Bühneneingang
Werkkritik oder doch nur Misogynie: Caroline Wahl im Fokus - mit Eva Dinnewitzer
Caroline Wahl bewegt seit 2023 die Buchwelt. Ihr Roman "22 Bahnen" wurde innerhalb kürzester Zeit zum Kassenschlager und gewann zahlreiche Preise. Mittlerweile hat Wahl zwei weitere Bücher veröffentlicht, die ebenfalls zu Bestsellern wurden: "Windstärke 17", die Fortsetzung ihres ersten Romans, und "Die Assistentin". Doch die Meinungen zur jungen Autorin, die offen über Erfolg und Ehrgeiz spricht, gehen weit auseinander. Von einigen wird sie für Aussagen wie, dass sie "traurig und enttäuscht" sei, nicht für den deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, heftig kritisiert. Wahl wiederum sagt: Als Mann würde sie für ihre Ambitionen nicht so verurteilt werden. Eva Dinnewitzer schreibt bei der Tageszeitung Die Presse über Popkultur und Gesellschaftspolitik und hat sich ausführlich mit dem Phänomen Caroline Wahl befasst. In Folge 77 des Bühneneingangs mit Host Lara Marmsoler geht es um die Rolle von Autor:innen im Feuilleton und um die Frage, inwiefern misogyne Befindlichkeiten die öffentliche Meinung zu Autor:innen beeinflussen.
Fabian Burstein
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Fabian Burstein. Ich bin Kulturmanager und Autor und in diesem Podcast zeige ich euch den Kulturbetrieb von innen. So wie er wirklich ist.
Lara Marmsoler
Hallo und herzlich willkommen am Bühneneingang. Mein Name ist Lara Marmsoler, ich bin Journalistin und 360 Grad Trainee der Wiener Zeitung. Das ist meine allererste Folge beim Bühneneingang und deshalb habe ich mir etwas ganz Besonderes ausgesucht. Es geht um ein Thema, das mich immer wieder begleitet hat und über das ich mit vielen unterschiedlichen Menschen gesprochen habe. Es geht nämlich um die deutsche Autorin Caroline Wahl und besonders um die Kritik an ihren Werken. Und das ist zunächst gar nicht als negative Kritik gemeint, sondern quasi die Rezensionen bzw. Reviews zu ihren Büchern. Caroline Wahl hat die Romane "22 Bahnen", "Windstärke 17" und "Die Assistentin" geschrieben. Ich habe die ersten beiden Bücher gelesen, also "22 Bahnen" und "Windstärke 17" und sie haben mir sehr gut gefallen, vor allem "22 Bahnen", das habe ich innerhalb von circa einer Woche gelesen. "Die Assistentin", das letzte Buch ist im August erschienen und im September kam dann Der Film zu "22 Bahnen" in die Kinos und deshalb war sie im September immer wieder Thema in den Medien. Und sagen wir so, es ist nicht immer nur positiv berichtet worden.
Es geht heute um die Frage, was Autor:innen überhaupt dürfen darum, welchen Einfluss die sozialen Medien darauf haben, dass sich die Kritik am Werk mit der Kritik an der Person vermischt und welche Relevanz Feuilletons heute noch in der Literaturwelt haben. Vor allem aber geht es auch um die Frage, welche Rolle es spielt, dass Caroline Wahl eine junge Frau mit enormem Erfolg ist. Das, was in diesem Fall passiert oder passiert ist, ist nicht nur ein Einzelfall, sondern verrät uns vielmehr, wie der heutige Literaturbetrieb aufgebaut ist und mehr eigentlich noch, wie unsere Gesellschaft tickt. Und genau darüber möchte ich mit meinem heutigen Gast, der Journalistin Eva Dinnewitzer, sprechen. Zuvor bekommt ihr aber von mir eine kleine Einführung in das Leben von und die Diskussion rund um Caroline Wahl.
Das körperbetonte Kleid in Häkel-Optik habe ich ihr letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt und es ist ihr inzwischen sowieso viel zu groß. Ich streiche ihr die Haare aus dem blassen Gesicht und lege ihr ein Kissen unter den Kopf, sage du dummes Huhn. Was sie natürlich nicht hört, weil sie tief und fest schläft, verlasse das Wohnzimmer und klopfe an Idas Tür. Zweimal schnell, kurze Pause, dreimal langsam und öffne sie. Ida malt, wie immer. Mama hat wieder gekocht, sagt sie leise, ohne von ihrer Zeichnung hochzuschauen. Ich: Ich weiß. Hast du schon was gegessen? Ida schüttelt den Kopf. Ich: Ich mach uns Miracoli-Nudeln. Miracoli oder Gut und Günstig? Miracoli, lüge ich. Ich beseitige das Schlachtfeld in der Küche, koche die Nudeln, rufe Ida, wir essen. Ida will heute nicht reden. Wir putzen Zähne. Ich bringe sie in ihr Zimmer. Sie legt sich in ihr Bett und ich setze mich auf die Bettkante. Ich: Morgen soll es regnen. Ida: Ich weiß, ich Schwimmbad. Ida: Ja. Ich: Gut, dann schlaf gut. Hab dich lieb. Als ich ihre Türe schließe, hör ich ein leises ich dich auch.
Das war Ein Auszug aus !22 Bahnen", dem Debütroman von Caroline Wahl, der 2023 erschienen ist. Es geht darin um Tilda, eine junge Mathematikstudentin, deren Leben nicht immer einfach ist. Neben dem Studium und dem Job im Supermarkt kümmert sie sich um ihre kleine Schwester Ida, denn die Mutter der beiden ist alkoholkrank. Um den Kopf freizubekommen, geht Tilda am liebsten ins Freibad. Sie schwimmt dort 22 Bahnen, jedes Mal, wohin sie nach dem Studium will, das weiß Tilda noch nicht, aber sie möchte Ida auf keinen Fall alleine lassen. Aber dann taucht plötzlich Viktor auf. Tilda bekommt ein unschlagbares Angebot von ihrem Professor und auf einmal schaut alles anders aus.
Caroline Wahl hat Germanistik und deutsche Literatur studiert und danach als Verlagsassistentin bei Diogenes in Zürich gearbeitet. Und genau in dieser Zeit schreibt sie dann auch 22 Bahnen. Der Roman war sofort ein absoluter Erfolg. Bis August 2025 ist er 1 Million Mal verkauft worden. Sie hat dafür auch zahlreiche Preise gewonnen, zum Beispiel den Ulla-Hahn-Autorenpreis oder den Grimmelshausen-Förderpreis. 39 Wochen lang ist "22 Bahnen" unter den Top 20 der Spiegel Bestsellerliste gestanden. Und nicht nur der Buchhandel hat den Roman geliebt, auch die sozialen Medien. Auf BookTok, das ist die Literatursparte von TikTok, ist er sehr viel rezensiert worden und sogar als Bestseller des Jahres 2024 ausgezeichnet worden.
2024 hat Caroline Wahl dann mit ihrem Folgeroman "Windstärke 17" an den Erfolg des ersten Buches angeknüpft. Darin geht es um das Leben der kleinen Schwester Ida, die mittlerweile schon erwachsen ist. "Windstärke 17" ist auch zum Spiegel Bestseller geworden. Im August 2025 ist dann Caroline Wahls dritter Roman erschienen. In "Die Assistentin" geht es um eine junge Verlagsassistentin, die Machtmissbrauch und toxische Arbeitsverhältnisse beobachtet. Auch hier wieder keine Überraschung: Direkt nach Erscheinen war der roman auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste.
Anfang September ist dann der Kinofilm zu "22 Bahnen" erschienen und genau deswegen ist dann in den verschiedensten Medien wieder vermehrt über Caroline Wahl berichtet worden. Und und so viel sei gesagt, die Meinungen sind gespalten. Nicht nur in den Feuilletons wird diskutiert - zu "Die Assistentin" hat es in der Zeit sogar drei Buchrezensionen gegeben - auch auf TikTok findet man viele unterschiedliche Meinungen. Interessanterweise wird dort auch jetzt noch über "22 Bahnen" gesprochen, obwohl das Buch ja mittlerweile schon zwei Jahre alt ist. Und ein paar Leser innen sind in den Amazon-Rezensionen laut geworden. Die Kritik ist sehr vielschichtig, darum habe ich sie in drei Punkte eingeteilt.
Erstens. In "22 Bahnen" schreibt Caroline Wahl über eine sozial und finanziell prekäre Situation. Die Mutter ist alkoholkrank und kann deswegen nicht arbeiten gehen. Das Problem, das viele Leser:innen dabei sehen, ist, dass Caroline Wahl selbst aus eher wohlhabenden Verhältnissen stammt und vor allem aber, dass sie anscheinend nicht ausreichend recherchiert hat, was es bedeutet, arm zu sein und unter solchen Umständen aufzuwachsen. Um es mit konkreteren Worten zu sagen: Sie werfen ihr vor, dass sie über Armut schreibt, um damit selbst noch reicher zu werden. Das sehen sie zum Beispiel, weil Caroline Wahl offen in Interviews über Geld redet, erzählt, dass sie sich ein Auto und einen Camper gekauft hat und oder generell über ihre neue gewonnene finanzielle Freiheit spricht. Sie werfen ihr also eine gewisse Insensibilität vor. Auch in ihrem neuen Roman "Die Assistentin" kommt etwas Ähnliches vor. Die Protagonistin Charlotte sagt dort über Selbstverletzungsnarben, dass sie sie schön findet. Die Leser innen sagen nun, dass Caroline Wahl eine Verantwortung hat diese aber vernachlässigt und und deswegen könnte es bei Betroffenen im schlimmsten Fall eben zu einer Retraumatisierung kommen.
Zweitens. Viele kritisieren das Verhalten und die Persönlichkeit von Caroline Wahl. Das, was Wahl selbst als selbstbewusstes Auftreten bezeichnet, sehen viele als arrogant. Und das hängt unter anderem auch mit dem Instagram-Profil von Caroline Wahl zusammen, weil sie, und das merkt man bei mehreren Posts recht ungefiltert ihre Gedanken ausschreibt. Nachdem sie im August 2024 nicht für die Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist, schreibt sie zum Beispiel Zitat "Bin traurig und wütend, dass ich nicht auf der Longlist stehe, auch wenn ich es irgendwie wusste."
In Interviews sagt sie, dass sie die Beste sein möchte, sie Zitat "keinen Bock darauf hätte, falsche Bescheidenheit vorzutäuschen" und sie sich den Deutschen Buchpreis noch holen würde. Und das ist einigen zu Zitat "vermessen". Ich habe mir ein paar der Amazon-Rezensionen durchgelesen und sagen wir mal so, es wird sich nicht zurückgehalten. Da steht, dass sie anscheinend eine Zitat gestörte narzisstische Persönlichkeit hätte. Oder unter Selbstüberhöhung und Hybris leide. Und ihr Zitat "Übersteigertes Selbstbewusstsein würde ihre Bücher nicht besser machen".
Jetzt sagt Caroline Wahl, wenn sie ein Mann wäre und genau das Gleiche sagen würde, würde die Kritik anders ausfallen. Was schon stark auffällt, ist, dass Rezensionen zu ihren Büchern sich sehr stark mit Kritik an ihrer Persönlichkeit vermischen. Wir können natürlich nie wissen, wie über sie gesprochen werden würde, wenn sie ein Mann wäre, aber in einigen Rezensionen wird wirklich explizit ihr Geschlecht angesprochen. Also eine sexistische Komponente schwingt sicherlich mit.
Drittens. Nicht Nur auf Instagram, TikTok oder Amazon wird heftig diskutiert, auch die Feuilletons der großen Medien haben sich eingemischt. Damit meine ich die Zeit, die SZ oder die FAZ. In diesen Literaturrezensionen kommt aber eben noch ein dritter Punkt zum Der kommerzielle Erfolg von Caroline Wahls Büchern.
Die folgenden Gedanken bzw. Beobachtungen, die kommen nicht von mir, sondern von der deutschen Literaturkritikerin Miriam Zeh. Im Podcast Lesart von Deutschlandfunk Kultur sagt sie, dass in der Vergangenheit Bücher wie die von Caroline Wahl von den Feuilletons nicht rezensiert worden sind. Das hat zwei Gründe. Erstens, sei die Aufgabe in klassischen Literaturrezensionen immer gewesen, eine Art Gegengewicht zum Markt herzustellen. Das heißt, dass man nur bzw. eher die Bücher rezensiert hat, die kommerziell nicht erfolgreich waren. Es hätte laut Miriam Zeh sogar immer ein gewisses Misstrauen gegenüber unterhaltender Literatur gegeben. Und zweitens ist der Inhalt auch relevant, weil es eben um die Lebensrealitäten von Frauen, wie es bei "22 Bahnen" ja der Fall ist, geht. Und solche Bücher sind eben nicht als Literatur angesehen worden, sagt Miriam Zeh.
Um den Fall nun besser zu verstehen und vor allem auch die gesellschaftlichen Hintergründe und Parallelen zu beleuchten, begrüße ich jetzt bei mir im Studio Eva Dinnewitzer. Sie ist Journalistin bei der Tageszeitung "Die Presse" und schreibt dort hauptsächlich über Popkultur, Mode und Gesellschaftspolitik. Sie hat sich selbst bereits mit dem Phänomen Caroline Wahl befasst, und zwar in einem Porträt über die Autorin.
Herzlich willkommen, liebe Eva Dinnewitzer. Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast.
Eva Dinnewitzer
Ja, danke für die Einladung.
Lara Marmsoler
Als Einstiegsfrage würde mich eigentlich interessieren, wie hast du denn Caroline Wahl und vor allem auch die mediale Rezeption rund um sie und ihre Werke so aufgefasst, vor allem jetzt im September?
Eva Dinnewitzer
Ich muss überlegen, bei mir ist es nämlich schon relativ lange her, dass ich das erste Buch von ihr gelesen habe. Ich habe dann auch das zweite gelesen, es war alles noch lange vor dieser Debatte und habe dann eigentlich zuerst mitbekommen, okay, da kommt jetzt noch ein drittes Buch, die ersten zwei waren super erfolgreich, jetzt kommt auch ein Film, das könnte irgendwie spannend werden, auch eben für die Feuilletons dieses Landes. Und ich hatte da aber gerade Urlaub, also auch den ganzen August, und habe mir dann schon aufgeschrieben, okay, für meine Rückkehr im September, da kann ich das jetzt gleich aufgreifen. Und erst nach diesem Gedanken habe ich dann mitbekommen, oh, so da brodelt irgendwie langsam was.
Was ich spannend fand, war, dass ja eigentlich zur Erscheinung des dritten Buchs die Assistentin ganz viel über das erste gesprochen wurde. Also gar nicht so sehr über den neuen Roman, sondern irgendwie hat es so eine Debatte entfacht über eigentlich das Werk, das ja schon 2022, glaube ich.
Lara Marmsoler
2023, glaube ich.
Eva Dinnewitzer
2023, genau. So war es. Ein Buch pro Jahr hat sie ja. 2023 erschienen ist. Genau. Und dann habe ich das erst über TikTok und Instagram so bisschen mir angeschaut, was wird da eigentlich gesagt? Weil es war ja ein recht großer Hype um sie und erst später kamen dann so diese kritischen Stimmen eben auf. Und genau, ich habe mich dann einfach so durch durchgescrollt durch alles, was sie so sagen und ich hatte aber das Gefühl, dass es relativ lange nicht abgerissen ist. Also es hat wirklich mehrere Wochen, vielleicht sogar zwei Monate so was gedauert, wo sie wirklich, wo einfach diese Kritik um sie nicht abgerissen ist und immer sich noch mehr Leute draufgehauen haben. Das fand ich irgendwie ganz interessant, weil oft ist ja so ein kurzer Aufschrei und dann ist es aber relativ schnell auch wieder ruhig.
Könnte natürlich daran liegen, dass sie ein Mensch ist, eine Autorin, die sich dann auch selber einschaltet und manches noch befeuert. Aber ja, das fand ich auf jeden Fall ganz ganz interessant. Natürlich kann man jetzt sagen, marketingtechnisch ist immer schwer zu sagen, so ist gewollt, ist es nicht gewollt, aber natürlich grundsätzlich clever oder Glück, wie auch immer das ein drittes Buch, eine Verfilmung und dann noch so stark im Diskurs zu stehen, das befeuert sich natürlich alles gegenseitig. Also das war schon ganz interessant zu beobachten.
Lara Marmsoler
Das meiste, was ich so mitbekommen habe, war ja eigentlich, also quasi auch schon lange vor dem jetzt großen Aufschrei inhaltliche und sprachliche Kritik, weil ja vielen und das ist ja auch vollkommen legitim, es gefällt nicht vielen, wie sie schreibt oder es gefällt nicht allen, wie sie schreibt, aber was mir eben jetzt so stark aufgefallen ist, ist, dass, eben wie du gesagt Hast, auch über "22 Bahnen", ihr erste Buch wird jetzt wieder gesprochen, weil ja eben ihr sozioökonomischer Hintergrund dann auch bisschen in den Fokus gerückt wird, weil sie aus einem wohlhabenden Elternhaus stammt. Und es heißt ein bisschen, dass sie irgendwie nicht darüber berichten darf, wie es ist, in einer armutsgefährdeten Familie aufzuwachsen, weil sie sich eben selbst damit nicht auskennt. Jetzt die große Frage dürfen Autor:innen eigentlich nur über das berichten, was sie selbst kennen?
Eva Dinnewitzer
Also ganz kurz, nur weil du gerade gesagt hast, es gefällt nicht vielen, das ist ja auch so ein Ding unserer Bubble, darauf kommen wir wahrscheinlich eh später noch zu sprechen. Aber in den Feuilletons ist es ja so, dass es ein bisschen zerrissen wurde wegen dem Schreiben, weil die Verkaufszahlen weisen ja darauf hin, dass es sehr, sehr vielen gefällt. Also das ist ja irgendwie immer so ein bisschen ein Schlagabtausch zwischen Maße und der Literaturbubble, aber zu deiner Frage: Ich glaube, dass es uns nirgendwo hinbringt, zu sagen, bestimmte Autor:innen dürfen nur über dieses und jenes schreiben oder eben über dieses und jenes nicht. Trotzdem muss ich sagen, natürlich ist die Kritik nachvollziehbar. Es hat irgendwie einen sauren Beigeschmack, wenn über das Kind einer alkoholkranken Mutter, die auch noch finanziell Schwierigkeiten hat zu schreiben und dann als eh schon privilegiertes Kind bzw. privilegierte Tochter von so einer Geschichte finanziell zu profitieren.
Das ist ja das, was passiert. Also sie schreibt als Tochter von, ich glaube, einem Arzt, wenn ich es richtig im Kopf habe, ich weiß jetzt gerade nicht, was ihre Mutter beruflich macht, aber von auf jeden Fall einer wohlhabenden Familie über eine Armutsgeschichte, über eine Geschichte, die auch eben Alkoholismus thematisiert und profitiert davon noch mehr. Und was sie halt macht, ist auch ihren Reichtum, ist jetzt vielleicht ein bisschen ein übertriebenes Wort, aber so quasi ihre Privilegien zur Schau zu stellen auf Instagram. Sie postet dann eben halt ihren BMW, ihren babyblauen BMW auf Instagram und freut sich halt darüber. Und also ich kann es verstehen, dass das manchen aufstößt. Also grundsätzlich finde ich eben die Kritik schon berechtigt.
Ich glaube aber, dass wir oder dass man diese moralische Panik ein bisschen beruhigen muss. Man kann dieser Kritik zustimmen und trotzdem rauszoomen ein bisschen und aufs große Ganze, weil Kunst ist ja irgendwie sehr wohl ein Wohlstandsphänomen. Also wir wissen ja aus Studien, dass nur ganz wenige von denen, die im Kunst und Kulturbereich tätig sind Arbeiterkinder sind oder so einen Working Class Background haben. Das heißt, das Problem ist nicht Caroline Wahl und ihr Werk, sondern ich würde sogar sagen, es ist grundsätzlich wahrscheinlich sogar besser, dass es diesen Roman gibt, der diese Themen wie zum Beispiel eben Alkoholismus von einem Elternteil thematisiert, als dass es das nicht gibt. Weil grundsätzlich schafft es natürlich ein Bewusstsein, vor allem jetzt, wo dieser Roman ja auch in vielen Teilen Deutschlands in Schulen durchgenommen wird. Also eben, ich glaube, besser er existiert, also es gibt jetzt noch die 150. Love Story von irgendwem.
Aber ja, also wie gesagt, wo die Kritik meiner Meinung nach vor allem berechtigt ist, ist, wo die Leute sagen, so ein Thema bedarf einer realistischen Abbildung. Das stimmt auf jeden Fall ist ein Tatsachenbestand, der Menschen verletzt. Da bedarf es einer realistischen Abbildung. Das ist wiederum halt schwer zu beurteilen, wenn man selber nicht diesen Background hat. Ich finde also eben eine Recherche muss auf jeden Fall erfolgen. Nur, und das bringt mich eh zu meinem ersten Satz zurück, den ich schon gesagt habe, ich halte es nicht für sinnvoll, von jeder Person des öffentlichen Lebens, von jeder Autorin, von jedem Autor irgendwie aktivistische Haltungen oder die theoretischste Auseinandersetzung mit jedem Thema einzufordern.
Lara Marmsoler
Es geht ja, finde ich, auch sehr viel um Authentizität. Also sie sagt ja selbst, dass sie sich ihre Inspirationen aus Serien und Filmen geholt hat und nicht jetzt sich mit Menschen auseinandergesetzt hat, die vielleicht eine ähnliche Situation erlebt haben.
Jetzt gibt es beim neuen Buch gibt es ja auch einen ähnlichen Fall, zumindest zu einem Satz, wie ich das mitbekommen habe. In "Die Assistentin" sagt die Protagonistin, dass sie Selbstverletzungsnarben schön findet und eben auch bei "22 Bahnen" und bei der "Assistentin" sagen dann viele im Internet, das könnte Betroffene eventuell triggern, wenn jetzt nicht eine ausreichende Auseinandersetzung von der Autorin selbst gemacht wurde.
Jetzt habe ich mich gefragt, wo da eigentlich die Verantwortung von Autor:innen liegt, wenn es um solche Themen geht und ob irgendwie Kunst automatisch auch einen Verantwortungsauftrag überhaupt hat. Wie siehst du das?
Eva Dinnewitzer
Ich finde, das ist eine wirklich, wirklich schwierige Frage. Ich glaube, es ist auch ganz schwer, das pauschal irgendwie zu beantworten. Muss ich wahrscheinlich die einzelnen Fälle, also irgendwo vor allem mit dieser Reichweite, die Caroline Wahl hat, sowohl nämlich als Person öffentlichen Lebens mit ihrem Instagram-Account, als auch als Bestsellerautorin, die sie ja ist, trägt man schon eine gewisse Verantwortung, würde ich sagen. Ich finde aber, man muss bisschen eruieren, wo die Grenze oder wo diese Verantwortung anfängt.
Es ist schwierig. Ich finde es sehr gut, dass über diese. Also ich weiß, glaube ich, welche Passage du meinst, das sagt sie so, dass die Narben von der Selbstverletzung aussehen wie Armbänder oder so. Also es ist schon natürlich eine Ästhetisierung. Es ist aber auch, es ist jetzt nichts Ultradramatisches, was da steht. Also und ich finde, es ist wichtig, dass man drüber redet, dass man das einordnet. Man darf das auch kritisieren oder man soll auch solche Sachen kritisieren und irgendwie ins Bewusstsein rücken.
Aber es ist jetzt auch nicht so, dass da irgendwie auf 300 Seiten irgendwie glorifiziert wird. Also generell Selbstverletzung glorifiziert wird oder so. Also ich glaube, wenn wir anfangen, jedes kleinste Detail irgendwie auseinanderzudröseln. Interessant vor allem, ich meine, sie ist ja nicht die erste Autorin oder nicht die einzige Autorin, die bestimmte Sachen beschreibt, die vielleicht Leute triggern könnten. Und ja, das ist eher eine Debatte, die sehr oft aufflammt. Ich finde es trotzdem auffallend. Also dass es jetzt bei ihr so laut ist, kann ich in dem Fall nicht nachvollziehen. Ich finde, dafür ist diese Passage zu wenig arg quasi.
Lara Marmsoler
Ich finde auch, ich meine, das sind ja ab und zu poppen bei uns allen ja solche Gedanken irgendwie auf. Jetzt nicht da vergleich irgendwie das mit den Armbändern, das ist jetzt nicht komplett aus der Luft gegriffen. Aber ich finde, was man bei ihr merkt, sie wirkt wie ein impulsiver Mensch. So der erste Gedanke, der in den Kopf schießt, den spricht sie aus oder den schreibt sie auf. Und ich glaube, das ist das, was ich zumindest, was mir auffällt, was hier eine Rolle spielt. Nicht der Gedanke per se, sondern dass sie ihn einfach aufschreibt.
Eva Dinnewitzer
Ja, also ich meine, hier muss ich schon sagen, was ich wichtig finde und ich finde, es fällt oft unter den Tisch, zumindest bei den Beiträgen, die ich jetzt im Netz auch gesehen habe. Es ist ja nicht die Autorin, die da spricht. Also es ist die Protagonistin und durch diese Aussagen, die da im Buch getroffen werden, wird ja der Charakter von dieser Protagonistin implizit beschrieben. Also ich finde es dann schwierig herzugehen und zu sagen so Caroline Wahl glorifiziert Selbstverletzung, weil das ist eben nicht sie, die da spricht, heißt nicht, dass sie jetzt einfach unter irgendeinem Namen irgendwas schreiben kann und alles ist okay. Aber trotzdem ist es ein Unterschied.
Und ja, was du sagst, also sie ist sehr impulsiv. Ich finde aber auch, man muss da wahrscheinlich aufpassen. Und deshalb meine ich auch, es ist wichtig, dass man hinzeigt und hey, ist das eigentlich okay und dann drüber spricht vor allem auch eigentlich. Ja gut, wenn dann solche Themen wieder auf den Tisch kommen, weil oft wird ja sowas einfach verschwiegen. Das ist ja auch nicht, ich meine, es gibt es ja, Selbstverletzung gibt es. Deshalb ist es, finde ich, auch vollkommen okay, dass das in der Kunst auch aufgegriffen wird und beschrieben wird, klar, dann ist halt eine Frage des Umgangs.
Ja, also ich glaube eine definitive Antwort auf das ist schwer zu finden. Und ich glaube, es wird, also es gibt ja auch irgendwie zwei Lager oder wahrscheinlich viel mehr Lager, weil es ja auch nicht schwarz und weiß ist. Ja, ich finde trotzdem diese Trennung zwischen Protagonistin und Autorin ist auf jeden Fall eine, die man im Kopf behalten muss, weil gewisse Charakterzüge und gewiss Stilmittel, Dinge zu beschreiben, machen ein Buch halt auch erst interessant. Also man braucht halt schon diese gewisse künstlerische Freiheit auch irgendwo, denke ich.
Lara Marmsoler
Kommen wir jetzt ein bisschen zur Kritik, die sich auf die Persönlichkeit von Caroline Wahl bezieht. Ich habe ja jetzt schon angesprochen, dass sie sich in den sozialen Medien auch sehr emotional äußert. Also sie ist sehr aktiv auf Instagram, das hast du ja auch gesagt, das könnte die Debatte auch weiterhin befeuern und das macht sie natürlich eben nahbar, aber es macht sie halt auch angreifbarer.
Und jetzt generell spricht man immer wieder darüber, dass durch die sozialen Medien ja parasoziale Beziehungen entstehen und dass man dann sich, man sich so fühlt, als würde man die Leute kennen. Aber ich habe das jetzt spannend gefunden im Kontext von Autor:innen, weil ich kenne das sonst nur im Kontext von Influencer:innen oder Celebrities. Aber wie haben die sozialen Medien denn eigentlich jetzt das Verhältnis zu Autor innen, die früher immer als so Figuren irgendwie fast schon auf ein Podest gestellt wurden, Wie hat das das verändert und was bedeutet das generell für den Kultur und Literaturbetrieb, denkst du?
Eva Dinnewitzer
Also was mir ganz stark auffällt oder das erste, was mir in den Kopf kommt, ist, dass überhaupt dieses Interesse an den Personen so groß geworden ist und auch weiter wächst. Also wenn ich mich jetzt zurückerinnere, das war immer so ein bisschen zweitrangig, wer dieses Buch nicht, wer das Buch geschrieben hat, aber wer diese Person privat ist, war eigentlich immer eher zweitrangig. Und klar, jetzt haben die ein Outlet, jetzt posten die selber Fotos, jetzt können die ihre eigenen Meinungen rausposaunen und eben auch auf die Kritiken ihrer eigenen Werke reagieren. Und ganz oft ist es ja so eben, dass die dann auch eine riesige Reichweite haben. Das heißt, das versumpert nicht irgendwo, sondern das ist dann recht laut auch, was die sagen.
Wie hat sich's. Also ich glaube, dass eben überhaupt gar nicht jetzt nur bei Autor:innen überhaupt dieses persönliche Interesse größer geworden, also das Interesse an Personen quasi größer geworden ist. Ich glaube, dass das sogar auch im Journalismus so ist, also dass viele junge, vor allem Leser:innen wissen wollen, was sagt die eigentlich zu dem Thema. Also ich glaube, das wird immer wichtiger, diese Gesichter nach außen, eben wie du es schon gesagt hast, weil man so parasoziale Bindungen aufbaut. Wenn man irgendeine Autorin oder irgendeine Journalistin cool findet, dann will man halt viel eher lesen, was sie schreibt. Also ja, ich glaube, das wird auch so schnell nicht abreißen.
Lara Marmsoler
Ein interessanter Post von Caroline Wahl war, als sie die Auswahl für die Longlist des Deutschen Buchpreises kommentiert hat. Da hat sie geschrieben, dass sie Zitat "traurig und wütend" ist, weil sie eben nicht dafür nominiert wurde. Man muss jetzt natürlich sagen, also viele haben ihr auch zugestimmt, dass es gab nicht nur Kritik dafür. Viele haben gesagt, es ist ein erfrischender Take oder ein sehr ehrlicher Take. Andere haben dann aber wieder gesagt, dass das, was sie sich dann eigentlich quasi einbildet. Was denkst du, bedeutet es, wenn jemand naja, verlieren kann man jetzt nicht in dem Fall sagen, aber irgendwie auf gewisse Art und Weise ist sie nicht eine Gewinnerin. Also sage ich jetzt mal, sie ist eine Verliererin und sie verhält sich nicht als faire Verliererin, so graceful loser, sondern sie sagt quasi, was sie denkt was und dann wird sie kritisiert. Was glaubst du, sagt das aus?
Eva Dinnewitzer
Ich glaube, generell im Netz oder auf Social Media wird man sehr, sehr, sehr schnell kritisiert. Also es gibt eben, wie du gesagt hast, es gibt die Leute, die sagen, ach, wie erfrischend und wie ehrlich und es gibt die Leute, die sagen, wie anmaßend, wie vermessen ist die eigentlich. Das wird man immer haben. Also wenn du eine gewisse Reichweite hast und irgendeinen Hot Take in die Welt setzt, dann wirst du diesen Gegenwind, glaube ich, erfahren. Das wurscht, da kann man sich wirklich jedes Video hernehmen, jedes Reel, jeden Post, die Kommentare durchscrollen. Das kommt halt jetzt einfach damit, dass jeder halt Sender sein kann. Also halt jeder kann da seine Meinung reinschreiben und sehr viele Leute nutzen das und sehr viele Leute überlegen halt auch nicht, was sie schreiben, sondern schreiben halt, wie vielleicht auch Caroline Wahl, das erste, was ihnen in den Kopf kommt.
Ich finde aber, dass es also diese Kritik an ihrer Person eher überflüssig, muss ich sagen. Also diese, ich finde auch gar nicht, dass sie das so, dass nur sie das so macht. Ich finde, das ist so ein bisschen ein Trend, den ich auch beobachtet habe, diese Ablehnung von falscher Bescheidenheit oder von überhaupt irgendeiner Bescheidenheit heutzutage. Also es wird, habe ich den Eindruck, zumindest in einer gewissen Blase wieder einfach mehr geprotzt und wieder mehr aufs eigene Vergnügen geachtet und so. Und das ist ja interessanterweise eigentlich auch die Blase, die jetzt zuletzt eigentlich immer so, ist jetzt ein bisschen stereotypisch, aber halt so, wo Flugscham ein Thema war und eben Auto sitzt, eben nicht wie noch mal davor so ein Protz-Ding waren, sondern halt so, ah OK, ist schlecht fürs Klima und ich esse zwar Fleisch, aber ich würde jetzt nicht in meiner Story irgendwie mein Steak posten und so, weil es halt keiner wissen.
Also und jetzt habe ich das Gefühl, gibt es schon wieder so ein bisschen eine Gegenbewegung von sehr wohl sehr aufgeklärten Menschen, die halt so sind: Ja, so what. Ich fahre ein Auto, ich brauche ein Auto, ich kann es mir leisten, es ist babyblau, schaut es euch an, so ein bisschen eine Überzeichnung. Und eben das macht nicht nur sie, sondern wenn ich jetzt an die Kaulitz Brüder denke, also Bill und Tom von Tokio Hotel, die machen das ja genau gleich. Klar, die haben eine ganz andere Rolle, sind keine Autoren oder sonst was, aber die werden dafür auch gefeiert, die sind wie erfrischend, da setzt sich einfach jemand hin, sagt: Ja, ich habe urviel Kohle und ich hau die raus für meine, keine Ahnung, Gucci, Sandalen, was weiß ich. Und die Leute sind ja okay, gut, wenigstens, ehrlich, wenigstens tun die Leute nicht so, als hätten sie es nicht.
Also das habe ich schon, ich weiß nicht, ob du das Buch "Pleasure" von Jovana Reisinger kennst, das ist letztes Jahr rausgekommen, da geht es auch genau um das. Und Jovana Reisinger ist auch eine deutsche Autorin, die auch sehr viel Reichweite hat auf Instagram, die das genauso propagiert. Also so diesen, ich darf das, ich darf das haben, ich habe es mir verdient, ich habe es mir erarbeitet und why not? Andere machen es auch. Und klar, ich glaube schon, dass eben, also du hast jetzt schon gesagt, Caroline Wahl wird sehr viel auch dafür kritisiert zum Beispiel.
Ich habe den Eindruck, es gibt immer zwei, also es gibt immer beide Seiten, aber ich habe den Eindruck, die Kaulitz Brüder zum Beispiel weniger, dann gibt es halt die Frage: OK, spielt das Geschlecht eine Rolle? Ich glaube schon, dass Frauen, die protzen oder sie müssen ja nicht mal protzen, ich sag das Wort nur so gerne, aber die sehr ehrgeizig sind und sehr ambitioniert. Damit kommt man immer noch, würde ich sagen, schlechter klar, als wenn es eben ein Mann macht. Ich würde trotzdem nicht sagen, jede Kritik, die gegenüber Caroline Wahl geäußert wird, ist jetzt gleich misogyn und sexistisch. Man darf eine Frau kritisieren für das, was sie macht. Aber klar, also diese sexistische oder misogyne Komponente schwingt auf jeden Fall mit. Ich glaube, das muss man schon auch bedenken.
Lara Marmsoler
Sie sagt das ja eben auch selbst. Sie sagt ja auch selbst, wenn sie ein Mann wäre und genau die gleichen Aussagen tätigen würde, dann würde sie nicht so arg dafür kritisiert werden. Ich glaube eben auch, dass das schon auch eine Rolle spielt, aber dass eben noch mehr dahintersteckt. Also ich glaube auch, dass sie eine gewisse ihrer Persönlichkeit dann auch eine Rolle spielt und das vielleicht einfach eine Persönlichkeit ist, mit der viele nicht umgehen können. Weil sie. Ich habe auch irgendwo einen Kommentar gelesen, sie war in einer Talkshow und sie hätte so oft das Wort "Scheiße" benutzt und da wurde sie ganz arg dafür kritisiert. Also ich glaube, sie ist einfach und man muss ja nicht immer allen gefallen. Also ich glaube schon, dass das eben auch eine Rolle spielt, dass sie eine Frau ist, aber dass es eben nicht nur der einzige Grund für die Kritik ist.
Eva Dinnewitzer
Ja, und ich finde, man merkt ja auch, sie hat ja wirklich Freude an dieser Provokation auch. Also sie hat ja auch selber schon gesagt, ich habe mir das irgendwo. Jetzt muss ich kurz auf meinen Schummelzettel schauen, weil ich habe mir dieses Zitat aufgeschrieben, das sie in einem anderen Podcast von ARD gesagt hat, nämlich, dass sie Freude dran hat, das abzutasten und sich quasi dann freut, welche Reaktionen kommen. Also es ist ja auch. Man bleibt damit im Gespräch.
Es nützt dir ja auch. Genau. Also sie hat, das habe ich eh anfangs schon gesagt, natürlich ist es dann so, es befeuert sich halt alles selbst und auf einmal kennen dich halt sehr, sehr viel mehr Menschen, als dich gekannt hätten. Hättest du nicht provoziert. Also sie weiß das schon sehr wohl für sich zu nutzen. Ich glaube, es ist nicht nur Kalkül. Ich glaube, sie ist so. Ich glaube man muss auch irgendwo so sein, damit man das wirklich so authentisch irgendwie rüberbringen kann. Aber ja, ich denke es ist auf jeden Fall, also es ist eine Art der Selbstinszenierung auch einfach alles rauszuhauen, was man sich denkt und dann sich ja so okay, macht was ihr wollt damit.
Lara Marmsoler
Bad publicity, still publicity.
Eva Dinnewitzer
Voll.
Lara Marmsoler
Was mir aber eben schon aufgefallen ist, ist vor allem, das haben ja auch, ich glaube, das wurde ja auch in einigen Interviews wieder gefragt, diese Amazon-Rezensionen sind ja wirklich also wild, also sind teilweise explodiert natürlich mehr zum zum neuesten Buch als jetzt zum älteren. Aber ich muss mal eine vorlesen, die habe ich besonders bezeichnend gefunden.
Zitat. "Das einzige, was bei Caroline Wahl scheinbar funktioniert, ist die PR-Abteilung und ihr übersteigertes Selbstbewusstsein. Ich finde es gut, wenn Frauen selbstbewusst durchs Leben schreiten, aber wenn man die beste Autorin Deutschlands werden will und nach dem Deutschen Buchpreis schmachtet, dann sollte die Leistung entsprechend sein und das ist hier leider nicht der Fall". Zitat Ende.
Caroline Wahl hat selbst gesagt, wenn man ihre Bücher liest, dann kennt man sie als Person besser. Natürlich, wie wir aber auch da gesprochen haben. Protagonistin, Figur in einem Roman heißt nicht, das sind die Gedanken der Autorin. Wenn sie jetzt aber trotzdem sagt, dass man sie besser kennenlernt durch ihre Bücher, habe ich mich gefragt, kann man dann in einer Rezension die Autorin wirklich von dem Werk trennen? Und wie ist es dann möglich, persönliche Befindlichkeiten gegenüber der Person außen vor zu lassen? Ist das überhaupt möglich?
Eva Dinnewitzer
Ich glaube, das ist wirklich eine Typsache. Ich kenne Leute, die können es irre gut und ich kenne Leute, die können das gar nicht. Das ist auch so. Ich weiß nicht, ob du das kennst, ob du schon mal diese Diskussion geführt hast, aber ob dir ein Mensch gefällt rein optisch, da gibt es viele, die sagen: Ich mag ihn einfach nicht, der ist so unsympathisch, so der kann mir gar nicht gefallen. Und dann gibt es Leute, die sagen, er schaut urgut aus, ich mag ihn nicht. Also halt so.
Ich glaube, es ist wirklich so ein bisschen eine Frage der eigenen Herangehensweise, auch so wie ob man das gut trennen kann oder nicht. Und die Frage ist ja eh eine ewige, muss man sagen. Also so kann man das Werk vom Künstler trennen und ich glaube, das ist wieder eben so, wie ich auch schon meinte. Ich glaube, es kommt so ein bisschen darauf an, welcher Vorwurf im Raum steht. Also da gibt es natürlich schwerwiegendere und weniger schwerwiegende.
Diese Amazon-Rezensionen. Ich habe auch einen Blick reingewagt und ja, ich finde, da ist irgendwo schon eine Grenze erreicht. Die sind teilweise so untergriffig und so persönlich attackierend, was ich auch einfach gar nicht nachvollziehen kann, weil ja, es gibt einen Haufen schlechte Bücher, wenn du findest "22 Bahnen" oder "Die Assistentin" gehört dazu vollkommen in Ordnung. Also ich würde jetzt auch nicht dafür einstehen, dass das das beste Buch ist, das ich je gelesen habe, aber ist ja auch vollkommen egal. Es gibt auch weitaus schlechtere Bücher, die nicht solche Rezensionen auffassen. Also ja, ich glaube aber eh, wie ich auch schon vorher gesagt habe, also so irgendwie im Netz findet man halt irgendwie so viele Grauslichkeiten. Das ist, ich glaube, man darf es vielleicht auch einfach gar nicht so ernst nehmen teilweise.
Lara Marmsoler
Weil auch nicht die, die am lautesten schreien, repräsentieren ja nicht die Mehrheit voll.
Eva Dinnewitzer
So ist es ja oft. Also man kennt das ja auch selber, wenn man irgendwie öffentlich sich mal geäußert hat und irgendwie Gegenwind erfahren hat oder irgendwie einen Mini-Shitstorm vielleicht. Das sieht dann oft so aus, so als würden alle gegen dich sein. Und in Wahrheit aber kriegen die Personen natürlich schon sehr viel Zuspruch auch vielleicht halt dann einfach privat oder per Direct Message, weil nicht jeder ein irgendwie öffentlich einsehbar seine Meinung rausposaunen will. Da gibt es halt solche und solche. Also ja, ich glaube und ich mein, man hat eh den Eindruck, dass Caroline Wahl, es wird sicher nicht einfach gewesen sein für sie. Also ich glaube nicht, dass es sie gar nicht tangiert, aber so wie es wirkt, lässt sie sich jetzt auch nicht runterkriegen.
Lara Marmsoler
Jetzt haben wir eher über den öffentlichen Diskurs gesprochen, also Instagram, TikTok etc. In den Feuilletons oder im Literaturkritikbereich war es ja auch ein bisschen polarisieren, sage ich mal. Und ich finde, was mir deutlich aufgefallen ist, ist, dass dieses Spannungsfeld, von dem ich eigentlich dachte, dass es irgendwie passé ist, also Popkultur gegenüber hoher Kultur oder Literatur, dass das irgendwie wieder aufgekommen ist, weil sie ja eben vorwiegend unterhaltende Literatur schreibt. Wie siehst du das auch in deiner Arbeit, auch diese Gegenüberstellung vielleicht von kulturellen Produkten?
Eva Dinnewitzer
Also es bröckelt definitiv diese Trennlinie. Aber ich finde nach wie vor ist es auf jeden Fall so, dass es irgendwie ein sehr elitäres Denken gibt in den Feuilletons, in der Literaturkritik. Ich finde es jetzt auch, ich finde jetzt grundsätzlich die Unterteilung auch nicht so schlimm. Also viele sagen ja irgendwie, ja, das ist Unterhaltungsliteratur und ich denke mir ja genau, aber es ist ja nicht schlecht. Deshalb. Also Unterhaltung hat schnell mal so einen negativen Beigeschmack in diesen Blasen. Und ich glaube, dass das sich schon sehr wandelt.
Also man muss ja auch dazu sagen, sie ist jetzt nicht die erste, die so, die so ein lakonisches Buch schreibt irgendwie oder so einen lakonischen Schreibstil pflegt mit so ganz einfachen Dialogen und so. Das gab es ja logischerweise auch schon davor. In den 90er Jahren hat, glaube ich, Benjamin von Stuckrad-Barre diese Debatte ganz arg angestoßen und eben da reden Wir, ich glaube, 98 ist sein Debütroman erschienen.
Seitdem ist ja irre viel Zeit vergangen und eigentlich führt man die Debatte ja schon viel länger. Also wenn wir jetzt in die Literatur, also Wissenschaften gehen, ist das ja schon in den 50er/60er Jahren irgendwie langsam ins Rollen gekommen, dass man sagt: Hey, sollten wir Literaturkritik nicht gegenüber der Popkultur öffnen? Bis heute gibt es Gegenstimmen. Also es gibt sehr viele Literaturkritiker:innen, die jetzt bei Caroline Wahl aufgeschrien haben und sich gefragt haben, warum sie denn derart viel in Feuilletons jetzt vorkommt.
Ich persönlich. Ich glaube halt auch, man muss schon auch dazu sagen, es haben sich ja, also erstens haben wir eine neue Generation oder es war ja auch, sind ja auch nicht wir jetzt die erste neue Generation, die alles in Frage stellt, sondern es war natürlich auch immer so, also immer wenn neue junge Menschen nachkommen, dann wird irgendwie so ein bisschen hinterfragt, okay, was haben wir bis jetzt gemacht und wieso eigentlich? Und sollten wir es vielleicht zukünftig nicht anders machen? Das halt auf der einen Seite.
Aber auch natürlich haben sich Medien gewandelt. Also so Zeitungen oder Medien sind keine alleinigen Gatekeeper mehr, die sind keine alleinigen Sender mehr. Die müssen sich jetzt wohl oder übel, sie wollen oder nicht wahrscheinlich mehr oder tun es ja auch schon lang nach den Interessen der Leser:innen richten. Und wenn ein Buch derart oft verkauft wurde und derart viel besprochen wird auf Social Media, dann ist halt die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass du, wenn du drüber schreibst und ich finde ja in solchen Fällen eine journalistische Einordnung ja auch eigentlich richtig cool und wichtig, dass du halt mehr Klicks bekommst und dass du vielleicht auch die, die alle erreichen wollen, nämlich die jungen Leser:innen erreichst und ihnen halt Hey, bei uns geht es auch um die Bücher, die du liest und nicht nur um die, die dein Papa oder so liest.
Also ich glaube, also ja, ich würde sagen, es bröckelt und eh schon lange, ich würde sagen, seit den 10er Jahren wird auch vermehrt einfach Popliteratur oder Unterhaltungsliteratur geschrieben, Aber man merkt natürlich, dass es immer noch Thema ist, dass es immer noch die Leute gibt, die sagen: Boah, das ist ja wirklich nichts fürs Feuilleton. Was man dann oft sieht, sind so Geschichten so um quasi nicht ums Buch direkt, sondern so um Phänomene. Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist.
Es ist dann oft so das Phänomen Caroline Wahl und nicht so das Buch. Aber ich finde auch das jetzt gar nicht so schlecht. Also ich finde es auch spannend eben, das ist auch das, was ich meinte, das Interesse an der Person dahinter wächst auch, weil die Person selbst sich in die Öffentlichkeit stellt und dann ist es ja auch irgendwie, dann kann man ja auch schauen, okay, was schreibt sie, wer ist sie, was postet sie? Und dann basteln halt Feuilletons oft so eine große Geschichte quasi drumherum. Ich persönlich habe da jetzt nichts dran auszusetzen. Ich lese sowas auch gerne, ich schreibe sowas auch gerne. Hat man mehr Stoff als bei der reinen Rezension.
Lara Marmsoler
Benjamin von Stuckrad-Barre hat sich ja auch auf Instagram hinter Caroline Wahl gestellt, da haben sie ein Selfie gemeinsam gepostet. Die zwei Außenseiter irgendwie gegen.
Eva Dinnewitzer
Ja voll. Also da muss ich auch, also ja, ich bin persönlich kein großer Fan von Benjamin von Stuckrad-Barre. Da gab es ja auch so ein. Der hat ja, ich muss sagen, ich habe es nicht gelesen, aber da gab es ja so ein Buch, das ich auch mit MeToo beschäftigt von ihm, wo es auch so einen Mini-, weiß nicht ab wann Shitstorm kein Mini-Shitstorm mehr ist, aber wo es halt auch irgendwie recht viel Gegenwind gab, wo ich halt sagen muss, habe ich auch sehr gut verstanden.
Also halt, aber das ist auch, ich Find auch halt Benjamin Stuckrad-Barre, der ist ja schon viel länger im Game, das ist halt wirklich ein privilegierter Autor. Ich finde es auch ganz schwierig, also so bei Caroline Wahl, es war halt ihr Debütroman. Also wir reden da jetzt nicht von einer Frau, die irgendwie seit Jahren in der Öffentlichkeit steht und ganz viele Bücher geschrieben hat und auf einmal macht sie einen Fehler, sondern das war halt ihr erstes Werk. Und ja, vielleicht, also wer weiß, vielleicht denkt sie sich in fünf Jahren, ja, würde ich jetzt so auch nicht mehr schreiben. Ich finde, man muss so ein bisschen immer einfach den Kontext mitdenken, in dem das Ganze steht.
Lara Marmsoler
Wir haben ja gerade jetzt darüber gesprochen, wie eben zur Popkultur in den Feuilletons gestanden wird. Was ich finde, was aber auch eine Rolle spielt, und das ist natürlich auch relevant für die Feuilletons, ist, dass der Roman auf BookTok so beliebt war. Und generell BookTok, habe ich das Gefühl, wird auch nicht unbedingt extrem ernst genommen, was auch mit den verschiedenen Genres, die auf BookTok propagiert werden, ist das falsche Wort, aber die dort beworben werden, zusammenhängt.
Ich denke mir am Ende des Tages, wenn diese Bücher, diese Art von Bücher, diese Genre, mehr junge Menschen dazu bewegen zu lesen, weil darüber wird ja auch immer wieder gejammert, dass so wenige junge Menschen lesen, dann ist es doch egal, was sie lesen, Hauptsache sie lesen. Das sollte ja dann im Interesse der Feuilletons sein, oder?
Eva Dinnewitzer
Ja, also du sprichst sicher einen wichtigen Punkt an. Ich glaube, jeder freut sich, wenn die jungen Leute oder seine eigenen Kinder zum Buch greifen und nicht nur zum Handy, wobei das ja auch gar nicht nur die jungen Leute betrifft, sondern ich glaube auch ältere, seit Smartphones gibt es weniger lesen.
Aber ja, also ich glaube wirklich, dass das so ein bisschen ein Selbstbild ist, das sich halt über Jahre auch entwickelt hat. So von Feuilletonist:innen und ich meine natürlich auch die eigenen Präferenzen. Also ich würde jetzt sagen, wenn du diesen Job machst, in vielen Fällen nicht in allen, ich bin da ja auch, oder vielleicht ist es auch eine Generationenfrage, aber es spielen halt deine eigenen Präferenzen mit rein, dass jetzt irgendwie ein 55-jähriger Mann mit Colin Hoover, glaube ich, heißt sie, einer riesigen Autorin von BookTook nichts anfangen kann.
Ja, also kann man auch einfach so irgendwie stehen lassen. Und ich glaube grundsätzlich ist es, wie du sagst, wünschenswert, dass junge Menschen lesen und Was sie lesen, ist dann vielleicht zweitrangig. Und ich glaube nämlich auch das ändert sich ja. Also was ich mit 15 gelesen habe, ist nicht das gleiche wie das, was ich jetzt lese. Und da ist auch wieder so der Aufschrei dann so groß, die werden auch noch andere Sachen lesen als die typische Lovestory und keine Ahnung.
Aber ich muss sagen, weil es ja eben oft auch dann um den Schreibstil geht, gar nicht nur um den Inhalt, dass es eben so, also gerade bei Caroline Wahl jetzt wurde ja so oft kritisiert, dass es eben so ganz einfach ist und die Dialoge so teilweise Ein-Wort-Satz und eben so ganz arg lakonisch. Ich finde das persönlich, ich habe da jetzt nichts dran auszusetzen. Es gibt ja genug anderes. Es ist ja nicht so, als wäre jedes Buch so. Und wenn es mehr Leute abholt und mehr Leute mit Literatur vertraut macht, ist doch gut.
Lara Marmsoler
Ich muss sagen, es hat mir den Lesefluss extrem erleichtert. Also ich lese auch gerne andere Bücher, aber ab und zu ist es ganz angenehm, einen Satz zu lesen, der nicht über drei Paragraphen hinausgeht.
Eva Dinnewitzer
Ja, und es ist ja auch nicht nur das Buch so. Also da gibt es ja auch, ich habe Serien, die schaue ich, wenn ich halt mein Hirn nicht anstrengen will, dann lasse ich mich berieseln. Und jetzt kann man vielleicht beim Buch nicht von Berieselung sprechen, weil du ja selber aktiv lesen musst. Aber deshalb glaube ich, wurde es auch so oft als so gute Urlaubslektüre einfach beschrieben. Und ich finde, das stimmt.
Also das liest du halt einfach so durch in einem Zug und es ist irgendwie ganz nett. Es ist aber auch nicht nur flach. Also es geht eben da eben, da ist ja dann wieder, ich habe in meinem Text über Caroline Wahl habe ich geschrieben, habe ich dann nämlich mit einer Kollegin von mir danach noch drüber geredet, dass sie so schlimme Sachen, also eben wie diese alkoholkranke Mutter, die ja sogar suizidal ist, also dass sie diese Dinge so merkwürdig gut verdaulich macht. Du liest es und irgendwie, also es ist nicht total, es drückt dich nicht runter, es drückt deine Stimmung nicht runter.
Und das ist natürlich was, was man kritisieren kann, irgendwie ist es zu seicht behandelt oder so. Aber andererseits finde ich, ist es auch ein bisschen ein Talent fast, dass du sagst, okay, ich lese eigentlich gerade über eine extrem schlimme Familiengeschichte und jeder schreibt, das war eine nette Urlaubslektüre, also eigentlich pass das ja gar nicht zusammen. Das finde ich auch interessant. Also das finde ich schon, hat sie für das, was es ist, auch wenn man es wie gesagt kritisieren kann, aber gut gemacht ist interessant. Es bleibt halt hängen irgendwie.
Lara Marmsoler
Ich finde, das kann aber auch natürlich widerspiegeln, wie die Lebenswelt der Tochter ist, weil ich denke mir, wenn solchen Situation aufwächst, verdrängst du vielleicht auch gewisses zum Selbstschutz.
Eva Dinnewitzer
Musst du bestimmt auch. Ja, also.
Lara Marmsoler
Und in dem Sinn finde ich es eigentlich wieder ein extremes Talent, vor allem wenn man "22 Bahnen" und "Windstärke 17" miteinander vergleicht, die aus komplett unterschiedlichen Perspektiven geschrieben sind. Der Schreibstil verändert sich ja dann auch massiv und das hat sie auch selbst in Interviews gesagt, dass dadurch, dass Tilla so organisiert ist, also im ersten Roman eben, dass sie so viele Kommas setzt und so lange Sätze quasi baut, die sie durch Kommas trennt und bei Ida "Windstärke 17" sind es dann alles so kurze abgehackte Sätze, weil sie so wütend ist. Also ich finde, das ist eigentlich, also natürlich ist der Stil jetzt nicht komplett anderer, man erkennt, dass es dieselbe Autorin ist, aber ich finde das schon beeindruckend eigentlich.
Eva Dinnewitzer
Ich finde es auch einfach erfrischend, dass sie, ich finde, dass auch bei der "Assistentin" hat sie ja so, bricht sie ja immer wieder mit so einem Erzählmuster. Sie kommentiert ja irgendwie selbst das eigene Buch selbst. Also sie schreibt dann irgendwie so nicht im Wortlaut, aber so jetzt braucht dieses Buch einen Höhepunkt und dann schreibt sie einen Höhepunkt. Ich finde es gut, wenn man solche Sachen ausprobiert. Warum nicht? Also ob es mir jetzt gefällt, ist eine andere Frage. Ob es jetzt literarisch extrem wertvoll ist, weiß ich nicht. Vielleicht wird sich das auch zeigen.
Es gibt Bücher, also keine Ahnung, ich habe auch an "The Great Gatsby" gedacht, das wurde zu Beginn als leichte Unterhaltung einfach abgetan und heute ist es so einer der größten Romane. Also ich will jetzt nicht sagen, dass das mit Caroline Wahls Büchern fix passiert, aber wir wissen es. Also ich glaube, es ist immer, man sollte nicht gleich alles so abtun, was irgendwie so bisschen neu, bisschen einfacher ist. Und außerdem muss ich auch dazu sagen, so neu ist es ja gar nicht. Es gibt ja eben genug Leute, die halt schon in diese Schiene rein, aber irgendwas scheint zu funktionieren. Also sie hat irgend, sie schreibt sehr zeitgenössisch, sie hat einfach, und ich finde dafür, das hat auch einfach seine Berechtigung und dieses Ausprobieren von Dingen finde ich eigentlich gut.
Was ich interessant fand, diese ganze Kritik, die wir schon jetzt besprochen haben, die richtet sich ja eben vor allem aufs erste Buch, eben wegen des Inhalts, dass sie so nicht in ihrer eigenen Lebensrealität bleibt als Kind von wohlhabenden Eltern, sondern eben eine Armutsgeschichte aufgreift. In ihrem dritten Buch hat sie das ja nicht gemacht. Das ist ja sehr viel näher anscheinend an ihrem eigenen Leben. Sie war ja selbst Verlagsassistentin, sie schreibt über eine Verlagsassistentin und das wurde ja viel weniger gefeiert. Also es ist ja anscheinend schon so, dass uns diese Geschichten vielleicht auch ein bisschen langweilen. Das heißt, wir können dann irgendwie auch niemandem übelnehmen, wenn dann irgendwie nach anderen Geschichten gesucht wird.
Lara Marmsoler
Du hast ganz am Anfang gesagt, dass du das Gefühl hast, dass also in Bezug auf die sozialen Medien und diesen Personen, die Fokussierung auf die Person, dass du auch das Gefühl hast, dass im Journalismus sich das verändert und das Leute interessiert, was sagt diese Person zu dem Film oder dem Buch etc. Aber du hast auch gesagt, und das ist ja auch so, dass die Medien gerade auch einen Umbruch erleben und ich frage mich, ob Literaturrezensionen generell an Relevanz ein bisschen verlieren oder verloren haben in den letzten Jahren. Und glaubst du, das spielt jetzt hier insofern auch eine Rolle, also dass vielleicht Literaturkritiker:innen Sorge haben, Deutungshoheit zu verlieren? Also sie sagen zwar, ich stehe so und so dazu, aber trotzdem lesen es eine Million Menschen.
Eva Dinnewitzer
Ich glaube, also was auf jeden Fall passiert, was mir vor allem auch, ich schreibe ja auch sehr viel über Musik und da fällt es mir auch sehr stark auf, das nicht mehr so, also die Meinung wird bisschen abgeschwächt von den Menschen, habe ich das Gefühl. Also ich krieg jetzt ein Buch von Caroline Wahl in die Hand und keine Ahnung, finde es extrem scheiße, sagen wir, das habe ich auch scheiße gesagt, aber ich würde es nie so schreiben aus Angst eben, oder was heißt Angst? Aber weil ich eben weiß, okay, die Leute draußen finden es gut, habe ich jetzt Lust auf irgendwie ein hundert Lesermails oder Kommentare auf Social Media.
Also eben dadurch, dass man nicht nur Sender ist, sondern auch Empfänger, weil ja jeder irgendwie was senden kann, habe ich schon das Gefühl, dass alles so bisschen, wie sagt man das, so verweichlicht klingt irgendwie schlimm, aber halt so bisschen, ja, es wird nicht mehr so, es wird nichts mehr zerrissen und es wird sehr wenig hochgejubelt, sondern ist alles so, ja, aber ist eh okay. Manchen gefällt es wahrscheinlich halt irgendwie so, das fällt mir auf. Und ich glaube schon eben, dass das so ein bisschen aus Angst ist vor den Reaktionen auch. Man hat auch irgendwie Angst, was Falsches zu sagen, was Falsches zu schreiben. Man will ja niemanden beleidigen. Da hat man sich früher, das ist ja auch eine gute Entwicklung. Es hat immer zwei Seiten. Also es ist natürlich gut, dass man sich überlegt und nicht nur auf irgendwas draufhaut.
Ich finde es aber auch teilweise schade, dass eben, wie gesagt, bei Musikkritiken fällt es mir sehr oft auf, dass man nicht einfach mehr schreibt, so ja, das war kein gutes Album, sondern dann so herumdruckst. Das ist was, was mir auffällt. Ob es wirklich an Relevanz verliert. Ich glaube schon, und ich meine, Österreich ist ja ein Zeitungsland, sagt man ja immer. Ich glaube schon, dass die Leute nach wie vor daran interessiert sind, was Leute von bestimmten Dingen halten, die sich sehr viel mit eben dann in dem Fall Literatur oder auch Musik auseinandersetzen.
Aber ja, es ist auf jeden Fall so, man hat halt viel mehr Konkurrenz. Also und ich glaube eben, dass man da vielleicht bisschen, man darf sich nicht zu sehr darauf ausruhen, ah, ich bin jetzt Zeitungsredakteur:in und alles, was ich schreibe, ist halt jetzt super wichtig. So ist natürlich nicht. Ich glaube da eben, es gibt ja sehr viele auch Journalist:innen, die auf Social Media aktiv sind. Da merkt man wiederum, dass da Extrembindungen zwischen den Leser:innen und der Journalistin oder dem Journalisten dann gibt.
Also ich glaube, es wandelt sich einfach. Ich würde jetzt nicht sagen, dass die Relevanz komplett wegbricht, das wäre wahrscheinlich zu viel gesagt. Aber ja, man muss irgendwie, ich habe das Gefühl, auch in Feuilletons oder generell in Zeitungen sucht man natürlich so ein bisschen so nach einer neuen Position, weil die alte nicht mehr so ganz gut funktioniert und jetzt okay, was, also ja, es ist auf jeden Fall ein Wandel, würde ich sagen.
Lara Marmsoler
Und zum Abschluss jetzt vielleicht eine philosophischere Frage, aber ist die Funktion von Literaturkritiker:innen, dass sie uns sagen, was gut und was schlecht ist oder dass sie uns die Welt einordnen und wir entscheiden dann selber, wie wir dazu stehen?
Eva Dinnewitzer
Im Idealfall beides. Ich glaube, ich persönlich finde es schon, auch wenn ich jetzt, also wenn ich jetzt an mich in Leserinnen hinein denke, die ich ja auch selber bin, also warum lese ich gewisse Sachen? Weil ich weiß, okay, die Person kennt sich aus, sie hat, finde ich, einen guten Geschmack. Wenn die mir sagt, das Buch ist gut, dann kann ich das jetzt mal guten Gewissens kaufen und lesen, dann kann ich mir immer noch meine eigene Meinung bilden. Also ich finde es halt ganz angenehm, dass man sich nicht durch die Flut an neuen Büchern irgendwie durcharbeiten muss, sondern einfach so sieht, ah OK, das wird jetzt gerade da besprochen, als gut empfunden, lese ich jetzt auch mal.
Also quasi, das ist ja dann so Journalismus als Service quasi. Aber ich finde auch, dass einfach diese Einordnung also schon sehr wichtig ist. Ich glaube, es kommt bisschen aufs Werk auch an. Also eben wie ich vorhin schon meinte, diese Phänomene oder diese Einordnung ist ja ganz oft eben so jetzt bei jüngeren Autoren auch passiert, wo es halt wirklich so diesen Hype gab, wo man dann man darf ja auch nicht vergessen, die ältere Leserschaft, die weiß ja noch gar nichts von Caroline Wahl und dem Shitstorm. Also wenn ich jetzt in der Zeitung drüber schreibe, wo tendenziell vor allem Print eher ältere Leute lesen, muss ich denen ja überhaupt mal erst sagen, diese Person gibt es und da gab es einen Shitstorm. Also es ist, glaube ich, was schon ist, dass Kulturjournalismus immer mehr Vermittler wird zwischen einerseits wahrscheinlich zwischen Generationen sogar, aber auch zwischen der Masse und der Literaturblase quasi. Also ich glaube, das ist das, was immer wichtiger wird.
Lara Marmsoler
Liebe Eva, danke, dass du dir für dieses Gespräch die Zeit genommen hast. Das war sehr schön.
Eva Dinnewitzer
Dankeschön. Ich auch.
Autor:in:Lara Marmsoler |