Das Orakel
Wandelt sich die ÖVP von der Wirtschafts- zur Migrationspartei?
- hochgeladen von Michael Stebegg
Die 34. Folge von ‚Das Orakel‘ steht ganz im Zeichen des aktuellen Integrationsbarometers. Wie stehen die Menschen zu diesem Thema? Und kann die ÖVP mit ihrer Kampagne bei konservativen Wähler:innen punkten?
Peter Hajek
Eins ist klar: Es gibt eine kritische Haltung, wie ich aber immer betone, keine ablehnende Haltung. Also unserer Schätzung nach sind – das kann man so direkt nicht fragen – aber 15 bis 20% der Bevölkerung wird eine sehr restriktive Haltung haben, im Sinne von ‚Wir brauchen überhaupt niemanden da.‘ Ich glaube der Großteil sagt ‚Kommt her, die Spielregeln sind wie folgt, dann werden wir uns miteinander gut verstehen.‘
Willkommen zum demoskopischen Podcast 'Das Orakel'. Mein Name ist Peter Hajek. Ich bin Meinungsforscher und Politikwissenschaftler und schaue mit Ihnen in die politische Gegenwart, immer wieder in die Vergangenheit und ab und zu auch in die Zukunft, die ja bekanntermaßen schwer zu prognostizieren ist.
Michael Stebegg
Hallo und herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur 34. Folge von ‚Das Orakel‘. Mein Name ist Michael Stebegg und mir gegenüber sitzt wie immer Meinungsforscher Peter Hajek. Hallo Peter.
Peter Hajek
Hallo Michael.
Michael Stebegg
Bist du auch so froh wie der Louis Schaub, dass die Saison vorüber ist?
Peter Hajek
Endlich, endlich ist die Saison vorüber. Aber das haben wir eh jedes Jahr und das Schöne ist ja am Fußball immer, die Hoffnung ist jetzt ja schon wieder da: Es wird alles anders.
Michael Stebegg
Die Orakel-Saison ist noch nicht ganz vorüber. Ein bisschen quälen muss ich dich noch mit ein paar Fragen.
Peter Hajek
Das ist total OK. Das ist für die Feiertage, damit unsere Hörerinnen und Hörerinnen uns nicht vergessen.
Michael Stebegg
Genau, bevor sie uns nicht vergessen, blicken wir kurz zurück. Nämlich, letztes Mal haben wir uns einer Umfrage gewidmet und ich les es jetzt vor: ‚Ob die FPÖ unter Herbert Kickl über konkrete und realistische politische Konzepte verfügt, um die aktuellen wirtschaftlichen und finanziellen Probleme Österreichs zu lösen.‘ Und da wurde ja dann seitens der FPÖ nachgefragt oder moniert, ob du auch in Bezug auf die anderen Parteien abgefragt hast, wie das so ausschaut. Hattest du damals nicht, jetzt hast du schon und das schauen wir uns gleich an. Du hast nämlich wiederum für ATV noch einmal die Kompetenz in Bezug auf die Problemlösefähigkeit abgefragt – und zwar diesmal aller Parteien. Und zusammengefasst kann man sagen: auch mit den neuen Daten wird der FPÖ mit 32% nach wie vor die größte Problemlösefähigkeit zugesprochen. Die ÖVP und die NEOS kommen auf 20%, die SPÖ auf 18% und die Grünen auf 17%. Was zeigt oder sagt uns jetzt diese Nachumfrage?
Peter Hajek
Na ja, sie zeigt uns, dass die Freiheitliche Partei unter den wirtschaftlich Blinden die einäugige Königin ist. Weil sie, ja, hat den höchsten Zuspruch bei dem Thema. Dass sie eben Konzepte dafür hat, nämlich brauchbare Konzepte, während das bei den anderen geringer ausgeprägt ist. Jetzt wissen es unsere Hörerinnen und Hörer schon, dass das natürlich der Arrhythmie geschuldet ist, nämlich die Freiheitliche Partei hat aktuell den höchsten Wählerzuspruch, dementsprechend wird das ja auch gut ausgehen. Es sagt uns aber ganz grundsätzlich, dass das Vertrauen in die politischen Akteure, insbesondere was die Themen Wirtschaft und Finanzen betrifft, massiv angeschlagen ist.
Michael Stebegg
Dazu haben wir dann später auch noch eine Umfrage mitgebracht.
Peter Hajek
OK, wunderbar. Und wir haben 2 weitere Auffälligkeiten. Das eine ist, dass die ÖVP mit nur einem Zuspruch von nur 20% ihre Wirtschaftskompetenz wirklich verloren hat. Weil früher hätte es geheißen: Naja, die ÖVP schon, ja. Und dass interessanterweise NEOS und Grüne einen höheren Zuspruch eigentlich haben, als sie an Wählerschaft haben. Das ist natürlich dieser Einzelfragestellung geschuldet, aber man sieht, dass NEOS und Grüne auch über die eigene Wählerschaft Wähler ansprechen können.
Michael Stebegg
Ihr habt‘s dann auch die Problemlösefähigkeit der Parteien aus Sicht der jeweiligen eigenen Parteiwählerschaft abgefragt auf einer Dreierskala. Und da sieht man, dass die geringste Zustimmung in der eigenen Partei hat die SPÖ mit nur 60%.
Peter Hajek
Ja, das ist korrekt.
Michael Stebegg
Ist das jetzt schon wieder so ein dramatischer SPÖ-Wert oder ist das ‚Geht eh no‘, weil es nur um die Wirtschaft geht …
Peter Hajek
Ich weiß eh, man bekommt immer so leicht den Vorwurf des SPÖ-Babler-Bashings, das wollen wir ja nicht, weil wir ja keine politische Agenda hier haben. Also, wir schauen uns jede Partei halt an. Und es ist aber halt in den letzten Monaten sehr, sehr auffällig – demoskopisch, dass die SPÖ Wählerschaft durchwegs kritischer der eigenen Partei gegenüber eingestellt ist, als wir das bei anderen Wählerschaften sehen. Jetzt kann man natürlich sagen: Naja, vielleicht sind die einfach kritischer. Aber ich bin jetzt 30 Jahre im Geschäft …
Michael Stebegg
So lange schon?
Peter Hajek
Man sieht es mir zwar nicht an … aber das war schon mal anders und dementsprechend sollte das der Sozialdemokratie fürs nächste Jahr oder die nächsten Jahre zu denken geben. Und damit meine ich explizit jetzt nicht eine Personaldiskussion, sondern mal eine ganz grundsätzliche Diskussion, die da lautet: Wer oder was ist die SPÖ?
Michael Stebegg
Wofür steht sie?
Peter Hajek
Ja. Und was heißt das im 21. Jahrhundert? Wo sind unsere Wählerinnen und Wähler hingegangen? Also da gibt es schon viele Fragen, die man sich beantworten könnte.
Michael Stebegg
Du hast das eh schon gesagt. Die Zahlen, die du da für ATV erfragt hast, sind auch ein Ausdruck dessen, dass die FPÖ aktuell die höchsten Zustimmungswerte in der Bevölkerung hat und das wollen wir uns ein bisschen genauer anschauen. Wir kommen nämlich zum aktuellen APA-Wahltrend. Und das sieht so aus, dass Mitte-Ende Dezember die FPÖ bei 37,6% steht, die die ÖVP bei 18,9%, die SPÖ bei 18%, die Grünen bei 10,8%, die NEOS bei 9,4% und die KPÖ bei 2,7%. Jetzt ist es so, wenn man sich das über das ganze Jahr anschaut, dann sieht man, dass SPÖ, ÖVP leicht nach unten gehen. Die Grünen und die NEOS sind stabil im Zehnerbereich, die SPÖ und ÖVP beim 20er und oben drüber fliegt die FPÖ. Wie weit nach oben und wie weit nach unten kann das noch gehen?
Peter Hajek
Naja. Also, erstens mal, du hast mit Kommastellen vorgelesen, das ist natürlich diesen Durchschnittswerten geschuldet, weil was macht die APA? Sie fasst alle publizierten Umfragen zusammen und und rechnet da quasi einen Mittelwert und dann heraus. Dementsprechend kommen dann Kommastellen heraus, die man sich aber grundsätzlich sparen könnte, weil wir wissen, es gibt ja keine Exaktheit und es gibt die Schwankungsbreite. So, das ist das eine.
Ja, also das ist der Trend, der mal weiter fortgeschrieben wird, der oder den wir schon seit Monaten beobachten. Wobei es so war, dass die Sozialdemokratie zuerst nach unten gegangen ist, ausgehend vom Wahlergebnis des letzten Jahres. Die ÖVP hatte damals auch im Herbst nach der Wahl nachgegeben, um 3 Punkte, also von 26 auf 23, hat das aber relativ stabil gehalten, bis jetzt der Herbst kam. Und im Herbst ging es rack oder ruck oder rück nach unten. Und auch da wird es kein einzelnes Ergebnis gegeben haben, aber die Causa Mahrer, Wirtschaftskammer, Wöginger wird alles andere dazu angetan gewesen sein, breite Wählergruppen von sich zu überzeugen, sondern sie in die Richtung gegangen, dass eigentlich Wähler, die ziemlich eng schon an die ÖVP gebunden waren, jetzt auch noch mal weggegangen sind. Wobei es gibt eine gute Nachricht in der schlechten Nachricht: Wir sehen das in manchen Bundesländern auch, dass sozialdemokratische und ÖVP Wähler vor der Hand einmal in den unentschlossenen Raum gehen und dadurch steigt die Freiheitliche Partei an.
Ja, bei den Freiheitlichen stellt sich nur die Frage. Also, erstens sind es die 37,38%? Das haben wir schon sehr oft gesagt: Wir haben sie in unseren Umfragen nicht ganz so hoch, am Ende des Tages ist das wurscht. Können sie den 40er reißen? Ich schließe gar nichts mehr aus. Ich habe schon so oft was ausgeschlossen, ich schließe nichts mehr aus. Und Herbert Kickl und die Freiheitliche Partei hat es wahnsinnig einfach. Sie brauchen eigentlich überhaupt nichts tun. Also, man man sieht es auch, da kommen wir ja heute eh noch dazu, auch in der Integrationsdebatte. Sie können sich eigentlich zurücklehnen, weil die ÖVP ein bisschen das Geschäft von ihnen betreibt. Also, wie gesagt, also Herbert Kickl hat, glaub ich, sehr gemütliche Feiertage.
Michael Stebegg
Noch mit einer anderen Zahl, die auch gerade frisch rausgekommen ist, nämlich bei der fiktiven Kanzlerverfrage. Die wurde im Standard publiziert. Und da ist es so, dass Herbert Kickl ähnlich hohe Werte hat wie seine Partei, nämlich 35% Was mir aber aufgefallen ist, ist, dass jetzt – wenn man jetzt den Christian Stocker hernimmt – dass der nur mehr bei 10% liegt. Also das ist jetzt wirklich … Andreas Babler 6%, Christian Stocker 10%. Sollten da nicht bei den Verantwortlichen die Alarm- statt den Weihnachtsglocken klingen?
Peter Hajek
Alarmglocken schrillen? Ja natürlich. Weihnachtsglocken, Silvesterglocken, Pummerin – ja, aber die Frage ist: Wenn man nur immer ans Personal denkt, dann vergisst man sehr, sehr oft die inhaltliche Positionierung. Ja, natürlich sind Stocker und Babler, wie das so schön im politikwissenschaftlichen Sprech lautet, keine Vote Gatter, also keine Stimmenbringer. Eh. Aber viel, viel eher muss man an den inhaltlichen Schrauben drehen. Und das ist eigentlich meiner Ansicht immer das Hauptproblem, ja. Dann kann man sich natürlich auch über das Personal Gedanken machen. Ich seh aber auch in beiden Parteien jetzt nicht den oder die Kronprinzessin, die sich dann auch nach vorne schiebt, wo man sagt: Na gut, das ist eine echte andere Person jetzt, die was anderes auslöst, die vielleicht eine andere thematische Schwerpunktsetzung hat. Also die sollen sich um die Inhalte kümmern und dann wird es mit dem Personal vorderhand mal nicht so wichtig sein.
Michael Stebegg
Nicht nur das Personal, sondern auch der Überbau wird derzeit von der Bevölkerung kritisch gesehen. Und zwar hat das Institut Foresight den Demokratiemonitor rausgebracht. Und der besagt, dass nur 35% der Bevölkerung finden, dass das politische System in Österreich gut funktioniert und dafür hauptverantwortlich sind einerseits die Teuerung, aber auch die Erfahrung, dass die eigenen Interessen nicht vertreten werden. Und wenn man da jetzt kurz zurückschaut, also Ende 2025 35% 2024 waren es 43% und 2018 waren es 64%, also fast doppelt so hoch, die finden, dass – damals dann umgekehrt – das politische System gut funktioniert. Und du sagst des Öfteren, dass wir hoffnungsfroh in die Vergangenheit blicken als Österreicher:innen. Aber angesichts solcher Zahlen fällt‘s mir schon ein wenig schwer, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Wohin führt das alles, wenn wir jetzt … Alle sind unzufrieden, du sagst, das Personal muss auf die Inhalte schauen. Wo ist der Lichtblick?
Peter Hajek
Naja. Ja, das ist die gute Frage. Also, Finanzminister Marterbauer sagt ja immer, er sieht das optimistischer. Jetzt haben die Wirtschaftsforscher gesagt ‚Licht am Ende des Tunnels‘ – das ist immer ganz gefährlich. Also ‚Licht am Ende des Tunnels‘ würde ich seit der Pandemie und Sebastian Kurz nicht mehr verwenden. Weil oft heißt es ja, das sind die Lichter des Schnellzugs, der uns entgegen kommt.
Michael Stebegg
Du meinst, das ist eher der Tunnel am Ende des Lichts?
Peter Hajek
Ja, so kann man es auch sagen. Es nützt halt nichts. Es ist wie bei der Rapid, man muss die richtigen Dinge tun, die getan gehören. Und dann muss man ins Arbeiten kommen. Ich weiß, wir wiederholen uns hier unsäglich oft, aber das ist nun mal der Stand der Dinge und mehr gibt es dazu eigentlich aktuell nicht zu sagen.
Michael Stebegg
Während Foresight einen Monitor präsentiert hat, hast du letzte Woche ein Barometer vorgestellt. Nämlich das Integrationsbarometer, dass du seit 2015 im Auftrag des österreichischen Integrationsfonds erstellst. Und damit kommen wir auch schon wieder zu unserer beliebten Rubrik:
Peter Hajek
Die Zahl der Woche.
Michael Stebegg
Die Zahl der Woche ist 72. 72% der im Rahmen des Integrationsbarometers Befragten sagen, dass die Integration eher beziehungsweise sehr schlecht funktioniert. Ist das – zumindest in deiner langen Laufbahn, deiner dreißigjährigen Laufbahn als Meinungsforscher – ein Höchstwert?
Peter Hajek
Also, ob das jetzt ein Höchststand ist oder nicht, ist ja eigentlich nebensächlich. Wir haben grundsätzlich eine sehr, sehr kritische Haltung. Wie gesagt, wir machen das seit 10 Jahren und dementsprechend gehört dieses Thema einfach angegangen. Man muss sowohl auf der einen Seite natürlich Integrationsmaßnahmen zur Verfügung stellen. Und auf der anderen Seite darf man natürlich aber schon auch ein gewisses Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund, die hier neu hinzugekommen sind, natürlich auch erwarten. Und das ist das, was die Bevölkerung auch erwartet. Wir wissen es aus X Umfragen, nicht nur aus dem Integrationsparameter, dass die Menschen sagen ‚Haltet bitte die Spielregeln ein.‘ Jetzt hab ich mal gefragt: Was ist das für eine Frage, wenn wir fragen nach Kultur oder den Werten – was das in Wirklichkeit heißt. Die Menschen sagen immer, kommt her, haltet die Spielregeln ein, dann ist alles wunderbar.
Michael Stebegg
Aus der Studie ist auch noch herausgegriffen: 68% der Österreicherinnen sagen, dass es ohnehin ausreichende Angebote für die Integration gibt, das ist auch ein stabiler Wert. Und eben fast 90% sagen, die Zuwander:innen sollen sich an die österreichische Kultur anpassen. Wenn man dann die Studie weiter studiert, gibt es einen großen Punkt mit dem Zusammenleben mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen …
Peter Hajek
Na, wart. Pass auf Michi. Da grätsch ich jetzt kurz rein, weil das sind… du hast jetzt relativ flockig 2 Themen dahin gesagt oder 2 Ergebnisse, die ein bisschen Erklärungsbedarf haben. Also das eine ist, wie gesagt, das hab ich schon vorher kurz angeteasert, das mit der Kultur. Egal wie du diese diese Frage stellst, nämlich sollen sie sich der Kultur anpassen, dann kommt immer die Frage, was ist die österreichische Kultur? Sag ich: Da versteht jeder was anderes drunter. Dann kommt immer der Vorschlag: Na, wär’s nicht besser nach österreichischen Werten – sag ich wiederum, was sind diese Werte? Ich, wie gesagt, ich mache das eigentlich ganz gerne, ich interpretiere es als Spielregeln. Also das heißt, Österreich ist ein demokratischer Staat, die Gleichberechtigung der Frau ist ganz wichtig und dann haben wir noch ein paar andere Spielregeln. Und die gilt es halt einzuhalten. Und das ist der Wunsch der Bevölkerung.
Auf der anderen Seite haben wir die Fragestellung gehabt: Gibt es ausreichend Integrationsmaßnahmen? Und das beantworten die Menschen mit: Ja, sie finden schon, dass es ausreichend Integrationsmaßnahmen gibt. Kommt da wieder die Frage: Ja, wissen die das? Sag ich: Es geht nicht ums Wissen, es geht nur um die Meinung, wir machen ja keinen Wissenstest. Dann hat mir jemand die Frage gestellt: Naja, aber ist es nicht ein ein Widerspruch in sich, dass die Menschen sagen, also es gibt ausreichend Integrationsmaßnahmen, aber sie funktionieren nicht. Für die Befragten ist das kein Widerspruch in sich, weil die die Befragten sagen nämlich, es gibt ausreichend Integrationsmaßnahmen, nur sie werden nicht angenommen. Also es gibt immer diesen subkutanen Vorwurf, dass die das gar nicht wollen, ja. Ob der jetzt berechtigt oder unberechtigt, möchte ich jetzt mal gar nicht beurteilen. Also das heißt, man sieht schon, dass eine Umfrage nicht alle Perspektiven dieser Debatte beleuchten kann.
Michael Stebegg
Es gibt sehr viele unterschiedliche.
Peter Hajek
Ja. Und es gibt da natürlich auch unterschiedliche Sichtweisen. Wie gesagt, nehmen wir das her mit der österreichischen Kultur. Für den einen ist es, dass man halt hier auch Schweinefleisch isst. Und für den nächsten ist es die österreichische Kultur – wir pflegen ja die österreichische Hochkultur. Und für den nächsten ist es auch das politische System, das so und so und so funktioniert. Für den fünften ist die politische Kultur, dass man in diesem Land – haben wir schon mal in unseren vorherigen Folgen mal ausgearbeitet –, dass das Thema Arbeit in diesem Land ganz wichtig ist und einen hohen Stellenwert hat. Also es ist natürlich total unterschiedlich. Und dementsprechend ist das Thema natürlich schwer einzufangen.
Aber eins ist klar: Es gibt eine kritische Haltung, wie ich aber immer betone, keine ablehnende Haltung. Also unserer Schätzung nach sind – das kann man so direkt nicht fragen – aber 15 bis 20% der Bevölkerung wird eine sehr restriktive Haltung haben, im Sinne von ‚Wir brauchen überhaupt niemanden da.‘ Ich glaube der Großteil sagt: ‚Kommt her, die Spielregeln sind wie folgt, dann werden wir uns miteinander gut verstehen.‘ Als Positivbeispiel werden ja hier immer die Flüchtlinge, damals im Jugoslawienkrieg, insbesondere auch aus Bosnien angeführt. Und das ist so die Haltung, im Großen und Ganzen, der österreichischen Bevölkerung.
Michael Stebegg
Im Gegensatz dazu hat oder findet die Integrationsministerin Claudia Plakolm, dass die Stimmung in Sachen Integration nicht gut ist. Und die ÖVP hat jetzt auch gleich diese Studie genutzt, um eine Kampagne hinten nachzuschieben, die nicht nur bei einigen anderen Parteien für große Aufregung sorgt. Unter dem Motto ‚Null Toleranz‘ gibt es gerade eine Social Media Kampagne, in der die Ergebnisse des Integrationsbarometers – jetzt mal vorsichtig formuliert – kommunikativ verkürzt oder zumindest unkommentiert genutzt werden. Also, da sind dann so Headlines wie 'Wusstest du, dass zwei Drittel das Zusammenleben mit Muslimen als schwierig empfinden? Nulltoleranz.at.' Und das sorgt vor allem bei den Grünen, aber auch bei der SPÖ für massive Kritik. Markus Marterbauer hat sich sogar via Blue Sky direkt gemeldet und hat sich entschuldigt. Ist es so dramatisch deiner Meinung nach?
Peter Hajek
Na, dramatisch … es ist zumindest auffällig. Und was wir hier beide ja nie machen, wir nehmen ja keine moralische Wertung vor, weil das brauchen unsere Hörerinnen und Hörer nicht, aber wir versuchen eine Einordnung zu geben. Die Kampagne der ÖVP, die jetzt gerade läuft, ist natürlich ein neues Level und eine neue Qualität. Das hat man so von der ÖVP noch nicht gehört oder gesehen. Ob das zielführend ist, im Sinn von breiteren Bevölkerungsschichten und Wählersegmenten zu signalisieren: ‚Wir machen einen hier auf klare Kante.‘, also ich weiß nicht. Es ist möglicherweise eher so, dass sie das Geschäft für die Freiheitliche Partei besorgen, weil die Unterscheidung einfach zwischen den beiden Parteien dementsprechend nicht klar ist Dass sich natürlich – waren aber glaube ich nicht nur Sozialdemokraten und Grüne, glaube ich, sogar der Koalitionspartner … also SPÖ ist ja auch Koalitionspartner … aber der Koalitionspartner NEOS hat sich auch gemeldet. Natürlich aus dem Integrationsbereich haben sich viele, viele Menschen gemeldet. Und das verwundert nicht. Vielleicht war das sogar das Ziel der ÖVP, dass sie hier auch Aufregung schaffen wollen, warum auch immer.
Michael Stebegg
Ja, aber ist der Zeitpunkt der Richtige? Ich mein … ja, die Studie ist gerade rausgekommen, aber …
Peter Hajek
Also. I don't know. Also ich halte, wie gesagt, das für ein zweischneidiges Schwert für die ÖVP, weil die Unterscheidung zur Freiheitlichen Partei einfach geringer wird. Und das Interessante ist, man hört – also vielleicht hast du was gelesen. Aber man hört auch von der FPÖ nichts.
Michael Stebegg
Nein. Aber was mich am meisten verwundert hat, dass … und es ist, ich weiß nicht, der wiederholte Versuch, ja, die FPÖ rechts zu überholen. Ich mein, das ist doch … wir haben das doch so oft gesehen, dass es zum Scheitern verurteilt ist.
Peter Hajek
Also die Freiheitliche Partei ist ist deshalb ruhig, weil sie sagen nur: vielen Dank. Und dementsprechend. stellt sich die Frage aus aus ÖVP Sicht, wie gesagt, politisch wertfrei, ob das Sinn macht, das Thema so anzufliegen und ob man das Thema nicht differenzierter hätte darlegen können, eben damit es eine Unterscheidung gibt. Denn eins ist klar – und das wissen wir auch aus X Umfragen: die Bevölkerung hat für Menschen, die hierher kommen und sich nicht an die Gesetzeslage halten schlicht und ergreifend kein Verständnis mehr. Und es ist dann wirklich vollkommen egal, ob sie aus Afghanistan sind, aus Syrien, wie alt sie sind. Und das zieht sich quer durch alle Wählerschaften durch. Also da gibt es keine Unterscheidung. Dementsprechend ist diese Grenzziehung ja sowieso klar. Ja, mal so gesagt: ‚Wenn du herkommst, dich nicht an die Spielregeln hältst, dann ja – also auf gut wienerisch die Übersetzung von His Master's Voice: ‚Dann marschier.‘ Aber das, wie gesagt, das ist vollkommen egal, ob das eine Grünwählerin ist oder ein FPÖ Wähler. Da treffen sich sowieso alle.
Michael Stebegg
Ich treffe jetzt auch mal eine Aussage – nämlich null Toleranz gegenüber einem weiteren Thema in dieser Folge. Wir sind nämlich am Ende dieser Sendung angekommen, unserer 34. und Weihnachtsfolge. Zu guter Letzt meine traditionellen Hinweise: Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, eine Frage haben oder sich zu einem Thema in dieser Folge äußern wollen, schreiben Sie bitte sehr gerne an frag@dasorakel.at. An dieser Stelle ein Einschub, mal etwas Positives. Uns erreichen wirklich, wirklich viele positive und nette Zuschriften. Und dafür würde ich gerne mal Danke sagen.
Peter Hajek
Ja, danke auch von meiner Seite.
Michael Stebegg
Sie dürfen sich aber auch gerne melden, wenn Sie etwas Kritisches anmerken wollen oder wie gesagt, eine Frage haben. Die nächste Folge erscheint dann schon im neuen Jahr, nämlich am Donnerstag, den 8. Jänner 2026. Bis dahin sagen wir eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch. Vielen Dank fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.
Peter Hajek
Das Orakel.
Autor:in:Michael Stebegg |