Die Dunkelkammer
Gewaltopfer Alina, 22: "Ich bin froh, dass ich überlebt habe"
- hochgeladen von Felix Keiser
Von Edith Meinhart. 50 Mal hat er zugestochen – und sie in ihrem Blut liegen lassen. Das ist sechs Jahre her. Alina war 16 und hat den Mordversuch ihres Ex-Freundes nur knapp überlebt. Stundenlang kämpften die Ärzte des SMZ Ost um ihr Leben. Der Angreifer war nicht zum ersten Mal massiv gewalttätig. Warum hat die Polizei im Sommer 2019 kein Betretungs- und Annährungsverbot gegen ihn ausgesprochen? Warum hat sie die Jugendliche nicht besser geschützt? Alinas Anwältin Sonja Aziz klagte die Republik Österreich. Nun hat es die junge Frau vom Obersten Gerichtshof schwarz auf weiß bekommen, dass die Polizei es unterlassen hat, die Bluttat mit allen gebotenen Mitteln zu verhindern. In dieser Folge erzählt Alina von ihrem Weg zurück ins Leben, von sichtbaren und unsichtbaren Narben, und von der Hoffnung, endlich mit der Vergangenheit abschließen zu können. Cansel Demirdelen vom Gewaltschutzzentrum Wien hat die junge Frau über die Jahre betreut und begleitet -- und steht ihr auch bei dem Gespräch zur Seite.
Edith Meinhart
Herzlich willkommen zu einer weiteren Folge der Dunkelkammer, mein Name ist Edith Meinhart.
Dass Alina sie anschaut und nicht weiß, wer sie ist, dass sie im Kopf ihrer Tochter einfach nicht mehr existiert, dass das Messer alle Erinnerungen vernichtete, das war die größte Angst der Mutter.
Zwei Wochen lang lag ihre 16-jährige Tochter im Koma. Margarita G. wachte jeden Tag an Alinas Bett, wusch das eingetrocknete Blut vom malträtierten Körper, massierte ihre Füße, suchte in ihrem Gesicht nach Zeichen, bis eines Tages die Krankenpflegerin ihr von weitem winkte: "Kommen Sie, schauen Sie."
Als die 52-Jährige ins Zimmer tritt, sind Alinas Augen offen, sie kann nicht sprechen. In ihrem Rachen steckt der Beatmungsschlauch, doch ihre Lippen formen zwei tonlose Silben: "Mama." Margarita G. sagt, in diesem Moment sei eine zehn Tonnen schwere Last abgefallen. "Sie hat mich erkannt. Alles andere kann vielleicht heilen."
Alina hat überlebt, so hieß die Geschichte, die ich im April 2020 für das Nachrichtenmagazin Profil geschrieben habe, und das, was Sie eben gehört haben, war der erste Absatz.
Fünf Jahre sind vergangen, seit sie erschienen ist, sechs Jahre, seit Alinas Ex-Freund sie mit 50 Messerstichen töten hat wollen. Ich habe die damals 16-Jährige für die Profilgeschichte mehrmals getroffen, und ich bin sehr bewegt, dass sie mir heute gegenübersitzt.
Hallo, Alina, schön, dass du da bist.
Alina
Hallo, das freut mich.
Edith Meinhart
Neben ihr hat Cansel Demirdelen Platz genommen, ihre langjährige Betreuerin vom Gewaltschutzzentrum Wien, die ihr gemeinsam mit der Anwältin Sonia Aziz vor, während und auch nach dem Strafverfahren am Landesgericht Wien beigestanden ist. Danke, Frau Demirdelen, dass Sie sich Zeit nehmen.
Cansel Demirdelen
Sehr gerne. Danke für die herzliche Einladung.
Edith Meinhart
Es gibt einen Anlass, über den wir noch ausführlicher reden werden. Alinas Anwältin hat die Republik Österreich geklagt, weil die Polizei die Jugendliche nicht schützte. Es hat Jahre gedauert, bis Alina Recht bekommen hat. Die heute 22-Jährige hat vor dem Obersten Gerichtshof einen Vergleich erwirkt, der einzigartig ist, von großer Bedeutung sowohl für Alina selbst als auch für den Gewaltschutz.
In einer der nächsten Ausgaben werde ich darüber noch mit der Anwältin und der Leiterin des Wiener Gewaltschutzzentrums ausführlicher sprechen. Heute soll es um Alina gehen, die nicht wirklich so heißt, der Name wurde geändert, um ihre Privatheit zu wahren.
Es soll um das gehen, was im Sommer 2019 passiert ist, um das, was sich Alina an Gewalt und Leid womöglich erspart hätte, wenn die Polizei ihre Anzeige ernst genommen hätte, wenn die Beamten in Floridsdorf auf die Gefahr, in der die Jugendliche damals schwebte, anders reagiert hätten. Und es geht darum, wie Alina knapp dem Tod entronnen ist und sich in das normale Leben zurückgekämpft hat. Das war alles andere als leicht.
Alina, ich habe eine beeindruckend tapfere 16-Jährige in Erinnerung, die nach vorne geschaut hat, die leben wollte, trotz der vielen Operationen, die sie über sich ergehen lassen musste, trotz der Schmerzen. Ich habe für Profil damals Fotos gemacht, auf denen man dich nicht erkennen durfte, und auf einem hast du die Hände vor das Gesicht gehalten, und sie waren voller Narben.
Wie geht es dir heute?
Alina
Also, die Narben sind nicht weg, aber verheilt zumindest, sehen mittlerweile schöner aus. Mir geht es mittlerweile gut. Ich bin froh, dass ich überlebt habe. Ich schaue immer noch nach vorne. Und ja, ich liebe es, dass ich überlebt habe.
Edith Meinhart
Wie schaut dein Leben jetzt aus? Arbeitest du? Machst du eine Schule?
Alina
Ja, ich habe damals die HTL, auf der ich war, abgebrochen. Ich bin dann nicht mehr mitgekommen, daher, dass ich da so viel verpasst habe. Habe ich es einfach gar nicht mehr geschafft. Habe dann abgebrochen.
Habe dann versucht, auf dem Abendgymnasium meine Matura fertig zu machen, habe dann aber irgendwie in dem Zeitraum den Sinn verloren, also von dem, was ich gerne machen würde. Habe gar nicht mehr gewusst, wie es für mich eigentlich weitergeht, und habe dann für mich eine Lehrstelle gefunden, wo ich von Anfang an eigentlich gar nicht gedacht habe, dass es mir eigentlich Spaß machen würde.
Also, ich bin jetzt im zweiten Lehrjahr mittlerweile, in der Augenoptik.
Edith Meinhart
Und das passt für dich?
Alina
Ja, das ist super. Also, hätte ich mir nie gedacht, dass das das ist, was mir Spaß macht. Aber ich liebe es.
Edith Meinhart
Und wie geht es dir gesundheitlich? Du hast gesagt, es geht viel besser, die Narben schauen schöner aus.
Alina
Gesundheitlich, also es ist ja immer noch so, dass ich in den Fingern eingeschränkt bin. Auf der linken Hand ist es der Zeigefinger, und auf der rechten Hand ist es der kleine Finger.
Da hatte ich auch zwei Operationen, hat nicht wirklich viel geholfen. Und halt das Auge, da bin ich ja blind drauf, auf dem rechten Auge.
Sonst gesundheitlich, es ist halt nur eher ästhetisch derzeit, dass viele Narben halt immer noch sichtbar sind. Und das ist das Einzige, was mich eigentlich so richtig belastet im Alltag.
Edith Meinhart
Auch weil Leute dann fragen, was passiert ist?
Alina
Ja, aber auch irgendwie komische Blicke. Also, ich merke das auf der Arbeit, dass dann wirklich auf die Hände so geschaut wird, weil da sind die Narben am sichtbarsten, dass da wirklich drauf geschaut, irgendwie so komisch geschaut wird.
Und also die fragen jetzt nicht, aber ich spüre die Blicke. Wegen dem Auge habe ich auch manchmal das Gefühl, dass, auch wenn mir viele sagen, dass es eigentlich sehr gut gemacht worden ist und dass man es fast gar nicht sieht, dass man es weiß, merke ich trotzdem, dass viele das bemerken, dass da irgendwas nicht passt.
Das ist mir dann halt auch unangenehm, weil es hätte nicht sein müssen.
Edith Meinhart
Das Ganze hätte nicht sein müssen und nicht sein dürfen. Es war ein sehr langer Weg, bis du die höchstrichterliche Entscheidung bekommen hast, die ich eingangs erwähnt habe. Warum hast du diese Mühe auf dich genommen?
Alina
Weil ich hoffe, dass, wie in meinem Fall, dass, wenn die Polizei dann in Zukunft wieder bei einem 16-jährigen Mädchen vor der Haustür steht und sie weinerlich sagt, dass sie nicht reden will, weil sie so Angst hat, dass man sie wahrnimmt, dass man ihr glaubt und dass man sie nicht unter Druck stellt, aber trotzdem alles, was man wissen muss, herausfindet.
Und dass man auch Zeit gibt und trotzdem ihr den Schutz gibt, den sie verdient hat. Und ja.
Edith Meinhart
Und dass man auch die Angst des Mädchens lesen kann.
Alina
Genau. Dass man einfach ihr auch glaubt, dass es nicht so, dass es schlimm ist und dass sie nicht daran schuld ist, dass sie so Angst hat. Und dass es nicht ihre Schuld ist, dass sie nicht reden will, sondern dass der Täter in dem Fall ihr das eingeredet hat, dass sie das nicht darf.
Edith Meinhart
Genau genommen handelt es sich bei der Entscheidung um einen Vergleich. Ich lese eine Passage aus dem mit 24. April 2026 datierten Schriftstück vor. Wörtlich steht da: "Die Republik Österreich, vertreten durch die Finanzprokuratur, drückt ihr, Zitat, aufrichtiges Bedauern und Mitgefühl für die schweren Gesundheitsfolgen der Klägerin aus dem Mordversuch vom 27.02.2020 sowie das für die Klägerin verbundene Leid aus. Der Oberste Gerichtshof hat festgestellt, dass es der Republik Österreich zurechenbare Organe rechtswidrig und schuldhaft unterlassen haben, ein Betretungs- und Annäherungsverbot gegen den Täter zu verhängen."
Und weiter: "Auch die Unterlassung der Kriminalpolizei, der Staatsanwaltschaft unverzüglich vom Sachverhalt zu berichten, um die Festnahme des späteren Täters oder andere Maßnahmen zu erwirken, muss sich die Republik als Fehlverhalten zurechnen lassen. Im Endergebnis wurde der Mordversuch gegenüber der Klägerin nicht verhindert. Die Republik Österreich gesteht den Fehler der zuständigen Behörden ein." Zitat Ende.
Was bedeutet dir das, das so schwarz auf weiß zu haben?
Alina
Nachdem ich ja also vier Jahre darum gekämpft habe, dass man mir endlich glaubt, dass ich, also ich habe halt die ganze Zeit auch all die Jahre psychisch das Problem gehabt, dass ich das Gefühl gehabt habe, dass man mir nicht glaubt. Ganz stark wurde das, nachdem wir ja das erste Gericht verloren haben. Das war 2022, wenn ich mich nicht irre.
Edith Meinhart
Das heißt, selbst nach der Tat hattest du das Gefühl, man glaubt dir nicht?
Alina
Ja. Und genau nachdem ich da mit meiner Anwältin eingeklagt habe und verloren habe, war dieses Gefühl am stärksten.
Und bis zu dem Tag, wo endlich die Republik Österreich das anerkannt hat und sich entschuldigt hat, habe ich endlich dieses Gefühl gehabt, okay, endlich, ich wurde wahrgenommen, man hat mir endlich geglaubt.
Ich habe nicht gelogen. Ich habe mir sogar teilweise eingeredet, dass ich gelogen habe. Ich habe mir wirklich gedacht, dass ich wirklich, obwohl ich es nicht getan habe, aber in meinem Kopf hat sich das immer so angefühlt, okay, die haben mir jetzt nicht geglaubt, ich habe jetzt verloren.
Das bedeutet, es war alles eine Lüge.
Edith Meinhart
Wie meinst du Lüge? Du hast ja fast nicht überlebt, dass du irgendwie mit Schuld bist an dem, meinst du?
Alina
Genau.
Edith Meinhart
Das versuchen ja die Täter dann immer, den Opfern einzureden.
Alina
Genau. Und so habe ich mich halt auch, also ich habe mich als Täter und nicht wie als Opfer vor Gericht bei dieser Klage gefühlt. Und wie das endlich dann schwarz auf weiß war, war das, also ich habe immer noch das Gefühl, teilweise, aber es ist endlich, ich kann das endlich verarbeiten.
Edith Meinhart
Aber jetzt, wenn du das Gefühl wieder hast, kannst du den Zettel hervorholen und nachlesen.
Alina
Genau. Jetzt ist es halt, jetzt habe ich endlich den Beweis, dass ich nicht gelogen habe, dass ich mir nichts eingebildet habe, dass ich nicht schuld bin, dass ich alles versucht habe, dass ich ihn verklagt habe, also angezeigt habe damals, dass es nicht meine Schuld war, dass es dann mit mir passiert ist. Was in meiner Macht war, habe ich getan. Und es war dann halt nicht mehr meine Schuld, dass ich nicht geschützt worden bin.
Edith Meinhart
Wenn du zurückblickst, was hat dir denn am meisten geholfen? Erstens zu überleben, Kraft zu schöpfen und vielleicht auch das Geschehen irgendwie zu bewältigen?
Alina
Ich bin ja damals nicht aus dem Krankenhaus rausgekommen, ich habe versucht, so schnell wie möglich wieder in die Schule zu kommen, weil also in erster Linie hat mir natürlich meine Familie geholfen. Meine Mutter, die ständig bei mir am Bett saß, mir auch Sachen vorgelesen hat. Auf der Intensivstation, kann ich mich erinnern, mein großer Bruder, der auch auf der Intensivstation ständig war, auch nach der Intensivstation noch im Krankenhaus, die haben sich ja ständig abgewechselt jeden Tag. In erster Linie das.
Auch meine Schwester, die jetzt zwar nicht in Wien wohnt, aber mit der habe ich ja auch die ganze Zeit telefoniert, geschrieben und so.
Und das, was mir danach auch geholfen hat, waren meine Freunde dann in der Schule, meine beste Freundin damals. Sie hat mich auch versucht, bis ich abgebrochen habe, hat sie versucht, dass ich nicht wiederhole oder abbreche. Hat sie nicht geschafft, kann sie nichts dafür. Ich bin ihr trotzdem sehr dankbar.
Und auch jetzt, also ich kann ihr auch alles erzählen. Und wenn ich sie, glaube ich, nicht gehabt hätte, wäre es viel schlimmer gewesen.
Edith Meinhart
Also im Prinzip, das Hilfreichste sind gute Beziehungen, Freunde, Familie.
Alina
Genau.
Edith Meinhart
Ich bin ja als Journalistin im Publikum gesessen, als dem Täter der Prozess gemacht wurde. Das war im Oktober 2020.
Und für mich ist wirklich unvergessen, wie still es im Gerichtssaal geworden ist, wie der Sachverständige damals vorgelesen hat, was dieser Mann dir angetan hat.
Er wurde wegen versuchten Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt und wegen besonderer Gefährlichkeit in den Maßnahmenvollzug eingewiesen, wo er so lange bleiben muss, bis keine Bedrohung mehr von ihm ausgeht.
Holt dich die Vergangenheit noch manchmal ein? Denkst du noch ab und zu an das, was du durchgemacht hast?
Alina
Ja, natürlich. Also es begleitet mich ja immer noch sehr stark im Alltag. Was halt seitdem sich in meinem Alltag so richtig stark verändert hat, war, ich bin viel tollpatschiger, seitdem mir das rechte Auge fehlt. Und jedes Mal, wenn ich mich anhaue, kommt es wieder hoch. Jedes Mal, wenn ich von rechts jemanden nicht kommen sehe. Und ja, also es begleitet mich schon im Alltag immer noch.
Edith Meinhart
Deine Einschränkungen, die erinnern dich immer wieder an das, woher die eigentlich rühren.
Alina
Genau. Und ich zähle auch immer noch nicht die Tage, aber die Jahre, sozusagen. Wie lange ist es jetzt her? Wie lange hat er noch? Also die Angst, dass dann irgendwie noch mal passiert, ist auch sehr hoch.
Edith Meinhart
Du meinst, wenn er aus dem Gefängnis käme.
Alina
Genau.
Edith Meinhart
Wirst du da informiert?
Alina
Ja. Also ich werde dann vom Gewaltschutzzentrum, ich glaube auch von meiner, also ich bin mir eigentlich sehr sicher, dass ich von meiner Anwältin informiert werde. Und ja, ich hoffe nur halt, dass dieser Tag irgendwie nicht kommt, was sicher nicht, also es wird passieren, nur in meiner Fantasie wird es nie passieren.
Edith Meinhart
Im Maßnahmenvollzug könnte es tatsächlich theoretisch sein, dass er für immer drin bleibt, wenn seine Gefährlichkeit nicht nachlässt.
Alina
Ja, es ist jetzt böse zu sagen, dass ich mir das wünsche, aber ja, für meine Sicherheit würde ich es mir wünschen.
Edith Meinhart
Wenn du erlaubst, würde ich gerne in den Sommer 2018 zurückspringen, als du den späteren Angreifer kennengelernt hast und ein bisschen beschreiben, wie sich die Gefahr zugespitzt hat. Oder möchtest du das selbst schildern?
Alina
Nein.
Edith Meinhart
Also es war damals im Sommer 2018, hast du über eine Freundin einen Burschen kennengelernt mit türkischen Wurzeln, der am Anfang ganz normal war. Und dann im Herbst, wie die Schule begonnen hat, hat sich sein Verhalten geändert. Der hat begonnen, dein Handy zu checken und dir vorzuschreiben, wie du dich anziehen sollst. Und eines Tages hat er dann auch plötzlich zugeschlagen.
Du hast dich damals geniert, die blauen Flecken überschminkt, damit niemand was merkt, auch deine Mutter nicht. Und nach einem Jahr, also im Sommer 2019, hast du die Beziehung beendet und den Burschen auch am Handy blockiert. Aber dann hat er sich ein paar Monate später, wie das relativ oft passiert, wieder gemeldet unter einer unbekannten Nummer, hat sich bei dir eingeschmeichelt und dich irgendwie dazu gebracht, ihm noch einmal eine Chance zu geben.
Aber er hat sich nicht geändert und er war bald wieder so eifersüchtig und aggressiv und nachstellend wie davor und hat dir Nachrichten geschrieben, die eigentlich immer drohender geworden sind. Und im Februar 2020 ist er dann im Park aufs Ärgste gewalttätig geworden. Dieses Mal hast du die Verletzungen nicht mehr überschminken können. Deine Mutter hat die Polizei gerufen. Die Rettung hat dich ins Spital gebracht.
Und jetzt hätte an diesem Punkt spätestens eine Interventionskette in Gang kommen müssen. Und die hat nicht funktioniert, denn die Polizei sprach kein Betretungsverbot aus. Deshalb wurde auch das Jugendamt nicht eingeschaltet. Und eine Woche, bevor der Angreifer dann bei der Polizei einvernommen worden ist, hat er dich fast umgebracht.
Frau Demirdelen, das Gewaltschutzzentrum wurde damals auch nicht informiert, weil es eben kein Betretungs- und Annäherungsverbot gegeben hat. Wie haben Sie denn von dem Mordanschlag auf Alina erfahren?
Cansel Demirdelen
Es ist so, dass wir eigentlich immer in der Früh oder nachmittags sozusagen in den Medien durchblättern und schauen, ob da irgendwas in den Nachrichten ist. Am 28. Februar haben wir eben diese schreckliche Nachricht gelesen, dass die Alina im Krankenhaus liegt und mit mehreren Stichverletzungen und wo sie eben gelegen ist. Dann haben wir sofort eben Kontakt aufgenommen.
Edith Meinhart
Mit dem Krankenhaus?
Cansel Demirdelen
Mit dem Krankenhaus zuerst, wie es ihr geht und ob eben Operation bevorsteht oder ob sie operiert wurde und ob sie alleine ist. Und Sie sollen sich auch vorstellen, das war gerade Pandemieausbruch. Wir durften nirgendwohin gehen und wir waren nicht hineingelassen und konnten auch keine Kontakte herstellen.
Und dann haben wir eben Kontakt mit der Polizei aufgenommen, also mit vielen Stellen, so wie Sie sich eben vorhin geäußert haben. Wir haben versucht, die Welt zu bewegen, damit wir endlich Informationen haben, wie es sich entwickeln wird, ob da weitere Schutznamen gedacht sind. Und wir haben erfahren, dass sie ja in Haft genommen wurde.
Zuerst wurde er nicht gefunden, weil er davongelaufen ist. Sie waren ja selbst in der Haftverhandlung, haben Sie wahrscheinlich auch das mit angehört. Und letztendlich konnte er eben gefangen werden und in die Justizanstalt wurde er überstellt. Aber aus Erfahrung wissen wir, kann auch ganz schnell passieren, dass er auf freiem Fuß eingezeigt entlassen werden kann.
Und letztendlich an dem gleichen Tag, wie es eben in den Medien war, wurde ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen, sodass wir laut Gewaltschutzgesetz diese Meldung erhalten dürften. Und erst nach einem Tag, glaube ich, also es liegt so weit zurück, kann sein, dass ich mich jetzt mit den Tagen verwirre, haben wir erfahren, dass Kinder- und Jugendhilfe immer noch keine Information erhalten hat.
Haben wir mit ihnen proaktiv Kontakt aufgenommen und dann haben wir ihnen die Meldung weitergeleitet, weil, was besonders für Österreich ist, wir haben ja hier wirklich sehr gute Gesetze. Im Gewaltschutzgesetz gibt es eben diese vier Säulen. Eines davon ist eben Betretungs- und Annäherungsverbot, die einstweilige Verfügung und Opferschutzeinrichtungen.
Jetzt seit 2021 haben wir ja auch Gewaltpräventionsberatung. Und so konnten wir ihnen die Meldung weiterschicken. Erst nach ungefähr...
Edith Meinhart
Alina war ja minderjährig.
Cansel Demirdelen
Alina war minderjährig und der Täter war auch minderjährig. Das ist ja das Besondere daran, dass da keine weiteren Maßnahmen angedacht wurden. Und wir haben dann durch das Krankenhaus, hatten wir dann Glück gehabt, dass wir Alinas Mutter und Alinas Bruder kontaktieren durften. Und dann hat es eben eigentlich mit Unterstützung angefangen.
Edith Meinhart
Sie haben ja viele Informationen auch von Alinas Bruder bekommen, der sich die schwersten Vorwürfe gemacht hat, dass er seine Schwester nicht besser geschützt hat, nicht auf sie aufpassen konnte. Das wäre aber Aufgabe des Staates gewesen.
Cansel Demirdelen
Ja, absolut. Er kann ja als Bruder nur das tun, was er bisher getan hat. Aber wir haben sehr gute Gesetze, wenn sie in der Anwendung ihren Platz haben.
Also es sollte, es hätte ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen werden müssen, was bei diesem Fall leider nicht gemacht wurde. Vor allem hat es uns überrascht, weil, wie ich den Akteneinsicht genommen habe, habe ich dann bemerkt, es gab am 12.02. eigentlich die letzte Anzeige, wo auch fortgesetzte Gewaltausübung angezeigt wurde.
Und die Maßnahmen, sozusagen sicherheitspolizeigesetzliche Maßnahmen, erfordern ja auch, dass es dann vor allem, weil sie auch minderjährig ist, mehr Maßnahmen ergriffen werden mussten.
Edith Meinhart
Dieses Delikt wurde ja geschaffen, um diese gewaltdynamischen Beziehungen abzubilden, weil es da eben nicht um eine einzelne Tat, um eine Ohrfeige, um einen Schlag geht, sondern um dieses ganze Setting und darum.
Cansel Demirdelen
Genau, genau, genau. Und dann habe ich eben die juristische Prozessbegleiterin, Frau Sonja Siss, kontaktiert, dass ich halt gemeinsam mit ihr, sozusagen Alina betreuen möchte und dass ich gemeinsam mit ihr die Prozessbegleitung in Gang setze. Haben wir dann gestartet. Ich habe Alina erst wirklich Wochen später kennengelernt, eigentlich Monate später. Telefoniert haben wir, aber ich habe meist Kontakt mit dem Bruder und mit ihrer Mutter gehabt. Wir können auch den Spieß drehen. Eigentlich war das gut, dass sie noch minderjährig war, weil dann ihre Mutter auch zum Beispiel den Antrag auf einstweilige Verfügung unterschreiben konnte.
Also so gesehen konnten wir einige Maßnahmen schneller ergreifen. So wie die Prozessbegleitungsvollmacht hat sie gleich unterschrieben, damit die Rechte geltend gemacht werden können. Das ist ja das Schöne, was wir in Österreich haben, also Prozessbegleitung können die Betroffenen im Rahmen des Strafverfahrens erhalten. Und besser ist eben, dass wir auch so ein duales System haben, psychosozialen und juristischen Teil, während wir die psychosoziale Prozessbegleiterinnen versuchen, die Betroffenen emotional abzufangen und eine Überbrückung zwischen Rechtssystem und ihrem derzeitigen Stand sozusagen herzustellen, kann die juristische Prozessbegleitung eben alles, was rechtlich ist, in den Gang setzen, Beweismittel beantragen, verschiedene sozusagen Rechtswege für Möglichkeiten herausfinden. Und wir versuchen dabei, alles, was wir von den Betroffenen erfahren, an die juristische Prozessbegleitung zu übermitteln, damit das sozusagen ganze System geschlossen und kontinuierlich weitergeführt wird.
Edith Meinhart
Alina, wie wichtig war diese Betreuung für dich?
Alina
Naja, schon sehr wichtig. Man muss halt bedenken, ich war damals 16. Ich hatte keine Ahnung von irgendwas.
Edith Meinhart
Was da auf dich zukommt, auch vor Gericht.
Alina
Genau. Also ohne Frau Demirdelen und ohne Frau Siss, wäre ich verloren gewesen, wäre wahrscheinlich, also meine Familie, glaube ich, auch verloren gewesen. Wir hätten, also wir wüssten nicht, wie und was. Also das war schon ein wichtiger und guter Punkt, dass es stattgefunden hat.
Es ist halt, es ist halt, es fühlt sich für mich so, ich verstehe halt nicht, wieso das so schwer ging, dass dieser Kontakt da so aufgenommen worden ist, dass die Polizei da nicht so, teilweise nicht mitgewirkt hat, soweit ich verstanden habe, dass sie das nicht weitergeleitet haben, dass das eigentlich, dass das Gewaltschutzzentrum, Gott sei Dank, dafür bin ich sehr dankbar, dass sie damit alles, was sie an Mitteln hatten, wirklich versucht haben, alles zu meiner Familie durchzudringen, den Kontakt aufzustellen und mich zu schützen.
Also ich danke da dem Gewaltschutzzentrum.
Edith Meinhart
Frau Demirdelen, vor rund 30 Jahren hat Österreich mit der Einführung des Betretungsverbotes ja einen Meilenstein im Gewaltschutz gesetzt. Seither müssen nicht mehr die Opfer flüchten, sondern die Täter werden weggewiesen. Und seit einigen Jahren geht eben das von Ihnen bereits erwähnte Annäherungsverbot einher. Im Fall Alina ist das unterblieben, wie bereits dargelegt, mit weitreichenden Folgen. Wie kann sowas eigentlich passieren? Wie oft kommt das vor? Und wie hätte es richtig laufen müssen?
Cansel Demirdelen
Es ist einfach erstaunlicherweise passiert. Wir können das leider auch nicht sagen, warum das passiert ist und wie es eigentlich passieren konnte. Was wir aber wissen, dass wir ungefähr zum Beispiel in einem Jahr über 4000 Meldungen der Polizei bekommen. Also im Großen und Ganzen funktioniert es.
Und es geht da um Präventionsmaßnahmen, es geht um Schulungen, es geht um Sensibilisierungen. Und schlussendlich geht es natürlich auch um das Gesetz. Und das Gesetz ist ja da, damit es angewendet wird. Und Dienstanweisungen, damit tatsächlich in der Anwendung gut umgesetzt wird.
Und es wurde ja nicht aus Spaß erfunden. Es wurde ja auch erfunden, damit die Betroffenen eben proaktiv informiert werden können, dass sie halt als einfache Bürgerin würde ich auch nie behaupten, dass ich meine Rechte eigentlich kenne oder welche Möglichkeiten mir das Gesetz erlaubt. Und das ist ja unsere Aufgabe, dass wir proaktiv an die Betroffenen herangehen und erklären, welche Rechte sie haben und wie sie eben zu ihren Rechten erlangen können.
Und das ist unser Ziel eigentlich, dass wir bei jedem Fall noch einmal gründlich darauf schauen, was hätte passieren sollen, was sind die Maßnahmen und wie können wir die Betroffenen unterstützen. Wenn es jetzt bei diesem Fall am 12.02. wie zum ersten die Anzeige erstattet wurde, eigentlich ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen wäre, dann wären wir verständigt und wären aber die Eltern von dem Täter auch verständigt, weil er auch ebenso minderjährig war und Kinder- und Jugendhilfe wäre auch verständig.
Und das ist ja sozusagen so ein Kreislauf. Dann sind wir auch in Kontakt getreten. Was sagen die anderen, welche Maßnahmen müssen ergriffen werden? Wir hätten auch die Möglichkeit gehabt, sofort Sicherheitsfallkonferenz anzuberaumen. Und da könnten wir auch gemeinsam darauf schauen.
Vielleicht war er schon vorher psychisch auffällig. Vielleicht wurde es noch nicht diagnostiziert gewesen. Und da konnten wir auch psychosoziale Dienste anbinden. Da konnten auch seine Eltern dafür gewonnen werden, damit er gesund wird und damit er nicht so einen schrecklichen Tat begeht.
Edith Meinhart
Da wäre diese erwähnte Interventionskette in Gang gekommen.
Cansel Demirdelen
Genau, absolut. Und weil sie eben kein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen haben, sind uns alle Informationen ferngeblieben. Auch, weil Kinder- und Jugendhilfe nicht informiert war, weil sonst hätten die Kolleginnen uns informiert. Und woher sollte die Alina wissen, dass es uns gibt? Wie sollte sie wissen, dass sie eigentlich Unterstützung haben dürfte, alles gesetzlich geregelt ist, dass sie diese Unterstützung kostenlos in Anspruch nehmen könnte.
Edith Meinhart
Da schließt sich jetzt der Kreis zu dem, was Alina vorhin schon gesagt hat, dass sie sich einfach nicht ernst genug genommen gefühlt hat. Es gibt ja immer wieder Kritik, dass die Polizei nicht tiefschürfend genug zum Beispiel ermittelt. Im Fall Alina haben die Beamten das Handy des damaligen Beschuldigten erst ausgelesen, als es zu spät war.
Seine WhatsApp-Nachrichten waren extrem bedrohlich. Also ich lese nur drei vor. Es waren noch viel, viel mehr. "Sei kusch, lieber, bevor ich dich umbringe, du Hurenkind. Messer rein, Messer raus, Messer rot, Alina tot." Oder "Messer verdienst du." Und das hätte die Polizei schon vorher sehen können.
Am 27. Februar 2020 hat es sich dann Zugang zur Wohnung verschafft, in der Alina gelebt hat, und hat 50 Mal auf sie eingestochen und sie dann liegen gelassen. Und es war für die Ersthelfer und Ärzte, die ihr das Leben gerettet haben, eigentlich unbegreiflich, dass sie es geschafft hat, noch den Notruf zu wählen, den Namen des Täters zu nennen und die Tür aufzumachen.
Im SMZ-Ost haben dann die Ärzte zehn Stunden lang um Alinas Leben gekämpft.
Alina, welche unsichtbaren Narben sind eigentlich geblieben? Fällt es dir schwer, Menschen zu vertrauen?
Alina
Ja. Also im Alltag merke ich, dass ich halt mich eher zurückziehe, dass ich das auch gar nicht leiden kann, wenn zu viele Menschen um mich herum sind. Also auch auf der Straße oder so, oder wenn es zu laut wird irgendwo. Sonst, wie auch vorhin erwähnt, dass ich immer noch teilweise das Gefühl habe, nicht nur bezogen auf das Thema, sondern auf alles, dass ich das Gefühl habe, dass keiner mir irgendwie was glaubt.
Also ich habe auch das bei Beziehungen, wenn ich eine neue Freundschaft oder egal in welchem Sinne eingehe, dass es mir schwerfällt, dass die Person an mich ranzulassen, dass ich mich dann zurückziehe, dass ich das dann, dass ich die Person dann auch irgendwie ignoriere. Und obwohl ich es gar nicht auch so gemeint habe, sondern einfach nur das gebraucht habe, spüre ich dann auch, dass natürlich die Person auch keine Lust mehr dann auf mich hat.
Ja. Sonst auch eine Beziehung einzugehen, ist mir auch schwer gefallen. Also eine feste Beziehung. Mittlerweile habe ich ja, bin ich ja mit meinem Freund zwei Jahre zusammen. Also er hat noch immer mit mir zu kämpfen. Es wird besser, aber ja.
Edith Meinhart
Aber kannst du ihm erzählen und begreiflich machen, warum das so ist bei dir und versteht er das?
Alina
Ja, er versteht das mittlerweile. Anfangs hat er es nicht ganz so verstanden, weil er hat es mir auch so erklärt, weil ich ja so, weil ich ja eigentlich ganz normal unter Anführungszeichen rübergekommen bin, als würde es mich ja gar nicht getroffen haben damals.
Dass ich diesen, also dass ich diese Mauer einfach sozusagen aufgebaut habe und das so bewahrt habe, bis es dann für mich zu stressig wird und ich dann wirklich weglaufen muss. Und in diesen Situationen hat er es dann gar nicht verstanden, wieso ich da jetzt dann so emotional explodiere.
Mittlerweile versteht er das. Er ist auch sehr nachsichtig mit mir. Er geht auch sehr sanft mit mir um. Ich bin ihm sehr dankbar.
Aber ja, ich spüre halt immer noch, dass es mir sehr schwer fällt. Ja.
Edith Meinhart
Und diese Mauer ist auch unsichtbar, wie du jetzt auch beschrieben hast.
Alina
Genau. Also ich, auch wenn ich jetzt mittlerweile immer noch, wenn ich darüber erzählen muss, was mir passiert ist, über diese Person, die es mir angetan hat, fühlt es sich so an, als wäre ich diese Person auch gar nicht gewesen. Überhaupt über die Tat.
Es fühlt sich für mich so an, als hätte ich das, als hätte ich einen Film gesehen und als würde ich über diesen Film erzählen. Oder als würde ich einen Zeitungsartikel lesen und würde über diesen Zeitungsartikel erzählen einfach. Weil es eigentlich auch genauso stattgefunden hat.
Also ich bin im Krankenhaus aufgewacht und ich kann mich ja bis heute an nichts erinnern, bis auf, dass ich die Rettung angerufen habe und meine Mutter. Aber dass ich die Tür aufgemacht habe, das kann ich nicht bestätigen. Das habe ich halt auch gelesen. Also.
Edith Meinhart
Das wurde dir erzählt von den Ersthelfern, ja.
Alina
Genau.
Edith Meinhart
Ich kann mich erinnern, dass du damals zu mir gesagt hast, du weißt, wie du ausschaust und kannst dir denken, was passiert ist, aber du hast keine direkte Erinnerung daran.
Alina
Genau. Ich kann mich, ja, ich konnte mich ja auch damals nach dem, also wie mir das erzählt worden ist, kann ich mich auch noch gut daran erinnern auf der Intensivstation. Ich habe erbrochen, wie ich das erste Mal mich im Spiegel gesehen habe. Ich konnte das nicht sehen.
Damals, also ich hatte mehrere Krankenschwestern. Eine war öfter bei mir und die war dann so lieb und hat auf der ganzen Station, zumindest da, wo ich hingekommen bin, hat sie die Spiegel abgedeckt. Und es hat dann lange gedauert, bis ich mich ansehen konnte. Ja.
Und bis heute auch, also ich habe schon ein paar, also ich habe ja viele Interviews abgegeben für den ORF auch und fürs Bild damals, für die Bildzeitung. Und ich habe, also das meiste habe ich gar nicht angeschaut oder auch gar nicht durchgelesen, weil ich auch es bis heute nicht kann. Ich kann es irgendwie, ein Teil von mir kann es nicht realisieren, dass es passiert ist.
Edith Meinhart
Ich kann mich erinnern, ich weiß nicht mehr, ob Frau Demirdelen das war oder ob du es gesagt hast, dass nachdem die Geschichte im Profil erschienen ist, ich erfahren habe, dass du das eigentlich noch gar nicht lesen konntest. Das hat sich, glaube ich, dann irgendwann geändert.
Alina
Ja, ich habe eine sehr lange Zeit gebraucht, bis ich das gelesen habe. Zwei Jahre waren das.
Irgendwann habe ich mir das durchgelesen. Ja, aber das war eine der wenigen Interviews, die ich mir wirklich angeschaut habe.
Den Rest kann ich, also ich kann mir das nicht anhören, was ich da erzähle. Ich will mich da gar nicht reinversetzen, weil ich ganz genau, also ich weiß ja, was ich da erzählt habe und das reicht für mich. Und das ist auch meistens auch sehr, sehr anstrengend.
Edith Meinhart
Auch jetzt.
Alina
Ja, genau. Also ich muss mich auch daran erinnern, was da damals überhaupt passiert ist. Das meiste verdränge ich auch. Es ist, ich, ja, ich will, dass es einfach vorbei ist. Und ich bin auch sehr froh, dass es jetzt endlich mit dem Vergleich ein Ende hat, weil es jetzt fühlt sich so an, als dürfte ich jetzt endlich das verarbeiten, was passiert ist.
Edith Meinhart
Und abschließen.
Alina
Und abschließen.
Edith Meinhart
Alina, gibt es etwas, das du dir von der Polizei wünschst? Das ist wahrscheinlich auf der Hand liegend, aber vielleicht auch von den Medien, von der Öffentlichkeit?
Alina
Dass es nicht, also von den Medien wünsche ich mir, dass es nicht so dargestellt wird, als hätte das Opfer Schuld gehabt. Dass es sich melden hätte können, weil es gibt ja die Polizei. Sie hätte ja was machen können.
Ich wünsche mir, dass es da, dass wirklich das klar kommuniziert wird, dass es meistens wirklich ein langjähriger Prozess auch ist, wo der Täter dem Opfer einredet, dass es selber schuld ist, dass es das verdient hat. Dass es, wenn es jetzt jemandem das erzählt, es auch keiner ihr glauben wird, was da passiert. Dass es ja, oder teilweise auch, dass es irgendwie Einbildung ist.
Dass es wirklich klar dargestellt wird, dass das Opfer da eigentlich gar keine Schuld hat. Und wenn es sich dann wirklich gemeldet hat, wenn es dazu gekommen ist, was ja auch nicht, weil ich hatte, ich muss auch ehrlich sagen, ich hatte Glück.
Ich hatte Glück, dass ich überlebt habe.
Edith Meinhart
Riesenglück, ja.
Alina
Ja. Und bei vielen ist es halt nicht so. Und das tut mir weh. Ja.
Edith Meinhart
Du hast eine Erfahrung gemacht, die du nie hättest machen dürfen. Und schon gar nicht hättest du dich dafür genieren müssen dürfen. Aber wenn du jetzt so zurückblickst und du denkst an andere Mädchen und Frauen, gibt es da etwas, das du sagen möchtest?
Alina
Ihr habt keine Schuld an nichts. Es ist nicht eure Schuld, alles, was passiert oder passieren sollte oder gesagt wird, es ist nicht eure Schuld.
Edith Meinhart
Alina, wie schaust du jetzt in die Zukunft?
Alina
Eigentlich ganz positiv. Ja, also ich hoffe, dass meine Zukunft gut wird. Dass ich dann endlich damit abschließen kann, dass ich hoffentlich das vergesse und dass sich wirklich wie ein Trauma anfühlt. Dass ich mit allen, mit all den Namen dann irgendwann klarkomme. Dass ich das dann nicht mehr als was Schlimmes ansehe, sondern als etwas, was passiert ist und das war es auch. Das Kapitel ist beendet. Ja.
Edith Meinhart
Hast du Pläne, besondere Träume?
Alina
Also jetzt ist mein erster, das einzige Ziel, was ich jetzt gerade im Moment habe, ist die LAP in zweieinhalb Jahren hoffentlich zu bestehen. Danach schauen wir weiter.
Ja.
Edith Meinhart
Also so beruflich, privat, hast du, wo siehst du dich da in zehn Jahren?
Alina
Beruflich sehe ich mich mit meiner eigenen Filiale als Optikerin.
Edith Meinhart
Oh, wow.
Alina
Mit dem Meister hoffentlich. Und ja, und beziehungsmäßig, also privat im Privaten hoffentlich mit meinem jetzigen Partner. Und ja, dass alles gut läuft einfach.
Edith Meinhart
Das heißt, die Gesellenprüfung wirst du auch machen. Gesellinnenprüfung heißt das wahrscheinlich.
Alina
Ja, natürlich.
Edith Meinhart
Alles Gute, Alina.
Alina
Dankeschön.
Edith Meinhart
Danke, dass du dir das, ja, dass du das Gespräch dir zugemutet hast. Ich glaube, es ist für alle hörbar, dass das wirklich schwer ist.
Alina
Dankeschön.
Edith Meinhart
Danke. Frau Demirdelen, wie schließen Sie das ab?
Cansel Demirdelen
Ja, ich bin unglaublich stolz auf die Alina und ich bin so dankbar, dass ich sie während dieser Zeit begleiten durfte.
Ich habe wirklich versucht, gemeinsam mit meinem Team den schweren Last von ihrer Schulter auf uns zu nehmen, damit sie einfach so gut wie möglich während dieses Verfahrens begleitet wird. Und dass ich sie begegnen durfte, ist mir auch eine Ehre.
Und was für eine Lebensfreude sie hat, bestärkt mich auch in dem, sozusagen. Und mein Glauben wird auch damit gestärkt, dass ich gerade den richtigen Beruf ausübe.
Etwas möchte ich noch sagen, nämlich, dass wir im Dezember diese Klage, also diesen Antrag, damit es als Klage, Amtshaftungsklage angenommen wird, eingebracht haben.
Ich möchte nämlich auch ganz herzlich bei Frauenrechtsschutzfonds bedanken, ja, zu damaligem Vorstand, damaliger Geschäftsführung und auch sozusagen Kolleginnen, die dort tätig sind, weil sie einfach an diesem Verfahren geglaubt haben.
Edith Meinhart
Sie haben das finanziert.
Cansel Demirdelen
Genau, sie haben das finanziert. Auch wenn es sozusagen nicht so positiv abgeschlossen wäre, hätte, also es hat ziemlich viel gekostet, ja. Und diese Kosten wurden eben von Frauenrechtsschutzfonds übernommen, worüber wir auch sehr froh sind, ja.
Edith Meinhart
Die muss die Republik jetzt aber ersetzen.
Cansel Demirdelen
Genau.
Edith Meinhart
Aber das war nicht klar, ob das...
Cansel Demirdelen
Das war, genau, das war nicht ganz klar, sozusagen, ob wir bis dorthin schaffen werden. Es hat lange gedauert, aber wir haben es geschafft.
Edith Meinhart
Es hat sich gelohnt, der Weg.
Cansel Demirdelen
Genau, genau.
Edith Meinhart
Aber ich muss mich da anschließen. Ich habe auch als Journalistin damals, wie wir die Geschichte gemacht haben, es als großes Privileg empfunden, dass du so viel Vertrauen hattest, dich da so geöffnet hast.
Weil ich glaube, dass gerade deine Geschichte so viel erzählt über, wie sich Opfer fühlen, wie man versucht, ihnen die Schuld zu geben, wie die Polizei es Opfer manchmal nicht ernst nimmt und hoffentlich oft auch ernst nimmt, aber einfach manchmal eben nicht. Und dass viel passiert ist, das nicht passieren hätte dürfen.
Alina
Ja. Also ich hoffe, dass es nicht wieder vorkommt. Und ich hoffe, dass das einfach sich bessert, dass vor allem Jugendliche, jugendliche Mädchen da wahrgenommen werden. Weil ich hatte damals das Gefühl, dass ich als dummes 16-jähriges Mädchen da stand, die weint, die sich wehrt, der Polizei was zu erzählen, obwohl das ja eigentlich auf der Hand lag, dass ich eigentlich nur Angst hatte.
Edith Meinhart
Danke noch einmal.
Alina
Ich danke auch.
Cansel Demirdelen
Danke Ihnen auch.
Edith Meinhart
Dankeschön.
Alina
Dankeschön.
Autor:in:Livio Koppe |
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