Bühneneingang
„Es ist eine sehr österreichische Mischung aus Größenwahn und Beleidigtsein": Über die Lage der Popnation - mit Walter Gröbchen
Wenn es um Musik und Popkultur geht, ist Walter Gröbchen seit Jahrzehnten eine stetige Konstante im öffentlichen Diskurs: Als Journalist, Label-Chef, Musikvermittler und pointierter Kommentator des politischen Alltags. Dementsprechend spricht er in Folge 79 des Bühneneingangs über die Lage der Popnation Österreich. Es geht um das FPÖ-Radio "Austria First", Pop und Politik, Schieflagen im Förderwesen, KI und Algorithmen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und um die bange Frage, ob die österreichische Musikwirtschaft an der Peripherie der internationalen Märkte überhaupt überlebensfähig ist.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein, ich bin Kulturmanager und Autor, und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen, so, wie er wirklich ist.
Mein heutiger Gast ist Walter Gröbchen. Seit Jahrzehnten agiert er an der Schnittstelle von Journalismus, Musikwirtschaft und politischem Engagement. Als Redakteur und Moderator prägte er zunächst viele Jahre die österreichische Radiolandschaft, ehe er durch sein Label "Monkey Music" selbst zum Musikmanager und Produzenten wurde. Mit dem Plattengeschäft "Schallter" etablierte er außerdem eine verlässliche Anlaufstelle für Vinyl-Liebhaber. Walter Gröbchen gilt als pointierter Kommentator und Vermittler der Kulturlandschaft, egal ob es um strukturelle Miseren in der heimischen Förderpolitik, disruptive Versprechen der KI oder kulturtheoretische Diskurse im Ö1-Radio-Collect geht. Dementsprechend wagen wir heute einen umfassenden Streifzug durch eine Branche, die gerne zwischen Selbstgefälligkeit und Existenzangst schwankt. Lieber Walter, vielen Dank, dass du heute am Bühneneingang vorbeischaust.
Walter Gröbchen
Immer gern, und ich höre schon, das wird ein Ritt durch den Gemüsegarten.
Fabian Burstein
Absolut, es gibt ja nicht so viele Menschen, mit denen man das beim Thema Pop und Popmusik in Österreich machen kann, insofern bin ich sehr froh, dass du da bist.
Walter Gröbchen
Wie gesagt, gern.
Fabian Burstein
Ich will mit dir mit einer Frage beginnen, wie man so schön sagt, aus aktuellem Anlass. Ich habe nämlich letztens eine Folge aufgezeichnet zum neuen FPÖ-Radiosender "Austria First", eben war er dabei FPÖ First, wenn man da drauf schaut. Mit diesem Sender lanciert die FPÖ eben ihren eigenen Kanal im Radiostil. Wie bewertest du es, wenn dort österreichische Künstlerinnen vielleicht sogar ungefragt stattfinden? Ist unpolitische Musik aus deiner Sicht dort überhaupt möglich?
Walter Gröbchen
Der Treppenwitz ist ja, dass bislang ganz wenig österreichische Musik dort gelaufen ist, aus Gründen, die ich nur vermuten kann. Vielleicht hat man ein bisschen Angst davor, dass sich Leute wie die Christl Stürmer da zu Wort melden und sagen, ich will da nicht gespielt werden, was natürlich ein bisschen kränkend oder kontraproduktiv ist, weil es Leute zum Nachdenken bringen könnte, warum will die denn da nicht gespielt werden.
Also dieses "Austria First" Radio, das ja von Spöttern "Austria First" genannt wird, das Dachdeckerradio, ist ja nichts anderes als ein Propagandakanal im Netz, also eigentlich kein Radio, sondern ein Online-Radio-ähnliches Angebot und besteht ja hauptsächlich aus Musik, und zwar 0815-Mainstream-Musik, wie sie in jedem Privatradio vor sich hindudelt, und politischen Einlagen wie Nachrichten und Interviews, die dann immer mit FPÖ-Leuten geführt werden. Die Marie-Christine Giuliani, glaube ich, tritt dort auf als eine Art Claudia Stöckel der blauen Reichshälfte, etwas kurios und natürlich, wie fast alles, was von der FPÖ kommt, auch äußerst kritisch zu betrachten.
Tja, und dass sie kaum österreichische Musik, also ich hätte vermutet, dass die zum Beispiel "I'm from Austria" vom Reinhard Fendrich rauf und runter spielen. Tun sie nicht, wahrscheinlich auch, weil sie fürchten, dass der Reinhard Fendrich sie klagt, und das zu Recht. Ich habe mich selbst vor kurzem mit einem Rechtsanwalt darüber unterhalten, der meint, man kann hier wirklich mit Bezug auf das Persönlichkeitsrecht bei einer politischen Veranstaltung, die dieser Sender unter Anführungszeichen natürlich ist, kann man Einspruch erheben und kann man sagen, das will ich nicht und spielt mich nicht. Und ich selbst habe auf Facebook mal versucht auszuloten, wie viele Künstler könnte das interessieren, hier präventiv zu sagen, ich will in diesem Austria "First Radio" für Patrioten wieder unter Anführungszeichen definitiv nicht vorkommen. Und die Chancen stehen gut, dass man das auch verhindern kann.
Fabian Burstein
Aber, und das ist eine Frage, die mich schon auch umtreibt, wir spüren da schon ein Paradoxon. Wir dürfen davon ausgehen, dass sehr große Mainstream-Acts wie Wanda, wie Seiler und Speer, natürlich auch wie die Christina Stürmer, also Acts, die ein breites Publikum ansprechen und natürlich mit der Mundart auch ein rustikales Publikum ansprechen, dass die natürlich keine scharfe Abgrenzung in den politischen Lagern haben.
Walter Gröbchen
Da irrst du dich, weil ich habe mich zum Beispiel kurz mit einer ehemaligen Mitarbeiterin von mir unterhalten, die jetzt die Wanda-Managerin ist, schöne Grüße.
Fabian Burstein
Kommt im Übrigen auch im neuen Buch von Marco Wander sehr lobend vor, die ganze Zeit.
Walter Gröbchen
Ja, ja, die ist ein Crack, also die weiß, was sie tut, und die hat mich gleich kontaktiert und gesagt, also Wanda wollen da natürlich auch nicht vorkommen und sind ja auch politisch durchaus aktiv. Im Sinn von, dass sie sich immer wieder zu bestimmten Themen zu Wort melden, und zwar sehr eindeutig. Und das finde ich auch sehr respektabel, und die hat gleich gesagt, also keep me informed, also auch Seiler und Speer und so weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die auf einem FPÖ-Radio stattfinden wollen.
Fabian Burstein
Das mag sein, dennoch stelle ich mir die Frage, wenn ich weiß, dass in meinem Publikum ein gewisses Grundrauschen der Hörerinnen von Austria First gleichzeitig auch mein Publikum ist, dass ich mir vielleicht genau überlege, wie stark ich in die politische Kommunikation gehe. Glaubst du, ist das so, oder bin ich dazu, nehme ich da zu viel Vorsicht an?
Walter Gröbchen
Ist sicher auch eine individuelle Frage, auch eine lustige Fußnote, oder vielleicht auch nicht lustig. Ich habe mich vor ein paar Tagen mit dem AKM-Präsidenten Peter Vieweger darüber unterhalten, und der hat gesagt, ja, was wollt ihr denn jetzt? Wir haben immer gesagt, es gibt zu wenig österreichische Musik im Radio, und jetzt spielen die, was sie dann eh nicht getan haben. Also das ist doch positiv, sage ich, ja, aber nicht unter diesen Rahmenumständen. Wir wollen nicht für politische Propaganda missbraucht werden.
Fabian Burstein
Das heißt, nur wenn man dann mehr AKM-Beiträge einstreift, weil das natürlich Probleme bringt.
Walter Gröbchen
Das ist lächerlich bei einem Webradio, also da kommen ein paar Cent raus. Es geht hier sicher nicht um Geld. Noch ein kleiner Hinweis, der ja sehr peinlich für dieses "Austria First" Radio ist, die haben mit der AKM zwar irgendwie schon gesprochen, aber haben das nicht geklärt. Also wahrscheinlich die, was sie zu bezahlen haben, wahrscheinlich konnten sie noch nicht sagen, wie viel Hörer sie da erwarten und so weiter, aber die gingen ohne Lizenz auf Sendung. Also die wenigen österreichischen Künstlerinnen und Künstler, die da gespielt werden, sehen jetzt mal zunächst einmal keine Kohle.
Fabian Burstein
Da muss nachgemeldet werden, sozusagen.
Walter Gröbchen
Ja, das ist ein formales Problem, aber ich finde es trotzdem peinlich.
Fabian Burstein
Ja, ich habe mich ja mit Thomas Höhner, mit dem Anwalt, darüber gesprochen, habe ich darüber gesprochen. Er hat gesagt, es gibt ja bei der AKM keine Opt-Out-Möglichkeit, also ich kann nicht reinschreiben, da möchte ich nicht gespielt werden. Siehst du das kritisch als Branchenkenner? Müsste man da was etablieren?
Walter Gröbchen
Ich glaube, man muss es individuell lösen. Die AKM als Verwertungsgesellschaft hat tatsächlich sozusagen die Pflicht, jedem, der die Abgaben bezahlt und quasi das anmeldet, auch die Genehmigung zu geben, Musik zu verwenden. Sie ist ja allgemein veröffentlicht worden. Man kann also nicht hergehen und sagen, da möchte ich stattfinden und auf diesem Radio möchte ich gespielt werden und auf diesem aber nicht. Die AKM gibt das pauschal sozusagen frei. Über das Persönlichkeitsrecht kann ich aber sagen, ich sicher nicht mit der FPÖ.
Fabian Burstein
Du hast ja für das Radio Kolleg, ich habe es im Intro erwähnt, ja schon sehr viele kulturtheoretische Themen beackert, unter anderem ja auch das Protestlied. Ich bin ein bisschen in deinen Backkatalog reingegangen als Vorbereitung auf unser Gespräch. Du hast, glaube ich, im Jahr 2024 dazu ein Stück veröffentlicht mit mehreren Folgen.
Wie würdest du das sehen? Hat der Pop diese Mechanismen vielleicht ein bisschen vernachlässigt in der jüngeren Vergangenheit, dass man mit Popkultur, mit den Erzählungen, die man rund um seine Songs etabliert, dass man da auch im positiven Sinne Politik machen kann und die gesellschaftliche Stimmung beeinflussen kann?
Walter Gröbchen
Also ich glaube, man darf die Bedeutung und die Hebelwirkung von Popmusik nicht überschätzen. Aber man darf sie auch nicht unterschätzen. Und jetzt gerade beim Herfahren mit dem Taxi bin ich über die Schlagzeile gestolpert, dass Bruce Springsteen gerade zu den Unruhen in Amerika einen neuen Song gemacht hat, Streets of, nicht Philadelphia, sondern.
Fabian Burstein
Dort, wo das passiert ist, ich weiß den Namen der Stadt jetzt leider auch nicht auswendig.
Walter Gröbchen
Minnesota, oder?
Fabian Burstein
Ja, also zu dem Ort, wo das passiert ist.
Walter Gröbchen
Ja, und ich glaube, das wird schon für Aufhorchen sorgen, wenn eine integre Figur wie Bruce Springsteen hier sich zu Wort meldet. Das ist ganz, ganz notwendig heute, dass man wirklich demonstriert, und das Wort Demonstration steckt da schon drin, also augenfällig und merkbar sich äußert im Sinne von, das finden wir nicht okay, hier sind wir auf einer anderen Seite, hier sehen wir die Dinge ganz kritisch.
Und deswegen sind ja Künstler von Parteien auch gefürchtet, weil die haben schon, ich will nicht sagen, ein moralisches Gewicht, das wäre zu überzogen, aber sie haben eine Stimme, eine populäre Stimme und meistens eine kritische Stimme. Und das bringt Menschen auch zum Nachdenken oder irritiert sie zumindest.
Also wenn ich jetzt FPÖ-Anhänger wäre und höre dann vom Wanda-Sänger, dass er mit dieser Partei nichts zu tun haben will, dann muss mich das irritieren. Dann, warum? Was hat er dagegen einzuwenden? Kann dazu führen, dass man vom Wanda-Glauben abfällt, kann dazu aber auch führen, dass man vom FPÖ-Glauben abführt.
Fabian Burstein
Lass uns da jetzt, das ist ja das Gute, dass du hier zu Gast bist, dass wir ununterbrochen Rollenwechsel zelebrieren können. Das heißt, du warst jetzt im journalistischen Beobachter, im Analystenmodus. Du hast ja auch ein Musikmanagerherz. Wie gehst du bei solchen Gesprächen mit dem Thema Politik um, wenn Künstlerinnen und Künstler vor dir sitzen und sagen, du Walter, ich will von der Musik leben, ich möchte einen soliden Karriereweg einschlagen, wie soll ich mit dem Thema der politischen Positionierung umgehen?
Walter Gröbchen
Also so eins zu eins kam diese Frage noch nie im Sinn von, ich möchte Karriere machen, wie soll ich mich da politisch äußern? Das ist mir fast zu plump. Aber natürlich gibt es Bands, eine zum Beispiel haben wir, die heißt Sinuswelle. Die sind hochpolitisch. Also die haben jetzt ein erstes Album auf den Markt gebracht, das heißt Manifest. Und ich habe dann zum Spaß eigentlich gesagt, wenn ihr schon ein Album namens Manifest machen müsst, müsst ihr auch ein Begleitbuch machen, das Manifest heißt. Also ein Manifest. Die haben das dann auch wirklich gemacht. Es ist ein bisschen, wie soll ich sagen, also der Wille ist oft stärker als die Musik und oder der gesamte kulturelle Impact. Das ist oft die Schwäche dieser Dinge. Ich wünschte, also Wanda zum Beispiel könnten einen hochpolitischen Song schreiben. Und der würde Diskussionen auslösen, puh.
Fabian Burstein
Und würdest du ihnen das raten?
Walter Gröbchen
Nein, ich würde überhaupt im Politischen niemandem etwas raten. Das ist eine, das wäre Indoktrination, das wäre der Versuch, weil du gesagt hast, Musikmanager. Was ist ein Musikmanager? Man ist ja immer so ein Mittelding aus Berater, Fachmann in bestimmten Fragen, Copyright und so weiter, Psychologe und Kindergartenmädchen. Nein, ich würde in politischen Dingen niemandem etwas raten. Das ist immer eine individuelle Entscheidung. Aber vielleicht umgebe ich mich hauptsächlich mit Leuten, die Kritiker würden jetzt sagen, Blase, die, wo ich zumindest das Gefühl habe, die liegen jetzt nicht ganz woanders politisch.
Fabian Burstein
Stichwort Blase, Stichwort, was ist ein Musikmanager in Österreich? Wir diskutieren ja auch immer viel über die strukturelle Begebenheit, zum Beispiel des Themas Kulturförderung.
Walter Gröbchen
Schwieriges Thema.
Fabian Burstein
Sehr schwieriges Thema. Wir haben das Phänomen, dass Kulturförderung sehr, man würde jetzt sagen, e-lastig ist, also sehr stark auf die klassische Hochkultur abzielt, auch auf die großen Institutionen der Hochkultur. Bei mir war mal Peter Hajek, der gesagt hat, das war fast ein Freudscher Versprecher.
Walter Gröbchen
Verbrecher.
Fabian Burstein
Er hat gesagt, wir sind eigentlich nicht die Kulturnation Österreich, sondern die Hochkulturnation Österreich.
Walter Gröbchen
Ich habe zu dem Thema vor einigen Jahren einen längeren Artikel mal geschrieben und tatsächlich laufen, wenn man sich die Förderberichte und so weiter anschaut, es laufen 95 Prozent aller öffentlichen Mittel oder überhaupt aller Mittel, die im Sinn von Sponsoring und von struktureller Förderung und so weiter bestehen, laufen in Klassik. Laufen in Österreich in klassische Musik, im weitesten Sinn, also vom Kammerorchester bis zur Staatsoper. Und die restlichen fünf Prozent können sich dann irgendwelche Rocker, Popper und Jazzer und so weiter aufteilen. Also das sieht man schon, das ist ja nicht mal mehr eine schräge Ebene, das ist ja schon ein Abgrund.
Jetzt kann man natürlich sagen, okay, Österreich ist für klassische Musik weltberühmt, das heißt, man setzt natürlich auf dieses Pferd der spanischen Hofreitschule, wo wirklich ein Effekt erzielt wird, wo Touristen nach Österreich strömen, wo der Nachwuchs herangebildet wird, wo die Asiaten in Wien dann lernen, wie sie die Violine zu streichen haben und so weiter. Mag alles sein, aber es ist trotzdem auch ein bisschen traurig, weil die zeitgenössische Musik eigentlich kaum stattfindet. Und das versucht man ein bisschen zu kamuflieren.
Es gibt ja auch, jetzt gab es so einen Musikwirtschaftsbericht, wo man gesagt hat, so und so, die Wertschöpfung ist so und so und eigentlich sind wir größer als die stahlverarbeitende Industrie und so weiter und so weiter. Aber wenn du genau hinschaust, dass ein paar sitzen am gut gedeckten Tisch und die anderen müssen schauen, dass die Brosamen, die vom Tisch fallen, sie einigermaßen ernähren.
Fabian Burstein
Das ist ganz ähnlich wie in der Verlagsförderung. Da gibt es ähnliche Mechanismen. Also da gibt es sehr festgefahrene Strukturen, wo wenige sehr gut profitieren und eigentlich für das Fördergeld publizieren. Und dann gibt es ein paar andere.
Walter Gröbchen
Ja, das ist der Erneuerungsfaktor, wird zu wenig beachtet. Das heißt, die bestehen großen Institutionen, die wirklichen Nilpferde des Marktes, die werden ordentlich gefüttert, weil man sagt wahrscheinlich, die brauchen das, die würden sonst verhungern oder das ganze System würde zusammenbrechen. Aber die belebenden Faktoren, die Newcomer, die kleinen Biotope und so weiter, die werden eher vergessen. Und das ist nicht gut für die Kulturnation Österreich.
Fabian Burstein
Aber jetzt mal ganz konkret gefragt, hat Österreich überhaupt irgendeine Musikwirtschaftsstrategie, die jetzt über das Gießkannenprinzip hinausgeht, sowohl was das Thema Wirtschaft als auch Kultur betrifft? Das sind ja beides Faktoren, die man zu beachten hat.
Walter Gröbchen
Also ich habe da einen sehr unpopulären Standpunkt, weil du Musikstrategie sagst. Ja, es wird ja gerade politisch an einer Musikstrategie gearbeitet und da sind auch sehr honorige und kundige Leute dabei, die da ihre Stimme erheben und die versuchen, etwas auf die Beine zu stellen, was man eine Musikstrategie im populärkulturellen Bereich nennen könnte. Und die haben auch meinen Respekt.
Aber ich glaube, zunächst einmal müsste man die Grundsatzfrage stellen, was will man denn eigentlich? Also wenn man die Popkultur in Österreich exportfähiger machen will und mehr zum Wirtschaftsfaktor, dann kann man natürlich da Geld hineingießen, Geld, das im Moment eigentlich eher fehlt. Ob nur sozusagen die monetäre Förderung da wahnsinnig viel bewirkt, wage ich zu bezweifeln.
Und man muss schon wirklich sagen, und ich sage das auch immer wieder, und ich mache mich damit nicht sehr beliebt, dass man aufpassen muss, nicht in die Förderfalle zu geraten. Was versteht man unter einer Förderfalle? Ja, das, was strukturell in der Filmwirtschaft schon lange stattgefunden hat, im Verlagswesen und so weiter. Viele, ich will nicht sagen alle, aber viele sind inzwischen, hängen wie ein Junkie an der Nadel, an der Förder, am Fördertropf. Wenn nicht Jahr für Jahr ein gewisser Betrag reinkommt, könnten wahrscheinlich einige, vielleicht sogar viele zusperren. Und das heißt, man verlässt sich eigentlich mehr und mehr auf Fördergelder und verlernt mehr und mehr so zu wirtschaften, dass es Sinn macht, ökonomisch.
Und das nenne ich die Förderfalle. Jetzt, die stärksten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Ja, wir haben auch als Label Förderungen genommen und nehmen sie nach wie vor. Es wäre auch wirtschaftlich unredlich oder zumindest vollkommen bescheuert, auf etwas zu verzichten, was die anderen kassieren. Aber ich mag das nicht besonders. Und gerade die Populärkultur, die Musikwirtschaft in diesem Bereich war über Jahrzehnte hinweg, hat sich selbst getragen und war lebens- und überlebensfähig. Aber sie rutscht allmählich ab.
Fabian Burstein
Aber kannst du das beschreiben? Du hast gesagt, es gibt gerade eine Bewegung, die sich eben mit einem Musikplan, mit einem kulturpolitischen Musikplan auseinandersetzt. Wie ist diese Gruppe strukturiert? Ist die angebunden ans Bundeskanzleramt?
Walter Gröbchen
Die ist, glaube ich, ans Bundeskanzleramt angebunden. Am besten holst du mal den Andreas Babler hierher.
Fabian Burstein
Er kommt nicht.
Walter Gröbchen
Andreas Babler, bitte. Kommen Sie, kommen Sie oder komm du, ich kenne ihn ja flüchtig, sag mal zumindest, komm in diesen Podcast. So geht das nicht weiter. Das ist wichtig. Hier kann man etwas vermitteln. Oder hol die Tatjana Domany, die ist eine sehr, sehr agile Beraterin, auch in dieser Sache für den Babler. Und lass dir das mal erklären mit der Musikstrategie 2000, weiß ich nicht, 30 oder was immer, wie das genannt wird dann. Die Politik neigt da ja zu einem gewissen Pathos.
Ich bin natürlich ein bisschen skeptisch, weil der Anspruch ist da und der Wille ist da und die Vision ist vielleicht da, auch wenn ich nicht glaube, dass man da jetzt groß strategisch vorgehen sollte, sondern eher sehr praktisch, pragmatisch. Auf der anderen Seite fehlt es an Geld, gerade hinten und vorne. Und wo wird es gleich abgezwickt werden? Gerade bei denen, wo man sagt, naja, brauchen wir jetzt eh nicht. Die Staatsoper, die braucht eine neue goldene Türschnalle, aber der, weiß ich nicht, der Underground-Musiker, der soll halt mal selber schauen, wo er bleibt.
Fabian Burstein
Ich habe ja 12, 13 Jahre in Deutschland gearbeitet und habe dort ein Konzept kennengelernt, nämlich jenes des Popbeauftragten.
Walter Gröbchen
Klingt schrecklich.
Fabian Burstein
Klingt schrecklich, war aber an vielen Stellen tatsächlich sehr effektiv. Also das gab es auf Landesebenen, das gab es in Kommunen. Mannheim war tatsächlich die erste Kommune, die einen Popbeauftragten eingeführt hat und damit letztendlich auch den Weg geebnet hat, dass man als sogenannte Second City über eine Nische, in dem Fall war es das Ausbildungswesen für Musikwirtschaft in Form der Popakademie, dass man sowas beginnt zu diskutieren und dann implementiert. Glaubst du, bräuchte Österreich auch so etwas?
Walter Gröbchen
Ich habe ja auch einige Jahre in Deutschland gearbeitet und ich muss sagen, die Deutschen schauen sich immer wieder auch etwas von den Österreichern ab. Also zum Beispiel der Musikfonds, der hier eingerichtet wurde, sehr verdienstvoll, noch unter Franz Morak, dem vielgeschmähten Franz Morak, der aber hier wirklich eine kühne Tat vorgenommen hat.
Fabian Burstein
Zur Einordnung schon, Franz Morak war früher Künstler oder ist es jetzt wieder und war dann im Jahr 2000, glaube ich, ist er im Kabinett Schüssel 1 Kulturstaatssekretär geworden. Stimmt das?
Walter Gröbchen
Genau. Und davor war er Burgtheaterschauspieler und ich sage auch immer Burgtheater-Punk, weil er hat ja Platten aufgenommen, wo er mehr einen Punk gespielt hat, als dass er es wirklich war. Mit diesen aufsehenerregenden Helnwein-Cover und so weiter. Das ist schon eine denkwürdige Episode der österreichischen Popgeschichte. Aber wie gesagt, Franz Morak hat diesen Musikfonds eingerichtet und ich glaube, ein paar Jahre oder Jahrzehnte fast später haben das die Deutschen dann auch nachgemacht. Ob er seinen Popbeauftragten braucht, wer könnte denn das sein und was genau sollte der machen oder die machen, wahrscheinlich heute eher die, kann ich dir nicht sagen. Die Popakademie in Deutschland, die war sehr klug und sehr verdienstvoll und ganze Heerscharen von jungen Musikerinnen und Musikern sind da sozusagen durchgegangen und sind heute aktiv.
Fabian Burstein
Auch Manager:innen, nämlich.
Walter Gröbchen
Auch Manager. Ich bin aber sehr skeptisch, was die Aufnahmefähigkeit des Marktes betrifft, weil auch in Österreich haben sich ja die Angebote der Professionalisierung, der quasi Popakademien und so weiter, haben sich ja verbreitet und intensiviert.
Aber es ist ähnlich wie im Journalismus. Wenn du heute Journalismus studierst, kannst du im Hinterkopf eigentlich, glaube ich, immer gleich immer mitdenken, werde ich einen Job bekommen? Also das sind keine aufblühenden Wirtschaftszweige, sagen wir mal so. Was aber niemanden davon abhalten soll, wenn er den unbedingten Wunsch verspürt, er oder sie will Musikmanager werden oder Musiker, was immer, da bist du eh getrieben. Das ist ja in diesem Metier so.
Fabian Burstein
Aber könnte das nicht genau der Grund sein, warum das in Österreich so ist? Weil das ist etwas, ich habe ja in der Popakademie unter anderem Spielstätten, Management und Jugendkultur unterrichtet. Und das war für mich das große Learning, dass die, die da durchgehen, die werden natürlich in den seltensten Fällen das, wovon sie geträumt haben.
Ja, aber sie sind an allen Ecken und Enden des deutschen Musikmarktes zu finden. Als Musikerinnen sehe ich sie, ich sehe ehemalige Studierende von mir im Fernsehgarten, als Tourmusiker von Schlagersängern und Sängerinnen. Ununterbrochen, wenn man die Branchen-News in den Plattenlabels oder das, was davon übrig geblieben ist, oder bei den Streamern oder bei den Musikvermarktungsplattformen sich anschaut, sind immer mischen diese Leute mit. Jetzt kann man natürlich sagen, ist das überhaupt erstrebenswert, hat das was noch mit Kunst zu tun, aber es ist natürlich Professionalisierung.
Walter Gröbchen
Die lernen ihr Handwerk, so wie jede Fachhochschule. Wenn du Journalist heute wirst, lernt dir, wie du einen Podcast aufnimmst, wie du Fernsehbeiträge schneidest, wie du Radio andenkst, was immer auch. Aber trotzdem bin ich skeptisch, weil allein das Handwerk ist es nicht. Also du brauchst schon eine persönliche Getriebenheit und eine persönliche Vision, die immer schwerer einlösbar wird, muss man auch sagen.
Also ich zum Beispiel als Labelbetreiber, wir haben im Vorjahr 25 Jahre Monkey gefeiert. Das ist schon ein Vierteljahrhundert, eine beachtliche Leistung, da einfach zu existieren, ich sag's mal so, und da produktiv zu sein. Aber in diesen 25 Jahren hat sich diese Rolle auch so gewandelt. Also gestartet bin ich noch quasi mit der Vision der 80er und 90er-Jahre.
Ich war ja eine Zeit lang bei Markus Spiegel, der hat dieses Label betrieben, GiG Records, das Falco und so weiter entdeckt hat. Da habe ich mir gedacht, da kann man reich werden. Wenn man da einigermaßen kundig und einigermaßen auch mit Glück agiert, das ist Quatsch. Also in Österreich mit einem Indie-Label kannst du nicht reich werden, da kannst du vielleicht Verdienste kultureller Natur einheimsen, aber also jeder Zahnarzt ist da besser unterwegs.
Und irgendwann musst du dir die Frage stellen, was mache ich hier eigentlich? Ist es noch notwendig, ist es noch überhaupt sinnvoll, diese alte Labelrolle zu verkörpern in einer Zeit, wo keine Tonträger mehr hergestellt werden oder nur mehr am Rande, wo Künstler eine viel stärkere Wissensbasis und auch einen Drang zur Selbstermächtigung haben, wo Streaming-Plattformen direkt vom Künstler bestückt werden, der genau sich am Computerbildschirm anschauen kann, wie viele Abrufe hat er jetzt in Aserbaidschan gerade erreicht. Das ist eine Frage, ja.
Fabian Burstein
Ja, jetzt bist du aber da ja ein Phänomen, weil zum einen.
Walter Gröbchen
Phänomen, oh je.
Fabian Burstein
Spielst du ja sehr virtuos auf der Klaviatur dieser österreichischen Szenen. Du mischst an unterschiedlichen Stellen mit, du kennst die Akteurinnen und Akteure und andererseits merkt man das ja auch, dass du immer wieder, gerade an deinen öffentlichen Statements erkennt man das, dann einen Schritt zurück machst und sagst, ja eigentlich, das finde ich, das wird mir jetzt ein bisschen zu zu eng und zu zu knapp gedacht.
Jetzt möchte ich mit dir eine Beobachtung teilen. Wie ich so die ersten Male zwischendurch nach Hause gekommen bin, wie ich im Ausland gearbeitet habe, und ich habe ja dann doch auch immer wieder mit Politiker:innen und mit dem Umfeld von Politiker:innen zu tun gehabt, da ist mir eine Sache immer aufgefallen.
Wenn man mit ihnen über sowas gesprochen hat, was passiert woanders, haben die gesagt, das brauchen wir nicht. Oder das machen wir in Wahrheit schon. Oder in Wahrheit schauen die Deutschen eh von uns ab, weil wir sind das große Phänomen und dort, da schauen sie zu uns. Also es war so ein, wirklich ein völliges Desinteresse am strukturellen Lernen da. Da war ich vielleicht naiv, ich war da ja auch noch jünger, aber es hat mich wirklich völlig schockiert. Kannst du das nachvollziehen oder habe ich nur einfach den falschen Ton getroffen?
Walter Gröbchen
Es ist eine sehr österreichische Mischung aus Größenwahn und Beleidigtsein. Also Größenwahn im Sinn von, wir zeigen es denen allen, was ja auch manchmal eintritt, eben aus dieser Du-hast-keine-Chance, also nutze-sie-Position heraus. Und Beleidigtsein im Sinn von, die beachten uns zu wenig. Oder also gerade in der Struktur der Musikindustrie ist ja das Gefälle offensichtlich. Also da ist Österreich, und das ist auch eine Botschaft, die viele nicht hören wollen, ein absoluter Nebenschauplatz.
Also wenn du dich für eine Karriere in der Musikindustrie oder im Musikbusiness oder im Musikfeld interessierst, dann geh nach Berlin oder geh nach München, na eher Berlin, geh nach London, geh in die USA, wobei es ist heute die Frage, kann man da einreisen, aber bleib nicht in Wien. Das ist, hier ist es zwar relativ gemütlich und man kann sich schön selbst belügen, dass jetzt die Weltkarriere von hier aus startet. Nein, sie wird nicht von Wien aus starten. Das muss man klar sagen. Ganz wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
Und das heißt also, das Gefälle ist immer die großen Märkte, das wäre also nach den USA ist das Großbritannien, Deutschland, Japan, dann kommen vielleicht irgendwann ferner liefen, Frankreich und so weiter. Natürlich die asiatischen Märkte und so weiter kommen hoch mit Phänomenen wie K-Pop und so weiter. Aber Österreich?
Und jetzt passiert gerade etwas, das ich auch sehr kritisch sehe, auch damit werde ich mir keine Freunde machen. Auf europäischer Ebene wird versucht, das irgendwie auszugleichen, also quasi mit der großen Kulturmission. Das heißt, es werden gar nicht so kleine Fördergelder in alle möglichen Festivals, Initiativen, Nachwuchsförderaktionen und so weiter gesteckt, im Sinn von, wir müssen schauen, dass wir die Chancen für Länder wie Österreich, Belgien, Lettland, Albanien und so weiter stärken und die auf Augenhöhe sozusagen mit den großen Playern heben.
Das ist, ich würde vielleicht etwas zynisch sagen, das ist eine fast gar nicht milde Form des Selbstbetrugs. Es wird zwar all diese. In Österreich ist das Mika und so weiter, die eine sehr durchaus verdienstvolle Rolle haben, aber Mikas hat inzwischen jedes kleine Land. Das heißt, man hat zwar das Niveau gehoben, aber es ist auf etwas höherer Ebene egalisiert. Das heißt, alle haben dieselben Chancen und dieselben Nicht-Chancen. Und ich würde sagen, in Österreich, Belgien, Albanien und so weiter hast du eher die Nicht-Chancen. Auch wenn man so tut, als wäre das nicht so, im Sinne des europäischen Gedankens. Ja.
Fabian Burstein
Aber ist es nicht so, das ist jetzt eine Gefühlsfrage oder eine atmosphärische Frage, dass wir uns ja gerade mit diesem Größenwahn selbst im Weg stehen? Ich mache es jetzt an einem Beispiel fest.
Walter Gröbchen
Er hilft uns auch. Stell dir vor, eine Band wie Wanda wäre ohne eine Riesenportion Größenwahn gar nicht entstanden.
Fabian Burstein
Ja, das ist das perfekte Beispiel, weil da war ja zum Beispiel immer das Narrativ, die haben ja was Unglaubliches geschafft. Erstens, sie sind hier in Österreich zu einem Pop-Phänomen geworden, das erstmal so anschließt an diese Größen wie Fendrich, Ambros etc. Das ist ja mal ein.
Walter Gröbchen
Genau, gemeinsam mit Bilderbuch und noch Udo Jürgens und noch ein paar anderen, Ernst Molden.
Fabian Burstein
Genau. Also das ist ja eine Riesenleistung, erstens. Und dann haben sie zweitens noch eine, sage ich mal, große Leistung erbracht, nämlich sie konnten in wirklich schönen Locations in Deutschland touren, wie man es.
Walter Gröbchen
Ja, sie haben Deutschland erobert, ja. Also den deutschsprachigen Raum, kann man sagen.
Fabian Burstein
Und das, genau, und das wage ich zu bezweifeln. Weil Deutschland erobert bedeutet, wenn man sich anschaut, auf welchem Niveau deutsche Pop-Acts agieren, das ist ungefähr, ich würde sagen, das 20-Fache an Kapazitäten, an Marktpräsenz etc. Und ich glaube ja, dass wenn man Wanda nicht die ganze Zeit eingeimpft hätte, dass sie Deutschland erobert haben, dass sie vielleicht wirklich Deutschland erobert hätten.
Walter Gröbchen
Da bist du ja kritischer als ich. Also ich mag Wanda ich mag auch diesen Gestus, den diese Band hat, aber man muss auch ganz nüchtern konstatieren, anders als dass man es, als wie man die Band in Österreich sieht, von wegen Größenwahn und Selbstübersteigerung, ist das in Deutschland ein mittelgroßer Act, genauso wie Bilderbuch oder so.
Das sind jetzt keine Riesen-Acts, die füllen zwar 3000er- oder 5000er-Hallen, aber die wirklichen Stars, ich keine Ahnung, wer da jetzt gerade en vogue ist, also die ganzen Hip-Hopper, auch vielleicht auch noch Grönemeyer und so weiter, die füllen eher so die 30.000er-Hallen, wenn es das überhaupt gibt.
Fabian Burstein
Ja, es ist hin ein erfolgreicher Alternative Act, was ja eine große Leistung ist. Also es geht ja nicht darum, das zu schmälern, das musst du mal schaffen.
Walter Gröbchen
Nein, im Gegenteil, ich ziehe meinen Hut.
Fabian Burstein
Ja, aber ich behaupte ja, wenn ihnen in Wien nicht die ganze Zeit erzählt worden wäre, dass sie den gesamten deutschsprachigen Raum erobert hätten.
Walter Gröbchen
Nein, das haben sie sich schon selbst beigebracht und selbst erzählt. Also ich wüsste nicht, ich kann ja eine lustige Anekdote dazu erzählen. Ganz am Anfang, als Wanda gestartet sind, ich habe mir die früh irgendwann angeschaut, da war, glaube ich, die Kata noch nicht bei der Band, treffe ich den Stadthallenchef, den damaligen.
Fabian Burstein
Wer war das? Der Fischer?
Walter Gröbchen
Der Fischer, der heute Donaudampfschifffahrts-Kapitän ist oder so irgendwas. Und er sagt, wir wollen was für die österreichische Musik tun, fällt dir dazu was ein? Sage ich, ja, buchts doch Wanda. Er sagt, nie gehört. Sage ich, das ist ein Act, merkt dir den Namen, der wird die Stadthalle füllen. Er sagt, wie, was? Sage ich, du kriegst sie jetzt zu einem Battle, also einer Gage, probier das. Im schlimmsten Fall verhängst du die halbe Stadthalle oder drei Viertel der Stadthalle, und damit das nicht peinlich wird von der Kulisse her. Aber ich habe irgendwie im Harn, das könnte die Stadthalle wirklich füllen. Die Band hat so einen Schwung, hat so einen Impetus und so einen Glauben an sich selbst, das überträgt sich auf ein Publikum. Und ich glaube, wenige Wochen oder wenige Monate später kommt er wieder um die Ecke gebogen und sagt, du hast recht gehabt. Unglaublich.
Walter Gröbchen
Und tatsächlich hat Wanda wahrscheinlich für eine absurd niedrige Gage die Stadthalle gefüllt und damit sozusagen auch so eine Self-Fulfilling-Prophecy ausgelöst im Sinn von, wir sagen das, wir können das, wir wollen das und wir tun das. Und alle sind mit offenem Mund dagestanden und haben gesagt, Wahnsinn.
Fabian Burstein
Ja, ja, es war eine großartige Geschichte. Ich kann ja selber sagen, mein erstes Wanda-Konzert war ja dieses erste Post-Covid-Konzert, was sie da in der Stadthalle vor Weihnachten gegeben haben. Man hat ja immer so das Selbstbild des cool distanzierten Kunst- und Kulturmenschen. Man konnte sich nicht entziehen. Also es war genial.
Walter Gröbchen
Aber hier wird groß gedacht, und das finde ich bemerkenswert. Anderes Beispiel, Bilderbuch im Schloss Schönbrunn. Die haben irgendwann plakatiert in ganz Wien, wir spielen eineinhalb Jahre später, im Jahr, weiß ich nicht, 2024 oder so war das, und wir befanden uns noch im Jahr 2022, wir spielen im Schloss Schönbrunn. Riesen Open-Air-Dings, und alle haben gesagt: Hä? Und auch hier wieder diese Self-Fulfilling-Prophecy. Und das passt. Aber das ist das relativ Größte, was geht in Österreich.
Ich weiß nicht, es gibt ja, ich schaue mal ab und zu die Spotify monatlichen Hörer an. Und die wirklichen Millionen-Plays haben Acts, von denen wir oft gar nichts wissen, nicht einmal den Namen richtig kennen. Die sind zwar Österreicher, sitzen irgendwo in Berlin oder, weiß ich nicht, LA oder sonst wo, machen meistens so Gebrauchs-Dance-Music. Also nicht RAF Camora ist der Größte, sondern C-Mix oder nein, nicht C-Mix, C-Mix, Blue Mix und.
Fabian Burstein
So Cloud-Rap und solche Geschichten.
Walter Gröbchen
Und erstaunlicherweise, und das finde ich eine tolle österreichische Erfolgsstory, Soap & Skin. Soap & Skin mit einer wirklich nicht gerade populistischen Popformel und sehr anspruchsvollem Denken und musikalischem Agieren hat sich ein Millionenpublikum weltweit erobert. Da ziehe ich echt meinen Hut.
Fabian Burstein
Wir lassen da immer einen Namen komplett aus, der es uns ja eigentlich auch vorgemacht hat, wie man es nicht nur in einem guten Storytelling schafft von Österreich aus den deutschsprachigen Raum zu erobern, sondern es auch tatsächlich getan hat, nämlich das ist der Andreas Gabalier.
Walter Gröbchen
Der Gabalier ist ein Spezialfall. Also ich habe mal ein Ö1-Porträt von ihm gemacht, eh für das Radio Kolleg.
Fabian Burstein
Ich weiß, deshalb habe ich es jetzt reingeworfen.
Walter Gröbchen
Das hat mir auch einiges an Kritik eingebracht, so nach dem Motto, was soll das. Warum porträtierst du den Gabalier, ist der überhaupt Pop und muss der da stattfinden? Und ja, ich sage, der muss da stattfinden, weil er ist ein Pop-Phänomen. Er versucht ja auch immer wieder aus dem Volkstümlichen heraus die Grenze zum Pop und zum Rock'n'Roll, Volksrock'n'Roller und so weiter zu überschreiten. Das ist sein Drang, da möchte er eigentlich hin, da möchte er ernst und wahrgenommen werden.
Und ja, ich werde jetzt keine politischen Streitgespräche mit dem Andreas Gabalier führen. Das habe ich auch übrigens geschrieben dann auf Facebook im persönlichen Gespräch. Ist er sehr, sehr professionell und wirkt nicht unsympathisch, wo dann sofort alle über dich herfallen und sagen, wie kann ein Gabalier sympathisch wirken? Ist halt so.
Ich glaube, das fehlt in Österreich auch ein bisschen, die wirklich seriöse Auseinandersetzung, auch mit Phänomenen wie Gabalier und mit Personen wie Gabalier, weil man sehr schnell Schubladen auf und zumacht und auch dem Gegenüber gar keine Chance gibt, sich nicht auch in so einer Schublade zu verkriechen. Also da kann man lang drüber diskutieren.
Fabian Burstein
Verstehst du, dass er anhaltend beleidigt ist, dass er zum Beispiel nicht bei den Amadeus Awards gewürdigt wird? Das ist ja auch so ein Phänomen. Man kann gar nicht weit genug reisen. Irgendwie hat man immer im Hinterkopf, dass man dort, wo man herkommt, gerne geliebt werden will.
Walter Gröbchen
Ja, also er weiß, dass er dort nicht wahnsinnig, das ist nicht sein Biotop, aber es ist nicht sehr professionell. Als sein Manager würde ich ihm raten, stell dich der Sache. Versuch, mit einem Schmäh da reinzugehen. Du kannst eigentlich nur gewinnen, nicht verlieren. Du gehst als Loser da rein. Gabalier, der Gabalier. Aber es wäre klug, der Florian Klenk hat doch einmal bei dieser Bergbauern-Geschichte, hat er, glaube ich, den Gabalier angerufen. Und der war plötzlich sozusagen an seiner Seite. Und das nenne ich eine positive Überraschung. Also hol dir doch mal den Gabalier da in den Podcast.
Fabian Burstein
Ja, das würde ich total gerne machen. Ich glaube, er ist für mich noch unerreichbar, weil er müsste ja nach Wien kommen. Aber ich könnte doch zu ihm eigentlich, stimmt, ich werde ihn mal fragen.
Walter Gröbchen
Andreas Gabalier, wenn Sie das zufälligerweise hören, bitte unbedingt zum Fabian Burstein in den Podcast kommen. Da kann man einiges loswerden.
Fabian Burstein
Gut. Danke. Jetzt schon dein zweites Plädoyer.
Walter Gröbchen
Babler und Gabalier, die nächsten Gäste.
Fabian Burstein
Du bist ein super Gast. Vielen Dank, danke. Ich möchte mit dir jetzt, weil wir das ja schon angerissen haben und weiß auch, wie so ein Elefant im Raum immer ist, möchte ich mit dir das Thema der technischen Innovationen anpacken. Du hast es ja schon gesagt, Algorithmen, man sitzt vor Algorithmen.
Walter Gröbchen
Künstliche Intelligenz, das ist ein Riesenthema.
Fabian Burstein
Genau, künstliche Intelligenz. Ich hatte ja hier auch schon mal Thomas Rabitsch, der quasi mit künstlicher Intelligenz die Stimme vom Hansi Lang restauriert hat. Also ich sage bewusst restauriert, er hat sie nicht neu aufgenommen, sondern er hat sie restauriert. Du bist ja da auch in dem Feld sehr aktiv. Erstens, du hast mehrfach ausgerufen, dass wir vor einer Zäsur stehen, die wir so noch gar nicht akzeptiert haben oder gar nicht wahrgenommen haben. Zweitens, du hast ein Album released, das sogenannte "Das Blaue Familienalbum". Kannst du mir über das Projekt ein bisschen zusammenfassend berichten?
Walter Gröbchen
Also irgendwann standen der Gerhard Ruis und der Christopher Just bei mir im Büro und haben erzählt, dass sie mit künstlicher Intelligenz auf der Musikseite und mit natürlicher Intelligenz auf der Textseite etwas geschaffen haben, was ein politisches Statement ist. "Das Blaue Familienalbum", man kann sich da ungefähr ausrechnen, was da kommt. Es ist ein unfassbares Potpourri von musikalischem Zeug, das von, weiß ich nicht, Gstanzel bis zur Bierzelthymne reicht. Eigentlich ist es eine Art Musical, das müsste auf die Bühne gebracht werden.
Die Texte vom Gerhard Ruis sind, der ja ein bekannter Vertreter, Funktionär im Literaturwesen ist und auch Schriftsteller, sind sehr, sehr scharf und sehr, sehr politisch kritisch, aber wurden von ihm geschrieben. Und er ist irgendwie durch Zufall auf den Christopher Just oder über eine Freundin auf den Christopher Just gestoßen, der ja ein Hansdampf in vielen Gassen ist, ehemaliger Techno-Musiker.
Fabian Burstein
Übrigens von Weltformat, also der war wirklich.
Walter Gröbchen
Ja, ja, Ilsa Gold und so, Stichwort. Und der ist hergegangen und hat sich mit KI rumgespielt, was ich für klug halte, dass man sich damit beschäftigt. Und hat da über 20 Werke geschaffen, gemeinsam mit der KI, muss man sagen, weil du musst sie ja immer noch prompten und du musst ja immer, es muss sie steuern, die diese Texte mit einer Tonspur versehen. Und was rausgekommen ist, ist so ziemlich das Verrückteste, was wir je auf dem Label gemacht haben.
Findet nicht nur Freunde, also wird auch total verrissen, aber es wird auch abgefeiert. Man kann auch gar nicht sagen, ist das jetzt gut oder schlecht. Die KI-Musik entzieht sich ja oft dieser Bewertung. Es ist oft technisch perfekt und das ist ja das, was bei künstlicher Intelligenz im Musikbereich wirklich frappierend ist.
Ich beschäftige mich auch ein bisschen damit, ich habe auch schon Tracks gebastelt. Das, was da aus der Maschine rauskommt und von Generation zu Generation immer perfekter und immer besser wird, das geht ja rasant, ist erstaunlich. Also du kannst auf Knopfdruck mit ein paar Befehlen, du kannst nicht genau steuern, was da rauskommt, aber das überrascht dich oft.
Und wir haben gerade ein Projekt im Hinterkopf, wo ich auch mit dem Christopher Just und dem Gerhard Poduznik und anderen dran arbeite, dass wir schauen, wie lässt sich diese KI-Musik A) so steuern, dass ihr Ergebnis befriedigend ist oder befriedigend ist, ist zu tief gegriffen, begeisternd ist und gleichzeitig, wie kann man das monetarisieren. Das heißt, wir arbeiten gerade an einem Projekt, ich hoffe, jemand schnappt mir die Idee nicht gleich weg, an K-tel-artigen Samplern. Ich weiß nicht, ob du dich an K-tel erinnern kannst. Das war in den 70er-, 80er-Jahren, waren das so Compilations, die im Fernsehen beworben wurden, wo immer die größten Hits drauf gepackt wurden.
Fabian Burstein
Ah, das war sogar noch in den 90ern.
Walter Gröbchen
Ja, K-tel präsentiert.
Fabian Burstein
Ja, ja, mit Christa Berg.
Walter Gröbchen
Ja, ja, es waren immer die größten Kommerzhits drauf. Das heißt, Leute haben sich solche Compilations gekauft, weil sie sich ein bisschen Geld sparen wollten für die einzelnen Singles oder für Alben.
Fabian Burstein
Waren noch meistens Abos. Waren Abos, da hat man einmal eingezahlt und dann hat man diese, die immer wieder gekriegt.
Walter Gröbchen
Das mit dem Abo, weiß ich nicht, das ist aber ein interessanter Gedanke. Und ich habe mir gedacht, okay, wir machen jetzt nicht K-tel wir machen KI-tel und machen auch solche Hit-Sampler, wo die Musik mit Hilfe von KI erstellt wurde. Ich sage mal so.
Ich betone das deswegen, weil es um Copyrights geht. Das ist ja die entscheidende Frage bei KI-Musik. Wem gehört das Copyright? Eigentlich der Maschine, also dem Algorithmus, dem Programm. Und die Sunos und Udios und so weiter versuchen da ja auch drauf zurückzugreifen. Aber die großen amerikanischen Verwertungsgesellschaften, ASCAP, BIM und so weiter, haben inzwischen gesagt, wenn ein Mensch beteiligt ist, dann kriegt der das Copyright.
Das heißt, es geht immer um Monetarisierung. Wie das genau alles entstanden ist, bleibt im Dunkeln. Welchen Anteil hat ein Mensch, welchen Anteil hat die Maschine? Aber das Copyright kann verwertet werden. Klar, die wollen weiter ihr Geschäft machen. Die Plattenfirmen wollen ihr Geschäft machen. Die Musikkonzerne wollen ihr Geschäft machen. Das heißt, man hat sich auf eine sehr pragmatische Weise zum Thema KI, hat man sich schon verständigt.
In Österreich und in Europa ist man dann auch sehr viel vorsichtiger. In Schweden, glaube ich, ist gerade ein KI-Hitsong aus den Charts rausgeworfen worden und so weiter. Also man geht sehr viel distanzierter und kritischer damit um. In Amerika denkt man schon mal übers Geschäft nach. Und ich denke auch übers Geschäft nach, so schnöde das klingen mag. Ich schaue mal, ob solche KI-Musik auf Vinyl gepresst als KI-tel-Sampler wirklich ein Publikum finden würde.
Fabian Burstein
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein unter Anführungsstrichen legal case eigentlich ein Geschäftsmodell begründet, weil bei Napster war es ja genauso. Zunächst in einem vermeintlich rechtsfreien Raum hat sich plötzlich eine Streaming, nein, es war keine Streaming-Plattform, sondern es war eine so eine Peer-to-Peer-Plattform, aber im Prinzip ähnlich. Also ich habe überall verfügbar gehabt, plötzlich alle Musik in unterschiedlichsten Fassungen. Und dann war man gezwungen, sich Gedanken zu machen, wie kann dieses Grundprinzip letztendlich dazu führen, dass man damit Geld verdient.
Walter Gröbchen
Dann entstand Spotify und so weiter. Ja klar, also ich meine, das ist der Grundantrieb dieser Branche. Also die will schon Profit draus schlagen. Und Kunst nur unter holden Herren Kunstwillen, das bleibt irgendwelchen spinnerten Künstlern überlassen.
Das ist eine wahnsinnig spannende Frage. Die Frage ist ja, KI-Musik, sie existiert. Alles, was technisch existiert, wird verwendet. Man beschönigt das dann vielleicht als Werkzeug oder sieht es als Werkzeug. Und wie gesagt, die Amerikaner haben es gelöst, die sagen, eigentlich ist es immer ein Mensch. Das ist zwar, das ist zwar eine Verschleierung des Tatsächlichen, aber auch ein sehr pragmatischer Umgang. Und ich bin da hin und hergerissen, muss ich jetzt ehrlich sagen.
Natürlich gibt es Moralisten, die sagen, in der Kunst, die Maschine kann keine Kunst machen. Das ist amoralisch. Das wird uns alle umbringen. Das verstehe ich auch. Also dass man versucht, ein Reinheitsgebot einzuführen im Sinn von, diese Musik ist garantiert ohne KI geschaffen.
Fabian Burstein
Wie Gentechnik-frei.
Walter Gröbchen
Genau. Aber es ist unrealistisch, weil es beginnen alle damit herumzubasteln, es beginnen alle damit herumzuspielen. Dann muss man sich wirklich verdammt nochmal auch den Kopf zerbrechen, wie kann man es monetarisieren, wie können Menschen in der Kombination mit der Maschine in Zukunft existieren und zwar auch ökonomisch existieren. Und das ist, das ist glaube ich, die wesentliche Frage der nächsten Jahre.
Fabian Burstein
Mhm. Daran hängt ja noch ein ganz anderes Feld, muss man ehrlich sagen. Diese Möglichkeit der extrem individualisierten Kuratierung von Musik plus der zig Quellen, die da hinzukommen, das führt auch dazu, dass der Radiosektor als Instanz ins Wanken gerät. Wie ist.
Walter Gröbchen
Der ist schon längst vom Sockel gestoßen.
Fabian Burstein
Ja, ist das so?
Walter Gröbchen
Ja, glaube ich schon. Also ich meine, ich habe lange bei "Ö3" gearbeitet in den 80ern, frühen 90ern. Da war der Durchlauferhitzer Radio noch das ganz wesentliche Element. Ja, also wenn du im Radio vorgekommen bist, konntest du mehr oder minder damit rechnen, du hast jetzt einen Hit gelandet. Wenn dieser vermeintliche Hit nicht im Radio lief, kennt ihn heute vielleicht niemand. Ich habe kleine Werbedurchsage. Ich schreibe gerade mit dem Kollegen Thomas Mießgang in einem Buch, das heißt "Die guten Kräfte". 100 österreichische Popsongs werden da hergenommen.
Fabian Burstein
Thomas Mießgang, für die Hörerinnen, Journalist und Kurator, ne?
Walter Gröbchen
Ja, er schreibt für "Die Zeit" und ist viel in "Ö1" zugange, wahnsinnig fleißiger Mensch. Und das ist ein bisschen auch ein Abfallprodukt dieses Pop-Lexikons auf "Ö1", weil wir gesagt haben, okay, wenn wir uns schon die Arbeit machen, mit damit hunderten Künstlerinnen und Künstlern zu sprechen und Informationen einzuholen, dann wollen wir das auch mehrfach verwerten.
Und dieses Buch ist so ein bisschen eine konzentrierte Schau österreichischer Songs der letzten 50, 70 Jahre, also von 1945 weg bis heute. Was hat da wirklich Bestand? Was ist von länger dauerndem Interesse? Und warum? Ja, und da also auch eine Art von Kuratierung, eine der beliebten Hunderterlisten, so die 100 besten österreichischen Songs aller Zeiten.
Fabian Burstein
Die ich mir übrigens liebe, ich liebe Listen.
Walter Gröbchen
Ja, es gibt auch genug Leute, die sagen, sie hassen Listen. Also hat auch, ist auch eine ambivalente Sache. Aber es macht Spaß, ja, du musst dir dann auch wirklich auswählen und du musst begründen, warum du etwas wählst. Und das haben wir getan. Und daraus ergibt sich dann, was war eigentlich der Ausgangspunkt der Frage?
Fabian Burstein
Der Ausgangspunkt war im Wesentlichen die Rolle des Radios.
Walter Gröbchen
Ach so, ja. Und ich würde sagen, 90 Prozent aller Songs, die hier zu Bedeutung gelangt sind, kamen übers Radio, klarerweise. Ich meine, manche Dinge erinnern wir uns überhaupt nur mehr über das Radio. Also ich habe einen Song drinnen, weiß nicht, ob du den kennst, von einem gewissen Wolfgang, der dann später Texte unter anderem für Udo Jürgens geschrieben hat. Ein Lied namens "Der Trödler Abraham". Kennst du das?
Fabian Burstein
Nein.
Walter Gröbchen
Das ist natürlich extrem obskur für heutige Hörerinnen und Hörer. Aber meine Erinnerung daran ist so stark, weil das lief öfter, glaube ich, in "Autofahrer unterwegs", im Küchenradio meiner Mutter.
Fabian Burstein
Berühmte "Ö3§-Sendung, ne? Oder Radio?
Walter Gröbchen
Nein, das war, glaube ich, Regionalprogramm.
Fabian Burstein
Aha, okay.
Walter Gröbchen
Also "Ö3" war ja damals ein Hort des Progressiven. Das hat meine Mutter nicht gehört. Und da liefen dann so Sachen wie Gus Bacchus "Bohnen in den Ohren" oder eben "Trödler Abraham" von Wolfgang. Und die Erinnerung daran ist so stark, dass sie manche heutige "FM4"-Hypes beinhart verdrängt. Vielleicht eine Frage des Alters, ich weiß es nicht.
Fabian Burstein
Blöde Frage. Euer Buch.
Walter Gröbchen
Gibt keine blöden Fragen.
Fabian Burstein
Manchmal schon, aber euer Buch ist ja ein Destillat aus Radiosendungen. Verwendet ihr da eigentlich KI, um die Texte schneller zu generieren?
Walter Gröbchen
Also die Versuchung war da, ich habe zum Spaß, muss ich sagen, weil da habe ich schon noch das persönliche Reinheitsgebot. Zum Spaß habe ich einen Text, also die haben meistens so 3.500 Zeichen von der Länge her, also es ist kompakt lesbar. Und dann habe ich die KI, einen Text zu Hansi Lang, keine Angst, Hansi Lang muss ich dir nicht erklären, schreiben lassen.
Der war auch gar nicht schlecht, aber ich habe ihn natürlich sofort weggeworfen, weil natürlich kann man sich die Basics und die Fakten von der KI schreiben lassen. Das ist ja auch sozusagen dieser lexikalische Ansatz, den die KI sehr gut hat, weil die saugt sich ja innerhalb von Sekunden sozusagen aus allen erdenkbaren Quellen irgendwas zusammen. Und man kann das als Überprüfung benutzen, aber so schreiben wie ich, sage ich jetzt ganz selbstbewusst, kann die KI nicht.
Fabian Burstein
Abschlussfrage, ich will dich nicht gehen lassen mit einem Thema, das auch mit dem Radio zusammenhängt und das so ein bisschen vernetzt, was wir jetzt auch davor besprochen haben. Glaubst du, dass die Radios des Öffentlich-Rechtlichen insbesondere, dass die einen größeren Beitrag leisten könnten, um jetzt die gerade die österreichische junge Musikszene zu fördern?
Ich spreche da immer gerne von dieser Flottenstrategie, die ich so beim "MDR" und beim "SWR" beobachte, wo die Bands quasi in den unterschiedlichen Ausbaustufen durch die Stationen durchgereicht werden, vom Jugendradio hin dann zum Formatradio. Glaubst du, wären da noch Potenziale zu hin?
Walter Gröbchen
Also ich muss dir ehrlich sagen, die Flottenstrategie des "ORF" im Radiobereich ist ein Kind der 80er-, 90er-Jahre. Das ist auf eine gewisse Weise sehr veraltet. Und damals kannte man ja noch nicht das Internet, kannte das Webradio noch nicht, kannte Podcasts noch nicht und so weiter. Das hat sich ja atomisiert.
Und wer immer jetzt noch über die großartige Flottenstrategie nachdenkt, der sollte einfach mal schauen, dass "FM4" im Jetzt ankommt, sollte ein wachsames Auge auf "Ö1" werfen, weil das ist nach wie vor ein Grund- und Eckpfeiler des "ORF", der leider sozusagen im Haus oft gar nicht so geschätzt wird. Und sollte sich von "Ö3" kriege ich überhaupt nichts mehr mit. Also ich weiß nicht, ob das gut ist oder schlecht. Ich höre es auch nicht. Ich kann dazu zu "Ö3" kann ich gar nichts sagen. Aber die Flottenstrategie, das wer immer das im Mund führt, der ist irgendwo hängen geblieben, wenn du mich fragst. Eine mir nahestehende Dame hatte ja in einer entscheidenden Rolle sehr mit Radio zu tun.
Fabian Burstein
Du sprichst von der Monika Eigensberger, ehemalige "FM4"-Chefin.
Walter Gröbchen
Und ich habe ihr mal ans Herz gelegt, aber wie immer hört sie nicht auf mich. Als sie in Charge war, also sozusagen an den entscheidenden Hebeln, habe ich ihr gesagt, überlegt ihr doch für "FM4" eine Rolle, die eine wirkliche Neupositionierung bringt. Überlegt euch doch mal, auch aus der "ORF"-Warte rauszuspringen und überlegt euch sowas wie ein europaweites oder zumindest länderübergreifendes Jugendradio. Also gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk, gemeinsam mit den Schweizern, die ja alle ihre kleinen oder größeren Versuche haben, quasi jugendgemäßes Radio zu machen. "Virus", glaube ich, in der Schweiz und in Deutschland, wie heißt das nochmal?
Fabian Burstein
"Sputnik"?
Walter Gröbchen
Nein, nichts. "Sputnik" ist auch schon wieder lange Geschichte.
Fabian Burstein
Gibt es das nicht mehr?
Walter Gröbchen
Das gibt es nicht mehr, nein. Glaube ich zumindest. Also nein, nein, wie heißt denn dieses "ARD"-Jugendkonstrukt? Aber es sagt genug, wenn es mir das Wort nicht einfällt.
Fabian Burstein
Das müssen die Hörer:innen dann recherchieren, das ist die Chance.
Walter Gröbchen
Ja, ja, aber das findet ja hauptsächlich im Netz statt, mit vielen Millionen aufgebaut. Und ich habe gesagt, okay, also "FM4" war eine super Idee in den 90er-Jahren, absolut das Richtige und hat wahnsinnig viel auch zur Entwicklung der österreichischen Kultur- und Musikszene beigetragen. Aber jetzt müsst ihr hinaus in die Welt. Also setzt euch doch mit den Leuten vom Bayerischen Rundfunk und von der SRG und so weiter zusammen und überlegt doch ein Konstrukt, das eben nicht, das eine Station in Wien hat und eine in Berlin oder in München und eine in Zürich.
Fabian Burstein
Das ist eigentlich eine super Idee.
Walter Gröbchen
Ja, danke, danke, aber man hat nicht auf mich gehört. Ist vielleicht auch zu groß gedacht für ein doch auch sehr bürokratisches Monster wie den "ORF".
Fabian Burstein
Lieber Walter, vielen lieben Dank.
Walter Gröbchen
Das ist vielleicht ein Schlusswort.
Fabian Burstein
Ja, mit Monster kann man immer einen guten Schlusssatz bilden. Vielen lieben Dank, dass du da warst. Das war eine extrem kurzweilige Stunde. Ich hoffe, bald mal wieder.
Walter Gröbchen
Ja, gern doch.
Autor:in:Fabian Burstein |