Die Dunkelkammer
Die Identitären #1: Von der Uni in Martin Sellners Keller

Von Felix Keiser. In Folge #347 der Dunkelkammer geht es um Rechtsextremismus in Wien. Konkret geht es darum, wie junge Männer an der Uni angeheuert werden und ohne es zu wissen im Keller der Identitären Bewegung landen. Bei Rechtsextremen, deren Symbole in Deutschland und in Österreich verboten sind. Es ist aber auch die Geschichte von einer Nacht in diesem besagten Keller. Denn der Host dieser Folge, der war dort.

Felix Keiser
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Dunkelkammer. Mein Name ist Felix Keiser, und in der heutigen Folge will ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Der Modus der Folge wird also etwas anders sein.
Zusammengearbeitet habe ich für diese Recherche mit den Kolleginnen Fabian Schmid und Colette M. Schmidt. Die Geschichte ist also auch im "Standard" erschienen. Sie handelt davon, wie junge Männer am Campus der Universität angeheuert werden und ohne es zu wissen im Keller der Identitären Bewegung landen, also bei Rechtsextremen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden und deren Symbole in Deutschland wie in Österreich verboten sind.
Und dabei wird es nicht nur bei dieser einen Folge bleiben, es wird hiernach eine Follow-up-Folge geben. Und ja, diese Reportage in der heutigen Folge ist, wenn man so will, die Voraussetzung für diese zweite Folge. In der zweiten Folge spreche ich nämlich mit meiner Dunkelkammer-Kollegin Christa Zöchling. Denn Christa, die hat ähnliche Geschichten zu erzählen, mit dem kleinen Unterschied, dass sie vor einigen Jahrzehnten und in einem deutlich größeren Ausmaß passierten.
Kommen wir also zur Geschichte. Ich habe mir für eine Recherche die Aktion 451 angeschaut. Was ist das? Die Aktion 451 ist eine Organisation, die durchaus nicht unbekannt ist, aber so richtig viel weiß man über sie nicht. Es gibt sie nicht nur in Österreich, Ableger davon sind auch in Deutschland und in der Schweiz aktiv. Fest steht: Sie gilt als Vorfeldorganisation der extremen Rechten, und auch im Verfassungsschutzbericht findet sie Erwähnung, und dort wird sie als identitäre Tarngruppe beschrieben.
Was aber auch stimmt, dass die Gruppe nach außen ziemlich inklusiv auftritt. So kennt man die Gruppe von ihren Infoständen vor der Hauptuni in Wien und der Wirtschaftsuniversität, wo ihre Mitglieder gerne mal Flyer verteilen und interessierte Studentinnen und Studenten zu Stammtischen einladen. Sie veranstalten Lesekreise, betreiben gemeinsam Sport und verstehen sich als rechte Vernetzungsgruppe an den Universitäten. Und so bin ich auch auf sie aufmerksam geworden.
Der Kollege Thomas Winkelmüller vom "Datum" hat für einen Text schon einmal so einen Lesekreis des Wiener Ablegers der Aktion 451 besucht. Zu Gast war damals im Februar diesen Jahres Curtis Yavin, ein US-amerikanischer Vordenker der Tech-Rechten, der eine Monarchie mit einem CEO an der Staatsspitze fordert. Und dieses Treffen fand damals im Salattherena des Ferdinandhofs in Wien statt. Anmelden konnte man sich sogar offiziell per E-Mail.
Und gerade deswegen war ich umso mehr interessiert, als ich in sozialen Medien über eine ähnliche Veranstaltung gestoßen bin: der Gastredner Götz Kubitschek, der deutsche rechtsextreme Vordenker und Publizist, eingeladen und hofiert von der Aktion 451. Und diesen Lesekreis habe ich als ideale Möglichkeit gesehen, einmal bei einem Treffen der Aktion 451 dabei zu sein und sie über diesen Weg vielleicht ein bisschen besser kennenzulernen. Und um zu schauen, wie so ein Vortragsabend abläuft und wie nah die Gruppe wirklich zur identitären Bewegung steht.
Doch diesmal waren die Teilnahmevoraussetzungen etwas anders. Zu diesem Event musste man sich nicht wie davor über E-Mail anmelden, sondern per Chat über die Plattform Instagram. Und das habe ich dann auch getan. Ich habe ihnen mit meinem Privataccount eine recht informelle Nachricht geschrieben, dass ich an der Abendveranstaltung des 11.06. gerne teilnehmen möchte. Ein paar Tage später dann kam die Zusage, ich sei bei ihnen Gold richtig, hieß es. Mit dabei waren auch Uhrzeit und Ortsangaben: 19:40 Uhr im Café Siebenbrunnen im 5. Wiener Gemeindebezirk.
Passt ganz gut, dachte ich mir, das Lokal gilt unter anderem als Ort, wo gerne mal die eine oder andere Studiveranstaltung stattfindet und ordentlich Kaltgetränke über den Tisch gehen. Gesagt, getan, so bin ich also hin. Es war ein Donnerstag, und ich war sogar relativ pünktlich dort beim Café. Und vor der Tür standen bereits vier Leute, Mitglieder der besagten Aktion 451, wie sich später herausstellte. Das erkannte ich aber zu dem Zeitpunkt nicht. Sie waren ziemlich jung, eine Frau und drei Typen, und diese vier Leute standen wirklich vor der Tür. Es war sehr, sehr schwer, an ihnen vorbeizukommen.
Das habe ich dann doch irgendwie geschafft und habe das Lokal betreten und wollte mich eben nach der Veranstaltung umschauen. Außer ein paar vereinzelten Menschen war die Bar aber leer, und da bemerkte ich, dass einer der Typen, die draußen standen, mir gefolgt ist. Er fragte sinngemäß: "Du gehörst doch zu uns, oder?" Ich sagte einfach mal ja und folgte ihm wieder zu den anderen nach draußen. Alle trugen schwarze Hipsterkleidung, nur einer hatte ein weißes Fred-Perry-Shirt an, dessen Ärmelenden waren schwarz-rot gestreift, sodass sie an die Reichsflagge erinnerte. Diese Farbkombi gilt als typisches Erkennungsmerkmal von Rechtsextremen.
Wir begrüßten uns also, und der eine im weißen Shirt fragte mich, was ich studiert habe. Er studierte dasselbe, so hatten wir ein paar Sekunden Gesprächsstoff. Aber beim Smalltalk sind wir sehr schnell an unsere Grenzen gestoßen, und auch die anderen wirkten alle eher desinteressiert. Und nach und nach tröpfelten dann noch zwei, drei andere Jungs dazu. Alle waren offensichtlich zum ersten Mal dabei. Sie waren sehr jung und ziemlich schüchtern. Und auch die fragten die Mitglieder der Aktion 451 kurz aus, was sie so im Leben trieben und was sie zu diesem Treffen geführt hat. Es war jedenfalls ganz anders, als ich es von einer Gruppe Studierender so erwartet hatte.
Und als es dann kurz vor 20:00 Uhr war, teilte uns der eine im weißen Shirt mit, dass die Veranstaltung nicht wie angegeben im Siebenbrunnen stattfinden wird, sondern wir erst jetzt und von da zusammen zum Zielort gehen würden. Wohin das ist, wollte mir auf Nachfrage niemand beantworten. Ich folgte den anderen also. Wir gingen ein paar Seitenstraßen entlang, ein paar Mal bogen wir links ab, ein paar Mal rechts, quer durch den 5. Bezirk. Und ich fing an, mich mit einem der Neuen zu unterhalten. Er ist 21 Jahre alt, kommt aus Russland und spricht recht rustikales Deutsch. Und auch er war sichtlich überrascht, als wir vom Café Siebenbrunnen weggingen.
Er redete ansonsten wirklich wenig, bis ich ihm irgendwie vermitteln konnte, dass man sich mit mir unterhalten kann. Denn was ich wirklich ganz bemerkenswert fand: Die anderen redeten kaum. Also völlig entgegen dieser Vorstellung einer Gemeinschaft, mit der die Aktion 451 eigentlich wirbt. Nun wollte ich von dem 21-Jährigen wissen, warum er dort ist, was ihn daran interessiert und was er von der ganzen Organisation weiß. Aber zu unserem Gespräch kommen wir an einer anderen Stelle noch mal, denn der Abend, der war noch lang.
Wir waren dann also irgendwann da, dort, wo sie hinwollten, und dort, wo letztendlich die Veranstaltung wirklich stattfinden sollte. Denn von weitem erkannte ich schon Wieland Kubitschek, der Sohn des rechtsextremen Verlegers und Vortragenden des Abends. Und Kubitschek Junior war nicht alleine seines Vaters wegen in Wien. An diesem Abend war sein Vater nämlich bei ihm zu Gast. Denn seit einer Zeit lebt der Sohn in Wien, und er gilt mittlerweile als eine Führungsperson der Aktion 451.
Und er ist insofern kein Unbekannter, weil er vergangenes Jahr wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Das, weil er bei einem Auftritt, wie der seines Vaters auf der Rampe der Uni Wien, einen Kameraden verprügelt hat, den er für einen Antifaschisten hielt. Aber das ist eine andere Geschichte. Breitbeinig stand der besagte Kubitschek also da, in der Ecke eines Wohngrätsels. Er hatte blonde Haare, Seitenscheitelschnitt, enges Fred-Perry-Shirt. Er begrüßte jeden einzelnen von uns, zuerst die Mitglieder der Aktion 451 brüderlich und neu mit prüfendem Blick.
Aber er hatte es eilig, zu lang durften wir am Gehsteig der Rampersdorfer Gasse offenbar nicht verweilen. Und er zeigte auf eine beschmierte Hauswand. Und in dieser beschmierten Hauswand war eine sehr, sehr kleine Tür. Und Kubitschek ordnete an, dass wir dort hineingehen sollten, hinunter in eine Art Keller. Und ich folgte den anderen hinein. Es ging steil hinab, es dürften fünf, sechs Stufen gewesen sein. Und schon standen wir in einer Art Vorraum. An der Wand hingen Jacken und Mäntel, und hinter mir wurde die Tür zugeschlagen, und von vorne hörte man lautes Getümmel.
Ich behielt alle meine Sachen bei mir und folgte den anderen in den nächsten, deutlich größeren Raum. Wir waren in einer Art Partykeller.
Große, weite Bögen zogen sich von der einen Seite zur anderen. Und zwischen diesen Bögen hingen in Reih und Glied große Fahnen in weiß-roter Farbe.
Es waren Fahnen der Aktion 451. Und zwischendrin blitzten aber auch einzelne schwarz-gelbe Farbakzente auf. Denn ohne es zu wissen, sind wir im Keller der rechtsextremen Identitären Bewegung gelandet.
Jetzt war ich also schon drinnen. Die Tür hinter mir, wie gesagt, zu. Links und rechts waren Bänke aufgereiht, zwischen drin war vielleicht ein Meter Platz, und dort war ein riesiges Durcheinander. Circa 60 Leute dürften in dem Raum gewesen sein. Vorne am Eck rangelten einige junge Hipster-Typen gegeneinander. Es war ein Kräftemessen mit Bierflasche in der Hand.
Wir drückten uns an ihnen vorbei, denn hinten rechts ging es in einen weiteren Raum. Dort, wurde uns gesagt, gibt es nämlich eine Bar, und für einen schmalen Taler konnte man sich dort Bier oder Club-Mate kaufen. Und ich hatte natürlich kein Bargeld mit dabei. Ich war vorbereitet auf einen Abend in dieser öffentlichen Bar. Dort kommt man mit einer Karte üblicherweise gut durch den Abend. Hier war das natürlich nicht möglich, und ich war auf den 21-jährigen Russen angewiesen. Er zahlte uns netterweise zwei Flaschen Bier.
Und als wir uns wieder in den Hauptraum begeben wollten, kam uns der Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung entgegen und streckte uns die Hand aus. Es war Martin Sellner. Ich musste mich kurz vorstellen. Das musste er nicht tun, das wussten wir beide. Und vielleicht erinnert ihr euch an die Recherche von Correctiv Anfang des Jahres 2024 zum sogenannten Potsdam-Treffen. Dort kamen, ich zitiere, "hochrangige AfD-Politiker, Neonazis und finanzstarke Unternehmer" in einem Hotel bei Potsdam zusammen und planten nichts Geringeres als die Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland. Und diesen Masterplan hatte, wie wir heute wissen, Martin Sellner im Gepäck. Seitdem versucht er, den Begriff der Remigration salonfähig zu machen.
Wir unterhielten uns ganz kurz über mein Studium der Germanistik. Schon zum zweiten Mal. Studieren scheint dort sehr, sehr wichtig zu sein. Dann musste der Hausherr weiter. Immerhin gehört ihm der Keller seit August 2020. Oder besser gesagt, der Immorautenklause, wie man im Grundbuch nachlesen kann. Die Immobilie war allerdings auch schon davor in rechtsextremen Händen. Das schon seit 2017, wie wir herausfinden konnten. Denn damals kaufte sie ein gewisser Christian Carus für 55.000 Euro. Ein Bauunternehmer, der als früher Unterstützer der Identitären Bewegung gilt. Und Christian Carus, der verkaufte den Keller nach kurzer Zeit an den Identitären Verein Wiener Kulturwerk, dem damals der langjährige IBÖ-Kader Philipp Huemer vorstand.
Abgewickelt wurde übrigens all das bei dem Notar Harald Stefan. Und der Notar Harald Stefan, der sitzt ganz nebenbei für die FPÖ im Nationalrat. Und dieser Keller ist ein zentraler Knotenpunkt für die rechtsextreme Szene in Wien. Dort finden Klubabende statt, dort werden Aufmärsche vorbereitet und Materialien gelagert. Der Chef der zuständigen Hausverwaltung sagte uns später, das Ganze habe sich leider in eine negative Richtung entwickelt, welche das Haus und die dort lebenden Bewohner massiv belastet.
Kommen wir aber nun wieder zurück zu meinem Gespräch mit dem einen russischen Studenten. Denn mit ihm habe ich mich bis zu dem Vortrag des Abends lang unterhalten. Und wie gesagt, auch er war zum ersten Mal dort und ist aus Russland nach Österreich zum Studieren gekommen, weil ihm Österreich trotz des russischen Angriffskrieges ein Visum gegeben hat. So kam er also nach Österreich, und hier kennt dieser junge Mann einfach niemanden. Er erzählte mir, dass es für ihn sehr schwierig ist, Freunde zu finden, vor allem eben für ihn als einen eher konservativen russischen Typen. Und auch an der Uni findet er wenig Anknüpfung. Die Veranstaltungen und Gemeinschaften seien ihm zu links oder würden sich mit Themen auseinandersetzen, die ihn einfach nicht ansprechen würden.
Bis vor Kurzem. Denn vor Kurzem hat er einen Flyer in die Hände gedrückt bekommen. Das war vor der Hauptuni in Wien von jungen sportlichen Männern. Und auf diesen Flyern stand so etwas drauf, wie er paraphrasierte: "Rechtsruck, wie geil, und du gehörst zu uns." Und signiert war der Flyer mit "Aktion 451". Und er erzählte mir, wie er sich daraufhin zu Hause den Instagram-Account der Organisation anschaute. In ihrer Bio steht, ich zitiere, "die rechte Gruppe an der Uni, Aktivismus, Sport und Gemeinschaft". Und deren vermeintliche Aktivitätsangebote, die ich eingangs schon erläuterte, die sprechen ihn tatsächlich an. Ich meine, wer hat schon was gegen vermeintlich einfach nur wandern, debattieren und ein paar Bier trinken?
Und auch über die Webseite der Aktion 451 holte er sich Informationen, die kannte ich bereits. Dort stehen Dinge wie, ich zitiere, "kaum betrittst du die Uni, wirst du mit Ideologieprojekten überschwemmt. Von linksextremen Infoständen bis zu queerfeministischen Vorlesungen ist alles dabei. Wir wollen den Fokus wieder auf das Relevante richten. Ein qualitativ hochwertiges Studium, bei dem nicht die richtige Meinung, sondern gute Leistung ausschlaggebend ist." Und das alles holt eben jemand wie den russischen Studenten ab, merkte ich im Gespräch. Jemanden, der noch nach Zugehörigkeit sucht und zumindest vermittelt bekommt, diese Zugehörigkeit bei der Aktion 451 zu finden.
Über Instagram hat er sich dann, wie ich auch, angemeldet. Und auch er ist davon ausgegangen, dass die Veranstaltung in einem Café im 5. Bezirk stattfinden würde. Dass ausgerechnet Götz Kubitschek an dem Abend sprechen sollte, war reiner Zufall, wie er mir sagte. Den rechtsextremen Verleger kannte der 21-Jährige nicht.
Und irgendwann gegen halb neun wurde unser Gespräch unterbrochen. Alle um uns herum saßen bereits auf ihren Plätzen. Die Kellertür war, wie gesagt, verschlossen, und es gab einen Typen, der die Tür überwachte und Leute reinließ. Ich merkte allerdings, das hier war keine Come-and-Go-Veranstaltung, wo man einfach so ohne sich zu erklären gehen konnte.
Jedenfalls saßen wir ziemlich weit vorne, neben uns der Nachwuchs, der eingangs so rumgepöbelt hatte. Wer dort von der IB war und wer von der Aktion 451, das ließ sich zu keinem Zeitpunkt unterscheiden. Es wirkte fast so, als wäre das auch ziemlich egal nach innen, so als gäbe es da gar keine Grenzen. Zumindest waren sie für mich nicht erkennbar, für mich als jemanden, der gerade zum ersten Mal bei einem Treffen der Aktion 451 dabei war.
Dann kam Wieland Kubitschek, der Sohn des Vortragenden, nach vorne. Er begrüßte die Menge im Namen der Aktion 451, deren Kopf er eben ist. Und er begrüßte den Redner des Abends, seinen Vater Götz Kubitschek. Mit einem prall gefüllten Glas Weißwein hat sich Kubitschek Senior dann hinters Rednerpult gestellt.
Hinten in den Rängen war, so muss man sich das vorstellen, alles abgedunkelt. Und über diese Fahnen, die ich eingangs beschrieben habe, brannten jetzt so was wie gedimmte Öllampen. Das Thema des Abends: die Zivilgesellschaft von rechts. Kubitschek stellt an dem Abend eine Art Plan vor. Einen Plan, wie die neue Rechte Einfluss gewinnen soll und diese auch langfristig behalten kann.
Jetzt denkt man sich vielleicht: "Okay, wer ist er denn, der jetzt ein paar rechtsextremen irgendwelchen Pläne diktieren will?" Dazu muss man wissen, dieser Mann, also Kubitschek, zählt zu den einflussreichsten Strippenziehern der neuen Rechten im deutschsprachigen Raum. Schon früh hat er angefangen, Leute mit seinen völkischen Ideen zu erreichen und gewisse Strukturen aufzubauen. Und diese Strukturen hat er zum Beispiel mit seinem sogenannten Institut für Staatspolitik organisiert.
Dieser Ort in Schnellroda, also das Institut für Staatspolitik, das mittlerweile zumindest am Papier dichtgemacht hat, galt lange Zeit als Hauptquartier und Denkfabrik der neuen Rechten. Ansonsten war er zum Beispiel auch eine prägende Figur der völkisch-nationalistischen Pegida-Demos in Dresden und gilt heute als der Ideengeber hinter der rechtsextremen Identitären Bewegung. Er ist jedenfalls einer, der während seines Vortrags gerne darüber witzelt, dass Österreich eigentlich zu Deutschland zähle und einer der knallharten Geschichtsrevisionismus betreibt. Und der Spiegel schrieb einmal über Kubitschek, und das passt durchaus auch in diese ehrfürchtige Beziehung zwischen Sohn und Vater, zumindest so, wie ich sie am Abend erlebt habe. Dieser Mann sei so konservativ, dass er zu Hause sogar seine Frau siezen würde.
Jedenfalls, dieser Mann stellte an diesem Abend einen Plan vor. Und dieser Plan weicht ab von der jahrelangen Strategie, den rechten Parteien irgendwie den Rücken zu stärken. Denn das, was die neue Rechte umsetzen will, könne allein von Parteien in unserem demokratischen System überhaupt nicht durchgesetzt werden. Das habe laut Kubitschek was mit Föderalismus zu tun oder damit, dass in den rechten Parteien viele Leute sitzen, die ihnen schlicht zu moderat seien.
Aber vor allem habe es etwas mit der Zivilgesellschaft zu tun. Denn die Zivilgesellschaft sei laut ihm in unseren demokratischen Ländern einfach zu einflussreich und zu politisch. Stichwort Proteste, Stichwort Vereine und NGOs und so weiter. Und unter dieser Zivilgesellschaft würden diese Parteien immer wieder einknicken.
Und laut diesem neuen Plan soll das rechte Vorfeld, also Gruppen wie die Aktion 451 und die IBÖ, künftig dafür sorgen, dass die Zivilgesellschaft allmählich rechter wird. Das hieße dann zum Beispiel, einschlägige Organisationen wie NGOs zu delegitimieren, den Korridor des Sagbaren auszuweiten, Aktivismus zu betreiben und eben so Menschen der Zivilgesellschaft auf die Seite der neuen Rechten zu bekommen. Und wenn man dann einmal die Zivilgesellschaft rechter gemacht hat und die AfD und die FPÖ an der Macht seien, dann sei es an der Zeit, diese Zivilgesellschaft wieder zu entpolitisieren, ihr den politischen Aktionismus zu entziehen und die Beteiligungsbereitschaft zu entziehen. Denn damit die politische Macht in den Händen der Rechten bleibt, müsse sie ungehindert Politik betreiben können. Das Volk, unter Anführungszeichen, solle dann sozusagen einfach wieder unpolitisch gemacht werden.
Und das ist ein Aspekt, so sagte er es, den er unter anderem mit dem als rechtsextrem eingestuften AfD-Politiker Björn Höcke zunehmend bespricht. Die beiden arbeiten nach wie vor sehr eng zusammen, meinte der Vortragende. Und der Vortrag ging unter großem Applaus und ein paar Wortmeldungen zu Ende. Der Sohn Kubitscheks schritt also wieder nach vorne und bedankte sich bei seinem Papa im Namen der ganzen Runde. Er ist nicht der große Redner. Er kam schnell zum Punkt.
Und zwar rief er dazu auf, dass alle im Saal sich ganz kurz nach draußen begeben sollen. Nach draußen für eine kleine Protestaktion. Ein Gruppenfoto, das auf Social Media gepostet werden soll. Und mit diesem Foto wollten sie an den in Großbritannien ermordeten Henry Nowak erinnern. Denn vor einigen Wochen sind im Rahmen eines Gerichtsverfahrens Bodycam-Aufnahmen der Polizei vorgespielt worden. Und die sorgen in Großbritannien und darüber hinaus für große Empörung, weil die Polizisten Nowak offenbar nicht glaubten, verletzt und das eigentliche Opfer zu sein. Und rechtsextreme weltweit, die instrumentalisieren diesen Fall.
Kubitschek fuhr also fort und präzisierte, dass er es wirklich gut fände, wenn alle dazu stehen würden und mit ihm hinaus aufs Foto kämen. Die Gesichter würden ja ohnehin unkenntlich gemacht werden, meinte er. Und trotzdem blieb ich drinnen sitzen. Und zu meinem Glück taten das auch ein paar andere, mit denen ich mich unterhalten konnte. Sie kamen aus München. Dazu muss man sagen, die Identitäre sind nach München sehr gut vernetzt.
So, und auf einmal kam von draußen, also vom Fotoshooting, ein junger Mann, sehr aufgelöst, die Treppe hinuntergestürmt. Er war auch zum ersten Mal dort, wie er mir etwas später immer noch aufgelöst erzählte. Nun, er kam also hinuntergestürmt und rief so was wie: "Draußen, also bei dem Gruppenfoto, wurde jemand zusammengeschlagen." Das wiederholte er mehrmals.
Und an der Stelle möchte ich auf die Recherche der Kollegen Fabian Schmid und Collet M. Schmid hinweisen. Der Standard hat nämlich mit Anrainerinnen gesprochen, die das Treiben gesehen haben sollen. Daher zitiere ich kurz aus dem Standardartikel: "Eine Frau ist auf dem Heimweg und schon fast zu Hause, als sie plötzlich wie erstarrt stehen bleibt. Sie habe vor dem Haus in der Rampersdorfer Gasse eine große Gruppe mit einem Banner und bengalischen Feuern gesehen. Sie schätze, es waren an die 70 Männer, etwa vier oder fünf von ihnen sollen auf einen einzigen schlanken, großen jungen Mann eingeprügelt haben." Zitat Ende.
Und ob das stimmt, das kann ich selber nicht beurteilen. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich immer noch unten im Keller bei den anderen. Und dort im Keller ist es dann sehr zügig wieder voller geworden. Auf einmal waren wieder alle drinnen. Die kleine metallene Eingangstür wurde wieder zugeschlagen. Und allen voran schritt Martin Sellner.
Der Chef hielt dann eine große Ansprache, denn die Lage wurde offenbar ernst. Und in dieser Ansprache wollte er allen klar machen, dass sie draußen vor der Tür von, ich zitiere, einer vermeintlich linksextremen Antifa-Person angegriffen wurden. Keiner durfte mehr das Gebäude verlassen, denn die Polizei sei mittlerweile dort und habe das Haus umstellt. Es könne also gut sein, so sagte er es, dass sie jeden Moment hineinkommt.
Aber das, kleiner Spoiler, ist an dem Abend nie passiert. Und so harrten wir weiter in diesem Keller.
Die Stimmung war deutlich angespannt, vor allem bei den neuen Teilnehmern. Also die, die auch nicht zu 100 Prozent wussten, worauf sie sich dort eingelassen hatten. Und auch bei mir.
Etwa 20 Minuten später dann ist Martin Sellner zu mir gekommen. Er hat mir zu verstehen gegeben, dass ich ihm mal folgen soll. Das habe ich dann auch getan. Wir sind in einen Nebenraum gegangen, den ich bis dato nicht bemerkt hatte. Es war eine Art Lagerraum. Dort standen jedenfalls sehr viel Zeug rum und Zettel und Demomaterialien und so weiter.
Und zu meiner großen Überraschung haben dort schon zwei Typen auf uns gewartet. Der eine hat sich sofort vor die Tür gestellt, sodass quasi niemand mehr hinein und hinauskommen konnte. Der andere, der hatte sich auf die andere Seite positioniert. Das war Jannik Wagemann, der Sprecher der Identitären und Nummer zwei hinter Sellner. Die beiden standen also vor dem Ausgang und vor mir nun eben Martin Sellner.
Er zeigte mir sofort ein Foto auf seinem Handy. Es war mein Foto, mein LinkedIn-Profil. "Wir wissen, dass du ein Journalist bist", meinte er ziemlich vorwurfsvoll. Sie gingen mein CV etwas durch, zählten ein paar Stationen und Lebensabschnitte auf. Sprich, sie übten deutlich Druck auf mich aus. Ich beantwortete jedenfalls alles mit Ja, auch wenn ich jetzt zugeben muss, die Situation, in der ich war, fühlte sich alles andere als angenehm an.
Und wenn wir schon beim Zugeben sind, ich habe den ganzen Abend über Ton mitgeschnitten. Es waren mehr als drei Stunden Material. Zur Dokumentation und zur eigenen Gedächtnisstütze für meine Recherche. Und das hatten die drei auch vermutet. Und so forderten sie mich auf, diese Tonaufnahme zu löschen. Und dem bin ich natürlich dann auch nachgekommen, was blieb mir auch anderes übrig.
Und was dann passierte, war eigentlich ganz spannend. Die Situation, die entschärfte sich sofort. Rückblickend betrachtet, tänzelten die Identitären, die drei dort im Hinterzimmer zwischen Druck auf mich ausüben und auf der anderen Seite sich nach außen irgendwie professionell zu verkaufen. Immerhin will Sellner sein Remigrationskonzept derzeit an die politische Entscheidungsträgerinnen bringen.
Ich meine, trotzdem wurde mir gesagt, dass ich den Keller nicht verlassen dürfe, solange die Polizei noch in der Nähe sei. Ihr erinnert euch wegen der Schlägerei. Und darüber hinaus bin ich unter Beobachtung von Wagemann geblieben. Circa eine Dreiviertelstunde lang blieben wir noch dort, denn sie wollten wohl vermeiden, dass ich noch einmal zu den Gästen gehe. Und diese Zeit, diese Dreiviertelstunde, überbrückten wir beide mit Smalltalk, bis die Polizei dann offenbar weg war.
Dann wurde ich durch einen Hinterausgang auf die Straße entlassen. Wagemann hat sich sogar noch von mir verabschiedet, fast so, als wäre nichts passiert. Fast so, als hätte die Veranstaltung im Café Siebenbrunn stattgefunden. Fast so, als hätten sie mich nicht noch vor zwei Minuten verhört. Ja, fast so, als hätte hier nicht noch vor zehn Minuten die Polizei gestanden, weil Identitäre sich prügelten.
Bei unserer Recherche haben wir übrigens herausgefunden, dass die Polizei regelmäßig in die Rampersdorfer Gasse gerufen wird. Man hat uns bestätigt, dass auch schon Anzeigen wegen des Verdachts auf Verstöße gegen das Verbotsgesetz und gegen das Veranstaltungsgesetz eingebracht wurden. Passiert sei aber bislang nichts. Bis vor kurzem. Denn am Donnerstag wurde der Keller von Behörden kontrolliert. Das wurde uns und dem Standard von der Magistratsdirektion bestätigt.
Es war eine Kontrolle der Immobilie, durchgeführt von der Gruppe Sofortmaßnahmen der Stadt Wien und der Wiener Polizei. Sie reagierte auf zahlreiche Beschwerden von Anrainerinnen und Anrainern und auf Hinweise, dass in Vergangenheit dort im Keller illegale Boxkämpfe organisiert wurden. Bei der Überprüfung sollen jedoch die Gitter, die vermutlich für den Boxkampf verwendet wurden, nur angelehnt gewesen sein. Das Vereinslokal sei ordentlich gemeldet, es gebe keine Umbauten.
Und an der Stelle endet jedenfalls der Abend für mich. Er hat gezeigt, wie nah die Aktion 451 der Identitären Bewegung tatsächlich steht. Die Aktion ist sozusagen das Vorfeld des rechtsextremen Vorfelds. Durch sie kommt man rein, und zwar von Unicampus und ohne es zu wissen. Und über diese Strategie und mehr spreche ich in einer Follow-up-Folge mit meiner Kollegin Christa Zöchling.
Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr unser Medium mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt, die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.

Autor:in:

Livio Koppe

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