Die Dunkelkammer
ORF. Das System Schöber: Abberufen
- hochgeladen von Felix Keiser
Von Michael Nikbakhsh. Peter Schöber ist nicht länger Geschäftsführer von ORF III. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat seine Abberufung verfügt. Die Entscheidung folgte auf eine neuerliche Prüfung von Vorwürfen in einer Causa, die eigentlich als erledigt galt. Dass es diese zweite Prüfung überhaupt gab, hatte mit Recherchen dieses Podcasts gemeinsam mit dem STANDARD zu tun. Ein Rückblick.
Michael Nikbakhsh
Herzlich willkommen zur 358. Ausgabe der Dunkelkammer. Mein Name ist Michael Nikbakhsh, und eigentlich mache ich gerade Urlaub, aber jetzt habe ich mich kurzfristig wieder in den Dienst versetzt, und das hat mit dem ORF, oder genauer mit ORF 3 und Peter Schöber zu tun.
Am 05. August hat Harald Fiedler im Standard berichtet, dass Peter Schöber nicht länger Geschäftsführer von ORF 3 sei. Demnach habe Generaldirektorin Ingrid Thurnheer Schöber mit sofortiger Wirkung abberufen und beurlaubt; die Auflösung des Dienstverhältnisses werde angestrebt. Und wenig später lag dazu auch eine offizielle Bestätigung des ORF vor, ich zitiere daraus: "Die Prüfung der gegen ORF 3-Geschäftsführer Peter Schöber erhobenen Vorwürfe durch die ORF-Compliance-Stelle sowie externe Expertinnen und Experten ist abgeschlossen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in vielfacher Hinsicht Verhaltensweisen gezeigt wurden, die mit der Funktion einer Führungskraft im ORF nicht vereinbar sind." Zitat Ende.
Welche unvereinbaren Verhaltensweisen Schöber gezeigt hatte, das wollte der ORF bisher mit Hinweis auf Persönlichkeitsschutz nicht sagen. Ich weiß mittlerweile aber, dass dieser Podcast seinen Anteil daran hatte, dass es überhaupt eine neuerliche Prüfung von Vorwürfen gegen Schöber gab. Und tatsächlich hatten unsere Recherchen, also gemeinsam mit dem Standard hier, ihren Anteil, und genau deshalb gibt es diese kurzfristig eingeschobene Episode.
Und dann verabschiede ich mich wieder zurück in den Urlaub, quasi. Wobei es soll heute jetzt weniger um den Fall Peter Schöber an sich gehen, als vielmehr um die Bedeutung von unabhängigem und kritischem Journalismus.
"Bitte helft uns, es wird alles zugedeckt." So begann mein Einstieg in den Fall Peter Schöber, das war so im Jänner dieses Jahres. Es war ein Hilferuf, er kam aus dem ORF, und ich weiß natürlich von wem, aber Quellenschutz.
Die Situation war damals so: Der Fall Peter Schöber war eigentlich gar keiner mehr, dafür hatte ORF-Generaldirektor Roland Weißmann selbst gesorgt. 2024 waren via Standard erstmals Vorwürfe gegen Schöber und dessen Führungsverhalten öffentlich geworden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ORF 3 hatten von autoritärem Führungsstil erzählt. Es ging um Bossing, um Mobbing, Diskriminierung, um herabwürdigende Äußerungen, um unsachliche redaktionelle Einflussnahmen und generell um ein Klima der Angst bei ORF 3. Roland Weißmann hat daraufhin eine Untersuchungskommission eingesetzt, die führte vertrauliche Gespräche mit mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Daraus entstand ein Bericht, den bekam Roland Weißmann, und der sperrte ihn weg.
Obwohl die Untersuchungskommission Peter Schöber ein, wie es hieß, "teilweise problematisches Führungsverhalten" nachgewiesen hatte, durfte der als Geschäftsführer von ORF 3 weitermachen. Er musste ein paar Kompetenzen abgeben, ein bisschen auf Mediation machen, aber das war es. Und das wiederum, das hat dann einige Leute im ORF nachhaltig frustriert. Und an dem Punkt standen wir also, als ich 2026 erst einen und dann noch einen USB-Stick bekommen habe, auf den ein Material zum ORF abgelegt war.
Da ging es vor allem um ORF 3, aber auch um den früheren ORF-Manager und damaligen Stiftungsrat Thomas Brandner. Insgesamt waren das rund 6 Gigabyte an Daten oder mehr als 1000 Dateien, und das war alles Mögliche: E-Mails, Memos, Aktenvermerke, Sitzungsprotokolle, Verträge und Screenshots von ORF interner Chat-Kommunikation. Und da waren es vor allem die Verträge, die meine Aufmerksamkeit geweckt hatten. Das waren Produktions- und Lizenzverträge zu einer Reihe von Dokumentationen, die auf ORF 3 gelaufen waren. Zu diesen Verträgen gab es auch interne Kommunikation und Memos, und daraus ging hervor, dass da etwas nicht stimmte.
Ganz konkret lieferte dieses Material Hinweise darauf, dass zahlungswillige Unternehmen und Institutionen sich bei ORF 3 jahrelang Sendezeit kaufen konnten. Und unabhängig davon zeigt es auch, wie Thomas Brandner in seiner Zeit als ORF-Manager agiert und sich dabei bei der FPÖ angebiedert hatte.
Die ORF-Verträge und die Aktennotizen Brandners, die waren öffentlich zwar nicht bekannt, aber sie spielten in der Vergangenheit und waren Facetten in Geschichten, die eigentlich als auserzählt galten. Brandners Aktennotizen stammten aus den Jahren 2018 bis 2021, da war er noch ORF-Manager, aber Anfang 2026 war er das lange nicht mehr, da war er nur noch unter Anführungszeichen "Stiftungsrat" im ORF, entsandt von der steirischen Landesregierung. Und der Fall Peter Schöber wiederum, der hatte 2024 und 2025 für einiges an Schlagzeilen gesorgt, aber nachdem Roland Weißmann an ihm festgehalten hatte, war nicht davon auszugehen, dass neuerliche Recherchen etwas bewirken könnten.
Ich kenne einige Journalistinnen und Journalisten, die mit einem solchen Material eines machen würden: nix nämlich. Viel Arbeit, wenig Newswert, kalter Kaffee. Und wer will schon wegen sowas mit Schöber, Weißmann, Brandner, dem ORF und all den hochbezahlten Medienanwälten in den Ring steigen? Der Fabian Schmid vom Standard, der gehört da nicht dazu. Ich schätze ihn sehr, das ist bekannt, er war hier auch schon mehrfach zu Gast.
Ich habe den Fabian also angerufen, habe ihm von dem Material erzählt und wissend, dass er eine Schwäche für geleakte Datensammlungen hat, selbst wenn es um vermeintlich kalten Kaffee geht. Und weil wir diese Schwäche teilen, haben wir das gemacht, was wir schon 2017 rund um das BVT-Konvolut gemacht haben. Wir haben das Material sondiert, sortiert und dann angefangen, mit Leuten im ORF zu reden, Anfragen zu schreiben, und dabei haben wir stundenlang auch noch teils wirklich elende ORF 3-Dokus angeschaut. Fabian hat sehr früh auch Laurin Lorenz und Oliver Mark und später auch Olga Kronsteiner dazugeholt. Da war alsbald viel ORF-Know-how beisammen, und sowieso schafft man zu mehrt mehr als allein.
Ob und was wir am Ende tatsächlich veröffentlichen würden, das wussten wir anfangs allerdings tatsächlich nicht. Das ist ein Risiko, das längst nicht mehr viele Journalisten eingehen wollen oder dürfen. Die Redaktionen sind reihum so ausgedünnt, dass kaum jemand leere Kilometer riskieren will und viel Arbeit in etwas steckt, das am Ende keine Geschichten abwirft. Beim BVT-Konvolut war es genau so: Monate Arbeit drin, am Ende blieb eine einzige, einigermaßen brauchbare Geschichte übrig. Aber so ist das eben.
Als Edith Meinhart nach Salzburg in ein Altersheim gefahren ist, um dort mit drei Nonnen zu sprechen, hat sie auch nicht gewusst, was sie erwartet und ob sie da etwas mitnehmen wird. Das galt auch für die Recherche zum Google-Datenzentrum in Kronstorf. Beides hätte auch zu keiner Geschichte führen können. Dass die Nonnen von Goldenstein im Altersheim waren, angeblich glücklich und gut versorgt, das war öffentlich bekannt. Dass Google ein Datenzentrum baut, ebenso. Und dann beschäftigt man sich damit und stellt fest: Moment, in der bisherigen öffentlichen Erzählung, da fehlt doch einiges. Und so war es eben auch beim ORF.
Was nun dabei herauskommen kann, wenn sich Journalisten ernsthaft mit den vermeintlich alten Geschichten beschäftigen, das haben wir ab April nach und nach gezeigt. Roland Weißmann, der war zwischenzeitlich nicht mehr ORF-Generaldirektor, er war über seine Chats und Pics gestolpert, was für uns insofern einen Unterschied machte, als er plötzlich für eine Beantwortung von Anfragen nicht mehr zur Verfügung stand. Veröffentlicht hätten wir es aber so oder so, das hatte mit der Causa Weißmann gar nichts zu tun, denn tatsächlich haben unsere gemeinsamen Recherchen letztlich keine leeren Kilometer gezeitigt.
Soweit es die Dunkelkammer betrifft, sind zwischen April und Juni 7 Episoden zum ORF auf Grundlage des geleakten Materials entstanden. Fünfmal ging es um das System Schöber, einmal um die Aktennotizen von Thomas Brandner und einmal um Schöbers Co-Geschäftsführerin Katrin Zirhut-Kunz, die originärerweise jetzt, nach Schöbers Abgang, die Alleingeschäftsführerin von ORF 3 ist. Warum das originär ist, dazu komme ich noch.
Unsere Berichterstattung hatte ihre Folgen. Am 22. April zum Beispiel haben wir eine Episode zu den Aktennotizen von Thomas Brandner veröffentlicht, der Standard dazu berichtet. Da ging es um Machtkämpfe, Intrigen, Interventionen und Netzwerke und auch um einen Vorwurf verbaler sexueller Belästigung. Gerade diese Veröffentlichung hatte ein gewisses Klagsrisiko. Immerhin ging es da um persönliche Aufzeichnungen Brandners aus seiner Zeit als ORF-Manager. Andererseits sind diese Aktenvermerke von öffentlicher Relevanz, da sie aufzeigen, wie zum Beispiel Entscheidungsprozesse in einem öffentlichen Unternehmen wie dem ORF ablaufen. Sonst hätten wir das auch nicht veröffentlicht. Geklagt hat Brandner nicht, dafür hat er im Gefolge unserer Veröffentlichung seine Funktion als ORF-Stiftungsrat zurückgelegt, zurücklegen müssen. Immerhin war deshalb auch in der Steiermark FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek unter Druck geraten.
Und auch für Peter Schöber waren die vermeintlich alten Geschichten alsbald keine mehr. Wir konnten nach und nach nachweisen, dass rund um ORF 3 über viele Jahre hinweg ein verdecktes Sponsoringmodell entstanden war. Wer Geld hatte und das auch ausgeben wollte, konnte sich bei ORF 3 Bildschirmpräsenz kaufen. Nicht als Werbung, sondern als redaktioneller Beitrag, ausgestrahlt in Form von Dokumentationen und Serien.
Alles verdeckt und versteckt in Produktions- und Lizenzverträgen und in der Kommunikation rundherum. Die Dokumentation "40 Jahre Donauinsel fest" entstand in Kooperation mit der SPÖ Wien für die Geburtstagsdoku "75 Jahre Erwin Pröll griff der niederösterreichische Bauernbund in die Tasche". Die ORF 3-Doku "100 Jahre ÖBB" wurde überhaupt zur Gänze von den ÖBB beauftragt, produziert und bezahlt. Die ORF 3-Serie "Made in Austria" war in Wahrheit ein Projekt der Wirtschaftskammer. Die Serie "Faszination Musical" war ein Projekt der Vereinigten Bühnen Wien. Und die Serie "Wahre Kunst" war eine Anzeigenplattform für zahlungskräftige Kunsthändler.
Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was im Laufe der Zeit bei ORF 3 gezeigt wurde. Filme und Serien, deren Inhalte nicht nach journalistischen, sondern nach kaufmännischen Kriterien gestaltet worden waren, ohne dass das Publikum davon erfahren hätte. Verdeckte Werbung, das geht im Journalismus gar nicht, gar nicht laut ORF-Gesetz und auch gar nicht ohne ORF-Gesetz.
Peter Schöbers Reaktion war in all den Wochen übrigens die immer gleiche: Es gab keine. Wir haben mehrfach Anfragen an ihn gerichtet, er hat nie eine beantwortet. Die Antworten kamen immer von der Pressestelle der Generaldirektion des ORF in Peter Schöbers Namen.
Und das war jetzt insofern ein wenig verblüffend, als ja dieselbe Generaldirektion, also konkret Generaldirektorin Ingrid Thurnheer, eine neuerliche Prüfung der Vorwürfe gegen Schöber veranlasst hatte, und zwar nachdem wir begonnen hatten zu veröffentlichen. Und diese neuerliche Prüfung, die ging offensichtlich anders aus als die ursprüngliche unter Weißmann.
Wie gesagt, Schöber ist nun nicht mehr Geschäftsführer von ORF 3, sein Vertrag wäre noch bis Ende 2027 gelaufen, danach bliebe er immer noch Angestellter des ORF und mit 55 Jahren hätte er als solcher noch ein Stück weit zur Pension. Was das von Thurn her angestrengte Ausscheiden Schöbers arbeitsrechtlich und auch finanziell bedeutet, das wird sich wohl alsbald zeigen.
Als Geschäftsführer hatte Schöber laut dem ORF-Transparenzbericht 2025 übrigens eine Jahresgarage von rund 311.000 Euro brutto und war damit die Nummer 5 unter den Topverdienern im ORF. Mit Schöbers Abberufung sind nunmehr alle 5, die 2025 an der Gehaltsspitze standen, entweder nicht mehr im ORF tätig oder freigestellt. Nummer 6 war 2025 übrigens Katrin Zirhut-Kunz, die nunmehrige Alleingeschäftsführerin von ORF 3.
Und das ist insofern, ich habe es erwähnt, aus meiner Sicht originär als ihre Unterschrift ebenso unter zahlreichen Produktions- und Lizenzverträgen hängt, die wir in unseren Berichten problematisiert haben. Peter Schöber hat diese Produktionen nie allein abgesegnet, es gab immer eine Mitunterschreibende, und bis 2022 war das Schöbers damalige Mitgeschäftsführerin Eva Schindlauer und ab da Katrin Zirhut-Kunz.
Im Mai hatte Frau Zirhut-Kunz uns in einer Anfrage-Beantwortung noch mitgeteilt, dass der ORF weder die Aufgabe noch die Möglichkeiten habe, um die Finanzierung von Produkten zu hinterfragen, die er kaufe. Nun gut, sie könnte ja jetzt als Geschäftsführerin dafür sorgen, dass bei ORF 3 im Falle eingekaufter Produktionen im Abspann der Hinweis läuft, dass man nicht weiß, wer den eben gezeigten Film finanziert hat.
Stefan Lassnig hat mich erst jüngst wieder gezwickt, weil ich so gut wie nie in der Dunkelkammer darauf hinweis, dass man bei uns zwar keine Inhalte kaufen kann, dafür aber unsere Arbeit finanziell unterstützen kann. Das hole ich hiermit nach: Man kann uns unterstützen, zum Beispiel mit einer Mitgliedschaft bei der Plattform Steady, einem Premium-Abo bei Apple Podcast oder auch mit Spenden. Die Links dazu gibt es unter www.dunkelkammer.at.
Gott, was bin ich für ein grottenschlechter Verkäufer. Apropos Verkäufer, bevor ich für heute schließe, noch einen Ausblick auf eine nahende Episode, die sich einmal mehr der Freimaurerei widmet.
Zu Gast wird mein Cousin Peter Gnaiger sein, ein Redakteur der Salzburger Nachrichten, der 15 Jahre lang Freimaurer war, ehe er dann mit dem Männerbund gebrochen hat. 2025 war Peter zweimal in der Dunkelkammer zu Gast, um über diese Zeit zu sprechen, und jetzt hat er sein Wissen niedergeschrieben. In ein Buch hineingeschrieben, das wir gerade für unseren kleinen, schicken Buchverlag "Edition Lauter" herrichten, Titel "Unter Brüdern, die Freimaurer-Leaks". Darüber reden wir demnächst in der Dunkelkammer.
Eines der Kapitel trägt übrigens den schönen Titel "Peter Schöbers Heldenreise". Warum das so ist, das gibt es alsbald zu hören. Die eigentliche Buchpräsentation mit Peter Gnaiger und mir, die ist am 18. Oktober in der Kulisse Wien. Auch dazu bald mehr.
Nun denn, das war es für heute. Vielen Dank fürs Zuhören.
Autor:in:Livio Koppe |
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