das ist einfach Bilderbuch-Asbest, der da abgebaut und verteilt wurde.
Und ich höre sehr oft, dass die Leute sagen, ja, das liegt hier schon seit 30 Jahren. Und das Problem beim Asbest ist, dass, wenn es im Material ist, ist es ja noch nicht gefährlich. Es muss sozusagen in Form von Fasern, die eine bestimmte Größe haben, in die Luft kommen, und dann müssen wir sie einatmen, und dann entwickeln diese Fasern erst nach, im Schnitt 30 Jahre, sagen Medizinerinnen, es kann aber auch 60 Jahre dauern, entwickeln diese Fasern sozusagen ihre krebserregende Wirkung, weil die bleiben für immer im Körper, die kommen nicht mehr raus, die wandern zum Teil auch, und es gibt da verschiedene Krebse, die ausgelöst werden.
Edith Meinhart
Über das reden wir noch. Fangen wir vielleicht mit den konkreten Zahlen, Daten, Fakten an. Greenpeace hat im Burgenland neun Gesteinsproben genommen, etwa vor der Klinik Oberwart, in einer Einfamilienhaussiedlung oder auch auf einem Kinderspielplatz, und ins Labor gebracht. Und es hat sich herausgestellt, dass alle zwischen 20 und 50 Prozent Asbest enthielten. Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie erstmals Wind von diesem eigentlich dramatischen Befund bekommen haben, und was genau bedeutet der?
Stefan Stadler
Also, wir haben mit der Recherche zuerst begonnen, uns die Steinbrüche anzuschauen, das war im November. Und bei diesen Recherchetouren haben wir festgestellt, wie das Material aussieht, und dann haben wir gesehen, das Material liegt großflächig verteilt, und dann ist Weihnachten gekommen, und die Steinbrüche wurden behördlich gesperrt.
Und wir waren ziemlich überrascht und haben gesagt, okay, warum wurden die jetzt gesperrt, hängt das mit unseren Recherchen zusammen. Und dann hatten wir eine Teamsitzung und haben entschieden, das Material liegt überall, und das wird jetzt nicht aufgeklärt, wir müssen Materialproben ziehen.
Und dann sind wir eine Tour gefahren und haben halt Orte gesucht, wo das Material liegt, wo es auch kritisch ist, wo zum Beispiel Leute daneben leben oder wo ein Krankenhaus ist oder wo Kinder spielen, Kinderspielplätze. Und wir waren uns ja nicht sicher bei den ersten Proben, wie viel Asbest oder was ist, wie sieht das genau aus, ist das wirklich reiner Asbest oder nicht.
Und dann haben wir halt verschiedene Steine ins Labor eingeschickt, wo wir, bei Steinen waren wir uns ziemlich sicher, dann gibt es Abstufungen, die werden dann grau und oder auch sie sehen aus wie so schimmelig, so ein bisschen grüner Überzug. Und alle Proben, die wir eingeschickt haben, waren hoch asbesthältig.
Und als ich dann den Laborbefund übermittelt bekommen habe, war ich völlig neben der Spur.
Edith Meinhart
Sie haben gesagt, die Steinbrüche wurden etwa zu dieser Zeit gesperrt, das war im Anfang Jänner 2026?
Stefan Stadler
Ende Dezember ungefähr.
Edith Meinhart
Ende Dezember. Und hatte das mit Ihren Recherchen zu tun?
Stefan Stadler
Nein. Das geht darauf zurück, dass sozusagen die EU hat 2023 eine neue Richtlinie für Asbest herausgegeben, da geht es vor allem um Arbeitnehmerschutz, dass die Schutzmaßnahmen erhöht werden für die Arbeitnehmerinnen, die mit Asbest in Kontakt kommen.
Und es gibt für Arbeitnehmerinnen, und das gilt nur für Arbeitnehmerinnen, einen Grenzwert von 100.000 Fasern, und der wurde auf 10.000 Fasern herabgesenkt, und der soll 2029 auf 2.000 Fasern pro Kubikmeter in der Luft herabgesenkt werden. Also da geht es nur um Arbeitnehmerschutzthematiken.
Und im Zuge dieser EU-Richtlinie musste Österreich das binnen drei Jahren umsetzen, und die Umsetzung in Österreich erfolgte mit 1. Jänner 2026. Und im Zuge dieser Umsetzung haben die Behörden in den Steinbrüchen Materialproben entnommen.
Da wurden also ein Steinbruch produziert, Schotter, Sand, Feinkies, also all diese Gesteinsgrößen, und da wurden von den Produkten drei Proben genommen, Feinmaterial wie Sand, Streusplit und Schotter und auch Wandmaterial.
Und diese Proben waren alle hochpositiv, und deswegen haben die Behörden im Burgenland entschieden, die Steinbrüche mit sofortiger Wirkung aus Gesundheitsrisiko zu sperren. Und die Gehalte lagen zwischen 2 bis 100 Prozent Asbestgehalte in dem Material.
Edith Meinhart
Auf das kommen wir auch noch zurück, weil da gibt es ja schon eine jahrzehntelange Geschichte des Nicht-Probennehmens offensichtlich oder des Nicht-Hinschauens.
Im ungarischen Grenzgebiet haben die veröffentlichten Befunde dazu geführt, dass die Behörden sofort reagieren, auch relativ dramatisch in der Ortschaft Szombathely, wurde sogar der gesundheitliche Notstand ausgerufen, FFP3-Masken wurden empfohlen und die erlaubte Geschwindigkeit im Verkehr gedrosselt.
Auf burgenländischer Seite hat man den Eindruck, herrschte vergleichsweise Gelassenheit für außenstehende Beobachter. Stellt sich da die Frage, wie kann das sein, Laborwerte sind doch keine Glaubensfrage, ist die Bevölkerung in Gefahr oder nicht?
Stefan Stadler
Der Befund ist eindeutig, und das faserfreie Setzungspotenzial von diesen Asbestmineralien, die da offen herumliegen, ist sehr, sehr hoch.
Und im Burgenland wurde eine Taskforce gegründet, nachdem wir diese Materialproben eröffnet haben, veröffentlicht haben. Und diese Taskforce hat mit Luftmessungen begonnen, hat sich sehr viel Zeit gelassen, sie haben sehr widersprüchliche und falsche Informationen auch auf ihre Homepage gestellt.
Und in Ungarn ist man da ganz anders vorgegangen. In Ungarn hat man Messungen gemacht, da war auch ein österreichisches Labor beteiligt, das auch in der Taskforce sitzt im Burgenland, und da wurden zwischen 40.000 bis 200.000 oder fast 300.000 Fasern in der Luft gefunden auf dieser Straße, das ist eine Schotterstraße in einer Wohnsiedlung.
Und diese Messung hat Ausschlag gegeben, dass man erkennt, okay, wenn diese Schotterstraßen befahren werden, dann werden extrem viele Fasern frei, die in die Luft gelangen, und die Leute wohnen daneben und atmen die ein und sind entsprechend einem hohen Risiko ausgesetzt.
Und deswegen haben, also das ist wie Tag und Nacht, wie in Ungarn gearbeitet wird und wie im Burgenland gearbeitet wird.
Edith Meinhart
Ja, also für außenstehende Beobachter ist das überhaupt nicht einzuordnen. Man denkt sich, die einen übertreiben, die anderen untertreiben, wem soll man da jetzt trauen?
Stefan Stadler
Naja, wie gesagt, die Messungen, die in Ungarn gemacht wurden, war auch ein österreichisches Labor dabei. Wir haben jetzt auch Messungen aus Niederösterreich, die das bestätigen.
Also das faserfreie Setzungspotenzial von diesen Asbestmineralien, wenn es in Schotter, in Streusplit oder im Kies liegt, das ist bekannt, vor allem wenn es trocken ist, weil es ist immer wetterabhängig. Wenn es nass ist, kommen weniger Fasern in die Luft, und wenn es trocken ist, kommen viele Fasern in die Luft.
Und die ersten Messungen der burgenländischen Taskforce lagen so zwischen 500 bis 800 Fasern in Oberwart, wurden da gefunden in der Luft. Und sie haben dann einen Grenzwert von 1.000 festgelegt für sich, einen Referenzwert. Wenn mehr wie 1.000 Fasern pro Kubikmeter sind, müssen sie Maßnahmen setzen.
Aber sie haben nicht dazu gesagt, wenn ich bei Nässe und Kälte draußen messe, dann sollte ich gar keine Fasern finden. Gar keine. Und sie haben so viele Fasern gefunden.
Und jetzt im Sommer sehen wir die Messungen, jetzt haben sie selber auch 13.000 auf einer Schotterstraße gemessen, wo am Tag zwei Autos fahren.
Edith Meinhart
Asbest kommt ja natürlich vor, aber eben nicht überall. Sie haben schon gesagt, sie haben sich in die südburgenländische Geologie vertieft. Und in der fraglichen Zone, wo eben Asbest vorkommt, gibt es vier Serpentinit-Steinbrüche. Und zwar in Pilgersdorf, in Bernstein, in Rumpersdorf und in Badersdorf. Sie haben diese Abbaugebiete persönlich abgeklappert?
Stefan Stadler
Ja, wir waren dort vor Ort und haben uns die Steinbrüche angeschaut. Und zum Beispiel in Pilgersdorf, da fährt man sehr lange durch den Wald auf einer Schotterstraße, die ist voll mit Asbest.
Dann kommt man zum Steinbruch Tor, also da ist ein Schranken, da ist ein Schild, wo Maskenpflicht ist und der Hinweis, dass man das Gelände nicht betreten darf. Und direkt neben diesen Schranken ist ein superschöner, riesiger, reiner Asbestfelsen.
Und diese Steinbruchfirmen mussten normal, wenn sie Erweiterungen machen oder Genehmigungen brauchen, müssen sie Gutachten vorlegen über die Lagerstätte, wo sie abbauen. Und es ist mir einfach ein Rätsel, welcher Geologe da hinfährt und den Asbest nicht erkennt.
Und ich habe auch eine Publikation gefunden aus 2006, die eben diese Steinbrüche beschreibt, und da steht drinnen, dass überall im Steinbruch Asbestfasern sind.
Edith Meinhart
Und eben, das ist das Bemerkenswerte, das ist ja nicht erst seit gestern ein Steinbruch, sondern da wird seit Jahrzehnten abgebaut. Und das auch noch dreieinhalb Jahrzehnte übrigens nach dem Asbestverbot in Österreich. Das ist doch nicht möglich, dass das Gestein nie untersucht worden ist, oder doch?
Stefan Stadler
Mir wurden Berichte zugespielt aus den 90er Jahren, und da ist einer sehr spannend, der ist aus 1994, da hat die burgenländische Landesregierung, das Gesundheitsamt, Schotterproben aus Bernstein in ein Labor nach Graz geschickt, und das Grazer Labor hat zurückgemeldet, wir haben in allen Schotterproben Asbest gefunden, in manchen deutlich über diesen 0,1 Prozent Grenzwert, den es damals gab und der damals festgeschrieben war in Österreich.
Und die burgenländische Landesregierung hat das dann auch ans Umweltministerium geschickt, da liegt mir auch ein Schreiben vor, und das Umweltministerium hat damals zurückgeschrieben, es muss geprüft werden, ob diese Schotter gefährlich sind, ob diese Schotter sozusagen Leute gefährden können, wie das bei Belastung aussieht.
Und dann ist einfach gar nichts passiert.
Edith Meinhart
Sie haben auf Ihrer Homepage, Greenpeace-Homepage, auch noch weitere Indizien zusammengetragen, dass die Behörden sehr wohl wussten, um was für ein Material es sich da handelt. Da ist auch ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofs dabei aus dem Jahr 1999, eine geologische Studie aus 2006 und ein Bescheid des Umweltministeriums, der aus 2008 stammt. Was ist denn diesen Dokumenten zu entnehmen? Die kann übrigens auch jeder einsehen, ich stelle dann den Link in die Shownotes.
Stefan Stadler
Ja, das aus den 90er Jahren, da geht es um die Genehmigung einer Asphaltmischanlage. In Asphaltmischanlagen werden Steinbruchprodukte, Schotter, mit Bitumen gemischt, und daraus wird Asphalt produziert, und das wird dann sozusagen unser Straßenbelag, auf dem wir fahren.
Und wie diese Anlage gebaut wurde, haben Anrainerinnen faustgroße reine Asbestbrocken vorgelegt und gesagt, wir sind hier Asbestfasern ausgesetzt, wenn dort diese Steinbruchprodukte in Umlauf gebracht werden. Und dieser Bescheid ist dann auch, das hat das Land Burgenland erstellt, und die Bundesverwaltung hat diesen Bescheid aufgehoben, weil sie prüfen müssen, ob nicht eine Gefährdung der Nachbarschaft vorliegt.
Also das haben auch die Leute dort gewusst, dass da sozusagen faustgroße Asbestbrocken in diese Anlage reinkommen. Und die haben sie auch bei dieser Verhandlung vorgelegt.
Und dann hat man das trotzdem irgendwie genehmigt und hat das schön still und heimlich einfach weitergemacht. Und jetzt finden wir halt in Wien zum Beispiel in den Asphalteckschichten überall diese reinsten Asbesteinschlüsse.
Edith Meinhart
Sie haben schon angesprochen, das Problem ist, dass das belastete Material nun überall verstreut herumliegt. Es wurde Straßenasphalt beigemischt oder als Rollsplit ausgebracht. Was ist denn sonst noch alles damit passiert? Auch Sand, glaube ich, wurde produziert?
Stefan Stadler
Ja, also wir haben Sand gefunden, zum Beispiel in einer Boccia-Bahn, wo man mit diesen Eisenkugeln wirft. Das war in Niederösterreich, das war 5 bis 20 Prozent Asbestgehalt.
Wir haben es in Straßenbanketten, also Straßenrand. Wir haben es in den Asphalten. In Burgenland habe ich Asphalte gesehen, da war jeder fünfte Stein an der Oberfläche ein reiner Asbeststein.
Und Asbest ist, muss man sich vorstellen, das ist wie Kreide, das zerbröselt relativ schnell. Das ist ein Mineral, das sehr schnell zerfällt, bei geringster Belastung, also draufsteigen reicht.
Wir haben es in den Schotterstraßen und auch im Streusplit wurde es eingesetzt. Und Streusplit ist halt besonders tückisch, weil der liegt auf der Straße, die Autos fahren darüber und der reibt sich ab und da hat man extremes Faserfreisetzungspotenzial, auch im Winter.
Edith Meinhart
Lässt sich eigentlich abschätzen, wie viel insgesamt bereits in Umlauf gebracht worden ist?
Stefan Stadler
Ja, es gibt das Mineralrohstoffhandbuch, so ähnlich heißt das. Das wird vom Finanzministerium herausgegeben, da ist die Behörde, die da zuständig ist, angesiedelt.
Und die schreiben, dass drei der Steinbrüche ungefähr 900.000 Tonnen pro Jahr abgebaut haben. Der vierte Steinbruch hat pro Jahr ungefähr 200.000 Tonnen abgebaut, also rund eine Million, ein bisschen mehr Tonnen pro Jahr von diesem Material wurde in Umlauf gebracht.
Und wir sind dann zurückgegangen und haben versucht zu rekonstruieren, wie viele Tonnen insgesamt seit dem Asbestverbot in Umlauf gebracht wurden. Und es sind 35 Millionen Tonnen, die in Umlauf gebracht wurden, und das sind gewaltige Mengen. Richtig gewaltige Mengen.
Edith Meinhart
Sie sind dann als Greenpeace Anfang Jänner mit der ersten Recherche in die Öffentlichkeit gegangen. Was war denn damals der Stand der Dinge und was war das Echo darauf?
Stefan Stadler
Naja, der Stand der Dinge war, die Steinbrüche sind gesperrt. Da gab es kurz ein bisschen Berichterstattung, dann ist nichts passiert.
Und bevor wir das veröffentlicht haben, mussten wir das vorher Journalistinnen sozusagen geben und dann ist das auch bei der burgenländischen Landesregierung gelandet und wir hatten dann ziemlichen Stress, das zu veröffentlichen, dass wir die ersten sind sozusagen, die rausgehen.
Und wir haben das veröffentlicht und das Medienecho war riesig. Also wir hatten einen TIP1-Beitrag, es war in allen Bundeslandradios, es war in vielen Zeitungen.
Und dann haben wir weitere Proben schon genommen gehabt an anderen Orten. Wir haben das Material dann auch sozusagen in der Steiermark gefunden, auch in Niederösterreich, und haben so peu à peu sozusagen aufgedeckt, wo das Material überall liegt.
Edith Meinhart
Gab es auch Reaktionen der Landesregierung, auch off the record, also hinter den Kulissen?
Stefan Stadler
Ja, wir haben das am Freitag sozusagen veröffentlicht und am Montag hat die Landesregierung im Burgenland eine, wie heißt das, eine Pressekonferenz eingerichtet zu unseren Veröffentlichungen. Wir sind dort hingefahren, ich und meine Kollegin, und wir wurden nicht reingelassen. Wir wurden einfach nicht reingelassen, weil wir nicht akkreditiert sind und wir haben vorher extra noch bei der APA angerufen und die haben gesagt, fahrt hin, ihr kommt da sicher rein.
Und dann haben die da drinnen über unsere Veröffentlichung geredet und haben kundgetan, dass jetzt eine Taskforce eingerichtet wird. Und diese Taskforce wird von Herrn Professor Hutter geleitet, das ist ein Umweltmediziner. Sie haben auch ein Labor, den Herrn Kochberger, der betreut das.
Und bei dieser Pressekonferenz wurde versprochen, dass man das transparent macht, dass man alle Messwerte veröffentlicht, dass man einen wissenschaftlichen Zugang hat. Und jetzt nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass alles, was dort gesagt wurde, ist überhaupt nicht erfüllt worden.
Edith Meinhart
Das haben Sie im Nachhinein erfahren, was gesagt wurde?
Stefan Stadler
Ja, es wurde live übertragen. Wir sind draußen gesessen und haben sozusagen den Livestream geschaut.
Edith Meinhart
Aber nicht antworten können.
Stefan Stadler
Genau. Wir konnten auch keine Fragen stellen.
Edith Meinhart
Sie haben gesagt, der erste Hinweis für die Recherchen kam ja aus der örtlichen Bevölkerung. Man hat den Eindruck, je näher die Menschen an den Steinbrüchen wohnen, desto weniger wollen sie darüber reden. Wie erklären Sie sich das? Und wie passt das dann zusammen, dass es schon Anrainer gab, die versucht haben, Hilfe zu holen?
Stefan Stadler
Es gibt dort jetzt auch noch viele Anrainerinnen, die sich absprechen und die da dagegen sind und die auch versucht haben, sozusagen das aufzudecken. Und es gibt auch eine Reihe von Zeitungsberichten, die immer wieder aufgepoppt sind, dass dort eine Asbestbelastung ist. Aber es ist da nie was passiert. Es wurde immer der Deckmantel des Schweigens darüber gelegt.
Und mein Eindruck ist, die burgenländischen Gemeinden sind sehr kleine Gemeinden, die haben zum Teil nur 600, 700 Einwohnerinnen. Und mir wurde auch durch die Bank von Menschen, die sich mir anvertraut haben, berichtet, dass sie Angst haben, dass sie dann von der Dorfgesellschaft ausgeschlossen werden, dass, wenn sie etwas sagen und zur Bürgermeisterin gehen, dass sie dann mit Sanktionen behaftet sind.
Also da herrscht sehr viel Angst, weil wenn ich jetzt dort ein Haus habe und ich brauche irgendeine Genehmigung für irgendetwas, das ich halt mache, dann habe ich Angst, wenn ich jetzt laut und provokant bin oder kritisch, dass ich nachher dann bestraft werde. Also das ist so, so stellt sich mir die Situation teilweise dort dar.
Und die Gemeinden, die rund um die Steinbrüche sind, haben ja auch gut verdient mit den Steinbrüchen, weil die Steinbrüche hatten so Zufahrtsstraßen und in einer Gemeinde zum Beispiel, die haben da im Jahr dann 140.000 Euro ungefähr bekommen für diese Nutzungsrechte und das Einkommen fehlt den Gemeinden jetzt und jetzt streichen sie zum Beispiel Kindergartengruppen oder Sozialleistungen, weil sie das Geld nicht mehr haben. Also für die Gemeinden war das eine wichtige Einkommensquelle.
Und man muss sagen, die Steinbrüche sind immer gepachtet und die Grundeigentümer verdienen da auch mit. Das heißt, die sind da alle eng wirtschaftlich sozusagen verflochten und auch abhängig und profitieren auch von diesen Betrieben.
Edith Meinhart
Ich habe mich gefragt, was jetzt ein Einfamilienhausbesitzer da von dem Steinbruch hat, warum der Angst hat, da etwas zu sagen. Aber wenn das so verwoben ist, ist das nachvollziehbar. Fassen wir kurz zusammen, also seit 1990 war klar, dass man Asbest nicht verkaufen darf.
Stefan Stadler
Ja.
Edith Meinhart
Dann gab es schon 2003 eine erste EU-Richtlinie, wenn ich das richtig verstanden habe.
Stefan Stadler
Ja, 2005, glaube ich, ist sie.
Edith Meinhart
Ja, die besagt hat, dass Asbest illegal ist, aber vor allem dann, wenn es zugesetzt ist, nicht wenn es natürlich vorkommt, was bei Steinbrüchen ja der Fall ist. Waren die Steinbrüche damit die längste Zeit in einer Grauzone oder in einer legalen Zone, wie ist das eigentlich einzuordnen?
Stefan Stadler
Ja, das österreichische Asbestverbot ist 1990 in Kraft gegangen bis zur EU. Regelung 2005 war eindeutig, dass sich keine asbesthältigen Stoffe größer 0,1 Prozent in Verkehr bringen darf. Punkt. Das ist eindeutig.
Dann ist die EU-Richtlinie gekommen und dann wird es ein bisschen kompliziert, weil eben, wie schon angesprochen, dieser Passus steht, wenn sie künstlich zugesetzt werden. Das trifft ja nicht zu, weil das ist quasi ein geogener Asbest unter Anführungszeichen.
Aber es ist ganz klar geregelt, dass Asbest als organ- und krebsschädigend der Kategorie 1A in der REACH-Verordnung, das ist die Chemikalienverordnung der EU sozusagen, klassifiziert ist. Und diese Stoffe und Gemische, die so klassifiziert sind, haben einen Schwellenwert von 0,1 Masseprozent, also man darf sie nicht in Umlauf bringen.
Und die Rechtseinschätzung von großen Anwaltskanzleien oder auch vom Umweltministerium ist, dass diese Stoffe nicht in Umlauf gebracht hätten werden dürfen, weil man hätte sie deklarieren müssen als krebserregend und organschädigend.
Edith Meinhart
Das ist nicht passiert.
Stefan Stadler
Das ist nicht passiert. Zum Teil liegen mir Lieferscheine vor, wo bei diesem Passus draufsteht, unbedenklich.
Edith Meinhart
Es gab 2008 eine Verurteilung einer burgenländischen Firma, die Rollsplit in 25-Kilosäcke abgefüllt hat. Einer dieser Säcke landete in Salzburg, haben Sie mir erzählt, mit bewerkenswertem Ergebnis, wie Sie recherchiert haben. Was ist da passiert?
Stefan Stadler
Ja, ein Umweltmediziner, der in Salzburg wohnt, hat bemerkt, dass sich der Streusplit sehr komisch verhält in seinem Innenhof. Er hat dann eine Probe genommen und hat herausgefunden, da ist Asbest. Das hat das Labor bestätigt.
Und da der Streusplit in Säcken abgefüllt worden ist, fällt er unter das Produktsicherheitsgesetz. Und dann ist das Ministerium, das Sozialministerium, aktiv geworden und hat nachrecherchiert, welche Firma hat das in Verkehr gebracht und hat die Firma per Bescheid gezwungen, die letzten zwei Jahre die gesamte Produktion einen Rückruf zu machen.
Dieser Bescheid wurde angefochten und das Urteil findet man heute auch in der RIS-Datenbank online sehr schnell. Und dieser Bescheid wurde versucht zu bekämpfen, aber sie haben verloren vor Gericht.
Und das Bemerkenswerte ist, dass ganz klar war, welcher Steinbruch das geliefert hat. Und die BH Oberwart, die für diesen Steinbruch zuständig ist, hat einen Sachverständigen hingeschickt, der dann einfach gesagt hat, das kann nicht aus dem Steinbruch kommen, weil diese Asbestfaser dort nicht vorkommt.
Edith Meinhart
Und?
Stefan Stadler
Also das stimmt natürlich nicht, weil diese Asbestfasern, die Amphibolasbeste und Tremolit finden wir überall in den Proben, die dieser Steinbruch quasi vertrieben hat oder verkauft hat.
Edith Meinhart
Kann man eigentlich nachweisen, grundsätzlich, welcher Stein woher stammt?
Stefan Stadler
Ja, also diese Serpentinite sind eindeutig mit freiem Auge zu erkennen. Man kann es auch im Labor untersuchen. Und Steine haben so etwas wie einen Fingerabdruck und man kann das sehr genau zuordnen, wo die herkommen.
Edith Meinhart
Das heißt, damals hätte man eigentlich schon der Sache auf den Grund gehen müssen, spätestens damals.
Stefan Stadler
Spätestens damals war klar, woher, weil diese Firma hat sozusagen vom Steinbruch diesen Rollsplit gekauft, hat diesen Säcke abgefüllt und verkauft und die wussten ja ganz genau, wo sie das Material gekauft haben. Das ist auch jetzt so, wenn ich zum Beispiel betroffen bin, ich habe ein Einfamilienhaus und ich habe diesen Schotter, dann weiß ich, welche Baufirma mir das geliefert hat und die Baufirma weiß, welcher Steinbruch der Lieferant ist.
Edith Meinhart
Blicken wir nochmal kurz über die Grenze nach Ungarn, wo es ja keine Steinbrüche gibt, weshalb die Region Kies, Schotter, Sand immer aus den burgenländischen Abbaugebieten bezogen hat. Greenpeace hat deshalb auch in Ungarn Proben genommen. Was ist denn dabei herausgekommen?
Stefan Stadler
Wenn man das Burgenland kennt, weiß man, wenn man zum Beispiel nach Rechnitz fährt, muss man oft über Ungarn fahren. Und wir wollten eigentlich nicht über Ungarn fahren, weil wir keine Reisepässe dabei hatten und das Navi hat uns trotzdem über Ungarn geschickt.
Und dann sind wir sozusagen durch die ungarische Peripherie dort gefahren und bei einem Parkplatz in Grenzdorf in Poschok habe ich mir gedacht, das Material schaut so komisch aus, bleiben wir kurz stehen und nehmen eine Probe. Und dann haben wir diesen Friedhofsparkplatz dieser kleinen Gemeinde Poschok beprobt und das Material war auf den ersten Blick jetzt nicht so ultraverdächtig, aber die Probe war eindeutig.
Es war eindeutig mehr als 20 Prozent Asbestgehalt. Und wir haben das dann gemeinsam mit den ungarischen Büros veröffentlicht und das hat dann eine Lawine losgetreten in Ungarn, weil plötzlich die Behörden, die Bezirksbehörden dort sozusagen, die Komiteate, begonnen haben, großflächig Schotterproben zu nehmen und die auf Asbest zu analysieren.
Und es sind alle Proben positiv, oder der Großteil, oder das Labor hat zu mir gesagt, 90 Prozent der Proben sind positiv. Und wenn man auf unsere Karte schaut, wo wir diese Asbestfunde eingetragen haben, bemerkt man, dass in Ungarn die Behörden sehr viel testen und das alles veröffentlichen und auch Kataster anlegen, wo das Material liegt. Und so ist sozusagen der Skandal in Ungarn losgetreten worden.
Edith Meinhart
Sie haben gesagt, die Behörden haben extrem rasch reagiert. Die Ergebnisse sind auch öffentlich einsehbar. Es wurde eine Hotline eingerichtet.
Stefan Stadler
Also in Szombathely waren wir beim Bürgermeister und die haben in dem Moment, als es bekannt wurde, ein Rundschreiben an alle Einwohnerinnen, also in Szombathely wohnen 80.000 Menschen, die haben ein Forum abgehalten, wo alle kommen konnten. Die haben ein mobiles Messteam aufgestellt, das herumfährt und schnell prüft, Asbest, ja oder nein. Die haben großflächig Proben genommen, sie haben Maßnahmen geprüft, dass es sozusagen weniger in der Luft ist, sie haben den Leuten gute Beschreibungen gegeben, sie haben gesagt, tragt eine Maske, wischt den Haustieren die Pfoten ab, geht mit Kinderwägen nicht auf diesen Schotterflächen spazieren, haben einen Kataster angelegt, haben ein Verdachtsmeldetelefon eingerichtet und prüfen jeden Standort, der dort gemeldet wird. Und das wird alles auf der Homepage der Stadt veröffentlicht. Und im Burgenland passiert das alles nicht.
Edith Meinhart
Kleiner Einschub: Am 12. April wurde in Ungarn das Orbán-System abgewählt. Der neue Premierminister heißt Peter Magyar und dessen Vater stammt aus Szombathely. Wie sehr spielt da Ihrer Einschätzung nach die Politik mit rein?
Stefan Stadler
Im Asbestskandal in Ungarn jetzt? Das haben zuerst die Bezirksbehörden sozusagen begonnen aufzudecken und die einzelnen Kommunen und Gemeinden dort. Und dann ist das so groß geworden, dass der Umweltminister, der neue, sozusagen tätig geworden ist und auch in die Region gefahren ist und sich das angeschaut hat.
Und Orbán hat sozusagen davor noch versprochen, dass das alles finanziert und weggeräumt wird. Und dann ist die neue Regierung gekommen und hatte dieses Versprechen am Hals, dass das alles finanziert werden muss. Und dann haben sie auch sehr rasch verstanden, wie groß dieses Problem ist.
Und sie haben, finde ich, sehr gut reagiert, weil das erste war ein Exportstopp von den österreichischen Steinbrüchen. Sie haben versucht, von den österreichischen Behörden Informationen zu bekommen und sie wurden da völlig in der Dunkelheit gelassen. Das Land Burgenland streitet zum Beispiel, was ich sehr erstaunlich finde, bis heute ab, dass die Schotter, die in Ungarn liegen, aus dem Burgenland stammen, weil das ist so eindeutig und die Ungarn haben auch Belege dafür.
Und so ist es sozusagen bis zum Magyar vorgedrungen, weil hier ganz klar Haftungsfragen im Vordergrund stehen, also dass die Republik Ungarn sich sozusagen beim Verursacher dieses Skandals finanzielle Entschädigung erwartet, weil es gibt das Verursacherprinzip und das ist sozusagen ein Spannungsfeld zwischen den beiden Ländern.
Und wie Magyar in Wien war, beim Staatsbesuch, war eine einstündige Pressekonferenz, wo 20 Minuten über Asbest gesprochen wurde. Und Kanzler Stocker hat bei dieser Pressekonferenz zugesagt, dass er gemeinsam mit den Ungarn eine Arbeitsgruppe einrichtet, die bilateral ist. Und von dieser Arbeitsgruppe habe ich aber seither noch gar nichts bis sehr wenig gehört.
Edith Meinhart
Die burgenländische Taskforce, das haben Sie schon erwähnt, wird von dem eigentlich recht namhaften Arbeitsmediziner Hans-Peter Hutter geleitet, der Ende Mai gegenüber der Wochenzeitung Falter erklärte, er analysiere ganz nüchtern. Das klingt ja jetzt mal beruhigend, aber Sie sehen seine Arbeit in der Causa durchaus kritisch. Warum?
Stefan Stadler
Weil er in sehr vielen Interviews Auftritte gemacht hat und gesagt hat, Sonnenstrahlung ist auch krebserregend oder Diesel-Rostpartikel sind viel gefährlicher.
Und bei all diesen Schadstoffen ist nicht die Frage, was gefährlich ist, sondern die Frage ist, wie viel sind wir ausgesetzt. Es gibt auch eine kumulative Wirkung sozusagen und als Mediziner kann er nur beurteilen, was sozusagen im Körper passiert, wenn ich die Fasern einatme.
Und er kann nicht beurteilen, wie hoch das Faserfreisetzungspotenzial von einem Schotter ist. Und hier wurde immer wieder kalminiert und er ist sozusagen das Sprechorgan oder das Feigenblatt der burgenländischen Landesregierung in dieser Causa.
Edith Meinhart
Ich komme nochmal darauf zurück, dass Laborwerte ja keine Glaubensfrage sind. Der Herr Hutter ist ja auch ein naturwissenschaftlich ausgebildeter Wissenschaftler. Also dient diese Kommunikation dann dazu, der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen aus Ihrer Sicht?
Stefan Stadler
Ja, eindeutig.
Edith Meinhart
Ich scheue mich ja, diese Frage überhaupt zu stellen, weil ich davon ausgehen möchte, dass Laborwerte in Österreich nicht manipuliert werden. Ich gehe jetzt trotzdem vorsichtig nach: Welchen Laboren vertraut denn Greenpeace und warum?
Stefan Stadler
Wir haben zu Beginn entschieden, dass wir auf jeden Fall ein deutsches Labor nehmen, weil wir nicht wussten, welche Labore in Österreich befangen sind. Weil viele Labore oder viele Sachverständige arbeiten auch mit den Steinbrüchen und da gibt es Vernetzungen und deswegen haben wir uns für ein deutsches Labor entschieden. Jetzt, ich kann als Umwelt-NGO jetzt auch nicht sagen, welches Labor man nehmen soll. Ich will da keine Tipps geben. Wenn man sicher gehen will, geht man nach Deutschland.
Edith Meinhart
Wie geht man denn an den unterschiedlichen Orten mit den Ergebnissen um? Es wurde ja Asbest gefunden, das haben Sie auch schon kurz angedeutet, in Wien, in Niederösterreich, in der Steiermark und eben im Burgenland. Welche Unterschiede erkennen Sie da?
Stefan Stadler
Im Burgenland wurde diese Taskforce eingerichtet und bis jetzt wurde, glaube ich, nur bei einer Stelle etwas überdeckt. Die Gemeinden werden alleingelassen, wir berichten die Leute oder die Bürgermeisterinnen auch, dass sie keine Antworten bekommen. Wenn man dort anruft bei dieser Hotline, bekommt man nur wenig Antworten. Bei Rückrufen wird überhaupt nicht reagiert. Also da passiert wenig bis nichts.
Edith Meinhart
Überdeckt heißt, eine Fundstelle wurde asphaltiert?
Stefan Stadler
Genau, also wenn eine Asbestschotterstraße ist, dass man da Material drüber tut. Oder in dem Fall war es eine Baustelle hinter dem Krankenhaus Oberwart, wo dieser Asbestschotter am Baustellengelände im Fundament überall lag und die Bauarbeiter dort auf diesen Asbestschotter gearbeitet haben. Das wurde mit Erdmaterial oder Sand abgedeckt. Und sonst ist dort wenig bis gar nichts passiert.
Wir haben, glaube ich, nur an drei, vier Stellen Sanierungen. Also einmal bei einem Kinderspielplatz hat der Bürgermeister sofort diesen Asbestfelsen, den wir dort beprobt haben, entfernen lassen. Und in einem anderen Fall haben Anrainerinnen im Bankett vor dem neu gebauten Wohnsiedlung auch Asbeststeine gefunden und der Bürgermeister dort hat das sofort entfernen lassen.
Und ganz anders zum Beispiel ist das in Niederösterreich, da finden viele Ortssanierungen statt, da ist das aber auch von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. Aber dort wird zumindest saniert und es wird anerkannt, dass das wirklich ein Problem ist.
Und in Wien haben wir jetzt diese Straßen aufgedeckt, die asbesthältig sind, die Asphaltstraßen. Und da sind jetzt die ersten Messergebnisse letzte Woche rausgekommen, dass unser Verdacht bestätigt wurde. Und die Stadt Wien hat gesagt, dass sie diese Asphaltstraßen sozusagen mit einer Deckschicht, mit einer neuen Asphaltschicht überzieht, damit keine Fasern in die Luft kommen können.
Also es ist in Österreich sehr entscheidend, wo man wohnt, weil im Burgenland, wenn man wohnt, werden keine Maßnahmen, bis wenig Maßnahmen getroffen. Und in Niederösterreich wird, wenn man wohin geht, zumindest saniert oder angedacht, dass das gemacht wird und in Wien wird auch entsprechend gehandelt.
Edith Meinhart
Und das ist ja Eindruck behindernder politische Verfließungen, die Aufarbeitung oder was ist der Grund?
Stefan Stadler
Ja, also meine einzige Erklärung ist, dass das im Land Burgenland einfach so, dass die Steinbrüche jahrelang einfach die Deckung der Behörden hatten. Und man weiß ja auch, dass zum Beispiel eine Firma, die Firma Glößerbaut, die betreibt zwei Steinbrüche. Die Firma Glößerbaut kriegt im Burgenland sehr, sehr viele Bauaufträge. Da gibt es auch Fotos, wo der Herr Doskozil bei Feiern von denen auftritt und die sind da, die haben da ein nahe Verhältnis.
Edith Meinhart
Wie ist denn Ihr Verhältnis heute als Greenpeace-Vertreter zur burgenländischen Politik? Gibt es inzwischen einen Austausch? Werden Sie weiter von der Kommunikation abgeschnitten oder von Pressekonferenzen ferngehalten?
Stefan Stadler
Wir haben immer wieder Kontakt und schicken schon Veröffentlichungen durch. Und jetzt arbeiten wir hauptsächlich eben auf Kommunalebene mit Bürgermeisterinnen, also wenn wir oder mit Firmen, die betroffen sind. Also wir hatten ja auch zum Beispiel McDonald's war betroffen oder Hofer war es auf einem Parkplatz und die haben gleich saniert, nachdem wir ihnen das gemeldet haben.
Edith Meinhart
Sie melden sich bei den Vertretern?
Stefan Stadler
Genau, wir sagen, wir haben da Asbestschotter gefunden auf ihrem Grundstück oder auch es gibt auch Freizeitunternehmen, die betroffen sind oder jetzt auch Burgen als Ausflugsziele, die betroffen sind.
Und die informieren wir vorab und nehmen die auch in der Kommunikation mit und die reagieren auch und machen versprechen auch Sanierungen oder führen auch Sanierungen durch. Zum Beispiel die ÖBB hat das auf Bahnsteigen liegen, die haben das abgedeckt und saniert. Oder auch die ASFINAG war ein Rastplatz betroffen, die haben den Rastplatz, der ist, glaube ich, bis heute sogar gesperrt.
Ja, also auf Firmenebene passiert viel, auf Kommunenebene wird jetzt auch hoffentlich viel passieren, aber mit der burgenländischen Landesregierung haben wir eigentlich wenig Austausch.
Edith Meinhart
Was ist denn grundsätzlich zu tun, wenn Asbest gefunden wird? Welche Möglichkeiten gibt es, die Gefahr zu bannen?
Stefan Stadler
Bei Asbest ist immer wichtig, dass man sozusagen das Schadstoffpotenzial abschätzt. Also es hängt davon ab, wo liegt das Asbest. Wenn es auf einer Schotterstraße in einer Wohnsiedlung ist, ist das sehr kritisch, weil da fahren Autos drüber. Also wie ist die Belastung von diesem Material, wird da drüber gefahren, drüber gelaufen? Und je mehr Autos oder Menschen da drüber laufen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fasern in die Luft gelangen, vor allem wenn es trocken ist.
Jetzt bei der Hitzewelle ist es besonders kritisch, da kommen die meisten Fasern in die Luft, da reicht auch Wind. Jeder von uns kennt das Bild von einer Schotterstraße, wo ein Auto fährt und diese Staubwolke dahinter ist. Und sozusagen alles, was in Ortsgebieten ist und was befahren wird und wo dieser Asbestschotter oder Asbestasphalt ist, sind sehr kritisch und können viele Fasern freisetzen.
Und dort kann man als erste Maßnahmen versuchen, entweder, wenn es geht, die Flächen zu sperren. Man kann die Flächen nass spritzen, wenn es trocken ist. Wenn die Straßen nass sind, kommen sehr wenig Fasern in die Luft. In Sombathel wurde mit einer Salzlösung gearbeitet, mit Kalziumchlorid, das wurde aufgesprüht und dieses Salz bindet sozusagen auch die Fasern und verhindert eine Staubfreisetzung.
Das sind aber sozusagen nur temporäre Schutzmaßnahmen und wenn die ausgeschöpft sind, muss man den Schotter entfernen. Das ist die beste Maßnahme, die man machen kann. In einzelnen Fällen kann man es auch überdecken mit zum Beispiel Humus oder Sand, aber das ist auch nur kurzfristig eine Maßnahme, das wäscht sich weg.
Und wenn man zum Beispiel jetzt drüber asphaltiert, wie es oft geraten wird bei diesen Schotterstraßen, das ist halt heikel, weil das Asbest ja nicht weg ist. Und wenn dann wieder Bauarbeiten auf dieser Straße stattfinden, dann hat man wieder die Freisetzung, man hat wieder das Material. Und in Deutschland zum Beispiel gibt es ein Überdeckungsverbot, da darf man asbesthältige Stoffe nicht mischen.
Und ja, und weiß nicht, in den Wohnsiedlungen habe ich jetzt zum Beispiel einen Fall, da haben die Anrainerinnen neben dieser Straße, die da wohnen, überall im Haus Asbestfasern gefunden. Die haben das von einem Labor testen lassen, sie haben es auf den Außenschal ausgehen, sie haben es in den Automaten und sie haben es im Hausstaub gefunden. Sehr, sehr hohe Asbestfaserkonzentrationen.
Und die Quelle ist eindeutig diese Schotterstraße vorm Haus, also das kann man auch verschleppen sozusagen, das nimmt man mit der Schuhsohle mit. Und dort will die Gemeinde eigentlich asphaltieren. Aber wenn man das jetzt asphaltiert und in fünf Jahren braucht dann irgendjemand wieder einen neuen Kanalanschluss oder eine neue elektrische Leitung muss gelegt werden, dann werden die Straßenbelege wieder aufgemacht und dann hat man wieder das Asbest.
Also es ist am besten, wenn man das einfach entfernt und diese Schotter austauscht.
Edith Meinhart
Das haben Sie auch schon angedeutet, der ungarische Regierungschef Magyar hat bei seinem Antrittsbesuch bei Bundeskanzler Christian Stocker das Asbestthema angesprochen und Stocker hat danach die Asbest-Arbeitsgruppe angekündigt, die es inzwischen auch gibt. Sie ist im Bundeskanzleramt angesiedelt. Sie sagen, danach ist nicht mehr viel passiert. Sind Sie da irgendwie im Austausch?
Stefan Stadler
Ja, wir waren mehrmals mit der Koordinatorin im Austausch. Die hat uns aber wenige Informationen weitergegeben. Wir waren auch mit der ungarischen Seite im Austausch.
Die Ungarn haben uns berichtet, dass diese Arbeitsgruppe eigentlich gar nicht tagt und dass die Österreicher das auf eine gemeinsame Regierungssitzung schieben wollen, die im Herbst stattfindet. Und jetzt hat es aber wieder geheißen, es gab eine Sitzung zwischen Österreich und Ungarn. Aber es ist noch immer nicht bekannt, wer in dieser Arbeitsgruppe sitzt.
Es wurde von zehn Personen gesprochen und wir versuchen eben, Kontakt aufzunehmen, damit wir unsere Recherchen teilen können oder auch hier beratend zur Seite zu stehen.
Weil zum Beispiel in Wien oder in Niederösterreich sind wir mit den asbestbeauftragten Personen im engen Austausch. In Wien melden wir alle Fundstellen weiter, die uns gemeldet werden. In Niederösterreich melden wir auch alle unsere eingemeldeten Fundstellen weiter. Wir sind dort auch im Austausch mit dem Asbestkoordinator und beraten die sozusagen oder teilen auch unsere Ergebnisse mit.
Edith Meinhart
Und mit diesen Meldungen in Wien und Niederösterreich passiert auch etwas?
Stefan Stadler
Genau. Also ich hatte jetzt den Fall in einer Gemeinde in Niederösterreich, da haben wir Leute neben einem Wirtshaus, ist so ein Schottergarten gewesen, wo mehrere Steine lagen und die Gemeinde hat das innerhalb von, glaube ich, drei Tagen sofort entfernt und ausgetauscht.
Edith Meinhart
Offen ist ja bis dato auch, wie Geschädigte unterstützt werden. Das können Privatleute sein oder eben Kommunen. Greenpeace fordert von Stocker, den Katastrophenfonds zu öffnen.
Stefan Stadler
Ja, natürlich, weil ich bekomme von den, also das Problem ist, dass alle, die diesen Schotter vorm Haus liegen haben oder auf dem Firmengelände oder auch die Gemeinden, die haben einfach nicht das Geld, um diese Straßen zu sanieren, weil es ist sehr, sehr teuer.
Das hängt von zwei Faktoren ab. Einerseits, dass die Entsorgung sehr teuer ist. Asbesthältige Abfälle sind gefährliche Abfälle. Die dürfen nur in Asbestdeponien sozusagen entsorgt werden und die kosten pro Tonne 100 bis 200 Euro. Also im Vergleich, eine Tonne Schotter kostet 10 Euro und die Entsorgung kostet dann 100 bis 200 Euro. Also es ist unleistbar für viele.
Und der andere Knackpunkt ist, ich brauche eine Firma, die das wegräumt, ohne dass Asbestfasern frei werden. Auch das kostet Geld. Und die Leute können sich zwar bei der Baufirma, die können die Baufirmen, die das geliefert haben, klagen, aber das sind langwierige Rechtsverfahren und man braucht jetzt rasch Geld, um schnell zu sanieren, weil dann hat man zumindest die Quelle, diese Asbestfaserquellen muss man beseitigen. Und die brauchen Geld.
Und der Skandal ist so groß, also wir haben in Ostösterreich mehrere hunderttausend Menschen betroffen, wir haben Ungarn betroffen und das wird sich auch noch weiter ausdehnen. Wir bekommen immer mehr Fundstellen und immer in einem größeren Radius rein. Wir haben von Wien bis Győr, Sopron, also Ödenburg, dann südlich Szombathely, wir gehen bis zur slowenischen Grenze, reichen die Fundstellen schon.
In der Steiermark bekommen wir immer mehr Asbestfunde rein. Also es ist wirklich, da wurde die Büchse der Pandora geöffnet.
Edith Meinhart
ÖVP-Minister Norbert Totschnig ist für Klima und Umweltschutz zuständig. In der Asbest-Causa hat er sich zunächst sehr zurückgehalten. Wie schätzen Sie denn seine Rolle ein?
Stefan Stadler
Er ist für die Entsorgung zuständig. Asbest ist da ganz klar geregelt mit diesen 0,1 Prozent gefährlicher Abfall. Und an ihm liegt es jetzt, diese Deponieverordnung zu schaffen, damit die Asbestabfälle kostengünstig entsorgt werden.
Es ist schon ein erster Schritt passiert, also im Budgetbegleitgesetz wurde das Gesetz so geändert, wenn geogener Asbest, also dieser Asbestschotter, entsorgt werden, dann sind sie vom Altlastensanierungsbeitrag befreit. Das sind ungefähr 10 Euro pro Tonne, so ist die Entsorgung schon ein bisschen günstiger.
Aber es braucht trotzdem große Deponien, weil diese Asbestdeponien sind viel zu klein, die können niemals diese Volumen aufnehmen. Und sie sind auch nicht dafür ausgelegt, weil die sind für Ethernitdachplatten oder diesen asbesthältigen Baustoffen eigentlich eingerichtet.
Und unser Vorschlag oder auch der Vorschlag, den mir viele internationale Sachverständige aus der Schweiz oder aus Deutschland sagen, ist, dass man die Steinbrüche in Asbestdeponien umwandelt und das Material dorthin zurückbringt, wo es herkommt. Und dann dort kann man wahrscheinlich mit 50 Euro pro Tonne die Entsorgung oder 40 Euro pro Tonne machen und das ist leistbar.
Und dann hat man nicht das Problem, dass jetzt, wenn das jemand vorm Haus liegen hat und dann schaufelt das in den Wald oder sonst wohin, dass es wieder irgendwo verbracht wird, wo ein Risiko besteht. Das ist das Wichtigste, dass man sozusagen das Material einsammelt und sicher verwahrt, damit nicht wieder dieser Kreislauf von vorne beginnt.
Edith Meinhart
Wie war die Resonanz bisher auf diesen Vorschlag?
Stefan Stadler
Das Umweltministerium prüft und ich warte jetzt, dass endlich dieser Gesetzestext kommt.
Edith Meinhart
Auf der Greenpeace-Homepage ist eine Online-Karte mit den bisherigen Asbestfunden. Da kann man auch Verdachtsfälle melden und da fällt auf, dass jenseits der Grenze in Ungarn viel mehr Fundorte eingetragen sind als auf burgenländischer Seite. Wird da nichts gemeldet?
Stefan Stadler
Wir haben diese, zum Beginn haben wir sehr, sehr viele Zuschriften. Ich glaube, ich habe hunderte Telefonate und 300, 400 E-Mail-Meldungen bekommen. Und das war schwierig für uns zum Abarbeiten, weil da bekommen Sie immer unterschiedliche Leute eine E-Mail und eine Meldung ist telefonisch und das alles zu sammeln und zu bündeln war schwierig für uns.
Und dann haben wir uns entschieden, dass wir ab Juli haben wir sozusagen ein Asbestmeldeformular eingerichtet, wo man sehr einfach Fotos übermittelt und die Koordinaten, die Lage dieser Asbeststeine, dieses Asbestschotters. Und da haben wir jetzt, ich glaube, wir stehen jetzt knapp bei 400 Meldungen in nicht einmal drei Wochen. Und wir tragen peu à peu diese Fundstellen ein.
Edith Meinhart
Die müssen jetzt abgearbeitet werden?
Stefan Stadler
Genau. Also wir überprüfen die auch, weil wir bitten die Leute, Fotos zu machen und wenn es nicht klar ist, müssen wir selber fortfahren und das überprüfen.
Edith Meinhart
Ich habe ja daneben auch eine Online-Seite gefunden, die sich Asbest-Check Burgenland nennt. Wer steckt denn da dahinter?
Stefan Stadler
Das weiß ich nicht.
Edith Meinhart
Das wirkt, als wäre das verbunden mit der Taskforce, aber ich bin nicht sicher.
Stefan Stadler
Ich glaube, es ist eine Instagram-Seite, die das gemacht hat. Und da kann man, glaube ich, also uns hat zumindest jemand auf Instagram darauf hingewiesen und dort kann man Bilder hochladen und die KI prüft sozusagen, ob das asbesthältig ist oder nicht. Wir haben das Tool kurz geprüft. Ich glaube, es braucht noch ein bisschen ein Training, aber bei vielen Positivproben hat es funktioniert.
Edith Meinhart
Das Thema Krebs, das mit Asbest untrennbar verknüpft ist, das haben wir bis jetzt ausgespart. Welche Krebsarten treten denn beim Menschen auf, die Asbestfasern einatmen?
Stefan Stadler
Ja, da gibt es Kehlkopfkrebs, Lungenkrebs, dann Brust- und Rippenfellkrebs, die sogenannten Mesotheliome, und in ganz schwierigen Fällen die Asbestose. Und was es dann noch gibt, sind Darmkrebse und das ist aber sozusagen, die WHO untersucht das gerade, aber Hauptbetroffenes Organ ist die Lunge.
Edith Meinhart
Und diese Mesotheliome, die sind ja überhaupt ganz eindeutig auf Asbest zurückzuführen. Da gibt es fast keine andere Ursache.
Stefan Stadler
Genau. Also das Mesotheliom belegt sozusagen, dass man Asbestfasern ausgesetzt war. Also ich glaube, 95 Prozent schreiben sie.
Edith Meinhart
Da gibt es auch ein trauriges internationales Worst-Case-Beispiel, Neukaledonien, das so hohe Vorkommen in asbesthaltigem Gestein hat. Das wurde früher, glaube ich, sogar als Anstrich für Häuser verwendet und natürlich im Straßenbau.
Die zu Frankreich gehörende Inselgruppe im Südpazifik hat eine der weltweit höchsten Raten an diesen Mesotheliomen. Das ist ein Krebs des Rippenfells, glaube ich, und gilt als eindeutiger Hinweis.
Gab es da eigentlich in Burgenland rund um die Steinbrüche jemals Studien, die sich mit den Krebsraten beschäftigt haben?
Stefan Stadler
Es gibt Untersuchungen auf Bezirksebene, was Mesotheliome betrifft. Die wurden mir übermittelt. Da wurde sozusagen auf Bezirksebene ausgewertet, wie hoch die Mesotheliomrate auf bestimmte Einwohnerzahl ist. Und das wurde, glaube ich, 2014 gemacht. Das ist schon ein bisschen her, aber das Eindrückliche ist, da sind dann die Top vier Bezirke gelistet. Bezirk eins ist Vöcklabruck. Vöcklabruck steht als Begründung dabei, dass dort eben dieses Asbestzement Hacek war.
Edith Meinhart
Ethernit?
Stefan Stadler
Genau. Dort wurde sozusagen Asbestzement und Ethernit produziert und dort ist natürlich die Rate am höchsten.
Der zweite Bezirk war ein Kärntner Bezirk, wo es auch ein Asbestwerk gab und die Leute im Tal sozusagen diese Materialien auch mit nach Hause genommen haben und deswegen viele Erkrankungen vorliegen.
Und Platz drei und vier sind Oberwart und Oberpullendorf. Und da ist im Kommentarfeld ein Fragezeichen, weil die Umweltmedizinerinnen, die das gemacht haben, nicht wussten, warum dort die Rate so hoch ist.
Bei den Städten ist Rust auffällig hoch, aber Rust hat wenig Einwohner. Mesotheliom tritt eigentlich nur bei einer Person pro 100.000 auf.
Im Burgenland haben wir uns die letzten Daten angeschaut von den Meldungen und da liegt Burgenland auf Platz eins mit knapp hinter Kärnten sozusagen. Also Kärnten und Burgenland sind fast ex aequo. Burgenland hat sozusagen die Nase ein bisschen vorn.
Aber es wohnen halt so wenig Leute in Burgenland und es ist immer schwierig mit diesen Krebsstatistiken, weil erstens ist die Frage, ob das alles gut erhoben wird, weil viele sterben zum Beispiel davor, wurde mir berichtet, oder es ist immer eine Nebentodesfolge.
Also man hat eine Asbestose, aber man stirbt vorher an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was auch immer.
Edith Meinhart
Also es gibt auch viel Abwanderung. Es kann ja sein, dass dann jemand in Wien lebt oder anderswo.
Stefan Stadler
Genau. Aber mir wurde von, also bei mir haben sich wirklich viele Leute gemeldet, die mir gesagt haben, dass Angehörige von ihnen an Mesotheliom gestorben sind, die dort in der Region tätig waren und die sich bedankt haben, weil immer unklar war, woher ist dieser Krebs gekommen.
Edith Meinhart
Können Sie eigentlich persönlich noch draußen unterwegs sein, ohne dauernd zu schauen, ob da Asbest herumliegt?
Stefan Stadler
Ja. Also ich gehe schon sehr viel. Ich habe, glaube ich, noch nie so viel am Boden geschaut wie in den letzten halben Jahr. Aber ich versuche dann die Hands-Guck-in-die-Luft-Strategie und mit dem Blick Richtung Himmel zu richten.
Edith Meinhart
Ist Asbest mit freiem Auge ersichtlich?
Stefan Stadler
In vielen Fällen ja. Es gibt sehr eindeutige Fälle.
Also das Material, das zum Beispiel aus dem Steinbruch Pilkersdorf stammt, ist super Bilderbuch-Asbest, wenn man da eine reinste Form findet. Und bei den anderen Steinbrüchen gibt es, da erkennt man es sehr, sehr gut mit freiem Auge.
Und manchmal ist es nicht klar, aber selbst dort, wo es nicht klar war, waren alle unsere Proben immer positiv, stark asbesthältig, stark asbesthältige Proben, die wir da genommen haben. Und unsere Trefferquote, wenn wir uns sicher sind, ist bei 100 Prozent.
Also immer, wenn wir gesagt haben, okay, das ist sicher Asbest und dann nimmt man mehrere Schaufeln von dem Material und schickt es ins Labor, dann kommen diese hohen Asbestgehalte zurückgemeldet.
Edith Meinhart
Was sollen denn Menschen tun, die Sorge haben, dass bei ihnen selbst oder in ihrer Umgebung Asbest lagert?
Stefan Stadler
Ja, wichtig ist, die Quelle zu finden, zu schauen und dann, wenn da viele Autos zum Beispiel drüberfahren oder Kinder spielen, also das Gefahrenpotenzial immer abschätzen, dann unbedingt bei der lokalen Bürgermeisterin, Bürgermeister melden. Man kann es bei uns melden, wir tragen es ein und versuchen, diese Flächen nicht zu belasten und dass das möglichst rasch saniert wird.
Und wenn man Angst hat, dass man die Fasern im Innenraum hat, weil die Fasern fliegen herum, beim Lüften kommen sie rein oder man verschleppt sie mit der Kleidung oder mit den Schuhsohlen, dass man einfach vorm Haus zum Beispiel, wenn ich es direkt vorm Haus liegen habe, empfehle ich, die Schuhe einfach abzuspülen vorm Haus, die Sohlen, dann hat man da wenig Risiko, die Fasern mitzunehmen und die Innenräume bestmöglich nass zu reinigen. Also viel wischen, auch die Oberflächenstäube zu wischen.
Und man kann auch bei vielen Laboren einfach eine Staubprobe nehmen. Am besten ist, man nimmt, man lässt sich das Kit zuschicken, das machen die Labore, und da ist eine genaue Anleitung dabei, und dann nimmt man eine Staubprobe auf einen Lampenschirm oder im Bad auf der Fliesenkante, also immer so Kopfhöhe, wo klar ist, der Staub ist nur durch Luftbewegung hingekommen, und dann hat man Gewissheit, hat man Asbestfasern im Haus oder nicht.
Edith Meinhart
Schützt die Maske, wenn man jetzt auf einer Schotterstraße unterwegs ist, und welche FFP2, FFP3?
Stefan Stadler
FFP2 beginnt zu schützen und FFP3 ist bei hoher Asbestfaserkonzentration der beste Schutz.
Edith Meinhart
Also wenn ich jetzt mit dem Radl über eine Schotterstraße fahren muss, wo ich mir nicht sicher bin, ob ich Asbest einatme, wäre es auf jeden Fall gut, eine Maske zu haben.
Stefan Stadler
Ja, die zwei aufzusetzen, genau. Also die Maske, die wir von Corona halt kennen.
Edith Meinhart
Was ist die Forderung, die Greenpeace jetzt an die Zuständigen in der Politik erhebt? Was muss jetzt passieren?
Stefan Stadler
Ja, das Wichtigste ist, dass ganzes Stockholt ein Katastrophenfall öffnet und rasch Hilfsgelder für die betroffenen Unternehmen, Einfamilienhäuser, Besitzerinnen und für die vielen Gemeinden zur Verfügung stellt, damit die ins Sanieren kommen.
Das Zweitwichtigste ist, dass man einen Kataster anlegt, wo überall diese Asbestmaterialien ausgebracht wurden, damit auch, wenn da Bauarbeiten sind, die Leute geschützt sind, die mit dem Material arbeiten müssen.
Und das Dritte ist, dass man die Entsorgung schnellstmöglich klärt, weil wir haben zu wenig Deponien und das muss Umweltminister Totschnig jetzt endlich schaffen. Und unsere Forderung ist, am besten die Steinbrüche in Asbestdeponien umwandeln und dort das Material zurückbringen, wo es hergekommen ist.
Edith Meinhart
Ich glaube, das wird nicht der letzte Podcast zu diesem Thema sein, Herr Stadler. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.
Stefan Stadler
Dankeschön.
Edith Meinhart
Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, vielen Dank fürs Zuhören und ich freue mich, wenn Sie das nächste Mal wieder dabei sind.

Autor:in:

Livio Koppe

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