Ganz Offen Gesagt
Über den Wahlerfolg von Kommunistin Elke Kahr - mit Bernd Hecke

Stefan Lassnig analysiert mit Kleine-Zeitung-Journalist Bernd Hecke den Ausgang der Grazer Gemeinderatswahl 2026 mit Fokus auf den Wahlerfolg der KPÖ und Bürgermeisterin Elke Kahr. Im Gespräch geht es um die Rolle von Persönlichkeit, Sozialarbeit „von unten“ und Verkehrspolitik ebenso wie um die Krise von SPÖ und FPÖ in Graz. Die Episode arbeitet auf, welche politischen und strategischen Lehren sich aus der Grazer Situation für andere Städte und Ebenen ziehen lassen.

Bernd Hecke
Man sieht, man braucht nicht 30 Jahre zu arbeiten, sondern es geht auch sehr schnell, wenn man das glaubhaft umsetzt und wenn man den Menschen das Gefühl gibt, man ist halt mehr Sozialarbeiter als Politiker vielleicht, und man schafft vielleicht nicht die großen Reformen und nicht die großen Visionen und man baut keine Luftschlösser, sondern man kümmert sich halt einfach um die Menschen von unten, ne. Und eben, so die echten Berufspolitiker sagen: "Das ist aber eigentlich keine Politik, weil ich ändere nicht die Verhältnisse." Das stimmt zu einem Gutteil, aber den Menschen reicht es offensichtlich, oder vielen Menschen genügt es.
Stefan Lassnig
Herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt", dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Stefan Lassnig, und mein heutiger Gast ist Bernd Hecke, Journalist bei der Kleinen Zeitung und Graz-Experte. Mit ihm spreche ich über die Wahl in Graz. Wie konnte die Kommunistin Elke Kahr ihren Überraschungserfolg aus dem Jahr 2021 sogar noch ausbauen? Was zeichnete ihre Amtsführung in den letzten 5 Jahren aus? Warum ist die SPÖ auf einen neuen Tiefpunkt gefallen und die FPÖ unter den Erwartungen geblieben? Was können andere Parteien auf Landes- oder Bundesebene aus der Graz-Wahl lernen? Und wie wird es jetzt in Graz weitergehen? Lieber Bernd, herzlichen Dank, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Ein Grundmotiv bei unserem politischen Podcast ist: Transparency is the new objectivity. Und in diesem Sinne beginnen wir unseren Podcast immer mit der traditionellen Transparenzpassage, also ob und woher wir uns kennen und ob du aktuell für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig bist. Die erste Frage ist heute relativ leicht zu beantworten: Wir kennen uns persönlich gar nicht. Du wurdest mir von meinem "Ganz offen gesagt"-Kollegen Georg Renner als Ansprechpartner zum Thema Graz-Wahl empfohlen. Damit gleich zur zweiten Frage: Bist du aktuell oder warst du für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig?
Bernd Hecke
Nein, eigentlich überhaupt nie in meinem ganzen Leben. Ich habe nur beruflich Kontakt zu Parteien, weil ich ein Journalist bei der Kleinen Zeitung bin.
Stefan Lassnig
Gut, danke für die Transparenz, und damit können wir gleich ins Thema einsteigen. Am 28. Juni hat ja Graz gewählt. Wir nehmen unsere Folge am 3. Juli, also nicht ganz eine Woche nach der Wahl, auf. Nach meiner Einschätzung war die große Siegerin der Wahl die KPÖ, die noch einmal 6,9 Prozentpunkte zur letzten Wahl zugelegt hat. Und damit ist eben auch fix, dass die Elke Kahr weiterhin als kommunistische Bürgermeisterin in Graz regieren wird. Jetzt an dich die erste Frage als Auskenner in Graz: War der Ausgang der Wahl überraschend für dich, oder hast du das so erwartet?
Bernd Hecke
Nein, jetzt sagen wir mal, im Großen und Ganzen waren die Trends durch sehr, sehr viele Umfragen, einerseits von den Parteien, andererseits hat auch der Peter Heijer für uns in der Kleinen Zeitung Umfragen gemacht, waren die Trends erwartbar, aber doch hat es viele Ausreißer gegeben. Was ich gar nicht erwartet habe, ist, dass die FPÖ tatsächlich hinter den Grünen bleibt. Da hatten wir das Potenzial höher eingeschätzt aufgrund der Bundeswerte und auch der Werte des Landeshauptmanns in der Steiermark, dem Mario Kunasek. Der Dreier, der vorne bei der KPÖ steht, war auch vielleicht noch erahnbar, erwartbar, dass es aber tatsächlich auf 35 Prozent geht, haben wir so eher nicht kommen gesehen, auch im Kollegenkreis in den Diskussionen. Und dass die SPÖ jetzt dann den Totalabsturz und die Bruchlandung ohne Klubstatus auf nur noch zwei Mandate erleben musste, das war so, sagen wir mal, in der Tendenz, dass es weiterhin minus werden wird, hätten wir es auch vorausgesagt, aber dass es so drastisch sein wird, haben wir nicht kommen gesehen. So gesehen, im Großen und Ganzen, die Platzierungen einigermaßen erwartbar, aber doch sehr viele erstaunliche Ergebnisse.
Stefan Lassnig
Auf diese erstaunlichen Ergebnisse werden wir dann im Detail noch zu sprechen kommen. Ich würde aber gern mit dem Rückblick beginnen, weil um die jetzigen Wahlergebnisse zu verstehen, glaube ich, ist es ja ganz wichtig, dass wir die Uhr jetzt einmal fünf Jahre zurückdrehen und ins Jahr 2021 zurückgehen. Da hatte die KPÖ damals doch auch überraschend, finde ich, mit 29 Prozent die Wahl gewonnen, und davor hat ja die ÖVP 18 Jahre lang das Bürgermeisteramt besetzt. Und 2021 hat Elke Kahr mit der KPÖ die Wahl gewonnen und hat danach mit den Grünen und der SPÖ eine Regierung gebildet in Graz. Was waren aus deiner Sicht die prägenden Ereignisse in diesen fünf Jahren?
Bernd Hecke
In den Jahren seit der letzten Wahl?
Stefan Lassnig
Ja.
Bernd Hecke
Ja, da hat man im Wesentlichen sowas wie eine Kehrtwende in der Verkehrspolitik gespürt, gesehen, die sehr umstritten ist und sehr polarisiert in Graz, die aber, wenn man dann nochmal fünf Jahre vor der letzten Wahl schaut, eigentlich gar keine echte Kehrtwende ist. Da kommt man dann vielleicht noch drauf, das ist eigentlich ganz, ganz, ganz amüsant, wenn man sich das so ansieht, wie die politischen Parteien da agiert haben in diesen Jahren. Ansonsten ist die Periode geprägt von Debatten, die wir auch schon davor erlebt haben, nämlich, dass die Stadt in einer unglaublichen Schuldenfalle steckt, aus der sie sich sehr schwer befreien kann, aufgrund der Multikrisen und all der Entwicklungen der letzten fünf Jahre, Corona-Krieg etc., Inflation. Ist es so wie in allen anderen Kommunen, aber auch fast allen Ländern unter Republik, also die Schulden drücken schwer, der Spielraum ist sehr gering, Visionen gibt es eigentlich auch wegen der Geldfrage nicht mehr so sehr, aber noch mehr, weil sich halt das Bürgermeisteramt geändert hat. Um auf das zurückzukommen, warum es eigentlich keine Kehrtwende in der Verkehrspolitik ist: Was in diesen fünf Jahren passiert ist, tatsächlich sind zum ersten Mal seit langem Straßenbahnprojekte umgesetzt worden, die ewig diskutiert worden sind. Es hat eine Radoffensive gegeben, wo auch der öffentliche Raum umverteilt worden ist, von Autorichtung, Fußgänger und Radfahrer. Das war aber alles gar nicht neu, sondern der Siegfried Nagel hat gegen Ende seiner Amtszeit erkannt, dass es eigentlich in urbanen Räumen das Gebot der Stunde ist, mit Klimawandel, eine urbanere Mobilität, Klimawandelanpassung, und hat sehr viele dieser Dinge eigentlich als ÖVP-Bürgermeister initiiert. Und die Judith Schwentner als grüne Vizebürgermeisterin in der Periode danach hat irgendwie so ein bisschen die Saat geerntet, die er ausgebracht hat. Sie hat das aber sehr entschlossen in der Umsetzung gemacht, also es hat schon ihre Handschrift getragen. Aber der Treppenwitz der Geschichte war, dass der Kurt Hohensehner als ÖVP-Chef in Graz gegen diese Verkehrspolitik wilde Attacken geritten hat, die eigentlich sein Vorgänger, der Siegfried Nagel, eingeleitet hat.
Stefan Lassnig
Und die ja am Schluss dann auch offenbar erfolgreich waren, zumindest jetzt wahlmäßig.
Bernd Hecke
Ja, in der Wahl, muss man sagen, hat der Kurt Hohensehner gefühlt in den letzten zwei, drei Wochen wirklich viel aufgeholt, weil er war in den Umfragen insgesamt schlechter und hat dann doch fast das Ergebnis gehalten. Das hat ihn dann sogar dazu verleitet, das als Wahlerfolg zu interpretieren. Die Erleichterung war groß, weil er hat sich sicher schon mit dem Gedanken getragen, wie er seinen Rücktritt verhindert oder ausformulieren muss am Wahlabend. Es war ein sehr respektibles Ergebnis im Kampf gegen die Trends, sozusagen. Aber man sieht, dass die sehr polarisierende Verkehrspolitik dieser Periode in Summe trotzdem eine Mehrheit bekommen hat.
Stefan Lassnig
Verkehr ist ja sicher eines der Hauptthemen in einem urbanen Gebiet, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Was waren sonst Gründe aus deiner Sicht, dass die KPÖ ihr Ergebnis sogar noch einmal um 6,9 Prozentpunkte steigern hat können?
Bernd Hecke
Ja, eines der dramatischsten Ereignisse in diesen fünf Jahren war natürlich diese Schießerei am Burgdreher Schützengasse. Ein unglaublich tragischer Amoklauf, wenn man so will, der sehr viele Jugendliche auch das Leben gekostet hat. Damals, im Nachhall dieser Katastrophe in dieser Stadt, haben eigentlich alle gesagt, jetzt ist sie schon wieder Bürgermeisterin. Das heißt, sie hat es geschafft, mit ihrer Empathie, die ihr ja zuinnerst und zu eigen ist, und ihrer Authentizität, hier die Menschen irgendwie zu unterstützen. Hat auch als Krisenmanagerin vom ersten Tag an sehr eloquent, sehr gut gearbeitet. Und bis hin zum Auftritt in der ZIB 2 in ihren Interviews war das halt in ihrer Menschlichkeit überragend, sagen wir mal, ohne das Politische noch in irgendeiner Form zu bewerten. Das ist so weit gegangen, dass vor allem auch aus ÖVP-FPÖ-Kreisen dann gemutmaßt worden ist, sie hat die Wahl rund um den Jahrestag dieses Ereignisses terminisiert, um da quasi noch einmal möglicherweise atmosphärisch Stimmen mitzunehmen. Das würde ich aber tatsächlich in dem Fall irgendwie glauben, das schließe ich aus, dass sie mit Kalkül so etwas macht, so tickt Elke Kahr eben nicht. Also das sind so diese klassischen Politreflexe, die andere in der Opposition oder in der Gegnerschaft unterstellen und haben. So funktioniert die Elke Kahr nicht.
Stefan Lassnig
Würdest du prinzipiell sagen, dass der Persönlichkeitsfaktor in dieser Wahl eine große Rolle gespielt hat?
Bernd Hecke
Ja, genau. Also auf die Frage, warum dieser Wahlerfolg steht unterm Strich ganz sicher zu 99 oder sagen wir zu 95 Prozent, ist es die Person Elke Kahr. Das haben auch viele Umfragen gezeigt, wo die KPÖ als Partei jetzt, wenn man das überhaupt wegblenden kann, aber deutlich schlechtere Werte hat. Und die überragenden Persönlichkeitswerte der Bürgermeisterin haben diese Show einfach gerockt, wenn man das so sagen will. Die restlichen fünf Prozent, die vielleicht trotzdem ein bisschen zu gering angesetzt sind, ist einfach eine kontinuierliche Arbeit seit den 1990ern, die der Ernst Kaltenegger begonnen hat, die ein so robustes Fundament gebaut hat, dass auch in der Zeit, wo die Elke Kahr übernommen hat, und da war man ja fast halbiert in der ersten Wahl, aber man ist nicht weggebröselt, man ist in der Stadtregierung geblieben. Und auf diesem Fundament hat Elke Kahr jetzt in den letzten 20 Jahren noch einmal einen draufgesetzt durch ihre Art, durch ihre Nahbarkeit und diese zur Schau getragene Menschlichkeit, die aber eben keine Show ist.
Stefan Lassnig
Ich würde dich gern, wenn du sagst, dass die Persönlichkeit so eine große Rolle gespielt hat, auf die Persönlichkeit ein bisschen eingehen, vor allen Dingen für uns Nicht-Grazerinnen und Grazer, die ja nicht so einen täglichen Einblick haben in das, was bei euch passiert. Wie kann ich mir das im Alltag vorstellen? Ich habe jetzt zum Beispiel in der Recherche gelesen, sie taucht selten, so gut wie selten oder nie, bei gesellschaftlichen Anlässen auf. Ich kann mich erinnern, dass am Anfang ihre Büroausstattung durchaus kritisch beäugt wurde, so quasi die hat eine IKEA-Ausstattung im Büro. Wie kann man sich denn den Alltag vorstellen mit der Bürgermeisterin?
Bernd Hecke
Ja, das sind eh, also das, was man in Porträts oder in den ersten Reportagen gelesen hat, das ist einfach so. Der Siegfried Nagel hat ein Designerbüro gehabt, sehr geschmackvoll, sehr modern in diesem klassizistischen Bau. Und die Elke Kahr hat das alles rausreißen lassen, auch das hat die ÖVP damals und den Siegfried Nagel eigentlich schockiert und hat tatsächlich aus ihrem Stadtratsbüro die alten IKEA-Billy-Buchregale reingestellt, hat eine Kinderspielecke reingebaut. Es ist jetzt, sagen wir mal, im direkten Vergleich geschmackvoll ist anders. Das könnte auch eine Studenten-WG sein von der Einrichtung. Sie fühlt sich darin wohl, hat das auch deshalb gemacht, aber das sind natürlich auch alles Signale nach außen. Also auch wenn nicht alles Kalkül ist, es ist authentisch und sie fühlt sich darin wohl. Und gleichzeitig sind es doch Signale, die die Menschen verstehen, spüren, lesen. Was sich noch geändert hat, bei der Bürgermeister-Eingangstür sind jetzt da so Kindermalereien oder von Kindern gemalte Buchstaben, die das Büro der Bürgermeisterin kennzeichnen. Und wenn man bei ihr in den Gang hineingeht, dann warten auch dort fast immer Termine. Das war bei Siegfried Nagel auch so. Da waren es halt Amtsleiter, Manager, Unternehmer. Die kommen auch zur LKK, aber dazwischen sitzen auch jene, die um Geld bitten, die nichts weiter wissen. Das heißt, sie hat im Bürgermeisterbüro quasi auch ihre Sozialsprechstunde integriert.
Stefan Lassnig
Das ist ja auch ein Punkt. Du hast den Begriff Authentizität verwendet und auch Nahbarkeit, oder? Das habe ich in den Analysen gelesen, hat auch eine Rolle gespielt und da gehört zum Beispiel das dazu, dass sie im Büro erreichbar ist.
Bernd Hecke
Genau, sie ist erreichbar. Sie ist auch tatsächlich ein Arbeitstier, also die arbeitet bis spät nachts und wahrscheinlich dort dann am besten, weil tagsüber halt ein Termin den anderen jagt, wie es bei Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen insgesamt so ist. Eine kleine Anekdote vielleicht, um die Nahbarkeit auch davon zu erzählen. Ich habe im Wahlkampf, ich glaube, das waren die großen Wahlinterviews vor dem Urnengang 2021 einmal, fast einen Termin mit ihr verschlafen unter Anführungszeichen. Also die Erinnerung vom Handy ist so knapp gekommen, dass ich sie angerufen habe und gesagt habe, leider, wir kommen zehn Minuten zu spät. Und wir haben uns getroffen, weil wir das immer auf den Lieblingsplätzen der Kandidatinnen und Kandidaten geführt haben damals. Und da hat sie den Vorplatz der Andreeschule beim Bad zur Sonne im Bezirk Gries genommen. Gries ist ja so ein ehemaliges Scherbenviertel, jetzt ein stark migrantisch geprägtes Viertel, ist ihr Heimatbezirk. Und sie hat ins Telefon gelacht, ja, ich bin eh da, dann kommen Sie halt ein bisschen später, kein Problem. Und wie dann der Fotograf und ich dort angekommen sind, waren dort ein halbes Dutzend Menschen rund um sie und haben mit ihr geplaudert. Also jeder hat sie natürlich gekannt, aber jeder hat sie auch angesprochen. Und diese Nahbarkeit ist ihr zu eigen. Also sie ist unter den Menschen, da fühlt sie sich wohl. Da ist sie auch mit jedem eigentlich gleich per Du. Also ein Kumpeltyp auf der Straße auch mit allen Menschen, die ihr begegnen.
Stefan Lassnig
Wir werden auf das Thema noch zurückkommen, weil wir ja auch versuchen werden, vielleicht Lernen daraus zu ziehen für andere Parteien auf anderen Ebenen, Landes- und Bundesebene oder uns überhaupt die Frage stellen, ob das sinnvoll ist. Aber vielleicht bleiben wir noch bei der LKK und gehen eher ins Politische rein. Hat sie aus deiner Sicht Wahlversprechen eingelöst, die sie im Wahlkampf, also vor 2021, getätigt hat? Und ist das dann honoriert worden oder spielt das aus deiner Sicht jetzt gar keine so große Rolle?
Bernd Hecke
Die KPÖ macht keine großartigen Wahlversprechen. Also sie erklärt, wer sie ist. Sie sagt, es geht uns um die Menschen von unten, wir sind immer für sie da. Und das ist dann schon das Ende der Fahnenstange. Diesmal war es noch Ärger, diesmal war es aufgrund der Werte eben auch ein reiner Persönlichkeitswahlkampf. Also man hätte auch glauben können, die LKK tritt als Bundespräsidentin an oder für die Bundespräsidentschaftswahl. Da war Elke anders als die anderen. Also ich glaube, in den eigenen Social-Media-Videos als Slogan haben sie dann noch eine wie keine draufgesetzt und solche Dinge. Da war das Gesicht der LKK und irgendein Wohlfühlslogan, sage ich mal, oder einer, der sie charakterisiert. Politische Inhalte waren eigentlich nicht zu spüren. Also die Ideologie verschwindet dann ganz, die schon stark marxistisch ist und die auch durchaus stark gelebt wird und das mit Selbstbewusstsein und Stolz. Das ist dort, wo die meisten politischen Gegner und dann auch viele Kommentatoren irgendwie an ihre Grenzen stoßen, wenn es dann um Sympathien mit dieser Partei geht. Aber gleichzeitig verschwindet das alles hinter diesem großen Gestus da. Ich habe mal gesagt, die Mutter Theresa vom Gemeindebau, das hat ihr nicht besonders gut gefallen. Aber so ein bisschen ist es. Also das ist so ein Bild, das nicht ganz falsch ist. Sie selbst vergleicht ja dann auch die Kommunisten, wir sind eigentlich wie Christen im Sinne von, wir sind da für die unteren 10.000 und mit Nächstenliebe und Empathie.
Stefan Lassnig
Ja, der Christenvergleich ist natürlich in Graz besonders heikel, wenn man weiß, dass das dominierende Medienunternehmen, für das du ja auch arbeitest, der Diözesekrät, also das finde ich dann schon sehr, sehr mutig. Ich meine, insgesamt hat es ja medial nicht nur Rückenwind, sondern auch viel Gegenwind, speziell was den Kommunismus betrifft. Das nimmt man von außen auch wahr. Aber du sagst, das wird im Regionalwahlkampf sehr überlagert von ihrer Person.
Bernd Hecke
Nein, es wird komplett, also nicht nur von ihrer Person. Das war beim Ernst Kaltenegger auch schon nicht anders. Der war ja ein immer irgendwie verschmitzt, grinsender, sehr. Man hat fast einen schüchternen Eindruck gehabt. Das war auch so ein lieber Onkel von nebenan und irgendwie kein Stalinist oder Trotzkist oder was auch immer. Erstens einmal ist es eben so, wenn man mit Parteien von Rändern zu tun hat, dann suchen Journalisten eben bei einer FPÖ oft die Nähe zum Rechtsaußenlager, zum Deutschnationalen. Wie weit sind wir noch im Verfassungsbogen? Und genau dieses Bemühen gibt es natürlich auch bei der KPÖ und auch das Bemühen, entweder eine klare Distanzierung zu bekommen. Also wir haben ja da Affären gehabt, wo Vertreter der Kommunistischen Partei im Landtag, aber auch im Gemeinderat in Donezk unterwegs waren und dann so mit den quasi Russischen im Donbass marschiert sind. Und oft ist es dann auch schwierig, Abgrenzungen zu bekommen, die glaubhaft sind. Also es gibt zum Beispiel eine Wahl, es gibt das Jugo Festa, das die KPÖ im Volkshaus jedes Jahr macht. Das ist ein sehr tolles Fest mit Balkanmusik und Cevapcici. Aber durchaus ein Hort von Tito-Verehrern. Und auch die LKK ist eine, die in der Tito-Ära durchaus Positives findet. Und diese Abgrenzung ist uns Journalisten natürlich immer wichtig, weil man will ja auch erklären, wo steht eine Partei wirklich. Und je weiter sie an den Rändern steht, umso wichtiger ist es, zu schauen, gibt es da Problemzonen, die man benennen muss. Und die gibt es bei der KPÖ genauso, wie es sie auch bei der FPÖ gibt, immer wieder.
Stefan Lassnig
Unabhängig von diesen Geschichten, diesen Abgrenzungsthematiken, es ist ja bei so kommunalen Wahlen immer wichtig, dass man nicht nur, was man gemacht hat in diesen, zum Beispiel in dem Fall fünf Jahren seit 2021, sondern auch, dass man keine großen Fehler macht in dieser Regierungsperiode, in dieser Regierungsperiode. Hast du den Eindruck, dass dir das gelungen ist, dass sie in den fünf Jahren keine groben Fehler gemacht hat?
Bernd Hecke
Ja, das glaube ich doch. Und das hat damit zu tun, dass sie einfach das gemacht hat, was sie auch die Jahre davor gemacht hat. Ihre soziale Politik. Sie hat stark in den kommunalen Wohnbau wieder gesetzt, also in den tatsächlichen Gemeindebau und nicht in den Übertragungswohnbau an Genossenschaften. Das heißt, die Stadt selbst hat wieder Wohnungen gebaut. Das hat die durchaus Kritik eingebracht, weil das Wohnreferat sozusagen schwer unter Wasser ist, weil da halt viele Ausgaben drin sind und viele Schulden drin sind. Aber das lässt sie alles gelassen. Da sagt sie, ja, das leistbare Wohnen ist eine wichtige kommunale Leistung, wie der öffentliche Verkehr. Beides kostet uns Geld. Da ist nichts zu verdienen, aber das ist mir wichtig und das ist wichtig für die Stadt. Ansonsten war der Motor in dieser Koalition die grüne Vizebürgermeisterin, die Judith Schwentner. Die hat wahrnehmbar, das, was die Menschen auf der Straße gespürt haben, Baustellen an allen Ecken und Enden, neue Bäume, weniger Parkplätze, das war das Diskussionsthema. Das haben die Kommunisten mitgetragen in der Koalition, aber sie haben sie nicht besonders engagiert, das zu verteidigen oder auch nicht als Leistung geschaut. Das haben sie klug den Grünen überlassen. Das heißt, dort, wo es Brösel gegeben hat, war der Koalitionspartner. Wenn man auf die Ergebnisse schaut, sieht man auch in den Wählerströmen, die KPÖ hat sowohl bei der SPÖ, sagen wir mal, Blut abgesaugt und auch bei den Grünen. Das ist jetzt nicht untypisch in der Politik, dass eine Koalition zuerst, wenn eine Koalition gut läuft, irgendwie mehr einfährt als die anderen und die anderen Juniorpartner möglicherweise Probleme bekommen. Das ist ja auch passiert. Aber das heißt, die Pfeile hat die Vizebürgermeisterin abbekommen. Und auch im Wahlkampffinale, wo es vielleicht ein bisschen härter geworden ist, hat sich kaum eine Partei die LKK attackieren getraut, weil die Persönlichkeitswerte so gut sind. Das heißt, wenn überhaupt, sind sie auf den Thronprinzen, den Robert Grotzer, losgegangen und haben gesagt, LKK, also wer LKK wählt, war das Slogan von der ÖVP zum Beispiel, wird Robert Grotzer bekommen. Das wird auch passieren in dieser Periode, also die Übergabe wird passieren, aber wohl nicht im ersten, zweiten Jahr, sondern eher gegen Ende der Periode.
Stefan Lassnig
Wenn du jetzt noch einmal zurückblickst auf die fünf Jahre, meiner Wahrnehmung nach waren die Hauptthemen, und ich spreche das jetzt deswegen an, weil wir ja danach zu dem Kapitel kommen, kann man daraus Schlüsse ziehen, auch für andere politische Ebenen, waren Wohnen, Verkehr und ich sage jetzt einmal einen allgemeineren Begriff, Sozialpolitik. Siehst du das auch so?
Bernd Hecke
Ja, das waren so die Hauptthemen. Ein bisschen hat es eben damit zu tun, dass auch gar keine anderen Spielräume mehr da sind. Also das Budget ist so ein Desaster. Und das wird jetzt in der zweiten Periode unter kommunistischer Führung dann schon interessant werden. In der ersten Periode hat man sich natürlich relativ leicht getan. Nach 18 Jahren Siegfried Nagel ist das so unter Wasser. Wir müssen es aufräumen, wir müssen schauen, dass wir über die Runden kommen und da ist halt nicht mehr drinnen. In der zweiten Periode gilt diese Ausrede nicht mehr. Da kann man nur sagen, sie sind vielleicht Altlast, aber man hat schon fünf Jahre Zeit gehabt, das zu verdauen. Das ist nicht wahnsinnig gut gelungen, muss man wirklich sagen. Also ein strenger Sanierungskurs mit Aufgabenkritik, nichts vergleichen hat man gesehen. Und es gibt jetzt einen Budgetstrategie-Beschluss für die nächsten fünf Jahre, der dann einigermaßen dramatisch auch aussieht, weil schon im Jahr 2027 sind 65 Millionen vom Bestand einzusparen. Ob das gelingen kann, ob sie sich da drüber trauen, welche Vereine und NGOs hier um ihre Förderungen fürchten müssen, welche Projekte abgesagt oder vertagt werden. Also es ist eigentlich ein Streichkonzert, das zu erwarten ist. Ob sie sich da drüber trauen oder drüber schummeln, das wird man noch sehen. Was ich noch sagen wollte, aus der letzten Periode, da sieht man ein bisschen, wie dann diese Koalition gearbeitet hat. Die SPÖ hat der Koalition als Bedingung einen Mühlstein um den Hals gelegt. Das ist der Stadionneubau. Und das war eigentlich eines der Wahlversprechen von der SPÖ, auf das sich die Koalition eingelassen hat. Und passiert ist de facto nichts. Also wir stehen heute dort, wo wir vor fünf Jahren gestanden sind. Immerhin mit so einer Art Grundsatzbeschluss. Wir wollen das ja. Aber wenn das Land nicht mitzahlt und dort das blau-schwarze Land ist, in den letzten Jahren sein Spiel gespielt und hat natürlich die Stadt Graz anlaufen lassen. Bis zur Wahl ist da gar nichts gegangen. Das ist dann doch viel Geld, wo nicht alle überzeugt sind, wo die Vereine zerdrücken. Also ich bin gespannt, ob das in diesem Jahr, in dieser Periode jetzt möglich ist oder ob es dann vielleicht heißt, die Budgetsituation ist so desaströs, dass das leider jetzt nicht geht und wir müssen es auf 2030, 31 oder danach verschieben.
Stefan Lassnig
Die Problematik dann bei solchen Projekten mit Stadt und Land kenne ich ja aus eigener Erfahrung, aus anderen Bundesländern. Wenn die Stadtregierungen, die ja oft eine andere Farbe haben wie die Landesregierungen, dann irgendwas gemeinsam machen müssen, da geht meistens dann wenig bis gar nichts weiter. Das ist eher eine gute Überleitung zu meinem nächsten Themenblock. Aus der Wiener Perspektive und da spielt die Bundespolitik natürlich eine Rolle, aber auch aus anderen Bundesländern und auch anderen Städten, wird natürlich jetzt verzweifelt versucht, Schlüsse zu ziehen aus dieser Wahl. Was hat die LKK, was hat die KPÖ richtig gemacht, was kann man davon auf andere Städte übertragen? Es gibt ja doch ein paar Auffälligkeiten. Vielleicht fangen wir mit der SPÖ an. Du hast ja das in deiner Einleitung bereits gesagt. Die SPÖ hat noch einmal 3, also noch einmal, die SPÖ hat 3,9 Prozentpunkte verloren. Ist jetzt bei desaströsen 5,63 Prozent, du hast es erwähnt, nicht einmal mehr Clubstatus. Und die KPÖ hat ja doch mit Themen gepunktet, die man klassischerweise von der SPÖ erwarten würde. Lassen sich daraus Rückschlüsse ziehen auf Land und Bund?
Bernd Hecke
Naja, es ist ganz, ganz schwer, weil die Erfolgsgeschichte der Kommunisten hat es einfach wirklich mit dieser Sozialarbeit auch im Kleinen und von unten zu tun, die sie einfach leben. Das sagen viele, das ist keine echte Sozialpolitik, das ist Almosenpolitik und das ist eben so ein bisschen Showpolitik. Das ist aber tatsächlich die Grundlage. Jetzt erlebt Graz seit 30 Jahren einerseits den Mieternothof und die Hilfe bei Problemen, und zwar bei Problemen von Menschen, die ohnehin schon unten sind, die mit ihrer Wohnung nicht zurande kommen, mit dem Sozialfonds, wo sie die eigenen Politgagen hineinzahlen und damit Menschen helfen, jedes Jahr in einem immensen Ausmaß. Ja, und da haben die anderen Parteien bis jetzt immer versucht, das zu kritisieren, nicht es nachzumachen. Und das hat halt schon damit zu tun, dass andere Stadträtinnen und Stadträte und Bürgermeister dieses Geld halt dann doch nehmen, diese 12.000 bis 16.000 Euro, und in, weiß nicht, schönen Häusern wohnen und große Autos fahren. Und das machen die Kommunisten nachweislich nicht, weil sie einen anderen Lebensstil führen und gar nicht nach oben klettern wollen, sozusagen auf dieser Einkommensleiter, wenn man so will. Also das heißt, das ist die Grundlage, und wenn andere Parteien sich das abschauen, ja, dann kann das vielleicht funktionieren, aber wenn es dann einfach eins zu eins kopiert ist, aber andere machen das ja gar nicht. Also ich erzähle jetzt auch noch eine kleine Anekdote, die mir jetzt gerade untergekommen ist, wo ich mir gedacht habe, ja, das ist vielleicht der Unterschied. Ich bin nach der Vorstandssitzung der Grazer SPÖ, wo Doris Campos zurückgetreten ist und der Landtagsklubchef Hannes Schwarz interimistisch übernommen hat, danach mit einigen Grazer Genossen, das ist ein Pavillon im Volksgarten, der jetzt auch eigentlich so ein bisschen ein Artillerhort ist, also keine sehr gute Gegend, das ist die letzte Parteizentrale der Grazer SPÖ, und da stehe ich mit denen im Nachgespräch, sozusagen, und da kommt ein Mann, möglicherweise obdachlos, ich würde mal sagen, schon von Alkohol gezeichnet, und fragt, ob es noch was zu essen gibt. Und jetzt haben einige gesagt, nein, leider ist schon alles weg, aber ein Eis kann er uns anbieten. Und dann sagt er so in seinem Nachsatz, ich bin momentan leider so am Boden. Und da sagt einer, dieser Sozialdemokraten in Graz, schaut ihn an und so ein bisschen, weiß nicht, zynisch fast, schaut er auf seine Füße und sagt, ja, aber du bist eh mit beiden Füßen am Boden. Also das ist so ein blöder Scherz gemacht eigentlich. Das Gleiche in der Lagergasse im Volkshaus kann man sich ganz anders vorstellen. Also wahrscheinlich hätten sie geschaut, ob sie im Kühlschrank noch ein Wurstzimmer haben oder ich weiß nicht was. Hätten ihn vielleicht sogar reingelassen oder hätten gesagt, kriegst du was Kaltes zum Trinken. Es ist eine Frage von Haltung. Und jetzt ist die SPÖ wahrnehmbar am Boden und hat mit einem Menschen zu tun, der ganz unten ist. Und dann gibt es irgendwie so Ironie und Zynismus. Das war eigentlich, da habe ich mir gedacht, ja, das ist wahrscheinlich der Unterschied. Wie ist meine Haltung? Wie begegne ich den Menschen? Wie oft begegne ich überhaupt Menschen? Außer in den eigenen Verbänden, Sektionen, weiß nicht wo. Und wie weit bin ich bereit zu gehen in der Hilfe für Menschen?
Stefan Lassnig
Und das spielt natürlich gerade in der Regionalpolitik eine irrsinnige Rolle, weil das ja so unmittelbar ist und weil sich das noch schnell herumspricht und weil das dann auch sehr schnell sich verbreitet in einem überschaubaren Raum, selbst in einer Stadt.
Bernd Hecke
Ja, und was man sich abschauen kann, das sieht man ja am Beispiel Salzburg. Da gibt es ja den Kai Dankel, der einen ziemlichen Wahlsieg eingefahrt hat in der Mozartstadt, in einer der wahrscheinlich dann doch auch reichsten und teuersten Städte der Republik. Der hat sich fast alles abgeschaut in Graz, war früher ein junger Grüner bei diesen wilden Grünern, die ausgeschert sind unter Ewa Glawischnig und dann auch ausgeschlossen worden sind, ist bei den Kommunisten gelandet, hat eins zu eins das Modell übertragen nach Salzburg. Also man sieht, man braucht nicht 30 Jahre zu arbeiten, sondern es geht auch sehr schnell, wenn man das glaubhaft umsetzt und wenn man den Menschen das Gefühl gibt, man ist halt mehr Sozialarbeiter als Politiker vielleicht und man schafft vielleicht nicht die großen Reformen und nicht die großen Visionen und man baut keine Luftschlösser, sondern man kümmert sich halt einfach um die Menschen von unten. Eben, so die echten Berufspolitiker sagen, das ist aber eigentlich keine Politik, weil ich ändere nicht die Verhältnisse. Das stimmt zu einem Gutteil, aber den Menschen reicht es offensichtlich oder vielen Menschen genügt es.
Stefan Lassnig
Was ja politischen Beobachterinnen und Beobachtern auch sehr auffällt, und das ist mir in der Analyse natürlich auch untergekommen, ist, dass, und du hast es auch in deiner Einleitung bereits erwähnt, dass die FPÖ im Gegensatz zum Bundes- und Landestrend jetzt mit 12 Prozent weit unter den Zahlen auf anderen politischen Ebenen geblieben ist. Was ist da deine Erklärung dafür?
Bernd Hecke
Ja, da gibt es dann schon mehrere Erklärungen. Es ist natürlich auch eine Folge dieses Finanzskandals, der seit fünf Jahren für Ermittlungen sorgt, wo mutmaßlich 1,8 Millionen Euro verschwunden sind in privaten Taschen oder in Spesenrechnungen, die auch nicht auf legalem Wege durch Partei oder Clubförderung zu bezahlen gewesen wären. Das ist ein sehr komplexer Skandal, der national gar nicht groß aufgeschlagen ist, sage ich in den Medien, der aber hier natürlich durchwegs für Geschichten, Schlagzeilen, Nachfolgegeschichten, neue Fragezeichen rund um die Finanzen und die FPÖ geführt hat und der vor allem die FPÖ im Gemeinderat von einer Stadtsenatspartei dezimiert hat zu einer Partei, die nur noch einen einzigen Gemeinderat hat. Das heißt, sie haben fünf Jahre einen Nullauftritt in der kommunalen Agenda gehabt. Sie sind medial nicht in der Gemeinderatsberichterstattung oder Stadtpolitikberichterstattung aufgetaucht, mangels realer Macht von Sitzen im Gemeinderat oder im Stadtsenat. Dann ist hinzugekommen, und das kann ich mir eigentlich nicht erklären, da sieht man, dass der Mario Kunasek wirklich viel kann, aber Krisenmanagement in Parteien kann er gar nicht, weil es ist damals schon diese Dezimierung nur deshalb passiert, weil er Leute ausgeschlossen hat, die wahrscheinlich, weiß ich nicht, gar nichts angestellt haben aus Parteisicht jetzt. Das hat dazu geführt, dass sich die KFG, Korruptionsfreies Graz, ein eigener Club gebildet hat. Die Stadträtin ist verloren gegangen an diesen Club. Es hat einmal die reale Macht verspielt für fünf Jahre. Und unmittelbar vor der Wahl und vor dem Wahlkampfauftakt gab es dann zwei überraschende Ausschlüsse in der Grazer Partei wieder. Angeblich gibt es da Chats, angeblich gab es Umsturzpläne gegen Kassecker, der Axel Kassecker ist der Nationalrat, der die Grazer FPÖ als Chef führt seit damals. Es gab also Unruhe und dann wollte man auf Nummer sicher gehen und hat so per Notverordnungsrecht zwei ausgeschlossen. Hat sich gedacht, das können wir vielleicht unter der Decke halten. Natürlich ist es nicht gelungen. Dann war wieder Unruhe. Das heißt, es ist einerseits in der Stadtpartei immer noch die gleiche Unruhe. Dort gibt es viele, die den Eindruck haben, die Landespartei hat das jetzt feindlich übernommen, damals, seit damals. Und es gibt keine eigentliche Stadtpartei mehr, die aber sehr stolz und stark war eigentlich auch. Und das hat in der Mobilisierung der eigenen Reihen natürlich nicht geholfen, weil die sind gespalten. Dann hat es geheißen, nach der Wahl kommen dann die nächsten Ausschlüsse. Jetzt sind die eigenen Leute nicht gelaufen. Selbst Kickl am Hauptplatz war nicht so ein großes Ereignis, wie das früher vielleicht einmal gewesen wäre. Also es gab keine Stimmung in Graz, der Partei zu laufen. Es gab aus den letzten fünf Jahren keine Erfolge, herzuzeigen. Es gab keinen klaren Kurs. Und dann hat er sich auch noch entschieden, den René Apfelknapp als Spitzenkandidaten zu kandidieren, der völlig unbekannt war, der im direkten Gespräch sehr konziliant und höflich freundlich ist, so eine bürgerliche Aura hat irgendwie. Das war auch keine gute Wahl, wenn ich einen Angreifer, Herausforderer positionieren will. Den hat man dann völlig überzogen als Bürgermeisterkandidaten auch noch bezeichnet. Das hat natürlich auch keiner geglaubt. Und diese Wahl auf den René Apfelknapp ist wohl deshalb gefallen, weil der Mario Kunasek eine möglichst neutrale Figur haben wollte, wo er sich am Plakat dazustellen kann. Also irgendein Radaubruder unterstützt den Landeshauptmann nicht, der ja in völliger Schönwetterpolitik zum Landesvater reifen will. Und wie die Werte zeigen, es ist ihm auch erstaunlich schnell gelungen. Also diese Beliebtheitswerte, das können Sie sich sehen lassen. Wenn er im Land unterwegs ist, ist er, glaube ich, Selfie-Kaiser. Da kommen auch die Jungen und wollen ein Selfie. Und er hat sich wahrscheinlich gedacht, das genügt. Und das funktioniert in Graz eben nicht. Das genügt in Graz nicht.
Stefan Lassnig
Hat es auch damit was zu tun, nämlich daraus, da versuchen ja manche Schlüsse daraus zu ziehen, dass die Themen, die die KPÖ spielt und auch das, wir kümmern uns um die Leute unter Anführungszeichen wieder da unten, dass das natürlich auch eine Rolle spielt. Also gerade Wohnen, Verkehr, Sozialpolitik könnten ja auch FPÖ-Themen sein.
Bernd Hecke
Ja, ja, ganz, ganz, ganz klar.
Stefan Lassnig
Also neben den inneren Konflikten, die du jetzt geschildert hast, das ist sehr eindrucksvoll, weil das kriegt man ja jetzt als Nicht-Grazer gar nicht alles mit. Gibt es ja wahrscheinlich auch eine thematische Schwierigkeit, nämlich, dass die Themen von einer anderen Partei sehr gut besetzt werden.
Bernd Hecke
Ja, also da ist ja jetzt passiert, und da habe ich mir ja gedacht, dass die ÖVP möglicherweise einen gefährlichen Weg geht. Die ÖVP ist ja gerade diese Verkehrsgeschichte und so weiter radikal angegangen, schon seit zwei Jahren, und die Innenwirtschaft, die am Boden liegt, aufgrund der Verkehrspolitik und des Parkplatzstreichens. Da habe ich ein bisschen gedacht, das könnte die Gefahr in sich tragen, das ist eine klassische FPÖ-Thema in Graz immer gewesen, dass, wenn die FPÖ erstarrt, der Kurt Hohensinner in diesem Fall die Saat ausbringt und die FPÖ erntet, das ist aber nicht passiert, weil die FPÖ überhaupt nicht diese Statur annehmen konnte, dass man ihr das alles glauben konnte. Und dann ist es dem Kurt Hohensinner, glaube ich, in den letzten zwei, drei Wochen wirklich gelungen, sich zum Herausforderer irgendwie groß zu machen. Und darum sind, glaube ich, auch FPÖ-Stimmen dann bei der ÖVP geblieben. Aber die FPÖ hat, wie gesagt, thematisch überhaupt keinen Fuß auf den Boden bekommen. Und was erstaunlich ist, muss ich wirklich sagen, weil ich kenne jetzt die Stadtpolitik auch als Journalist seit wahrscheinlich fast 30 Jahren, nahezu 30 Jahren. Verkehr war bei jeder Wahl das immer gleiche Thema mit den immer gleichen Diskussionsschablonen. Wir haben sogar mal eine Autofahrerpartei gehabt, die hat damals noch der ÖVPler Vizebürgermeister Erich Edeker provoziert. Der hat nämlich die ersten Radwege markieren lassen in Graz. Da hat sich dann eine Autofahrerpartei gegründet. Ein Skandal. Und das zweite Thema, das es aber immer gegeben hat in Graz, seit die Freiheitlichen erstarkten auch schon unter Jörg Haider, war immer ein Ausländerthema, ein Sicherheitsthema, ein Bettelverbotsthema, eine Alkoholverbotsgeschichte. Also alles dieses unschönen Dinge, die es im urbanen Raum gibt und Verbotspolitik. Das hat man jetzt auch versucht, aber das interessiert irgendwie niemanden mehr. Also das hat medial kein Echo gefunden, das hat die Leute nicht wahnsinnig erreicht. Am ehesten nur im Bezirk Buntigam, wo die FPÖ gegen ein Moscheenbauprojekt losgezogen ist, auch bezirkspolitisch. Dort sieht man noch solche Ausschläge. Aber tatsächlich ist es das erste Mal in meiner Erinnerung, dass es der FPÖ auch nicht gelungen ist, ihr Kernthema so auszuspielen in Graz, dass das irgendwie von Erfolg gekrönt wird. Weil wir haben durchaus ein offensichtliches Drogenproblem in dieser Stadt. Also Parks, wo man auch tagsüber ungern reingeht, weil dort mittlerweile mit weichen und harten Drogen so gedealt wird, dass man gar nicht genau schauen muss, sondern man entgeht dem fast nicht. Das war kein großes Thema.
Stefan Lassnig
Interessant finde ich, wenn du das sagst, die Überlegung, dass die Migrationsthemen, die es ja in allen Städten jetzt gibt, oder Migration, und dann manchmal wird es dann unmittelbar mit Kriminalität in Verbindung gebracht, dass das in dem Fall offenbar von anderen Themen überlagert worden sind und wahrscheinlich mit einer eigenen Schwäche auch noch kombiniert war. Aber das zeigt, das Thema allein gewinnt keine Wahlen.
Bernd Hecke
Ja, ich glaube, es ist immer noch ein Erfolgsthema, weil bei der FPÖ in der Steiermark hat das eine große Rolle gespielt.
Stefan Lassnig
Aber interessanterweise oft in Gegenden und Bezirken, wo das Thema Ausländeranteil gar nicht so ein großes Thema ist.
Bernd Hecke
Ja, ja, da gibt es ja dann oft so diese Witzchen, die gegen Ausländer wählen, haben wir noch nie gesehen. Ganz so ist es natürlich nicht. Also das ist schon mittlerweile auch in den B- und C-Städten sozusagen ein Thema. Aber ja, je weiter man davon weg ist, und dann hört man aber von der Unruhe in der Stadt und der Kriminalität in der Stadt, da ist die Angst dann eine andere, als wenn man in der Stadt lebt und diese Angsterfahrung eigentlich gar nicht so gemacht hat. Das kann schon sein, ja. Aber ich glaube, es ist immer noch ein Thema, das schon wahlentscheidend sein kann.
Stefan Lassnig
Aber als andere Partei auch sein wird.
Bernd Hecke
Aber als andere Parteien steht man dem jetzt nicht völlig wehrlos gegenüber. Das ist eigentlich eine Erkenntnis aus der Graz-Wahl, finde ich.
Stefan Lassnig
Ja, das stimmt.
Bernd Hecke
Damit kommen wir schon langsam zum Schluss. Nämlich, ich würde gerne dein Expertenwissen nutzen, um einen Ausblick zu geben, wie es weitergeht. Also von den Zahlen her kann jetzt die LKK eine Regierung bilden, nur mit den Grünen. Also sie müsste jetzt gar keine Dreierregierung mehr bilden. Wird es deiner Einschätzung nach darauf hinauslaufen? Wie gesagt, wir nehmen heute am 3. Juli auf. Es kann ja jetzt täglich was passieren, aber ich würde dich trotzdem um deine Einschätzung bitten.
Stefan Lassnig
Genau. Was jetzt passiert ist, vorgestern hat es Gespräche mit allen Parteien außer den Grünen gegeben. Erste Sortierungsrunde. Gestern hat es ein Gespräch mit den Grünen gegeben. Also das zeigt schon die Gewichtung. Man hat sich dann einen eigenen Termin mit Grünen genommen. Vor der Wahl haben Grün und KPÖ gesagt, sie möchten diese Koalition fortführen, weil zehn Jahre wäre der Plan, dass man auch wirklich nachhaltig Dinge verändert. Am Wahlabend hat die grüne Vizebürgermeisterin Judith Schwentner gesagt, sie will diese Koalition fortführen, auch mit der KPÖ, nur mit der KPÖ. Die LKK war ein bisschen vorsichtiger, aber die Sympathien dafür hat man trotzdem herausgehört, sage ich einmal.
Bernd Hecke
Kann auch Verhandlungstaktik sein, dass man sich nicht sofort festlegt.
Stefan Lassnig
Na klar, na klar. Aber allein dieser Extra-Termin für die Grünen zeigt schon, wo das Gewicht liegt in der Vorbereitung. Also ich glaube, sie werden es machen. Schon zum einen, weil die LKK fast eine Allergie gegen die Volkspartei hat, die einfach zu, wie sie dann selbst sagen würde oder wie ihr Umfeld sagt, einfach zu arrogant auftritt und immer so tut, als gehöre ihr die Stadt. Also da gibt es wirklich auch menschlich zwischen Hohensinner und K nicht so diese Sympathiebasis. Und wenn du fünf Jahre zusammenarbeiten musst, musst du dir das natürlich auch für den Alltag überlegen. Sie wollen weiter so weiter, sie wollen es, glaube ich, durchziehen. Es wird passieren, aber es ist eine Koalition mit einem Mandatüberhang. Das heißt, es braucht hohe Disziplin und wenig Krankenstände, wenn man wichtige Beschlüsse fassen will. Oder man muss sich halt so legen, dass dann wirklich alle da sind. Leicht wird das nicht. Und die Periode ist jetzt auch keine besonders vielversprechende aufgrund des Spardrucks und des Ernährungskurses, der zu fahren ist. Also es wird da keine Glanzdaten geben. Es wird wenig Großprojekte geben. Es wird relativ ruhig so weitergehen. Es wird die Übergabe kommen an den Robert Grotzer. Und es glaube ich mal, da kann man natürlich immer daneben liegen, aber es wird das passieren, was bei der Übergabe zur LKK passiert ist. Das heißt, es wird ein spürbarer Ruck nach unten kommen, aber es wird trotzdem ein solides Fundament bleiben.
Bernd Hecke
Und rechnest du mit der Übergabe? Also das würde jetzt deinen Ausführungen entnehmen. Du siehst zwar zwei Themen, die in den nächsten fünf Jahren eine große Rolle spielen werden, das Thema Budget und Finanzen und da diese personelle Ebene mit der Übergabe. Wann wird diese Übergabe sein, glaubst du?
Stefan Lassnig
Ja, die lassen sich da gar nicht in die Karten schauen. Das waren meine ersten Fragen am Wahlabend schon. Und auch die der Kolleginnen und Kollegen. Die LKK sagt, solange sie gesund ist, wird sie das machen, aber nicht ewig. Und sie will noch Zeit mit ihrem Mann verbringen, der nochmal älter ist als sie. Also durchaus persönliche Gründe. Und das habe ich das gerne auch. Also sie sagt es dann auch am Wahlabend so, dass alle Menschen sagen, ja, das verstehe ich, irgendwann ist es genug. Also ich würde einmal tippen, so drei Jahre K, zwei Jahre Grotzer, damit der Grotzer trotzdem zwei Jahre im Amt hat. Das heißt, er wird dann ein sehr junger Bürgermeister und er ist ja jetzt irgendwie von seiner Erscheinung wirklich ein ganz junger Mann, der jetzt nicht von sich aus das Gewicht eines Bürgermeisters mitbringt, sage ich mal, in Statur, wie man so klassisch denkt. Er ist auch, wirkt im Auftreten schüchtern und bei weitem nicht so nahbar wie die LKK. Das heißt, da gibt es schon viele Dinge, die auf dieser Gefühlsbauchebene Auswirkungen haben werden, glaube ich. Aber er hat dann vielleicht zwei Jahre und man überlegt sich vielleicht ein, zwei Dinge, die man ihm quasi im Positiven umhängt und mitgibt, um das noch zu stärken. Die SPÖ denkt jetzt schon an 2031, dass sie dort vielleicht wieder ein bisschen Luft hat und ein bisschen Aufwind hat, weil die LKK nicht mehr die Gegnerin ist. Also die hoffen, dass sie dann vielleicht wieder gegen 10 Prozent kommen können. Das sehe ich momentan gar nicht, weil die haben jetzt einen ganz schweren Weg zu gehen. Die brauchen jetzt, die haben eine dünne Personaldecke, die haben auf diesen zwei Mandaten Leute sitzen, die jetzt nicht die Zukunftshoffnung sind. Und da eine starke Führung zu etablieren, die auch Außenwirkung erzielt mit nur zwei Mandaten. Also die werden es schwer haben, egal ob LKK-Antritt oder Robert Grotzer. Aber das wird die Zäsur in dieser Periode sein, die Übergabe und wie gut gelingt es den Kommunisten, dieses Abstürzen nicht zu verhindern.
Bernd Hecke
Das sind dann zwei Herausforderungen, die parallel dann auch passieren werden. Also das Finanzthema und die Übergabe. Das könnte die Karten natürlich für die nächste Wahl dann neu mischen. Wobei, was in fünf Jahren ist, wissen wir ja beide nicht. Also da sind wir jetzt schon im Bereich der Kristallkugel.
Stefan Lassnig
Nein, es ist nur erstaunlich, dass alle Parteien sich strategisch eben jetzt schon auf die nächste Wahl so ausrichten. In der Grundannahme, dann ist es eigentlich ein Freispiel für uns, weil die LKK ist weg. Das ist schon besonders.
Bernd Hecke
Ja, was wiederum dazu passt zu dem, was du heute erzählt hast, dass natürlich diese Persönlichkeit in Kombination mit den persönlichen Eigenschaften und auch der politischen Arbeit das Erfolgsrezept war. Insofern ist es wieder nachvollziehbar.
Stefan Lassnig
Ganz genau, ja.
Bernd Hecke
Gut, an der Stelle herzlichen Dank für deine Zeit, für deine Expertise. Das war jetzt für mich als Wahlwiener und überhaupt kein Graz-Insider extrem interessant. Ich hoffe auch für unsere Hörerinnen und Hörer. Danke dir an dieser Stelle für die Ausführungen und liebe Grüße nach Graz.
Stefan Lassnig
Ja, ich danke für die Einladung.
Bernd Hecke
Das war die heutige Folge von "Ganz offen gesagt". Feedback bitte an redaktion@ganzoffengesagt.at. Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast abonniert und weiterempfehlt, uns auf Bluesky, Facebook, Instagram oder Spotify Feedback gebt und uns in euren Podcast-Apps mit fünf Sternen bewertet. Wenn ihr unsere journalistische Arbeit unterstützen wollt, dann kauft bitte auf Apple Podcast oder der Plattform Steady ein bezahltes Abo. Ihr könnt dann alle Folgen werbefrei hören und tragt dazu bei, dass wir "Ganz offen gesagt" in der bewährten Form weitermachen können. Den Link zu Steady stelle ich euch in die Shownotes. Zum Abschluss empfehle ich euch heute ausnahmsweise keinen Podcast, sondern ein anderes Medium. Jetzt Punkt AD ist ein unabhängiges, von Mitgliedern finanziertes, journalistisches Medium aus Österreich. Im Moment läuft gerade eine Mitgliederkampagne, die nur noch heute, also heute am 8. Juli, unterstützt werden kann. Also schaut heute noch vorbei auf jetzt.at und unterstützt dieses innovative und digitale Medienprojekt. Euch danke fürs Zuhören bei "Ganz offen gesagt". Bis zum nächsten Mal. Pfört euch.

Autor:in:

Felix Keiser

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