Das Orakel
Ist die österreichische Seele krank?
- hochgeladen von Michael Stebegg
In der 42. Folge von ‚Das Orakel‘ spannen wir einen großen Bogen von der durch die Eskalation im Nahen Osten ausgelöste Energiekrise, über die daraus resultierenden Sparmöglichkeiten im täglichen Leben, bis hin zur Einstellung der Bevölkerung zum Bundesheer. Oder anders gefragt: Wie weit würden wir in Österreich gehen, um Wohlstand und Frieden zu erhalten und zu sichern?
Michael Stebegg
Könnte man das jetzt quasi gegenüberstellen – weil du gerade USA erwähnt hast, dass man frei nach Kennedy in Österreich sagt: 'Frage nicht, was ich für Österreich tun kann, sondern was tut Österreich für mich?'
Peter Hajek
Ja, genau und genau das ist der Punkt: Die Menschen haben gelernt – auch bei Kreisky oder durch Kreisky dann auch. Und dann auch nachfolgend. Und interessanterweise auch von rechtspopulistischer Seite war es nicht unähnlich. Ich erinnere nur: Jörg Haider Hunderter, den er in ein Klagenfurt verteilt hat – dass immer der Staat da ist und auf dich achtet.
Willkommen zum demoskopischen Podcast 'Das Orakel'. Mein Name ist Peter Hajek. Ich bin Meinungsforscher und Politikwissenschaftler und schaue mit Ihnen in die politische Gegenwart, immer wieder in die Vergangenheit und ab und zu auch in die Zukunft, die ja bekanntermaßen schwer zu prognostizieren ist.
Michael Stebegg
Hallo und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur 42. Folge von 'Das Orakel'. Mein Name ist Michael Stebegg und mir gegenüber sitzt wie immer Meinungsforscher Peter Hajek. Hallo Peter.
Peter Hajek
Hallo Michi.
Michael Stebegg
Bevor wir zu unserem heutigen Thema kommen, müssen wir eine kleine Richtigstellung machen. Unser aufmerksamer Hörer Reinhard hat uns auf eine kleine Unstimmigkeit aufmerksam gemacht, die im letzten Podcast – nämlich mir – passiert ist. Konkret ging es um das Thema Kompetenzen der Parteien und das Thema Jobs schaffen. Und da hab ich gesagt, die Sozialdemokraten lägen bei 28% und die SPÖ bei 23%. Das ist natürlich ein …
Peter Hajek
… Wunschdenken …
Michael Stebegg
Das ist ein Doppeldenken. Richtig ist, dass die ÖVP, also die Christdemokraten, nicht die Sozialdemokraten, bei 28% liegen und die SPÖ, die Sozialdemokraten, bei 23%. Danke für den Hinweis und Entschuldigung von meiner Seite für die falsche Zuordnung.
Peter Hajek
Absolution erteilt.
Michael Stebegg
Dankeschön. Gott sei Dank, Gott sei Dank. Das Überthema oder die große Frage heute ist: Wie weit würden wir in Österreich gehen, um Wohlstand und Frieden zu erhalten und zu sichern. Und die Nachfrage, die sehr spannend ist: Inwieweit wollen wir uns selbst darum kümmern oder inwieweit hoffen wir darauf, dass es andere für uns richten?
Peter Hajek
Ja, und wir sind da, glaub ich, jetzt ein bisschen international orientiert, weil Irankonflikt spielt da auch eine Rolle. Für die Hörerinnen und Hörer zur Erläuterung: Wie machen wir eigentlich unseren Podcast? Wir machen das meistens so, dass ich eine große Sammlung mach an Umfragen und sag zu Michi: ‚Du, ich glaube, das könnt ihr machen, in die Richtung könnte es gehen. Da hast du die Umfragedaten.‘ Und der Michi macht dann eigentlich …
Michael Stebegg
Die Fragen.
Peter Hajek
Die Fragen, Leitfaden, nennen wir es Drehbuch, wie auch immer.
Michael Stebegg
Das Skript.
Peter Hajek
Ja, aber von dem ich aber nichts weiß, damit wir nämlich die Spontaneität erhalten.
Michael Stebegg
Und ich hoffe immer, dass ich den Peter am falschen Fuß erwisch. Das merkt man an der Antwort. Nämlich: ‚Weiß ist nicht.‘
Peter Hajek
Genau.
Michael Stebegg
Aber zum Skript zurück. Du hast auch heute wieder Umfragen mitgebracht, nämlich zum einen, die du für den Pragmatikus Verlag gemacht hast und für ATV. Zudem schauen wir uns aber auch eine Umfrage an, die das Market Institut im Auftrag des Standards gemacht hat. Warum wir das tun? Weil – du hast ja schon gesagt: Die geopolitische Lage, Stichwort Eskalation im Nahen Osten, Irankrieg, Blockade der Straße von Hormus. Weil: Steigende Lebenshaltungskosten, insbesondere die Energiepreise. Und weil: Große Unsicherheit auf der einen Seite und großer Wunsch nach Stabilität und endlich wieder rosigere Zukunftsaussichten auf der anderen.
Und das spiegelt sich auch generell in der Stimmung der Bevölkerung wieder. Das Market Institut wollte nämlich wissen, ob die Menschen mit Optimismus oder mit Pessimismus in die Zukunft blicken. Und da ist im März – da ist die Umfrage gemacht worden – ein neuer Rekordwert herausgekommen. Nämlich nur 17% der Menschen sind optimistisch in Bezug auf die kommenden Monate. 59% sind pessimistisch eingestellt. Und so schlimm war es nicht einmal in der Corona-Krise.
Peter Hajek
Gibt es eine Frage?
Michael Stebegg
Ja. Warum?
Peter Hajek
Gegenfrage, das hab ich mir jetzt gar nicht angesehen: Machen die Kollegen vom Market das immer zum selben Zeitpunkt im Jahr? Also ist es immer im März?
Michael Stebegg
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie es seit 2018 abfragen.
Peter Hajek
Ok. Das wäre ja das Spannende. Weil mein Tipp: Wenn diese Umfrage nicht jetzt im März stattgefunden hätte, also zu Beginn, der Irankrise, sondern vielleicht um den Jahreswechsel herum, dann wäre die Aussicht vielleicht doch etwas positiver gewesen. Wenn man das jetzt jedes Jahr im selben Monat macht, dann hat es seinen Sinn, weil ich mach immer zur selben Zeit – mit der gleichen Methode, mit der gleichen Stichprobe, mit der gleichen Fragestellung eben – eine Wiederholung.
Der Wert ist natürlich deshalb so tief, weil wir jetzt von diesem kleinen Pflänzchen, das wir auch schon besprochen haben, des Wirtschaftsaufschwungs in den letzten Wochen und Monaten jetzt uns wieder verabschieden können. Den neuesten Prognosen – und Wirtschaftsprognostiker möchte ich gerade nicht sein.
Michael Stebegg
Nein.
Peter Hajek
Und sie sagen es ja auch immer dazu, beim Beipacktext: Leider wissen wir es nicht, wie es weitergeht. Also das ist jetzt alles sehr, sehr eingetrübt und dementsprechend – Überraschung, Überraschung – verwundert dieser Wert natürlich nicht.
Michael Stebegg
Sie haben dann quasi nachgefragt: Wenn es jetzt so pessimistisch ausschaut und auch in Zukunft nicht besonders rosig, in welchen Bereichen die Menschen denn sparen würden oder im Moment sparen. Das heißt, wo sie auf Ausgaben verzichten. Und da ist es sehr spannend. Die meiste Zustimmung haben Antworten, die im Bereich einerseits des wirklichen Sparens – also ich tu weniger veranlagen, ich kann weniger Geld zurücklegen – aber auch in Richtung, ich geh weniger aus, ich verzicht vielleicht auf den Urlaub et cetera.
Also der höchste Wert ist: ‚Ich kann weniger ansparen, weniger für die Zukunft auf die Seite legen.‘ Das trifft für 62% der Menschen zu. ‚Ich gehe seltener aus, weniger oft in Restaurants, lokale Bars‘ – 55% sagen, trifft zu. Wenn man jetzt in dieser Liste nach unten springt, ist es ‚Ich tanke nicht mehr voll.‘, sagen nur mehr 23% das trifft zu und 67% das trifft nicht zu. Und um diese Liste quasi zusammenzufassen: Je mehr das Sparpotential in Richtung Energie, Spritpreise geht, desto geringer wird die Bereitschaft dazu. Hast du eine Erklärung dafür?
Peter Hajek
Ja, aber die Erklärung ist relativ simpel: Wir beginnen als Menschen – wir kennen das aus vielen, vielen anderen Umfragen – wir beginnen immer bei jenen Themen, wo es uns auch leichter fällt. Also ich flieg weniger auf Urlaub – und gar nicht so viele Menschen fliegen auf Urlaub, muss man dazu sagen. Aber ich, ja, den einen Flug, den den spar ich mir ein oder dieses eine Städtewochenende. Ich gehe bisschen weniger essen oder ein bisschen weniger aus. Das sind jene Themenfelder, wo es uns relativ einfach fällt. Die Frage ist immer nur, hat das tatsächlich eine so massive Auswirkung auf das Haushaltsbudget? Eine ganz menschliche Haltung an sich, weil ich beginn immer mit dem, wo es mir nicht so weh tut.
Beim Tanken wäre es jetzt natürlich interessant zu sehen: Gibt es eine signifikante Unterscheidung zwischen urbanen Bereich und und ländlichen Raum? Im ländlichen Raum sagen die Menschen: ‚Mein Gott, ja, wir haben einen Bus, aber der fährt dreimal am Tag, das ist sowieso nicht machbar. Sehr spannend ist, wir haben dazu noch keine Umfrage gemacht, aber es gibt ja die Diskussion darüber, ob man ein verpflichtendes Tempolimit einführen soll. Also zum Beispiel auf Autobahnen mit 100 km/h. Die Bundesregierung sagt, das soll jeder bitte für sich selbst entscheiden.
Es gibt Beobachtungen – ich nenn das immer Meinungsforscher on tour – also sowohl von mir, also von Freunden und Bekannten, die sagen, sie haben das Gefühl, dass wenn man auf der Autobahn unterwegs ist, dass die Menschen schon langsamer fahren. Das, finde ich, würde uns ja auch leicht fallen. Weil, mein Gott, ob jetzt 100 km/h oder 130 km/h, ich komme an. Und dort hätte es dann auch tatsächlich eine eine Auswirkung auf das Haushaltsbudget. Aber es ist halt die Frage, ob man das für sich akzeptiert. Interessant ist eben, wie du richtig sagst, dass das erst unten kommt. Ich mein ‚Nicht volltanken‘ das ist … also, ich weiß nicht, wo da der Spareffekt liegt? Weil ich fahr dann halt nur noch …
Michael Stebegg
Vielleicht hilft’s ja, weniger Kilometer zu fahren, dadurch?
Peter Hajek
Na, es geht ja darum, dass: ich tanke jetzt nur noch halb voll und beginne dann wieder voll zu tanken, wenn dann der Preis wieder runtergeht. Weiß nicht. eine Ahnung, ich hab das nicht überprüft, ob das Sinn macht. Viel gescheiter wäre einfach zu sagen: Ich spare jene Fahrten ein, die ich einsparen kann, Punkt 1. Und Punkt 2: Wenn es insbesondere auf Überland geht – ich passe einfach mein Fahrverhalten, meine Fahrgeschwindigkeit eben den Kosten an. Und da ist durchaus ein Beitrag drinnen.
Michael Stebegg
Wo ein Beitrag drin ist – und da sind sich die Menschen sehr, sehr einig: Wenn man die nämlich fragt, ob der Staat dafür sorgen soll, dass Energie nicht teurer oder sogar günstiger wird. Und damit sind wir bei einer Umfrage, die du für ATV gemacht hast. Und ihr habt gefragt: ‚Soll die Bundesregierung wegen steigender Energiepreise durch die Iran-Krise mehr Schulden machen dürfen?‘ und ‚Soll die CO2-Bepreisung auf Treibstoffe aufgrund steigender Spritpreise ausgesetzt werden?‘
Peter Hajek
Das sind zwei verschiedene Fragen.
Michael Stebegg
Zwei verschiedene Fragen, genau. Und bei der Aussetzung der CO2-Bepreisung sind 69% dafür. Und immerhin noch die Hälfte – mit 53% – sagen: Ja, wir können mehr Staatsschulden machen wegen der steigenden Energiepreise. Das heißt also, da sieht man schon: Der Staat soll es bitte ein bisschen mehr richten als ich selber. Wieso sind wir in Österreich so gepolt, dass wir immer sagen: ‚Na, ich selber mag nicht, aber die anderen sollen oder der Staat soll mich bitte irgendwie helfen. Haben wir keinen freien Willen?
Peter Hajek
Das ist eine gute Frage. Wir haben natürlich schon einen freien Willen. Ich führe das darauf zurück, dass wir nie in einem politischen System gelebt hat, das den freien, individuellen Bürger wahnsinnig gefordert und gefördert hätte. Das ist jetzt natürlich auch ein bisschen historische Küchenpsychologie, aber:
Gehen wir mal zurück in die Monarchie. Das war ein absolutistisches System, wo auch ein Herr Metternich mit sehr, sehr repressiven Methoden gearbeitet hat. Also dort war der freie Bürger nicht rasend erwünscht. Und dann haben wir einen Weltkrieg gehabt, schlechte Zeit. Dann kam die erste Republik, wo es ein großes Widerspiel gab zwischen dem roten Wien und den schwarzen Ländern. Auch das rote Wien, das eine absolute Erfolgsgeschichte ist, hatte aber einen wohlmeinenden Paternalismus. Also: ‚Wir wissen es, wie es gut für euch ist, deshalb macht’s das einfach so.‘ Das war durchaus erfolgreich, aber auch da war zwar der Bürger im Mittelpunkt, dass er von diversen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwängen befreit wird. Aber es gab trotzdem so eine Art Paternalismus. Gut, dann gab es zwei autoritäre Systeme. Das austrofaschistische Regime und das nationalsozialistische Regime. Das steht eh für sich selbst.
Und dann haben wir die zweite Republik. Und in der zweiten Republik haben wir zwei Parteien, die auch zum Wohle der Menschen, des Staats und der Wirtschaft agiert haben. Aber auch sehr patriarchal und paternalistisch. Und das Ganze hat nie einen Bürger herausgebracht, der – jetzt nehme ich genau das Gegenteil – wie in den USA sagt: Ich bin ein freier Mann, ein freier Mensch, eine freie Frau. Und in Washington sitzt die böse Repression. Und wir besitzen alle Waffen und verteidigen selbst und was auch immer. Das sind jetzt natürlich zwei … das ist natürlich holzschnitzartig, das ist mir schon klar.
Michael Stebegg
Könnte man das jetzt quasi gegenüberstellen – weil du gerade USA erwähnt hast, dass man frei nach Kennedy in Österreich sagt: 'Frage nicht, was ich für Österreich tun kann, sondern was tut Österreich für mich?'
Peter Hajek
Ja, genau und genau das ist der Punkt: Die Menschen haben gelernt – auch bei Kreisky oder durch Kreisky dann auch. Und dann auch nachfolgend. Und interessanterweise auch von rechtspopulistischer Seite war es nicht unähnlich. Ich erinnere nur: Jörg Haider Hunderter, den er in ein Klagenfurt verteilt hat – dass immer der Staat da ist und auf dich achtet.
Und ja, deswegen ticken wir als Gesellschaft einfach so. Weil in Wirklichkeit müssten wir ja alle sagen: Egal, um welche Steuern, um welche Abgaben, um welche Förderungen es geht – das ist alles Steuergeld, das jemand erwirtschaftet. Nämlich die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Und da würde ich mir manchmal wünschen, dass wir bisschen mehr – vielleicht nicht wie die Amerikaner – aber wie die Schweizer ticken, die da, glaub ich, auch einen etwas anderen Zugang haben.
Michael Stebegg
Wir waren ja eigentlich bei den Energiepreisen und den Treibstoffpreisen. Jetzt kommt das Rohöl für unser Benzin ja aus genau jener Region, in der gerade das größte Konfliktpotenzial besteht, nämlich dem Nahen Osten. Und der Standard wollte wissen, ob die Menschen das Vorgehen der USA und Israel für angemessen halten. Und 31% sagen: ‚Ja, das ist Ok, dass die da einen kriegerischen Akt machen und einfach bombardieren. Und 51% halten es für nicht angemessen. Was hier spannend ist: Die größte Befürwortergruppe sind die FPÖ-Wählerinnen und FPÖ-Wähler. Warum genau die?
Peter Hajek
Ja, das ist eine gute Frage. Der Kollege Pfarrhofer vom Market Institut wird da zitiert auch. Der gesagt hat: ‚Na wenn es auf eine Partei passt, dann noch am ehesten auf die freiheitliche Wählerschaft.‘ Ja und nein. Weil eigentlich sind ja die freiheitlichen Wählerinnen und Wähler auch jene, die ganz stark den Narrativ von Kick übernommen haben: Man muss den Ukrainekrieg da beenden und muss natürlich Russland da entgegenkommen, also die eigentlich sehr, sehr defensiv eingestellt sind, was zumindest die militärische Unterstützung der Ukraine betrifft. Jetzt ticken sie aber auf der anderen Seite schon so, dass sie durchaus den starken politischen Mann präferieren. Und das stellt in Teilen, weil es ist ja nicht die Mehrheit bei den freiheitlichen Wählern auch, das muss man auch dazu sagen …
Michael Stebegg
Es sind 44%.
Peter Hajek
44%, genau richtig. Aber im Vergleich zu den anderen haben sie halt den größten Anteil. Und es ist ein bisschen eine indifferente Haltung. Jetzt muss man dazu sagen, dass diese Umfrage ja eher in der ersten Phase des Iran Konflikts gemacht wurde. Und da stand dann auch noch so Regime-Change im Vordergrund. Wo der Herr Trump dann später, drei Wochen später, gesagt hat: ‚Hab ich nie gesagt.‘ Ist auch sehr interessant. Ob das jetzt auch noch so wäre, nämlich mit diesem jetzt doch recht massiven weltweiten, weltwirtschaftsweiten Auswirkungen, lassen wir mal dahingestellt.
Michael Stebegg
Die haben dann noch quasi explizit weiter gefragt, nämlich: Ob Österreich einen Beitrag zur Sicherung der Straße von Hormus leisten soll? Und da ist die ein Meinung noch eindeutiger, nämlich 64% wollen das nicht und nur 23% könnten sich vorstellen, einen Beitrag zu leisten. Das ist gar nicht konkret ausgeführt …
Peter Hajek
Wie auch immer dieser Beitrag aussehen mag.
Michael Stebegg
Jetzt könnte man sagen: Gut, die Straße von Hormus liegt außerhalb der EU. Aber im Zuge der Kampfhandlungen wurde ja ein britischer Stützpunkt auf Zypern angegriffen. Und da drängt sich die Frage auf, wie es die Österreicherinnen und Österreicher mit dem Beistand für andere EU Länder halten? Wozu nämlich auch du und eben der Standard nachgefragt hat. Du hast explizit nach militärischer Hilfe für einen EU-Staat gefragt, während Market nach ‚Beistand leisten‘ im Falle eines Angriffs durch den Iran gefragt hat. Das heißt, es ist ähnlich, aber im Detail ist ein bisschen etwas Anderes.
Peter Hajek
Na, das eine von Market ist jetzt auf den Iran-Konflikt bezogen, unsere Fragestellung war eher allgemeiner Art.
In der 42. Folge von ‚Das Orakel‘ spannen wir einen großen Bogen von der durch die Eskalation im Nahen Osten ausgelöste Energiekrise, über die daraus resultierenden Sparmöglichkeiten im täglichen Leben, bis hin zur Einstellung der Bevölkerung zum Bundesheer. Oder anders gefragt: Wie weit würden wir in Österreich gehen, um Wohlstand und Frieden zu erhalten und zu sichern?
Michael Stebegg
Und bei dir, also, die konkrete Frage: Wenn morgen ein anderer EU-Staat angegriffen wird, sollte Österreich diesen militärisch zu Hilfe kommen und Soldaten hinschicken? Also explizit militärische Hilfe. Und bei dir kommt raus, dass 57% gegen eine Hilfeleistung sind und nur 31% dafür. Bei Market sind es 63% gegen eine Hilfestellung bei einem Iran-Angriff und 22% sind dafür. Das ist eben auch ein ähnliches, aber nicht identes Ergebnis. Liegt das jetzt nur in der Schwankungsbreite oder auch an den unterschiedlichen Details der Fragestellung?
Peter Hajek
Das hat mit der Schwankungsbreite nichts zu tun. Das ist natürlich die unterschiedliche Fragestellung. Es ist halt nicht dieselbe Fragestellung oder es ist halt nur eine sehr ähnliche Fragestellung. Und die eine fokussiert halt auf den Konflikt oder auf einen militärischen Konflikt. Und dementsprechend, ganz klassisch, geht die Bevölkerung dann noch mehr in die Defensive und hat eine noch größere Skepsis. Beide haben aber die gleiche Aussage: Beistandspflicht von unserer Seite? Sicher nicht. Und das ist eben das große Problem. Das haben wir schon vor paar Wochen gehabt in einem Podcast. Und das haben wir auch jetzt wieder für den Pragmaticus. Ich weiß jetzt nicht, was du jetzt noch alles bringen wirst? Aber das Problem ist ja immer, dass wir, was militärische Wehrhaftigkeit betrifft, – nennen wir es freundlich – auf der Convenience-Seite zu Hause sind.
Michael Stebegg
Genau, das wäre meine nächste Frage gewesen. Nämlich diese Frage nach ‚EU Ländern militärisch zu Hilfe kommen und Soldaten hinschicken‘ ist eine schöne Überleitung zu dem Schwerpunkt, nämlich dem Themenfokus, den du für den Pragmaticus Verlag erfragt hast: Das Bundesheer und seine Wichtigkeit. Eben wie halten es die Österreicherinnen und Österreicher mit ihrem Bundesheer? Und damit sind wir bei unserer beliebten Rubrik:
Peter Hajek
Die Zahl der Woche.
Michael Stebegg
Die Zahl der Woche ist 65. 65%, also knapp zwei Drittel der Bevölkerung, glauben, dass Österreich im Falle eines Angriffs durch Russland militärische Unterstützung von EU, NATO oder USA erhalten würde. Moment! Mehr als die Hälfte will keinen Beistand leisten? Und gleichzeitig erwarten sich mehr als die Hälfte einen Beistand von anderen? Wie geht sich das aus?
Peter Hajek
Na warte mal, die Fragestellung lautet ja nicht ‚erwarten Sie‘, sondern ‚glauben Sie, dass‘.
Michael Stebegg
Genau. Ahhh.
Peter Hajek
Das Prinzip Hoffnung. ‚Also, ja, das wird. Sicher. Also bitte, wenn die uns einmal angreifen. Ich mein, sind mir sich ehrlich. Ja? Also, dann muss man eingreifen.‘ Also ja, das ist das, was ich vorhin mit dem Convenience-Faktor gemeint habe. Also wir wollen selber sehr wenig investieren. Wir sind nicht unbedingt für eine Verlängerung der Wehrpflicht – wobei da noch am ehesten, wie wir auch schon besprochen haben. Und gleichzeitig hoffen wir aber trotzdem, dass uns ‚wer anderer auße haut‘ im Fall der Fälle. Und das ist wirklich, wirklich, wirklich erstaunlich. Aber wie gesagt, wir haben nicht gefragt ‚erwarten Sie es‘, sondern ‚glauben Sie, dass‘. Und wie gesagt …
Michael Stebegg
Du meinst die immer noch katholische …
Peter Hajek
Das, glaube ich, hat weniger mit Katholizismus zu tun, als mit … ich weiß nicht … ich tue mir da wirklich, weißt du, ich tue mir da wirklich schwer. Weil wir, was dieses Thema, dieses Politikfeld betrifft, so überhaupt nicht stringent sind. Also, wenn ich, wenn ich wirklich will – ich kann ja neutral sein. Ist in Ordnung. Und wir sind auch ein kleines Land. Ja no na, werden wir nicht ein, weiß Gott, wie hochgerüstetes Militär haben. Aber man könnte ein in Teilbereichen sehr, sehr gut ausgebautes und und ausgebildetes Bundesheer haben. Also zum Beispiel könnte man natürlich in Österreich sich in Richtung Cyber-Security, Militär-Drohnen et cetera weiterentwickeln. Also sag ich jetzt als Gefreiter, der den Wehrdienst abgeleistet hat. Also, da wäre was möglich, aber diese Haltung ist wirklich, wirklich erstaunlich.
Michael Stebegg
Diese Haltung – wenn ich so sagen darf, diese leicht schizophrene Einstellung – wird umso interessanter, wenn wir uns andere Fragen aus diesem Themenfokus anschauen. Ihr wolltet wissen, für wie wahrscheinlich es die Bevölkerung hält, dass es in den nächsten 10 Jahren zu einem Krieg auf dem Boden der EU kommen könnte. Und da glaubt 49%, also die Hälfte glaubt, dass es wahrscheinlich zu einem Krieg kommt. 2024 waren es noch 43%. Gleichzeitig glaubt ebenfalls knapp die Hälfte, nämlich 48%, dass uns unsere Neutralität im Ernstfall vor einem Angriff eines anderen Landes nicht schützen würde. Dazu kommt, dass knapp Dreiviertel der Ansicht sind, dass Österreich sich schlecht gegen einen Angriff von außen verteidigen kann. Also man hat den Eindruck: Einerseits steigt die Kriegsangst und gleichzeitig haben wir kein Vertrauen in unsere Schutzmechanismen. Sehe ich das richtig?
Peter Hajek
Ja, du siehst das richtig. Es ist nur wahnsinnig schwer zu interpretieren. Also die österreichische Seele ist bekanntermaßen eine komplexe …
Michael Stebegg
Der Erwin Ringel.
Peter Hajek
Ja, richtig. Genau.
Michael Stebegg
‚Die österreichische Seele ist krank. Sie ist krank.‘
Peter Hajek
Ja. Eigentlich hätte man den fast einspielen können. Ja. Es gibt dazu eigentlich nicht mehr zu sagen. Man muss natürlich dazu sagen: Was heißt in dem Fall auf österreichischem, Entschuldigung, auf europäischer Boden einen Angriff? Na, das kann wie immer wieder skizziert wird zum Beispiel im Baltikum sein.
Michael Stebegg
Russland greift das Baltikum an oder Polen.
Peter Hajek
Genau, wie auch immer, Und für viele Menschen in Österreich ist auch das noch weit weg, aber es hätte natürlich dann wiederum eine ganz neue Qualität. Aber ich glaube, dass am Ende des Tages natürlich die Politik dafür verantwortlich ist für diese Haltung. Weil wir – wahrscheinlich ausgehend seit den 70er Jahren – das Bundesheer und die Landesverteidigung nicht genug gewürdigt und hochgehalten haben.
Michael Stebegg
Immerhin ein Punkt, es gibt Einigkeit darüber, dass wir ein Heer brauchen. Also da sind wir uns einig. Nämlich 87% finden, dass es grundsätzlich – ja bitte, das Wort ‚grundsätzlich‘ ist sehr wichtig – ein Bundesheer braucht. Das ist eine sehr ordentliche Mehrheit. Wenn wir dann oder ihr danach gefragt habt, wenn es darum geht, mehr Geld für das Heer auszugeben – also nicht nur die Politik, sondern sollen wir das tun? Ist die Mehrheit schon viel kleiner. Da sind es nur mehr 55%, die ja sagen. Und was ich sehr spannend finde, ist 61% wollen die allgemeine Wehrpflicht beibehalten, 31% sind für ein Berufsheer, aber nur 33% würden das Land persönlich mit der Waffe in der Hand verteidigen. Das musst du mir jetzt bitte erklären.
Peter Hajek
Na, das da gibt es nichts zu zu erklären. Wir haben das eh, wir haben das eh schon mal gehabt. Ich glaube ja, dass das österreichische Bundesheer die höchsten Meriten im Katastropheneinsatz hat und ich glaub …
Michael Stebegg
Überschwemmung irgendwo …
Peter Hajek
Ja genau, richtig. Und beim Rest, glaub ich, fehlt es auch vielen, vielleicht auch Männern in Österreich, der Glaube an das österreichische Bundesheer, weil sie selber beim Bundesheer waren. Und ich hab auch meinen Wehrdienst abgeleistet und hab mir damals nach den, wir waren, glaub ich, noch 8 Monate, auch gedacht: ‚Naja, also ich weiß jetzt nicht, was ich da so viel gelernt habe.‘ Also auf meine Verteidigungsfähigkeit sollte sich das Land nicht verlassen.
Michael Stebegg
Das ist ein schönes Schlusswort. Wir sind damit am Ende dieser 42. Folge angelangt. Ein letzter kleiner Hinweis auf das Podcast Festival in Graz, das kommenden Samstag, den 18. April, stattfindet im Schauspielhaus Graz – mit dem Orakel live on stage. Kommen Sie und hören Sie eine spannende Diskussion zum Thema 'Ruinieren Meinungsumfragen die politische Handlungsmacht?' mit Walter Hämmerle als Gast, der der Leiter der Innenpolitik bei der Kleinen Zeitung ist. Die nächste reguläre Folge erscheint dann am Donnerstag, 30.4. Bis dahin sagen wir vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.
Peter Hajek
Das Orakel.
Autor:in:Michael Stebegg |